Im Zweifel nach Deutschland - Neumann, Moritz
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Breslau nach der "Machtergreifung" der Nazis: Hans Neumann stammt aus dem klassischen deutsch-jüdischen Bildungsbürgertum, ist aber Sozialdemokrat und Reichsbannermann. Im Jahre 1936 folgt er der Warnung eines Jugendfreundes und flieht nach Prag. Dort hört er vom Bürgerkrieg in Spanien und meldet sich als Freiwilliger der Internationalen Brigaden. Hans Neumann kämpft im Thälmann-Bataillon und wird Zeuge der erbitterten ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten, Anarchisten und Sozialdemokraten. Nach Francos Sieg flieht er nach Frankreich und schließt sich der französischen…mehr

Produktbeschreibung
Breslau nach der "Machtergreifung" der Nazis: Hans Neumann stammt aus dem klassischen deutsch-jüdischen Bildungsbürgertum, ist aber Sozialdemokrat und Reichsbannermann. Im Jahre 1936 folgt er der Warnung eines Jugendfreundes und flieht nach Prag. Dort hört er vom Bürgerkrieg in Spanien und meldet sich als Freiwilliger der Internationalen Brigaden. Hans Neumann kämpft im Thälmann-Bataillon und wird Zeuge der erbitterten ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten, Anarchisten und Sozialdemokraten. Nach Francos Sieg flieht er nach Frankreich und schließt sich der französischen Fremdenlegion an. Kaum ist er mit der Fremdenlegion in Marokko stationiert, holt ihn der Antisemitismus wieder ein. Er wird aus der Legion entlassen und in ein Zwangsarbeitslager überstellt, wo er zwei Jahre Sklavenarbeit beim Bau der Transsahara-Eisenbahn verrichten muß. Erst nachdem sein Lager durch General de Gaulles Truppen befreit wird, kann er als regulärer französischer Soldat seine Feinde bekämpfen.
  • Produktdetails
  • Verlag: zu Klampen Verlag
  • Seitenzahl: 373
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm
  • Gewicht: 542g
  • ISBN-13: 9783934920576
  • ISBN-10: 3934920578
  • Artikelnr.: 13375564
Autorenporträt
Neumann, Moritz
Moritz Neumann, Jahrgang 1948, war Journalist und Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen. In »Im Zweifel nach Deutschland« (2005) schrieb er die Geschichte seines Vaters auf.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 08.02.2006

Von Helden, Nazis und der schwierigen deutschen Heimat
Die Geschichte des jüdischen Widerstandskämpfers Hans Neumann erzählt von seinem Sohn Moritz

Das Buch handelt auch von der Zerrissenheit jener, die sich inmitten der Trümmer fragen, wo und wie sie weiterleben sollen.

DARMSTADT. Moritz Neumanns Karriere als Romanautor hat in der "Besucherritze" seiner Eltern begonnen. Dort im Ehebett erhielt der kleine Junge in der Bischofsstadt Fulda Anfang der fünfziger Jahre seinen ersten Geschichtsunterricht. Es waren Erzählungen, wie sie Buben im Alter zwischen sechs und zehn Jahren lieben: von fremden Ländern, von gefährlichen Abenteuern und von Männern, die oft verzweifelt, aber dennoch standhaft für eine gerechte Sache kämpfen. Was den kleinen Moritz jedoch am meisten beeindruckte, war die Tatsache, daß der Held aller Geschichten sein eigener Vater war: Hans Neumann, ein in Breslau aufgewachsener deutscher Jude, der als Sozialdemokrat und Mitglied im "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" 1933 in den aktiven Widerstand gegen das Nazi-Regime ging. Was er in den Jahren der Diktatur und des Krieges erlebte, das, so sagt sein Sohn, "reicht locker für drei Leben".

Das Leben von Hans Neumann hat auch für ein bemerkenswertes Buch von 371 Seiten Umfang gereicht. "Im Zweifel nach Deutschland" heißt die Biographie eines Sozialdemokraten, der in halb Europa und Nordafrika am Kampf gegen den europäischen Faschismus teilnimmt und sich nach der Niederlage des nationalsozialistischen Deutschland gegen innere und äußere Widerstände entscheidet, in das "Land der Mörder" zurückzukehren. Moritz Neumann hat das Leben seines Vaters innerhalb von zwei Jahren niedergeschrieben und im vergangenen Jahr veröffentlicht. Der Hessische Rundfunk sendete davon bereits eine Hörfunk-Version, die auch als CD erschienen ist.

Neumann ist Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen und Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, er ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Darmstadt, Journalist, Sozialdemokrat, Stadtrat und 57 Jahre alt. Die Geschichten seines 1972 gestorbenen Vaters sind ihm ein halbes Jahrhundert nicht aus dem Kopf gegangen. "Ich habe sie nicht einmal, sondern als Kind immer, immer wieder gehört. Deshalb weiß ich so viele Details. Später habe ich sie selbst weiter erzählt, und da wurde mir gesagt: ,Das solltest du aufschreiben.' Irgendwann habe ich dann gedacht, gut, ich schreib's nieder, zumindest für meine drei Kinder." Der Fundus der Erinnerungen, aus denen Neumann schöpfen konnte, war groß. Denn der Vater besaß nicht nur das Talent eines hervorragenden Erzählers, er war nach den Schilderungen des Sohnes auch ein faszinierender Mensch - selbstbewußt, energisch, leidensfähig und äußerst risikobereit. Ein Draufgänger im besten Sinne des Wortes, der sein Herz auf der Zunge trug und mit einer ungeheuren inneren Kraft sich gegen den Untergang der europäischen Zivilisation stemmte.

Als eines von vier Kindern eines Breslauer Textilhändlers ist Hans Neumann der einzige "rote Buffke" in der angesehenen Familie, der sich als Mitglied des Reichsbanners mit Nazi-Schergen schlägt und deshalb nach Prag flüchten muß. Dort hört er von den Internationalen Brigaden, die in Spanien gegen die Truppen Francos kämpfen. Neumann reist 1936 nach Paris, läßt sich dort anwerben und landet kurz darauf im "Thälmann-Bataillon". Hans, der jetzt den Spitznamen "der Blitz" bekommt, wird Militärfahrer, er kämpft, bis die Situation für die Brigadisten aussichtslos wird. 1938 flieht er nach Paris und Amsterdam, wo er aber auch nicht bleiben kann, da die deutschen Truppen schon in Belgien einmarschiert sind. Zurück in der französischen Hauptstadt läßt er sich - die deutschen Truppen stehen bereits vor der Metropole - in die Fremdenlegion aufnehmen. Er ist nicht der einzige: Nach Frankreich geflüchtete Juden und einstige Spanien-Kämpfer bilden 1939/1940 das stärkste Kontingent der Kriegsfreiwilligen in der Legion.

Für Hans und seinen Freund Max Wiener führt die Flucht nach Nordafrika. Im Wüstensand werden sie militärisch bis an die Grenze des Erträglichen gedrillt, schließlich im Vichy-Frankreich als Legionäre jüdischer Herkunft diskriminiert, demobilisiert und als Zwangsarbeiter zwei Jahre lang zum Bau einer Transsahara-Eisenbahn in Französisch-Marokko gezwungen - unter unvorstellbaren Bedingungen.

Schließlich jedoch kommt es auch in der Legion zum Streit zwischen dem antisemitisch eingestellten Frankreich Pétains und der Exilregierung Charles des Gaulles, was den beiden die Möglichkeit eröffnet, Soldaten des "Freien Frankreich" zu werden. Hans und Max unterstellen sich dem Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte in Europa und Nordafrika, General Dwight D. Eisenhower. Auf Marokko, die Sahara, Tripolis und Tunis folgt der Kriegseinsatz von Korporal Neumann in Süditalien, bevor er an der französischen Küste an Land geht. Die Befreiung Paris von der deutschen Besatzung im August 1944 erleben die beiden jüdischen Freunde gemeinsam in Hyère, die Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Frankreichs Hauptstadt.

Moritz Neumann ist, um diese Odyssee realitätsnah zu erzählen, in die Rolle seines Vaters geschlüpft. Sein Buch ist ein biographischer Roman, der nicht nur Licht auf ein dunkles Kapitel französischer Kollaborationsgeschichte wirft und eine bislang wenig beachtete Facette des jüdischen Widerstandes gegen das nationalsozialistische Deutschland erzählt. Es ist auch eine ergreifend geschriebene Familiengeschichte, die ihre Ursprünge in der "Besucherritze" nicht verleugnet. "Viele Leser haben mich gefragt, wie ich so viele Dialoge schreiben konnte", sagt Neumann, der zwar erst 1948 geboren wurde, aber über den Krieg erzählt, als habe er ihn selbst erlebt. Anfangs habe er tatsächlich einen reinen Roman schreiben wollen, mit allen Freiheiten des Fabulierens. Aber nach der Fertigstellung des ersten Entwurfs habe er die Arbeit unterbrochen und begonnen, die historischen Hintergründe zu recherchieren.

Neumann stellte Dokumente zusammen, die sein Vater hinterlassen hatte. Er suchte im Internet Informationen über die Internationalen Brigaden und ließ nicht locker, bis er auch Licht in das Kapitel der "Légion Etrangère" brachte. "Das war der wirklich schwierige Teil. Die Franzosen bewahren zwar alle Militärunterlagen seit Napoleon akribisch auf. Aber ich bin in keinem Archiv fündig geworden." Erst nach einem Brief an das französische Verteidigungsministerium erhielt Neumann die Militärakte seines Vaters. Weitere Einzelheiten über die Sahara-Zwangsarbeiter erfuhr er von einem amerikanischen Historiker, der selbst zum Bau der Eisenbahn eingesetzt worden war und später darüber ein Buch geschrieben hatte. So entstand am Ende jene Verbindung aus historischen Fakten, persönlicher Erinnerung und dichterischer Freiheit, die "Im Zweifel nach Deutschland" den Charakter verleiht.

Mittlerweile hat Neumann eine Bestätigung des französischen Generalkonsuls in Frankfurt erhalten, daß die Angaben zur Fremdenlegion korrekt sind. Stellvertretend und posthum sollen ihm im Laufe des Jahres sogar zwei Orden überreicht werden, die der Vater in den Kriegswirren nicht mehr hat entgegennehmen können.

Neumanns Buch handelt aber nicht nur von Krieg und Widerstand. Er schildert auch das Schicksal seiner Großeltern, Onkeln und Tanten, die fast alle den Nazi-Terror nicht überleben, und die Nöte, den Zwiespalt und die Zerrissenheit jener, die 1945 inmitten der Trümmer sich die Frage stellen, wie und wo sie weiterleben sollten. Um sie kümmerte sich der Vater in den ersten Jahren nach dem Krieg als Sekretär der Jüdischen Gemeinde Fuldas. Dabei lernt Hans Neumann auch seine Frau kennen, eine Überlebende des Holocausts. Mit ihr beginnt er sein zweites Leben als Textilhändler in Fulda, in einer deutschen Stadt - allen Zweifeln zum Trotz.

RAINER HEIN

"Im Zweifel nach Deutschland" von Moritz Neumann ist im zu Klampen Verlag erschienen, ISBN 3-934920-57-8, Preis 24 Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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