Gesamtausgabe Abt. 1. Veröffentlichte Schriften Bd. 16 Reden und andere Zeugnisse eines Lebensweges 1910 - 1976 - Heidegger, Martin

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Der Band 16 der Martin Heidegger Gesamtausgabe vereinigt gemäß einer Festlegung Heideggers fast alle von ihm gehaltenen Reden und Ansprachen sowie andere Zeugnisse aus 66jähriger Arbeitszeit: Ankündigungen, Aufrufe, Aufsätze, amtliche Äußerungen, einige Briefe, Buchbesprechungen, Gedenkworte, einige Gedichte und Gespräche, Gratulationen, Gruß- und Dankworte, Lebensläufe, Stellungnahmen und Würdigungen. Dazu kommen bisher unveröffentlichte Äußerungen, besonders aus seiner Rektoratszeit, die dazu beitragen können, Heideggers Persönlichkeit und seinen politischen Irrtum von 1933 besser zu verstehen.…mehr

Produktbeschreibung
Der Band 16 der Martin Heidegger Gesamtausgabe vereinigt gemäß einer Festlegung Heideggers fast alle von ihm gehaltenen Reden und Ansprachen sowie andere Zeugnisse aus 66jähriger Arbeitszeit: Ankündigungen, Aufrufe, Aufsätze, amtliche Äußerungen, einige Briefe, Buchbesprechungen, Gedenkworte, einige Gedichte und Gespräche, Gratulationen, Gruß- und Dankworte, Lebensläufe, Stellungnahmen und Würdigungen. Dazu kommen bisher unveröffentlichte Äußerungen, besonders aus seiner Rektoratszeit, die dazu beitragen können, Heideggers Persönlichkeit und seinen politischen Irrtum von 1933 besser zu verstehen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Klostermann
  • 2000.
  • Erscheinungstermin: Januar 2000
  • Deutsch
  • Abmessung: 225mm x 159mm x 46mm
  • Gewicht: 1025g
  • ISBN-13: 9783465030409
  • ISBN-10: 3465030400
  • Artikelnr.: 08706048
Rezensionen
Besprechung von 24.06.2000
Keine Hoffnung auf ein kommendes Wort
Ein neuer Band der Gesamtausgabe: Martin Heidegger in der Selbstdarstellung
Das Weltfremde eines Menschen erscheint oft eher als Gabe denn als Mangel. Manchmal aber trägt es auch die Züge des Brüsken, beinahe Grausamen. Als der Philosoph Martin Heidegger 1936 für zwei Vorträge nach Rom reiste, kam es zu einem Wiedersehen mit einem Schüler der ersten Stunde. Ein Sonnentag, ein Ausflug nach Tusculum, zu Ciceros Refugium – die Heideggers und die Löwiths. Vor die jüdischen Exilanten trat der Freiburger Professor, offenbar ohne dabei irgendeine Peinlichkeit zu spüren, mit Parteiabzeichen. Zwei Jahre zuvor schrieb er, ganz freundschaftlich und vertraut im Ton, an Elisabeth Blochmann, „unsere Not” sei „die Not der Notlosigkeit”. Die Jüdin Blochmann indes war zu diesem Zeitpunkt bereits aus der „Notlosigkeit” nach England geflüchtet.
Die römische Episode ist auch in anderer Hinsicht fragwürdig. Heidegger datierte rückblickend das Ende seiner nationalen Erneuerungsträume stets auf die Niederlegung des Rektorats der Universität Freiburg (April 1933 bis April 1934). Warum dann aber das Emblem des Regimes noch Jahre später und noch dazu ohne jeden repräsentativen Anlass?
Jenes Rektorat war eine wahnwitzige Selbststilisierung des Martin Heidegger. Niemals verstand er sich als einfacher, wenn auch prominenter Parteigänger – sein Engagement war eine pathetische Mission, deren Kern es war, bei der „inneren Sammlung des Volkes maßgebend mitzuwirken”. Das ureigene autoritäre Potential verschmolz dabei mit der Ahnung, die zur Geisteswissenschaft erlahmte Philosophie könnte als Königsdisziplien wieder auferstehen und den „Aufbruch” im Grunde gestalten. Plötzlich wollte ein Denker politisch wirken, ohne jemals auch nur den Ansatz einer praktischen Philosophie entwickelt zu haben. Das wirklich Verlockende an einem Ruf auf einen Lehrstuhl nach München war denn auch nicht der wahrscheinlich größere akademische Wirkungskreis, sondern „die Möglichkeit, an Hitler heranzukommen”. Längst war der Mesnersohn in Platons Traum eingetaucht, den Führer zu führen und eine kollektive Bewandtnis zu stiften.
Heideggers hochschulpolitisches Steckenpferd zu jener Zeit hieß „Wissenschaftslager”. Darin sollte so etwas wie eine Grundstimmung für das „Künftige”, sprich die nationalsozialistische Umwälzung der Universitäten, erwachsen – Führerprinzip inklusive. Von einem solchen Kadertraining auf der eigenen Todtnauberger Hütte heißt es im Bericht: „So ein Lager ist eine große Probe – für jeden – und gefährlich. Im Anfang waren sehr große Widerstände gegen mich da – am Ende hatte ich sie alle. ”
Lauthals und konform
Der Partei war diese eigenwillige Doktrin zunehmend dubios. Die Besinnungs-Lager hatten es nicht zur Institution geschafft. Einer Delegation zu einem internationalen Philosophenkongress 1937 in Paris sollte der Weltstar aus Deutschland schon nicht mehr angehören. Zwar hatte Heidegger lauthals allzu Konformes verlauten lassen (wie etwa anlässlich des Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund) und einige liberale Köpfe in gemeiner Form und Diktion denunziert – jedoch hielt er sich zurück, offen für eine Rassenideologie einzutreten. Darin scheint er Sein und Zeit treu zu bleiben, auch wenn er das „je eigene Dasein” flink ins „deutsche Dasein” übersetzt hat: das Biologische hat in der ontologischen Frage keinen Platz. Für zwei jüdische Gelehrte, den Altphilologen Eduard Fraenkel und den Chemiker George von Hevesy, setzte sich Heidegger sogar vehement bei den Ministerialbehörden ein, als sie mit Einführung des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” ihr Lehramt verlieren sollten.
Unlängst ist doch eine ausfallende Bemerkung publik geworden, die jedoch stammt aus der Zeit vor der Machtergreifung. In einem Brief vom Oktober 1929 ist von der dringenden Wahl zwischen „echten bodenständigen Kräften und Erziehern” oder einer „wachsenden Verjudung” des deutschen Geisteslebens die Rede. Leider fehlt dieser Text in der soeben erschienenen Edition biografischer Zeugnisse Heideggers, was die Sorge um partielle Schönheitslücken nicht unbedingt lindert. Gleichwohl: Aus dem Kreis der berühmten jüdischen Schüler – von Hans Jonas bis Günther Anders und Hannah Arendt – wurde nie eine Anklage erhoben, die dem Lehrer einen echten Antisemitismus im Sinne der Nazis vorgeworfen hätte. Verletzt und resigniert mussten sie dennoch sein – über Heideggers unerbitterliches Schweigen zum Holocaust. Nie und nirgends ein Wort, eine Geste, ein Hörenwollen. Und so steht heillos der Satz im Gästebuch der Hütte, den Paul Celan vor einem gemeinsamen Gang durchs Hochmoor niederschrieb: „Ins Hüttenbuch, mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen. ”
Man spürt etwas Unheimliches
Nach 1945 lamentiert Heidegger über seine „Beseitigung” und meint nur vordergründig die zeitweilige Aberkennung der Lehrerlaubnis. Mit Nietzsche, in den dreißiger Jahren zum Wahlverwandten geworden, teilt er das Wissen um die eigene Unzeitgemäßheit und folglich auch das Pathos der Distanz. „Man spürt in meinem Denken etwas Unbequemes, vielleicht sogar Unheimliches, was man weg haben möchte” – das „Kirchenregiment” und die Partei waren die Feinde im eigenen Land, vor den „Russen” und der „anglo-amerikanischen Technokratie” ganz zu schweigen. Die Konzession eines politischen Irrtums bleibt auch in der steten Wiederholung ambivalent. Will man Heidegger politisch verorten, sagt Ernst Nolte in einer intelligenten Apologie, so müsste man ihn als „temporären Nationalsozialisten und als permanenten Antimarxisten, Antikommunisten und ,Abendländer‘ bezeichnen. Keine Zweifel bei Heidegger, dass auch die Demokratie als Fluchtpunkt ausfallen muss, weil sie eben bloßes Symptom eines planetarischen Willens zur Macht in Form des Gestells ist: „In dieser Wirklichkeit steht heute Alles, mag es Kommunismus heißen oder Faschismus oder Weltdemokratie. ” Kann die Rede vom „Irrtum” noch anderes besagen als die Verwechslung des historischen Nationalsozialismus mit dem geschichtlich notwendigen?
Den Band Reden und andere Zeugnisse eines Lebensweges konzipierte Martin Heidegger noch letzter Hand selbst. Herausgekommen ist das bislang umfangreichste Einzelstück der Gesamtausgabe, Zeugnisse aus beinahe siebzig Jahren umspannend. Reden, Ansprachen, Aufrufe, Offiziöses, Briefe, Gedichte, Privates – insgesamt 290 Dokumente, teils schon veröffentlicht (darunter die Rektoratsrede und das Spiegel-Interview) oder in Forschungsarbeiten zitiert, das Meiste aber Novität für die Öffentlichkeit. Aus ihnen wird vielleicht erstmals deutlich, wie die Verstrickung in die braune Bewegung den Philosophen zeitlebens verfolgt hat. Dieser Band ist aber nicht bloß das monumentale Protokoll einer Blendung. Gerade für die Annäherung an die Denk- und Wortwelt des späten Heidegger erweist er sich als außerordentlich fruchtbar: Einige dieser Miszellen führen – mehr Schleichwege als Holzwege – fast beiläufig in das Innere seiner Fragen. „Verwindung der Metaphysik” heißt hier nur noch „herzhaftes Denken”, aus dem „Seins-Geschick” wird die „Offenheit für das Geheimnis”. All den Lörracher und Meßkircher Heimatabenden sei Dank.
In seinen Memoiren versucht Karl Löwith für das Phänomen Heidegger eine Sprache zu finden. Die ist frei von Bitternis und gerecht geraten, weil sie um einen tiefen Widerstreit weiß, welcher die Person durchzieht. Beschämend für den Meister, denn Weisheit ist ganz die Sache des Jüngeren: „Existenziell wie Kierkegaard, mit dem Systemwillen eines Hegel, so dialektisch in der Methode wie einschichtig im Gehalt, apodiktisch behauptend aus dem Geiste der Verneinung, verschwiegen gegen andere und doch neugierig wie wenige, radikal im Letzten und zu Kompromissen geneigt in allem Vorletzten – so zwiespältig wirkte der Mann auf seine Schüler, die von ihm dennoch gefesselt blieben, weil er an Intensität des philosophischen Wollens alle anderen Universitätsphilosophen weit überragte. ”
MARTIN SCHERER
MARTIN HEIDEGGER: Gesamtausgabe. Band 16. Reden und andere Zeugnisse eines Lebensweges. Hrsg. Hermann Heidegger. Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt 2000. 842 Seiten, broschiert 148 Mark, gebunden 168 Mark.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Ausführlich geht Andreas Platthaus zunächst auf einige Perspektiven ein, die sich ihm in diesem Band eröffnet haben, vor allem auf Heideggers Reden über sein Lieblingsprojekt von 1934, die "Dozentenschule". Diesen Versuch der Kreation eines "Fachschaftslagers" für seine, Heideggers Studenten als "Arbeits-, Wehr- und Wissensdienst" an der Gemeinschaft führt er zusammen mit der Rektoratsrede von 1933 und anderen Funden aus diesem Band als Indiz für den Heidegger, über den "seit Jahrzehnten so viel geredet wird". Der Band 16 der Gesamtausgabe wurde - wie Band 13 - noch von Heidegger selbst zusammengestellt, schreibt Andreas Platthaus, und beide Bände enthalten als einzige der Gesamtausgabe jeweils "den vollständigen Zeitraum des philosophischen Denkens" vom Philosophen der "Bodenständigkeit". "Erfreulich" zu lesen sind die vielen Reden, Briefe und Notizen aus der NS-Zeit nicht, meint Platthaus, aber als konsequente Dokumentation eines "Irrwegs" zu achten.

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