Genozid - Barth, Boris
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Genozid gilt als das "Verbrechen aller Verbrechen". Boris Barth stellt in diesem Buch kritisch dar, was unter Völkermord zu verstehen ist und was ihn von Massakern, "ethnischen Säuberungen", Verfolgung politischer Gegner und anderen Formen staatlicher Massengewalt unterscheidet. Diese Fragen werden an konkreten historischen Fällen von Völkermord veranschaulicht: an der Ermordung der europäischen Juden im Nationalsozialismus, am Völkermord an den Armeniern und an den Vorgängen in Ruanda 1994. Auch werden Fälle untersucht, in denen Genozidverdacht besteht: der deutsche Vernichtungskrieg gegen…mehr

Produktbeschreibung
Genozid gilt als das "Verbrechen aller Verbrechen". Boris Barth stellt in diesem Buch kritisch dar, was unter Völkermord zu verstehen ist und was ihn von Massakern, "ethnischen Säuberungen", Verfolgung politischer Gegner und anderen Formen staatlicher Massengewalt unterscheidet. Diese Fragen werden an konkreten historischen Fällen von Völkermord veranschaulicht: an der Ermordung der europäischen Juden im Nationalsozialismus, am Völkermord an den Armeniern und an den Vorgängen in Ruanda 1994. Auch werden Fälle untersucht, in denen Genozidverdacht besteht: der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Herero, die stalinistischen Verbrechen und das Regime der Roten Khmer. Abschließend werden Frühwarnsignale erörtert, durch die Völkermord möglicherweise bereits im Ansatz erkannt und verhindert werden kann.
  • Produktdetails
  • Beck'sche Reihe Bd.1672
  • Verlag: Beck
  • Seitenzahl: 271
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 271 S. 190 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 126mm x 20mm
  • Gewicht: 264g
  • ISBN-13: 9783406528651
  • ISBN-10: 3406528651
  • Artikelnr.: 20746899
Autorenporträt
Boris Barth lehrt als apl. Professor für Geschichte an der Universität Konstanz.
Rezensionen
Besprechung von 29.05.2006
Opfer der Hasspropaganda
Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert des Völkermords
Keine Frage, es ist verdienstvoll, wenn der Konstanzer Historiker Boris Barth ein Buch über Völkermord, das „Verbrechen aller Verbrechen”, verfasst. Die Analyse der Ursachen und Mechanismen, denen Millionen Armenier, Juden und Tutsi zum Opfer fielen, ist unerlässlich, um in Zukunft bereits erste Anzeichen für einen bevorstehenden Genozid zu erkennen. Die noch junge vergleichende Genozidforschung will nämlich ein politisches Frühwarnsystem entwickeln, damit die internationale Gemeinschaft rechtzeitig eingreifen kann.
Der Völkermord in Ruanda machte deutlich, dass „so etwas” auch nach dem Holocaust mitten im CNN-Zeitalter passieren kann. 1994 massakrierten aufgestachelte Hutu-Milizen drei Monate lang nach vorbereiteten Listen Menschen mit Tutsi-Stempel im Ausweis. Brave Familienväter und Frauen metzelten ihre Nachbarn nieder. Zwar hatte die Uno nach dem Völkermord an den europäischen Juden 1948 die Genozidkonvention verabschiedet, nach der die internationale Gemeinschaft intervenieren darf, wenn die Machthaber eines Landes „eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe (. . .) ganz oder teilweise (. . .) zerstören”. Aber in Ruanda griffen internationale Soldaten zu spät, zu zögerlich und mit falschen Strategien ein. Immerhin war mit der Genozidkonvention rechtliches Neuland eröffnet, denn bis dahin konnten Machthaber innerhalb ihrer Landesgrenzen ungehindert und ungesühnt Gräueltaten gegen nicht genehme Bevölkerungsgruppen verüben.
Auf Basis der Konvention untersucht Barth die großen Vernichtungsaktionen an Bevölkerungsgruppen im 20. Jahrhundert. Zuvor seien zwar auch „häufig Völker ausgerottet worden, aber in keinem Fall ist eine unbedingte, gezielte und ideologische Vernichtungsabsicht nachweisbar”. Eine unbedingte Ausrottungsabsicht war Barth zufolge bei den weißen Eroberern nicht auszumachen, als sie die indigenen Völker in Amerika und Australien niedermetzelten oder mit tödlichen Krankheiten infizierten. Kein Völkermord also. Bereits an dieser Stelle beschleicht einen der ungute Eindruck, dass der Historiker womöglich dem Buchstaben, aber nicht dem Geist der Genozidkonvention folgt.
Bei den wissenschaftlich unstrittigen Völkermorden an Armeniern, Juden und Tutsi destilliert Barth gemeinsame Motive, Methoden und Mechanismen heraus und benennt Warnsignale für einen Genozid. Zentral gelenkte Hasspropaganda gegen eine Bevölkerungsgruppe ist ein wichtiges Indiz ebenso wie die gnadenlose Hierarchisierung einer Gesellschaft: „Rassismus ist eine notwendige Voraussetzung für Genozid.” Nicht jede Diktatur ist nach Barth anfällig für Völkermord, aber die Demokratie stelle eine besonders wirksame Vorbeugung dar.
Sorgfältig wertet Barth vorhandene Untersuchungen aus. Er verlässt allerdings nur ausnahmsweise den deutschen und englischen Sprachraum. Diese Beschränkung ist in der Genozidforschung nicht zu vertreten, denn maßgebliche Beiträge wurden auf Französisch und auch auf Italienisch veröffentlicht. Immerhin legt der Konstanzer Historiker manchmal Denkschablonen beiseite: „Das NS-Regime hat drei Gruppen von Menschen systematisch ermordet: Behinderte, Juden und Zigeuner.” Er folgt damit dem 1998 verabschiedeten Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofes, wonach Völkermord an jeder identifizierbaren Gruppe möglich ist.
Diese erweiterte und der Realität des Mordens angemessenere Definition von Genozid reflektiert Barth erst auf den letzten Seiten. Davor betreibt er mitunter beklemmende Abgrenzungshuberei, wenn er etwa ausführt, dass der Mord an den Herero in Deutsch-Südwestafrika kein Völkermord gewesen sei. General von Trotha habe zwar einen Vernichtungsbefehl erteilt, aber „Trothas Vorgehen stieß in Berlin auf politischen Widerstand”. Der wurde allerdings erst wirksam, nachdem große Teile der Herero-Bevölkerung bereits tot waren. Und er verhinderte auch nicht, dass von den überlebenden Herero (und Nama) viele in Konzentrationslagern starben.
Systematischer Lebensmittelentzug, der Millionen bei der Zwangskollektivierung hinderlichen Landbewohnern in der Ukraine unter Stalin das Leben kostete, will Barth ebenso wenig als Genozid anerkennen wie die Ermordung einer halben Million indonesischer KP-Mitglieder: „Genozid läge nur dann vor, wenn gezeigt werden könnte, dass die Kommunisten getötet wurden, weil sie Chinesen waren.” Demgegenüber macht die internationale Gemeinschaft Genozid glücklicherweise immer seltener an übereinstimmender Hautfarbe und Augenform der Opfer fest.
GABY MAYR
BORIS BARTH: Genozid. Völkermord im 20. Jahrhundert - Geschichte, Theorien, Kontroversen. Verlag C.H.Beck, München 2006. 271 Seiten, 14,90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Ein "kluges" und äußert hilfreiches Buch zur Begriffsklärung beim Thema Völkermord, meint Rezensent Wolfgang Kruse. Boris Barth befrage die historischen Massenmorde und Völkermorde zwar nach einem sehr eng gefassten Definitionsschema, aber ein solch eng gefasster Genozid-Begriff habe den Vorteil "begrifflicher Klarheit". Auf der anderen Seite, so der Rezensent, befreie eine solche Definition Stalins Massenmorde oder die "killing fields" der Roten Khmer vom Genozid-Vorwurf. Der Autor nehme den Holocaust zum Bezugspunkt für seine Definition, wonach erst der "umfassende Vernichtungswille", nicht aber gewalttätige Vertreibung das entscheidende Kriterium sei. Eindeutig in diesem Sinne seien für den Autor die Morde an den Armeniern 1915 und der Tutsi 1994 in Ruanda. Der Rezensent hebt hervor, dass es dem Autor nicht um eine moralische Relativierung geht, sondern allein um begriffliche Abgrenzung. Auch lasse er in seinen informativen Einführungen zu den historischen Beispielen alle "Deutungsmöglichkeiten" zu Wort kommen und verbinde seine eigene Interpretation "souverän" mit den fachwissenschaftlichen Diskussionen. So habe der Leser stets ein "hohes Maß an autonomer Urteilsmöglichkeit".

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