Der verlorene Himmel - Großbölting, Thomas
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In vielen Teilen der Welt war und ist das soziale Leben von religiösen Vorstellungen durchtränkt. In Westeuropa wie auch in Deutschland verhält es sich nicht mehr so: Seit Ende des Zweiten Weltkriegs erleben wir einen beispiellosen Traditionsbruch innerhalb der christlichen Konfessionen. Während die unmittelbare Nachkriegszeit noch von der Idee einer umfassenden Rechristianisierung geprägt war, hat sich diese Vorstellung wenige Jahrzehnte später verflüchtigt. Die individuelle Frömmigkeitspraxis schwindet, die Gotteshäuser werden leerer. Hinzu kommt, dass sich auch die christlichen Kirchen…mehr

Produktbeschreibung
In vielen Teilen der Welt war und ist das soziale Leben von religiösen Vorstellungen durchtränkt. In Westeuropa wie auch in Deutschland verhält es sich nicht mehr so: Seit Ende des Zweiten Weltkriegs erleben wir einen beispiellosen Traditionsbruch innerhalb der christlichen Konfessionen. Während die unmittelbare Nachkriegszeit noch von der Idee einer umfassenden Rechristianisierung geprägt war, hat sich diese Vorstellung wenige Jahrzehnte später verflüchtigt. Die individuelle Frömmigkeitspraxis schwindet, die Gotteshäuser werden leerer. Hinzu kommt, dass sich auch die christlichen Kirchen selbst in dieser Transformation umfassend gewandelt haben: Der strafende Gott hat sich allmählich zum liebenden Vater entwickelt, die Christenlehre zum Religions- und Ethikunterricht. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die Kirchen selbst, sondern verändert auch die politische Kultur insgesamt: Idealbilder und Praxis von Kernbereichen des gesellschaftlichen Lebens wie Familie, Sexualität, Bildung, aber auch politische Entwürfe sind immer weniger christlich geprägt, so dass der gesellschaftliche und politische Einfluss der Kirchen abnimmt. Dennoch aber ist die Vorstellung vom Verschwinden der Religion nicht haltbar. Ein populärreligiöser Markt boomt, spirituelle Ratgeber werden als Lebenshelfer konsultiert, Religionsvertreter als Berater in Fragen der letzten Dinge um ihre Meinung gebeten. Wie lassen sich die verschiedenen Ebenen dieses Wandels erklären? Welche Konsequenzen zeitigt er für die religiösen Gemeinschaften, vor allem aber für unser Gemeinwesen insgesamt? Und: In welche Richtung wird sich das religiöse Feld zukünftig entwickeln? Diese Fragen beantwortet Thomas Großbölting in seiner Geschichte des Christentums in Deutschland von 1945 bis heute.
  • Produktdetails
  • Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
  • Seitenzahl: 320
  • Erscheinungstermin: Februar 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 226mm x 146mm x 27mm
  • Gewicht: 575g
  • ISBN-13: 9783525300404
  • ISBN-10: 3525300409
  • Artikelnr.: 35987700
Autorenporträt
Großbölting, Thomas
Dr. Thomas Großbölting ist Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster sowie Projektleiter im Exzellenzcluster »Religion und Politik«.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Licht in diffuse Glaubensverhältnisse bringt diese Studie des Zeithistorikers Thomas Großbölting laut Friedrich Wilhelm Graf gleich in mehrfacher Hinsicht. Graf sieht die konfessionellen Gegensätze in der frühen Bundesrepublik, namentlich die zwischen Katholiken und Protestanten, souverän nachgezeichnet. Aber auch jüdische, muslimische, buddhistische und esoterische Glaubensrichtungen und den gelebten Glauben "einfacher Leute" nimmt der Autor in den Blick, schreibt Graf anerkennend. Dass sich der Autor am besten im katholischen Milieu auskennt, merkt er allerdings auch schnell. Besonders gelungen findet Graf die Darstellung der 60er Jahre, die ihn durch eine außergewöhnliche Differenzierung der damals herrschenden Gemengelage überzeugt, sowie der 80er Jahre, bei der dem Autor eine prägnante Erkundung der "Kirchenkrise" gelingt, wie Graf erklärt.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 28.05.2013
Der Konfessionslose, das unbekannte Wesen
Das Christentum als ein Anbieter unter vielen: Thomas Großbölting kennt die jüngere Geschichte des Glaubens in Deutschland - und weiß, wo nicht gehandelt wird

Ein christliches Deutschland gibt es nicht mehr, die Zahl der religionspolitischen Konflikte wächst", so beschreibt der Zeithistoriker Thomas Großbölting in seiner Studie "Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945" die religiöse Lage im Land. Ziel dieser Studie ist es, nicht nur die beiden großen christlichen Kirchen, sondern alle Formen von Religiosität in den Blick zu nehmen, wobei als wesentliches Merkmal von Religion der Bezug von Immanenz und Transzendenz zugrundegelegt wird.

Das schließt pseudoreligiöse Anhängerschaften an Popgruppen und Fußballvereine aus, nicht aber alle möglichen Formen von therapeutischer und Patchwork-Religiosität. Dabei analysiert Großbölting die praktizierte Religiosität auf der individuellen Ebene, das Verhältnis von Religion und Gesellschaft sowie den innerkirchlichen Wandel im Blick auf Kirchentage, Weltjugendtage und die jeweiligen theologischen Entwicklungen.

Der Himmel als Metapher für den christlich geprägten Transzendenzbezug begann spätestens in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verlorenzugehen. Die Zahl der Konfessionslosen wuchs, die Bindung an traditionelle Organisationsformen nahm dramatisch ab. Religiöses Anderssein oder gar Abstinenz waren kein Ausnahmefall mehr, sondern wurden als Möglichkeit persönlicher Lebensgestaltung erkennbar, so die Zeitdiagnose in Kurzform.

Der Forscher des Exzellenzclusters "Religion und Politik" der Universität Münster, dessen Studium der katholischen Theologie sich in einer deutlich größeren Vertrautheit mit Vorgängen der katholischen Kirche und Theologie auswirkt, wirft den Kirchen vor, religionspolitisch noch in den fünfziger Jahren zu verharren. Politik und Kirchen unterschätzten den Handlungsbedarf notorisch und nähmen Veränderungen erst wahr, wenn sie als Probleme aufträten, so etwa bei der Abweisung einer vergewaltigten Frau in zwei katholischen Kliniken oder beim Streikrecht für kirchlich Bedienstete.

Ihre Präsenz in Rundfunkräten, die theologischen Fakultäten an staatlichen Universitäten, der Religionsunterricht, die Militärseelsorge und das staatliche Kirchensteuereinzugssystem, die Relikte der Weimarer Verfassung haben dazu geführt, dass die Kirchen in seinen Augen bis heute keine aktive Religionspolitik betreiben. Das System der hinkenden Trennung von Kirche und Staat, das in der Nachkriegszeit entstand, werde von den Kirchen mit Selbstgenügsamkeit hingenommen, obwohl es gegenwärtig immer stärker hinterfragt werde.

Schon 1951 hatte der von Großbölting zitierte Göttinger Staatsrechtler Rudolf Smend festgestellt, dass den Kirchen Freiheitsrechte gewährt worden seien, ohne ihre "gleichzeitige grundsätzliche Begrenzung durch die staatliche Souveränität" zu definieren. Die von Smend geforderte Diskussion um den aus der Weimarer Verfassung übernommenen Artikel 140 des Grundgesetzes blieb jedoch aus.

Um in der gesellschaftlichen Selbstverständigungsdebatte produktiv mitmischen zu können, müssten die Religionsgemeinschaften ihrerseits der Versuchung widerstehen, in eine fundamentalistische Selbstbeschränkung abzugleiten. Stattdessen sollten sie auf Offenheit und Dialogfähigkeit der Gesellschaft und anderen Religionen gegenüber setzen. In Anbetracht der Gettoisierungs-Tendenzen in beiden Kirchen ist das eine berechtigte Forderung.

Während einige der Funktionseliten nach 1945 noch auf eine Rechristianisierung setzten und die Kirchen die Lebenspraxis in Familie, Sexualität, Bildung, aber auch Politik vorgaben, haben beide große Kirchen inzwischen einen erheblichen Bedeutungsverlust erfahren. Auch wenn kirchliches Leben heute gesellschaftlich integriert, gut organisiert und manchmal auch politisch einflussreich sei, wirkten sie als religiöse Anbieter weniger attraktiv denn je: "Das Christentum ist zu einem Anbieter unter vielen für Sinnstiftung und Sonntagsgestaltung geworden."

Während er die protestantische Kirche für potentiell pluralitätsfähiger hält, heißt es über die katholische Kirche, sie halte "weiterhin an einem historisch überkommenen Geschlossenheitsprinzip fest, das ihren Mitgliedern Freiheitsrechte verweigert". Im Jahre 2010 bezeichneten sich schon 37,2 Prozent (das sind etwa 30 Millionen der 81,8 Millionen Einwohner Deutschlands) als konfessionsfrei, was nicht heißt, dass sie areligiös wären. Ganz im Gegenteil: Großbölting teilt die These des Systematikers Friedrich Wilhelm Graf von einer Wiederkehr der Religion.

Er sieht eine stärkere Hinwendung zu religiösen Phänomenen in den Medien, in Fernsehserien über Pfarrer oder Nonnen ist das Christentum dort auch am ehesten präsent, er beschreibt die neue Sichtbarkeit des Islam und nimmt auch die Transformation der jüdischen Gemeinden durch osteuropäische Einwanderer in den Blick. Heute sei nicht mehr das Judentum die religiöse Minderheit, an der sich die Mehrheitsgesellschaft abarbeite, sondern der Islam.

Zu den gelungensten Kapiteln der materialreichen Studie gehört die Darstellung der unmittelbaren Nachkriegszeit mit all ihren Illusionen, die alle Umbrüche der sechziger Jahre schon in sich trug, aber auch die Beschreibung der ostdeutschen Kirchen. Enttäuschend dagegen bleibt die Analyse der Konfessionslosigkeit. Großbölting will sich mit den gängigen Erklärungen nicht zufriedengeben. Die Säkularisierungsthese allein genügt ihm nicht, um die fortschreitende Entkirchlichung zu beschreiben. Zu Recht beklagt er, dass die Konfessionslosen in allen gängigen religionssoziologischen Studien immer im Modus der Devianz beschrieben werden und nur in den seltensten Fällen zum politischen Thema gemacht werden, doch leider klärt auch dieses Buch nicht wesentlich über das unergründliche Wesen des Konfessionslosen auf.

Fragwürdig ist auch, dass moderne Religiosität als individualisiert und nicht auf die Vermittlung durch Priester oder andere Instanzen angewiesen charakterisiert wird. Der direkte Zugang zum Glauben ohne die Heil vermittelnde Zwischeninstanz der Kirche oder des Priestertums gehört zu den zentralen Errungenschaften der Reformation, das ist keine Entwicklung des zwanzigsten Jahrhunderts, auch die Wendung nach innen nicht, die leitend für den Pietismus war.

Seltsam unentschieden bleiben auch die Zukunftsvisionen für die großen Kirchen. "Die besondere Mischung von Auszehrung und Fragmentierung im Innern und der breite Schwund von gesellschaftlicher Verankerung lassen keine gute Zukunftsprognose für die volkskirchlichen Strukturen zu", schreibt Thomas Großbölting einerseits, glaubt aber dennoch, dass die Religionsgemeinschaften einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft leisten könnten, wenn sie nicht in die Selbstabschottungsfalle geraten.

HEIKE SCHMOLL

Thomas Großbölting: "Der verlorene Himmel". Glaube in Deutschland seit 1945.

Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013. 320 S., Abb., geb., 29,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 29.05.2013
Nenn’s Glück, Herz, Liebe, Gott
In der ersten umfassenden Religionsgeschichte Deutschlands nach 1945 wirft Thomas Großbölting ein erhellendes Licht auch auf diffuse Verhältnisse
Vor knapp sechzig Jahren, im Juni 1953, kommt es im unterfränkischen Ochsenfurt zu einem vielsagenden Religionskonflikt. Die größte Zuckerfabrik des Landes soll auch mit kirchlichem Segen eingeweiht werden. Katholiken und Protestanten halten zunächst in je eigenen Kirchen getrennt Gottesdienst. Als der Würzburger katholische Bischof Julius Döpfner und der evangelisch-lutherische Kreisdekan Wilhelm Schwinn die neue Fabrik dann gemeinsam einweihen sollen, erklärt Döpfner, keine Weihehandlung vornehmen zu können, wenn auch der evangelische Geistliche im Talar, seiner Amtstracht also, auftrete. Der Kreisdekan sagt daraufhin seine Teilnahme entrüstet ab und verlässt den Ort. Die Gnostädter Reitereskorte, die ihn von der Kirche zur Fabrik begleiten sollte, kann nur mit großer Mühe und polizeilichem Druck von einem Tumult abgehalten werden. Döpfners Einzug wird durch lautstarke Protestrufe gestört. Ein evangelischer CSU-Bundestagsabgeordneter kündigt erregt Konsequenzen für den Bischof an.
  Der in der Presse heftig und lange diskutierte Vorfall lässt die starken konfessionellen Gegensätze erkennen, die öffentliches Leben und Politik in der frühen Bundesrepublik tief prägten. Er zeigt freilich auch, wie sehr sich die religionskulturellen Verhältnisse im Lande gewandelt haben. Kein neues Feuerwehrhaus in irgendeinem fränkischen Ort, das in den letzten Jahren nicht in ökumenischem Ritualkonsens seinen Segen erhalten hätte. Bisweilen stiehlt die junge protestantische Pfarrerin dann dem sehr viel älteren katholischen Kollegen die Glaubensshow.
  Thomas Großbölting, ein jüngerer Zeithistoriker aus Münster, hat es gewagt, die erste umfassende Religionsgeschichte Deutschlands seit 1945 zu schreiben. Neben den vielen Akteuren der religiösen Mehrheitsgesellschaft, also den Protestanten und Katholiken, treten auch selbstbewusste Juden und um ihre Anerkennung kämpfende Muslime auf. Großbölting zeigt den starken Gestaltwandel der deutschen Religionskultur zudem an den neuen Propheten alternativer Religion, den Buddhismusimporteuren, Esoterikern, New-Age-Gläubigen und Bachblütentee-Zelebranten. Neben den Vertretern religiöser Organisationen, etwa den Bischöfen und kirchlich engagierten Politikern, kommen auch die vielen „einfachen Leute“ mit ihrem gelebten Glauben in den Blick.
  Die katholischen Milieus und ihre Diskurse kennt Großbölting ungleich besser als protestantische Lebenswelten. Auch unterschätzt er die Prägekraft mancher Debatten in der akademischen Theologie für die Kirchenpolitik und das Selbstverständnis kirchlicher Funktionseliten. Doch überzeugt Großböltings Entwurf durch kluge methodische Entscheidungen, trennscharfe Begriffe und souveräne Kenntnis der Debattenlage. Die für alle Religionsgeschichtsschreibung entscheidende Frage, was denn „Religion“ überhaupt sei und wie sich von anderen kulturellen Phänomenen und dem politischen Feld abgrenzen lasse, beantwortet der Autor elegant und überzeugend: Er nimmt als Religion ernst, was fromme Leute zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort jeweils darunter verstanden haben. Die ubiquitäre Entleerung des Religionsbegriffs von der „ganzheitlichen“ Wellness-Massage bis hin zum Kult des „Fußballgotts“ auf Schalke wird so geschickt vermieden.
  Die Religionsgeschichten der Moderne wurden gern als Verfallsgeschichten geschrieben. Früher, in guten alten Zeiten, waren die Menschen gottesfürchtig und gingen am Sonntag in die Kirche. Jetzt aber, in der Moderne, sind sie gottfern, säkularisiert, nur auf Geld, Konsum und Lebensgenuss aus. Großbölting durchbricht solche unhistorisch naiven Deutungsmuster, indem er religiöse Akteure nicht einfach als Opfer irgendwelcher gesamtgesellschaftlicher Mega-Trends wie Modernisierung, Säkularisierung, Verwissenschaftlichung etc. sieht, sondern ihren eigenen hohen Anteil am Gestaltwandel der Gesellschaft und speziell der Sozialformen von Religion betont.
  Gerade für die religionskulturell überaus folgenreiche „Lebensstilrevolution“ der „langen 1960er Jahre“ kann er zeigen, wie sich in den Kirchen selbst ein ganz neuer „religiöser Code“ durchsetzte: Predigten in den 1950er Jahren zumeist autoritäre Kleriker über „Heil und Himmel, Hölle und Verdammnis“, so wird auf den Kanzeln nun gern von „Liebe“, „Verletzung“ und anschließender „Heilung“ geredet. Nicht mehr das treu seinem „Hirten“ ergebene, dem verbindlichen Dogma des Lehramts folgende „Schaf“ wird zum Adressaten der katholischen Pastoral, sondern „der Suchende“, der sich aus unterschiedlichen religiösen Traditionen sein ganz eigenes Gottesbild zusammenbastelt. Viele vormals sehr enge Bande zwischen den Kirchen und der Gesellschaft wurden nun gekappt. Zu den großen Vorzügen von Großböltings Sicht auf die 1960er Jahre gehört die Bereitschaft, statt der üblichen Schwarz-Weiß-Bilder vom dramatisch schnellen Traditionsbruch viele Grau-in-Grau-Schattierungen von widersprüchlicher Ambivalenz und Vieldeutigkeit nachzuzeichnen. Dabei zitiert er einen autobiographischen Text Herbert Riehl-Heyses, des großen Redakteurs dieser Zeitung, über seine katholische Jugend im wichtigsten bayerischen Wallfahrtsort: „In Altötting haben wir bei der Lichterprozession ,Maria zu lieben’ gesungen; und dann haben wir im Cafe R. bis spät in die Nacht hinein den Musikautomaten mit dem Wunsch nach dem immer selben Song gefüttert, damit Mr. Frank Sinatra der Kellnerin Rosi klarmachte, daß die Lady ein Tramp sei. Wenn uns endlich der amtierende Liebhaber der Kellnerin Rosi gewaltsam hinausgeworfen hat, nannten wir ihn eine blöde Sau und gingen vielleicht dafür zum Beichten. Es hat alles prima zusammengepaßt.“ Auch der oberbayerische Katholik ist eben aus krummem Holz geschnitzt.
  Die führenden Funktionäre der christlichen Kirchen in Westdeutschland, stark unterstützt von den drei westlichen Besatzungsmächten, entwickelten nach dem Ende des Krieges vielfältige Phantasien einer umfassenden Rechristianisierung der deutschen Gesellschaft. Als „Siegerin in Trümmern“ sicherte sich „die Kirche“ erheblichen Einfluss in allen möglichen gesellschaftlichen Institutionen, etwa in den Rundfunkräten, und beide Volkskirchen suchten ihre Vorstellungen guten Lebens auch mithilfe des Gesetzgebers durchzusetzen. Ihre Klerikalmacht nutzten sie im deutschen Sozialstaatskorporatismus nicht zuletzt dazu, durch intensiven Lobbyismus für Caritas und Diakonie vielfältige Privilegien gesetzlich festzuschreiben. Zwar blieb ihr Einfluss auf die Ausgestaltung der Institutionenordnung des „rheinischen Kapitalismus“ sehr viel geringer, als sie sich in ihren Interndebatten über den Einfluss der „katholischen Soziallehre“ und des lutherischen Gemeinwohlethos auf die soziale Marktwirtschaft selbst einredeten. Doch gewannen sie großen Einfluss in Bildungsdebatten und im Moraldiskurs über Ehe, Familie und Sexualität. Allerdings wurden schon in der Adenauer-Zeit Bruchlinien deutlich. Die meisten Westdeutschen blieben zwar in der Kirche, entwickelten aber ihre je eigenen „Privatchristentümer“, die auch deutlich bekundete Distanz zur kirchlichen Institution einschlossen.
  Besonders spannend ist das dritte große Kapitel über die Brüche und Veränderungen im religiösen Feld von den frühen 1980er Jahren bis heute. Hier setzt sich Großbölting implizit mit der von Callum Brown am Beispiel Großbritanniens vertretenen These auseinander, dass man für diverse europäische Gesellschaften inzwischen vom „Tod des Christentums“ reden müsse. In der Tat lassen sich vielfältige Indizien weiter fortschreitender und sich wohl beschleunigender Entkirchlichung finden. Inzwischen treten mehr Katholiken als Protestanten aus ihrer Kirche aus, und die Zahl der „Konfessionsfreien“ nimmt kontinuierlich zu. Diese mit prägnanten sozialstatistischen Daten belegte „Kirchenkrise“ bedeutet aber kein generelles Ende des europäischen Christentums. Ans Ende gelangt sei nur eine bestimmte, kontingente Sozialform des Religiösen, in der gelebter Glaube und Kirchlichkeit in historisch außergewöhnlich hohem Maße weithin identisch waren. Seit den 1970er Jahre lasse sich demgegenüber eine vielfältige Individualisierung religiösen Sinnglaubens beobachten. Die Pluralisierung des religiösen Feldes durch osteuropäische Juden und muslimische Einwanderer habe aber auch ein neues Kulturchristentum gestärkt, nicht ohne islamophobe Begleittöne.
  Nach wie vor sind die beiden großen christlichen Kirchen die wichtigsten Organisationen religiöser Lebensdeutung in Deutschland. Aber sie sind in der hohen Vielfalt der in ihnen zu findenden religiösen Strömungen und politischen Positionen äußerst plurale Organisationen geworden, deren „Konsensfassaden“ zunehmend bröckeln. Da liegt die Gefahr nahe, sich den christlichen Konsens, den man nicht mehr durch dogmatische Lehre oder tradierten Ritus definieren kann, durch ausgrenzende Negation anderer zu beschaffen. In keiner anderen europäischen Gesellschaft denken die Menschen so schlecht über den Islam und die Muslime wie in Deutschland: Mehr als jeder zweite Deutsche gibt an, eine negative Einstellung zu den Muslimen zu haben. Nach Großbölting tragen dafür auch die Kirchen im Lande Verantwortung. Ein Imam hat noch kein fränkisches Feuerwehrauto mitweihen dürfen. Aber er sollte es auch gar nicht tun wollen. Jedenfalls lehrten die Reformatoren einst, dass man Menschen segnen, aber nicht Objekte weihen soll. Zur ökumenischen Diffusität der unübersichtlich gewordenen religiösen Verhältnisse gehört es, dass dies in Bayern selbst lutherische Regionalbischöfe und -bischöfinnen nicht mehr wissen. Desto besser ist es, dass Thomas Großbölting auch auf diffuse Glaubensverhältnisse ein erhellendes Licht wirft.
FRIEDRICH WILHELM GRAF
Die Kirche war die
„Siegerin in Trümmern“ und
gewann erheblichen Einfluss
Die Versuchung liegt nahe, sich
den christlichen Konsens durch
Ausgrenzung zu verschaffen
Die meisten Westdeutschen blieben zwar in der Kirche, entwickelten aber ihre je eigenen „Privatchristentümer“ – Im Kölner Dom, am frühen Morgen.
FOTO: REGINA SCHMEKEN
  
  
    
  
Thomas Großbölting:
Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013. 320 Seiten, 29,99 Euro.
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