Der Mann vom Mond - Blumenberg, Hans
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In der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts ist kaum eine überraschendere Konstellation denkbar als die zwischen Hans Blumenberg und Ernst Jünger. Ernst Jünger, der "Mann vom Mond", gehört zu denjenigen Autoren der Gegenwart, die polarisiert und Anlaß zu überaus heftigen Kontroversen gegeben haben. Zwischen Nationalbolschewismus und Postmoderne oszilllierend, sind Ernst Jüngers Werke Streitschriften.…mehr

Produktbeschreibung
In der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts ist kaum eine überraschendere Konstellation denkbar als die zwischen Hans Blumenberg und Ernst Jünger. Ernst Jünger, der "Mann vom Mond", gehört zu denjenigen Autoren der Gegenwart, die polarisiert und Anlaß zu überaus heftigen Kontroversen gegeben haben. Zwischen Nationalbolschewismus und Postmoderne oszilllierend, sind Ernst Jüngers Werke Streitschriften.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 185
  • Erscheinungstermin: 7. Oktober 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 128mm x 22mm
  • Gewicht: 314g
  • ISBN-13: 9783518584835
  • ISBN-10: 3518584839
  • Artikelnr.: 22805442
Autorenporträt
Blumenberg, Hans§Hans Blumenberg wurde am 13. Juli 1920 in Lübeck geboren und starb am 28. März 1996 in Altenberge bei Münster. Nach seinem Abitur im Jahr 1939 durfte er keine reguläre Hochschule besuchen. Er galt trotz seiner katholischen Taufe als 'Halbjude'. Folglich studierte Blumenberg zwischen 1939 und 1947 mit Unterbrechungen Philosophie, Germanistik und klassische Philosophie in Paderborn, Frankfurt am Main, Hamburg und Kiel. 1947 wurde Blumenberg mit seiner Dissertation Beiträge zum Problem der Ursprünglichkeit der mittelalterlich-scholastischen Ontologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel promoviert. Hier habilitierte er sich 1950 mit der Studie Die ontologische Distanz. Eine Untersuchung über die Krisis der Phänomenologie Husserls. Sein Lehrer während dieser Zeit war Ludwig Landgrebe. Im Jahr 1958 wurde Blumenberg in Hamburg außerordentlicher Professor für Philosophie und 1960 in Gießen ordentlicher Professor für Philosophie. 1965 wechselte er als ordentlicher Professor für Philosophie nach Bochum und ging im Jahr 1970 an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster, wo er 1985 emeritiert wurde. Blumenberg war Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz (seit 1960), des Senats der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Mitgründer der 1963 ins Leben gerufenen Forschungsgruppe »Poetik und Hermeneutik«.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 04.02.2008

Männer des Jahrhunderts
Greulich-schön: Hans Blumenberg liest Ernst Jünger

Der erste Band aus dem geradezu unerschöpflich scheinenden Nachlass Hans Blumenbergs, den dieser gar nicht selbst zur Veröffentlichung vorbereitet hatte, ist gleich eine Überraschung. Leser der "Neuen Zürcher Zeitung" konnten sich zwar 1995 über einen Beitrag zu Ernst Jüngers hundertstem Geburtstag wundern; dass sich aber der 1996 verstorbene Münsteraner Philosoph über eine Spanne von fünfundvierzig Jahren hinweg mit Jüngers Werk und Person beschäftigt hatte, war weithin unbekannt.

Jenen, die Blumenberg als "starken Autor" präsentiert sehen möchten, mag nicht gefallen, dass diese Beschäftigung in fünfzig heterogenen Texten nebst Marginalien, Varianten und editorischen Kommentaren dokumentiert wird; faszinierend und gut lesbar ist die Textdarbietung allemal. Ob die Art der Edition ein Modell für die weitere Arbeit an dem in Marbach befindlichen Nachlass sein kann, wird sich zeigen. Den vorliegenden Texten ist sie angemessen.

Für Blumenberg wird an Jüngers Werk und Person nicht weniger als die Gestalt des zwanzigsten Jahrhunderts wahrnehmbar. Als einziger deutscher Schriftsteller habe dieser sich so beharrlich wie wandlungsfähig mit dem Problem des Nihilismus, mit der "Vernichtung unserer alten Welt" auseinandergesetzt. In der Wüste, im Kriegertod, in Rausch und Abenteuer, in der Zerstörung der Person in der technisch-biologischen Konstruktion des Arbeiters habe Jünger dem Nichts nachgejagt. Dessen überraschende Wendung gegen den barbarischen Nihilismus inmitten der Greuel, welche die Verwirklichung des totalen Staates mit sich brachte, sein bedeutendstes Werk "Auf den Marmorklippen", zählte Blumenberg kurz nach dem Krieg gar zu den "wichtigsten Ereignissen der deutschen Geistesgeschichte".

Die Gestalten, in denen Jünger seine Epoche erfasst und sich zugleich selbst stilisiert, Krieger, Arbeiter, Spieler, Waldgänger oder Anarch, werden für Blumenberg lesbar als Fragen danach, wie in einer Welt der "Selbstaufhebung der authentischen Erfahrungsmöglichkeiten" zu leben sei, ja, wie der Mensch in der Welt der Maschinen und Waffen und ihrer Affinität zur Simulation überhaupt fortbestehen kann. Kurz nach dem Krieg, unter den Bedingungen der "geistigen Not", geschieht das sehr ernsthaft und systematisch; später, besonders anlässlich der Lektüre der Tagebücher, zunehmend spielerisch, glossierend oder anekdotisch, in leichthändiger Verbindung mit den eigenen Themen: Weltzeit und Lebenszeit, Lesbarkeit der Welt, Wirklichkeiten, in denen wir leben.

In Jüngers Beschreibung eines am Flipper spielenden Arbeiters in Paris aus "Siebzig verweht II" findet Blumenberg so eine der organischen Konstruktion umwegig ähnliche Gestalt wieder. Die Maschine erscheint als solitärer Partner des Menschen, "sie ist sogar seiner Einsamkeit gewachsen und nimmt ihm durch ihre Rhythmik die Sorge um die Teilung seiner Zeit, die Angst vor der Langeweile". Weitergedacht ergibt sich daraus etwas wie eine humane Perspektive in einer Welt voller Simulatoren: "Beendigung des Konfliktes des Anrechts aller auf alles", Zwang zu Schlichtungsformen in einer Realität, in der die Regulation über den Preis nicht mehr lange funktionieren kann.

Trotz der Ironie, mit der Blumenberg gelegentlich Jüngers Ausflüge ins Kosmische und Titanische kommentiert, ergreift und erstaunt die außerordentliche Bewunderung, die Blumenberg dem praktizierenden Platoniker, der Präzision seiner Beobachtungen und des Stils, der Energie und Bannkraft seiner Sätze, seiner Courage und seiner Insistenz, "Tiefe hinter oder unter den Erscheinungen zu erspüren", entgegenbringt.

Der Beharrlichkeit, mit der der Metaphysiker im Gewande des Empirikers sich der Vernichtung stellt, "um das Unzerstörbare zu finden", gilt eine vorbehaltlose Sympathie, die selbst praktisch werden kann. Manche Deutungen lesen sich wie das Brevier eines Agnostikers, der sich im Blick auf Jüngers Erfahrungen erstaunlich gut gelaunt daran erinnert, dass das Leben bar eines Trostes gelebt werden muss.

Umso mehr scheint es den hingerissenen Leser der Tagebücher peinigend zu berühren, dass Ernst Jünger, vor allem in seiner notorischen Lust an der Analogie, nicht selten "die Grenze von Takt, Ton und Geschmack" geradezu drastisch überschreitet oder seine Pointen "zu billig, zu plausibel, zu sehr aufs beifällige Nicken berechnet". Alteuropäische Tugenden müssen offenbar über ihre Beseitigung hinweg respektiert werden.

Ebenso bestimmt fällt schon früh Blumenbergs Widerspruch gegen Jüngers abwegige gnostische Kunststückchen aus, nach denen die Freiheit in gegenseitiger Sinnverleihung nicht nur gegen, sondern auch durch die Despotie gegeben sein soll. Die Probe einer "realen, ins Politische eingreifenden Verbindlichkeit" habe Jünger jedenfalls nicht bestanden.

"Heliopolis" hatte Blumenberg im Jahre 1949 als "peinlich mißlungen" empfunden und sich daraufhin vorgenommen, nie wieder ein Buch dieses Autors zur Hand zu nehmen. Dass er diesem Vorsatz auf produktive Weise untreu wurde, ist ein Glück für alle philosophisch und ästhetisch interessierten Leser, die sich bei intellektueller Normalität so langweilen, wie ihnen postmoderne Allotria auf die Nerven fallen.

FRIEDMAR APEL

Hans Blumenberg: "Der Mann vom Mond". Über Ernst Jünger. Hrsg. von Alexander Schmitz und Marcel Lepper. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 186 S., geb., 19,80 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 26.01.2008

Der unfreiwillige Sieg des bürgerlichen Individuums
Das ist der Stoff aus Vaters Apotheke! Helmuth Kiesel und Heimo Schwilk betrachten Ernst Jünger aus der biographischen Enkelperspektive
Zeitlebens wünschte Ernst Jünger kein Bürger zu sein. Wohin das abenteuerliche Herz auch flüchtete – in den afrikanischen Dschungel der Fremdenlegion, in den Grabenkampf des Krieges oder in den Rausch des Drogenexperiments –, am Anfang stand stets der Auszug aus der bürgerlichen Welt. Zwar widerrief Ernst Jünger in seinen späten Aussteiger-Schriften, was der aktive Nihilist in der Zwischenkriegszeit so kräftig herbei geschrieben hatte – die „Totale Mobilmachung”; aber die Helden und Figuren, mit denen er sich im Laufe seines langen Lebens panzerte, blieben Typen jenseits der Bürgerlichkeit.
Mit „Stolz” hält der Nationalbolschewist Jünger – „rückblickend auf ein Jahrhundert deutscher Geschichte” – auf den ersten Seiten seines Theorie-Opus über den „Arbeiter” 1932 fest, „daß wir schlechte Bürger gewesen sind”. Der politische Publizist zog einen „Schlussstrich” unter das 19. Jahrhundert. An die Stelle des „Individuums”, der Zentralfigur der liberalen Gesellschaft, treten bei Jünger die „Gestalt” und der „Typus” des „Arbeiters”. Dieser Herold der Moderne erkennt das „höchste Glück” im Selbstopfer, spricht die „Elementarsprache” der Technik und ist so der technischen Mobilmachung gewachsen.
Am Vorabend seines zehnten Todestages (am 17. Februar 2008) kehrt der große Anti-Bürger nun zurück in „Gestalt” zweier voluminöser Biographien – ausgerechnet also in jener Gattung, die wie keine andere um das „Individuum” kreist. Der Triumph der Biographien auf dem Buchmarkt kündet vom zähen Fortleben jener bürgerlichen Gesellschaft, der Jünger in seiner aggressiven politischen Publizistik unaufhörlich den Totenschein ausstellte. Wie lässt sich Jüngers Gestaltwandel vom soldatischen „Typus” des literarischen „Arbeiters” zum exemplarischen großen Individuum und „Jahrhundertleben” lesen? Drückt sich darin das Fehlschlagen von Jüngers kühnen planetarischen Diagnosen aus – der unverhoffte Sieg des „Individuums” über den „Typus” –, oder müssen wir darin auch ein Zeichen für Jüngers eigene unfreiwillige Verbürgerlichung in der Rezeptionsgeschichte erkennen?
Jüngers neue Biographen, der Heidelberger Literaturwissenschaftler Helmuth Kiesel, Jahrgang 1947, und der Berliner Publizist Heimo Schwilk, Jahrgang 1952, schreiben aus der Enkelperspektive. Man hat in ersten Kritiken die beiden Biographen scharf gegenübergestellt – hier der mitreißende Publizist Schwilk, der Jüngers „Jahrhundertleben” in szenisch anschauungsreichen Kapiteln entfalte, dort der reservierte Professor Kiesel, der sich stupide Jüngers Werk widme und sich in akademischen Forschungskontexten verliere. Ohne Frage zeichnet Schwilk das schärfere Charakterprofil. Er folgt Jünger nicht nur auf dem literarisch stilisierten Hauptweg seines Werkes, sondern auch auf den abgeschatteten Seitenpfaden, in die Bordelle des Krieges oder in den Drogenrausch.
Schwilk verschweigt an keiner Stelle seine starke Sympathie für Jünger. Aber die vor dem bürgerlichen Wertehimmel „verkrachte” Existenz Jünger tritt auch bei ihm deutlich hervor – das uneheliche Kind, der für sein Leben lang traumatisierte Schüler, der elfmal die Schule wechseln muss, der Studienabbrecher und umherschweifende Haschrebell der zwanziger Jahre, der sich in Vaters Apotheke mit Stoff versorgt.
Kiesel hält sich strenger an Jüngers Werk. Worauf er sich glänzend versteht, ist die Arbeit am Text. Der Philologe deckt Jüngers „Metaphernsysteme” auf und zeigt, wie Jünger in seiner „Bearbeitungsmanie” immer wieder seine Schriften retuschierte. Deutlich wird Kiesels Bemühen, Jünger fest in der literarischen Moderne zu verorten. Man kann sicher sein, dass auf jedes noch so anstößige nationalistische oder antiliberale Jünger-Zitat im gleichen Atemzug ein sinnverwandtes Zitat von Benjamin, Brecht oder einem anderen klassischen Modernen folgt – das Jünger wieder in den ästhetischen Verfassungsbogen einfängt. Hier übt sich ein um „sachliche Würdigung” bemühter Literaturwissenschaftler, der schnelle Urteile scheut und Einseitigkeiten unbedingt zu vermeiden versucht, am „stereoskopischen” Blick seines Helden.
Kiesels Biographie ist ganz aus der akademischen Jünger-Forschung der letzten Jahre erwachsen. Ein wenig meint er es immer zu gut mit seinem Helden. Recht anachronistisch verteilt er seine akademischen Prämien. Ausgerechnet in der allegorisch verschwiemelten Thematisierung der Judenverfolgung in dem „Weltroman” „Heliopolis”, den berühmten „Parsen”, die den uneinsichtigen Carl Schmitt so erregten, sieht Kiesel bei Jünger schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit den „universalistischen” Ansatz der neuen deutschen Weltbürgerkriegshistoriker vorweggenommen.
Auch wenn der Publizist Schwilk an vielen Stellen Jüngers „Rabaukenton” besser trifft, sollten wir die beiden Biographien aber nicht für den billigen antiintellektuellen Affekt nutzen, um einmal mehr Jüngers Leben gegen das Werk auszuspielen. „Sie wird ersetzen das Wort durch die Tat, die Tinte durch das Blut, die Phrase durch das Opfer, die Feder durch das Schwert” – skandierte Jünger 1923 in einem Revolutionsbekenntnis im Völkischen Beobachter. Bis heute gefällt sich der Pop-Diskurs mit abenteuerlichen Posen darin, diese alte Front auf kleiner friedlicher Flamme in immer neuen Schleifen nachzuplappern. Was Kiesel und Schwilk dagegen bei allem unterschiedlichen rhetorischen Temperament verbindet, ist der Versuch, eine Biographie ganz aus den Quellen und neueren Forschungen zu schreiben, die sich stark unterscheidet von dem ideologisch überhitzten Jünger-Gespräch der alten Bundesrepublik. In beiden Büchern ist Jünger nicht mehr länger eine Waffe im Literaturkampf. Vorbei sind die Zeiten, in der man sich mit Jüngers bösen Federn schmückte – wie Karl Heinz Bohrer 1978 in seiner Bielefelder Habilitation, um sich den „Schrecken” der Literatursoziologie im Besonderen und des bundesrepublikanischen Moralismus im Allgemeinen ästhetisch vom Leib zu halten.
Nach all den Debatten scheint die Jünger-Forschung heute in einem Interregnum angekommen zu sein. Es ist die Zeit des Ordnens und Sichtens der Bestände. Die neuen Biographien zeichnen sich weniger durch eine steile These als durch ihre ungeheure Materialfülle aus. Die ungeschminkte Rohmasse des Lebens tritt hinter der literarischen Gestalt wieder hervor. Ausgerechnet die wissenschaftlich rational geordnete Apothekerwelt seines Vaters, gegen die Ernst Jünger sein ganzes Leben innerlich rebellierte, scheint in den Annäherungen der intellektuellen Enkel wieder zu obsiegen: Der alte „magische Realist” liegt in der Hand der Positivisten.
Die neuen Detailstudien tragen zur Privatisierung und Entpolitisierung Jüngers bei. Wo man sich noch ein paar Jahrzehnte zuvor auf die verschiedenen Fassungen seines Kriegsepos „In Stahlgewittern” stürzte oder die Retuschen des „Arbeiters” aufspürte – mit denen Jünger nach dem giftigen Urteil seines alten Sekretärs „Arminius” Mohler sich den demokratischen Nachkriegssitten anzupassen versuchte –, da konzentriert man sich nun etwa auf die vielen Pseudonyme, mit denen Jünger, um den Ehefrieden zu retten, seine Pariser Geliebte Sophie Ravoux in den „Strahlungen” zum Verschwinden zu bringen versuchte.
Sogar vor der berüchtigten „Burgunderszene” – Jüngers nächtlicher Beobachtung eines Luftangriffes auf Paris vom Dach des Hotel „Raphael” mit einem „Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand” – wird nicht Halt gemacht. „Die Stadt mit ihren roten Türmen und Kuppeln lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Kelche, der zur tödlichen Befruchtung überflogen wird.” Handelt es sich etwa hier auch weniger um das Kriegsprotokoll eines ästhetischen Genüsslings – als um die „Symbolisierung” der gefährlich sich zuspitzenden Liebesaffäre mit seiner Pariser Freundin? In seinen Glossen und Aufzeichnungen zu Jünger, die nun in einem hübschen Suhrkamp-Bändchen gesammelt vorliegen, steckt der große Philosoph Hans Blumenberg mit dem „Ärgernis” dieser vielzitierten Tagebuchaufzeichnung vom 27. Mai 1944 die „Grenze der absoluten Metapher” ab.
Vor dem Hintergrund des alten militant moralisch aufgeladenen Jünger-Gespräches wirken die privaten Funde, die die neuere Philologie auf ihren subtilen Jagden zu Tage fördert, ein wenig putzig. Mit so einem Jünger ist jedenfalls keine „selbstbewusste Nation” zu machen. Fünfundzwanzig Jahre nach der Verleihung der Goethe-Medaille in der Frankfurter Paulskirche, die noch einmal alle Protestenergien der alten Republik mobilisierte, hat sich der Sturm gelegt. Im Rückblick scheint der leidenschaftliche Käfersammler und „Waldgänger” Ernst Jünger – der in seinem Spätwerk die Moderne als „Deponie” in schwarze apokalyptische Bilder eintauchte – viel „grüner” zu sein als seine alten Frankfurter Kritiker. Denn Ernst Jünger ist auch ein Öko der ersten Stunde. Mit einem Zitat von Joschka Fischer auf der Klappe bewirbt der Siedler-Verlag Helmuth Kiesels Biographie. In der Szenepostille „Pflasterstrand” hatte der alte Frankfurter Street-Fighter Fischer sich 1982 als früher Jünger-Leser erkennen gegeben. „Je militanter sich die Revolte gestaltete, je mehr der ‚Kämpfer‘, der ‚Fighter‘ in den Vordergrund trat, desto sinnfälliger wurden die Parallelen. Später, als längst die ‚Subjektivität‘, die ‚Politik der ersten Person‘ angesagt war, da las man wiederum Ernst Jünger, diesmal den Drogen-Jünger. Und noch später, als der Klassenkampf endgültig Don Juan oder fernöstlicher Erleuchtung gewichen war, da starrte das neulinke Dritte Auge auf den kosmischen Jünger, von Jüngers Affinität zur vorindustriellen Welt und seiner Zivilisationskritik ganz zu schweigen.”
Bei all dem neulinken Sympathisantentum für den Kulturkritiker Jünger ist das letzte Wort über seinen ästhetischen Rang noch nicht gesprochen. Sicher „überstrahlt” das Jüngersche Werk nicht die gesamte deutsche Nachkriegsliteratur, wie Botho Strauß mit Fanfare vor ein paar Jahren behauptete. Auch war es nicht allein Jüngers vornehmer Verzicht auf den „Argot” – die „four letter words” – die sein Ankommen in der Literatur nach 1945 erschwerten. Schon Jüngers Deutschlehrer erkannte in dem übertriebenen „Schmuck” seiner Rede, dem hohen gestelzten Ton, den vielen Manierismen eine „bedenkliche Gefahr für seinen Stil”. Gottfried Benn urteilte nach dem Krieg gnadenlos über die Kitschliteratur des schnell wieder erfolgreichen Kollegen: „weichlich, eingebildet und wichtigtuerisch”.
Meist vergriff Jünger sich im Ton, wenn er sich auf allzu menschliches oder gar erotisches Terrain begab. Im Pariser Kino grabscht der Besatzungsoffizier 1941 nach dem Busen seiner Gespielin – und notiert darauf in sein Journal: „Ein heißer Eisberg, ein Hügel im Frühling, in den Myriaden von Lebenskeimen, etwa von weißen Anemonen, eingebettet sind.” Auch in Jüngers hierarchisch und streng aufgebauten Thesenromanen der Nachkriegszeit schleppt schwer die alte Zeit nach. „In Heliopolis lebt gleichsam das Stabshotel Majestic fort”, schreibt Kiesel prägnant. Wie erratische Blöcke ragen Jüngers „Staatsromane” hinein in die „Gesellschaft” der Bundesrepublik.
Im vierten Band seiner „Gesellschaftsgeschichte” bezeichnet der Bielefelder Veteran Hans-Ulrich Wehler Ernst Jünger als „eine der Unheilsfiguren der neueren deutschen Geschichte”. Von diesen Verdammungsflüchen aus der untergegangenen Welt der kritischen Sozialgeschichte ist heute wenig übrig geblieben. Zehn Jahre nach seinem Tod scheint Jünger die polarisierende Kraft verloren zu haben. Man kann diesen Zustand sicher als neue postheroische Gelassenheit begrüßen. Andererseits lauert in der Gelassenheit auch immer die Langeweile – der Hauptschrecken aller abenteuerlichen Herzen. STEPHAN SCHLAK
HELMUTH KIESEL: Ernst Jünger. Die Biographie. Siedler Verlag, München 2007. 720 Seiten, 24,95 Euro.
HEIMO SCHWILK: Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. Piper Verlag, München 2007. 624 Seiten, 24,90 Euro.
HANS BLUMENBERG: Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger. Hrsg. von Alexander Schmitz und Marcel Lepper, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 186 Seiten, 19,80 Euro.
Der Sturm hat sich gelegt – Jünger ist nicht mehr länger eine Waffe im Literaturkampf
In der Rohmasse des Lebens wird Jünger, ein Öko der ersten Stunde, privatisiert und entpolitisiert
Der Schriftsteller Ernst Jünger (1895-1998) war Haschrebell, Busengrabscher und Kitschliterat – unter anderem. Mit Nato-General Hans Speidel im Wilfinger Garten (oben links), daneben 1985 mit Geburtstagsgratulant Helmut Kohl. In der unteren Reihe: 1960 in geneigter, 1913 als Fremdenlegionär in strammer Haltung. Fotos: dpa (3), B. Megele
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Konstruktiv kritisch setzt sich Ahlrich Meyer mit Hans Blumenbergs hier versammelten Aufsätzen zu Ernst Jünger auseinander. Meyer wertet nicht, doch lässt der respektvolle Ton der Besprechung und deren Überschrift "Subtile Lektüre" darauf schließen, dass Meyer Blumenberg intellektuell durchaus schätzt. Für Meyer ist Jünger jedoch durchaus problematisch, und die "widerspruchsvolle Rezeption" Blumenbergs, der sich dieser Problematik durchaus bewusst war, reizt den Rezensenten zum Widerspruch seinerseits. Etwa gegen den Gedanken, den er bei Blumenberg zu finden meint, dass ein "kommunikatives Beschweigen" die einzig mögliche Form der Vergangenheitsbewältigung im Nachkriegsdeutschland gewesen ist. Hier entdeckt Meyer Ähnlichkeiten mit Jünger, der ja zeitlebens ein "Meister dieser Art zu schweigen" gewesen sei.

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