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»Er gefällt mir außerordentlich gut und wir fanden uns recht viel zu sagen« schrieb Gershom Scholem 1938 an Walter Benjamin. Mit »Er« ist Theodor W. Adorno gemeint, den Scholem kurz zuvor in New York persönlich kennengelernt hatte. Es war der Beginn einer 30 Jahre währenden intellektuellen und freundschaftlichen Beziehung. Und der Auftakt für eine mehr als 200 Briefe umfassende Korrespondenz, die eine ganze Epoche deutsch-jüdischer Geistesgeschichte auf eindrucksvolle Weise dokumentiert und nun erstmals vollständig veröffentlicht wird.Biographisches spielt in dem äußerst intensiv geführten…mehr

Produktbeschreibung
»Er gefällt mir außerordentlich gut und wir fanden uns recht viel zu sagen« schrieb Gershom Scholem 1938 an Walter Benjamin. Mit »Er« ist Theodor W. Adorno gemeint, den Scholem kurz zuvor in New York persönlich kennengelernt hatte. Es war der Beginn einer 30 Jahre währenden intellektuellen und freundschaftlichen Beziehung. Und der Auftakt für eine mehr als 200 Briefe umfassende Korrespondenz, die eine ganze Epoche deutsch-jüdischer Geistesgeschichte auf eindrucksvolle Weise dokumentiert und nun erstmals vollständig veröffentlicht wird.Biographisches spielt in dem äußerst intensiv geführten Briefwechsel ebenso eine Rolle wie philosophisch-theologische Fragestellungen. Adorno zeigt großes Interesse an jüdischem Denken und liefert scharfsinnige Analysen der Schriften Scholems. Scholem wiederum kommentiert die Neuerscheinungen Adornos und erweist sich als profunder Kenner der zeitgenössischen Philosophie. Um Mystik und Dialektik, Erlösung und Messianismus, Mythos und Aufklärung kreisen ihre Diskussionen, außerdem um Arendt und Marcuse, Heidegger und Bloch, Buber und Lukács. Auch die Tagespolitik kommt zur Sprache, etwa die Situation im Nahen Osten oder die beginnende Studentenrevolte. Fixstern der Korrespondenz ist aber der gemeinsame Freund Walter Benjamin, der wie kein Zweiter für das Schicksal der deutsch-jüdischen Intellektuellen im 20. Jahrhundert steht.
  • Produktdetails
  • Theodor W. Adorno, Briefe und Briefwechsel 8
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 548
  • Erscheinungstermin: 6. April 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 131mm x 38mm
  • Gewicht: 564g
  • ISBN-13: 9783518586174
  • ISBN-10: 3518586173
  • Artikelnr.: 40866852
Autorenporträt
Adorno, Theodor W.Theodor W. Adorno wurde am 11. September 1903 in Frankfurt am Main geboren und starb am 06. August 1969 während eines Ferienaufenthalts in Visp/Wallis an den Folgen eines Herzinfarkts. Von 1921 bis 1923 studierte er in Frankfurt Philosophie, Soziologie, Psychologie und Musikwissenschaft und promovierte 1924 über Die Transzendenz des Dinglichen und Noematischen in Husserls Phänomenologie. Bereits während seiner Schulzeit schloss er Freundschaft mit Siegfried Kracauer und während seines Studiums mit Max Horkheimer und Walter Benjamin. Mit ihnen zählt Adorno zu den wichtigsten Vertretern der »Frankfurter Schule«, die aus dem Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt hervorging. Sämtliche Werke Adornos sind im Suhrkamp Verlag erschienen.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 30.04.2015

Treffen sich zwei zwischen Mystik und Marxismus
Sehr gegensätzliche philosophische Temperamente: Theodor W. Adorno und Gershom Scholem schreiben Briefe

Im Oktober 1933 begann Gershom Scholem, Theodor W. Adorno ernsthafter wahrzunehmen, und das klang nicht sehr vielversprechend. Noch unter dem Namen Wiesengrund war Adornos Frankfurter Habilitationsschrift "Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen" just am Tage von Hitlers "Machtergreifung" erschienen. An Walter Benjamin meldete Scholem aus Jerusalem: "Das Buch von Wiesengrund - dessen Namen ich jetzt mit 50 anderen in der offiziellen Frankfurter Absetzungsliste las - über Kierkegaard habe ich bisher zu etwa zwei Dritteln gelesen, es verbindet, meinem Erachten nach, ein sublimes Plagiat Deines Denkens mit einer ungewöhnlichen Chuzpe, und wird, sehr im Unterschied von Deiner Analyse des Trauerspiels, für eine sachliche Beurteilung K's künftighin nicht viel bedeuten."

Hätte nämlich Benjamin selbst über Kierkegaard geschrieben, so Scholem, dann wäre doch "unendlich viel mehr Reelles und etwas weniger ,Schnokes' herausgekommen ... Du hättest Dir nämlich ... das Vergnügen gewisser ,Entlarvungen' nicht gemacht, die diesen Autor besonders zu entzücken scheinen. Vieles ist natürlich auch sehr gut, anderes habe ich einfach und ohne Umschweife nicht verstanden." "Schnokes" sind im Jiddischen Scherze oder Schnurren.

Man erkennt auf Anhieb alles, was an Adornos Philosophieren problematisch war, und man erkennt vor allem die geistige Physiognomie Scholems. Auf einzigartige Weise verband dieser Gelehrte den trockensten gesunden Menschenverstand mit einer höchsten Subtilität im Verständnis mystischer Gedankengänge im Judentum. Die Erforschung der Kabbala war sein Lebenswerk, und nie wird ganz auszumessen sein, wie Nähe und Distanz zu seinem Gegenstand nun genau verteilt waren. Wenn Scholem deutsch schrieb, dann war sein Stil klassisch - eben: Stil -, im Briefwechsel angereichert mit eingestreuten Sarkasmen und schnodderigen Berlinismen, während man von Adorno sagen kann, dass seine Sprache einen gewiss auf hohem Niveau angesiedelten persönlichen Manierismus pflegte.

Aber noch etwas kommt hinzu. Wenn man von einem existentiellen Kontext der Theoriebildung sprechen will (Adorno hätte den Ausdruck verabscheut), dann war es für Scholem der einer Nationwerdung Israels, gleichsam der Neugründung eines Volkes, deren Schwierigkeiten er niemals übersah - für Adorno war es die gesellschaftliche Veränderung, wobei Volk und Nation ohne jeden Belang waren. Deshalb war es völlig konsequent und keine Koketterie, wenn Scholem sich in einem Brief an Adorno aus dem April 1969 (auf dem Höhepunkt der Konflikte am Frankfurter Institut für Sozialforschung) als "alten Reaktionär soliden Charakters" bezeichnete und sich damit als "zuverlässiger als Ihre SDS Assistenten" bewähren wollte.

Wenn man sich diese so gegensätzlichen philosophischen Temperamente vergegenwärtigt, dann muss es umso mehr erstaunen, wie sich zwischen beiden ein über Jahrzehnte aufrechterhaltener, ausgesprochen freundschaftlicher Briefwechsel entwickeln konnte. Beide waren mit Walter Benjamin befreundet und zogen an diesem sozusagen von verschiedenen Seiten. Während Scholem sein Amt so verstand, der latenten jüdischen Theologie im Denken des Freundes zu deutlicherem Ausdruck zu verhelfen, versuchte Adorno, den Marxismus Benjamins aus dem engen Zusammenhang mit Bertolt Brechts grobianischer Simplizität in eher hegelianische, auf "Vermittlungen" angelegte Darstellungsformen zu lenken.

Zwischen diesen beiden Polen - jüdischer Mystik und aufklärungstreuem Marxismus - bewegt sich der intellektuelle Briefwechsel, ja die ganze Korrespondenz beginnt damit. Scholem hatte 1935 einen Abschnitt des mystischen Grundwerks mittelalterlicher Juden noch in Berlin beim Schocken-Verlag herausgeben können ("Die Geheimnisse der Schöpfung. Ein Kapitel aus dem Sohar"), den bibliophil gestalteten Privatdruck mit dem veränderten Titel "Die Geheimnisse der Tora" (Berlin 1936) las Adorno - und war elektrisiert: "Es ist keine Redensart, wenn ich Ihnen sage, dass die Zusendung Ihrer Übertragung des Soharabschnittes die größte Freude war, die mir ein Geschenk seit sehr langer Zeit bereitet hat."

Als er den Text kommentiert, merkt er gegenüber Scholem an, nicht "Urerfahrung" (wie sie für Martin Buber naheliegen mochte) mache seinen Charakter aus, sondern "Vermittlung", ja "Verfall" - "wobei Sie genau wissen, dass der Begriff des Verfalls für mich nicht das mindeste Depravierende an sich hat ... Es schien mir oftmals so, als sei die Gewalt dieses Textes eine, die sich dem Verfall selber verdankt." Das war sehr gut gesehen, ist doch der Sohar ein pseudoepigraphisches Werk, will sagen: die Autorschaft des talmudischen Rabbiners Schimon ben Jochai, der im zweiten Jahrhundert lebte, ist eine literarische Fiktion.

In seiner Besprechung dieses Briefwechsels in der "Zeit" hat Jürgen Habermas auf den Kernpunkt hingewiesen: "Das ,Umschlagen der Mystik in Aufklärung' bezeichnet den Ort, an dem sich Adorno und Scholem treffen." Scholem nämlich habe das "Fortwirken der abgründigen Lehren eines Luria von Safed in den frankistischen Sekten des achtzehnten Jahrhunderts untersucht und bis in die Französische Revolution hinein verfolgt. An dieser revolutionären Einmischung heterodoxer Lehren in die säkulare Gesellschaft sind die beiden aus verschiedenen Gründen interessiert."

Diese Darstellung ist völlig richtig - bis auf den entscheidenden Punkt: Der Umschlag des Frankismus, einer äußersten Form innerjüdischer Ketzerei, in die Französische Revolution war nicht die erbauliche Geschichte, die Habermas in ihr lesen will. Im Gegenteil. Und niemand wusste dies besser als Scholem.

Schon der Sektenführer Jacob Frank erscheint in Scholems Darstellungen als höchst dubiose und destruktive Figur, die das Judentum auf den "Weg Esaus" - also in die Konversion zum Christentum - führen wollte, als "Weg zum wahren, anarchischen Leben". Sein Neffe Mosheh Dobruschka trat "als aktiver Frankist", wie Scholem schreibt, 1775 zum Katholizismus über. Nun nannte er sich Thomas von Schönfeld; vom Kaiser erwarb er das Monopol an der Verwertung der durch Joseph II. enteigneten Kloster- und Kirchenschätze. 1792 ging er - nun unter dem programmatischen Namen Junius Brutus Frey - ins revolutionäre Frankreich, wo er 1794 mit Danton und dessen Mitstreitern unter die Guillotine kam. Nur: Verurteilt wurde er wegen angeblicher oder tatsächlicher Finanzmanipulationen. Dass der Prozess gegen ihn und die Dantonisten zusammengelegt worden war, gehörte zur Demagogie Robespierres, und die politischen Angeklagten protestierten gegen diese Nachbarschaft mit einem "Spitzbuben" (fripon).

Scholem hat Dobruschka-Frey eine Monographie gewidmet, die leider bisher nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Aber so viel ist klar: Aus dem Übergang jüdischer Heterodoxie in die Wirren der Französischen Revolution wird nie und nimmer ein positives Lehrstück für die heutige Frage nach Religion und Säkularisierung. Scholem, der weniger dialektisch als fast zerreißend paradox gestimmt war ("Nichts wäre irriger als zu denken, die Wahrheit sei einfach", schrieb er einmal), hat solche Nutzanwendungen wohl auch nicht gezogen.

Auf Adornos Seite ist es in jenen frühen Jahren der Korrespondenz seine kritische Analyse der Philosophie Edmund Husserls, die ihn beschäftigt und auf die Scholem immer wieder zurückkommt. Die Frechheit geht ihm auch später nicht aus: Als er 1966 die "Negative Dialektik" erhält, meldet er dem Verfasser: "Wer ist bitte der Autor des schönen Satzes auf S. 54 ,Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen' - den ich wahrscheinlich billigen würde, wenn ich ihn verstünde." Was für ein herrliches Buch.

LORENZ JÄGER

Theodor W. Adorno, Gershom Scholem: "Der liebe Gott wohnt im Detail". Briefwechsel 1939-1969. Hrsg. von Asaf Angermann. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 548 S., geb., 39,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 17.04.2015

Ein Geheimnis,
das bleiben muss
Religion und Dialektik – der Briefwechsel
Theodor W. Adorno und Gershom Scholem
VON THOMAS MEYER
Als Theodor W. Adorno 1967 angefragt wurde, einen Artikel anlässlich Gershom Scholems 70. Geburtstag zu schreiben, wandte er sich an den Jubilar, der die Kabbala zum Forschungsgegenstand gemacht hatte. Obwohl sie sich 1938 zum ersten Mal in New York getroffen hatten, nach 1945 einen immer vertrauensvolleren Briefwechsel führten und ihnen nichts weniger als die Rettung des Werkes und Andenkens ihres gemeinsamen Freundes Walter Benjamin gelungen war, schienen dem Philosophen und Soziologen seine Verstehensmöglichkeiten der jüdischen Mystik so sehr beschränkt, dass er sich Rat erbat. Es ging hierbei nicht um mangelndes oder bloß anderes Wissen. Sondern darum, dass sich Adorno die Erlaubnis für ein heikles Unterfangen geben lassen wollte, nämlich die in Texten leicht misslingende Verschränkung von authentischer persönlicher Nähe und intellektueller Redlichkeit gegenüber dem Werk eines Freundes.
  Das war nicht nur ein heikles, sondern auch ein herausforderndes Unterfangen, denn Bekenntnis und Distanz waren in Scholems Fall auf besondere Weise zu vermitteln. Gerade Letzteres aber hatte Adorno in der „Negativen Dialektik“ sich, der Philosophie und der Welt verboten; allenfalls im Spätwerk Beethovens wollte er die Möglichkeit von Vermittlung als solche gelten lassen. „Es kommt mir einfach nicht zu, etwas Verbindliches über Ihr Verbindliches zu sagen“, schrieb er nach Jerusalem.
Scholem wiederum gab ihm den Blick frei auf seine geistige Physiognomie – und das in einer Weise, die Adorno gefallen haben muss. Scholem verwies den Ratlosen darauf, dass ihm an der „dialektischen Betrachtung der religiösen Verhältnisse“ gelegen sei. Das war der Schlüssel für die Tür, den Adorno seit der ersten Begegnung bereits in der Hand hielt, von dem er dem in Frankreich exilierten Benjamin geschrieben hatte. In der Nähe des Mythos, der das Rationale nicht als Feind sehen muss, und in der Rede darüber, die das Gegenüber nie aufklären wird, ob Scholem daran glaubte, was er schrieb und sagte, vollzog sich die Aktualisierung der Tradition.
  Die Tradition wiederum war ein Konstrukt. Mehr noch, sie war nur im Plural denkbar, also war jeder, der sich einer der Traditionen zugehörig fühlte, dazu aufgefordert, seine Tradition als Beweis für die Mehrdeutigkeit des vermeintlich starren Monotheismus ins Spiel zu bringen. Und das glaubte Adorno in Umrissen in Scholems Person verschmolzen zu sehen, als er Benjamin von der ersten Begegnung berichtete. Nun also, nach knapp dreißig Jahren, verstand Adorno, welchen Ausweg Scholem ihm weisen wollte. Denn Scholem wusste, dass der, der das Ungesagte verstand, nicht mehr lebte. Und Scholem war es, der später in der Publikation des Briefwechsels mit dem Freund und in einem Buch über ihn etwas Außerordentliches tat: einen Menschen aus Texten erstehen zu lassen. Nicht ohne Grund hatte Scholem in dem Brief an Adorno denn auch mit „G . . olem“ unterzeichnet.
  An Benjamins Stelle also musste Adorno treten, auch deshalb, weil das Tischtuch mit Hannah Arendt durch die Reportage über den Eichmann-Prozess zerschnitten war. Die „dialektische Betrachtung der religiösen Verhältnisse“ folglich sollte Adorno den Lesern auseinanderlegen. Das notwendige Ineinander von Mystik, Mythos und Erkenntnis, bei gleichzeitigem Insistieren darauf, dass es ein Geheimnis in der Welt gebe, nach dem zu fragen, wie der Midrasch wusste, unterbleiben musste. Das war es, wofür Scholem einstand. Scholem zudem stellte den äußerst seltenen Fall eines zugleich konservativen und ganz gegenwärtigen Menschen dar, der das Geheimnis besaß, leise fromm zu sein. Das gab ihm die Klarheit einer Welt gegenüber, die ihn und seinesgleichen auszulöschen sich angeschickt hatte. Einer Welt, von der Deutschland glaubte, es könnte sie beherrschen. Deshalb die Dialektik und deshalb zumindest bei Scholem die Aussicht auf Vermittlung. Dass Adorno all dies gelten lassen konnte und sich wie Scholem in den Erinnerungsdienst für Benjamin stellte, schärft beider Profil. Und nur als solch von innen gestärkter Dialektiker konnte Scholem überhaupt wieder nach Deutschland kommen. Als er 1956 bei den Frankfurter Loeb-Lectures diesen Schritt wagte, da tat er es ganz mit der Autorität seines Werkes. Scholem bot nichts an, was den falschen Schein eines Gesprächs hätte erzeugen können. Die Person war nur Aussage. Adorno und einige wenige andere erhielten immerhin Zutritt zu diesem einmaligen Umgang mit Verlusterfahrung und der gelebten Verpflichtung, der Tradition ihr Anarchisches zu erhalten. Die Gewinn- und Verlustrechnung wurde der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht.
  Und jetzt kann man, zu unserem Glück, all das nachlesen. Der junge Philosoph Asaf Angermann hat die Korrespondenz zwischen Adorno und Scholem herausgegeben, mit Hinweisen versehen und klug kommentiert. Zusammen mit den anderen Briefbänden der Adorno-Ausgabe, vor allem jenen mit Benjamin, Max Horkheimer und Siegfried Kracauer, dazu Scholems Austausch mit Benjamin und Hannah Arendt können die Leser die geistigen Physiognomien dieser Persönlichkeiten nachzeichnen, und auf die Werke übertragen. Sie werden dann erkennen, wie viel menschlichen Vertrauens und Glücks, radikaler Einseitigkeit und scharfer Verwerfungen, gerade auch um Platz für andere zu schaffen, es bedurfte, um das von physischer Vernichtung bedrohte Band gespannt und fruchtbar zu halten.
  Es ist die Abwesenheit Walter Benjamins, die vieles von dem, was sich nach und nach ausfaltet, angestoßen hat. Am 8. November 1940 erhielt Gershom Scholem in Jerusalem einen Brief, der sein Leben verändern sollte. An diesem Tag erfuhr er durch Hannah Arendt, dass sich sein engster Freund Walter Benjamin am 26. September im spanischen Port Bou das Leben genommen hatte. Arendt schloss den Brief mit den Worten: „Juden sterben in Europa und man verscharrt sie wie Hunde.“ Arendt, die sich mit ihrem Mann nach New York in die Freiheit retten konnte, bot den Anstoß für alles Weitere. Scholem schrieb sofort an Adorno und plante rasch und zielstrebig eine Ausgabe von Benjamins Schriften. Adorno antwortete zunächst, schwieg dann aber. Der so hoffnungsfroh begonnene Kontakt schien im Moment der ersten Bewährung zu versagen. Doch dann, Adorno war mit dem „Institut für Sozialforschung“ nach Frankfurt zurückgekehrt, gelingt nach und nach eine Zusammenarbeit. Es ist, wenn auch längst vielfach dokumentiert, immer wieder erstaunlich zu sehen, wie aus den zwischen Jerusalem und Frankfurt pendelnden Ideen schließlich Bücher werden.
  Scholem ist dabei der natürliche Anführer. Anders als Adorno ist er sich seines Platzes in der Welt bewusst. Wann immer Schwierigkeiten auftauchen oder Adorno bedroht wird, sei es tatsächlich durch Morddrohungen oder Freunde, die zu Feinden imaginiert werden, Scholem hebt ihn zurück in die tätige Verantwortung. Um das zu beglaubigen, kommt Scholem immer wieder und immer häufiger nach Europa. Zumeist von Zürich aus koordiniert er seine Pläne, begibt sich nach Berlin, Frankfurt, München, Göttingen. Über Adorno und die Editionsarbeit kommen Menschen wieder oder erstmals in seinen Blick, mit denen Scholem sprechen kann. Man höre etwa, wie Scholem dem Hessischen Rundfunk seinen Weg zur Kabbala erklärt. Es ist ganz und gar auch eine Rede über Deutschland.
  Und dieses Deutschland ist denn auch stets mit aufgerufen, wenn Adorno und Scholem kommunizieren. Während es für den Remigranten Fluch und Segen zugleich ist, wieder dort zu sein, wo er die Muttersprache sprechen und tatsächlich wirken kann, bleibt Scholem mindestens „dialektisch“. Wie so häufig, so hat er auch das fast beiläufig einmal zusammengefasst. 1972, Adorno war bereits seit drei Jahren tot, erschien anlässlich Benjamins 80. Geburtstags im Suhrkamp-Verlag ein Band über dessen „Aktualität“. Scholem bemerkte darin, Marxisten läsen Benjamin nun „wie die Heilige Schrift“. Das wurde immer als Spitze gegen die gelesen, die Jahre zuvor Adorno und Scholem scharf wegen deren Editionspraxis angegriffen hatten. Das mag sein, verfehlt aber trotzdem gänzlich den Sinn des Gesagten. Scholem sah in dem Klammern an den Text, dem wortgläubigen Nachbeten des Gelesenen nichts anderes als die Wiederkehr eines selbstgeschaffenen Mythos. Dieses Mal war es ein Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands. Das konnte ihm nicht gefallen, dieses quasi neue „religiöse Verhältnis“. Der Satz war aber vor allem ein Nachruf auf Adorno, dessen Herz zwar an sehr menschlichen, banalen Beziehungen zerbrochen war, der aber nie richtig frei in der gewählten Heimat Deutschland wurde. Scholem hörte hinter all den Klagen seines Briefpartners über Freundesverrat, die Mühen der akademischen Ebene und das unentwegte Schreibenmüssen durchaus das Stöhnen einer verletzten Seele, die nicht einmal mehr eine „Heilige Schrift“ hatte, in der sie hätte lesen und sich trösten können. Selbst die Erinnerung an Benjamin schien ihm so entrissen worden zu sein.
  Je öfter man diesen Briefwechsel liest, nach und nach auf andere Korrespondenzen und die Werke der Protagonisten zurückgreift, desto deutlicher wird die Kontur einer Gegengeschichte. Einer Gegengeschichte, die in der „unheimlichen Heimat“, so der Historiker Anthony Kauders, sich zwar abspielen konnte, die aber war nie wirklich gemeint. Es war ein imaginiertes Deutschland, das zwar auch auf dem Weg nach Westen und dabei erfolgreich war, doch das mit anderen nicht geteilt werden konnte. Aus diesem anderen Deutschland konnten sie nicht vertrieben werden, weil sie ihm eine eigene Gestalt und eine eigene Geschichte, ihre Geschichte, gaben. Adorno und Scholem schrieben gleichwohl über die Gräben hinweg. Dass dabei der Realitätssinn für das Machbare nicht getrübt wurde, gehört zu den Leistungen, die der Briefwechsel eindrücklich dokumentiert.
Theodor W. Adorno/Gershom Scholem : „Der liebe Gott wohnt im Detail“. Briefwechsel 1939–1969. Herausgegeben von Asaf Angermann. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 560 Seiten, 39,95 Euro.
Nicht ohne Grund hatte Gershom
Scholem in einem Brief an Adorno
mit „G . . olem“ unterzeichnet
In Adornos Briefen hörte
Scholem das Stöhnen
einer verletzten Seele
In weiter Ferne, sehr nah: Theodor W. Adorno und Gershom Sholem.
Fotos: Ilse Mayer-Gehrken, Aliza Auerbach/Suhrkamp
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Mit großer Sympathie, sehr konzentriert und gestützt durch persönliche Erinnerungen an die Autoren bespricht Jürgen Habermas himself diesen Briefwechsel, der auf ein von Walter Benjamin aus dem Pariser Exil vermittelten erstes Treffen Scholems und Adornos in New York zurückgeht und bis zu Adornos Tod fortgesetzt wurde. Benjamin bildet die klare Mitte dieser Briefe, so Habermas, einerseits gewissermaßen organisatorisch, denn beide arbeiten daran, den total vergessenen Benjamin in der Nachkriegszeit wieder bekannt zu machen - der Suhrkamp Verlag musste sozusagen zu einer ersten Benjamin-Ausgabe erpresst werden, erzählt Habermas - und ihn dabei "anderen Geistern, die Benjamins Gestirn ebenfalls umkreisten" (womit Hannah Arendt gemeint sein dürfte), zu entreißen, aber andererseits auch inhaltlich: Und hier liegt die ganz und gar Habermassche Aktualität der Briefe, denn beiden liegt daran, "die dumpfe Immanenz eines alle Lebensbezirke durchdringenden Kapitalismus" zu überwinden, beide suchen auf ihre Art nach Rettungsankern in der Metaphysik und finden ihre Inspiration dazu bei Benjamin, über dessen Flirt mit Brecht und dem Kommunismus sie darum beide die Nase rümpfen. En passant lobt Habermas die Ausgabe der Briefe und die sorgfältigen Kommentare ihres Herausgebers.

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