Briefe eines Intellektuellen 1886-1937 - Sombart, Werner
99,90 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln
    Gebundenes Buch

Die Edition von ausgewählten Briefen des Nationalökonomen und Soziologen Werner Sombart (1863-1941) bietet Einblicke in das Denken und in die Lebenswelt eines bedeutenden Intellektuellen, der im Kaiserreich und in der Weimarer Republik mit seinen wissenschaftlichen Werken und seinem politischen Engagement großes Aufsehen erregte. In jungen Jahren setzte sich Sombart mit dem Marxismus auseinander, legte eine wegweisende Analyse der Entwicklung des Kapitalismus vor und plädierte für eine Kooperation bürgerlicher Sozialreformer mit Sozialdemokraten. Die Briefe dokumentieren ferner eine…mehr

Produktbeschreibung
Die Edition von ausgewählten Briefen des Nationalökonomen und Soziologen Werner Sombart (1863-1941) bietet Einblicke in das Denken und in die Lebenswelt eines bedeutenden Intellektuellen, der im Kaiserreich und in der Weimarer Republik mit seinen wissenschaftlichen Werken und seinem politischen Engagement großes Aufsehen erregte. In jungen Jahren setzte sich Sombart mit dem Marxismus auseinander, legte eine wegweisende Analyse der Entwicklung des Kapitalismus vor und plädierte für eine Kooperation bürgerlicher Sozialreformer mit Sozialdemokraten. Die Briefe dokumentieren ferner eine bürgerliche Lebensführung, die auch die Arbeitsweise Sombarts prägte. Im frühen 20. Jahrhundert übernahm er kulturkritische, nationalistische Positionen und baute seinen Ruf als führender Nationalökonom aus. Die Briefedition erschließt nicht zuletzt auch die Welt des älteren Gelehrten der 1920er und 1930er Jahre, als der Ruhm Sombarts verblasste und er sich rechtskonservativen Strömungen annäherte und
den Nationalsozialismus zunächst unterstützte.
  • Produktdetails
  • Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts .75
  • Verlag: Duncker & Humblot
  • Artikelnr. des Verlages: 15541
  • Seitenzahl: 580
  • Erscheinungstermin: 23. Februar 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 246mm x 172mm x 38mm
  • Gewicht: 1059g
  • ISBN-13: 9783428155415
  • ISBN-10: 3428155416
  • Artikelnr.: 55098633
Autorenporträt
Thomas Kroll ist seit 2007 Professor für Westeuropäische Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seine Forschungsschwerpunkte sind die vergleichende Geschichte der europäischen Intellektuellen und Eliten im 19. und 20. Jahrhundert, die Historiographiegeschichte West-und Südeuropas sowie die Geschichte des italienischen Risorgimento. Wichtigste Publikationen: Die Revolte des Patriziats. Der toskanische Adelsliberalismus im Risorgimento, Tübingen 1999; Kommunistische Intellektuelle in Westeuropa. Frankreich, Österreich, Italien und Großbritannien im Vergleich (1945-1956), Köln 2009. Friedrich Lenger hat seit 1999 den Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Geschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen inne. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der Sozialwissenschaften, die europäische und nordamerikanische Stadtgeschichte sowie die Geschichte und Theorie des globalen Kapitalismus. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen zählen: Werner Sombart (1863-1941). Eine Biographie, München 2012; Metropolen der Moderne. Eine europäische Sozial- und Kulturgeschichte seit 1850, München 2014 und Globalen Kapitalismus denken. Historiographie-, theorie- und wissenschaftsgeschichtliche Studien, Tübingen 2018. 2015 wurde er mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet. Michael Schellenberger promovierte mit einer Arbeit zur Stiftungskultur Hamburgs. Bis 2016 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Justus-Liebig-Universität Gießen und arbeitet seit dem nebenberuflich als Historiker und Redakteur. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des Bürgertums, der Stiftungskultur und der modernen Stadtgeschichte sowie die Gewaltgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Wichtigste Publikationen sind: (als Michael Werner) Stiftungsstadt und Bürgertum. Hamburgs Stiftungskultur vom Kaiserreich bis in den Nationalsozialismus, München 2011; (gemeinsam mit Friedrich Lenger) Gewaltgemeinschaften im urbanen Raum der Zwischenkriegszeit. Barcelona, Belfast, Berlin, in: Gewaltgemeinschaften in der Geschichte, hrsg. von Winfried Speitkamp, Göttingen 2017, S.255-274.
Inhaltsangabe
VorwortI. EinleitungII. Editorische Vorbemerkung mit BeispielbriefIII. In den Briefen verwendete Abkürzungen und ZeichenIV. BriefverzeichnisV. Briefe in chronologischer ReihenfolgeVI. AnhangVerzeichnis der Briefadressaten mit Kurzbiographien - Quellen- und Literaturverzeichnis, Internetressourcen - Personenregister
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 31.05.2019

Vom Spätkapitalismus handelte er als Erster
Zum wendungsreichen Denk- und Lebensweg eines öffentlichen Intellektuellen: Werner Sombart in seinen Briefen

In Ernst Klees Personenlexikon zum Dritten Reich findet sich ein Eintrag über Werner Sombart. Darin wird er als "sozialkonservativer Wegbereiter des Nationalsozialismus" charakterisiert, der im August 1934 zu den Unterzeichnern des im "Völkischen Beobachter" veröffentlichten Aufrufs "Deutsche Wissenschaftler hinter Adolf Hitler" zählte.

Sombarts zumindest anfängliche Sympathie für den Nationalsozialismus ist seit langem bekannt. Die Kenntnis davon trug mit dazu bei, dass ihm als einem der prominentesten Sozialwissenschaftler aus dem ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts, verglichen mit Max Weber oder Ferdinand Tönnies, nur ein randständiges öffentliches Nachleben beschieden war.

Sosehr Sombart als Wissenschaftler für Webers Wertfreiheit-Postulat eintrat, so leidenschaftlich urteilte er in politischen, gesellschaftlichen und auch kulturellen Angelegenheiten. Dabei versuchte er bewusst, über öffentliche Podien und Foren Gehör zu finden. Sombart verstand es, seine zahlreichen Zuhörer in den Bann zu ziehen, und sein literarisch anmutender Schreibstil zielte weit über einen kleinen Expertenkreis hinaus. Zusammengenommen sind dies Eigenschaften und Ausdrucksformen eines die Grenzen des fachwissenschaftlichen Feldes überschreitenden Intellektuellen, dessen Briefe zwischen 1886 und 1940 (nicht 1937, wie im Titel vermerkt) nun eine neue Edition umfasst.

In chronologischer Reihenfolge lässt sich anhand der 395 darin abgedruckten Dokumente Sombarts wendungsreicher Lebens- und Denkweg nachvollziehen. Wie es sich für eine wissenschaftliche Ausgabe gehört, werden Eigentümlichkeiten in der Schreibweise beibehalten und erläutert; unbekannte Personen und zeithistorische Kontexte sind vorbildlich dargestellt. Neben der gelungenen Einführung von Friedrich Lenger erleichtern Kurzbiogramme der Adressaten die Lektüre eines Bandes, der auf Vollständigkeit verzichtet. Die kluge Auswahl beschränkt sich auf Sombarts eigene Schriftstücke, was gelegentlich unbefriedigt bleibende Neugier weckt: Wie haben seine Briefpartner ihn wohl provoziert, was haben sie ihm geantwortet?

Der Charakter der Briefe variiert je nach Empfänger. Am ergiebigsten und umfänglichsten sind die Schreiben an den führenden Schweizer Sozialdemokraten Otto Lang, mit dem Sombart über eigene politische Positionswechsel hinweg eine innige Freundschaft verband, aber auch jene an den Schriftsteller Carl Hauptmann - den jüngeren Bruder Gerharts, mit dem Sombart ebenfalls korrespondierte - und den sozialdemokratischen Journalisten Heinrich Braun. Das Maß der Vertrautheit ist unterschiedlich: Mal stehen persönliche Gefühle im Zentrum, mal berufliche Karriere- und Honorarfragen, mal zeitdiagnostische Stellungnahmen, mal Amüsantes und Anekdotisches. Wir erfahren beispielsweise, wie Sombart 1889 seiner ersten Frau Treitschkes "Deutsche Geschichte" als Gute-Nacht-Lektüre vorlas oder für wie unfähig er Rosa Luxemburgs Doktorvater Julius Wolf in Zürich hielt.

Neben den regelmäßigen Korrespondenzpartnern enthält die Edition auch einzelne Schreiben an August Bebel, Maximilian Harden, Robert Michels, Friedrich Naumann, Max Scheler und Alfred Weber. Briefe an dessen älteren Bruder Max finden sich erstaunlicherweise nicht, obwohl Sombart mit ihm gemeinsam über viele Jahre hinweg das bedeutsame "Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik" herausgab. Mit Max Weber verband ihn eine von Rivalität durchzogene Freundschaft. Als der jüngere Kollege 1894 statt seiner einen Ruf auf ein Ordinariat in Freiburg erhielt, titulierte ihn Sombart despektierlich als "Modegelehrten", den man ihm, dem Unbequemen, vorgezogen habe.

Viele Briefe bringen Sombarts anhaltende Frustration zum Ausdruck, nicht als "O.Ö." - als ordentlicher öffentlicher Professor - an einer hochrangigen Universität zu reüssieren. Bereits mit 27 Jahren erhielt der Nichthabilitierte zwar 1890 ein Extraordinariat an der Universität Breslau, die er 1906 verließ, um an die wenig angesehene Berliner Handelshochschule zu wechseln. Erst 1917 aber folgte der Ruf als Ordinarius, bald zudem Geheimer Regierungsrat, an die Berliner Universität. Das mühsame Erklimmen der akademischen Ruhmesleiter ließ Sombart von einem "Leben als Außenseiter" sprechen. Die lange ausbleibende formale Anerkennung dürfte seinen Drang, über Publikationen auf sich aufmerksam zu machen, noch gesteigert haben. Seine eher historisch als theoretisch ambitionierten Hauptwerke sind der Genese und dem Charakter des Kapitalismus wie des Sozialismus gewidmet. Er war der Erste, der Begriffe wie Früh-, Hoch- und Spätkapitalismus dauerhaft ins Gespräch brachte und Karl Marx' Ideen weit über dessen Jüngerkreis hinaus in die wissenschaftliche Debatte einzuführen half.

Die anerkennende Auseinandersetzung mit Marx brachte ihm den berufungshinderlichen Ruf ein, selbst ein Sozialist zu sein. Er nannte sich gelegentlich einen "Neo-Marxisten" und liebäugelte zeitweilig mit sozialdemokratischen Reformprojekten, wobei er jeden "Revolutionarismus" ablehnte. Sombart wollte aber seinen Eigensinn nicht durch das Dogma einer Partei begrenzen lassen. Seinem Freund Otto Lang schrieb er 1896: "Ich kann mich überhaupt keiner Parteischablone unterordnen!" Der Typus des irisierenden Intellektuellen passte in der Tat besser zu ihm.

Angesichts dieser Ungebundenheit und Unberechenbarkeit bleibt es eine Streitfrage, wie groß die Volten waren, die Sombart bisweilen schlug. In den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts verflüchtigte sich bei ihm zunehmend jeglicher Fortschrittsoptimismus, und kulturpessimistische Tendenzen nahmen zu. Ab jener Zeit wirkte er deprimiert, fühlte sich heimatlos und missverstanden. Antiwestliche Töne, wie er sie in seiner Weltkriegsschrift "Händler und Helden" von 1915 anschlug, deuteten sich bereits 1904 an, als er von Eindrücken einer Amerika-Reise berichtete. Das "Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten" sei "noch schrecklicher, entsetzlicher, fürchterlicher als ich es mir vorgestellt hatte (+ ich hatte es mir schon grauenvoll genug vorgestellt) - die Götterdämmerung der Kultur!"

Seine Kulturkritik äußerte sich ab dem Ersten Weltkrieg energiegeladen und offensiv, samt manch antisemitischer Einfärbung. 1915 beharrte er auf der Streichung seines Namens aus dem "Archiv" aufgrund der, wie er meinte, "immer ausgesprocheneren jüdisch-international-sozialdemokratischen Tendenz" der Zeitschrift. 1920 hoffte er auf einen Bürgerkrieg der Extreme als "Heilungsprozess" für Deutschland. Vom Marxismus wandte er sich zugunsten eines nationalistisch gefärbten Antikapitalismus und Autarkiestrebens ab. Wie er 1933 Johann Plenge gegenüber äußerte, beanspruchte er einen Teil der geistigen "Vaterschaft des Nationalsozialismus". Im darauffolgenden Jahr präsentierte er seine Ideen eines "deutschen Sozialismus", ohne dass ihm das Hitlerregime dafür Anerkennung zollen sollte.

Erneut empfand sich Sombart als Ausgegrenzter, stimmte wie schon zuvor einen pessimistischen Grundton an und verstummte ungeachtet eines letzten Buches "Vom Menschen" als öffentlicher Intellektueller. Als einziger "Lichtpunkt in unserer dunklen Zeit", so heißt es in einem Brief an Gerhart Hauptmann vom Mai 1940, blieb ihm, dass die Stücke seines Freundes nun auf fast allen Berliner Bühnen gespielt wurden.

ALEXANDER GALLUS.

Werner Sombart: "Briefe eines Intellektuellen 1886-1937".

Hrsg. von Thomas Kroll, Friedrich Lenger und Michael Schellenberger.

Duncker & Humblot Verlag, Berlin 2019. 580 S., geb., 99,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr
"Mit der Briefedition jedenfalls wird der Geist eines - bei aller Distanz - bedeutenden Verstorbenen wieder lebendig." Bernhard Schulz, in: Der Tagesspiegel, Politische Literatur, Nr. 23 928 vom 28.August 2019