Hypnosepolitik - Bugmann, Mirjam
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Der Schweizer Psychiater August Forel (1848-1931), von 1879 bis 1898 Direktor der psychiatrischen Heilanstalt Burghölzli in Zürich und Professor für Psychiatrie, wandte bei Patienten und Pflegepersonal die damals umstrittene Hypnosetherapie an. Im Kontext seines therapeutisch-wissenschaftlichen und gesellschaftspolitisch-weltanschaulichen Engagements zeigte sich der Hypnotismus als Teil eines umfassenden biopolitischen Programms. Mit Hypnose wollte Forel direkt die cerebralen Prägungen gemäß seiner Heilungsmaßstäbe umschreiben. Das plastische Gehirn und seine erblichen Anlagen standen dabei im…mehr

Produktbeschreibung
Der Schweizer Psychiater August Forel (1848-1931), von 1879 bis 1898 Direktor der psychiatrischen Heilanstalt Burghölzli in Zürich und Professor für Psychiatrie, wandte bei Patienten und Pflegepersonal die damals umstrittene Hypnosetherapie an. Im Kontext seines therapeutisch-wissenschaftlichen und gesellschaftspolitisch-weltanschaulichen Engagements zeigte sich der Hypnotismus als Teil eines umfassenden biopolitischen Programms. Mit Hypnose wollte Forel direkt die cerebralen Prägungen gemäß seiner Heilungsmaßstäbe umschreiben. Das plastische Gehirn und seine erblichen Anlagen standen dabei im Zentrum seiner Bemühungen, den 'Wert' zukünftiger Generationen zu beeinflussen. Dank sozialtechnologischer Intervention entschied sich für ihn im Gehirn die Entwicklung der Menschheit.
  • Produktdetails
  • Zürcher Beiträge zur Geschichtswissenschaft Bd.5
  • Verlag: Böhlau
  • Seitenzahl: 335
  • Erscheinungstermin: Februar 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 236mm x 162mm x 30mm
  • Gewicht: 665g
  • ISBN-13: 9783412224462
  • ISBN-10: 3412224464
  • Artikelnr.: 41882468
Autorenporträt
Mirjam Bugmann wurde mit vorliegender Studie an der Universität Zürich promoviert.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Mit gemischten Gefühlen hat Rezensent Andreas Mayer Mirjam Bugmanns unter dem Titel "Hypnosepolitik" erschienenes Buch über den Schweizer Psychiater August Forel gelesen. Der Kritiker lobt die gründliche Recherche der Historikerin, die in ihrem Buch nachweist, dass Forel zwar die ganze Macht des Hypnosearztes ausschöpfte, aber bei weitem nicht so viele erfolgreiche Hypnotisierungen vornahm, wie seine Memoiren glauben machen wollen. Während Mayer interessiert nachliest, wie Bugmann Forels Suggestionstechnik in größeren Kontexten, etwa im gehirnphysiologischen Zusammenhang verortet, zeigt er sich mit einigen Schlussfolgerungen der Autorin nicht einverstanden. Darüber hinaus hätte sich der Rezensent neben der kurzen Diskussion über die Differenzen zwischen Forel und den Psychoanalytikern eine systematische Gegenüberstellung zwischen Forels Werk "Die sexuelle Frage" und Freuds im selben Jahr erschienenen "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" gewünscht.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 29.09.2015

Simulieren geht vor Suggerieren
Der Meister der Hypnose: Mirjam Bugmann prüft das Bild des Psychiaters August Forel anhand der Quellen

In seinen Vorlesungen über die psychiatrische Macht (1973-74) widmete sich Michel Foucault auch den französischen Klinikern, die im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts die Hypnose zum Dreh- und Angelpunkt einer neuen experimentellen Psychologie zu machen suchten. Für Foucault verkörperte sich in der Hypnosepraxis des berühmten Neurologen Jean-Martin Charcot eine "Hypertrophie der Macht", in der die als hysterisch diagnostizierten Patientinnen zu scheinbar willenlosen Geschöpfen wurden. Allerdings, so die Pointe Foucaults, sei diese Macht bloß auf einem Schein aufgebaut gewesen, denn die Hysterikerinnen hätten ihre Symptome nur vorgetäuscht und sich somit als Vorläuferinnen der antipsychiatrischen Revolte erwiesen.

Wie so oft hatte Foucault eine historiographisch brisante Thematik angerissen, sie aber den falschen Akteuren zugeschrieben: Während Charcot die Hypnose im Rahmen von physiologischen Laborexperimenten unter Kontrolle zu bringen trachtete, waren es vielmehr seine Gegenspieler, allen voran Hippolyte Bernheim, die die Macht des Hypnosearztes in der Psychotherapie und bald auch in anderen Lebensbereichen auszubauen suchten.

Die zentrale Figur in dieser von Bernheim ausgehenden Hypnosebewegung war der Westschweizer August Forel (1848-1931), vor allem berühmt durch seine Ameisenforschung und sozialreformerischen Tätigkeiten, der von 1879 bis 1898 Klinikdirektor und Professor für Psychiatrie an der Burghölzli-Klinik in Zürich war. In Forel verkörperte sich in dieser Zeit die grenzenlose Macht des Hypnosearztes am reinsten: Er erprobte die Techniken der Suggestion nicht nur an sich selbst und zu therapeutischen Zwecken, sondern auch am Wachpersonal der Klinik. Mit dem erstaunlichen Bild der hypnotisch programmierten "schlafenden Wachen" wurde der Außenwelt das Bild einer durch den Direktor "ferngesteuerten Klinik" vermittelt. Ein Bild, das die Schweizer Historikerin Mirjam Bugmann nun erstmals aufgrund von ausführlicher Quellenarbeit neu einzuschätzen sucht.

Obwohl Forel in seinen Memoiren rückblickend feststellte, er habe im Burghölzli "massenhaft" Hypnotisierungen vorgenommen, weist die Autorin einen eher geringen Anteil nach und revidiert in vielen Punkten dessen Selbstdarstellung. So zeigt sie anhand einer Studie der Krankenakten, dass die Therapie nicht unbedingt nach dem Muster der von Forel geschriebenen Erfolgsgeschichten verlief.

Bugmann betrachtet die Hypnosepraxis weitgehend aus einer distanzierten quasi-ethnologischen Perspektive: als eine Form rituellen Handelns, das sich innerhalb eines spezifischen Skripts vollzieht, welches dem Hypnotiseur und seinen Versuchspersonen bestimmte Aktionsmöglichkeiten einräumt. Die Autorin unterschätzt allerdings die Möglichkeiten der Patienten, sich dem suggestiven Einfluss des hypnotisierenden Psychiaters zu entziehen.

Im Gegensatz zu späteren psychotherapeutischen Techniken wie der Freudschen Psychoanalyse oder dem Rorschach-Test war die Suggestionstherapie ein hochgradig öffentliches Verfahren, das sich auf dem Terrain des Settings schwer vollständig kontrollieren ließ. Angesichts der zahlreichen Kontroversen um die Simulation in der Hypnose, auf die die Autorin in ihrem Buch eingeht, erscheint ihre abschließende Formulierung, Forel haben in Sachen Suggestionstechnik eine "hegemoniale Deutungsmacht" ausgeübt, nicht ganz überzeugend.

Bugmann verortet Forels Arbeit mit der Hypnose in größeren Kontexten: einerseits in einem gehirnphysiologischen Forschungszusammenhang, der zunehmend metaphorisch auf alle Lebensbereiche übergreift, andererseits in konkreten Interventionen innerhalb der Abstinenzbewegung, der Sexualreform und der Eugenik. So zeigt sie, dass die Hypnose im Burghölzli vor allem bei Alkoholikern angewendet wurde. Als Paradebeispiel führte Forel in seinem einflussreichen Lehrbuch einen siebzigjährigen "unverbesserlichen Trunkenbold und Lumpen" an, der sich, obwohl längst als hoffnungsloser Fall abgeschrieben, unter seiner Anleitung zu einem der "eifrigsten Abstinenten der Anstalt" wandelte. Zentral war bei solchen wunderbaren Heilungen die Verknüpfung mit neuen sozialen Institutionen wie dem Abstinenzverein, in den die Patienten eintreten mussten. Hier sollte nach Forels Auffassung durch das Umfeld einer "alkoholfreien suggestiven Geselligkeit" ein dauerhaftes "Vergnügen am soliden Leben" begründet werden.

Auch in Bezug auf die "sexuelle Hygiene", insbesondere "perverse" Abweichungen, sollte die Hypnose Korrekturen erlauben oder zumindest den Sexualtrieb erheblich dämpfen. Forels sexualhygienischer Bestseller "Die sexuelle Frage" erschien 1905, im selben Jahr wie Freuds "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie".

Bugmann diskutiert zwar kurz die zunehmenden Differenzen zwischen Forel und den Psychoanalytikern in Bezug auf die Rolle der Sexualität in der psychotherapeutischen Praxis, verzichtet aber auf eine systematischere Gegenüberstellung der beiden Werke, die in vielerlei Hinsicht erhellend gewesen wäre.

Im Schlussteil versteht sie dagegen nicht nur die sexualreformerischen und eugenischen Schriften des Schweizer Psychiaters, sondern auch dessen Beiträge zur Hypnose generell als Ausdruck eines auf Regulierung von Leben und Tod der Bevölkerung zielenden Programms. Foucaults Thesen zur Biopolitik, denen die Autorin hier folgt, erweisen sich aber als etwas zu enges Korsett, um einer widersprüchlichen Figur wie Forel gerecht zu werden: Während die Äußerungen des Psychiaters zu Zwangssterilisation von Geisteskranken oder zur Gefahr der Entartung der "Kulturmenschheit" durch "niedere Rassen" offensichtlich in diesen Rahmen passen, gilt dies kaum für sein Engagement für die Gleichberechtigung der Frauen und den internationalen Weltfrieden.

ANDREAS MAYER.

Mirjam Bugmann: "Hypnosepolitik". Der Psychiater August Forel, das Gehirn und die Gesellschaft.

Böhlau Verlag, Wien 2015. 335 S., geb., 49,90 [Euro].

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