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Der Band nimmt Gedankengänge auf, die Ernst Tugendhat in seinem Buch Egozentrizität und Mystik ausgeführt hat. Die Religion, die im vorherigen Buch neben der Mystik ein Randdasein führte, tritt jetzt in den Vordergrund. Für die Neuauflage hat Ernst Tugendhat den Band um zwei neue Beiträge erweitert: Nazismus und Universalismus. Ist die universalistische Moral historisch erklärbar? und Noch einmal über normative Gleichheit. Was immer Metaphysik heißen mag, es reduziert sich, so die These dieses Buches, auf Anthropologie, weil alle metaphysischen Themen sich als Elemente des menschlichen…mehr

Produktbeschreibung
Der Band nimmt Gedankengänge auf, die Ernst Tugendhat in seinem Buch Egozentrizität und Mystik ausgeführt hat. Die Religion, die im vorherigen Buch neben der Mystik ein Randdasein führte, tritt jetzt in den Vordergrund. Für die Neuauflage hat Ernst Tugendhat den Band um zwei neue Beiträge erweitert: Nazismus und Universalismus. Ist die universalistische Moral historisch erklärbar? und Noch einmal über normative Gleichheit. Was immer Metaphysik heißen mag, es reduziert sich, so die These dieses Buches, auf Anthropologie, weil alle metaphysischen Themen sich als Elemente des menschlichen Verstehens erweisen. Sodann kommt Ernst Tugendhat noch zu einer anderen Erklärung für den Primat der Anthropologie: Alles Historische verliert seine Gültigkeit für uns, wenn es sich nur aus Tradition begründen läßt; und so bleibt die Frage nach dem Sein des Menschen übrig, wenn alles, was nur zu Traditionen gehört, wie ein Vorhang weggezogen wird. Was aber ist philosophische Anthropologie, und wodurch unterscheidet sie sich von der empirischen Anthropologie? Das Buch geht diesen Fragen nach und widmet sich daneben anthropologischen Einzelthemen wie Willensfreiheit, intellektuelle Redlichkeit, Moral, Religion und unser Verhältnis zum Tod.
  • Produktdetails
  • Beck'sche Reihe Bd.1823
  • Verlag: Beck
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 574
  • Erscheinungstermin: 20. März 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 146mm x 40mm
  • Gewicht: 695g
  • ISBN-13: 9783406598975
  • ISBN-10: 3406598978
  • Artikelnr.: 27249880
Autorenporträt
Prof. Dr. Jürgen Osterhammel, geb. 1952, ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Konstanz. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur europäischen und asiatischen Geschichte seit dem 18. Jahrhundert. Im Jahr 2012 wurde er mit dem Gerda Henkel Preis ausgezeichnet, 2014 mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 03.11.1998

Im Reich der dicken Finsternis
Jürgen Osterhammel und Jonathan Spence erzählen die wundersame Geschichte von der asiatischen Bezauberung Europas / Von Franziska Augstein

Am 14. September 1793 verweigerte George Macartney dem Kaiser von China den Kotau. Dreimal aus dem Stand sich niederwerfen, neunmal ausgestreckt zu Boden gehen: Es war eines britischen Gesandten nicht würdig - fand jedenfalls der Gesandte. In wochenlangem diplomatischem Gerangel hatte er sich einen anderen Auftritt vor dem Drachenthron erstritten: Macartney, der bessere Handelskonditionen für sein Land erwirken wollte, beugte ein Knie, er senkte das Haupt. Und der Kaiser von China nahm es hin. Qianlong war damals ein uralter Mann, den Macartney - der sich als ein leutseliger Vertreter der Kolonialherrschaft gab - später als "umgänglich" beschrieben hat.

Der 14. September 1793 war ein Tag wie andere, aber Macartneys halber Kniefall symbolisierte die Wende in der europäischen Ostpolitik. Als Europa seine Leutseligkeit verlor, war beschlossen, was Jürgen Osterhammel die "Entzauberung Asiens" nennt. Von da an ergaben sich die Kolonialnationen einem kulturellen Autismus, den sie selbst für wissenschaftlich und zweckmäßig hielten. Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, schreibt Osterhammel, habe Europa sich als "Nicht-Asien" definiert. Aber diese Verneinung prägte sich nicht einfach als Ablehnung aus. Und die Formen, in denen die Epoche der Aufklärung die Negation variierte, schildert Osterhammel in seinem anregenden Buch.

Bis zur Zeit der Französischen Revolution war man den Ländern Asiens mit einem Interesse begegnet, das von näheren Kenntnissen wenig belastet war: Der Kontinent lag "in dicker Finsternis begraben", wie der Comte de Volney sich ausdrückte, der es wissen mußte, weil er selbst dagewesen war. Aber das damalige Europa liebte ja die Verschleierung. Erst als die Epoche vorbei war, konnten die Stoffe seiner Metaphorik nicht mehr konkurrieren mit dem Tuch aus den Manufakturen. Das wurde nach dem Meter gezählt. Und die Generäle zählten ihre Truppen in diesem Tuch. Das große Maskenfest der Aufklärung, in dem die Ideologie sich als Esprit, der Esprit sich als Vernunft und die Vernunft sich als Narretei in Schale warfen, wurde in den napoleonischen Kriegen abgebrochen.

Jürgen Osterhammel ist nicht der einzige, der in diesem Herbst den Niedergang des "Spielerischen" bedauert, das der Aufklärungsepoche noch eigen war. Dasselbe Wort benutzt auch Jonathan Spence in seiner gerade erschienenen essayistischen Studie über "China in Western Minds", die sich von Marco Polo bis in die Gegenwart erstreckt. Spence lehrt in Harvard, und während Osterhammel, der ein vielgelobtes Buch über "China und die Weltgesellschaft" (F.A.Z. vom 10. Oktober 1989) geschrieben hat, als Experte für die chinesische Geschichte gilt, ist Spence als Meister des Fachs bekannt. Die neuen Publikationen der beiden drehen sich allerdings vor allem um Europa. Beide Bücher sind viel mehr als bloß zwei weitere Schleifen am Schweif der Kulturgeschichte. Sie handeln von Europas Haltung zu sich und der Welt und zeigen so, wie Europa zu dem Kontinent wurde, den wir heute kennen.

Und noch in einem anderen Punkt stimmen Osterhammel und Spence überein: Beide betrachten die Aufklärungsepoche mit gelassener, spätmoderner Wehmut; sie erblicken die Vorzüge dieser Zeit nicht so sehr in ihren Einsichten als in ihrer Einsichtsfähigkeit. Nicht in moralischen Maximen liegen diese Vorzüge, die von den Zeitgenossen ja eher nicht befolgt und späterhin nicht vergessen wurden, sondern in der Geisteshaltung und der Lebenseinstellung, in der die Menschen sich übten: Die bekannte Welt war viel kleiner als heute, aber die Himmel waren weiter.

Die europäische Frühmoderne hielt den asiatischen Kontinent - seine uralte Kultur, seine große Ausdehnung, die Exotik, seine Religion, seine relative technische Rückständigkeit und seine Schwäche gegenüber den europäischen Invasoren - für "das große Gegenprinzip" zur eigenen Zivilisation. In den Asienkommentaren des achtzehnten Jahrhunderts entdeckt Osterhammel ein alteuropäisches Selbstverständnis, das er in späteren Zeiten vermißt. Weil er kein Hehl daraus macht, wie sehr er diesem anderen Europa zugetan ist, und weil er natürlich gelernt hat, daß ein Historiker so etwas nicht zugibt, weil er ja objektiv zu sein hat, bekommt seine ansonsten faktengesättigte und prägnante Darstellung in Momenten der überwundenen Scheu ganz aufgeregt-rote Bäckchen.

"Dieses Buch hat Helden", schreibt er eingangs. Seine Helden, das sind die Ikarusse der Zeit, die sich am Stoff des Himmelszelts die Nase stießen: Reisende, Abenteurer, Sprachgelehrte, Diplomaten, Philosophen - alle, deren Verständnis für das Fremdartige so weit ging, daß sie es respektierten, selbst wenn sie es nicht begriffen. "Sie brauchten uns nicht", sagte Voltaire von den Völkern des Ostens, "aber wir brauchten sie".

Die "Helden" sind zahlreich: Voltaire und Diderot gehören dazu, der Iranreisende Jean Chardin, der Orientgelehrte Joseph von Hammer-Purgstall, die Historiker Edward Gibbon, Hermann-Ludwig Heeren, William Robertson und viele andere. Ein "Held" war auch Carsten Niebuhr, Mitglied einer Expedition, die im Auftrag der dänischen Krone 1761 nach Arabien aufbrach: Niebuhr bemühte sich, so Osterhammel, "die Weltinterpretation der Nichteuropäer, denen er begegnete, aus deren eigenem Denken heraus" zu verstehen. Die Organisatoren der vielköpfigen Expedition waren vorausschauend gewesen. So wußten sie, daß man mit dem Hocharabischen der Schriftsprache keine Kamele mieten konnte. Einen klugen Professor hatten sie deshalb eigens zu den Maroniten nach Rom geschickt, damit er bei ihnen Kenntnisse der Umgangssprache erwürbe. Wie sich zeigte, nützte ihm das wenig. Niebuhr hingegen schnappte das Arabische wie im Vorbeigehen auf. Und nachdem alle seine Reisegefährten den Tod gefunden hatten, führte er die Mission auf eigene Faust noch jahrelang fort.

Ein "Held" war auch Abraham-Hyacinthe Anquetil-Duperron, ein "Sprachgenie" und "Sonderling", der Teile der Zendawesta übersetzte und die Briten von Herzen haßte: Wenn diese den Indern das Verständnis für das Privateigentum absprachen, so lag es in Anquetils Augen nur daran, daß sie sich an deren Gütern desto ungestörter bereichern wollten. Noch im hohen Alter suchte der 1731 geborene Philologe Napoleon davon zu überzeugen, daß Indien vom britischen Joch befreit werden müsse. Gern, fügte Anquetil an, werde er die Kampagne persönlich führen.

So anschaulich solche kleinen Charakterbilder sind, hat Osterhammel sich mit ihnen so selten aufgehalten. Wer seine Studie aufmerksam liest, bekommt zwar einen Eindruck von den Leuten, die er einmal als das "Personal" bezeichnet. Aber die biographischen Details sind verstreut, man muß sie sich zumeist selbst zusammensuchen. Das Buch ist thematisch aufgebaut. Zu einem bestimmten Motiv oder einer Fragestellung hat Osterhammel zusammengestellt, was seine Lektüre jeweils hergab. Und das war in allen Fällen sehr viel. In der völkerkundlichen Anthropologie, der Gesellschaftskritik und der vergleichenden Kulturtheorie des achtzehnten Jahrhunderts kennt dieser Autor sich aus wie kein zweiter. Ein oder zwei Dutzend Namensnennungen auf einer Buchseite sind deshalb keine Seltenheit. Man hat es nicht so sehr mit "Personal", sondern mit einer ganzen Gelehrtenrepublik zu tun. Wer sich da als Leser noch nie aufgehalten hat, wird sich im Gewühl schnell verloren fühlen. Wer die Einwohner hingegen kennt, erlebt mit Bedauern, daß viele Begegnungen von förmlicher Kürze sind.

Diese Beschränkung ergibt sich, wie gesagt, daraus, daß der Autor thematisch vorgeht. Da sein Buch sowohl räumlich als auch zeitlich sehr breit angelegt ist, hätte er das auch kaum anders machen dürfen. Er untersucht nicht allein die europäischen Ansichten von "Asien", sondern auch die von einzelnen Reichen, Ländern und Regionen - Indien, Persien, das Osmanische Reich, Rußland, China, ein wenig Korea, etwas Japan, das sagenhafte Skythien und eine als "Tatarei" bekannte, geographisch nur vage umrissene Gegend, die auf den Landkarten noch in den ersten Dekaden des neunzehnten Jahrhunderts vor allem als gigantische leere Fläche auffiel. Den verschiedenen zeitgenössischen Eindrücken von diesen teils erforschten, teils erträumten Landstrichen in einer Weise gerecht zu werden, die Systematik mit Anschaulichkeit verbindet, ist eine dramaturgische Aufgabe, wie sie sich schwieriger kaum denken läßt. Zudem konnte Osterhammel naturgemäß nur einen Teil seiner Kenntnisse ausbreiten. Und wenn sein Buch den Leser ab und an hängenläßt, so liegt das an der Auswahl, die er getroffen hat.

In einer ausgezeichneten Einleitung, die das Terrain ideengeschichtlich sondiert, schreibt er, daß "Asiatisches auf mannigfache Weise als Argument in europäischen Debatten" diente: "Debatten über Wildheit und Zivilisation, über Fortschritt und Dekadenz, über Herrschaft und Gerechtigkeit, über Reichtum und Armut der Nationen, über Rechte und Glück von Frauen, über Wahrheiten und Irrtümer der Religionen".

Hinter den simplen Stichworten verbergen sich Fragen, die den Geist der Zeit bewegten: Wie erklärten sich die Kolonialnationen ihre augenfällige Überlegenheit, angesichts der Tatsache, daß die asiatische Kultur viel älter als die europäische war und der Garten Eden auch irgendwo in Asien gelegen haben sollte? Wurde Kultur durch Völkerwanderungen weitergetragen, oder gab es ein Prinzip, nach dem sie wie bei einem Funkenschlag von einer Nation zur nächsten übersprang? Wie konnte die Geschäftstüchtigkeit gerade in Despotien so hoch entwickelt sein, von denen man im fernen Europa glaubte, daß die Bürger dort ihres Lebens nicht sicher seien und alleweil um ihr Eigentum fürchten mußten? Wie verstand sich die Vorstellung von Asien als Ort der gesellschaftlichen Stagnation schlechthin mit der ebenso weit verbreiteten Meinung, daß dieser Kontinent gewaltigere politische Umwälzungen mitgemacht habe, als man das aus Europa kannte? In welcher Beziehung standen Nomadenleben und Kriegertum? In welcher Weise hatten die Reitervölker die politische Verfassung des Kontinents geprägt? Gab es einen Zusammenhang zwischen der hohen Verfeinerung der chinesischen Sitten und der Bürokratie? Und welche Lehren waren aus alledem für Europa zu ziehen?

Ü ber all diese Dinge hat Osterhammel vieles zu sagen. Aber bevor er dazu kommt, zerrt er seine Leser durch eine hundertdreißig Seiten lange Analyse der Reisebeschreibungen. Die ist zwar sorgsam durchgeführt und enthält viele absonderliche Details; nach Osterhammels gedankenreicher Einleitung freut man sich aber auf die Auseinandersetzung mit "Asiens" Rolle in der Gesellschaftsphilosophie des achtzehnten Jahrhunderts und will nicht eine Exkursion in die schon oft untersuchte Kulturgeschichte des Reisens unternehmen, deren Ergebnisse vorhersehbar sind, weil man ähnliches anderswo schon gelesen hat: Da die Europäer in der Fremde eben zumeist sie selber blieben, macht es keinen gar so großen Unterschied, ob man die Spuren ihrer Schritte in Tibet oder in Timbuktu ausmißt.

Hätte Osterhammel sich diesen Ausflug in die Kulturgeschichte des Reisens geschenkt, dann hätte der ganze interessante Rest seiner Darstellung etwas weniger gedrängt und noch etwas erzählerischer ausfallen können. Dann wäre Raum genug gewesen, über die physiologisch begründeten Klassifikationen der asiatischen Völker zu reden und mehr auf die Belletristik, die Sprachphilosophie oder die vergleichende Mythographie der Epoche einzugehen. So umfassend Osterhammels Studie anmutet, hat er am Ende doch darauf verzichtet, das europäische Asienbild in einer grandiosen Totale darzustellen. Der lange Reise-Abstecher dient natürlich auch dazu, diverse Länder sowie zeitgenössische Autoren vorzustellen. Trotzdem wünscht man sich, daß die wilden Reitervölker, von denen das Buch auf Seite 211 zu sprechen beginnt, schon viel früher eingefallen wären.

Attila und Dschingis Khan haben die Zivilisationstheoretiker der Zeit fasziniert. Osterhammel legt Wert darauf, daß es erst im neunzehnten Jahrhundert üblich wurde, die europäische Ordnung gegen die "asiatischen Horden" auszuspielen. Zuvor, so könnte man sagen, wurden die Reitervölker mehr wie Naturgewalten betrachtet. "Un-historisch" ist das Wort, das Osterhammel dafür benutzt.

In der zweiten Hälfte des Buches geht es dann endlich zur Sache: Den Europäern kam Asien exotisch vor, und im Bemühen, sich einen Vers darauf zu machen, spannen sie vielfältige Theorien, die heutzutage ihrerseits exotisch anmuten: Indem Osterhammel den Flachs sortiert und vor seinen Lesern ausbreitet, legt er uns eine fremde Welt zu Füßen, die doch die unsre ist. Seine Kapitel handeln von Barbaren und Despoten, von Nomaden und Bürokraten, von Frauen und Sklaven und von den Ideen über asiatische Zivilisation und Politik, die anhand dieser Gruppen entwickelt wurden.

"Neugier" - das ist Osterhammels Zauberwort, von dem er sagt, daß es den Geist des achtzehnten Jahrhunderts von dem der nachnapoleonischen Ära trennte und "für eine kurze Zeit Araber, Inder, Perser oder Chinesen zu entfernten Nachbarn" machte. Und jenen Autoren, die wie Alexander von Humboldt und der Geograph Carl Ritter ihre Neugier "bis zuletzt" bewahrten, zollt er größten Respekt. Die Worte "bis zuletzt" sind nicht von ungefähr gewählt und deshalb ein bißchen bedenklich: Osterhammels historisches Szenario hat etwas alarmierend Apokalyptisches an sich. Gäbe es einen Trostpreis für die Epoche, die bei der Nachwelt über das ihr zustehende Maß hinaus in Verruf geraten ist, das schmallippige neunzehnte Jahrhundert wäre ein aussichtsreicher Anwärter auf die Prämie. Deshalb muß man es - der Fairneß halber - gegen Osterhammels Verdammung verteidigen. Schließlich hat es auch im neunzehnten Jahrhundert sehr viele Leute gegeben, die einem einfühlenden Verständnis für außereuropäische Kulturen das Wort redeten.

Das achtzehnte Jahrhundert für sein Teil war durchaus nicht nur vorbehaltlos neugierig. Ausgerechnet der große Montesquieu, ein Begründer der politischen Soziologie, verbreitete allerlei kühne Verallgemeinerungen, die den asiatischen Völkern nicht zur Ehre gereichten und Osterhammel durchaus nicht ins Konzept passen. Deshalb kann er sie auch nicht einfach stehenlassen. Es fragt sich allerdings, ob Montesquieus "Vom Geist der Gesetze", kaum daß es 1748 erschien, wirklich bloß "demontiert und ausgeschlachtet" wurde. Außerdem schuf selbst der geniale Baron seine Theorien naturgemäß nicht aus dem Nichts. Was er von den apolitischen, furchtsamen, geknechteten und - wie zum Ausgleich - für Schmerz wenig empfänglichen asiatischen Nationen zu sagen hatte, ergab sich nicht zuletzt aus der Politiktheorie und Physiologie seiner Zeit.

Daß Osterhammels achtzehntes Jahrhundert etwas zurechtgeschminkt ist, wird durch die Lektüre von Jonathan Spences "The Chan's Great Continent" bestätigt. Osterhammel befaßt sich nicht mit der schönen Literatur, ein Werk wie der "Robinson Crusoe" kommt bei ihm nicht vor. Wohl aber bei Spence: In dem 1719 publizierten Roman macht Defoes Erzähler die chinesische Kultur bis auf den letzten Troddel nieder. Nichts daran sei es wert, "auch nur erwähnt zu werden". Und "eine einzige Reihe deutscher Kürassiere" könne alle chinesischen Reiter zusammen bezwingen. Sogar Voltaire, einer von Osterhammels Helden, schätzte die chinesischen Fähigkeiten eher gering: Die Natur hatte das Volk mit vielen Talenten bedacht, indes sei es unfähig, das einmal Erreichte weiterzubilden.

Genau wie Osterhammel betont auch Jonathan Spence die europäische Neigung, den Osten als Projektionsfläche für heimische Belange zu benutzen. Aber während jener das Prinzip der Fülle pflegt, versteht Spence sich auf das Exemplarische. Angefangen bei Marco Polo, führt er seine Leserschaft durch den Steingarten der europäischen Ansichten vom chinesischen Reich. En passant stellt er einige Gedankenfiguren vor, die den Wechselwinden der Zeiten widerstanden.

So wurde die Idee der chinesischen "Stagnation" von langer Hand vorbereitet: Schon der 1552 geborene Jesuit Matteo Ricci, der sein halbes Leben in China verbrachte, war der Meinung, daß die Wissenschaften dort hinter denen des Westens zurückgeblieben seien. Ebenso alte Wurzeln hatte die Auffassung, daß China eine Despotie sei, in der die persönliche Unversehrtheit nicht gewährleistet war: Im sechzehnten Jahrhundert berichteten europäische Besucher von den grausamen Prügelstrafen, die im Reich der Mitte üblich waren. Wie eine stille Post ging diese Nachricht durch die Zeiten. Zweihundert Jahre später war dann bei Montesquieu zu lesen, ein Volk könne kein Verständnis von Ehre haben, das nur durch Schläge zu irgend etwas zu bewegen sei.

Spences literarische Tour durch die Jahrhunderte nimmt einen ebenmäßigen Verlauf bis zur Wende zum neunzehnten Jahrhundert. Dann bricht sie ab: Anstatt die Verdüsterung des westlichen China-Bildes nachzuvollziehen, redet er ein Kapitel lang über Frauen. Asiatische Motive, wohin man schaut: In Jane Austens "Mansfield Park" liest Fanny das Reisejournal des Gesandten Macartney. Neben ihr steht Edmund, der ihr - hoffend, verlangend - den Hof macht: Und Fanny überlegt, ob sie es Macartney wohl gleichtun und den Kotau vermeiden könne.

Von da geht es in die Chinoiserien der französischen Salons der Belle Epoque, durch die Slums der amerikanischen China-Towns und in die chinesische Revolution, die Spence zum Anlaß nimmt, auch über Marxens asiatische Produktionsweise und Karl Wittvogels asiatischen Gesellschaftstypus zu reden. Besonders gelungen ist das Kapitel über Henry Kissinger und Richard Nixon, deren China-Reise unter dem Codewort "Polo II" geplant wurde: Wer weiß schon, daß Nixon sich von André Malraux einflüstern ließ, in Mao werde er einem quasimythischen "Koloß" begegnen?

Spence ist ein exzellenter Stilist, der weiß, daß sich das Wesentliche auch in der Anekdote offenbart. Während Osterhammel mit schwerem Gepäck auf die Höhe der Forschung marschiert, liegt Spence dort oben schon in der Hängematte: Tatsächlich vermittelt sein Buch kaum weniger grundlegende Einsichten als "Die Entzauberung Asiens", es liest sich ohne Anstrengung und ist dabei auch noch originell.

In der letzten Zeit hat es etliche Publikationen über etwas abgelegene historische Themen gegeben, die eine Saite in der Phantasie anschlagen: Foucaults Pendel, Fermats Theorem und das Urmeter, das Rhinozeros eines Renaissance-Papstes und die Giraffe Karls X. von Frankreich. Den Erfolg dieser Bücher hat der Schriftsteller Julian Barnes damit erklärt, daß die Leser "sich schmeicheln, zu verstehen, worum es geht". In Nicholas Joses Roman "Die Rosenkreuzung" ist Europas Vorstellung von China als Kulisse für eine solche Erzählung benutzt worden. Daß Spence und Osterhammel die wundersame Geschichte von der asiatischen Bezauberung Europas auch in ihren komplizierten Aspekten verständlich machen, verdient eine Verbeugung, wenn schon keinen Kotau.

Jürgen Osterhammel: "Die Entzauberung Asiens". Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert. Verlag C. H. Beck, München 1998. 560 S., geb., 78,- DM.

Jonathan D. Spence: "The Chan's Great Continent". China in Western Minds. W. W. Norton, New York, London 1998. 279 S., geb., 19,95 Brit. Pfund.

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