EUR 19,95
Portofrei*
Alle Preise inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

  • Gebundenes Buch

Jetzt bewerten

Wenn Gott den Menschen den Krieg erklärt. Als Beginn des Dreißigjährigen Krieges gilt heute der Prager Fenstersturz im Mai 1618. Für die Zeitgenossen jedoch war ein anderes Ereignis ausschlaggebend. Als im Dezember desselben Jahres ein heller "Winterkomet" mit einem rutenförmigen Schweif am Himmel erschien, sahen sie in ihm die Prophezeiung eines schrecklichen Krieges, eine Botschaft Gottes, die nichts Gutes verhieß. Andreas Bähr verfolgt die vielstimmige Auseinandersetzung mit dem Kometen durch die Kriegszeit von 1618 bis 1648 hindurch und zeigt, wie stark die frühneuzeitliche Deutung von…mehr

Produktbeschreibung
Wenn Gott den Menschen den Krieg erklärt.
Als Beginn des Dreißigjährigen Krieges gilt heute der Prager Fenstersturz im Mai 1618. Für die Zeitgenossen jedoch war ein anderes Ereignis ausschlaggebend. Als im Dezember desselben Jahres ein heller "Winterkomet" mit einem rutenförmigen Schweif am Himmel erschien, sahen sie in ihm die Prophezeiung eines schrecklichen Krieges, eine Botschaft Gottes, die nichts Gutes verhieß.
Andreas Bähr verfolgt die vielstimmige Auseinandersetzung mit dem Kometen durch die Kriegszeit von 1618 bis 1648 hindurch und zeigt, wie stark die frühneuzeitliche Deutung von Welt durch den religiösen Glauben geprägt war. die Zeichen göttlichen Zorns oder göttlicher Milde hatten Auswirkungen auf die irdischen Geschehnisse, Erscheinungen am Himmelszelt avancierten zu wichtigen Indikatoren für die Bewertung des Kriegsverlaufs.
Dieses Buch wirft Schlaglichter auf den Dreißigjährigen Krieg aus der Perspektive derer, die angesichts der Gewalt und Unübersichtlichkeit ihrer Zeit im Winterkometen einen Orientierungspunkt fanden. Akteure ganz unterschiedlicher sozialer und konfessioneller Zugehörigkeit geraten in den Blick: Wir begegnen René Descartes beim "Ulmer Kometenstreit", der die frühneuzeitliche Verschränkung von Wissenschaft und Religion bezeugt, wir erleben in der Autobiographie Augustin Güntzers, wie der Schweifstern in den Alltag eines Kannengießers eingeht, erhalten Einblick in das Leben des Schuhmachers Hans Heberle, den der Anblick des Kometen zum Verfasser einer Kriegschronik werden ließ, und beobachten den berühmten Universalgelehrten Athanasius Kircher bei einer nächtlichen Vision - ein brillanter Brückenschlag zwischen Ereignis- und Mentalitätsgeschichte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • Seitenzahl: 302
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 2017. 304 S. 210 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 215mm x 136mm x 30mm
  • Gewicht: 427g
  • ISBN-13: 9783498006792
  • ISBN-10: 3498006797
  • Best.Nr.: 48125989
Autorenporträt
Andreas Bähr, geboren 1968, ist Privatdozent für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin. An der Humboldt-Universität zu Berlin leitet er seit Juni 2014 das DFG-Projekt «Athanasius Kircher (1602-1680). Eine biographische Enzyklopädie».
Rezensionen
Eine der interessantesten Neuerscheinungen zum 400. Jahrestag des Kriegsausbruchs im kommenden Jahr (...) höchst faszinierend
Besprechung von 28.11.2017
Böser Begleiter
Andreas Bähr zeigt, wie Himmelszeichen den Beginn des
Dreißigjährigen Krieges für die Zeitgenossen ankündigten
VON HARALD EGGEBRECHT
Den 3. November 1618 ist ein schrecklicher Compet am Himmel erschienen, der etzliche Monath und gar bis in das folgende Jahr gesehen war.“ Das schrieb der gräfliche Hofrat im Schwarzburg-Sonderhäusischen, Volkmar Happe, in seine thüringische Chronik. Schrecklich war die Himmelserscheinung für ihn, „denn darauf in aller Welt Krieg, Aufruhr, Blutvergießen, Pestilentz und theure Zeit und unaussprechlich Unglück erfolget“. Happe brachte diesen Kometen sofort mit dem „Böhmischen Krieg “ in Verbindung, der 1618 „angangen“ war. Dass daraus eine dreißig Jahre währende unvorstellbare europaweite Verheerung wurde, ahnte dennoch kaum jemand. Dass allerdings, so wie wir es alle gelernt haben, der Fenstersturz in Prag den definitiven Beginn jenes epochalen Krieges markiert, ist das Konstrukt nachmaliger Historiker.
Für Happe und andere wie etwa den großen Astronomen Johannes Kepler spielte hingegen der „Winterkomet“ als himmlisches Ereignis eine entscheidende Rolle. Diesem Kometen als außer- oder überirdischem Zeichen und seinen damals vielfältigen Deutungen hat der Berliner Historiker Andreas Bähr, Jahrgang 1968, ein so erfreulich knapp wie pointiert geschriebenes Buch gewidmet, in dem er zeitgenössische Zeugnisse auswertet nach Aspekten wie „Kriegsberichte“, „Lebensentscheidungen“, „Visionen“ oder „Frieden“. Neben Happe sind ein Zisterziensermönch aus der Abtei Salem, ein weit gereister Zinngießer aus dem Elsass, ein Schuster aus einem Dorf bei Ulm und der Universalgelehrte Athanasius Kircher mit ihren Chroniken und Autobiografien Bährs Hauptzeugen.
Wie erzählt man Geschichte? Nach dem Prinzip der Chronologie der politischen Ereignisse, als Darstellung wirtschaftlicher, sozialer und auch mentaler Prozesse? Man kann auch an ein Einzelereignis, wie es etwa die Ermordung John F. Kennedys oder der „deutsche“ 9. November waren, alle möglichen Fragen stellen, und so Geschehenes schildern und erklären und die davon ausgehenden Folgen bedenken.
Bähr hingegen lässt sich gewissermaßen auf individuelle Tiefenbohrungen ein, wie es ähnlich auch Philipp Blom in seinem glänzenden, die sogenannte Kleine Eiszeit im 17. Jahrhundert untersuchenden Buch „Die Welt aus den Angeln“ getan hat. Also kann man historischen Abläufen quasi persönlich begegnen in Berichten, Tagebüchern, Briefen von Einzelnen, die, wie wir selbst, den Irrungen und Wirrungen ihres jeweiligen historischen Alltags mehr oder weniger ausgeliefert waren. An solchen Dokumenten wird rasch klar, wie der Einzelne versucht, sich seinen Reim auf die Geschehnisse zu machen, wie er gewissermaßen seine eigene Geschichtlichkeit verstehen will, um nicht den Kopf zu verlieren, in der mehrfachen Bedeutung des Ausdrucks.
Bähr will aber mit seinem Gang durch die von ihm herangezogenen historischen Berichte und Dokumente keine „Authentizitätssteigerung und mikroskopische Annäherung an einen weit entfernten Krieg“. Ihm geht es vielmehr bei seiner „Analyse historischer Deutungen“ um die „Logiken und Mechanismen des Erkennens im 17. Jahrhundert“. Am Ende lässt sich durchaus von einem höchst anregenden und darin gelungenen Versuch einer Innenansicht jener monströsen dreißig Jahre sprechen.
Der Beginn des Dreißigjährigen Krieges jährt sich 2018 zum vierhundertsten Mal. Während etwa Herfried Münkler die Gesamtschau des Krieges im Blick hat, Daniel Kehlmann in seinem viel diskutierten „Tyll“ sich der Epoche romanhaft nähert, wendet Bähr bei seiner Zeitzeugenbefragung den Blick von der Erde zum Himmel: „Am Anfang des dreißigjährigen Krieges stand nicht nur ein Komet, sondern auch eine scharfe Kontroverse über seine Bedeutung. Astronomen stritten mit Theologen und orthodoxe Lutheraner mit ,Schwärmern‘ und ,falschen Propheten‘.“
Für Mathematiker und Sterngucker wie Kepler oder den Ingolstädter Jesuiten Johann Baptist Cysat war der Komet zunächst einmal ein eminentes Naturereignis. Cysat hielt sich mit Zukunftsdeutungen zurück, auch wenn er dem Kometen seine Aura als mögliches göttliches Vorzeichen, und wohl kein gutes, zugestand. Da Kepler Astronomie und Astrologie noch als Einheit sah, hielt er das Kometenzeichen für letztlich entschlüsselbar, allerdings nicht im Sinne von präzisen Voraussagen. So hat er sich geweigert, seinem Auftraggeber Wallenstein ein Horoskop zu stellen, in dem es genaue astrologische Nachricht über Kriegsglück und Tod geben könnte.
Himmelszeichen begleiteten auch einen der grauenvollsten Momente des Krieges: Eroberung und Brand von Magdeburg 1631. Sowohl die siegreichen katholischen Kaiserlichen unter Tilly und Pappenheim als auch die Protestanten in der Stadt sahen sie: Die Eroberer verwiesen zu ihrer Rechtfertigung der Stadtschändung auf die „Bluettige und fewrige Wolcken“, die den Sieg ankündigten. Die Städter wiederum erkannten sie als böses Omen der Niederlage und drohendes Signal göttlicher Strafe. Bald darauf landete Schwedenkönig Gustav Adolf auf Usedom und zog nun siegreich für die Protestanten nach Süddeutschland. Das Magdeburger Fanal wurde so doch zu einem Wendepunkt des Krieges.
Den Anmarsch der Schweden sah eine der faszinierendsten Gestalten des 17. Jahrhunderts, der Jesuit und Polyhistor Athanasius Kircher, in Würzburg in einer nächtlichen Vision voraus. Er erwachte durch ein „obskures Licht“, ging ans Fenster und sah, dass „der ganze geräumige Hof des Kollegiums mit in militärischer Ordnung aufgestellten Bewaffneten und Pferden angefüllt“ war. Niemand glaubte Kircher, er wurde verlacht. Ein halbes Jahr später nahmen die Schweden Würzburg ein. Kircher floh über Frankreich bis nach Rom, wo er 1680 gestorben ist.
Bähr bietet als Epilog noch einen Ausblick auf das Nachleben des Kometenzeichens bis in den Ersten Weltkrieg hinein, wo Franz Marc einen Schweifstern auf eine Postkarte aus dem Felde zeichnet und die Verbindung zwischen Komet und Krieg betont. Das Buch wirkt wie ein detektivischer Pfadfinder durch jene furchtbare Kriegsepoche vor allem auf den Etagen all jener bedrohlichen Haarsterne (so die eigentliche Bedeutung des griechischen Wortes „Kometes“), gefährlichen Nordlichter, unheimlichen Wolkentürmen und seltsamen Farberscheinungen, die seine verschiedenen Chronisten einst tief erschreckten, in Aufregung und Flucht trieben, manchmal sogar kurz beruhigten.
Himmelszeichen begleiteten
auch die Eroberung und den
Brand von Magdeburg 1631
Die beiden Ziegen. Zwei Bergziegen, die der „Geist der Unabhängigkeit“ vorantreibt, treffen auf einem engen Steg aufeinander. Da keine ausweicht, stürzen beide ab.
Andreas Bähr: Der grausame Komet. Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreißigjährigen Krieg. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017. 304 Seiten, 19,95 Euro. E-Book 16,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr