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Die larmoyante Perspektive eines zum Untergang verurteilten Reiches wird der österreichischen Politik im Ersten Weltkrieg ebenso wenig gerecht wie das Zerrbild eines willenlosen Vasallen des wilhelminischen Deutschland. Dieses Buch versucht die Politik des Habsburgerreiches in den Jahren 1914/18 - die innere wie die äußere - mit einem kritischen Blick auf derlei Klischees zu rekonstruieren. Politik ist die Kunst des Möglichen: Beim Verhältnis der Nationalitäten zur Habsburgermonarchie handelte es sich nicht um eine Abschiedssymphonie, sondern um eine "Politik der zwei Eisen im Feuer" - darum,…mehr

Produktbeschreibung
Die larmoyante Perspektive eines zum Untergang verurteilten Reiches wird der österreichischen Politik im Ersten Weltkrieg ebenso wenig gerecht wie das Zerrbild eines willenlosen Vasallen des wilhelminischen Deutschland. Dieses Buch versucht die Politik des Habsburgerreiches in den Jahren 1914/18 - die innere wie die äußere - mit einem kritischen Blick auf derlei Klischees zu rekonstruieren. Politik ist die Kunst des Möglichen: Beim Verhältnis der Nationalitäten zur Habsburgermonarchie handelte es sich nicht um eine Abschiedssymphonie, sondern um eine "Politik der zwei Eisen im Feuer" - darum, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein, solange der Ausgang des Krieges unsicher war, solange man in den Worten Czernins nicht wusste, ob man "stehen oder fallen" würde - und das blieb so bis zum Spätsommer 1918.
  • Produktdetails
  • Verlag: Böhlau Wien
  • Seitenzahl: 323
  • Erscheinungstermin: Juni 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 246mm x 177mm x 30mm
  • Gewicht: 741g
  • ISBN-13: 9783205796503
  • ISBN-10: 3205796500
  • Artikelnr.: 41867503
Autorenporträt
Höbelt, Lothar
Lothar Höbelt, geb. 1956, studierte bei Heinrich Lutz und Adam Wandruszka und ist seit 1997 Professor für Neuere Geschichte an der Universität Wien.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Dass der Autor die Geschichte der österreichischen Innenpolitik nicht vom Ende her erzählt, sondern in chronologischer Ordnung entscheidende Entwicklungen zwischen Österreich und Ungarn nachzeichnet, scheint Christoph Cornelissen zu gefallen. Allzu große Detailverliebtheit und das Fehlen systematischer Überlegungen zum Verhältnis der österreichischen Innen- und Außenpolitik im Ersten Weltkrieg bilden die Kehrseite dieses Vorgehens in Lothar Höbelts Buch, stellt der Rezensent fest. Insgesamt kann er dem Autor jedoch gut folgen, so wenn Höbelt die Abhängigkeit Wiens von Deutschland oder den Entfremdungsprozess zwischen den Mittelmächten aufzeigt.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 03.11.2015
Großes Durchhaltevermögen
Lothar Höbelt verteidigt die Wiener Politik der Jahre 1914 bis 1918

Im Juni 2015 wurde auf dem Marmolada-Gletscher in den Dolomiten Europas höchstgelegenes Museum eröffnet, das an den Ersten Weltkrieg erinnert. Von hier aus kann man sich - bei klarer Sicht - einen vorzüglichen Überblick sowohl über den Verlauf der österreichisch-italienischen Alpenfront verschaffen als auch zugleich eine Ahnung davon gewinnen, was es bedeutet haben mag, in mehr als 3000 Meter Höhe einen "Krieg im Eis" zu führen. Den Wiener Neuzeithistoriker Lothar Höbelt aber interessiert die Lage an diesen oder auch anderen Abschnitten der militärischen Fronten meist nur am Rande. Stattdessen steigt er in die Niederungen der Innenpolitik Österreich-Ungarns hinab, um weitverbreitete Zerrbilder der Geschichte seines Landes im Ersten Weltkrieg zu korrigieren.

Zum einen ist damit die Vorstellung gemeint, das Habsburgerreich sei mit Beginn des Krieges unaufhaltsam seinem Untergang entgegengewankt. Daran aber wecke schon die Tatsache Zweifel, dass die Entente-Mächte sich noch im letzten Kriegsjahr keineswegs darüber einig waren, wie mit einem besiegten Österreich-Ungarn zukünftig verfahren werden solle. Zum anderen wirkt auf Höbelt die Annahme problematisch, die Wiener Politik habe im Ersten Weltkrieg nur als ein willenloser Vasall des wilhelminischen Deutschlands agiert. Gewiss, das Deutsche Reich bot im Ersten Weltkrieg dreimal so viele Divisionen wie Österreich-Ungarn auf und produzierte auch sechsmal mehr Stahl als die verbündete Mittelmacht. Dennoch sei das auf einer kuriosen Allianz aus "konservativen Austriaken und progressiven borussischen Junkerfressern" gegründete Bild von Österreichs Leidensrolle als Werkzeug des deutschen Militarismus schief.

Der vermeintlich schwächere Partner habe trotz seiner finanziellen Abhängigkeit vom Deutschen Reich geschickt seine Rolle als unentbehrlicher Bündnisgenosse gespielt. Man müsse die Hilfe Deutschlands ausnützen, ohne unter seine finanzielle Vormundschaft zu kommen, meinte dazu aufschlussreich noch im August 1918 der ungarische Prinz Lajos Windischgraetz. Er umschrieb damit eine Leitlinie der Wiener Regierungen, die vom Anfang bis zum Ende des Weltkriegs eine "Politik der zwei Eisen im Feuer" verfolgt hatten.

Höbelt erzählt seine Geschichte der österreichischen Innenpolitik bewusst nicht vom Ende her, sondern rückt stattdessen in chronologischer Ordnung Jahr für Jahr entscheidende Stufen und Wendungen der beiden Reichshälften Österreich und Ungarn in den Vordergrund. Zu den Vorzügen einer solchen Darstellungsweise gehört, dass darüber zum einen das beträchtliche Durchhaltevermögen der Wiener Regierungen zum Vorschein tritt, die mit zahlreichen Plänen für einen Ausgleich vor allem mit Polen, Tschechen oder auch Kroaten die Abgeordneten der verschiedenen ethnischen Lager beschäftigten, ohne jedoch tatsächlich energische Reformschritte einzuleiten. Zum anderen macht sie ersichtlich, wie sehr österreichische Erfolge auf dem Schlachtfeld wiederholt Pläne für eine austro-polnische Lösung und verschiedene Mitteleuropa-Projekte beflügelten, denen auch Abgeordnete der politisch selbstbewussten Polen und Tschechen etwas abzugewinnen wussten. Bemerkenswert erscheint außerdem, dass die slawische Mehrheit im Wiener Abgeordnetenhaus sich nur in einer einzigen Entscheidung materialisierte: auch die Reden zu protokollieren, die nicht auf Deutsch gehalten wurden!

Der Nachteil der chronologischen und gelegentlich etwas detailverliebt daherkommenden Erzählung besteht jedoch darin, dass der Autor kaum systematisch Überlegungen zum Verhältnis der österreichischen Innen- und Außenpolitik im Ersten Weltkrieg anstellt. Überdies bleiben sowohl das militärische Geschehen als auch die Lage an den Heimatfronten viel zu sehr im Hintergrund und entrücken somit das innenpolitische Geschehen ein gutes Stück von den besonderen Herausforderungen des Krieges. Im Grunde spiegeln sich darin - absichtsvoll oder auch ungewollt - einige der Illusionen wider, die zahlreiche innenpolitische Manöver der Wiener Politik zwischen 1914 und 1918 anleiteten. Denn während auf militärischem Terrain der multinationale Charakter der Armee mit zunehmender Dauer des Krieges eine kaum mehr zu bewältigende Herausforderung konstituierte, erwies sich die Suche nach einer innenpolitischen Lösung, die alle Völker des Reiches zufriedenstellen könnte, schlichtweg als "politische Alchemie". Aus dieser Gemengelage heraus, in der den verantwortlichen Lenkern die Innenpolitik immer stärker entglitt, erklärt sich letztlich die Wende zu einem autoritären Kurs der Wiener Innenpolitik.

An all diesen Punkten kann man Höbelt gut folgen, wenngleich seine Einordnung des Vertrages von Brest-Litowsk als einer Blaupause für die territoriale Nachkriegsordnung in Europa seit 1989/90 eher provozierend wirkt. Gleichzeitig zeigt sein Buch, dass die österreichische Militärführung bereits in einem frühen Stadium in eine wachsende Abhängigkeit vom deutschen Bundesgenossen geriet. Charakteristisch hierfür war der Vorwurf des Wiener Generalstabschefs Franz Conrad von Hötzendorf vom April 1915, wonach man sich für Deutschland verblutet habe, das aber jetzt die Rolle des großmütigen Helfers spiele. Und er ergänzte, solch eine "Gesellschaft hätte es verdient, dass die Kosaken nach Berlin gekommen wären".

Lothar Höbelt zeichnet viele dieser Stimmen und die ihnen zugrundeliegenden Konstellationen sorgfältig nach und vermittelt darüber eindrucksvoll den Prozess einer schleichenden Entfremdung zwischen den beiden Mittelmächten. Gleichzeitig gibt er einen Einblick in ein wesentliches Paradoxon am Ende des Ersten Weltkriegs. Zwar hatten die Westmächte den Krieg nicht verloren, aber sie hatten ihn eben auch nicht wirklich gewonnen.

CHRISTOPH CORNELISSEN

Lothar Höbelt: "Stehen oder Fallen?" Österreichische Politik im Ersten Weltkrieg. Böhlau Verlag, Wien 2015. 323 S., 39,- [Euro].

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