Musikphilosophische Schriften - Anders, Günther
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Dieser Band versammelt sämtliche Schriften zur Musik von Günther Anders aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren. Biographie und Werk des Philosophen erscheinen durch diese Texte in einem neuen Licht. Darüber hinaus liefert der Band einen wichtigen Beitrag zur musikphilosophischen Ideengeschichte.
Der umfangreichste und wichtigste Text ist die 1930/31 im Umfeld der Frankfurter Schule fertiggestellte Studie "Philosophische Untersuchungen über musikalische Situationen", die als Habilitationsschrift geplant war, von Anders aber nicht eingereicht wurde und unveröffentlicht blieb - nicht zuletzt,
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Produktbeschreibung
Dieser Band versammelt sämtliche Schriften zur Musik von Günther Anders aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren. Biographie und Werk des Philosophen erscheinen durch diese Texte in einem neuen Licht. Darüber hinaus liefert der Band einen wichtigen Beitrag zur musikphilosophischen Ideengeschichte.

Der umfangreichste und wichtigste Text ist die 1930/31 im Umfeld der Frankfurter Schule fertiggestellte Studie "Philosophische Untersuchungen über musikalische Situationen", die als Habilitationsschrift geplant war, von Anders aber nicht eingereicht wurde und unveröffentlicht blieb - nicht zuletzt, weil sie noch stark vom Einfluss seines ehemaligen Lehrers Martin Heidegger geprägt war. Ergänzt wird sie durch einige Aufsätze zur Musiksoziologie vom Anfang der Dreißigerjahre, als Anders mit Hanns Eisler in Kontakt stand, sowie einige bereits von ihm publizierte Beiträge - darunter eine Studie zum Hören impressionistischer Musik, ein Artikel über Musik und Radio, dem etwa Theodor W. Adorno einige Aufmerksamkeit gewidmet hat, sowie die "Pariser Musikbriefe" aus der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre. Die nach textkritischen Standards erstellte Edition macht einige wichtige Texte von Anders erstmals zugänglich. Ein Nachwort liefert dem Leser die nötigen Hintergrundinformationen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • Seitenzahl: 417
  • Erscheinungstermin: 16. März 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 131mm x 38mm
  • Gewicht: 555g
  • ISBN-13: 9783406706615
  • ISBN-10: 3406706614
  • Artikelnr.: 46968878
Autorenporträt
Günther Anders (1902 - 1992) zählt zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Im deutschen Sprachraum ist seine geistige wie politische Radikalität ohne Beispiel. Sein Hauptwerk ist "Die Antiquiertheit des Menschen".

Reinhard Ellensohn ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an Forschungsprojekten zum Nachlass von Günther Anders am Institut für Philosophie der Universität Wien und Sekretär der Internationalen Günther Anders-Gesellschaft.
Inhaltsangabe
Vorwort Einleitung. 1: Motiv und Gang der Untersuchung I . Negative Bestimmung der musikalischen Situationen 2: Ungeschichtlichkeit der musikalischen Existenz und der musikalischen Situation; echte Repräsentation der Existenz durch die Situation 3: Historischer Exkurs (Hegel, Kierkegaard) zum vorangehenden Paragraphen 4: Enklaven im Kontinuum menschlichen Lebens und die musikalische Situation als Enklave 5: Die musikalischen Zeitakte als unhistorische; Ausfall der Erinnerung; Retention und [Etagenevidenz] 6: Verhältnis von Abbild und Erinnerung; Unabbildbarkeit der Musik; statt Erinnerung Wiederholung; zyklische Zeit 7: Die musikalische Situation als Mitvollzugs situation; Einheit von Akt und Stimmung 8: Der Mitvollzug und die Kantische "Produktive Einbildungskraft" II . Positive Bestimmung der musikalischen Situationen 9: Die (metaphorischen) Charakterisierungen des musikalischen Bewegungssinnes; Umstimmung und Verwandlung der Existenz durch den faktischen Mitvollzug der Bewegungen 10: Exkurs über Umstimmung und Verwandlung 11: Der Begriff der Dimension; Verwandlung des Menschen in eine seiner Dimensionen 12: Erstes Verwandlungsbeispiel ("Tristan"). Verwandlung der Dimension des Grundes zum Medium, in dem die musikalische Existenz lebt; Aufschlusshaftigkeit bzw. kognitive Funktion der Musik; Verhältnis von produktiver und kognitiver Funktion des Mitvollzugs 13: Zweites Verwandlungsbeispiel (Mozart). Die "Gelöstheit" und ihr Spielraum; die zweite Dimension des melodischen Bogens (außerhalb der eindimensionalen Tonreihe) 14: Raumtheoretischer Exkurs III . Rückfrage nach dem Element des Tones; weshalb sich die Verwandlungssituation im Element des Tones verwirklicht 15: Zwei historische Exkurse über die Koordinierung von Ton und Subjekt: die Hegelsche Zuordnung von Empfindung und Klang (resp. Ton); die griechische Zuordnung von Ethos und Musik 16: Phänomenologie von Ton und tonmeinendem Akt; das Er-tönen; Tonvorstellung als virtuelles Singen; die Stimme als Gelöstheit; Indifferenz von Verlautbaren und Hören; das Verhältnis dieser Indifferenz zur "produktiven Einbildungskraft"; virtuelles und vergebliches Singen; Divergenz des Bewegungscharakters von Stimme und Musik; Spielraumunterschied von Hörbarem und Anstimmbarem 17: Das Lauschen als repräsentative und spezifische akustische Möglichkeit; es geht auf Ertönen, nicht auf Töne; das Nirgendwohin des Lauschens und die Stille; Lauschen und Ahnung IV . Der Begriff der "objektiven" Musik, des musikalischen Gegenstandes und die Situation des Mit-gegenständlich-seins 18: Dialektik der Objektivierung: Objektivierung ist nicht eo ipso ein Sich-objektivieren der Subjektivität; Machen und Sich-ausdrücken; das Sich-einholen der Subjektivität im gemachten Objekt 19: Der theologisch-metaphysische Hintergrund für die Konzeption einer Mensch-unabhängigen Musik bei Augustin; der Verlust der menschlichen "Proportion" 20: Die Explikation des Proportionsverlustes in Kants "Analytik des Erhabenen"; Beispiele für Zeitparalysierungen und für Überschreitungen der dem Menschen verständlichen Zeiteinheiten: Josquin, Bach Dokumente zu "Philosophische Untersuchungen über musikalische Situationen" [1936/37] MUSIKSOZIOLOGIE Problemformulierungen zur Diskussion über Musiksoziologie [1931] Ästhetische Wertmaßstäbe entsprechen ausschließlich Klassen- Interessen und dienen diesen [Eröffnungsreferat, Berlin 1931] Musiksoziologie / Opposition [Notizen 1931] PUBLIZIERTE TEXTE ZUR MUSIK Busoni [1924] Der Atonale [1924] Zur Phänomenologie des Zuhörens. (Erläutert am Hören impressionistischer Musik) [1927] Polemische Gefolgschaft [1927] Unsere Musik - wie ein Inder sie hört [1927] Pariser Musikbriefe [1927/28] Spuk und Radio [1930] Aussprache [zu Wolfgang Stechow "Raum und Zeit in der graphischen und musikalischen Illustration"] [1930] Dilthey als Musikphilosoph [1933] The Acou
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 28.03.2017

Wie der Inder hört
Mit der „Antiquiertheit des Menschen“ wurde Günther Anders berühmt, seine Schriften
zur Musikphilosophie kennen nur wenige. Nun sind sie in einer vorbildlichen Edition erschienen
VON HELMUT MAURÓ
Sein Hauptwerk „Die Antiquiertheit des Menschen“ wurde in mehrere Sprachen übersetzt, und nicht nur Jean-Paul Sartre hielt ihn für einen der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Dennoch hat es Günther Anders, 1902 als Günther Siegmund Stern in Breslau geboren und 1992 in Wien gestorben, nicht in die Riege der zeitgenössischen Philosophie-Stars geschafft. Viele kennen ihn heute eher als Mitbegründer der Antiatombewegung, einige vielleicht auch als Kämpfer für ein einiges Europa. Bereits 1917 hatte er nach dem Anblick verstümmelter Weltkriegssoldaten mit Freunden „Europa Unita“ gegründet, einen „Bund für ein vereinigtes Europa ohne Grenzen“.
Anders stand für seine Standpunkte persönlich ein. Philosophie war für ihn kein Sport. Umso mehr musste ihn die Zurückweisung in Frankfurt treffen, wo man in den Zwanzigerjahren seine Habilitation ablehnte. Theodor W. Adorno monierte die angebliche Nähe zu Heidegger und hatte auch fachliche Einwände gegen die „Philosophischen Untersuchungen über musikalische Situationen“. Dieses Erlebnis trug möglicherweise dazu bei, dass Anders eine grundsätzliche Abneigung gegen die institutionalisierte akademische Philosophie entwickelte. Zwar war er generell nicht von publizistischem Glück verwöhnt – im Pariser Exil wollte er Anfang der Dreißigerjahre einen Roman über die Mechanik des Nationalsozialismus veröffentlichen, der Lektor Manès Sperber hatte politische Einwände und lehnte das Manuskript ab. Aber die Zurückweisung seiner Habilschrift traf ihn sicherlich am schwersten.
Dass man diese Untersuchung nun in einer vorbildlichen Edition nachlesen kann, ist nicht nur dem Herausgeber Reinhard Ellensohn zu danken, sondern auch der tatkräftigen Unterstützung der Universität Wien und der Österreichischen Nationalbibliothek. Die späte Veröffentlichung von Günther Anders’ „Musikphilosophischen Schriften“ bringt eine kaum bekannte Seite des Philosophen und Soziologen Anders zum Vorschein. Und diese Seite ist ebenso schillernd und querständig wie sein übriges Denken. Es geht ihm in seiner Studie nicht nur um einen musikalischen Zeitbegriff oder die Kant’sche „produktive Einbildungskraft“, um Hegels Zuordnung von Empfindung und Klang oder die „Tonvorstellung als virtuelles Singen“, sondern auch um Grenzüberschreitungen etwa des Renaissancekomponisten Josquin Desprez oder Johann Sebastian Bachs.
Auch in den anderen Aufsätzen aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren finden sich ungewohnte Perspektiven: „Unsere Musik – wie ein Inder sie hört“ ist ein Beispiel dafür. Daneben stehen knappe, treffende Abhandlungen zu Ferruccio Busoni und Arnold Schönberg oder ein Loblied auf die deutsche Kulturlandschaft. In Deutschland könnte man, schreibt Anders, zeitgenössische Musik an zahlreichen Provinzbühnen aufführen, während es in Frankreich dafür nur die zwei Pariser Häuser, Opéra und Opéra Comique, gebe.
Die Moderne war Anders wichtig. Allerdings lebte er noch in einem längst historisch gewordenen Bewusstsein, in dem die musikalische Gegenwart kategorische Qualität hatte. Nur in dieser zeitlichen Gebundenheit, so scheint es, konnte Anders zeitlos kritisch denken. Seine „Phänomenologie des Zuhörens“ von 1927 verbalisiert Problemstellungen, die nicht nur die historische Aufführungspraxis berühren, sondern auch die Kultur der Aufmerksamkeit im Allgemeinen. Den Leser mögen hier schon erste Ahnungen soziologischer Zusammenhänge beschleichen, Anders fand dazu aber erst später; noch ist ihm die Musik ein in sich geschlossener Gegenstand. Den beleuchtet er intensiv und mit einer ihm eigenen Unverkrampftheit und Freiheit, sodass er wie selbstverständlich auch darüber schreibt, „dass Musik sich eine falsche Transzendenz einreden kann“. Ob er damit nur auf allzu viel Husserl in seiner Zeit reagiert?
Tatsache ist, dass er ein Außenseiter bleibt, auch wenn er in akademische Debatten eingreift wie etwa mit seinem Rundfunkvortrag über „Kernprobleme der Musikphilosophie“ oder der darauf folgenden Auseinandersetzung mit soziologischen Fragestellungen. Die Diskussionen dazu fanden dann freilich nicht im Rundfunk statt, sondern in der 1920 von Hermann Scherchen gegründeten Zeitschrift Melos. Günther Anders bezog sich darauf in seinem Aufsatz „Notizen zur Musiksoziologie“, der auch im Zusammenhang mit seiner Teilnahme an einer „Arbeitsgemeinschaft ,Über dialektischen Materialismus und Musik’“ entstand, die Hanns Eisler leitete.
Damals gab es, abgesehen von einem kurzen Text Max Webers, im Grunde noch keine Musiksoziologie. Eisler bemängelte dies, indem er darauf hinwies, dass „selbst die besten Köpfe, die wirklich etwas zu sagen haben“, lediglich „die neuere idealistische Philosophie (Husserls Phänomenologie) auf die Musik“ übertrugen. Und es mutet hochaktuell an, wenn Eisler mit großer Beobachtungsschärfe konstatiert, dass angesichts des allgegenwärtigen musikkulturellen Krisenbewusstseins zwar musiksoziologische Fragestellungen en vogue seien, „der Begriff drohte gar zum feuilletonistischen Schlagwort zu verkommen“, andererseits herrsche über Gegenstand, Funktion und Methode der Musiksoziologie weitgehend Unklarheit. Daraufhin führte man in der Zeitschrift Melos, die es bis heute gibt, die Rubrik „Musiksoziologie“ ein. Sie wurde von Hans Boettcher geleitet, der zuvor die in nur acht Heften erschienene Zeitschrift Musik und Gesellschaft verantwortete, zu deren Autoren Bertolt Brecht, Paul Hindemith, Igor Strawinsky, Ernst Krenek, Peter Suhrkamp und Siegfried Kracauer zählten. Die Zeitschrift war ein Projekt der Jugendmusik- und der Arbeiterbewegung und wurde schon bald von faschistischen Kräften in der Jugendmusikbewegung bekämpft. Anders greift in seinen Texten zur Musiksoziologie nicht nur die Diskussionen in Melos auf, sondern auch die in Musik und Gesellschaft.
Allerdings publizierte er die Texte nicht, blieb trotz inhaltlicher Beteiligung distanziert. Selbst seine Teilnahme an Eislers Arbeitsgemeinschaft gründete wohl vor allem in seiner Beziehung zu Bertolt Brecht. Innerhalb der Gruppe gab es zwei Lager, ein marxistisches und ein bürgerliches. Anders gehörte letzterem an, wie auch Hannah Arendt, seine damalige Frau. Sie war publizistisch und wirtschaftlich viel erfolgreicher als er. Zum Glück hatte sein Vater in Kalifornien eine Professur für Psychologie inne und konnte ihn während des Exils unterstützen, auch als die Agenten McCarthys ihn, den Querdenker, misstrauisch beobachteten. Erst viele Jahre später erreichte Günther Anders seine Einbürgerung.
Der Philosoph und Schriftsteller Günther Anders wurde am 12. Juli 1902 geboren, er starb 1992 in Wien. Foto:  dpa
Günther Anders: Musikphilosophische Schriften. Texte und Dokumente. Herausgegeben von Reinhard Ellensohn. Verlag C.H. Beck, München 2017. 417 Seiten, 39,95 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 20.09.2017

Mit Ohr und Sinn für die leisen Töne
Wir haben hier eine Situation: Günther Anders ist jetzt mit Verspätung auch als Musikphilosoph zu entdecken

Die Wirkung Theodor W. Adornos hat alle ästhetischen und philosophischen Überlegungen zur Musik nach 1950 geprägt, ja geradezu überschattet. Sie erlaubte es, auch die scheinbar gegenstandslose Musik auf die Logik eines abstrakten "Materials" und seiner Entfaltung zurückzuführen. Andere Ansätze sind dagegen für lange Zeit unbeachtet geblieben, obwohl sie sich zur gleichen Zeit formiert haben wie Adornos zunehmend apodiktischer werdende Texte. Gerade diese Schriften werden aber bis heute gelegentlich dem Verdacht ausgesetzt, der "eigentlichen", der "autonomen" Sache am Ende nicht gerecht zu werden.

Zumindest im deutschen Sprachraum lassen sich dabei zwei Tendenzen unterscheiden. Unter dem Eindruck der Gestaltpsychologie, vor allem Max Wertheimers, wurde einerseits das "Material" der Musik selbst im Spannungsfeld von Erzeugung und Wahrnehmung bestimmt, mit Ernst Kurth als dem wohl wichtigsten Kronzeugen. Andererseits haben sich, im Bann von Heideggers Fundamentalontologie, Versuche herausgebildet, das Wesen der Musik im "Dasein" zu verankern, besonders nachdrücklich beim jungen Heinrich Besseler.

Zu den zentralen Autoren einer solchen anderen Musikästhetik zählt nun auch, wie man nach der Lektüre dieses Bandes verblüfft festhalten muss, der vor fünfundzwanzig Jahren verstorbene Günther Anders. Der hochfahrende Moralist, der er schließlich jenseits des akademischen Betriebes geworden ist, begann 1930/31 seinen Weg mit einer musikphilosophischen Habilitationsschrift. In deren Umfeld sind, vorher und nachher, weitere Texte entstanden, die - wenn auch nicht alle - im vorliegenden Band versammelt wurden. Der Traum von der akademischen Laufbahn endete jäh, und dies nicht nur wegen des immer ruppiger werdenden antisemitischen Umfeldes der Frankfurter Universität. Vielmehr scheiterte, glaubt man dem Zeugnis Hannah Arendts, das Habilitationsverfahren (die Schrift wurde gar nicht erst eingereicht) auch am Widerstand des jungen und doch schon einflussreichen Adorno.

Nach der Lektüre ahnt man, warum. Denn nichts ist Günther Anders fremder als das Beharren auf musikalischer Autonomie und der immanenten Logik des Materials: "Eine Musikphilosophie, die sich einfach auf ein objektives oder ideales Reich der Töne und Tonformen zurückzieht und festlegt, um dem Vorwurf des Subjektivismus zu entgehen, ist nicht weniger im Unrecht als der musikphilosophische Subjektivismus selbst".

Das muss für Adorno verstörend gewirkt haben, und doch liegt gerade hierin der Kern von Anders' musikästhetischem Denken. Um das Ungenaue, das Unscharfe und Widersprüchliche des Musikalischen zu bannen, gebraucht er den Begriff der "Situation", dem die Habilitationsschrift sogar ihren lakonischen Titel verdankt: "Philosophische Untersuchungen über musikalische Situationen". Der Kristallisationspunkt dieser Situationen bestehe, so Anders, "in dem notwendigen Zugleich-sein des In-der-Welt-seins und des In-Musik-seins in einer Existenz, als eine Existenz".

Das klingt zweifellos heideggerisch und sollte es wohl auch sein. Und doch geht es am Ende darüber hinaus, da Anders mit akribischer Genauigkeit versucht, das fundamentale Problem der Musik und ihrer Ontologie immer weiter einzukreisen: dass Musik eben nicht einfach für sich da ist, aber eben auch nicht nur bloß durch den, der sich mit ihr auseinandersetzt. Das liegt erstaunlich nahe bei Kurth oder Besseler, und es verwundert nicht, dass der auch für Kurth zentrale "Tristan" neuerlich eine entscheidende Rolle einnimmt - aber, gegen Kurth, kontrastiert und abgesetzt von der Musik Mozarts.

Überhaupt ist Anders ein feinsinniger Hörer der leisen Töne. Wer fast beiläufig feststellt, dass der zweite Satz von Bruckners Vierter eben nicht mit den Streicherfiguren beginne, sondern mit einer Viertelpause und damit "mit dem Lauschen in die Stille", der gibt zu erkennen, wie gut er mit Partituren umzugehen vermag. Natürlich, die Schrift von Anders ist keinesfalls leicht zu lesen, sie gibt sich demonstrativ als akademische philosophische Arbeit zu erkennen. Und doch wird die Lektüre reich belohnt, denn das Buch ist ein dezidierter Versuch, das Wesen der Musik in einem entschiedenen Sowohl-als-auch, in komplizierten Interaktionsprozessen selbst prozesshaft zu bestimmen, in Verfahren also, die man aus neuerer Zeit erst wieder von Autoren wie Christian Kaden kennt. Fast panisch meidet Anders dabei dogmatische Festlegungen aller Art, setzt immer wieder neu und von vorn an.

Dass er bei alledem auch ein musikwissenschaftlich versierter Autor und zugleich ein präziser Beobachter des Musiklebens war, zeigt sich an den um 1930 entstandenen Texten, die dem Band als Ergänzung beigegeben wurden und fast die Hälfte seines Umfangs ausmachen. Gerade hier gibt sich ein musikalisch ungemein gebildeter und zugleich vorbehaltlos neugieriger Zeitgenosse zu erkennen - der zudem, in der eleganten Schilderung, einen ganz anderen Ton anschlagen konnte.

Die vorliegende Edition durch Reinhard Ellensohn ist sorgfältig (und sorgfältig ausgestattet), das zuweilen etwas redundante Nachwort bleibt allerdings weitgehend biographisch orientiert. Warum im Apparat aktuelle und historische Nachweise vermengt, also zum Beispiel Verweise auf die Neue Mozart-Ausgabe eingefügt wurden, bleibt unerklärlich - und es ist auch nicht hilfreich. Überhaupt hätte eine gewisse musikwissenschaftliche Durchsicht den Anmerkungen nicht geschadet, im Blick auf bestimmte Kontexte oder auf weitere Literatur. Dessen ungeachtet, ist es ein bemerkenswerter und faszinierender Band geworden.

Auch einer, der nachdenklich stimmt. Natürlich, das ,Was wäre wenn' ist keine zulässige historische Frage. Aber was wäre geworden, hätte Anders seine musikphilosophischen Überlegungen weitergeführt? Was wäre passiert, wäre der Übermacht Adornos nicht nur in der frühen Zeit, sondern auch später eine entschiedene, entschieden andere und höchst originelle Stimme begegnet?

Wie auch immer, die musikalischen Schriften von Anders sind endlich verlässlich verfügbar, und sie werden vielleicht den Blick auf den Autor verändern. Sie werden aber auch, viel wichtiger, das Denken über Musik nachhaltig beeinflussen. Denn die Aufmerksamkeit, die ihnen zukommt, dürfte beträchtlich sein - und dies nicht nur, aber auch im melancholischen Bewusstsein einer einst verpassten Chance.

LAURENZ LÜTTEKEN

Günther Anders: "Musikphilosophische Schriften". Texte und Dokumente.

Hrsg. von Reinhard Ellensohn. Verlag C. H. Beck, München 2017.

417 S., geb., 39,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Helmut Mauro ist glücklich, dass Günther Anders' viel zu wenig bekannte "Musikphilosophische Schriften" nun dank des Herausgebers Reinhard Ellensohn, aber auch dank staatlicher Unterstützung Österreichs in einer exzellenten Edition vorlegen. Diese Schriften offenbaren eine ganz neue, ebenso "schillernde" und innovative Seite des querdenkenden Philosophen, meint der Kritiker. Angeregt liest er in dieser einst abgelehnten Habilitation und in den weiteren, wunderbar unverkrampften Aufsätzen der zwanziger und dreißiger Jahre Anders' Gedanken zu einem musikalischen Zeitbegriff, Hegels Zuordnung von Bild und Klang, Grenzüberschreitungen bei Johann Sebastian Bach oder zu "Unserer Musik - wie ein Inder sie hört". Zeitlos erscheint dem Rezensenten vor allem der Aufsatz Phänomenologie des Zuhörens" von 1927, den er als Abhandlung zur Kultur der Aufmerksamkeit liest.

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"Ellensohns ausführliches Nachwort liefert eine ausgezeichnete und notwendige Kontextualisierung äußerer und innerer Hinter- und Beweggründe." Gesellschaft für Musikforschung, Wolfgang Rathert "Ein bemerkenswerter und faszinierender Band." Laurenz Lütteken, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. September 2017 "Eine vorbildliche Edition." Helmut Mauró, Süddeutsche Zeitung, 28. März 2017