Die Maiski-Tagebücher - Maiski, Iwan M.
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Die Tagebücher des Iwan Maiski, die Gabriel Gorodetsky in Moskau entdeckt hat, sind ein spektakulärer Fund, vielleicht der spektakulärste, der bisher überhaupt in den sowjetischen Archiven gemacht wurde. Wer immer sich für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs interessiert, wird sie mit angehaltenem Atem lesen. 1932 erhielt Iwan Maiski die Ernennung zum sowjetischen Botschafter in London. Früher als andernorts hatte man im Kreml erkannt, dass Hitler vor den Toren der Reichskanzlei stand und seine "Machtergreifung" Europa einen neuen Krieg bringen konnte. Maiski sollte eine Annäherung Moskaus…mehr

Produktbeschreibung
Die Tagebücher des Iwan Maiski, die Gabriel Gorodetsky in Moskau entdeckt hat, sind ein spektakulärer Fund, vielleicht der spektakulärste, der bisher überhaupt in den sowjetischen Archiven gemacht wurde. Wer immer sich für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs interessiert, wird sie mit angehaltenem Atem lesen. 1932 erhielt Iwan Maiski die Ernennung zum sowjetischen Botschafter in London. Früher als andernorts hatte man im Kreml erkannt, dass Hitler vor den Toren der Reichskanzlei stand und seine "Machtergreifung" Europa einen neuen Krieg bringen konnte. Maiski sollte eine Annäherung Moskaus an die Westmächte vorbereiten. Nach vielen Rückschlägen wurde er im Zweiten Weltkrieg tatsächlich zum Architekten des sowjetisch-westlichen Bündnisses. Der Kampf gegen das Dritte Reich war das Lebensthema des weltgewandten Diplomaten und zieht sich wie ein roter Faden durch seine Aufzeichnungen. Dass diese überhaupt existieren, ist eine Sensation, denn unter Stalins Terrorregime konnten sie ihren Urheber leicht den Kopf kosten. So sind Maiskis Tagebücher ein einzigartiges Dokument, das ungewöhnliche Einblicke gibt in die sowjetischen Versuche zur Eindämmung Hitlers. Doch Maiski war auch ein literarisch begabter Beobachter mit besten Kontakten. Seine brillant erzählten Einträge ergeben ein farbiges Gemälde seiner Zeit und bieten intime Einblicke in seine Gespräche - etwa mit Winston Churchill, dessen Hass auf Nazideutschland so tief saß, dass er sogar seine lebenslange Abneigung gegenüber dem Bolschewismus überwand und einen bislang unbekannten, vertrauten Umgang mit dem sowjetischen Botschafter pflegte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • Seitenzahl: 896
  • Erscheinungstermin: 19. September 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 223mm x 154mm x 48mm
  • Gewicht: 1054g
  • ISBN-13: 9783406689369
  • ISBN-10: 3406689361
  • Artikelnr.: 43967356
Autorenporträt
Gabriel Gorodetsky ist Quondam Fellow am All Souls College in Oxford und Prof. em. für Geschichte an der Universität Tel Aviv. Für die Edition des Tagebuchs hat er 15 Jahre lang akribisch die Archive durchforstet, um die Einträge mit zusätzlichem Material abzugleichen und zu kommentieren. Die vorliegende Ausgabe präsentiert eine Auswahl.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Mit großem Interesse hat Jürgen Zarusky die Tagebücher des sowjetischen Botschafters Ivan Maiski in London gelesen, die sehr plastisch, aber alles andere als eindeutig von seiner Tätigkeit zwischen 1932 bis 1943 Zeugnis geben. Maiski war Stalins Abgesandter, aber einerseits den Freuden des britischen Upperclass-Lebens zugeneigt, anderseits auch zerrissen in seinen strategischen Ambitionen, wie Zarusky beschreibt: Erst agierte er zusammen mit Churchill und Eden gegen jede Form von Appeasement an Nazi-Deutschland, dann nach dem Hitler-Stalin-Pakt musste er plötzlich die entsetzten Briten beschwichtigen. Mit den englischen Linke hatte er am wenigsten zu tun. Als ganz aufrichtige Quelle kann der Rezensent die Tagebücher allerdings nicht ansehen, das konnte sich ein sowjetischer Funktionär gar nicht leisten, weiß Zarusky, bedauert aber dennoch, dass Maiski nichts über Vorgänge in der Sowjetunion verlauten lässt (zu Terror, Schauprozessen und Enthauptung der Roten Armee). Und auch wenn  Zarusky nicht alle Einschätzungen des Herausgebers Gabriel Gorodetsky teilt und sich eine direkte Übersetzung aus dem Russischen gewünscht hätte, findet er die Edition doch erhellend und verdienstvoll.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 04.10.2016
Der Netzwerker
Ivan Maiski war Stalins Botschafter in London. Zwischen 1932 und 1943 arbeitete er unermüdlich an einer britisch-sowjetischen Annäherung.
Und er schrieb ein Tagebuch – Auszüge davon liegen nun auf Deutsch vor. Doch Maiskis Rolle war nicht so eindeutig, wie der Untertitel der Edition suggeriert
VON JÜRGEN ZARUSKY
Kurz nachdem Ivan Maiski im Herbst 1932 als Botschafter der UdSSR in London angetreten war, kamen in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht. Damit war der Faktor etabliert, der die sowjetisch-britischen Beziehungen bis zu seiner Abberufung im Sommer 1943 und darüber hinaus bestimmte. Das britische Königreich war damals noch eine Weltmacht, die UdSSR noch keine. Das Verhältnis der beiden Flügelmächte war entscheidend für die Geschicke Europas.
  Maiski befand sich in einer Schlüsselposition, wenn er als weisungsgebundener Diplomat auch keine Schlüsselfigur war. Er war aber auch alles andere als ein bloßer Briefträger des sowjetischen Volkskommissariats für Auswärtiges. Schnell baute er sich ein weit gespanntes Netzwerk auf – in einem Rechenschaftsbericht von 1940 ist die Rede von 500 regelmäßig kontaktierten Personen – und reizte alle seine Möglichkeiten aus, um ein Zusammengehen Londons mit Moskau gegen die faschistischen Mächte zu befördern. Der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 machte seine Brückenbauer-Aktivitäten zunichte, nach dem Angriff auf die Sowjetunion 1941 war diese Rolle aber wieder hochaktuell.
  Seit dem Sommer 1934 führte Maiski regelmäßig Tagebuch über seine Arbeit, seine Begegnungen und bisweilen auch über Privates – maschinenschriftlich, vielleicht hatte er schon spätere Leser im Blick. Seine Eintragungen lesen sich wie ein „Who’s who?“ der britischen politischen Prominenz seiner Zeit: Ehemalige, aktive und künftige Premier- und Außenminister wie Lloyd George, Chamberlain, Churchill, Eden und Halifax bevölkern sie ebenso wie Könige, Journalisten, Verleger oder prominente Intellektuelle, etwa H. G. Wells oder Bernhard Shaw. Maiski schrieb lebhaft und anschaulich. Am Ende kamen 1800 Seiten zusammen, eine faszinierende Quelle, auf die der israelische Russlandhistoriker Gabriel Gorodetsky 1993 im Archiv des russischen Außenministeriums stieß. Die 2015 in den USA erschienene Auswahlausgabe, die etwa ein Viertel des Textes umfasst, liegt jetzt auf Deutsch vor. Ein Wermutstropfen ist, dass es sich um die Übersetzung (aus dem Englischen) einer Übersetzung (aus dem Russischen) handelt. Solche Umwege erzeugen Unschärfen. Man hätte sich auch auf die russische Gesamtausgabe aus den Jahren 2006/2009 stützen können.
Maiski kannte Großbritannien und die späteren sowjetischen Außenminister Tschitscherin und Litwinow schon aus seiner Zeit als politischer Exilant 1912 bis 1917. Der 1884 geborene Sohn eines Arztes polnisch-jüdischer Herkunft hatte wie viele seiner Zeitgenossen als Student die revolutionäre Laufbahn eingeschlagen. Er war zunächst Menschewik, Sozialdemokrat, und in der Revolution sogar Minister einer kurzlebigen antibolschewistischen Gegenregierung – ein lebenslanger Makel, auch wenn er 1921 zum Kommunismus konvertierte und eine diplomatische Karriere einschlagen konnte. Vor seiner Berufung nach London war er Botschafter in Finnland. 1943 wurde er im Moskauer Apparat des Außenministeriums nahezu kaltgestellt. 1947 wechselte er als Historiker an die Akademie der Wissenschaften. Im Februar 1953 ereilte ihn mit der Verhaftung als angeblicher „britischer Spion“ der Terror. Stalins Tod zwei Wochen später rettete Maiski wohl das Leben, aber er geriet im Zuge der Nachfolgekämpfe in die Affäre um Geheimdienstchef Berija, was ihm weitere zwei Jahre Haft eintrug. Seine beschlagnahmten Tagebücher wurden ihm später nur eingeschränkt zugänglich gemacht. 1975 starb er. Gorodetsky informiert auf breiter Quellengrundlage ausführlich über Maiskis Leben.
  In den Vorkriegsjahren arbeitete Maiski unermüdlich für eine britisch-sowjetische Annäherung. Die größte Sorge der sowjetischen Außenpolitik war ein mögliches Arrangement der „Appeaser“ mit den faschistischen Mächten und die Isolation der UdSSR. Daher zielten seine Aktivitäten besonders auf die „Antiappeaser“ im Establishment wie Lloyd George, Vansittart, Eden oder Churchill, und weniger auf die Linke, in deren Reihen er indes einigen Intellektuellen freundschaftlich verbunden war. Beatrice Webb, der Grande Dame des britischen Sozialismus, hat er 1937 sogar seine Vision eines „demokratischen Kommunismus“ anvertraut, der auf Stalin folgen würde. In seinem eigenen Tagebuch findet sich davon natürlich nichts.
  Allen Enttäuschungen zum Trotz hoffte Maiski noch Anfang August 1939 auf einen Erfolg der Moskauer Verhandlungen mit England und Frankreich, die indes durch den Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts am 23. August hinfällig wurden. Die Verantwortung für diesen Ausgang sah Maiski bei den „Appeasern“ und den Schwächen ihrer Gegner. Dass die Sowjetunion mit ihren Schauprozessen und der Enthauptung der Armee auch nicht gerade als zuverlässiger und starker Partner lockte, wird im Tagebuch allenfalls indirekt thematisiert, mit der Schilderung besorgter Nachfragen Churchills, der die Notwendigkeit eines starken Russland betonte.
  Maiski war nie um eine Rechtfertigung des Stalinschen Terrors verlegen, obwohl oder vielleicht auch weil er selbst gefährdet war. Gorodetsky führt Maiskis unermüdliche Aktivität auch auf das Ziel zurück, im sicheren London unabkömmlich zu bleiben. Das Tagebuch schweigt sich über die inneren Vorgänge in der UdSSR weitestgehend aus. Zwar wird der rätselhafte Mord am Leningrader Parteisekretär Kirov Ende 1934 erwähnt, den Namen des einstigen stellvertretenden Außenministers Krestinskij, der im März 1938 im dritten großen Schauprozess verurteilt wurde, wird man dagegen vergeblich suchen. Gorodetskys Einschätzung, das Maiski-Tagebuch sei „kein typisches Sowjettagebuch“, kann man vor diesem Hintergrund allenfalls mit Einschränkungen zustimmen. Auch dass Maiski 1943 seine Frau Agnia im „Fall der Fälle“ darauf verpflichtete, das Tagebuch Stalin zuzuschicken, deutet in eine andere Richtung.
  Für den kontaktfreudigen und den angenehmen Seiten des Botschafterdaseins nicht abgeneigten Maiski war die Periode des Hitler-Stalin-Pakts eine sehr schwierige Zeit. Die Sowjetophilie seiner linken Freunde wurde schwer erschüttert und während des Winterkriegs mit Finnland vom November 1939 bis März 1940 drohte sogar ein britisches Eingreifen gegen den sowjetischen Aggressor. Hautnah erlebte er die deutschen Luftangriffe auf London und im späten Frühjahr 1941 baute sich eine neue Bedrohung auf. Warnungen vor einer deutschen Aggression gegen die Sowjetunion häuften sich: „Ich will nicht glauben, dass Hitler uns angreift“, notierte er am 21. Juni.
Am nächsten Tag geschah es, und die internationale Konstellation war eine ganz andere. Churchill reagierte mit einer wuchtigen Radioansprache und sagte der UdSSR Unterstützung zu. Maiski war wieder in seinem Element und ging mit neuem Schwung ans Werk. Dass er es aber gewesen sei, der Churchills Rede vom 22. Juni „auf den Weg“ gebracht habe, wie es in der Einleitung heißt, wird vom Tagebuch nicht gedeckt und sogar von Gorodetskys Kommentar selbst widerlegt. Bemerkenswert ist, dass Churchill großes Mitgefühl mit der sowjetischen Bevölkerung bekundete. In Maiskis Tagebuch findet sich hingegen trotz aller Sorge über den Kriegsverlauf nichts dergleichen. Und für die geschlagenen Polen hatte er von Anfang an nur Häme übrig. Er begrüßte den Abbruch der Beziehungen zur polnischen Exilregierung im April 1943 nach den Enthüllungen über Katyn und die sich abzeichnende Etablierung einer moskauhörigen polnischen Regierung, die er drei Tage später gegenüber Churchill glatt abstritt. Der Kreml handele nach dem Motto „Was Osteuropa betrifft, so sind wir der Herr und Meister“, notierte er und kommentierte: „Das tut gut.“ Im Kampf gegen Hitler erschöpfte sich Maiskis Tätigkeit nicht. Seine Tagebücher sind ein farbiges, aber auch zwiespältiges Zeugnis einer grausamen und zwiespältigen Epoche.
Jürgen Zarusky ist Historiker am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und Chefredakteur der „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“.
Gabriel Gorodetsky (Hg.): Die Maiski-Tagebücher. Ein Diplomat im Kampf gegen Hitler 1932-1943. Verlag C.H. Beck München 2016, 896 Seiten,
34,95 Euro.
Es handelt sich um eine
Übersetzung einer Übersetzung.
Das erzeugt Unschärfen
Für die geschlagenen Polen
hatte er von Anfang an
nur Häme übrig
Immer unterwegs gegen die Beschwichtigungspolitiker in Europa: Ivan Maiski, hier bei einer Zwischenlandung am Pariser Flughafen, Foto undatiert.
Scherl/SZ Photo
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Besprechung von 20.09.2016
Des Teufels Botschafter
Londoner Tagebücher von Iwan Maiski über die sowjetisch-britischen Beziehungen der Jahre 1932 bis 1943

Als Sensationsfund aus russischen Archiven kündigt der Verlag eine Auswahledition aus den Tagebüchern von Iwan Maiski an. Den Namen des Botschafters, der Stalins Interessen von 1932 bis 1943 in London vertrat, kennt kaum noch jemand. Gabriel Gorodetsky, emeritierter Professor der Universität Tel Aviv, stieß vor zwanzig Jahren in Moskau auf die "ebenso akribische wie offenherzige Chronik der Beobachtungen, Aktivitäten und Gespräche" des quirligen Botschafters. Das Verfahren, "um die Tagebücher deklassifiziert zu bekommen und sie in Russland veröffentlichen zu können", war kompliziert. Zur editorischen Arbeit an der russischen Ausgabe meint er höflich, dass das Ergebnis "nach wie vor eine gewisse amtliche Strenge atmet und in der Tendenz die etablierte russische Deutung der geschichtlichen Vorgänge aufrechterhält, die in den Zweiten Weltkrieg mündeten". Demnächst wird es eine dreibändige amerikanische Gesamtausgabe geben. Bereits im vergangenen Jahr erschien eine nun ins Deutsche übertragene englischsprachige Zusammenstellung von Highlights, die 25 Prozent der Vorlage ausmachen. Sie werden für das deutsche Publikum durch erhellende Zwischentexte mit Zitaten aus der Privatkorrespondenz, dem amtlichen Telegrammverkehr und den Memoiren Maiskis gekonnt ergänzt.

Den roten Faden der Aufzeichnungen bildete Maiskis "persönlicher Kampf um das physische Überleben in der Zeit des Großen Terrors", zumal Ende 1937 die "Säuberungswellen" im Moskauer Außenministerium einsetzten. Der Diplomat, der auch Prosatexte und Lyrik verfasste, verfügte über ein "außerordentlich gutes Gedächtnis". Auf dem Londoner Posten erlebte er fünf Premierminister und drei Könige, traf sich mit Schriftstellergrößen wie George Bernard Shaw und H.G. Wells - was den besonderen Reiz der Lektüre ausmacht. Die meisten Gespräche gab er in direkter Rede wieder - als gelte es, die Vorlage für ein Theaterstück oder Filmdrehbuch zu liefern. Vieles hielt er wohl mit Blick auf die Nachwelt fest.

Laut Gorodetsky neigte Maiski dazu, in der Berichterstattung manchmal eigene Ideen seinen Gesprächspartnern "unterzuschieben". Zudem falle die Diskrepanz zwischen Memoiren und Tagebüchern auf. Dies hänge mit seiner Verhaftung 1952 zusammen. Nach der Haftentlassung 1955 diente er sich Ministerpräsident Chruschtschow als "hauseigener Historiker der Außenpolitik der UdSSR" an, um die "bedeutendsten bürgerlichen Verfälscher der Zeitgeschichte" zu demaskieren. Trotzdem zwangen ihn Zensoren, kritische Passagen über Stalin aus der russischen Memoirenendfassung zu streichen.

Bereits in den zwanziger Jahren war Maiski Botschaftsrat in London. Seine Rückkehr als Botschafter im Herbst 1932 verdankte er dem Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Litwinow. Mit systematischen Tagebuchaufzeichnungen begann er erst 1934, als die britisch-sowjetischen Beziehungen einen Tiefpunkt erreichten. Im Jahr darauf begleitete er Anthony Eden, den Litwinow von der Politik der "kollektiven Sicherheit" überzeugen wollte, nach Moskau. Im Mai 1937 wurde Neville Chamberlain Premierminister, der sich einmal verächtlich über den "widerwärtigen, aber cleveren kleinen Juden" Maiski geäußert hatte. Nach einem ersten Gespräch am 29. Juli ging Maiski davon aus, dass Chamberlain zu "erheblichen Zugeständnissen an Deutschland und an Italien" bereit sei.

Hoffnungen setzte Maiski auf den in der Konservativen Partei isolierten "Deutschenfresser" Winston Churchill. Nach dem "Anschluss" Österreichs an Deutschland strebten beide eine "große Allianz" gegen Hitler an. Während der Krise um die Tschechoslowakei verstärkten sie ihre Kontakte. Der von Großbritannien hingenommene Ausschluss der Sowjetunion von der Münchener Konferenz sowie Chamberlains "Kapitulation" ebendort Ende September 1938 führten dazu, dass Maiski in ihm seinen "Feind" sah. Als Reaktion auf Hitlers Einmarsch in Prag signalisierte Maiski am 22. März 1939 Moskaus Beitritt zu einer britischen Viermächteerklärung, "wenn Frankreich und Polen das ebenfalls tun" - doch Warschau "verweigerte" sich. So kam es am 31. März zur britischen Garantieerklärung für die "polnische Unabhängigkeit".

Litwinow und Maiski bemühten sich noch um die Bildung eines "Friedensblocks" mit Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion, als in der zweiten Aprilhälfte der über die Westmächte "in hohem Maße enttäuschte Stalin" entschied, die Aussichten für eine zumindest vorübergehende Annäherung an das "Dritte Reich" ausloten zu lassen. Äußeres Zeichen für diese Neuorientierung war die Ablösung Litwinows durch Molotow. Alsbald fanden geheime deutsch-sowjetische Unterredungen über Wirtschaftsfragen in Berlin und öffentlich bekannte britisch-französisch-sowjetische Dreier-Pakt-Verhandlungen in Moskau statt. Maiski glaubte bis zum Abschluss des Ribbentrop-Molotow-Paktes am 23. August fest daran, dass Stalin den Westmächten den Vorzug gäbe - auch wenn er später in seinen Memoiren "auf irreführende Weise" genau das Gegenteil behauptete.

Nach der Kapitulation Warschaus und dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrags suchte Maiski im Oktober Churchill auf, der seit Kriegsbeginn als Erster Lord der Admiralität dem Kabinett angehörte und meinte, dass "die grundlegenden Interessen Großbritanniens und der UdSSR nirgendwo kollidieren". Durch den sowjetisch-finnischen Winterkrieg sank Maiskis Ansehen in der britischen Hauptstadt. Froh war er Mitte März 1940 über das Ende dieses Konflikts: "Hurra! Ich hätte am liebsten einen Hut in die Luft geworfen." Und mit Erleichterung nahm er im Mai 1940 Churchills Ernennung zum Premierminister auf und bewunderte dessen eisernen Willen, nach der Niederlage Frankreichs den Krieg gegen Deutschland fortzuführen. In den kommenden Monaten genoss der Diplomat den allmählichen Stimmungsumschwung zugunsten der Sowjetunion.

Vom April 1941 an sagten ihm britische Diplomaten und Politiker "einen baldigen deutschen Angriff auf die UdSSR" voraus; solchen "unerwarteten und unerbetenen Warnern" widersprach er. Am 7. Mai machte er sich über Churchills "fixe Idee" lustig, "ein Krieg zwischen Deutschland und der UdSSR sei unvermeidlich". Als Mitte Juni die britische Presse von massiven deutschen Truppenkonzentrationen entlang der sowjetischen Grenze berichtete, beharrte Maiski gegenüber Eden darauf, dass Hitler die Sowjetunion nicht angreifen werde. Dagegen spielte er sich in seinen Memoiren als großer Warner des Kremls auf. Dabei hatten seine "irreführenden Berichte" Stalin dazu veranlasst, Kriegsgerüchte zu verurteilen und zurückzuweisen, bekräftigt Gorodetsky.

Die Tagebücher spiegeln sodann die Spannungen zwischen den neuen Bundesgenossen Churchill und Stalin über Materiallieferungen, den Verlauf von Grenzen, die "Zweite Front in Europa" und das beiderseitige Misstrauen hinsichtlich eines Separatfriedens mit Hitler wider - bis das Tagebuch für 1942 am 31. Juli abbricht, als der Termin des (von Maiski eingefädelten) Moskau-Besuchs Churchills feststand. Im ersten Halbjahr 1943 belastete die Entdeckung der Leichen "von 10 000 polnischen Offizieren bei Smolensk" die Anti-Hitler-Koalition: Am 23. April überbrachte Maiski die Nachricht Stalins über den Abbruch der Beziehungen zur polnischen Exilregierung. Stalin behauptete dreist, "es müsse in dieser Geschichte eine Verabredung zwischen den Regierungen Sikorskis und Hitlers gegeben" haben, weil "gleichzeitig in der deutschen und in der polnischen Presse" Kampagnen geführt worden seien. Der Botschafter lehnte eine Untersuchung durch das Rote Kreuz strikt ab; dem stimmte Churchill zwar zu, bemerkte aber: "Selbst wenn sich die deutschen Behauptungen als wahr erweisen würden, würde sich meine Haltung euch gegenüber nicht ändern. Ihr seid ein mutiges Volk. Stalin ist ein großer Krieger, und im Augenblick sehe ich alle Dinge in erster Linie als Soldat, dem es darum geht, den gemeinsamen Feind so rasch wie möglich zu besiegen." Außerdem erwähnte er, General Sikorski habe ihm "vor einigen Tagen etwas von mehreren Tausend polnischen Offizieren erzählt, die in der UdSSR verschollen seien": Der Chef der polnischen Exilregierung habe Stalin schon Dezember 1941 nach dem Verbleib dieser Männer gefragt, aber ",keine klare Antwort erhalten". Churchill entwickelte im Gespräch mit Maiski auch den "Gedanken", dass "in einem Krieg alles passieren kann" und dass "Kommandeure niederen Ranges" aus eigenem Antrieb manchmal zu "schrecklichen Taten" fähig seien. "Ich kritisiere Churchill deutlich für seine vagen Verdächtigungen", notierte Maiski.

Am 2. Juli musste Maiski zu Konsultationen nach Moskau fliegen; es war das Ende seiner Mission. Er starb am 3. September 1975 auf einer Datscha außerhalb Moskaus. Sein letztes Buchprojekt mit dem Titel "Erinnerungen an Churchill, seinen Kreis und seine Zeit" konnte er nicht mehr vollenden. Ob er sich hier kritischer zu Stalin und dessen Verbrechen geäußert hätte, darf bezweifelt werden - wie überhaupt Maiskis "Kampf gegen Hitler" auch deshalb nicht von Erfolg gekrönt war, weil es ihm hin und wieder an Urteilskraft mangelte und er an Selbstüberschätzung litt.

RAINER BLASIUS

Die Maiski-Tagebücher. Ein Diplomat im Kampf gegen Hitler 1932-1943. Herausgegeben von Gabriel Gorodetsky. Verlag C.H. Beck, München 2016. 882 S., 34,95 [Euro].

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"Maiski war eine zentrale Figur im Kampf gegen Hitler. Seine glänzend geschriebenen Tagebücher erlauben uns den Blick hinter die Kulissen der großen Geschichte." Peter-Paul Huth, 3sat Kulturzeit, 17. Mai 2017 "Die von Gabriel Gorodetsky hervorragend edierten Tagebücher von Ivan Maiski gewähren aufschlussreiche Einblicke in die streng abgeschirmte Kommunikation zwischen den Akteuren." Bernward Dörner, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 4/2017 "Bei Maiski wird sehr deutlich, wie wichtig der persönliche Faktor in der Geschichte ist." Eckhard Stuff, RBB kulturradio, 2. Februar 2017 "Ein literarisches Zeugnis von Weltrang." Michael Bittner, Sächsische Zeitung, 25. Oktober 2016 "Maiski (war) neben seinen politischen Leidenschaften ein begnadeter Schriftsteller (...) Mit welcher erzählerischen Kraft er Charaktere und Schauplätze, Geist und Atmosphäre seiner Zeit einfängt, ist hinreißend. Das macht die Tagebücher neben ihrem historischen Informationswert zugleich zu einem besonderen Lesevergnügen." Uwe Wittstock, Die Presse, 22. Oktober 2016 "Sein Tagebuch liest sich wie ein Drama, in den Hauptrollen die mächtigsten Männer des Zweiten Weltkriegs." FOCUS, 15. Oktober 2016 "Gorodetsky hat einen außergewöhnlichen Fund gemacht. Die Tagebücher (...) geben einen unschätzbaren Einblick in das Geschehen der 30er und 40er Jahre, als die Welt von der Nazi-Herrschaft in Atem gehalten wurde." "Durch erhellende Zwischentexte mit Zitaten aus der Privatkorrespondenz, dem amtlichen Telegrammverkehr und den Memoiren Maiskis gekonnt ergänzt." Rainer Blasius, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. September 201 6 "Ein faszinierendes Sittenbild des britischen Empire." Martin Doerry, Der Spiegel, 10. September 2016 "Erstaunlich! Wirklich bemerkenswer (...) Vielleicht das bedeutendste politische Tagebuch des 20. Jahrhunderts." Paul Kennedy "Maiskys Tagebuch, makellos ediert von Gabriel Gorodetsky, ist nicht nur ein Werk von größter historischer Bedeutung. Es bietet auch einen faszinierenden Blick auf die anglo-sowjetischen Beziehungen und die britische Politik im entscheidenden Zeitraum von 1932 bis 1943." Antony Beevor "Seine unverblümten Darstellungen der politischen und sozialen Schauplätze Großbritanniens (...) sind eine Entdeckung von historischer Bedeutung und Faszination." Nicholas Shakespeare, The Daily Telegraph, 23. September 2015 "Hitlers Krieg brachte einige bemerkenswerte politische Tagebücher hervor, die heute wesentliche Anhaltspunkte für Historiker sind (...) Auf diese ausgewählte Liste müssen wir jetzt den Namen Maisky hinzunehmen (...) Sein ausführliches Tagebuch ist eine faszinierende und außerordentlich wertvolle Quelle für die Beziehungen zwischen Moskau und London im Krieg. Dessen Veröffentlichung auf Englisch ist die Errungenschaft akribischer Wissenschaft und aufgeklärter Herausgabe (...) (Maiskys) Tagebuch kostete ihn beinahe sein Leben. Jetzt, dank eines qualifizierten und umsichtigen Herausgebers, wird es ihn unsterblich machen." David Reynolds, Times Literary Supplement, November 2015 "Ein außergewöhnliches Dokument, von einem außergewöhnlichen Mann." Andy McSmith, The Independent "Sicherlich das wichtigste Tagebuch aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges seit den Downing Street Tagebüchern, Jack Colvilles Aufzeichnungen über seinen Dienst für Churchill, die vor mehr als 30 Jahren veröffentlicht wurden. Wie Colville zeigt Maisky echtes literarisches Talent sowie die Fähigkeit, fortwährend zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein (...) Alle kommenden Darstellungen dieser Zeit werden sie zukünftig zitieren müssen (...) ausgesprochen lesenswert, enthüllend und gut ediert." Andrew Roberts, Evening Standard, 24. September 2015 "Vermutlich der wichtigste Beitrag der Geschichtswissenschaft des 21. Jahrhunderts zu unserem Verständnis von den Ursachen, Verläufen und Konsequenzen des Zweiten Weltkriegs (...) Es wird von jedem…mehr