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Botticelli - Zöllner, Frank
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Sandro Botticelli (1444/45-1510) gehört mit Leonardo, Raffael und Michelangelo zu den größten Künstlern der Renaissance. In bis heute fesselnden Gemälden wie der Primavera und der Ankunft der Venus hat er die antike Mythologie zu neuem Leben erweckt. Er wirkte als wichtigster Porträtist der Elite seiner Vaterstadt Florenz. Doch wurde er auch Zeuge des religiösen Fanatismus seiner Zeit und hat in seinem Spätwerk darauf reagiert. Dieser Band zeichnet ein anschauliches Bild von Botticellis Leben und Werk im Kontext einer bewegten Epoche.…mehr

Produktbeschreibung
Sandro Botticelli (1444/45-1510) gehört mit Leonardo, Raffael und Michelangelo zu den größten Künstlern der Renaissance. In bis heute fesselnden Gemälden wie der Primavera und der Ankunft der Venus hat er die antike Mythologie zu neuem Leben erweckt. Er wirkte als wichtigster Porträtist der Elite seiner Vaterstadt Florenz. Doch wurde er auch Zeuge des religiösen Fanatismus seiner Zeit und hat in seinem Spätwerk darauf reagiert. Dieser Band zeichnet ein anschauliches Bild von Botticellis Leben und Werk im Kontext einer bewegten Epoche.
  • Produktdetails
  • Beck'sche Reihe Bd.2505
  • Verlag: Beck
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 128
  • Erscheinungstermin: 15. Juli 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 180mm x 118mm x 9mm
  • Gewicht: 125g
  • ISBN-13: 9783406684975
  • ISBN-10: 3406684971
  • Artikelnr.: 43081379
Autorenporträt
Frank Zöllner, geboren 1956 in Bremen. 1977 - 1981 Studium der Kunstgeschichte. 1983 - 1985 »Aby-Warburg-Stipendium« in London, The Warburg Institute. 1987 Promotion an der Universität Hamburg mit einer Arbeit über »Vitruvs Proportionsfigur«. 1988 - 1992 wissenschaftlicher Assistent, Bibliotheca Hertziana, Rom. 1995 Habilitation an der Universität Marburg.
Inhaltsangabe
1. Bild und Text
2. Anfänge
3. Erste öffentliche Erfolge
4. Botticelli als Porträtist der Medici
5. Religiöse Gemälde der mittleren Periode
6. Die Primavera
7. Die späteren mythologischen Gemälde
8. Die späten Altarbilder
9. Das Spätwerk: Kunst und theologische Poesie

Literaturhinweise
Bildnachweis
Personenregister
Rezensionen
Besprechung von 14.11.2009
Die Locke der Nymphe
Das Frankfurter Städelmuseum zeigt erstmals in Deutschland Sandro Botticellis bis heute einflussreiche Gemälde
Sandro Botticelli? Hat der wirklich im Florenz des 15. Jahrhunderts gemalt? dpa jedenfalls denkt angesichts der ersten großen deutschen Schau des Künstlers im Frankfurter Städelmuseum an die „Botticelli-Schönheiten” Kate Moss und Uma Thurman. Und die Frankfurter Rundschau zeigt auf ihrer Titelseite eine goldblonde nackte Venus des Meisters und titelt: „Pin-up”.
Das ist natürlich grob ahistorisch gedacht und tut weh. Aber so ist das bei Botticelli: Die moderne Rezeption seines Stils hat sich in sein Œuvre eingefressen wie salzige Feuchtigkeit in ein altes Fresko. Auch wer um historische Gerechtigkeit ringt, kommt an einer Frage nicht vorbei: Was macht ausgerechnet Botticelli zum Ahnherr der Populärkultur, zu demjenigen Künstler, auf den sich Filmstudios und Modelagenturen, meistens unwissentlich, beziehen? Aus dessen Stilrepertoire sich die visuelle Figurenwelt unserer Zeit nährt und Geschöpfe wie Claudia Schiffer gebiert, die nur eines wollen: auch so lange Beine, einen so hohen Hals, so halbbrav, halbwild gestuftes Haar, so volle Lippen, hohe Wangenknochen, sanfte Augen wie Botticellis schaumgeborene Venus in Florenz, die auf Teetassen, Kalenderblättern und Küchenschürzen ihr Nachleben feiert.
Nun hat schon Botticelli Werkstatt das Motiv der schamvollen Nackten mit langem Goldhaar variiert und kopiert, hat die Muschel verworfen, die Dame vor schwarzem Hintergrund isoliert und sie dem Betrachterblick so als auratische, nun mythenfreie Einzelfigur dargeboten. Zwei dieser Fassungen sind in Frankfurt zu sehen, und sie sind wie alle weiblichen Idealgestalten des Künstlers: kaum antikisch, nämlich nicht an Volumen, Dreidimensionalität und Standhaftigkeit griechischer Statuen orientiert. Diese Mädchen schweben eher als dass sie stehen, ihre Bäuche und Beine sind graziös, aber grafisch gefasst wie aus mittelalterlicher Buchmalerei entsprungen. Nicht spürbare Leiblichkeit, Erdenschwere und Vielansichtigkeit schützen ihre Körper vor dem Zerfließen, sondern starke Konturen um klare Oberflächen. Schon Aby Warburg staunte, wie Botticelli Bewegung nicht durch Gestik und Mimik ausdrückt, sondern sie auslagert in periphere Elemente wie fliegende Locken. Dafür hatte der Maler freilich gute Gründe: Die sozialen Normen setzten feminine Schönheit und Keuschheit gleich; Mädchen lernten früh, den Blick außer Haus zu senken. Und misst man Botticelli an Perugino oder Ghirlandaio, so muss man anerkennen, welchen Frei- und Denkraum er sich und seinen Göttinnen erkämpfte.
Etwa im Ausgangs- und Glanzstück der Frankfurter Schau, dem hauseigenen Idealbildnis der Simonetta Vespucci. Zumindest ein Winkel auch des linken Augenlids blitzt hier auf, und so entweicht das Mädchen schon leicht dem klassischen weiblichen Profilbildnis, das aus Schicklichkeitsgründen Blickkontakt mit dem Betrachter verbot. Ihr Haar schmücken Perlen und wohl falsche Fransen; eine Locke weht ihr von der Stirn.
Das ist dann auch schon das Maximum der Unbändigkeit. Wer der Figur näherkommen wollte, müsste erst einmal die zwischen den Brüsten verknoteten Zöpfe lösen und würde dann am schwarz schimmernden Panzer der Minerva verzweifeln, den sie darunter als BH trägt. Nur bedingt einladend wirkt auch der Kettenanhänger, eine Darstellung des Apoll, der Marsyas schindet für dessen zu lustvolles Flötenspiel. Wehrhaft sollte diese Dame sein, denn sie war Maskottchen der Medici, und die beanspruchten für sich Weisheit und Kriegskunst der Minerva.
Giuliano de’ Medici erwählte die junge – und im Übrigen schon verheiratete – Simonetta Vespucci im Januar 1475 als Turnierdame und zog mit viel Pomp, blankpolierter Rüstung und einer von Botticelli gestalteten Fahne zu Ehren Simonettas in den sportlichen Wettkampf. Sein Dichter Angelo Polizian machte Simonetta literarisch zur Nymphe, in die sich Giuliano unglücklich verliebt. Um sie zu beeindrucken, zieht er demnach auf Rat von Venus in das Turnier. In einem Traum erscheint ihm Simonetta als Minerva, von der er sich die – siegbringenden – Waffen für den Wettkampf leiht. Die Gunst der keuschen Nymphe erringt er natürlich nicht.
Wie Polizians Simonetta, so ist auch Botticellis bella in Frankfurt mehr der Kriegs- als der Liebesgöttin verpflichtet. Die Tafel entstammt wohl dem Bilderkult, der nach dem frühen Tod der beiden Protagonisten in Florenz erblühte: Simonetta starb im Alter von 23 Jahren an Tuberkulose; Giuliano wurde zwei Jahre später in einem Attentat der Medicigegner erstochen. Botticelli malt ihn noch mit Turteltaube, die auf seine Treue gegenüber der toten Freundin hindeuten könnte. Beide Bildnisse, seines und ihres, heben sich schon durch übermenschliche Größe von den gängigen Porträts ab.
Andere Ehefrauen malte Botticelli übrigens entgegen der Konvention einigermaßen realistisch, mit langen Nasen, schlichten Kleidern und viel häuslichem Leerraum um sie herum. Simonetta aber erlangt mythologische Tiefe, was bei einem so gebildeten und stets gut beratenen Maler nicht wundert. Noch einmal begegnet einem eine solche kühle Göttin in der Schau: Diesmal zieht sie sanft, aber bestimmt einen traurigen Kentaur am Schopf, der doch eigentlich schon gestraft genug ist mit seinem Pferdekörper, der ihm in der Schamgegend wächst. Schild und Lanze trägt die Frau, zudem auf dem Gewand die harten Diamantenringe der Medici. Die vermutliche Minerva mag die kluge, tugendhafte Führung der Stadtherren verkörpern – und deren Wehrbereitschaft nicht weniger.
Die Zähmung des Widerspenstigen ist ein Thema in dieser Malerei, nicht immer aber gerät es so zum Nachteil der Männer wie bei dem Kentaur. Im Gegenteil, gerade die Bildnisse junger Männer sind von höchster Sensibilität, hier öffnet der Maler seinen Modellen die Augen und lässt sie groß und neugierig in die Zukunft schauen. So der Jüngling aus der National Gallery of Art in Washington, der nun wissenden Blickes das Frankfurter Publikum vorbeischlendern sieht. Er hält ein Heiligenbildnis in der Hand, was das Kontemplative seiner Haltung noch verstärkt: Hier ruht jemand in sich und nimmt, geschützt durch eine schmale Brüstung, die Welt um sich herum aus angemessener Distanz und doch voller Empfindsamkeit auf.
Man könnte sagen, Botticelli hat mehr für den männlichen Eros getan als für den weiblichen, er hat den Männern die Souveränität der Verletzlichkeit geschenkt, so wie in der – leider nicht ausgeliehenen – Londoner Tafel von Venus und Mars, wo er die zwei Götter ins Gras legt: Sie wohl frisiert, ausgehfertig angezogen, wachen Blickes auf den Freund, selbst kurz nach dem Sex noch Herrin der Lage. Der Krieger dagegen nackt, schlafend, dahingeflossen; machtlos auch gegen die paar Satyrkinder, die seine Waffen verulken.
So viel Hingabe mag Botticelli, Kind seiner Zeit, seinen Frauen nicht zugestehen, sie müssen kühl und selbstkontrolliert sein und für das höhere Prinzip der Vernunft einstehen – auch und vor allem dort, wo diese den Männern abhanden kommt. Als Judith retten sie ihr Volk, als gepanzerte Minerva stehen sie für die angeblich so friedliche, doch stets kampfesbereite Herrschaft der Medici. Sie sind das, was manche Leute heute „starke Frauen” nennen würden und damit einseitige Lastenverteilung gutheißen.
So lässt sich nach dem Parcours auch erahnen, was es für eine Befreiung gewesen sein muss, als schon kurze Zeit nach Botticelli die Maler im Norden Italiens den Sex nicht mehr nur andeuteten, sondern Frauengestalten erfanden, die ihre Hintern und Brüste zu gebrauchen wissen und beim Pudicagestus zugreifen statt, wie Botticellis Schaumgeborene aus Florenz, das lange blonde Haupthaar zwischen Finger und Scham zu schieben. Diese neuen leibesfreundlichen Bilder schafften es damals bis in die Brautgemächer. Mit solcher Libertinage räumte die Gegenreformation um 1600 gründlich auf, wenn es auch immer ein Fortleben gab, etwa in der Malerei von Rubens.
Botticelli wurde seit dem mittleren 16. Jahrhundert aus anderen Gründen missachtet: Der Kunstschriftsteller Giorgio Vasari hatte ihn zum Anhänger des Bußpredigers Savanorola stilisiert, was so nicht stimmen kann, wie die neuere Forschung nachweist. Erst die Präraffaeliten begeisterten sich wieder für seine Werke. Wie so viele Phänomene der Renaissance, hat es also auch Botticellis betont stilisierte Figurenmalerei über den Umweg des 19. ins frühe 21. Jahrhundert geschafft. Freilich wurden seine teilweise großartigen religiösen Bilder dabei übersehen, und es gehört zu den Verdiensten der wissenschaftlich wie didaktisch hochkonzentrierten Frankfurter Schau (zusammengestellt von Andreas Schumacher), an die nicht weniger idealschönen Marien Botticellis zu erinnern.
Die Populärkultur heute reagiert auf das Zeichenhafte dieser Malerei; sie führt auf ihre Weise den Prozess der Entkleidung fort, mit dem Botticellis Werkstatt einst begann, als sie der schaumgeborenen Venus in späteren Varianten die Muschel unter den Füßen wegzog. Von seinen sinnreichen und witzigen Anspielungen auf das Geistesleben ist bei Auftritten von Claudia Schiffer nicht mehr viel übrig. Des Meisters flächige, wenig körperliche und nie wirklich anstößige Figuren werden zur Chiffre für eine leidenschaftslose Schönheit, die niemandem wehtut. Das allerdings hat Botticelli nicht verdient.KIA VAHLAND
„Botticelli. Bildnis – Mythos – Andacht”, im Städelmuseum Frankfurt bis 28. Februar, Katalog (Hatje Cantz): 49,80 Euro. www.staedelmuseum.de. Zudem: Frank Zöllner: Botticelli, Prestel Verlag, München 2009, 320 Seiten, 39,95 Euro.
Botticelli verdammt seine Frauen zur Vernunft; seine Männer dagegen dürfen kopflos sein
Giuliano de’ Medici (links unten) verehrte Simonetta Vespucci (links oben) als Nymphe und Minerva; Botticelli widmete ihm und ihr übergroße Bildnisse. Vom Sieg der Tugend über die Leidenschaft erzählt auch Botticellis Gemälde von einer Frau mit Kentaur, das ursprünglich neben seiner „Primavera” hing. Abb.: Katalog
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Arno Widmann war in der großen Frankfurter Botticelli-Ausstellung und möchte nun mehr erfahren über die Hintergründe von Leben und Werk des Malers. Als Werkschau in Buchformat empfiehlt sich da an erster Stelle Frank Zöllners vorliegender Band. Zum einen, weil darin die Bilder in einer Detailgenauigkeit betrachtet werden können, wie es nicht einmal in der Ausstellung möglich sei (wenngleich die Farben nicht immer stimmen). Wichtiger noch und vor allem außerordentlich instruktiv findet Widmann die vielen Informationen zur Entstehung der Bilder, vor allem zu den vielfachen literarischen Traditionsbezügen, ohne deren Kenntnis man Botticelli im Grunde kaum verstehen könne.

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