Johann Peter Hebel - Viel, Bernhard
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Johann Peter Hebel gehört zum Erbe klassischer deutscher Bildung. "Kannitverstan" und "Unverhofftes Wiedersehen" stehen als Meisterstücke seiner "Kalendergeschichten" in jedem Lesebuch, Muster einer kunstvollen wie volksnahen Literatur. Seinen Ruhm hatte zu Lebzeiten Goethes Urteil befördert, Hebel sei es als erstem gelungen, "auf die naivste, anmutigste Weise" im bäuerlich-kleinbürgerlichen Milieu den Weltentwurf der Aufklärung zu vermitteln - wie umgekehrt die bahnbrechend neue Qualität der Hebelschen Dichtung ebenso darin bestand, den als sinnvoll erkannten "Bau der Welt" in den Grenzen…mehr

Produktbeschreibung
Johann Peter Hebel gehört zum Erbe klassischer deutscher Bildung. "Kannitverstan" und "Unverhofftes Wiedersehen" stehen als Meisterstücke seiner "Kalendergeschichten" in jedem Lesebuch, Muster einer kunstvollen wie volksnahen Literatur. Seinen Ruhm hatte zu Lebzeiten Goethes Urteil befördert, Hebel sei es als erstem gelungen, "auf die naivste, anmutigste Weise" im bäuerlich-kleinbürgerlichen Milieu den Weltentwurf der Aufklärung zu vermitteln - wie umgekehrt die bahnbrechend neue Qualität der Hebelschen Dichtung ebenso darin bestand, den als sinnvoll erkannten "Bau der Welt" in den Grenzen bäuerlichen Lebens zu spiegeln.

In seinem Innersten allerdings war Hebel ein gebrochener Charakter, der zeitlebens unter dem frühen Tod seiner Mutter litt. Bernhard Viel nimmt dieses Lebenstrauma als Ausgangspunkt seiner Darstellung und zeigt, dass gerade das traumatische Erlebnis des Todes Kräfte freisetzte, die Hebel zum Schöpfer staunenswert kühner Verse und zum Erfinder der modernen Kurzgeschichte machten. Auch weltanschaulich teilt sich die innere Gebrochenheit mit. Immer wieder werden Zweifel am Sinn einer Ordnung der Welt laut - wenn Hebel auch in einer Art trotzigen Aufbegehrens der irdischen Vergänglichkeit das Glück einer göttlich begründeten Erlösung entgegenhält.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • 1. Auflage
  • Seitenzahl: 296
  • Erscheinungstermin: 1. Juni 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 223mm x 149mm x 27mm
  • Gewicht: 508g
  • ISBN-13: 9783406598364
  • ISBN-10: 3406598366
  • Artikelnr.: 27367331
Autorenporträt
Bernhard Viel, 1958 in München geboren, hat Germanistik und Geschichte studiert und arbeitet als Redakteur. 2001 wurde er mit dem Förderpreis des erstmals vergebenen »Berliner Preises für Literaturkritik« ausgezeichnet. Er lebt als freier Autor in Berlin und München.
Rezensionen
Besprechung von 08.05.2010
Das Leben an einer unsichtbaren Hand
Ein Klassiker, sehr ernst und sehr leicht zugleich: Vor 250 Jahren wurde der Dichter, Theologe und Pädagoge Johann Peter Hebel geboren
Er ist eine Ausnahme unter den deutschen Klassikern. Denn ihm hat es nicht geschadet, dass seine Texte in Schulbücher aufgenommen wurden. Die meisten anderen büßten diese zweifelhafte Ehre damit, dass viele ihrer jugendlichen Pflichtleser einen lebenslangen Widerwillen gegen sie entwickelten. Aber wer im Deutschunterricht Bekanntschaft mit dem „Kannitverstan“, dem „Unverhofften Wiedersehen“ oder dem „Unglück der Stadt Leiden“ gemacht hat, erinnert sich auch später gern an Johann Peter Hebel (1760-1826) und seine „Kalendergeschichten“. Dieser seltsame Erfolg dürfte darin begründet sein, dass Hebel das pädagogische Fach sehr ernst und zugleich sehr leicht genommen hat. Seine Erzählungen dienten einem Zweck, gingen aber nicht in ihm auf. Sie sollten erziehen. Dazu aber mussten sie lebendig sein, spannend und voller Überraschungen, heiter und schön. Wie kaum ein anderer ist Hebel diesen gegensätzlichen Anforderungen gerecht geworden.
Hebels 250. Geburtstag am 10. Mai ist ein willkommener Anlass, frühschulische Erinnerungen aufzufrischen. Zwei Biographien wollen dabei helfen. Auf dem Sachbuchmarkt ist die Biographie die gebräuchliche Darbietungsform eines Klassikers. Denn sie ist leichter fasslich und angenehmer zu lesen als eine thematische Studie. Aber auch eine Biographie braucht – jenseits des Jubiläumsmarketings – eine Fragestellung. Das gilt besonders dann, wenn das zu erzählende Leben wie in Hebels Fall nicht eben ereignisprall war. Die Frage, die einer Hebel-Biographie am ehesten eine argumentative Richtung geben könnte, zielt auf das besondere Verhältnis von Literatur, Pädagogik und Religion.
Denn Hebel steht für eine Frömmigkeit, die sich über sich selbst Aufklärung verschafft hat, die ihren Nutzen darin gefunden hat, Menschen zu einem guten Leben zu führen, und die sich darüber hinaus ästhetisch überzeugend darzustellen weiß. Für gewöhnlich nennt man so etwas „Kulturprotestantismus“, doch leider ist dies zumeist nur eine Parole, die theologische Fortschrittsfreunde skandieren, ohne sie selbst einzulösen. Warum ist es ausgerechnet Hebel, dem jeder programmatische Furor fremd war, gelungen, zusammenzubinden, was bei den meisten anderen auseinanderfiel? Eine Biographie, die darauf eine Antwort fände, würde nicht nur ein längst vergangenes Leben nacherzählen, sondern heutigen Lesern zu denken geben.
Sie wäre, so befremdlich das für manche auch klingen mag, theologisch interessant. Denn sie würde zeigen, was für ein „Schatzkästlein“ die so oft belächelte evangelische Aufklärung darstellt, welche Reichtümer an Humanität, Lebensweisheit, politischer Urteilskraft, Gottvertrauen und Humor sie bereithält. Zugleich könnte sie davon erzählen, welche inneren Widersprüche darin verborgen liegen. So wenig Hebel es mit der alten Rechthaber-Orthodoxie hielt, so wenig konnte er sich mit einer rationalistischen Gleichschaltung des alten christlichen Glaubens anfreunden. Er blieb auf ganz eigene Weise dazwischen.
Das zeigt sich auch an seinem Berufsweg: das Waisenkind, das Theologie studieren musste, aber nicht in den Pfarrdienst wollte, sondern die Schullaufbahn wählte, Stufe um Stufe erklomm, schließlich Mitglied der obersten Kirchenbehörde wurde und doch am Ende seines Lebens eine fiktive „Antrittspredigt vor einer Landgemeinde“ verfasste. Diese erzählt von seiner Sehnsucht nach einer schlichten Pfarrstelle, deren Erfüllung er selbst jedoch zu verhindern gewusst hatte, und mündet in ein zwiespältiges Bekenntnis: In seinem Leben sei er „an einer unsichtbaren Hand immer höher hinan, immer weiter von dem Ziel meiner bescheidenen Wünsche hinweg geführt worden“. In diesem paradoxen Satz klingen sowohl ein fester Vertrauensglaube an wie auch die Resignation darüber, dass eine glänzende Karriere in die Selbstentfremdung führt. So wurde Hebel ein Prälat, der meinte, „nicht koscher im Glauben“ zu sein, ein Vertreter des Establishments, der eine anarchistische Sympathie für Außenseiter kultivierte, der das Vertrauen in Gottes Vorsehung predigte und zugleich ein „apokalyptisches Wetterleuchten“ (Niklaus Peter) durch seine Erzählungen ziehen ließ. Solchen theologischen und existentiellen Ambivalenzen müsste eine Hebel-Biographie nachgehen und zeigen, wie daraus große Literatur hervorgehen konnte. Sie müsste beweisen, dass die evangelische Aufklärung durchaus ein gutes Stilprinzip sein kann.
Darin wäre sie auch für die heutige Literaturwissenschaft interessant. Denn es würde die verbreitete Auffassung als Klischee entlarvt, wonach eine Literatur nur dann als modern gelten darf, wenn sie sich in die dunkelsten Sinnabgründe des Seins versenkt, und würde dafür eine verfemte Gattung zu überraschend neuen Ehren bringen: eine Literatur, die ihren Lesern nicht nur Kunstgenüsse, sondern auch Lebenshilfe bescheren will, die eine Absicht verfolgt, ohne sich funktionalisieren zu lassen, die eine Position vertritt, ohne berechenbar zu sein – das nämlich ist Erbauungsliteratur, wie Hebel sie verstand.
Eine umfangreiche und anspruchsvolle Hebel-Biographie hat nun Heide Helwig im Hanser-Verlag veröffentlicht. Sie will nicht einfach seinen Lebenslauf nachbuchstabieren, sondern versucht, die Spannungsfelder auszumessen, in denen Hebel sich bewegt hat: zwischen Stadt und Land, äußerer Enge und innerer Weite, Armut und Reichtum, Kirche und Schule, Orthodoxie und Aufklärung, Beamtendienst und freier Kunst, Freundschaft und Einsamkeit. Dieses Programm gewinnt dadurch Kontur, dass Helwig die Kalendergeschichten nicht etwa in nur einem Kapitel verhandelt, sondern sie wie einen inneren Faden fast durch das ganze Buch laufen lässt.
Das ergibt viele erhellende Querverweise zwischen Leben und Werk, vor allem eine große Lebendigkeit. Zudem hat Helwig eine Fülle an interessantem Material zu bieten. Allein dafür muss man ihr schon dankbar sein. Allerdings verliert die Autorin sich auch oft in Details. Vor allem aber fehlt ihr vieles von dem, was Hebels Prosa auszeichnet: der Sinn für sprechende Anekdoten, knappe Formulierungen und überraschende Wendungen. Dieser Vergleich ist natürlich ein bisschen unfair. Von einem Napoleon-Biographen würde man nicht fordern, dass er selbst schon eine große Schlacht geschlagen habe. Bei einer Hebel-Biographin hätte man es aber schon gern, wenn sie einfach und witzig schreiben könnte.
Diese Schwäche zeigt sich bei der größten Stärke des Buches: Es ist eine Fundgrube an wunderbarsten Hebel-Zitaten. Doch versteht Helwig diese Zitate nicht auszudeuten oder dramaturgisch einzusetzen, sondern umrahmt sie mit Sätzen, die das Gleiche noch einmal sagen – nur schlechter. Sie präsentiert lauter Perlen, zieht sie aber nicht auf eine Silberschnur, sondern fasst sie in lauter Binsen ein. Das zeigt sich besonders in den Passagen zu Hebels Frömmigkeit, mit der die Autorin erkennbare Mühe hat.
Das Alternativangebot des Beck-Verlags von Bernhard Viel bringt weniger, aber das gereicht ihm nicht zum Schaden. Es hat die Menschen vor Augen, die erst noch Hebel-Leser werden wollen. So wählt Viel einen direkteren Zugriff und eine schlankere Sprache. Seine Biographie folgt einem konventionelleren, aber keineswegs unsinnigen Plan. Er schreitet Kapitel für Kapitel Hebels Lebensstationen ab, wobei er sich besondersausführlich der Kindheit und Jugend widmet. Dabei gelingt es ihm, den frühen Tod der Mutter als Hebels Urtrauma anschaulich werden zu lassen, von dem aus sich vieles erklärt: Hebels Wunsch, durch unermüdliche Arbeit aufzusteigen, seine Frömmigkeit, seine Heimatliebe, seine Lebensangst, sein ewiges Junggesellentum. Mit vergleichsweise wenigen Strichen zeichnet Viel die ganze Komplexität eines heiter-unglücklichen Menschen. Hilfreich sind die Passagen, in denen er Hebels Texte in die literarischen Zusammenhänge seiner Zeit einstellt. Hier widmet er sich besonders den alemannischen Gedichten. Eine eigene Fragestellung wird bei ihm aber auch in dieser Biographie nicht wirklich sichtbar.
Es ist glücklicherweise keine Kunst, Hebel zu lieben. Das können viele, und noch mehr sollten es tun. Aber es ist eine hohe Kunst, das Liebenswerte an ihm auf den Begriff zu bringen. Dafür benötigt man nicht nur historische und literarische Kenntnisse. Das Hebel-Jahr hat zwei sehr lesenswerte Biographien hervorgebracht, die zu erneuter Hebel-Lektüre anstiften. Dass sie für den eigentümlichen religiösen Charme dieses Lebens, dieses Werks wenig Sinn und keinen rechten Begriff besitzen, kann man den beiden Autoren jedoch nicht als persönliches Versäumnis vorhalten. Denn dies ist auch ein Zeichen dafür, wie weit inzwischen Literaturwissenschaft und Theologie einander entfremdet sind. JOHANN HINRICH CLAUSSEN
HEIDE HELWIG: Johann Peter Hebel. Biographie. Carl Hanser Verlag, München 2010. 367 Seiten, 24,90 Euro.
BERNHARD VIEL: Johann Peter Hebel oder Das Glück der Vergänglichkeit. Verlag C. H. Beck, München 2010. 296 Seiten, 22,95 Euro.
Evangelische Aufklärung kann
ein Schatzkästlein und ein
gutes Stilprinzip sein
Unter der Überschrift „Das Bombardement von Kopenhagen“ malt Hebel in seinem „Schatzkästlein“ aus, wie beim Angriff der Engländer auf die dänische Hauptstadt im Jahre 1807 „mancher schöne Dachstuhl in dieser angstvollen Nacht zerschmettert wurde, wie manches bange Mutterherz sich nicht zu helfen wußte, wie manche Wunde blutete, und wie die Stimme des Gebets und der Verzweiflung, das Sturmgeläute und der Kanonendonner durcheinanderging“. Hier der Brand von Kopenhagen in einem kolorierten Stich von Johann Lorenz Rugendas.
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Besprechung von 08.05.2010
Das Genie aus dem Abseits

Wie aus dem Vorsatz, Geschichten für das einfache Volk zu schreiben, Weltliteratur hervorging: Zum 250. Geburtstag von Johann Peter Hebel gibt es gleich zwei neue Biographien des Dichters.

Von Michael Stolleis

Auf der geographischen Linie, die Basel mit Hausen, Lörrach, Freiburg, Karlsruhe und Heidelberg verbindet, ist seit dem neunzehnten Jahrhundert viel Kluges, philologisch Genaues und Liebevolles über den großen badischen Dichter Johann Peter Hebel geschrieben worden. In Basel wurde er 1760 geboren, in Hausen wuchs er auf, in Lörrach gab er als junger Mann Unterricht, in Freiburg wäre er einmal fast Stadtpfarrer geworden, in Karlsruhe machte er Karriere und saß unter Adel und Exzellenzen, in Heidelberg entsteht heute die Historisch-Kritische Ausgabe und in Schwetzingen wurde er 1826 begraben.

Nun wird also in diesem Jahr, am 10. Mai, sein 250. Geburtstag begangen. In Lörrach feiert ihn der Hebel-Bund, wie alle Jahre, in Stuttgart bekommt Arnold Stadler den Johann-Peter-Hebel-Preis des Landes Baden-Württemberg, derjenige Schriftsteller also, der nach Herkunft und Ton diesem Dichter besonders nahe steht. Dann wird auch an die lange Kette der Bewunderer Hebels erinnert werden, die mit Goethe und Jean Paul beginnt und weiter zu Kafka, Benjamin, Brecht und Bloch bis zu Canetti und W. G. Sebald reicht. Für die einen, die dieser Mundart mächtig sind, ist er die "allemannische Drossel aus dem Schwarzwald" (Jean Paul), für die anderen ist er der unvergessliche Kalenderautor des "Rheinischen Hausfreunds" und der Briefschreiber.

Zu dieser allseitigen Erinnerung gehört auch eine ordentliche neue Biographie. Heide Helwig hat die eine geliefert, Bernhard Viel die andere. Beide kennen natürlich die älteren Biographien, etwa die unentbehrliche von Wilhelm Zentner (1965), auch die Werkausgaben und die reiche Sekundärliteratur, aber sie verstecken diese Kenntnisse in relativ knappen Anmerkungen. Beide Autoren konzentrieren sich ganz auf die Lebenslinie dieses scheuen, verschmitzten und klugen Mannes aus der Provinz, des pflichtbewussten Pädagogen und leitenden Geistlichen der badischen Landeskirche, des politisch vorsichtigen Kalendermachers und des Dichters, den die Muse 1801/02 intensiv küsste, aber dann wieder verließ. Das Ergebnis waren die "Allemannischen Gedichte", vielfach aufgelegt und geliebt. "Ich getraue mir kein zweites Bändchen zustande zu bringen. Der erste heilige Anflug des Genius ist schnell an mir vorübergegangen" schreibt Hebel schon 1803. Gleich anschließend aber kam als Auftragsarbeit der badische Landeskalender "Der Rheinländische Hausfreund", den Hebel ab 1807 hauptamtlich bis 1815 betreute. Dieser Tätigkeit verdanken wir einige Juwelen der deutschen Literatur von absoluter Reinheit, etwa "Unverhofftes Wiedersehen" oder "Kannitverstan", zurechtgeschliffen aus eher bedeutungslosen Vorlagen. Nach 1819 versiegte auch dies. Hebel trat an die Spitze der ab 1821 "unierten" Landeskirche, wurde in die Erste Kammer berufen, erhielt Ehrendoktor und Orden, aber irgendwo in seinem Innern hockte noch ein koboldartiger anarchischer und zweiflerischer Geist, eine unerfüllbare Sehnsucht nach dem einfachen Leben als Landpfarrer.

Heide Helwig fängt es geschickt an. Sie erzählt nicht in einer Linie von Geburt bis Tod, sondern schildert als Exposition zunächst den geographischen und geistigen Raum dieses Lebens zwischen Schwarzwald und Schweiz, Elsass und Bodensee. Dort, im "alemannischen" Dreiländereck, umkreist sie dann den Komplex der Dialektdichtung, bei der nicht nur Herders Suche nach der Ursprache und seine "Stimmen der Völker", sondern auch der plattdeutsch dichtende Johann Heinrich Voß, der Homer-Übersetzer, eine Rolle spielten. Erst danach schreibt sie das Leben Hebels, von den schwierigen Anfängen des bald verwaisten Knaben von der Hausener Dorfschule bis zum Schulabschluss in Karlsruhe und zur Mitgliedschaft in der "Lateinischen Gesellschaft". Die dort gehaltenen vier Reden sind jetzt von Wilhelm Kühlmann zweisprachig ediert und musterhaft kommentiert worden.

Es geht weiter über das Theologiestudium in Erlangen, die nächsten Stationen in Hertingen und Lörrach, den vergnügten Kult des Proteus-Ordens rund um den mythischen Berg Belchen, und schließlich nach Karlsruhe, das ihn mit Ämtern und Ehren festhielt. Weitere Kapitel gruppieren sich um Hebels Naturerlebnisse und Naturverständnis, um sein Verhältnis zur Geschichte und zur aktuellen Politik, insbesondere um den verehrten und gefürchteten, dem Haus Baden nahestehenden Napoleon, sowie um die Zeit der "Kalendergeschichten", die Tätigkeiten als Theologe und Ministerialrat. Dass Hebel bis an sein Lebensende Napoleon für eine weltgeschichtlich überragende Figur hielt, verband ihn mit Goethe - Gustav Seibt hat darüber 2008 ein kluges Buch geschrieben. Aber das herzliche Mitleid mit den vom Kriegselend malträtierten einfachen Leuten trennte Hebel wieder von dem Großen in Weimar.

Ein vergnügliches eigenes Kapitel bekommen bei Helwig die Geselligkeit in Karlsruhe, die Stammtische, die Rätsel- und Charadenmanie, die Theaterabende, die Bälle und sonstigen Festlichkeiten bei Hofe, aber auch die zarten platonischen Neigungen zu der Brieffreundin Gustave Fecht im Pfarrhaus in Weil, zu Sophie Haufe in Straßburg und vor allem zu der Schauspielerin Henriette Hendel-Schütz, einer Art Lady Hamilton ihrer Zeit, die den notorischen Junggesellen in gehörige Turbulenzen bringt. Sich ernsthaft binden wollte dieser Zauderer nie. Sein reicher Briefwechsel zeigt ein Hin und Her von geträumten Lebensplänen, während der Träumer selbst am Schreibtisch Akten bearbeitete. Von fern lässt der Versicherungsangestellte Franz Kafka grüßen.

Das Buch von Heide Helwig schließt fast elegisch und etwas mäandernd mit einem Kapitel über Hebels oft behandelte positive Stellung zum Judentum und zum Islam. Wie vielen seiner Zeitgenossen wurde ihm das "Morgenland" zur Ideallandschaft des Ursprungs der Menschheit. Hier verbanden sich der kundige Hebraist, der eifrige Leser von Reiseberichten und der volkspädagogische Theologe zu einer menschenfreundlichen Person. Hebel, dem es auf konfessionelle Spitzfindigkeiten nicht ankam, war deshalb auch besonders gekränkt, als der schwache Großherzog Karl es während des Wiener Kongresses zuließ, dass der "Rheinländische Hausfreund von 1815" wegen einer Lappalie zensiert wurde.

Helwigs Buch informiert über all dies kundig und gibt ein von Pedanterie freies Gesamtbild für einen größeren Leserkreis. Neues zur Hebel-Forschung bietet sie allerdings nicht. Die philologische Kleinarbeit an Hebels Quellen oder kriminalistischer Spürsinn scheinen ihr eher fernzuliegen. Dabei wäre gerade der genaue Vergleich des aus Zeitungsmeldungen, Schwankund Anekdotensammlungen geschöpften Rohstoffs mit den im Kalender publizierten Texten der einzige Weg, um dem Dichter über die Schulter zu schauen. Selbst wo eine Geschichte ("Eine sonderbare Wirtszeche") genau auf den 17. April 1805 datiert und in Segringen bei Dinkelsbühl lokalisiert scheint, steckt ein seit dem sechzehnten Jahrhundert überlieferter Scherz dahinter. Auch dass die Geschichten "Der Prozess ohne Gesetz", "Brotlose Kunst" oder "Die Raben" vermutlich einer Vorlage von 1803 "Der junge Antihypochondriakus oder Etwas zur Erschütterung des Zwerchfells und zur Beförderung der Verdauung" des Erfurter Druckers und Verlegers Georg Adam Keyser entstammen, wäre wichtig. Heinrich von Kleist ("Franzosen-Billigkeit") und Hebel ("Schlechter Lohn") schöpften einmal aus derselben Quelle - und beide machten meisterhafte Kurztexte daraus. Das wäre schon wert, notiert zu werden. Oder dass des Adjunkts "Standrede über Maß und Gewicht", die hier gar nicht erwähnt wird, eine der wichtigsten innenpolitischen Aufgaben Badens nach 1803 popularisiert, erfährt der Leser nicht. Gleichwohl wird Heide Helwig diesem genialen Gelegenheitsschriftsteller und Weltweisen gerecht, indem sie ihn und seine psychischen Dispositionen ernst nimmt, sich in seine Zweifel und Obsessionen einfühlt und ihn in das zwischen Aufklärung und Biedermeier changierende Feld einordnet. "Genie kann im Abseits gedeihen", sagt sie mit Recht, und "aus dem Vorsatz, fürs einfache Volk zu schreiben, kann Weltliteratur hervorgehen."

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht dasselbe. Wie unterschiedlich Biographien ausfallen können, wenn sie dasselbe bestens erforschte, ja überforschte Material zur Hand nehmen, zeigt der Vergleich Helwigs mit der Biographie von Bernhard Viel. Auch er folgt der Lebenslinie Hebels, nimmt sich aber schon fast 150 Seiten Platz, um den Weg des begabten Jungen durch die Schulen bis nach Karlsruhe um 1800 und zu den "Allemannischen Gedichten" zu erzählen. Ebenso werden die Details des Sterbens und der Beisetzung genau berichtet. Aber die wichtigsten Zwischenstücke, der Alltag im Gymnasium, der Amtsbetrieb der Badischen Landeskirche und die parlamentarische Arbeit, die natürlich benannt werden, bleiben doch unscharf in den Konturen. Auch scheint der Respekt vor der Psychoanalyse den Autor zu motivieren, der Mutterbindung Hebels eine übermächtige Rolle zuzuschreiben, um Hebels zugleich bescheidene und selbstbewusste Rolle in der Welt und vor allem sein scheues Verhältnis zu Frauen zu erklären. Wir wissen darüber zu wenig, dank Hebels Diskretion oder Schamhaftigkeit. Überhaupt wird viel spekuliert, "was wäre gewesen, wenn . . ."; die Worte "dürfte", "könnte" oder "sollte" fallen häufig. Viel schmückt gern aus, wo die Quellen nicht hinreichen. Umgekehrt kommt die eigentliche genaue Betrachtung der Texte und ihrer Quellen verhältnismäßig zu kurz, stärker noch als bei Heide Helwig. Von den Kalendergeschichten wird nur "Unverhofftes Wiedersehen" breit dargestellt und mit einer Kalendergeschichte von Oskar Maria Graf aus dem Jahr 1926 verglichen. Angehängt werden kurze Betrachtungen über die Gaunerstückchen von Zundelfrieder, Zundelheiner und dem Roten Dieter. Das ist angesichts des Reichtums des "Rheinländischen Hausfreunds" an Erzählkunst und motivischen Reichtums eindeutig zu wenig. Immerhin: Die "Biblischen Geschichten", Hebels Alterswerk, werden etwas eingehender gewürdigt.

Am Ende behält doch Wilhelm Zentners Biographie, trotz ihres altertümlichen Duktus, ihren Rang. Aber in jedem Fall sind wir im Hebel-Jahr 2010 bestens ausgestattet mit biographischer Literatur, um uns hineinzufinden in die Existenz dieses unheroischen, undogmatisch frommen Zweiflers und Sehnsüchtigen, des Pädagogen und badischen Kirchenmannes, aber vor allem des unvergesslichen Gelegenheitsautors. Von der Biographie, die nur ein Mittel ist, aber auch Kunstwerk sein kann, führt der Weg zu den Texten selbst.

Heide Helwig: "Johann Peter Hebel". Biographie. Hanser Verlag, München 2010. 377 S., geb., 24,90 [Euro].

Bernhard Viel: "Johann Peter Hebel oder Das Glück der Vergänglichkeit". Eine Biographie. Verlag C. H. Beck, München 2010. 296 S., geb., 22,95 [Euro].

Wilhelm Kühlmann: "Facetten der Aufklärung in Baden. Johann Peter Hebel und die Karlsruher ,Lateinische Gesellschaft'". Mit einer zweisprachigen Edition von Hebels studentischen Reden (1776/77), übersetzt von Georg Burkard. Rombach Verlag, Freiburg 2009. 164 S., geb., 39,80 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Von theologischer Warte nähert sich Rezensent Johann Hinrich Claussen zwei neu erschienenen Biografien zum Dichter, Pädagogen und Kirchenfunktionär Johann Peter Hebel. Oder, genauer, er nähert sich ausführlich erst einmal diesem Leben selbst, weil nämlich die Biografien zu theologischen Fragen, wie er bedauert, nicht sehr tiefenscharf Stellung nehmen. Er macht ihnen das gar nicht zu Vorwurf, sieht eher einen traurigen Zug der Gegenwart in diesem Sachverhalt. Zumal er Bernhard Viels Buch dennoch so kundig wie lesenswert findet. So leuchtet ihm die Betonung der Kindheit und Jugend des Dichters ebenso ein wie das Gewicht, das Viel auf den Tod der Mutter als "Urtrauma" legt. Ohne dass dabei großer interpretatorischer Aufwand spürbar wäre, gelinge es Viel doch, die "Komplexität" seines Gegenstands zu erfassen, wenngleich andererseits ein eigener Deutungsansatz dabei nicht sichtbar werde.

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