Johannes Calvin - Strohm, Christoph
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Johannes Calvin (1509-1564) hat Luthers Reformation so erfolgreich weitergeführt wie kein anderer. Durch sein Wirken konnte sie sich über Genf hinaus in Westeuropa und vor allem in Nordamerika ausbreiten. Doch bis heute ist der strenge Jurist und Theologe hoch umstritten. War er ein geistlicher Diktator oder einer der wichtigsten Gestalter der westlichen Zivilisation? Christoph Strohm zeichnet knapp und anschaulich die entscheidenden Stationen seines Lebens und Wirkens nach und macht deutlich, warum Calvin bis heute die Gemüter erregt.…mehr

Produktbeschreibung
Johannes Calvin (1509-1564) hat Luthers Reformation so erfolgreich weitergeführt wie kein anderer. Durch sein Wirken konnte sie sich über Genf hinaus in Westeuropa und vor allem in Nordamerika ausbreiten. Doch bis heute ist der strenge Jurist und Theologe hoch umstritten. War er ein geistlicher Diktator oder einer der wichtigsten Gestalter der westlichen Zivilisation? Christoph Strohm zeichnet knapp und anschaulich die entscheidenden Stationen seines Lebens und Wirkens nach und macht deutlich, warum Calvin bis heute die Gemüter erregt.
  • Produktdetails
  • Beck'sche Reihe Bd.2469
  • Verlag: Beck
  • Seitenzahl: 128
  • Erscheinungstermin: 19. Februar 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 180mm
  • Gewicht: 120g
  • ISBN-13: 9783406562693
  • ISBN-10: 3406562698
  • Artikelnr.: 25052470
Autorenporträt
Christoph Strohm, geb. 1958, ist Professor für Reformationsgeschichte und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Heidelberg und Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.
Inhaltsangabe
Einleitung

1. "Im Schatten einer Kathedrale": Kindheit und Jugend

2. Grundstudium in Paris: Scholastik und kirchliche Orthodoxie

3. Jurastudium in Orléans und Bourges: Der Aufbruch der
humanistischen Jurisprudenz

4. Der Seneca-Kommentar von 1532: Die Faszination des Humanismus

5. "Unvermittelte Verwandlung": Die Hinwendung zur Reformation

6. Unterricht in der christlichen Religion 1536: Apologie und
reformatorisches Programm

7. "Jener Franzose": Erstes Wirken in Genf (1536-1538)

8. "Calvin wird zu Calvin": Straßburg (1538-1541)

9. Genf 1541-1542: Die Neuordnung der Kirchenzucht

10. Streit um die Praxis der Kirchenzucht (1543-1555)

11. Einheit und Reinheit der Lehre! Kampf um die reformatorischen
Errungenschaften

12. Zuspitzungen 1553-1554: Obrigkeitliche Gewalt in Glaubensfragen?

13. Konsolidierung und Konfessionalisierung, Verfolgung und Vollendung
(1555-1564)

14. Das reformatorische Werk und seine Weltwirkung

Epilog: Gründe der Wirkmächtigkeit

Zeittafel

Literaturhinweise

Personenregister
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 10.07.2009

Immer für die harte Linie
„Sofern ich Feinde habe, sind alle eindeutige Feinde Christi”: Neue Bücher zum 500. Geburtstag Calvins
Johannes Calvin ist keine populäre Figur, nicht in Europa. Die Strenge, mit der er Genf theologisch und moralisch reformierte, erschien vielen, Katholiken wie Lutheranern, unmenschlich, er selbst als ein Mann von kaltem Fanatismus. Die Bilder, die es von ihm gibt, widersprechen dem nicht. Sie zeigen ein hageres, scharf geschnittenes Gesicht; selbst der Freund und Nachfolger Theodor Beza sprach von „finster dreinblickenden Augen, die bis zu seinem Tod hellwach blieben”. Die Bücher, die jetzt zum 500. Geburtstag Calvins am 10. Juli 1509 erschienen sind, beginnen alle mit der Feststellung, wie umstritten Calvin sei. Über Luther spricht man nicht so.
Der einfachste Fall ist der zugleich prominenteste, der Fall des Michael Servet. Servet war ein spanischer Theologe, der als Leugner der Trinität auf Betreiben Calvins in Genf 1553 verhaftet, verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Die Sache hat Calvins Ansehen unendlich geschadet, Voltaire hasste ihn dafür.
Allerdings wäre nirgendwo in ganz Europa (abgesehen vielleicht von Polen und Siebenbürgen) anders geurteilt worden. Die Rechtslage war klar, seit dem Codex Iustinianus das Leugnen der Trinität mit der Todesstrafe belegt. Für die Zeitgenossen stand das Genfer Urteil auf sicherer Grundlage. Und doch ist richtig, dass Calvin in allen Meinungskämpfen radikal vorging; „er war immer für die harte Linie”, wie Mirjam G.K. van Veen im Calvin-Handbuch schreibt.
Was der modernen Wahrnehmung nicht weniger zuwider ist, das ist die „geistliche Zucht”, die Kontrolle der Gemeinde in Glaubens- und Sittenfragen. Manche Dinge sind nur komisch, der Versuch etwa, die Wirtshäuser zu schließen und an ihrer Stelle „Abteien” zu eröffnen zur gemeinsamen Bibellektüre und anderen Formen der Erbauung.
Von diesem Versuch musste auch die Genfer Obrigkeit bald wieder Abstand nehmen. Doch die „Visitationen”, der alljährliche Besuch aller Genfer Familien durch Kirchenälteste und Prediger, werden nicht immer ein Spaß gewesen sein. Mit Festigung der Erfolge Calvins mehrten sich die Prozesse wegen unsittlichen Verhaltens, vermutlich weil soziale Kontrolle und Denunziationen zugenommen hatten. Verboten waren das Singen „unzüchtiger” Lieder, unentschuldigte Abwesenheit vom Gottesdienst, Tanzen, Karten- und Ballspiel, Vagabundieren, Untätigkeit, Betteln und manches andere. Geradezu unfasslich für das 16. Jahrhundert ist der Rückgang unehelicher Geburten, wie er aus den Kirchenbüchern hervorgeht.
Dabei ist unsere Vorstellung von Toleranz ganz epochenwidrig. Toleranz gegenüber individuellem Fehlverhalten, in Sittenfragen also, war Unrecht in den Augen der Zeitgenossen. Nicht anders als die anderen glaubte Calvin, Gott strafe nicht bloß den einzelnen Sünder, sondern auch die Gemeinschaft, die diesen gewähren lasse. Besonders war nur die eiserne Konsequenz, mit der Calvin den christlichen Geboten Geltung verschaffte. Und auch in theologischen Fragen, dem, was wir heute Meinungs- und Glaubensfreiheit nennen, war Toleranz im 16. Jahrhundert nicht mehr als (bestenfalls) Duldung auf Zeit. Irrglaube war Gotteslästerung. Die Gemeinde durfte sie so wenig dulden wie Sittenlosigkeit.
Calvins Strenge ist also nichts Außergewöhnliches. Und doch identifizierte sich Calvin mit der Sache Gottes auf eine Weise, die uns zucken lässt: „Sofern ich Feinde habe, sind alle eindeutige Feinde Christi.”
Das ändert nichts an der weltgeschichtlichen Bedeutung Calvins. Unter den „reformierten Heiligen” ist seine Position, verglichen mit der Luthers bescheiden. Doch seine Bedeutung für die reformierte Theologie ist „normativer” als die Luthers für die lutherische Tradition. Diese Überlegung von Herman J. Selderhuis prägt auch das von ihm herausgegebene „Calvin Handbuch” (warum eigentlich ohne Bindestrich?). Es ist 2008 in der Reihe der Theologen-Handbücher bei Mohr Siebeck erschienen und stellt in den Mittelpunkt die Lehre Calvins. Historische Fragen spielen eine geringere Rolle, ebenso die Wirkung Calvins auf außerreligiöse Felder. Seine Bedeutung für Politik, Gesellschaft und Wirtschaft hätte man gerne ausführlicher behandelt. Speziell die Kontroverse um Max Weber, so ausgedroschen sie dem Spezialisten erscheinen mag, hätte in einem Handbuch mehr Platz verdient.
Doch in den theologischen Fragen ist das Buch eine Hilfe. Die Artikel, zwischen vier und zwölf Seiten lang, stellen die großen Fragen auf dem Stand der Forschung dar, die Literaturhinweise berücksichtigen auch die digitale Welt. Der Herausgeber schreibt, das Handbuch wende sich an Leser, die sich nicht wissenschaftlich oder beruflich mit dem Gegenstand beschäftigten, aber das ist Koketterie. Wer über Calvin noch wenig weiß, wird nicht mit dem Handbuch beginnen.
An solche Leute wendet sich der Herausgeber, Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Universität Appeldoorn, mit einem eigenen Buch: „Johannes Calvin. Mensch zwischen Zuversicht und Zweifel”. „Ich habe dieses Buch weder aus Freundschaft noch aus Feindschaft geschrieben”, versichert Selderhuis, aber er zeichnet das freundlichste Calvinbild. Besonders ist es ihm darum zu tun, Calvin gegen den Vorwurf der Gefühlskälte zu verteidigen.
Vielleicht auch zu diesem Zweck bedient sich sein Biograph (oder sein Übersetzer?) einer betont lockeren Redeweise. Mal „spuckte Calvin nicht mehr so große Töne”, dann hatte er „von gut aufgestellten Bildungseinrichtungen keineswegs die Nase voll”. Gelegentlich rutschen die Bilder auch völlig weg, etwa wenn Calvin sich als „Zehnkämpfer des Wortes im Stil alttestamentarischer Propheten” zeigt. Das kann man für bloße Ungeschicklichkeit ansehen. Von der Kirchenzucht im Sinne Calvins zu sagen, sie teile gelegentlich „einen kleinen Klaps” aus, das geht schon weiter. Und dass seine Kirchenstruktur den Idealen der Französischen Revolution entsprochen habe, liberté, egalité, fraternité, das ist kühn. Denn wenn Calvin und seine Anhänger auch gegen ungerechte Obrigkeit vorgingen und als Monarchiegegner, Monarchomachen gefürchtet waren, ihr Ideal war nicht die egalitäre Demokratie, sondern die Führung der Gemeinde durch eine theologisch definierte Elite.
Vor allem aber stört an Selderhuis, dass er seinen Helden als eine für sich dastehende Figur zeigt. Die politischen Kämpfe in Genf wie die Genfs mit seinen Nachbarn werden nur schwach beleuchtet, gleichfalls die großen Auseinandersetzungen mit Frankreich und dem Kaiser. Auch die theologischen Kontroversen werden nicht trennscharf dargestellt, weil die Gegner Calvins zu wenig zu Wort kommen. Selderhuis ist eine Autorität in der Reformationsforschung. Von seinen Erkenntnissen hätte er auch in einem Buch, das sich an Laien wendet, mehr Gebrauch machen können.
Volker Reinhardt, Professor an der Universität Fribourg, verfolgt mit seinem Buch ein ganz anderes Ziel, das sagt schon der Titel: „Die Tyrannei der Tugend. Calvin und die Reformation in Genf”. Reinhardt ist nicht Theologe oder Kirchenhistoriker, er interessiert sich mehr für das Geschehen in Genf als für die Person Calvin und ihr Denken. Die innerstädtischen Konflikte werden scharf herausgearbeitet, aber auch die mit den fremden Mächten. Sehr deutlich beschreibt Reinhardt, wie rücksichtslos Calvin bisweilen vorging; auch vor der öffentlichen Demütigung seiner Gegner scheute er nicht zurück. Dass er aus Frankreich stammte und aus Frankreich viele Prediger gewann, das schon machte in Genf böses Blut. Dazu kamen die vielen Immigranten. Genf hatte unter Calvin eine gewaltige Anziehungskraft gewonnen, innerhalb weniger Jahrzehnte verdoppelte sich die Einwohnerzahl durch Zuzug. Indes blieb die Stadt bei einzelnen Unruhen doch stabil, das zeigt, mit welchem politischen Geschick der Reformator vorging und auch, welche Integrationskraft die von ihm geführte Reformation entfaltete.
Auf wenig Platz, nicht mehr als 120 Seiten, beschreibt der Heidelberger Kirchenhistoriker Christoph Strohm „Calvin. Leben und Werk des Reformators”. Nur bewundern kann man das Darstellungsgeschick des Autors, der die profanhistorische Situation und theologische Konfliktlage der Zeit ebenso klar umreißt wie Calvins Theologie und Kirchenordnung.
Alles ist knapp und präzise; dicht, ohne zur Stopfwurst zu werden. Der innere Widerspruch Calvins, von sich selbst absehen zu wollen (tatsächlich verschmähte er sogar einen Grabstein) und doch Widerspruch nicht ertragen zu können, der Anspruch der Demut und das Selbstgefühl, einer neuer David zu sein, musste seine Parteigänger begeistern wie seine Gegner empören. Und auch die „kirchliche Zucht” stellt Strohm in die große Tendenz der Epoche, in die „explosionsartige Zunahme an Reglementierungen”. Es ist die Phase, in der auch der frühneuzeitliche Staat tiefer denn je ins Leben der Untertanen eingreift.
In die neuere Beurteilung Calvins fließt das Wissen um die folgenden Religionskriege ein. Das 20. Jahrhundert mit einer Erfahrung ideologisch inspirierter Gewalt neigt erst recht dazu, in der Rigorosität Calvins einen Vorschein des Terrors zu sehen. Stefan Zweigs „Castellio gegen Calvin” ist der Klassiker dieses Gedankens. Gewiss darf man nicht vergessen, dass exemplarisch freie, individualistische Gesellschaften wie die der Niederlande oder Nordamerikas stark durch Calvins Theologie geprägt sind. Und doch ist interessant, wie sehr in Europa Calvin nur noch historisch verstanden wird. STEPHAN SPEICHER
VOLKER REINHARDT: Die Tyrannei der Tugend. Calvin und die Reformation in Genf. Verlag C.H. Beck, München 2009. 271 Seiten, 24,90 Euro.
CHRISTOPH STROHM: Johannes Calvin. Leben und Werk des Reformators. C.H. Beck, München 2009 (Beck Wissen). 128 Seiten, 7,90 Euro.
HERMAN J. SELDERHUIS: Johannes Calvin. Mensch zwischen Zuversicht und Zweifel. Eine Biografie. Aus dem Niederländischen von Berthold Tacke. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009. 317 Seiten, 24,95 Euro.
HERMAN J. SELDERHUIS (Hrsg.): Calvin Handbuch. Mohr Siebeck, Tübingen 2008. 569 Seiten, broschiert 39 Euro, Leinen 79 Euro.
Verboten waren das Singen „unzüchtiger” Lieder, Tanzen, Karten- und Ballspiel, Untätigkeit...
Er wollte von sich selbst absehen und ertrug doch keinen Widerspruch
Typisch reformiert: Nackte Kirche, erfolgreiche Bürger. Pieter Saenredam, Innenansicht der St. Bavokerk Haarlem, 1628. Foto: Philadelphia Museum of Art/Corbis
„Calvin – Genf in Flammen” heißt ein Spektakel zum 500. Geburtstag des Reformators Johannes Calvin. Unsere Abbildung zeigt einen Ausschnitt aus dem dafür entworfenen Bühnenbild am Reformationsdenkmal in Genf. Foto: AP
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Mit viel Lob bedenkt Stephan Speicher diesen schmalen Band über Leben und Werk Johannes Calvins, den Christoph Strohm vorgelegt hat. Das mit kaum mehr als 120 Seiten kürzeste Buch unter den Neuerscheinungen zum 500. Geburtstag des umstrittenen Reformators hat ihn rundum überzeugt. Er schätzt die sehr klare Darstellung von Calvins Theologie und Kirchenordnung sowie der profanhistorischen Situation und der theologischen Konfliktlage der Zeit. Auch über den inneren Widerspruch Calvins hat er darin einiges erfahren. Sein Resümee über das Buch: "Alles ist knapp und präzise; dicht, ohne zur Stopfwurst zu werden".

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