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George L. Mosse, am Ende des Kaiserreichs in Berlin geboren, in der Weimarer Republik aufgewachsen, von den Nazis in die Emigration gezwungen und als Historiker des 20. Jahrhunderts berühmt geworden, stammt aus einer bedeutenden deutsch-jüdischen Familie des klassischen Bildungsbürgertums. In seiner Autobiografie erzählt der Weltbürger und Humanist mit dem für ihn so typischen Humor von seinem erfüllten Leben voller Brüche und Widersprüche.

Produktbeschreibung
George L. Mosse, am Ende des Kaiserreichs in Berlin geboren, in der Weimarer Republik aufgewachsen, von den Nazis in die Emigration gezwungen und als Historiker des 20. Jahrhunderts berühmt geworden, stammt aus einer bedeutenden deutsch-jüdischen Familie des klassischen Bildungsbürgertums. In seiner Autobiografie erzählt der Weltbürger und Humanist mit dem für ihn so typischen Humor von seinem erfüllten Leben voller Brüche und Widersprüche.
Autorenporträt
George L. Mosse (1918-2002), Enkel des Pressezaren Rudolf Mosse, wurde in Berlin geboren, musste mit der elterlichen Familie 1933 vor den Nationalsozialisten fliehen. In Cambridge/GB studierte er Geschichte und Politik. Kurz vor dem II. Weltkrieg emigrierte er in die USA und vollendete an der Harvard Universität seine Studien. Jahrzehntelang wirkte er als Professor für Europäische Geschichte in Madison/Wisconsin und lehrte außerdem deutsche Geschichte in Jerusalem. Mosse war einer der unkonventionellsten und produktivsten Historiker des 20. Jahrhunderts.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Ausgesprochen interessant findet der Rezensent mit dem Kürzel "sab" die Autobiografie von George L. Mosse, Sohn des Pressemagnaten Rudolf Mosse - schon allein, weil Mosse eine aufregende Lebensgeschichte hatte. Er wuchs in Deutschland großbürgerlich auf, musste mit seiner Familie 1933 fliehen und ließ sich letztendlich im amerikanischen mittleren Westen nieder, wo er eine herausragende akademische Karriere als Historiker verfolgte. Darüber hinaus hat er seine Lebensgeschichte - die eines "Außenseiters", der aber "konventionell gelebt" hat - auch noch sehr ansprechend aufgeschrieben: "Ohne Larmoyanz und auch ohne Psychologismus hat er die Überwindung von Selbstzweifeln und seinen geistigen Werdegang zum Bildungsroman stilisiert".

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 13.10.2003

Lehrstuhl der Bonanza-Ranch
Reich, jüdisch und talentiert: Die Memoiren von George Mosse
Wer in den achtziger Jahren in Jerusalem studiert hat, wird sich an jene Seminare erinnern, in denen man sich ins Wilmersdorf oder Schöneberg der zwanziger Jahre zurückversetzt fühlte. Ältere Damen mit weißen Handschuhen lauschten gespannt einem ebenfalls nicht mehr ganz jungen Herren, der in der Hebräischen Universität in leicht deutsch gefärbtem Englisch über Rathenau und Freud und Tucholsky referierte. Er hätte freilich auch seine eigene Familiengeschichte zum Besten geben können, um den Zuhörern einen tieferen Einblick in die neuere deutsch-jüdische Geistes- und Wirtschaftsgeschichte zu geben.
Aufgewachsen im märkischen Schloss Schenkendorf und einem Berliner Stadtpalais, bewohnte George Lachmann Mosse als Junge einen ganzen Schlossflügel und hatte bereits als Grundschüler seinen eigenen Chauffeur. Der 1918 geborene jüngste Enkel von Rudolf Mosse, dessen Zeitungsimperium (u. a. Berliner Tageblatt) im Kaiserreich kaum Konkurrenz hatte, gehörte zur Elite des Berliner Bürgertums. Die Familiengeschichte der Mosses wurde bereits in einer bedeutenden Studie von Elisabeth Kraus dokumentiert. Ihr Nachwort bereichert diesen Band, an dessen deutscher Ausgabe nur der unglückliche Titel stört.
Die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Welten machte sich in der Stiftungstätigkeit der Familie bemerkbar. In Schenkendorf, wo er als eine Art Gutsherr betrachtet wurde, stiftete der Vater, Hans Lachmann, die Kirchenglocken; in Berlin richtete er Suppenküchen für die verarmte Bevölkerung ein und finanzierte die Fräcke für die Philharmoniker; dem Geiger Bronislaw Huberman schenkte er seine erste Geige, und auch Paul Hindemith griff er unter die Arme; er half bei der Umgestaltung der Liturgie für die Berliner Reformgemeinde und setzte Schallplatten im Synagogengottesdienst ein.
Im Hause Mosse ging die Berliner Prominenz ein und aus, und als den jungen George später im Schweizer Exil ein Hund ins Bein beißt, ist dies natürlich nicht irgendein Straßenköter, sondern das Hündchen von Alfred Kerr. Die spartanische Erziehung im Internat von Salem passte zu den bürgerliche Tugenden, die im Haus Lachmann-Mosse herrschten. Hier wurde George Mosse freilich auch mit einer völkisch-nationalen (wenn auch nicht nationalsozialistischen) Erziehung konfrontiert, über deren Folgen er später seine wichtigsten Bücher verfasste.
Man mag bei den Anfeindungen, die seine Familie erfuhr, an das Wort Max Liebermanns denken: „Ich hatte zu viele Feinde, ich bot ja auch drei Angriffsflächen: Ich war erstens Jude, zweitens reich, und drittens hatte ich auch Talent.” George Mosse war Außenseiter in vielfacher Hinsicht: als Sohn einer der reichsten Berliner Familien, als Jude, als Emigrant, als Homosexueller. Doch wer ihn kannte, weiß, dass Lamentieren nicht seine Stärke war. So stellt er auch in den Memoiren fest, dass er trotz Vertreibung und Neuanfang auf ein erfülltes Leben zurückblicken kann – und dieser Blick erfolgt an keiner Stelle im Zorn.
Nach kurzem Aufenthalt in der Schweiz ging er weiter an ein englisches Internat, studierte im britischen Cambridge und promovierte in Cambridge, Massachussetts, an der Harvard Universität. Seine Karriere als Historiker begann er an der Universität von Iowa als Spezialist für das frühneuzeitliche Europa, bevor er später an seiner langjährigen Heimat, der University of Wisconsin in Madison, seine Interessen immer mehr dem Nationalismus und Totalitarismus zuwandte.
Einmal stellt er lapidar fest: Wäre er in Deutschland geblieben, „ich wäre irgendwann in das Familienunternehmen eingetreten und dort geblieben.” Wir hätten so eine Reihe wichtiger Werke vermisst, über die völkischen Ursprünge des Nationalsozialismus etwa oder über das Verhältnis zwischen Sexualität und Nationalismus, über deutsch-jüdische Intellektuelle und über den Umgang der Menschen mit dem massenhaften Sterben im Ersten Weltkrieg. Es sind zumeist geistes- und mentalitätsgeschichtliche Studien, die in der Bundesrepublik weniger en vogue waren und ihn so in seinem Geburtsland nie auch nur annähernd den Ruf einbrachten, den er in seiner neuen Heimat genoss.
Es spricht keine Unbescheidenheit aus seinen Memoiren, wenn er immer wieder feststellt, dass er weniger auf seine Bücher als auf seine Leistungen als akademischer Lehrer stolz ist. Mit Vergnügen berichtet er von einem Angebot seiner Universität, ihn aufgrund seiner herausragenden Leistungen eine besonders prestigereiche Professur zu verleihen, die nur zwei Stunden Lehrtätigkeit erforderte. Zwar verblieb er an der ihm liebgewonnener University of Michigan, bestand jedoch darauf, mindestens ein volles Lehrdeputat unterrichten zu dürfen. Seine zahlreichen Schüler, von denen eine ganze Reihe mittlerweile selbst klangvolle Namen haben, werden es ihm gedankt haben. Als ihn im Laufe derselben Verhandlungen der Rektor der Universität fragte, welchen Namen er denn für seinen eigenen Lehrstuhl wünsche, schlug er spontan „Cartwright-Chair” vor und belehrte seinen etwas verdutzten Vorgesetzten, er liebe nun einmal die TV-Serie „Bonanza” so sehr.
Stereotypen der Antisemiten
Das Schelmische spricht immer wieder aus diesen Memoiren, und doch liest man zwischen den Zeilen auch von den vielen Barrieren, die sich im Leben eines Menschen auftaten, dem bei seiner Geburt eine sorglose Existenz vorbestimmt zu sein schien. Buchstäblich in letzter Minute flüchtete er zu Beginn der NS-Herrschaft über den Bodensee in die Schweiz, in der Columbia University wird er in den vierziger Jahren explizit abgewiesen, da die „Judenquote” schon erfüllt war und bewegend beschreibt er, wie er zeitweise, einige Stereotypen der Antisemiten verinnerlicht hatte. Erst als er seit den siebziger Jahren regelmäßig als Gastprofessor an der Hebräischen Universität in Jerusalem unterrichtete, hatte er mit seiner jüdischen Herkunft Frieden geschlossen. Schwieriger war für ihn der Umgang mit seiner Homosexualität, den er in seinen Memoiren als ein weiteres identitätsprägendes Moment eingehend schildert.
Die Memoiren des 1999 verstorbenen George Mosse sind zugleich ein Stück deutscher Kultur- wie auch Unkulturgeschichte. Sie berichten vom Leben eines Historikers, der wie nur wenige seiner Kollegen Geschichte erfahren und Geschichte geschrieben hat und mittlerweile selbst Objekt deutscher, jüdischer und amerikanischer Kulturgeschichte geworden ist.
MICHAEL BRENNER
GEORGE L. MOSSE: Aus grossem Hause. Erinnerungen eines deutsch-jüdischen Historikers. Ullstein Verlag, Berlin 2003. 397 Seiten, 24 Euro.
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"George L. Mosse war ein feiner Kopf und kultivierter Geist, ein Liberaler mit Esprit, ein Gelehrter mit einem fast durstigen Sinn für Humor - und das, obwohl er als junger Mann von den Nazis aus dem Land getrieben wurde." (Die Welt)
"George L. Mosse ist einer der letzten Vertreter des klassischen deutschen Bildungsbürgertums, dessen Ideale Humanität und Toleranz sind." (Der Tagesspiegel)
"Der Historiker George L. Mosse hat seinen Bildungsroman hinterlassen, der das vergangene Jahrhundert in wenige Worte fasst." (Frankfurter Allgemeine Zeitung)