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Tief in den Archiven der Zeit- und Bewegungspionierin Lillian Gilbreth liegt ein Geheimnis. Berühmt für die Herstellung solider Lichtspuren, die die Bewegungsmuster von Arbeitern aufzeichnen, hatte Gilbreth, zur Begeisterung von NASA und KGB, die Möglichkeiten von Massenüberwachung und Big Data revolutioniert. Aber hatte sie, wie sie in einem ihrer Briefe andeutet, gegen Ende ihres Lebens tatsächlich auch ein »perfektes« Uhrwerk entdeckt, das »alles verändern« würde? Eine weltumspannende Jagd beginnt, nach dieser einen Box, die in ihrem Nachlass fehlt, und wir folgen einem jungen…mehr

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Produktbeschreibung
Tief in den Archiven der Zeit- und Bewegungspionierin Lillian Gilbreth liegt ein Geheimnis. Berühmt für die Herstellung solider Lichtspuren, die die Bewegungsmuster von Arbeitern aufzeichnen, hatte Gilbreth, zur Begeisterung von NASA und KGB, die Möglichkeiten von Massenüberwachung und Big Data revolutioniert. Aber hatte sie, wie sie in einem ihrer Briefe andeutet, gegen Ende ihres Lebens tatsächlich auch ein »perfektes« Uhrwerk entdeckt, das »alles verändern« würde?
Eine weltumspannende Jagd beginnt, nach dieser einen Box, die in ihrem Nachlass fehlt, und wir folgen einem jungen Bewegungserfassungsforscher namens Mark Phocan durch unsere flirrende Gegenwart, über geopolitische Verwerfungslinien und durch Experimentierzonen und mitten hinein in die Dreharbeiten zum Blockbuster-Film Inkarnation, einer epischen Weltraumtragödie, die endgültig die Geheimnisse menschlicher Erfahrung lüften soll...

Der Dreh von Inkarnation ist eine hellsichtige Breitwand-Odyssee durch medizinische Labore, Computergrafikstudios und militärische Forschungseinrichtungen, dunkle Orte, an denen die Grenzen unserer Möglichkeiten - zu unterhalten, zu verstehen, zu heilen, zu töten - ständig getestet und weiter verfeinert werden.
Autorenporträt
Tom McCarthy, geboren 1969, ist Schriftsteller, Künstler und Generalsekretär der International Necronautical Society, einem semi-fiktiven Avantgarde-Netzwerk. Er hat zahlreiche Essays, Erzählungen und Romane veröffentlicht, die in 25 Sprachen übersetzt und für Kino, Theater und Radio adaptiert worden sind. Für sein Werk hat er zahlreiche Preise erhalten, u. a. den ersten Windham-Campbell-Literaturpreis. McCarthy lebt mit seiner Familie in Berlin.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Eine "Poesie des Medialen", ganz an den großen Medientheoretiker Friedrich Kittler angelehnt, liest Rezensent Tobias Döring in Tom McCarthys neuem Roman, auf den man, wie er deutlich macht, viele Perspektiven haben kann. Diese Perspektiven machen eine Inhaltsangabe schwer, räumt er ein, als Spionagethriller kann man das Buch ebenso bezeichnen wie als Nerdgeschichte, Wissenschaftsroman und groß angelegte Spurensuche, die das Lesepublikum selbst vornehmen muss. Es geht um physikalische Bewegungskurven ebenso wie um Datenflüsse, bei denen der Kritiker noch nicht ganz sicher ist, ob er sich da wirklich einklinken will, auch verlangt "dieses strapaziöse Buch" ein "ziemliches Vokabeltraining" in der technisch-naturwissenschaftlichen Sprache ab. So wird der Roman für ihn auch sehr technisch und wenig menschlich, McCarthy will "alles Humanistische austreiben", er scheint sich noch nicht ganz sicher zu sein, wie er das zu bewerten hat, aber er weiß mit Sicherheit, dass der Übersetzer Ulrich Blumenbach ganze Arbeit geleistet hat, wie er schließt.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 28.10.2023

Ein grandioses Finale mit auseinanderfliegenden Trümmerteilen?
Der Londoner Schriftsteller Tom McCarthy versucht, mit seinem schillernd-rätselhaften Werk "Der Dreh von Inkarnation" dem Roman alles Humanistische auszutreiben

Romane schreiben, so Friedrich Kittler, sei eine Fortsetzung von Spionage mit anderen Mitteln. Diesen Satz schrieb der Berliner Medientheoretiker vor vierzig Jahren in einem Aufsatz über Bram Stokers "Dracula", einen Roman, der ihn hauptsächlich wegen der Schreibmaschine, die darin vorkommt, interessierte, doch der bis dahin nie dem Genre von Spionagethrillern zugerechnet worden war. Aber dass noch niemand diese Verbindung gesehen hatte, mochte für Kittler umso mehr Grund gewesen sein, ihr nachzugehen und die Horrorgeschichte der Blutsaugerei als Sachbuch unserer Bürokratisierung, wie er schrieb, zu lesen.

Als Kittler 2011 starb, würdigte ihn der Londoner Schriftsteller und Medienkünstler Tom McCarthy, Jahrgang 1969, in einem Nachruf als den großen Anti-Hegel, der stets erfolgreich seiner Mission nachging, den Geist aus den Geisteswissenschaften auszutreiben und stattdessen die Poesie der Materialität wie auch die Materialität der Poesie zu feiern. Hier sei - endlich! - jemand angetreten, der die Genealogie von Übertragungsleitungen ebenso erkunde wie die Schnittstellen von Schrift und Körper und der eine Erkenntnis, die McCarthy seit Jahren vergeblich unter die Leute zu bringen versuche, unwiderleglich erwiesen habe: dass "Dracula" ein Buch über das Diktiergerät sei.

In seinem neuen Roman verschafft McCarthy, mittlerweile selbst in Berlin wohnhaft, Kittler einen Gastauftritt: Im vorletzten Kapitel, also genau dort, wo Thriller ihr Geheimnis preiszugeben und der Auflösung der Spannung zuzustreben pflegen, skandalisiert ein deutscher Medientheoretiker namens Professor Friedrich Keppler die Wissenschaftswelt mit ungewöhnlichen Thesen (es geht um die Aufzeichnung von Schallwellen auf der Oberfläche von antiken Tongefäßen und um die attische Töpferwerkstatt als Aufnahmestudio), welche dem Wissenschaftshelden in McCarthys Roman, einen lettischen Professor zur Zeit des Kalten Krieges, den entscheidenden Hinweis zu seiner bahnbrechenden Erkenntnis bringen. Worin genau diese besteht, bleibt offen; sein Bericht bricht ab. Klar wird nur, dass noch Jahrzehnte später zahlreiche Wissenschaftler, Geheimagenten und diverse Dunkelmänner sowie -frauen der Entdeckung hektisch nachjagen und zwischen Chicago, London, Rom, Berlin und Riga mit allen Mitteln das Geheimnis zu ergründen suchen.

Naturgemäß kommt darin "Dracula" auch eine Rolle zu. Denn der Phonograph, der weite Teile von Stokers Roman, wie es heißt, aufgezeichnet hat, ist ja vor allem ein Art Black Box und steht daher in technischer Verbindung zu den fünfzig Kisten voller Heimaterde, die der transsylvanische Graf, als er sein Schloss verlässt, nach England bringt. Solche Boxen bilden in McCarthys Plot das Objekt des Begehrens. Speziell geht es um eine Box mit der Ordnungsnummer 808, das vermisste Exemplar einer großen Serie schachtelförmiger Modellbauten, mit denen die (reale) amerikanische Organisationspsychologin und Ingenieurin Lillian Moller Gilbreth vor hundert Jahren ihre Erkenntnisse über Bewegungsabläufe und deren Effizienzoptimierung festhielt. Vornehmlich war Gilbreth daran interessiert, Arbeitsleistungen durch ergonomische Maßnahmen zu steigern, beispielsweise die Tippgeschwindigkeit von Stenotypistinnen. Die Anstöße dazu bezog sie - wie auch anders? - aus Romanen, namentlich aus "Dracula", dessen Lektüre sie, wenn wir McCarthy folgen, ihre Leitidee verdankt: "Es gibt in dem Roman so viel Sekretariatsarbeit - immerzu muss Mina die Notizen und Geständnisse der anderen Figuren abtippen und vervielfältigen, obwohl das Vampirblut in ihr revoltiert." Die wahre Truhe des Vampirs, so folgert sie, ist das Diktiergerät.

Auf diese Weise ließe sich "Der Dreh von Inkarnation" vielleicht zusammenfassen: als klassischer Agententhriller in der Machart, sagen wir, von John le Carré, der seine Leute auf die Jagd quer durch die Welt sowie die Wissenschafts- und Mediengeschichte schickt, dabei dem Genre aber vampiristisch alles Blut entzieht, sodass nun Muskeln, Sehnen und Gerippe und damit die gesamte Feinmechanik seiner sonst verborgenen Bewegungsabläufe freiliegt. Aber das ist nur eine der vielen möglichen Versionen, etwas über diesen Roman auszusagen.

Eine andere könnte an den Titel anknüpfen und lauten, dass es hier um einen Film namens "Inkarnation" geht, ein Science-Fiction-Weltraumepos über ein Raumschiff gleichen Namens, das zum Schluss explodiert und so den Filmemachern eine Chance bietet, ein grandioses Finale mit auseinanderfliegenden Trümmerteilen zu gestalten, ganz wie bei Antonionis "Zabriskie Point", das minutiös recherchiert werden muss, um es detailgetreu zu inszenieren. In dieser Version, die das Making-of des Films (das auch der englische Romantitel betont) ins Zentrum stellt, liefert Gilbreths Forschungsarbeit die Erkenntnisse zum Verlauf all der Bewegungskurven, welche die Explosionspartikel auf ihrem Weg durchs All zurücklegen und für den Film genauestens zu simulieren sind. Oder man erzählt von dem Roman als eine Ansammlung von Geeks und Freaks und Nerds und Kybernetikern, die sich in wechselnden Konstellationen und an verschiedenen Orten - wie dem Filmstudio, der Produktionsfirma, dem CGI Labor, einem Bewegungsforschungszentrum, einer Motion-Capture-Firma, einem Drohnen-Headquarter und dergleichen - immer wieder neu zusammenfinden, um allerlei virtuelle Realitäten zu produzieren und zu erkunden.

Wie schon bei seinem faszinierenden Vorgängerroman "Satin Island" (2016) vermeidet Tom McCarthy jede Festlegung, wovon genau denn sein Roman nun handelt, und versagt uns die Befriedigung, sämtliche Erzählstränge zum Ende ordentlich verknüpft zu sehen. Im Eingangskapitel (dem "Prolegomenon": Da weiß man gleich, dass intellektueller Einsatz gefragt ist) heißt es zwar noch verheißungsvoll: "Die Dinge stehen in Verbindung mit anderen Dingen, die mit anderen Dingen in Verbindung stehen." Doch einlösen muss dieses Versprechen jeder selbst und eigenständig allen Spuren oder Ködern folgen, die der Text so reichlich auslegt. Viele davon aber gehen, wie es scheint, ins Leere. Denn immer wenn man meint, jetzt endlich den Dreh der Geschichte rauszuhaben, dreht sie sich und ändert ihre Richtung, und man beginnt erneut zu rätseln, worauf das Ganze wohl hinausläuft. Je nach Temperament mag man sich davon gekitzelt und herausgefordert oder genervt und frustriert fühlen.

Hinzu kommt, dass uns dieses strapaziöse Buch auch ein ziemliches Vokabeltraining in Wissenschafts- und Techniksprache aufgibt. Anfangs lesen wir noch, gut mechanisch und mit Schulkenntnissen nachvollziehbar, über "Antriebsarme, Riemenscheiben und Verbindungsarme, Antriebszapfen, Flanschlager und Pleuelstangen". Bald darauf bereits von "Splines- und Strukturfüllungen" sowie "zyklischen und quintischen Spline-Füllungen", worunter sich nur Eingeweihte wohl noch etwas vorstellen können. Später heißt es: "Heute würde man mit Unscented Kalman-Filtern arbeiten, bei denen alle arbiträren nichtlinearen Funktionen durch ableitungsfreie übergeordnete Näherungsverfahren wie Gaußsummenfilter ersetzt werden und der aktuelle Zustand statt mit der Zustandsübertragungsfunktion durch Propagation von Sigmapunkten der Ausgangsnormalverteilung ermittelt wird." Das dürfen wir als pure Poesie genießen, zumal in der wohltönenden deutschen Fassung des Meisterübersetzers Ulrich Blumenbach, der wieder einmal Staunenswertes leistet.

McCarthy jedenfalls lässt keinen Zweifel, dass er, hierin Kittler folgend, dem Roman alles Humanistische austreiben will und stattdessen die Poesie des Medialen feiert. Sein Erzähltext ist eine Relaisstation, das heißt Anschluss-, Weiterleitungs- und Verstärkerstelle, die wir einschalten, wann immer wir am Datenfluss partizipieren wollen, oder eben (vielleicht diesmal lieber) nicht. TOBIAS DÖRING

Tom McCarthy: "Der Dreh von Inkarnation". Roman.

Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Suhrkamp Verlag, Berlin 2023. 446 S., geb., 25,- Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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»[Der Dreh von Inkarnation] dürfen wir als pure Poesie genießen, zumal in der wohltönenden deutschen Fassung des Meisterübersetzers Ulrich Blumenbach, der wieder einmal staunenswertes leistet.« Tobias Döring Frankfurter Allgemeine Zeitung 20231030