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Die literarische Autobiografie des genialischen Literaten
Dieses Buch handelt von: Verkanntentreffen, Katapulten, verpasster Friedhofsgärtnerei; vom Merve Verlag, Maas Verlag, Müll; vom Mann meines Alters, Zille-Zwiebeln, Lotto-Hoffnung, SO36; von Trümmergrau, Polen, Baudrillard, Virilio, Tangerine Dream; von Stammtischen, Gottesbeweisen, Post, Frieder Butzmann; frischen Hemden, Kohlenberta und Lichtgeschwindigkeit; von DJ Erwin, Foucault, Hartfaser und Klogriffen, von der Galerie Petersen und der Galerie Frei, vom Museum of Modern Art; von Daphne, Pferdeschwanz, Raumung, Sünde und Buße,…mehr

Produktbeschreibung
Die literarische Autobiografie des genialischen Literaten

Dieses Buch handelt von: Verkanntentreffen, Katapulten, verpasster Friedhofsgärtnerei; vom Merve Verlag, Maas Verlag, Müll; vom Mann meines Alters, Zille-Zwiebeln, Lotto-Hoffnung, SO36; von Trümmergrau, Polen, Baudrillard, Virilio, Tangerine Dream; von Stammtischen, Gottesbeweisen, Post, Frieder Butzmann; frischen Hemden, Kohlenberta und Lichtgeschwindigkeit; von DJ Erwin, Foucault, Hartfaser und Klogriffen, von der Galerie Petersen und der Galerie Frei, vom Museum of Modern Art; von Daphne, Pferdeschwanz, Raumung, Sünde und Buße, von Gesamtluftwerk und Ehrengrab.

In acht abendfüllenden Sitzungen hat Thomas Kapielski darüber erzählt und seine schiere Lebendmasse als Autobiografie in Gesprächsform auf die zeitgeschichtliche Waage gewuchtet.
Autorenporträt
Thomas Kapielski, geboren 1951 in Berlin, ist ein deutscher Schriftsteller, Musiker und bildender Künstler. 2010 erhielt er den Preis der Literaturhäuser, 2011 wurde er mit dem Kasseler Preis für grotesken Humor ausgezeichnet. In der edition suhrkamp erschien zuletzt Kotmörtel. Roman eine Schwadronörs (es 2759).
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Wer Thomas Kapielski noch nicht kennt, sollte das nachholen, findet Rezensent Jürgen Kaube, und diese Sammlung von acht Texten in Gesprächsform scheint nicht der schlechteste Einstieg zu sein. Zumindest schreibt Kaube durchaus angeregt über das bunte Allerlei aus Lebensweisheiten, Wortspielen, Alltagsimpressionen und Kunstbetrachtungen, das Kapielskis Prosa ausbreitet. Kapielski schimpft gern, erfahren wir, aber die Wutrede ist nicht seins, lieber parliert er ungezwungen über diverse Zu- und Abneigungen und außerdem noch über Autobiografisches. Das alles setzt sich außerdem zu einem Berlinporträt der 1970er bis 1990er zusammen, wobei der Autor laut Kaube mit den vor allem linken politischen Wirren der Zeit wenig anfangen kann und lieber in der Kneipe sitzt. Den Wandel der Zeiten oder auch der Medienwelten bekommt Kapielski oft hervorragend zu fassen, findet Kaube, der von der heiteren Melancholie, die das alles durchzieht, doch ziemlich angetan ist.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.10.2023

Wer Bier nicht mag, der trinkt es falsch

Tausend Gedanken, meist nur schwach geordnet, aber stark: Thomas Kapielskis Lebensgewissheiten in acht Gesprächen.

Von Jürgen Kaube

Von Jürgen Kaube

Lesern, die Thomas Kapielski nicht kennen, kann gratuliert werden. Sie haben den launigsten und merkwürdigsten deutschen Autor unter den lebendigen noch vor sich. Wer ihn dann mag, für den gibt es eine zweite gute Nachricht. Kapielski schreibt rastlos Bücher. Wir haben aus unseren Regalen zwölf Bände herausgezogen, aber es sind noch viel mehr. Mit reizenden Titeln: "Der Einzige und sein Offenbarungseid", "Danach war schon", "Weltgunst", "Je dickens, destojewski", "Neue Sezessionistische Heizkörperverkleidungen".

Dekoriert sind die meisten dieser Werke mit eigenhändig angefertigten Fotografien, die häufig Geschmackssachen aus deutschen Wohnungen und Seitenstraßen festhalten: bestickte Sofakissen, Papierkörbe im Bembel-Design, Blumenuhren und Schilder wie "Es ist noch eine Ruhe vorhanden" (am Eingang zu einem Friedhof) oder "Nazim - Friedens-Imbiss". Verlässlich findet Kapielski stets das unfreiwillig Komische: "Auf die Frage nach 'Hobby?' sagt einer im Fernsehen: 'Freizeit.'"

Was die Gattung angeht, so liegen seine Texte irgendwo zwischen Erinnerungen (tatsächlichen und erfundenen), Reisebericht, Aphorismen, Kalauern ("Das Sein verstimmt das Bewusstsein"), freien Notizen und dem Nachgrübeln über Worte, Kalenderordnungen und Kunst. Man könnte alles mit dem romantischen Ausdruck "Brouillon" überschreiben, aber nur, wenn dabei mitgehört wird, dass das im Französischen außer "Konzeptpapier" auch "konfus" heißt. Kapielski legt seine tausend Gedanken meist in nur schwach geordnetem Zustand auf den Tisch.

Hier allerdings gibt es eine Ordnung, eine zeitliche. Kapielski führt acht Dialoge mit sich selbst über sein Leben zwischen 1951 und heute, zumeist in Berlin. Er ist jetzt zweiundsiebzig, zeigt sich erschöpft, hat einen Herzklappendefekt hinter sich, ist oft gelangweilt und nicht willens, den Wert des Lebens an seiner Dauer zu bemessen. Er misst die Zeit nicht mit der Uhr: "Ich bin ja erst mit dreißig zwanzig geworden." Die Dehnung der Zeit in der Langeweile ist für ihn ein Medium des Begreifens.

Außerdem ist er trotz lokaler Berühmtheit - "ich will gar keinen Erfolg, ich will Ruhm" - knapp bei Kasse. Das Durchschnittshonorar für seine Bücher berechnet er mit 167 Euro pro Arbeitsmonat. (Könnte nicht eine Jury ihm mal so einen Preis für gut gealterte Klassiker verleihen, der besser dotiert ist als der Husumer Ochsenbandorden?) Daneben malt er Bilder, ohne Kunstsammler zu verstehen, denn wenn man etwas für die Wand brauche, könne man das ja selbst machen.

Kapielski grantelt, als wäre er ein Österreicher. Auf seinem Grabstein soll "Macht bloß so weiter!" stehen. Für den Kunstbetrieb mit seinem hochtrabenden Vokabular - "meine Arbeit", "in einen Dialog mit dem Ort eintreten", "Positionen" - hat er viel Spott, der aber nie die Grenze zum Hohn überschreitet. Kulturpessimismus ist Geistverschwendung. Er teilt uns mit, was er gerade liest (Wilhelmine von Bayreuth), begründet, wen er nicht mag (ungelesen Karl May, aufgrund einer Begegnung Jan Böhmermann, außerdem das Verschwinden der Altstimme aus den Tonlagen junger Frauen, die überdies "Woat" sagen anstatt "Wort", die "Church of Rammstein"). Er berichtet von seinen Berliner Kollegen aus der Kunst- und Buchszene, von seiner Kindheit, dem Großvater, der ein Förster war, dem kommunistischen Vater und von den Verlegern des wunderbaren Merve Verlags, die ihn bei sich wohnen ließen, bevor sie ihn verlegten, und ihm den ersten produktiven Schwung gaben.

In seinen Erzählungen wacht das durcheinandere Berlin zwischen 1970 und 1990 wieder auf, das Berlin der zunächst politischen, dann ästhetischen Projekte. Doch Kapielski ist kein Achtundsechziger und kein Grüner. Die linken Studenten erschienen ihm zu dämlich. Mitfühligkeit, Obermoralität, Selbstverwirklichung, politische Exkommunikation und Zwangsvegetarismus, das war ihm einfach zu viel. Er flüchtete in die Kneipen (Zille-Eck, Yorkschlößchen, Zwiebelfisch, Blauer Affe), deren Apologie samt kleiner Porträts seiner Mittrinker er hier vorträgt.

Entsprechend trägt er seine Mikroweisheiten und Sekundenethnographien im Ton eines Stammtischgesprächs vor, stets zu Abschweifungen bereit und zu jedem "Wisst ihr noch?". Dabei streift er den Klimawandel und die Leute, die sich lieber auf die Straße legen, als Klimatechnik zu studieren, genauso wie die Zunahme von Sportkleidung - "im Lehrerzimmer sieht es aus wie auf einer Jack-Wolfskin-Messe" - oder macht sich über die Bionade-Bourgeoisie lustig, die sich im Quartier seiner Jugend breitgemacht hat. Wer sich in Berlin auskennt, kommt hier sehr auf seine Kosten.

Ertragreich sind die Erinnerungen und der Jahrzehntevergleich, den Kapielski oft anstellt. Dem Stadtbewohner fällt auf, dass inzwischen kaum mehr Kinder auf den Straßen spielen, und er sieht darin eine Ursache für die stubenhockerische Grundangst, die sich in viele Seelen des Nachwuchses geschlichen hat. Glänzende Passagen widmen sich dem Einfluss der Medientechnik (Radio, Kino, Fernsehen) auf Kindheit und Jugend. Die Schilderung seiner Zeit an der Kunsthochschule und in der Kunstszene ließe sich leicht zu einer Soziologie dieser Biotope des prätentiös in den Tag hinein gelebten Lebens erweitern.

Was hält Kapielskis Divertissements zusammen? Die Bereitschaft, sich auf alles, was einem zustößt, einen Reim zu machen, auf die Kantine von Kindl Bräu, in der die Postboten mit Bier entlohnt wurden, genauso wie auf die reaktionsschnelle Produktivität von Martin Kippenberger, der aus allem handstreichartig eine Kunst machen konnte. Und zwar jeweils einen kurzen Reim, der nur wenige Verse und Lebenswendungen weit trägt. Einmal ist von "funkelnden Luftschüssen" am Stammtisch die Rede, die für immer verloren sind und nicht erinnert werden. Manche hier eben doch. Eine Handlung gibt es nicht, das Ich, das alle seine Episoden begleitet, löst sich in seinen Impressionen auf. Das Buch durchzieht eine melancholische Stimmung, die paradoxerweise heiter ist. Keine Termine und leicht einen sitzen, so hat Harald Juhnke einst die Vorstellung vom Glück beschrieben. Voilà.

Thomas Kapielski:

"Lebendmasse". Acht längere Unterredungen.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2023.

464 S., br., 22,- Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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»Zuverlässig driften im Leben der Menschen Ideal und Realität auseinander, und um das zu beschreiben, ist Kapielski, der grosse Strömungsforscher, da.« Paul Jandl Neue Zürcher Zeitung 20240124