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Benutzername: Borux
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Danksagungen: 71 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 419 Bewertungen
Bewertung vom 18.11.2018
Geisterbahn
Krechel, Ursula

Geisterbahn


sehr gut

Die Kirmeswelt als Antithese

Nach sechs Jahren ist von Ursula Krechel, deren vielseitiges Œuvre neben Lyrik und Dramatik eben auch Epik beinhaltet, wieder ein Roman erschienen, dessen metaphorischer Titel «Geisterbahn» den Inhalt sehr treffend umreißt. Es geht darin, genau wie in ihren letzten beiden Romanen, um Täter und Opfer, um Verfolgung, Vertreibung und Exil. Aber gleichberechtigt stehen bei ihr immer auch deren verheerende Folgen im Fokus, das Wiedererlangen der Würde für die Verfolgten, die Wiedergutmachung für die wenigen Überlebenden. Denn ihr Leben war ein einziger Schrecken, wie in der Geisterbahn eben. Den roten Faden der Handlung bildet dabei das Schicksal der Sinti-Familie Dorn, die durch die Hölle der Nazi-Repressionen geht und nach dem Krieg erleben muss, wie ihnen nicht nur die Neonazis erneut mit Verachtung, zuweilen mit offenem Hass begegnen. Aber auch wie unsensibel, geradezu verächtlich die Behörden der Nachkriegszeit mit ihnen umgehen, wie geringschätzig selbst die Polizei sie immer noch behandelt, all das wird umfassend thematisiert.

Anders als in «Landgericht», dem vor sechs Jahren mit dem Deutschen Buchpreis prämierten Roman, gibt es hier aber mehrere parallele Handlungsstränge, deren Figuren wir in fünf lose miteinander verflochtenen Abschnitten über drei Generationen hinweg durch Naziherrschaft und Zweiten Weltkrieg bis in die Jetztzeit hinein begleiten. Es beginnt in einer Schule in Trier, wo die kleine Anna aus einer Schaustellerfamilie Schwierigkeiten mit der Sprache hat, zuhause wird nun mal Romanes gesprochen. Ihre Familie betreibt ein Karussell und zieht damit über die Jahrmärkte im weiten Umkreis der Stadt. Nach der Machtergreifung sind sie zunehmenden Repressionen der Nazis ausgesetzt, die mit willkürlichen Anschuldigungen beginnen, in Zwangsarbeit, gewaltsamen Umsiedlungsaktionen und Zwangssterilisation eskalieren und für viele Mitglieder der Großfamilie im Vernichtungslager Auschwitz enden. Trier sei «zigeunerfrei», meldet schließlich der Nazi-Gauleiter stolz nach Berlin. Mit großem Fleiß hat Ursula Krechel wieder viele historische Details recherchiert und auch hier öfter mal aus Schriftstücken oder Formularen von Behörden zitiert, den seelenlosen Amtsjargon also authentisch eingebunden in ihre anrührende Geschichte.

Ziemlich irritierend war für mich die ambivalente Erzählsituation, denn obwohl es mit MEINVATER einen übereifrigen Polizisten als Figur gibt, der sich an den Schikanen und Quälereien der Sinti und Roma beteiligt, tritt erst ab der Hälfte des bis dahin auktorial erzählten Romans plötzlich ein Ich-Erzähler in Erscheinung. Dessen Namen wiederum erfährt man dann ebenfalls erst einiges später, ein ebenso neckisches wie überflüssiges Versteckspiel! Jener Bernhard also, weiß man dann, saß mit Anna auf der Schulbank, und die meisten der vielen Romanfiguren sind seine damaligen Klassenkameraden oder stammen aus deren Familien. Ganz nebenbei ist dieser Roman eine Hommage an die Geburtsstadt der Autorin, vor allem aber eine großartige Chronik einer historischen Katastrophe und ihrer Auswirkungen auf die Bürger Triers, in der Fiktion und Realität mit kaum wahrnehmbaren Übergängen kunstvoll verbunden sind. Neben den Dorns als Schausteller wird auch von den Geschwistern Orli und Willi Torgau erzählt, überzeugte Kommunisten, die ebenfalls Verfolgungen ausgesetzt sind, oder von dem Arzt Franz Neumeister, der als Opportunist den politischen Wandel nach dem Krieg unbeschadet übersteht und als Kinderpsychiater Karriere macht.

Die Lyrikerin ist sprachlich unverkennbar herauszuhören aus dieser anklagenden Prosa über eine beschämende Unmenschlichkeit, und auch die katholische Kirche als angeblicher Hort der Moral kommt dabei nicht ohne Blessuren davon. Ursula Krechels Sympathie gehört jedenfalls eindeutig der bunten, lebensfrohen, unschuldigen Kirmeswelt, die traumartige Antithese also zum «lupus est homo homini» bei Plautus, wie dieser großartige Roman sehr eindrucksvoll belegt.

Bewertung vom 10.11.2018
Archipel
Mahlke, Inger-Maria

Archipel


schlecht

Keine archäologische Grabung

Nach ihrer Shortlist-Nominierung 2015 hat Inger-Maria Mahlke dieses Jahr mit «Archipel» den Deutschen Buchpreis gewonnen, das vor knapp drei Monaten veröffentlichte Buch wurde jedoch vom Feuilleton überwiegend kritisch und von der Leserschaft sehr eindeutig ablehnend beurteilt. «Vor allem aber sind es die schillernden Details, die diesen Roman zu einem eindrücklichen Ereignis machen. Das Alltagsleben, eine beschädigte Landschaft, aber auch das Licht werden in der Sprache sinnlich erfahrbar» heißt es in der Begründung der Jury. Reicht das, um einen umfangreichen Roman wie diesen zu einer lohnenden Lektüre zu machen, ihn gar als Preisträger zu krönen?

Der Romantitel bezieht sich auf die Kanarischen Inseln, als Schauplatz dieser sich zeitlich über fünf Generationen und fast hundert Jahre hinweg erstreckenden, weitläufigen Erzählung dient Teneriffa. Wobei einige Familien aus ganz verschiedenen sozialen Schichten mit ihrem Alltagsleben im Fokus stehen, ergänzt durch eine schier unüberschaubare, periphere Figurenschar. Als narrativer Clou sozusagen wird hier zeitlich rückwärts erzählt, beginnend 2015 und endend im Jahre 1919. Stehen an Ende also die gerade überstandenen Schrecken des Ersten Weltkriegs, so sind wir am Anfang mit den Problemen einer ökologisch vor dem Kollaps stehenden, vermüllten Urlaubsinsel konfrontiert, die am Massentourismus zu ersticken droht. Die umgekehrt chronologische Erzählweise wird fragmentarisch in aneinander gereihten Szenen realisiert, die Ereignisse aus dem Leben der Protagonisten lose miteinander verknüpfen, wobei das Private jeweils mit der historischen Situation und den politischen Umbrüchen unterlegt ist.

Inger-Maria Mahlke ist eine genaue Beobachterin, der mit viel Liebe zum Detail anschauliche Schilderungen des Alltagslebens verschiedener sozialer Schichten ebenso gelingen wie Beschreibungen des inseltypischen Klimas mit seinem ewigen Sommer und der exotischen Natur oder der Städte mit ihren in die Kolonialzeit zurückdeutenden Bauwerken. Neben den großen Namen der aus ganz Europa zugewanderten Inselbewohner, deren bekanntester Bernadotte sein dürfte, widmet sie sich akribisch auch den namenlosen kleinen Leuten, baut Händler, Handwerker, Dienstboten und Arbeiter in ihre Geschichte mit ein. Ein vorangestelltes Verzeichnis der handelnden Personen hilft ein wenig, die überbordende Figurenfülle als Leser wenigstens einigermaßen richtig einordnen zu können, bei den Nebenfiguren ist man dann allerdings auf sich selbst gestellt. Ein weiteres unverzichtbares Hilfsmittel zum Verständnis für die vielen in den Text eingestreuten spanischen und kanarischen Begriffe ist das fünfseitige Glossar, genau dadurch jedoch wird für die überwiegende Mehrheit der Leser immer wieder der Lesefluss störend gehemmt.

Am meisten jedoch stört ohne Frage die gewagte Erzählkonstruktion, die sich aber als L’art pour l’art erweist, Zeit ist nämlich literarisch ebenso unumkehrbar wie physikalisch, - welchem Autor wäre das denn je überzeugend gelungen? Das Ganze ist also eine artifiziell anmutende Marotte der Autorin, nichts weiter! Die aus verschiedenen Perspektiven stilistisch sehr reduziert, fast spröde in ihrem ureigenen Duktus erzählten Handlungsfragmente fügen sich genau deswegen auch nicht zu einem inhärenten Plot, der diesen Namen wirklich verdiente, es fehlt eben eine nachvollziehbare Abfolge der Handlung. Die Figuren vermögen allesamt kaum Empathie zu erzeugen und werden auch nicht plastischer durch ihre teils wirren, oft unverständlichen Dialoge. Ein gewisser Erkenntnisgewinn ergibt sich allenfalls aus den zuweilen unterlegten historischen Fakten, ansonsten sind die Lesefrüchte spärlich, denn Detailfülle allein, zumal wenn sie sich auf fast ausschließlich Insignifikantes richtet, wird schon bald sehr langweilig und ermüdet zusehends auch den geduldigsten Leser. «So what?» wird sich mancher da fragen. Ein Roman funktioniert eben anders als eine archäologische Grabung!

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Bewertung vom 06.11.2018
Ein Festtag
Swift, Graham

Ein Festtag


sehr gut

Elegant und federleicht erzählt

Ist der Roman «Ein Festtag» von Graham Swift auch ein Festtag für den Leser? Mehr als einen Tag nämlich wird er kaum brauchen, um diesen internationalen Bestseller mit seinen 142 Seiten zu lesen, in denen es, wie so oft bei diesem englischen Schriftsteller, um die Erinnerung als literarisches Faszinosum geht. Was da alles in die wenigen Buchseiten hineingepackt ist an Gefühlen, Lebensweisheiten, an historischem und gesellschaftlichem Hintergrund, das ist verblüffend, nicht etwa weil so komprimiert erzählt wird, sondern weil all das ganz unterschwellig auch mit anklingt.

«Mothering Sunday», so der Buchtitel im Original, ist ein Feiertag der Church of England, hier im Roman ist dieser sonnige Tag im März 1924 der alles verändernde Schicksalstag für seine Protagonistin. Traditionell haben alle Dienstboten an diesem Tage arbeitsfrei, viele besuchen ihre Mutter, aber Jane ist ein Findelkind, sie wurde im Waisenhaus großgezogen und arbeitet als Dienstmädchen in einem Herrenhaus. Die 24Jährige hat seit Jahren heimlich ein Verhältnis mit Paul, dem verwöhnten Sohn wohlhabender Nachbarn, anfangs hatte er sie mit einem Sixpence bezahlt, inzwischen ist daraus Liebe geworden. Er nutzt die Abwesenheit seiner Eltern und trifft Jane an diesem Festtag zum ersten Mal bei sich zuhause, und nach den vielen unbequemen, improvisierten Treffen diesmal erstmals sogar in seinem Bett. Ohne obszön zu werden schildert Swift die postkoitale Zweisamkeit en detail und spart auch den Fleck nicht aus, den die gehabten Genüsse als feuchte Spuren verräterisch auf dem Laken hinterlassen haben. Bei aller Ekstase ist dem nun nackt auf dem Bett liegenden Pärchen bewusst, dass dies ihr letzter Beischlaf war, sie werden sich nie wiedersehen, Paul wird in zwei Wochen Emma heiraten, eine arrangierte Ehe mit einer «guten Partie». Und während Jane vor sich hin sinnierend ihr bisheriges Leben Revue passieren lässt, putzt sich Paul schweigend für ein Treffen mit Emma heraus, und zwar aufreizend langsam, obwohl er inzwischen viel zu spät dran ist und empörte Vorhaltungen seiner Verlobten fürchten muss.

Zwei Drittel der Geschichte sind diesem Tête-à-Tête gewidmet, aus der Perspektive der jungen Jane wird darin sehr anschaulich ihr bisheriges Leben rekapituliert, bis nach mehr als hundert Seiten ein plötzlicher Zeitsprung ins hohe Alter von Jane Fairchild führt, die nach Tätigkeit im Buchhandel eine erfolgreiche Schriftstellerin geworden ist. Dieser zweite Teil ihres Lebens wird in Form von Interviews erschlossen, in denen die Hochbetagte nach ihrem Lebensweg befragt wird. «Alles ausgedacht» hatte sie einst als 48Jährige nach dem Tod ihres Mannes, eines Philosophen in Oxford, ihr erstes Buch betitelt. In den Gesprächen finden sich dann geistreiche Reflexionen von ihr über Literatur, über den Schreibprozess als solchen und die Fiktionalisierung der Realität, über das Lesen und ihre persönliche Annäherung an die Literatur insbesondere durch Joseph Conrad, den sie geradezu hymnisch verehrt hatte.

Es ist bewundernswert, wie Graham Swift, mit wenigen Worten sparsam erzählend, in seinem raffiniert konstruierten Plot derart tiefgründig in das Gefühlsleben seiner Figuren eindringt und anschaulich die Atmosphäre in den privilegierten englischen Herrenhäusern mit ihren gesellschaftlichen Umbrüchen schildert. Folgt man der Definition von Goethe, ist diese Geschichte mit ihrer - von mir aus Fairness potentiellen Lesern gegenüber verschwiegenen - «unerhörten Begebenheit» eine äußerst elegant geschriebene, klassische Novelle. Die, und das ist das Schöne daran, wegen ihrer Kürze natürlich zu allerlei Deutungen und Ergänzungen durch den geneigten Leser geradezu herausfordert. Was auch immer aber man herauslesen zu können glaubt, all diese wohlfeilen Spekulationen über das «Was-wäre-wenn» ändern nichts daran, dass dies eine angenehm unterhaltende, federleicht erzählte Novelle ist, literarisch also durchaus «auch ein Festtag für den Leser»!

Bewertung vom 04.11.2018
Hysteria
Nickel, Eckhart

Hysteria


schlecht

Nicht mal «Die Grünen»

Für Auszüge aus seinem Romanprojekt «Hysteria» wurde Eckhart Nickel schon beim Bachmannpreis 2017 in Klagenfurt ausgezeichnet, inzwischen ist das Werk auf die Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises gewählt worden. Damit hat die Jury erneut viel Mut bewiesen - und deutlich am Publikumsgeschmack vorbei entschieden, vermute ich mal. Es sei denn, die «neu an die Macht gekommene Naturpartei» im Roman wird als fiktive Fortschreibung der jüngsten, triumphalen Wahlergebnisse der «Grünen» gedeutet und passt somit prophetisch bestens in die politische Realität, - das wäre dann aber hier auch das einzig Reale! Denn schon der Romantitel deutet ja an, dass es sich um eine Dystopie handelt, ein pessimistischer Blick in eine ungute Zukunft also á la Orwells «1984» oder «Fahrenheit 451»von Ray Bradbury.

«Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht» lautet denn auch archetypisch vorausdeutend gleich der erste Satz, der hypersensible Wissenschaftler Bergheim wundert sich über die unnatürliche Beschaffenheit seiner auf dem Biomarkt erworbenen Früchte. Auf dem Obstkörbchen ist «Sommerfrische» aufgedruckt, der Name des Lieferanten, den er daraufhin aufsucht. Dort wird er freundlich zu einer Werksführung eingeladen, wandert im Kapitel «Baumschule» durch einen unheimlichen Wald und landet schließlich im «Kulinarischen Institut», dem alles beherrschenden Zentrum einer mehr als merkwürdigen Welt alternativer Lebensmittel. Dort trifft er Charlotte wieder, seine ehemalige Studienkollegin und Geliebte, die dort Leiterin der Bewegung «Spurenloses Leben» ist, einem aus ihrer Hochschule hervorgegangen Geheimbund mit einem monströsen Manifest von zehn unumstößlichen Regeln. Und auch Ansgar, Dritter im Bunde des einstigen Uni-Kleeblatts, taucht dort wieder auf und hilft letztendlich, das Schlimmste zu verhindern. In bester popliterarischer Tradition führt der Autor seine Leser in eine unheimliche Zukunft hinein, in der die Natur von den auch als «Rousseau-Husaren» bezeichneten Mitgliedern der radikalen Sekte komplett durch Kunstprodukte ersetzt ist, ohne dass die Öffentlichkeit auch nur das Geringste davon gemerkt hat. Köstlich ist in diesem Zusammenhang die sarkastische Schilderung eines Besuchs des studentischen Trios in der «Aroma-Bar», in der diese neuzeitliche, illusionäre Kulinarik geradezu seanceartig ad absurdum geführt wird.

«Tristesse Royal» hieß der Titel eines Buches, in dem die Quintessenz der Gespräche des «Popkulturellen Quintetts» im Berliner Hotel Adlon, an denen Eckhart Nickel als Mitglied teilgenommen hatte, 1999 veröffentlicht wurde. Entsprechend subversiv dem Zeitgeist entgegentretend, dem Gutmenschentum mit seinem naiv verklärten Naturbegriff also, beschreibt der Autor nun in diesem Ökothriller ein monströses, geradezu perverses Szenario des Künftigen. Die unverkennbar ironisch geschilderten, oftmals aber eher unerquicklichen Science-Fiction-Szenen des Romans werden durch weiträumige, ebenso ironische Rückblenden wohltuend konterkariert, in denen das Studententrio tiefsinnige Diskussionen führt. Dabei spielt ein idealtypisches Antiquariat mit einem kauzigen Buchhändler eine wichtige Rolle, in dem Bergheim als Stammkunde verkehrt und wo auch Charlotte als Aushilfe tätig ist. Nur diese literarische Oase macht, im Verbund mit einer reichhaltigen Intertextualität in einem ansonsten von Paranoia dominierten Horrortrip, das Buch für alle diesem speziellen Genre eher distanziert gegenüber stehenden Leser überhaupt erst goutierbar.

Die in zwei Zeitebenen beschriebene, satirische Dystopie changiert geradezu parodistisch zwischen den manchmal schwer auseinander zu haltenden Sphären von Traum, Wahn und Wirklichkeit, die angestrebte Renaturalisierung erweist sich hier nicht nur als grausames, sondern auch als ebenso irres Vorhaben. Wer nicht gerade Genreleser ist, der wird an dieser Spielart des «Zurück zur Natur» jedoch kaum Gefallen finden, - nicht mal «Die Grünen» der Jetztzeit, zu abstrus ist das alles!

Bewertung vom 30.10.2018
Die Katze und der General
Haratischwili, Nino

Die Katze und der General


gut

Eine tschetschenische Tragödie

Die in Tiflis geborene und heute in Hamburg lebende Dramatikerin, Regisseurin und Schriftstellerin Nino Haratischwili ist mit ihrem neuen Roman auf die Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises gewählt worden, ein schöner Erfolg für die 35jährige Autorin. Geprägt ist ihr Roman von einer schier unbändigen Erzähllust, deren Niederschlag sich in einem 763 Seiten starken Prosaband findet, der gekonnt die Elemente eines Thrillers mit den Ingredienzien eines üppigen Balkan-Epos verbindet. Dessen Handlungskern beinhaltet eine auf einer wahren Begebenheit beruhende Gräueltat während des Ersten Tschetschenischen Krieges. Im Feuilleton wurde der Roman, - in einem merkwürdigen Gegensatz zur Buchpreisjury -, unisono verrissen, da fragt sich der verwirrte Leser nun allerdings, wer denn da irrt.

Im Prolog wird uns die 17jährige Nura aus einem gottverlassenen Dorf in einer Schlucht des Balkangebirges vorgestellt, wo 1994 ein Trupp russischer Soldaten Stellung bezogen hat, eine Art Erholungspause nach den verlustreichen und kräftezehrenden Kämpfen um die Hauptstadt Grosny. Das Mädchen wird als Terroristin verdächtigt und beim Verhör in einem völlig aus dem Ruder gelaufenen Gewaltexzess vergewaltigt und ermordet. Orlow, von seinen Kameraden spöttisch «General» genannt, einer der vier beteiligten Soldaten, meldet die Gewalttat dem Oberkommando und zeigt sich reumütig selbst als einer der Täter an. Das wegen der negativen Schlagzeilen an einer Strafverfolgung nicht interessierte russische Militär kann nach Ermordung eines Verteidigers den Strafprozess dadurch abwenden, dass sie dem nun vollends desillusionierten Orlow einen lukrativen Posten in der militärischen Baubehörde verschafft und so seine Aussage vor Gericht verhindert. In wenigen Jahren wird aus ihm ein mächtiger Oligarch, der skrupellos dem Geld hinterher jagt und sich schließlich mit Frau und Tochter in Berlin niederlässt. Aber die Schatten der Vergangenheit holen ihn ein, seine innig geliebte Tochter Ada kommt ihm mit Hilfe des zwielichtigen Journalisten Onno auf die Spur und begeht verzweifelt Selbstmord. Auf einem Filmplakat sieht der General irgendwann zufällig eine Schauspielerin mit dem Spitznamen «Katze», eine Doppelgängerin von Nura, ihr wie ein eineiiger Zwilling geradezu aus dem Gesicht geschnitten. In ihm reift ein perfider Plan.

Man merkt dem Roman an, dass er von einer ausgewiesenen Dramatikerin geschrieben wurde. Sie schafft es nämlich, ihr von einer überbordenden Stofffülle beinahe überdecktes Handlungskonstrukt mit stetig wachsender Spannung schließlich doch noch zu einem geradezu klassischen, überraschenden Showdown zu führen. Der Weg dorthin aber führt über unendlich viele zeitlich vor- und zurückspringende, aus verschiedenen Perspektiven erzählte Geschichten, in denen eine riesige Schar von Figuren agiert, die allesamt in das vielschichtige Geschehen mit seiner Schuld-und-Sühne Thematik verwoben sind. Als Leser bekommt man durch diese vielen Lebensgeschichten tiefe Einblicke in einen inzwischen weitgehend vergessenen politischen Konflikt und dessen unmittelbare Folgen auf die verschiedenen Romanfiguren. Dabei wird insbesondere der Zusammenbruch der Sowjetunion beleuchtet sowie das nachfolgende ökonomische Chaos mit dem blitzschnellen Entstehen verbrecherisch zusammengerafften Reichtums in Händen weniger Oligarchen.

Der Roman erinnert in seiner düsteren Dramatik an klassische Tragödien, die Figuren sind eher markig als psychologisch tiefsinnig gezeichnet, und auch die bildreiche Sprache ist eher zielgerichtet und zweckmäßig als kreativ und inspiriert. Dieser mit viel Pathos und in epischer Breite erzählte Roman weist leider etliche Ungereimtheiten auf, ist andererseits aber in seiner sezierenden Sichtweise auf enthemmte Menschen in rechtsfreien Räumen und dem zentralen Motiv der Läuterung geradezu beklemmend zu lesen als Spiegel der Seele. Ob Verriss oder Jubel, da irrt sich hier wirklich niemand - völlig!

Bewertung vom 25.10.2018
Peter Holtz
Schulze, Ingo

Peter Holtz


gut

Mit ungutem Beigeschmack

Glück und Wende sind die Themen in Ingo Schulzes Schelmenroman «Peter Holtz», der seine Leserschaft mindestens ebenso polarisiert hat wie die zwei deutschen Staaten, die sich einst ideologisch unversöhnlich gegenüberstanden. Darf man das viele Leid, welches der Unrechtsstaat DDR über sein Volk gebracht hat, - nicht nur die Mauertoten, sondern auch die unsäglichen Repressionen Millionen Andersdenkenden gegenüber, denen oft ja unwiderruflich der Lebensweg zerstört wurde -, darf man all das unterbügeln, darf man darüber nassforsch aus der Perspektive eines Schelms erzählen?

Mit dem Untertitel «Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst» ist schon einiges gesagt, der Aufstieg des Waisenkindes beginnt mit seiner Adoption, und weil sein Berufsziel, der freiwillige Eintritt in die NVA, kläglich scheitert, wird Peter Holtz Maurer. Bald schon bekommt er ein Haus geschenkt, die viel zu niedrigen, staatlich festgelegten Mieten, der marode Zustand und der Mangel an Baumaterial lassen das eigene Haus für viele zur lästigen Bürde werden, zu unerwünschtem Eigentum, das man aber zu unterhalten verpflichtet ist. Peter saniert voller Tatendrang in Eigenregie, kauft weitere Häuser hinzu, finanziert das alles durch sein illegales, privates Trabbi-Taxi, mit dem er am Staat vorbei das benötigte Geld verdient. Eigentlich ja ein Sündenfall des ansonsten linientreuen DDR-Bürgers, der naiv und kritiklos die idealistischen Parolen der Parteibonzen wörtlich nimmt und sie in endlosen Disputen gegen Kritik geschickt verteidigt. Mit seiner Hinwendung zum Christentum, - ideologisch für ihn «ein zweites Standbein» -, und dem Eintritt in die Ost-CDU beginnt seine politische Karriere, fortan sind Kommunismus und Christentum für ihn zwei Seiten einer Medaille. Nach einem Autounfall fällt er ins Koma und wacht erst nach dem Mauerfall wieder auf. Durch seine diversen Häuser ist er nun quasi über Nacht zum Millionär geworden, sie sind plötzlich sehr viel wert. Von einem Immobilienhai zur Ideologie des Eigentums bekehrt, interpretiert er Kapitalismus allerdings auf eigene Weise. Geschickt vermehrt er zwar sein Geld, ohne dabei aber seine Idee einer wahrhaftig kommunistischen Gesellschaft aus den Augen zu verlieren, in die der Kapitalismus zwangsläufig irgendwann einmünden würde. Da ist Geld dann überflüssig, weil durch gerechte Verteilung der gemeinsam erwirtschafteten Güter die legitimen Bedürfnisse des Volkes für alle zufriedenstellend erfüllt werden können. Folgerichtig geht er mit gutem Beispiel voran und beginnt, sein für das Wohlergehen der Menschen unnötiges Geld öffentlich unter der Weltuhr am Alexanderplatz in Berlin zu verbrennen, Tausenderschein für Tausenderschein.

Die Sterntaler haben dem armen Mädchen bei den Brüdern Grimm letztendlich kein Glück gebracht, der naive Peter Holtz erlebt das Gleiche. Der den Zeitraum von 1974 bis 1998 abdeckende Schelmenroman klammert durch die Perspektive eines DDR-indoktrinierten Holzkopfes, eines Narren mit einem dicken Brett vor dem Kopf, parabelartig die bittere Realität völlig aus, wobei die Geschichte auch noch, - um beim Kalauern zu bleiben -, holzschnittartig erzählt wird in einer geradezu simplen Diktion. Die ausufernden und irgendwann ziemlich langweilig werdenden ideologischen Reflexionen werden zumeist in Dialogform vorgebracht, ohne aber eine tiefer reichende, überzeugende politische Wahrheit abbilden zu können, wobei dann auch noch der penetrante Oberlehrerduktus des kapitalismuskritischen Autors gewaltig stört.

Gleichwohl ist «Peter Holtz» ein amüsanter, lesenswerter Roman, der eigene Gedanken des Lesers anstößt und auf jüngere sogar Horizont erweiternd wirken dürfte. Dieser moderne Narr ist in seinem Feldzug gegen das Geld ebenso unbeirrbar wie sein literarisches Vorbild Don Quijote. Solcherart Harmlosigkeit aber täuscht leider völlig über die Tücke des DDR-Regimes hinweg, was dem in pikaresker Tradition Erzählten leider einen unguten Beigeschmack verleiht.

Bewertung vom 22.10.2018
Sültzrather
Oberhollenzer, Josef

Sültzrather


ausgezeichnet

Glücksfall

Nachträglich «Chapeau» für die Jury des diesjährigen Deutschen Buchpreises, die sich getraut hat, das neue Buch «Sültzrather» von Josef Oberhollenzer wenigstens auf ihre Longlist zu wählen. Nun ist ein Platz unter den letzen Zwanzig zwar nicht gerade ein literarischer Ritterschlag, aber sieht man sich die weichgespülten, leicht konsumierbaren und damit unverhohlen auf ein Massenpublikum zielenden aktuellen deutschsprachigen Werke der Belletristik, und also auch die in der erwähnten Auswahlliste, mal näher an, dann ist dieser Roman des weitgehend unbekannten Schriftstellers geradezu revolutionär dagegen. Im mit fünf Büchern in 24 Jahren äußerst bescheidenen Œuvre des Südtirolers, der über «Lebensläufe in der Literatur der siebziger Jahre» promovierte, ist von heiler Bergwelt nichts zu lesen, stattdessen geht es auch im vorliegenden Roman um einen literarischen Lebenslauf und die Frage nach den Erinnerungen, die diesem zugrunde liegen.

Der Zimmermann Vitus Sültzrather, Sohn des Kalberhof-Bauern aus dem Südtiroler Ort Aibeln, stürzt am 18. Mai 1959 vom Baugerüst und ist fortan querschnittsgelähmt. Er beginnt zu schreiben und steigert sich in eine regelrechte Schreibwut hinein, in seinem Zimmer türmen sich die beschriebenen Papierstapel meterhoch, seine Zugehfrau Nothburga T. muss ihm jede Woche ein neues Paket mit 500 Blatt Schreibmaschinenpapier besorgen. Er schreibt detailliert gegen das Vergessen an, wobei der Roman, den wir lesen, nicht etwa seine Autobiografie darstellt, sondern den Schreibprozess schildert einschließlich der umfangreichen Recherchen, dabei akribisch die Gedankengänge von Sültzrather offenlegend. «Alles, was mich umgibt, inspiriert mein Schreiben. Ein Satz, eine Begegnung, alles» hat Josef Oberhollenzer in einem Interview erklärt, und genau so geht es auch seinem Protagonisten, der kommt vom Hundertsten ins Tausendste. In einer längeren Passage sinniert er zum Beispiel in allen Einzelheiten darüber nach, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte er den Beruf des Lehrers ergriffen. Irgendwann treibt ihn dann schließlich die Frage um, was von der Erinnerung bliebe ohne seine Aufzeichnungen, und er beginnt unbeirrt mit deren Vernichtung, indem er Stück für Stück den Text vom Papier «abschabt», wie es im Roman heißt.

Es ist ein sperriges Stück Prosa, das da auf geduldige Leser wartet, sprachlich eigenwillig wie kein anderes Buch, das ich je gelesen habe, seine knapp 180 Seiten in gemäßigter Kleinschreibung sind fürwahr anstrengend. Ein Anmerkungsapparat von nicht weniger als 205 in Kleinstschrift gedruckten Fußnoten ist dabei noch nicht einmal das größte Problem, denn etliche davon sind reiner Nonsens, «Isidor Sültzrather, Mein wunderbarer Großonkel, Erinnerungen an den Dichter Vitus Sültzrather, Klausen 2012, S. 224» ist ein amüsantes Beispiel dafür, und häufig wird genau so ironisch auch auf angebliche Tagebücher Sültzrathers als Fundquellen verwiesen, ein herrlicher Seitenhieb auf eine allzu gespreizte wissenschaftliche Literatur. Neben orthografischen und typografischen Eigenwilligkeiten gibt es auch diverse «erfundene» Fakten, abseitige Zitate und skurrile Szenen in diesem narrativen Geflecht. Erfreulich ist die üppige Intertextualität, gleich zu Beginn wird der Schuhfimmel von Thomas Bernhard mit dem von Vitus Sültzrather verglichen, dem heiligen 16. Juni der Joycejünger entspricht der «18. Mai als Tag der entpuppung des dichters Sültzrather», der wie ein Meteor vom Baugerüst gefallen sei. Und überhaupt spielt Abseitiges eine wichtige Rolle, was mich unwillkürlich an Arno Schmidt erinnert hat mit seinen als «ewiges Lämpchen» bezeichneten Fouqué-Studien.

Sültzrather begreift schlussendlich, «nichts als teil jenes namenlosen menschenheeres zu sein, das sich in den untiefen der geschichte verloren habe». Aus der Ödnis der zeitgenössischen deutschsprachigen Belletristik taucht dieser vielschichtige Roman jedenfalls wie eine literarische Oase hervor, ein Glücksfall für anspruchsvolle Leser.

Bewertung vom 19.10.2018
Nachtleuchten
Barbetta, María C.

Nachtleuchten


weniger gut

Bombastisch

Die in Buenos Aires geborene deutschsprachige Schriftstellerin María Cecilia Barbetta hat mit «Nachtleuchten» ihren zweiten Roman veröffentlicht, er wurde vom Feuilleton wohlwollend aufgenommen und auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2018 gewählt. Seit ihrem 24ten Lebensjahr in Berlin lebend hat die Autorin quasi einen argentinischen Roman geschrieben, Ort der Handlung ist das Stadtviertel Ballester in Buenos Aires, wo sie aufgewachsen ist. Ihre Heimat in der Zeit vor dem Putsch von 1976 bildet nämlich nicht nur das Thema für dieses breit angelegte Epos der kleinen Leute, sie hinterlässt mit vielen - leider meist unübersetzten - spanischen Zitaten auch sprachlich deutliche Spuren im Text.

Der kryptische Titel des Buches bezieht sich auf eine mit Leuchtfarbe angemalte Marienfigur aus Plastik, eine verkleinerte, fluoreszierende Replik der argentinischen Nationalheiligen, die eine sendungsbewusste Schülerin verschiedenen Haushalten als Leihgabe für jeweils eine Woche aufschwatzt, damit sie dort ihre wundersamen Kräfte entfalte. Diese potentielle Integrationsfigur der auseinander strebenden politischen Kräfte des Landes wirkt erzählerisch überzeugend als Leitmotiv. In drei Teile mit jeweils 33 Kapiteln gegliedert, - Jesus wurde 33 Jahre alt, Evita Perón ebenfalls (sic!) -, endet der Roman mit einem die Zeit negierenden Epilog unter dem Titel «Die vierte Dimension». Darin zerschellt diese Figur, wobei im Sturz die gesamte Erzählung in einem einzigen fünfseitigen Satz chorartig noch mal komplett rekapituliert wird.

In dem dreiteiligen Panorama der Gesellschaft Argentiniens mit ihren unterschiedlichen Milieus wird zunächst von den Kameradinnen einer streng katholischen Mädchenschule erzählt, die eine ebenso fromme wie strenge Erziehung genießen und eine religiös geprägte Revolution unter dem Motto «Transformation zum Guten» anstoßen wollen. In der Kfz-Werkstatt «Autopia», beim schwulen Friseur «Ewige Schönheit» oder in der Chemischen Reinigung «Clean Eastwood» erleben wir eine Schar von Laienphilosophen, die allesamt - vor dem politischen Hintergrund des aus dem Exil zurückgekehrten Präsidenten Perón und dem späteren Putsch gegen seine Witwe Isabel - über Gott und die Welt schwadronieren, was amüsant zu lesen ist als unterhaltende, aber kaum ernst zu nehmende Alltagsphilosophie. Es schließt sich zeitlich die Militärdiktatur an mit ihren Todesschwadronen, wobei der unheilschwangere politische Hintergrund hier allenfalls als Kulisse für das Leben der kleinen Leute dient, die Schrecken dieser Zeit werden, meist in Form eingeblendeter Zeitungsmeldungen, nur sehr dezent angedeutet, der Horror bleibt weitgehend ausgespart.

Mit ausufernder Fabulierlust erzählt die Autorin überaus blumig, auf verschlungenen Pfaden und in zahllosen Einzelszenen, aus dem Leben ihrer ebenfalls zahllosen, zumeist über Dialoge erschlossenen, durchweg sympathischen Figuren. Deren schiere Vielzahl aber bleibt nur mit Hilfe eines akribisch geführten Spickzettels wenigstens einigermaßen überschaubar. Geradezu artistisch jongliert Señora Barbetta besonders im spiritistisch geprägten dritten Teil ihrer Geschichte mit handlungsfernen Exkursen sowie diversen sprachlichen, typografischen und kabbalistischen Formen. Und so manche Verzweigung im Plot endet auch ganz unvermutet in einer Sackgasse. Die Vespa fahrende, schöne Nonne zum Beispiel, die anfangs wohl des Lesers Neugier erregen soll, endet sang- und klanglos in einer Blutlache, warum bleibt offen. Spielerisch benutzte Anagramme, lautmalerische Begriffe, aber auch eine Überfülle an nicht immer ernst zu nehmenden Reflektionen garnieren die Geschichte, anbiedernd ergänzt um eine Unzahl typisch deutscher Redensarten. Eher ärgerlich sind Pleonasmen und andere sprachliche Mätzchen in diesem bombastisch aufgemotzten, letztendlich aber langweiligen Roman, in dem die reichlich vorhandenen, intellektuellen Fähigkeiten seiner Autorin ziemlich eitel im Vordergrund stehen.

Bewertung vom 10.10.2018
Eine dieser Nächte
Viragh, Christina

Eine dieser Nächte


weniger gut

Diarrhöartige Suada

Von der Schriftstellerin und Übersetzerin Christina Viragh ist nach zwölf Jahren Pause wieder ein Roman erschienen, dessen Titel «Eine dieser Nächte» bereits andeutet, dass sein Plot eine eng begrenzte Zeitspanne umfasst, die hier zwölf Stunden dauert. Dieser neue Roman der in Rom lebenden Schweizerin mit ungarischen Wurzeln ist innerhalb ihres - mit sechs Romanen in fünfundzwanzig Jahren - überschaubaren Œuvres nicht nur seines üppigen Umfangs wegen ihr Opus Magnum, sie hat scheinbar auch alles hineingepackt, was ihr erzählerisch zur Verfügung stand, hat also ihren jahrelang angesammelten Zettelkasten, so stelle ich mir das bildlich vor, komplett abgearbeitet. Mit der Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2018, - der übrigens vorgestern mit «Archipel» an ein ebenso ambitioniertes, nämlich chronologisch rückwärts erzähltes Werk ging -, hat die Jury jedenfalls viel Mut bewiesen, denn beide Romane sind wenig massentauglich und spalten die Leserschaft, wie die wenigen Rezensionen bisher zeigen, recht deutlich.

Sprachlich zieht die Autorin alle Register, variiert gekonnt die interschiedlichen Stimmen ihres Figurenensembles und negiert thematisch jedwede Plausibilität in postmoderner Tradition. Natürlich fordert ein solch komplexer Stoff zu eigenen Interpretationen heraus, er macht damit das Lesen in Anbetracht der Fülle von unmotivierten Verästelungen und Erzählfragmenten, so ging es mir jedenfalls, zu einer Sisyphosarbeit auf der Suche nach Zusammenhängen. Die Suada des Protagonisten findet ihre Entsprechung im Plot dieses ebenso langweiligen wie nichtssagenden Romans, bei dem auch das Lesen selbst zu einem unerquicklichen Langstreckenflug wird.

Bewertung vom 05.10.2018
Heimkehr nach Fukushima
Muschg, Adolf

Heimkehr nach Fukushima


gut

Glücksinsel

Unwillkürlich ist man irritiert, wenn der Name Fukushima statt in einem Sachbuch im Titel eines Romans erscheint. «Heimkehr nach Fukushima» des Schriftstellers Adolf Muschg ist definitiv Belletristik, jüngst erst erschienen, an seinen Erstling «Im Sommer des Hasen» erinnernd, dem Reich-Ranicki unter dem Titel «Gruppe 47 im Kimono» einst eine kritische Rezension gewidmet hat. Schon vor 52 Jahren also ist Japan der Schauplatz eines Romans von ihm gewesen, wen wundert’s, ist der Schweizer doch mit einer Japanerin verheiratet. Nun also widmet er sich thematisch dem starken Erdbeben vom 11. März 2011, dem dadurch ausgelösten Tsunami und dem anschließenden Super-GAU in diesem japanischen Atomkraftwerk.

Der 62jährige Architekt und Schriftsteller Paul Neuhaus erhält von dem ehemaligen Stipendiaten Ken Temna und dessen Frau Mitsuko die Einladung zu einem Besuch in Fukushima, er soll nahe dem Unglücksmeiler eine Künstlerkolonie ins Leben rufen. Der dortige Bürgermeister erhofft sich davon eine mentale Unterstützung für die von der Regierung gewünschte Rückbesiedlung der kontaminierten Gebiete. Ken kann ihn wegen eines wichtigen Termins nicht auf seiner Reise in die verstrahlten Gebiete begleiten, und so reist er mit dessen Frau als Übersetzerin dorthin. Während ihrer mehrtägigen Besichtigungstour mit permanent bedrohlich tickendem Geigerzähler kommt es plötzlich und unvermittelt zu wildem Sex der Beiden, - die sich gleichwohl weiter siezen, eine Referenz an die japanische Schamhaftigkeit. Am Tage vor ihrer Rückreise taucht unerwartet plötzlich Ken auf, der gesundheitlich schwer angeschlagen ist. Ohne Abschied trennen sich am nächsten Tag die Wege von Paul und Mitsu, wie er sie nach dem phonetisch gleichlautenden Roman von Colette nennt. Er aber verbringt vor seinem Rückflug noch einen Erholungsurlaub in einem ruhigen Hotel in Hankone mit Blick auf den Fuji, er will an seinem Buch weiterschreiben. Der sehnlichst erwartete Anruf von Mitsu bleibt aus, doch kurz vor seinem Abflug erscheint sie doch noch im Frühstücksraum des Flughafenhotels. Als Abschiedsgeschenk hat sie die beiden frisch gereinigten Strahlenschutzanzüge bei sich, die sie sich gegenseitig vom Leibe gerissen hatten beim ersten Sex. Sie begleitet ihn noch zum Check-in, dort trennen sie sich dann mit einem rätselhaft wortkargen Abschied, der fast alles offen lässt.

Für das Gegenüber der westlichen und östlichen Kultur, für die tödliche Reaktorkatastrophe und ihre verheerenden Folgen sowie für die wenig emotionale Liebesgeschichte hat Muschg als literarischen Begleiter Adalbert Stifter auserkoren, dessen « Nachkommenschaften» Paul im Handgepäck hat. Daraus streut der Autor dann sehr häufig mehr oder weniger passende Zitate in seinen Text ein. «Adalbert der Langeweiler» hatte Susanne, Pauls auf Trennungskurs befindliche Lebensgefährtin, den ständigen Begleiter genannt, eine wie ich finde zutreffende Beschreibung dessen, was auch so manchen Leser befremden dürfte, zu abseitig sind doch diese altbackenen, biedermeierlichen Ergüsse. Informativ aber sind die Passagen, in denen detailliert die mit scharfem Blick aufgedeckte, hoffnungslose Situation der dauerhaften Unbewohnbarkeit beschrieben wird, ohne ins Fatalistische abzugleiten, während der unsichtbar lauernde Tod von den Japanern mit ihrer rigiden Schamkultur geradezu stoisch ignoriert wird.

Mit klugen Reflexionen über den Menschen und seinen unvernünftigen Umgang mit der Technik wird hier eine Katastrophe thematisiert, wie sie die Menschheit in ihrer unerbittlichen Zeitdimension noch nicht erlebt hat, die sie letztendlich auch weit überdauern wird mit in Jahrtausende berechneten, radioaktiven Zerfallszeiten. Auch wenn nicht alles schlüssig ist in diesem hoch ambitionierten Roman, so ist er doch bereichernd und vor allem so gut erzählt, dass sich die Lektüre lohnt, auch wenn man sich dabei literarisch nicht unbedingt auf einer Glücksinsel befindet, - das nämlich bedeutet «Fukushima» auf Japanisch.