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Benutzername: Borux
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Danksagungen: 73 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 442 Bewertungen
Bewertung vom 23.02.2019
Sechs Koffer
Biller, Maxim

Sechs Koffer


weniger gut

Gekonnt oder nicht?

Der neue Roman «Sechs Koffer» von Maxim Biller hat es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft, und wie so oft in seinem Œuvre ist die Kritik auch hier recht geteilt. Kontroverse Reaktionen begleiten den literarischen Weg des streitbaren Schriftstellers ja vom Beginn an, eines seiner Werke, der Roman «Esra», ist in Deutschland sogar mit einem Veröffentlichungsverbot belegt. Seinen schreibenden Kollegen hat er in einem Vortrag in der Evangelischen Akademie Tutzing frech vorgeworfen, «Schlappschwanz-Literatur» zu produzieren und «das handwerkliche Prinzip ‹Moral›» zu ignorieren. Ich erinnere mich auch an einen Auftritt von ihm im Literarischen Quartett 2.0 Weidermannscher Prägung, wo er über den Autor des besprochenen Buches selbstherrlich «er kann es nicht» geäußert hat, eine abstoßende, arrogante Provokation unter Kollegen. Kann er es denn selbst, habe ich mich gefragt.

Als dezidiert jüdischer Autor thematisiert Maxim Biller hier einen tödlich endenden Verrat, dem der Tate zum Opfer fiel, wobei es jemand aus der Familie gewesen sein muss, der den Vater denunziert hat. In dem autobiografischen Roman tritt als Ich-Erzähler der sechsjährige Enkel des 1960 wegen Schwarzmarktgeschäften und Devisenvergehen hingerichteten Taten auf, den die Frage umtreibt, wer denn nun den Großvater verraten hat, einer der vier Söhne oder eine der beiden Schwiegertöchter. In sechs Kapiteln und in häufig wechselnden Episoden wird die Geschichte einer weitzerstreut lebenden Familie erzählt, beginnend an dem Tag, als sein Onkel Dima aus dem Gefängnis in Prag entlassen wird, wo er vier Jahre lang wegen Devisenschmuggel und versuchter Republikflucht eingesessen hat. War er der Verräter? Oder Natalia, seine Frau, die schöne Filmregisseurin, die in London lebt? Aber auch Sjoma, der eigene Vater, oder Rada, seine Mutter könnten es gewesen sein, oder der reiche Onkel Lev, der in Zürich lebt, und auch Wladimir, der Onkel in Südamerika, ist verdächtig. In Episoden ohne chronologischen Zusammenhang wird mit großen Zeitsprüngen in einer unkonventionellen Mischung aus personaler und auktorialer Erzählweise aus dem Leben dieser jüdischen Familie erzählt, die aus Moskau stammend nach Prag gegangen war und schließlich in Deutschland sesshaft wurde. Es ist die existentielle Geschichte einer zerrissenen Familie voller Misstrauen und Zweifel, die - durch totalitäre Systeme heimatlos geworden - überall und nirgends zu Hause ist.

Es geht nicht um den Verrat als solchen, es geht um die Bedingungen des Verrats in diesem wehmütigen, autofiktionalen Kurzroman, bei dem erzählerische Verlässlichkeit absolut Fehlanzeige ist in Anbetracht diverser Ungereimtheiten. Stilistisch wirkt dieses Verwirrspiel um familiären Neid eher wie ein Essay mit seinen unscharf gezeichneten, schablonenhaften Figuren, die seelisch karg erscheinend emotionalen Tiefgang vermissen lassen und obendrein auch noch als Typen völlig uninteressant bleiben. Geradezu verstörend wirkt außerdem die nassforsche, krawallartige Diktion von Maxim Biller, in der sich simple, negativ wertende Adjektive häufen wie hässlich, unfreundlich, verklemmt, böse, unsympathisch, frech, um dann auf ebenso gehässige Substantive zu stoßen wie Antisemitenblick und Osteuropäergesicht, um nur einige zu nennen.

Mit dem Geld zählenden Taten wird hier zu allem Überfluss auch noch das älteste jüdische Klischee überhaupt bedient. Und die dutzendfach wiederholte Bezeichnung eines Freundes des namenlos bleibenden Erzählers als «Miloslav – oder Jaroslav – » im dritten Kapitel wird bald richtig stressig für den Leser, er wird geradezu mit der Nase auf den unzuverlässigen Erzählstil gestoßen, der in seiner Unbestimmtheit letztendlich den gesamten Roman zu einer langweiligen Lektüre macht. Ob dieser Roman also gekonnt ist, sein Autor «es kann», wie er sich auszudrücken beliebte, muss wie immer jeder für sich entscheiden, - ich habe da berechtigte Zweifel.

Bewertung vom 23.02.2019
Was dann nachher so schön fliegt
Klute, Hilmar

Was dann nachher so schön fliegt


sehr gut

Fliegen meine Worte?

Als Debüt der besonderen Art thematisiert der Roman «Was dann nachher so schön fliegt» von Hilmar Klute die Dichtung in Form der Coming-of-Age-Geschichte eines angehenden Lyrikers. Der für die anonyme Kolumne «Streiflicht» bei der Süddeutschen Zeitung verantwortliche Redakteur benutzt die Poesie kontrapunktisch, stellt ihr den trostlosen Alltag eines Zivildienst leistenden jungen Mannes gegenüber. Lässt also die als Wortgebilde geradezu «fliegenden», poetischen Ergüsse seines Helden auf den rüden Umgangston in einer Altenpflege-Einrichtung prallen, konfrontiert zukunftheischende Jugend knallhart mit dem finalen Siechtum des Alters.

Im Herbst 1986 tritt der Ich-Erzähler Volker Winterberg seinen Zivi-Dienst in einem Seniorenheim im Ruhrgebiet an, - widerwillig, denn er fühlt sich zum Poeten berufen. Vorher hatte er noch einen spontanen, abenteuerlichen Kurztrip nach Paris unternommen und auf dem altehrwürdigen Cimetière du Père Lachaise die Gräber berühmter Dichter besucht, hatte unter dem Titel «Langstieliges Nachtleben» sein bislang bestes Gedicht geschrieben und in verrauchten Bistros vom späteren Ruhm geträumt. In den 22 Kapiteln des Romans wird abwechselnd von seinem beklemmenden Tagesablauf im Seniorenheim erzählt, ferner in vielen trickreich eingeschobenen Rückblenden häppchenweise von der Reise nach Paris, und vom literarischen Wettbewerb in Berlin natürlich, zu dem er wegen seines Paris-Gedichts eingeladen wurde. Während der drei Tage dort taucht er in eine ganz andere Welt ein, Hilmar Klute stellt der Enge des trostlosen Ruhrpotts jener Zeit die Boheme einer weltläufigen, quirligen Metropole gegenüber. Als trinkfester Kneipengänger frönt sein Protagonist auch dort seiner Passion und «zieht um die Häuser», immer rauchend, in sein Notizbuch kritzelnd und mit den schrägen Vögeln fabulierend, die er am Tresen trifft und bei den literarischen Workshops. Darunter ist auch Katja, eine Anglistik-Studentin, die in Liebe zu ihm entbrennt und im Bett mit ihm landet, obwohl sie schon länger mit einem Mann zusammenlebt, - nach seiner Heimkehr erhält er lange Briefe von ihr.

In diese Erzählstränge eingewoben sind immer wieder lange Traumsequenzen, in denen der ambitionierte Jungpoet sich im Kreise der Gruppe 47 wähnt. Umgeben von den berühmtesten Autoren und Kritikern jener Zeit also, die ihm gute Ratschläge geben und ihn ermuntern, sich nicht abbringen zu lassen von seinen poetischen Ambitionen. Nicht ohne Ironie plaudert Hilmar Klute da mit Anekdoten angereichert wohlgemut aus dem Nähkästchen deutscher Literatur, karikiert nicht nur die elitäre, arrogante Literaturclique um Hans Werner Richter, sondern auch die knorrigen Typen, aus denen sie sich zusammensetzte während ihres zwanzigjährigen Bestehens. Wer sich als Leser über die Buchdeckel seiner Lektüre hinaus auch für das Milieu interessiert, auf dessen Nährboden sein Lesestoff entstanden ist und aus dem sein Schöpfer stammt, der wird seine helle Freude haben an diesen ebenso bereichernden wie amüsanten Passagen. Und auch an den häufigen Reflexionen und Disputen zu dem alles beherrschenden Thema dieses Romans, der bangen Frage des Poeten: Fliegen meine Worte?

Dieser Bildungsroman einer hoffnungsvollen, irrlichternden Dichterseele ist in einem geschliffenen, eleganten Stil geschrieben, mit Wortwitz und Bonmots ebenso angereichert wie mit gelungenen Neologismen. Sein mit Verve vorangetriebener Plot ist klug konstruiert, in den 22 Kapiteln wird der Spannungsbogen bis zum überzeugenden Schluss wohldosiert aufrecht erhalten. Sowohl der Held als auch alle anderen Figuren sind stimmig beschrieben, viele wirken überaus sympathisch, und manche der einstigen Lyrikstars werden geradezu hymnisch gefeiert. Was eingefleischte Romanleser denn doch irritieren dürfte, - aber der Held hat sich nun mal der Poesie verschrieben, schon der aus einem Gedicht von Peter Rühmkorf entlehnte Titel des Romans zeugt ja davon!

Bewertung vom 20.02.2019
Der Zeitdieb
Sigurdarðóttir, Steinunn

Der Zeitdieb


ausgezeichnet

Unwiederbringliche, gestohlene Zeit

Im europäischen Vergleich ist Island eine Hochburg der Buchleser, ein fruchtbarer Boden also für die in ihrer Heimat populäre, vielgelesene Schriftstellerin Steinunn Sigurðardóttir. Mit ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Roman «Der Zeitdieb» hatte die Autorin auch bei uns großen Erfolg, ihre in verschiedene Sprachen übersetzte Geschichte einer obsessiven Liebe wurde in Frankreich mit prominenten Stars verfilmt. Anders aber als in den üblichen Romanen dieses Genres wird das Thema hier im engen Kontext mit den großen Sinnfragen des Menschseins behandelt, wird Liebe als sinnstiftendes Element unseres Daseins geistvoll hinterfragt.

Alda Ívarsen stammt aus einer bourgeoisen Familie in Reykjavík, ihren Job als Lehrerin betrachtet sie eher als schönes Hobby denn als Berufung oder gar als Broterwerb, die ebenso attraktive wie sinnliche junge Frau ist finanziell unabhängig. «Ich bin zu früh da, denn meine Uhr geht nach» heißt es unter dem Titel «Feierlicher Schulbeginn» flapsig gleich im ersten Satz. Vor der Kirche trifft die Ich-Erzählerin dann auf den neuen Kollegen Anton, der künftig Geschichte unterrichten wird, ein gut aussehender Mann, etwas jünger als sie. Ihr Kollegium überrascht sie anschließend im Lehrerzimmer mit einer Geburtstagstorte, sie ist 37 Jahre alt geworden an diesem 18ten Oktober. Seit einiger Zeit hat die lebenslustige Alda ein Verhältnis mit Steindór, dem Lateinlehrer, der verheiratet ist und drei kleine Kinder hat. Er will unbedingt noch mit zu ihr an diesem Abend, denn sie hat angekündigt, sich von ihm zu trennen, um seine Familie nicht zu zerstören, - was er aber nicht wahr haben will. Am nächsten Morgen findet man ihn tot am Strand, und sie macht sich Vorwürfe, seine Kinder nun doch vaterlos gemacht zu haben. Einige Wochen später, «am kürzesten Tag des Jahres», beginnt zwischen ihr und Anton, dem neuen Geschichtslehrer, eine leidenschaftliche Affäre, die große Liebe, - die dann genau hundert Tage dauert. Am ersten April nämlich geschieht ihr das, was Steindór geschehen ist, sie wird verlassen, und zwar ebenfalls endgültig. War das Rache, waltet da eine überirdische Gerechtigkeit? «Der Abschiedskuss ist seiner Natur nach langgezogen und hat einen salzigen Beigeschmack», sinniert die Atheistin unbeirrt.

Was diesem ersten Drittel des Romans folgt ist ein in Form innerer Monologe und fiktiver Briefe artikuliertes, endloses Lamento der aus der Bahn geworfenen, fassungslosen Alda. Deren weiteres Leben ist nun von immer neuen, fantasierten Szenarien dessen bestimmt, was gewesen wäre, hätte er sich anders entschieden. Und sie findet in ihren rastlosen Gedankenschleifen - durchaus selbstbewusst - ständig neue Argumente dafür, warum er sich anders hätte entscheiden können, - ja müssen! Sie bleibt allein, von wenigen kurzen Affären abgesehen, Anton war absolut der einzige Mann, für den sie ihre Freiheit je geopfert hätte. Er wird später Kultusminister, sie liest zuweilen in der Zeitung von ihm, sieht ihn aber nie wieder. Die immer noch schöne, selbstbewusste Frau unternimmt häufig ausgedehnte Reisen, ohne dabei allerdings ihre Liebessehnsucht je überwinden zu können.

Aus ironischer Selbstdistanz, schon fast lakonisch, aber immer amüsant erzählt, strömt Aldas Leidensgeschichte in vielerlei Facetten wie ein Redeschwall auf den Leser ein. Wobei besonders nach dem Bruch der Beziehung stilistisch zunächst die lyrischen Elemente dominieren, ehe dann im letzten Dritte allmählich diese wunderbar leichtfüßige, poetische Prosa wiederkehrt. In wie hingehaucht wirkenden, lebensklugen Reflexionen stehen da neben der Liebe das Alter und das Sterben im Fokus. Die inzwischen recht betagte Alma hat hellsichtig vorgesorgt für einen selbstbestimmten Tod und hortet im Nachttisch reichlich Schlaftabletten und Malzbier - zum Runterspülen. Sie wird letztendlich an der unwiederbringlichen, gestohlenen Zeit sterben!

Bewertung vom 17.02.2019
Verlorener Morgen
Adamesteanu, Gabriela

Verlorener Morgen


weniger gut

Rumänisches Epos

Der im Original 1983 erschienene Roman von Gabriela Adameșteanu ist unter dem Titel «Verlorener Morgen» nun auch ins Deutsche übersetzt worden, sehr spät allerdings. Wird doch dieses wichtigste Werk der in ihrer Heimat äußerst prominenten rumänischen Schriftstellerin vom Feuilleton als Meisterwerk des vergangenen Jahrhunderts gefeiert. Wobei erstaunlich ist, dass in der Ära Ceaușescu ein durchaus düsterer, sozialkritischer Roman wie dieser überhaupt publiziert werden konnte. Er wurde verschiedentlich als rumänische Version von «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» apostrophiert, einerseits wohl, weil die 76jährige Autorin einst ihre Examensarbeit über Proust geschrieben hatte, andererseits aber gibt es auch thematisch und im ausschweifenden Erzählgestus Ähnlichkeiten.

In vier Teilen erzählt sie von der wechselvollen Geschichte ihres Heimatlandes, wobei die den ersten und letzten Teil des Buches füllende Rahmenhandlung nur einen einzigen Tag im Bukarest des Jahres 1980 beschreibt. Deren Protagonistin ist eine griesgrämige Alte, die in einem atemlosen Wortschwall mürrisch fluchend über ihr Schicksal klagt. Schon mit elf Jahren musste sie für eine ganze Horde von kleinen Geschwistern sorgen. Während der Ehe hatte sie dann ganz allein einen armseligen kleinen Vorstadtladen betrieben, der sie nur recht und schlecht ernährt hat, ihr nichtsnutziger Mann hatte sich nie darum gekümmert. All das wird zumeist als innerer Monolog während des einen Tages erzählt, an dem sie durch Bukarest streift und vergebens bei ihrer Schwägerin und bei der Tochter einer ihr von früher her verpflichteten Arbeitgeberin um Geld bettelt. Diesem vom Elend der Jugendjahre, jahrzehntelanger harter Arbeit und bitterer Altersarmut erzählendem, plebejischem Außenroman steht in zwei Kapiteln ein Innenroman gegenüber, der in die Jahre 1914 beziehungsweise 1916 zurückspringt. Im Milieu bürgerlicher Salons wird da, mit französischen Phrasen und Redewendungen durchsetzt, in der Villa eines Professors über die aktuelle Politik Rumäniens schwadroniert sowie über ein künftiges Rumänien. Des Professors Tagebücher, in denen im dritten Teil des Romans die Frage nach den künftigen Kriegsverbündeten diskutiert wird, sind ohne geschichtliches Vorwissen allerdings kaum zu verstehen.

Dieser aus typisch weiblicher Sicht geschriebene Roman des persönlichen und gesellschaftlichen Scheiterns gleitet trotz seiner unerquicklichen Grundstimmung niemals ins Sentimentale ab. Er beschreibt vielmehr sachlich, aber äußerst assoziationsreich das Schicksal seiner vielen Figuren, thematisiert mit scharfem Blick Vergänglichkeit und Altern. Historisch steht einerseits die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg im Blickpunkt, dessen Folgen den Romanfiguren ebenso wenig bekannt sind wie der 1980 noch nicht absehbare Sturz des Diktators Ceaușescu und der Zusammenbruch des kommunistischen Regimes.

Erzählt ist dieses gesellschaftliche Panorama einerseits im wüsten Jargon der Unterschicht, in der Gossensprache einer verbitterten alten Frau, durchsetzt mit vielen Flüchen, andererseits im gehobenen Parlando des Bildungsbürgertums mit seinen vielen französischen Einsprengseln, die allerdings nur frankophile Leser goutieren dürften. Der historisch brisante Mittelteil des Zwanzigsten Jahrhunderts mit den beiden Weltkriegen ist hier völlig ausgespart, offensichtlich ein Tribut an die Zensur. Gabriela Adameșteanu deutet letztendlich das Elend der kommunistischen Neuzeit in Rumänien als Folge des großbürgerlichen Untergangs. Bei aller Virtuosität des Romankonstrukts und der Vielfalt an verwendeten Erzählperspektiven stört dann irgendwann doch die weit ausholende Erzählweise, anders als bei Proust ist die Textflut hier nämlich nüchtern und sachlich, also nicht poetisch und schöngeistig. Als langatmiges Epos allenfalls für rumänisch orientierte Leser zu empfehlen!

Bewertung vom 11.02.2019
Süßer Ernst
Kennedy, A. L.

Süßer Ernst


gut

Die Liebe eines Spindoktors

Die schottische Schriftstellerin Alison Louise Kennedy hat jüngst mit «Süßer Ernst» einen Liebesroman der besonderen Art vorgelegt, weit ab vom gewohnten, genretypischen Herz-Schmerz-Kitsch. Was bei ihrem großen irischen Kollegen der 16. Juni 1904 war, ist bei ihr der 10. April 2015, sie erzählt wie Joyce von einem einzigen Tag im Leben ihrer beiden Protagonisten. Womit die Gemeinsamkeiten aber noch nicht erschöpft sind, denn wie beim «Ulysses» gleicht auch dieser besondere Tag ihrer im Fokus stehenden Figuren einer Odyssee, hier nicht durch Dublin, sondern kreuz und quer durch London.

Meg und Jon heißt das Paar, das ganz unzeitgemäß per Zeitungsannonce zusammenfindet, er hatte anonym über einen Postfach-Absender angeboten, bis zu zwölf Liebesbriefe an alleinstehende Frauen zu schreiben, auf die er keine Antwort erwartet. Meg hat ihm aber geantwortet, sie ist hin und weg von der unglaublichen Einfühlsamkeit, die seine Trostbriefe erkennen lassen. Und sie bricht denn auch die Anonymität, indem sie tagelang die Postfiliale belauert, wo sich sein Postfach befindet, und kann ihn nach einigen Fehlversuchen auch tatsächlich identifizieren als den anonymen Briefschreiber. Beide sind seelisch zutiefst beschädigt, geradezu traumatisiert, und die exakt 24 erzählten Stunden des Romans spiegeln das chaotische Leben im Moloch London im ebenso wirren Tagesablauf der beiden Protagonisten wider, von 6:42 Uhr bis 6:42 Uhr des Folgetages.

Der labile, 59jährige Jon ist von seiner untreuen Frau geschieden und hat sich resigniert in eine armselige Einzimmerwohnung eines prekären Stadtteils zurückgezogen. Als Spindoktor in Westminster muss er, der politischen Räson wegen, die oft unerquickliche Realität geschmeidig so umformulieren, dass sie der Öffentlichkeit, also dem Wähler, als weniger negative «Wahrheit» präsentiert werden kann. In seinem Ministerium ist er der überaus geschätzte Meister solch geschönter Verlautbarungen - und hasst sich dafür! Meg ist eine 45jährige, alkoholkranke, bankrotte Wirtschaftprüferin, die, völlig deprimiert, in ihrem Leben keinen Sinn mehr erkennen kann. Nach ihrem erfolgreichen Entzug mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker hat sie einen schlechtbezahlten Job im Tierheim angenommen und lebt in einem verwahrlosten kleinen Haus, das sie von ihren Eltern geerbt hat, - sie fühlt sich «scheißallein». Am jenem 10. April 2015 ist sie seit genau einem Jahr trocken und will das nun bei ihrem ersten Treffen mit Jon, als eine Art zweiter Geburtstag, gebührend feiern. Für beide ist dieser Tag jedoch eine Odyssee mit immer neuen Hindernissen und unerwarteten Begegnungen, ihre Verabredung zu Essen muss mehrfach verschoben werden, es bleibt schließlich sogar fragwürdig, ob es überhaupt dazu kommen wird.

Die als Desillusionistin bekannte Autorin verknüpft in ihrem Abgesang auf das Modern Life gekonnt die sozialen und politischen Probleme ihres Landes und verdeutlicht sie durch die Berufe ihrer verstörten, frustrierten Protagonisten, zeigt deren seelische Unbehaustheit und tiefe Skepsis in Liebesdingen auf. Ihrer latenten Sehnsucht nach Geborgenheit stellt sie kritisch eine heutige, wenig erfreuliche Lebensrealität gegenüber, die den steten Niedergang des einst so stolzen British Empire überdeutlich aufzeigt. Die im steten Wechsel auktorial und, -als kursiv gesetzter, innerer Monolog -, multifokal aus der Perspektive beider Protagonisten erzählte Geschichte über die Verheerungen, die ein solcherart manifestierter Selbsthass anrichten kann, wird häufig durch kurze, meist einseitige Einschübe unterbrochen. In denen dann zusammenhanglos erfreuliche, tröstliche, herzerwärmende Begebenheiten aus dem Alltag erzählt werden, die eine den gesamten Text überlagernde Melancholie angenehm konterkarieren.

Bewertung vom 06.02.2019
Ich war Diener im Hause Hobbs
Roßbacher, Verena

Ich war Diener im Hause Hobbs


weniger gut

Retardieren als Stilmittel

Mit ihrem dritten Roman «Ich war Diener im Hause Hobbs» hat die österreichische Schriftstellerin Verena Rossbacher geradezu ein Paradebeispiel für die literarische Methode des unzuverlässigen Erzählens geliefert. Und beginnt damit gleich im Prolog: «Dies ist eine einfache Geschichte», - was ja auch schon der ins wohlgeordnet Beschauliche weisende Buchtitel suggeriert. Das stimmt sogar bis weit über die Buchmitte hinaus, dann allerdings wird ihre Geschichte von Täuschung und Betrug im letzten Drittel denn doch zunehmend kompliziert. Und lockt bewusst auf falsche Fährten, um dann in einem verwirrenden Sumpf von Andeutungen und Mutmaßungen mit dem Satz zu enden: «Es ist ein wahnsinnig schlampiger Tag». Gleich zu Beginn findet der Diener und Ich-Erzähler im blutbespritzten Pavillon der pompösen Villa seiner Arbeitgeber einen Toten, und auch da schon wird der Leser zunächst im Unklaren gelassen, wer der Tote denn eigentlich ist. Wie konnte es dazu kommen? Er versucht im Nachhinein, die Hintergründe des damaligen Geschehens zu verstehen.

Aus dem Abstand vieler Jahre erzählt Christian von seiner ersten Anstellung als frischgebackener Absolvent einer renommierten Dienerschule bei der neureichen Züricher Familie Hobbs, bei der er mehr als zehn Jahre beschäftigt war. Ausführlich berichtet er als stiller, zur Diskretion verpflichteter Beobachter vom mondänen Leben in der Villa am Zürichsee, von der Familie des vielbeschäftigten Staranwalts Hobbs und seiner ebenso attraktiven wie charmanten, kunstinteressierten Frau, den beiden netten kleinen Kindern und dem Zwillingsbruder des Hausherrn, der im Gartenpavillon wohnt, in dem sich auch sein Maleratelier befindet. Christian hält unbeirrt an den altehrwürdigen Ritualen der snobistischen Butler-Zunft fest, deren verstaubtes Image geradezu ideal zum servilen Selbstverständnis des jungen Mannes passt. In ausgedehnten Rückblicken erzählt er zudem von seiner Jugendzeit als Hipster und eher passiver Teil eines vierblättrigen Kleeblatts von aufmüpfigen Schulfreunden, die auch Jahre später noch sehr eng befreundet sind. Als seine Freunde mit der weltoffenen Frau Hobbs anlässlich eines Besuchs in Feldkirch, dem Vorarlberger Geburtsort von Christian, zusammentreffen, entwickelt sich zu seinem Entsetzen eine kumpelhafte Beziehung zu der unkomplizierten Dame des Hauses, die ihm als distinguierter Butler äußerst peinlich ist. Von ihm ungewollt entwickelt sich eine Eigendynamik, mit der das Schicksal seinen Lauf nimmt.

In seiner geradezu zwanghaft betriebenen Rekonstruktion deckt der traurige Held schichtweise nicht nur diverse verborgene Geheimnisse auf und schaut in menschliche Abgründe, er betreibt damit en passant auch eine Suche nach der eigenen Realität. In großen Bögen erzählt Verena Rossbacher von dieser Selbstverwirklichung, von Schein und Sein, von Lüge und Betrug. Sie tut dies ironisch und demaskiert dabei genüsslich den Kunstbetrieb ebenso wie die heutige Wohlstandsgesellschaft. Die allesamt sympathischen Figuren ihrer rätselhaften Geschichte sind stimmig beschrieben, ihre Diktion erinnert allerdings an die verstaubte Vorlage eines Arthur Conan Doyle und wirkt dadurch, trotz der oft eher surrealen Wendungen in ihrem verzwickten Plot, ziemlich artifiziell.

Die im Prolog listig geweckte Neugier wird leider durch lange Exkursionen des gedanklich trägen, schwerfälligen Protagonisten auf eine harte Probe gestellt: «Aber ich schweife ab» heißt es öfter, - und oft vergisst er dabei sogar die Frage, die er selbst aufgeworfen hat. Störend ist vor allem, dass vieles allzu lange offen bleibt und man sich als Leser dann in einem Wirrwarr verschiedenster Erzählfäden irgendwie zurechtfinden muss. Dieses künstliche Retardieren mit allen Mitteln, mit erzählerischen Umwegen und gedanklichen Sackgassen, mit immer neuen Wendungen stört den Lesegenuss erheblich, zumal es letztendlich zu nichts hinführt, sondern in einer enttäuschenden Leere endet. Nichts stimmt da mehr!

Bewertung vom 03.02.2019
Das Handbuch der Inquisitoren
Antunes, António Lobo

Das Handbuch der Inquisitoren


ausgezeichnet

Der Leser als literarischer Großinquisitor

Eine Befragung simulierend erzählt der portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes in seinem Roman «Das Handbuch der Inquisitoren» vom Ende des Salazar-Regimes, das er am Schicksal seines Protagonisten und dessen Familie spiegelt. Das 1997 erschienene Buch gilt als ein Klassiker der Weltliteratur, sein Autor wird zudem seit Jahrzehnten als Nobelpreiskandidat gehandelt, - bisher vergebens. Der Kommunist und Psychiater rechnet in diesem vielschichtigen Werk rigoros vor allem mit der verhassten Diktatur des sogenannten Estado Novo ab, wobei er konsequent die Perspektive der «kleinen Leute» einnimmt. Neben unglücklichen Liebesgeschichten werden dabei auch Krankheit, Alter und Tod thematisiert, und die Angst vor den Gewaltexzessen dieses autoritären Regimes ist ebenfalls allgegenwärtig. Wir haben es, wie in vielen Romanen seines Œuvres, hier auch wieder mit einer düsteren Geschichte des Untergangs zu tun.

Der Protagonist Francisco, genannt «der Doktor», ist ein einflussreicher Minister unter Salazar und lebt wie ein Feudalfürst auf seinem pompöse Landgut Palmela in der Nähe Lissabons. Auf ein Wort von ihm erledigt ein Major vom Geheimdienst skrupellos alle seine Aufträge, diskret und zuverlässig. Das Unglück dieses Tyrannen beginnt, als seine Frau Isabel ihn betrügt und schon bald auch verlässt. Die Frau des Apothekers wird seine Geliebte, kein Dienstmädchen ist vor ihm sicher, und die Köchin bekommt heimlich ein Kind von ihm, bei dem der Veterinär als Geburtshelfer fungiert. In einer jungen Kurzwarenhändlerin meint er schließlich Isabel zu erkennen und macht sie zu seiner Mätresse. Mit der Nelken-Revolution 1974, dem Sturz des Salazar-Regimes, endet schließlich seine Allmacht, er wird entlassen, verarmt, das Gut verkommt zusehends, er verbarrikadiert sich aus Angst vor den Kommunisten und droht, jedem von ihnen «eine Kugel zwischen die Hörner» zu verpassen, der sich ihm auch nur nähert. Am Ende des Romans liegt er als Greis hilflos in einer Pflegestation: «Pipi Herr Doktor Pipi wir wollen doch nicht den sauberen Schlafanzug schmutzig machen nicht wahr Herr Doktor?»

Folgt man Heimito von Doderer, könnte man folgern, dies ist ein Werk der Kunst, weil man kaum eine kurzgefasste, stimmige Inhaltsangabe davon schreiben kann. Der in fünf Abschnitte unterteilte, gesellschaftskritische Roman mit 29 Kapiteln, abwechselnd als Bericht oder Kommentar betitelt, lässt nicht weniger als 19 Ich-Erzähler zu Wort kommen. Wer da jeweils spricht bleibt oft erst mal im Dunkeln, bis dann irgendwann beiläufig ein Hinweis Klärung bringt. Äußerst hilfreich ist hier übrigens der detaillierte Artikel in Wikipedia, welcher das Wirrwarr dieses komplexen Stimmen-Konstrukts aufdröselt und die inneren Zusammenhänge auch in zeitlicher Hinsicht verdeutlicht. Denn sprachlich unterscheiden sich diese Erzählerfiguren selbst in ihrem Bewusstseinsstrom nicht voneinander, obwohl sie doch ganz verschiedenen sozialen Schichten angehören. Stilistisch auffallend sind die häufig fehlende Interpunktion sowie die nach einem Absatz durch Gedankenstrich eingeleitete wörtliche Rede, vor allem aber kommen einem viele sich wörtlich wiederholende, längere Textpassagen zunächst recht befremdlich vor.

«Ich möchte die Kunst des Romans verändern. Ich möchte eine neue, nie dagewesene Art erfinden, die Dinge auszudrücken», hat António Lobo Antunes selbstbewusst erklärt. Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten liest man sich schnell ein in diese vielstimmige, anspruchsvolle Prosa und folgt gespannt dem dramaturgisch verwickelten Geschehen. Der Leser selbst fungiert dabei als literarischer Großinquisitor, es gibt nämlich keine moderierende Autorenstimme. Und so ist er als Leser es folglich auch, bei dem die Fäden der Handlung zusammenlaufen und richtig sortiert und aneinander gefügt werden müssen, selbst wenn sich ihm nicht immer alles sofort und stimmig erschließt. Aber es lohnt sich allemal und öffnet neue Horizonte!

Bewertung vom 02.02.2019
Töchter
Fricke, Lucy

Töchter


weniger gut

Lucy Fricke hat mit ihrem Bestseller «Töchter» einen Roman vorgelegt, der thematisch an zwei Roadmovies erinnert, die sie in ihrer Geschichte sogar selbst anspricht. Wie in «Thelma und Louise» und auch in «Tschick» geht es um eine groteske Flucht mit dem Auto, welches hier nicht nur als Gefährt, sondern auch als Rückzugsort aus prekären Verhältnissen dient. Und die zwei Heldinnen in Frickes Roadtrip stehen, - genau wie in den genannten Spielfilmen -, auch ziemlich bald vor der Frage, wie finden wir da wieder raus? Die Autorin hätte als Titel eben so gut «Väter» wählen können, denn um die geht es den beiden Frauen letztendlich.

Die Ich-Erzählerin Betty ist eine alleinstehende Schriftstellerin um die vierzig, deren gleichaltrige Freundin Martha sie bittet, ihren todkranken Vater in eine Sterbeklinik in der Schweiz zu bringen. Der möchte unbedingt in seinem eigenen Auto dorthin gefahren werden, und da Martha sich nach einem schweren Unfall nicht mehr selbst ans Steuer setzt, soll ihre beste Freundin sie beide chauffieren. Während der Fahrt in dem klapperigen alten VW-Golf, die die Frauen nur widerstrebend antreten, gesteht der Vater irgendwann, dass die Sterbeklinik nur ein Vorwand war, in Wirklichkeit wolle er an den Lago Maggiore. Seine Jugendliebe, eine gelernte Krankenschwester, habe ihn dorthin eingeladen, um ihn bis zum nahen Tod selbst zu pflegen. Die beiden Freundinnen beschließen, nachdem sie ihn dort abgesetzt haben, nicht sofort wieder heimzufahren. Betty möchte nach ihrem geliebten Ziehvater suchen, der sie und ihre Mutter einst so schmählich verlassen hatte und sich dann nie mehr gemeldet hat, angeblich sei er seit zehn Jahren tot. In einem kleinen Dorf in Italien findet sie tatsächlich sein Grab, bei weiteren Recherchen stößt sie allerdings auf eine Front des Schweigens und bekommt Zweifel. Bis sie schließlich doch noch den Tipp erhält, auf einer abgelegenen griechischen Insel weiter zu suchen.

Dieser Roman über die Leerstellen, die durch Vaterlosigkeit entstehen, zählt zur Kategorie der Pageturner, mit flotter Feder erzählt Lucy Fricke ihre Geschichte in einer leicht lesbaren Sprache. Ihr Plot ist klug konstruiert und erzeugt mit seinen immer wieder überraschenden Wendungen den geschickt dosierten Sog beim Leser, der turbulenten Handlung weiter zu folgen. Die Autorin streut dabei allerlei philosophische Betrachtungen und Lebensweisheiten in ihre tragische Geschichte ein und betont ihren Realismus, indem sie zum Beispiel im Buch Esoterik definiert als «Die schlimmste vorstellbare Wahrnehmung der Wirklichkeit». Das alles ist amüsant zu lesen, ohne dass es einem gleich «die Lachtränen in die Augen treiben» würde wie dem im Klappentext zitierten, für Klamauk anfälligen Dennis Scheck. Über ihren oft abgetauchten, zwielichtigen Ziehvater tröstete Betty ihre Mutter mit den Worten: «Mach dir keine Sorgen, Mama, er ist bloß für die Mafia unterwegs. Wahrscheinlich wäre sie erleichtert gewesen. Besser einer, der nachts Leute umlegte, als dass er Frauen flachlegte».

Die allesamt maroden Figuren dieses satirischen Romans sind ziemlich konturlos, ihre Vita bleibt weitgehend im Dunkeln, man wüsste aber gerne mehr, das würde auch das Verständnis des Plots erleichtern. Bei der von Lebensbilanzen und Sterbensfragen dominierten Thematik des Romans stehen den beiden Heldinnen in ihrer nicht nur altersbedingt kritischen Lebensphase zwei lebensmüde Vaterfiguren gegenüber. In der Dramatik dieser illusionslosen Geschichte vor zumeist malerischer Kulisse ist allerdings ein gewisses Pathos nicht zu übersehen. Lakonisch wird immer wieder seelisch Verschüttetes zutage fördert, bedauerlich aber ist, dass diesem narrativen Element nicht weiter nachgegangen wird, es fehlt an gedanklicher Tiefe. Neben einigen Ungereimtheiten werden leider auch derart viele Klischees bedient, dass die Geschichte allzu vorhersehbar wird, sie gleitet teilweise sogar ins Banale ab, und das Ende ist dann nur noch peinlich!

Bewertung vom 30.01.2019
Fräulein Nettes kurzer Sommer
Duve, Karen

Fräulein Nettes kurzer Sommer


sehr gut

Frauenfeindliche Spätromantik

Mit dem Katastrophenjahr der Anette von Droste-Hülshoff hat die äußerst vielseitige Schriftstellerin Karen Duve einen faszinierenden Stoff gefunden, mit dem sie der berühmten Dichterin in ihrem Roman «Fräulein Nettes kurzer Sommer» ein weiteres Denkmal gesetzt hat. Die fiktional angereicherte Geschichte spielt im kleinadeligen Milieu ihrer weitverzweigten, im Münsterschen angesiedelten Familie, ergänzt um viele Geistesgrößen der Zeit, die als gerngesehene Gäste dort verkehren. Mit «kurzer Sommer» im Titel wird auf eine Zäsur im Leben des im Familienkreis nur «Nette» genannten, aufmüpfigen Freifräuleins angespielt, die sich nicht nur prägend auf das weitere Leben der Dichterin, sondern auch auf ihr späteres Werk ausgewirkt hat.

«Was tatsächlich im Sommer 1820 auf dem Böckerhof vorgefallen ist, liegt im Dunkeln», heißt es im ersten Satz des dickleibigen Romans. Heinrich Straube, ewiger Student in Göttingen, von seinem Studienfreund August von Haxthausen, dem Onkel von Nette, alimentiert und als neuer Goethe hoffungslos überschätzt, ist 1819 Gast der Familie. Er wird von August überschwänglich als «Phänomen an scharfem Verstande» vorgestellt, «… von dem schon jetzt das Licht des zukünftigen Ruhmes ausstrahlt», «… und ein Geruch wie von einem nassen Hund», ergänzt Nette vorlaut. Trotz dieses peinlichen Fauxpas verliebt Straube sich in die wenig attraktive, aber geistig brillante Nichte seines Freundes und stellt ihr nach. Als sich das Freifräulein in einem schwachen Moment von dem eher hässlichen jungen Mann küssen lässt, wähnt der sich am Ziel seiner Wünsche, «Sein Glück war gemacht», heißt es dazu im Roman. Eine grandiose Fehleinschätzung, denn sowohl der Standesunterschied als auch die konträren Konfessionen der Beiden lässt eine Ehe absolut undenkbar erscheinen.

Nach dieser Einleitung und einem kurzen Hinweis auf den verheerenden Ausbruch des Vulkans Sumbava östlich von Java, der das Wetter weltweit auf Jahre hin verändert hat und durch monatelangen Dauerregen auch in Westfalen Missernten und Hungersnöte zu Folge hatte, erzählt Karen Duve im Rückblick vom ereignislosen Leben ihrer Protagonistin im Kreise der adeligen Großfamilie auf ihren verschiedenen Landgütern, ein im Ritual erstarrtes Dasein. Sie berichtet zudem vom lustigen Studentenleben in Göttingen, von langweiligen Kuraufenthalten und beschwerlichen Reisen. Neben anderen Bewerbern bemüht sich der charismatische Jurastudent August von Arnswaldt um Nette, insgeheim und vorgeblich, um ihre Treue zu testen, was dem Schönling denn auch gelingt, - die ach so sittsame Nette lässt sich von ihm küssen. Als Fräulein Nette ihn nach diesem Ausrutscher strikt zurückweist und ihre unverbrüchliche Liebe zu Straube beteuert, berichtet Arnswaldt Straube von diesem Vorfall. Beide wenden sich von ihr ab und sehen sie nie wieder, und auch die Familie hat sie nun gegen sich, alle hacken auf ihr herum, - ein Katastrophenjahr für sie!

Mit fleißig recherchierter Detailfülle, von der ein zwölfseitiges Literaturverzeichnis zeugt, erzählt Karen Duve in ihrem spätromantischen Gesellschaftsroman kenntnisreich vom Leben auf den westfälischen Landgütern und von den vielen interessanten Gästen und Freunden. Zu denen gehören die eifrig Märchen sammelnden Gebrüder Grimm ebenso wie Hoffmann von Fallersleben. Und sogar Heinrich Heine taucht darin auf und widerspricht Straube, der ihn im Gespräch den letzten Romantiker nennt: «Ich bin die Überwindung der Romantik!» Die eher lakonisch erzählte Geschichte ist unterhaltsam und bereichernd zugleich, sie vermittelt ein authentisch wirkendes Bild dieser frauenfeindlichen Epoche. Leider bleibt ausgerechnet die berühmte Protagonistin in ihren literarischen Aspekten ziemlich blass in diesem ansonsten in epischer Breite erzählten Roman, der mir speziell beim ritualisierten, immer gleichen Familienleben denn doch zu ereignislos erscheint. Trotzdem ist er eine den Horizont des Lesers erweiternde, angenehme Lektüre.

Bewertung vom 22.01.2019
Rameaus Nichte
Schine, Cathleen

Rameaus Nichte


sehr gut

Warum liebe ich diesen Mann?

Das erste in Deutschland erschienene Buch der US-amerikanischen Schriftstellerin Cathleen Schine spielt mit seinem Titel «Rameaus Nichte» auf ein von Goethe 1805 übersetztes Werk Diderots an, aber nicht nur damit. Es zitiert auch thematisch das posthum veröffentlichte und vielbeachtete Buch «Rameaus Neffe», ein philosophisch feinsinniger Lehrdialog zwischen Meister und Schüler, der die Seele eines gescheiterten Künstlers offenlegt und als erstes Auftreten des Typus ‹Intellektueller› gilt. Bei Cathleen Schine wird diese Thematik auf eine unerwartet äußerst erfolgreiche Buchautorin angewendet, die an der Realität und an sich selbst scheitert bei ihrer verzweifelten Suche nach der eigenen Identität.

Margaret Nathan, eine attraktive New Yorker Geisteswissenschaftlerin Ende zwanzig, verheiratet mit einem charismatischen Literaturprofessor, findet ein unveröffentlichtes Manuskript mit dem Titel «Rameaus Nichte», eine anonym verfasste Einführung in die Philosophie. Sie übersetzt das Traktat, stellt dabei aber fest, dass es in weiten Teilen aus Plagiaten verschiedenster Autoren des 18ten Jahrhunderts kompiliert ist und in Wahrheit einen geschickt kaschierten pornografischen Inhalt hat. Durch diese Arbeit gerät ihre Gewissheit über die seit zwölf Jahren glückliche Ehe mit Edward Nathan immer mehr ins Wanken, sie beginnt ihre Liebe und ihre Rolle als rundum zufriedene, beneidenswerte Ehefrau kritisch zu hinterfragen: «Warum liebe ich diesen Mann»? In einem von ihrer sinnlichen Phantasie angeheizten Prozess der Selbstfindung sucht die an sich eher schüchterne junge Frau schließlich den Kontakt mit potentiellen Sexpartnern. Sie bandelt, nachdem ihr schwuler Lektor von vornherein ausscheidet, zaghaft zuerst mit einem belgischen HiFi-Hersteller an, der sie aber abweist. Dann versucht sie, obwohl sie keiner lesbische Orientierung hat, ebenfalls vergeblich, ihre lebenslustige Freundin Lilly, eine feministische Autorin, zu verführen, um dann endlich doch noch mit ihrem adonisgleichen Zahnarzt im Bett zu landen. Den von ihr als Befreiung gedachten und herbeigesehnten Ehebruch hat sie nun wirklich in die Tat umgesetzt, - ohne dabei aber das gefunden zu haben, was sie suchte. Ihre sexuelle Selbstverwirklichung erweist sich als totaler Fehlschlag, sie ändert nichts.

Der dreiteilig aufgebaute Roman schildert im ersten Teil die Uni-Szene, Partyleben und Small Talk der New Yorker Intellektuellen mit belanglosen Disputen um Halbwahrheiten, im zweiten dann eine kunstsatte, bereichernde Reise der Heldin nach Prag, bei der sie erstmals seit der Hochzeit ganz auf sich selbst gestellt ist, da ihr smarter Mann sie nicht begleiten kann. Der dritte, die Hälfte des Buches umfassende Hauptteil schließlich behandelt die Irrungen und Wirrungen ihrer schwierigen Selbstfindung, ihre hilflosen Eskapaden, die allesamt nicht zur gewünschten Emanzipation führen. Sozialer Schein und privates Sein sind nicht unbedingt deckungsgleich, lautet das Fazit dieses puzzelartig angelegten Eheromans.

Wie schon die Titel andeuten, handelt es sich hier um zwei ineinander verschachtelte, gleichnamige Romane, zwei ironisch durchleuchtete Zeitepochen also, das Buch im Buch ist dabei das von der Heldin übersetzte Manuskript von «Rameaus Nichte». Diese innere, die Verführung und Entjungferung eines Mädchens, - der Nichte Rameaus nämlich -, erzählende Geschichte vom Anfang des 18ten Jahrhunderts ist in einer der Barockzeit nachempfundenen Sprache geschrieben, die zwar zeitgerecht ist, aber auch bis zur Unlesbarkeit verklausuliert. Hingegen ist die Ende des 20ten Jahrhunderts angesiedelte Geschichte einer modernen Lebens- und Liebeskrise amerikanisch knapp und salopp erzählt. Sie glänzt mit den funkelnden, geistreichen Dialogen ihrer durchweg sympathischen Figuren und den weitläufigen inneren Monologen der Protagonistin. Der Lesegenuss dieser intellektuell anspruchsvollen Lektüre wird zusätzlich durch einen köstlichen Humor bereichert.