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Baerbel82

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Insgesamt 993 Bewertungen
Bewertung vom 11.02.2015
Gundar-Goshen, Ayelet

Löwen wecken


gut

Wie viel ist ein Menschenleben wert?

Ayelet Gundar-Goshen erzählt in „Löwen wecken“ eine Geschichte, vor der wir uns alle fürchten: Ein Mann überfährt versehentlich einen anderen Menschen. Wie würde ich in dieser Situation reagieren?
Das Zitat »Und er dachte sich gerade, dies sei der schönste Mond, den er je gesehen habe, als er diesen Mann umfuhr. « und die nachfolgende Leseprobe ließen auf einen anspruchsvollen, spannenden Roman hoffen, in der Tradition eines Tom Wolfes in „Fegefeuer der Eitelkeiten“. Leider wurden meine Erwartungen nicht erfüllt. Doch worum geht es?
Dr. Etan Grien, ein Gehirnchirurg, der früher in Tel Aviv tätig war, wurde nach Beer Scheva strafversetzt. Kurioserweise deshalb, weil er sich nicht mit Korruption und Bestechung in der Klinik abfinden wollte. Demensprechend frustriert und demotiviert übt er seinen Beruf aus.
Eines Nachts überfährt Etan mit seinem Jeep in der Wüste einen Mann, einen Eritreer. Zu helfen ist ihm nicht mehr, aber anstatt die Polizei zu rufen, begeht er Unfallflucht. Am nächsten Tag steht Sirkit, die Frau des Unfallopfers, vor seiner Tür. Etan hatte sein Portemonnaie am Unfallort verloren.
Sirkit verlangt von Etan kostenlose ärztliche Hilfe für ihre Landsleute - Nacht für Nacht. Statt seiner Frau Liat die Wahrheit zu erzählen, belügt er sie. Ausgerechnet Liat, die bei der Kripo arbeitet, ist nun für diesen Fall zuständig. Und sie will auf jeden Fall ermitteln, auch wenn ihre Kollegen sie davon abhalten wollen…
Wie viel ist ein Menschenleben wert? Ist ein Eritreer weniger wert als ein Israeli?
Die Autorin erzählt eine Geschichte, die eine ganz eigene Farbe und Temperatur hat. Eine Geschichte, die zeigt, wie Liebe und Lügen, Stolz und Macht, Ehre und Respekt, aber auch Ängste und Befürchtungen die Beteiligten verändern - mit überraschenden, dramatischen und manchmal auch brutalen Folgen. So kommen sich Sirkit und Etan fast widerwillig näher…
Gundar-Goshens knallharte Kritik an der israelischen Gesellschaft, die Flüchtlingen keine Chance zum Überleben gibt, ist glaubhaft und konsequent. Wer ist gut, wer ist böse? Bei Gundar-Goshen sind die Grenzen fließend. Ihre Sprache ist gewöhnungsbedürftig, ihr Ton kraftvoll und oft derb. Detaillierte Schilderungen des Alltags und langatmige Rückblicke in die Vergangenheit gehen zu Lasten der Spannung.

Fazit: Ein außergewöhnlicher Roman auf hohem Niveau in einer kraftvollen, teils derben Sprache mit einem ordentlichen Schuss Gesellschaftskritik.

4 von 5 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 16.01.2015
Krist, Martin

Engelsgleich / Kommissar Kalkbrenner Bd.4


ausgezeichnet

Cool, krass, Krist

„Engelsgleich“ ist bereits der vierte Fall für den Berliner Kriminalhauptkommissar Paul Kalkbrenner und zugleich das Prequel zu „Drecksspiel“. Der neue Thriller von Martin Krist ist nicht mein erster Krist, aber der härteste und beste bisher. Doch worum geht es?
Hauptschauplatz ist Berlin. „Engelsgleich“ startet mit einem krassen Prolog. Anschließend gilt es, gleich drei spannende Handlungsstränge zu verfolgen:
Juli liebt Yvonne und ihre Pflegekinder Toby, Elsa und Merle. Eines Tages ist Merle verschwunden und Juli begibt sich auf eine gefährliche Suche.
In einem anderen Handlungsstrang treffen wir erneut auf Markus, den Mann aus dem Prolog. Er dealt mit Drogen und will nach „oben“. Unterstützt wird er von seinen Freunden Horst und Richard.
Last but not least lernen wir Paul Kalkbrenner kennen. Er untersucht gerade den mutmaßlichen Selbstmord von Patrik Cerny, als er zu einem weiteren Tatort gerufen wird. Eine junge Frau wurde auf einem verlassenen Fabrikgelände tot aufgefunden. Nach und nach werden weitere Leichen geborgen. Es handelt sich um Kinder und alle wurden vor ihrem Tod brutal misshandelt und gefoltert.
Was haben all diese Handlungsstränge miteinander zu tun?
Gekonnt springt Martin Krist durch Zeit und Raum. Viele Ortswechsel und schnelle Schnitte, sorgen für Dynamik. Es geht um Prostitution und Drogen, Menschenhandel und Gewalt. Organisierte Kriminalität in ihrer schlimmsten Form. Ein äußerst erschreckendes, doch realistisches Szenario, das sich der Autor ausgedacht hat, gut recherchiert und packend in Szene gesetzt. Auch wenn der Leser der Polizei immer einen Schritt voraus ist, wird dennoch Spannung aufgebaut. Die Suche nach Merle wird in der Ich-Perspektive aus Sicht von Juli erzählt. Das schafft Nähe.
Die Figurenzeichnung ist - wie immer - ausgezeichnet gelungen. Neben Kalkbrenner sind zwei weitere Charaktere besonders hervorzuheben: Juli und Markus. Mit Juli bin ich nicht wirklich warm geworden: mit ihr konnte ich mich nicht identifizieren, ihr Handeln oft nicht nachvollziehen. Aber Markus war mir sofort sympathisch: stets ein cooler Spruch auf und eine Kippe an den Lippen. Gefreut habe ich mich über ein Wiedersehen mit Kriminalkommissarin Sera Muth aus „Kalte Haut“. Schön, dass es auch wieder einen „Soundtrack“ zum Roman gibt.
Martin Krist ist ein Pseudonym des Schriftstellers Marcel Feige, der seine Krimis und Thriller inzwischen ausnahmslos als Martin Krist veröffentlicht. Auch die ersten drei Fälle aus der Kommissar Kalkbrenner-Reihe.
Dass der Autor im Finale nochmal richtig Gas gibt, steigert das Lesevergnügen. Denn einige Überraschungen gegen Ende des Thrillers hält Martin Krist für seine Leser noch bereit. Ein Buch mit Herzblut. Ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann.

Fazit: Ein knallharter Thriller mit einem intensiven Spannungsbogen und einem überraschenden Ende. Ein echtes Highlight!

Bewertung vom 06.01.2015
Jahnke, Olaf

Tod eines Revisors


sehr gut

Peanuts

Jens Scherer ist tot, angeblich war es Selbstmord. Seine Witwe Charlotte glaubt aber nicht daran. Sie beauftragt Privatermittler Roland Bernau, den Mörder zu finden. Scherer war Revisor bei der Frankfurter Finanzbank und hielt sich in einer Königsteiner Privatklinik auf, um sich gegen Burnout behandeln zu lassen. Tabletten wurden in der Klinik immer genau abgezählt. Wie kann er da an einer Überdosis gestorben sein? Handelt es sich also doch um Mord?
Bernau war früher beim BKA. Jetzt arbeitet er als Privatdetektiv im beschaulichen Kelkheim im Taunus. Unterstützt wird er von seiner Assistentin Susanne und der Journalistin Julia. Die Bank dagegen mauert. Es geht um Wendekriminalität. Liegt hier das Motiv?
Für Bernau tut sich ein Abgrund aus Betrug, Erpressung, Entführung und Mord auf. Neben Politik und Wirtschaft mischen auch die Geheimdienste mit. Doch nichts kann Bernau vorbereiten auf die Skrupellosigkeit des Killers…
„Tod eines Revisors“ ist ein Krimi in der Tradition des guten alten Detektivromans. Mich hat Roland Bernau sofort an Humphrey Bogart als Philip Marlowe erinnert. Genau wie bei Chandler ist die Geschichte in der Ich-Perspektive erzählt, aus der Sicht des privaten Schnüfflers.
Kaum zu glauben, dass es sich um einen Debütroman handelt, noch dazu von einem deutschen Autor. Olaf Jahnke hat nicht nur gewissenhaft und fundiert recherchiert, sondern auch eine komplexe und spannende Geschichte geschrieben, die dank kurzer Kapitel nie langweilig wird.
Neben einer guten Portion Wortwitz lebt die Geschichte von viel Lokalfarbe: Frankfurt, Rhein-Main, und Taunus. Zudem zeichnen überraschende Wendungen und falsche Fährten den Wirtschaftskrimi aus. Diese Elemente heben „Tod eines Revisors“ heraus aus dem üblichen Tätersuche-Genre.

Fazit: Eine spannende Detektivgeschichte mit viel Lokalkolorit. Interessante Thematik unterhaltsam dargeboten. Und das Ende eröffnet die Option auf eine Fortsetzung.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 03.01.2015
French, Tana

Geheimer Ort / Mordkommission Dublin Bd.5


sehr gut

Lügen und Geheimnisse

Die Geschichte beginnt in der Gegenwart: Holly hat am Schwarzen Brett ihrer Schule eine Karte abgehängt - mit dem Bild von Chris und der Überschrift: ICH WEISS, WER IHN GETÖTET HAT.
Christopher Harper, ein 16-jährigen Schüler vom Colm, einem Jungeninternat, war ein Jahr zuvor im Park des Mädcheninternats St. Kilda mit einer Gartenhacke erschlagen worden. Und zwar auf einer Lichtung, dem geheimen Treffpunkt von Hollys Clique.
Holly ist die Tochter von Detective Frank Mackey. Nun übergibt sie diese Karte Detective Stephen Moran, den sie vor einigen Jahren in 'Sterbenskalt' kennengelernt hatte. Damals war Moran der Partner ihres Vaters. Moran und seine Kollegin Detective Antoinette Convay beginnen erneut zu ermitteln.
Es gibt aber auch Rückblicke in die Vergangenheit, als Chris noch 8 Monate zu leben hatte und es werden von Kapitel zu Kapitel weniger, wie bei einem Countdown. Die Geschichte hat mich ein wenig an „Die Lichtung“ von Linus Geschke erinnert. Auch dort konnte der Fall zunächst nicht aufgeklärt werden.
Auf der Suche nach der Wahrheit treffen die beiden Ermittler auf zwei verfeindete Mädchen-Cliquen, die von Joanne und ihren Freundinnen Gemma, Orla und Alison sowie die von Holly, Selena, Julia und Rebecca. Wer lügt, wer verschweigt etwas?
Dann wieder ein Rückblick: Hollys Clique trifft sich auf der Zypressenlichtung und schwört, keine Männergeschichten bis zum Ende der Schulzeit. Da hat Chris noch 6 Monate zu leben. Nichts ist wie es scheint. Niemand ist, wer er zu sein scheint.
„Geheimer Ort“ ist vor allem eins, eine extrem tiefenscharfe und nicht selten bissige Milieu-Beobachtung. Der Erzählrhythmus ist bis zum Ende perfekt austariert und die genaue Figurenzeichnung lässt darauf schließen, dass Tana French, die Meisterin des psychologischen Kriminalromans, das Milieu sehr genau kennt, um das es hier geht: In „Geheimer Ort“ dreht sich alles um Teenager in der Pubertät.
Das Zusammenspiel zwischen Convay und Moran gefällt mir, ebenso die Kapitel in der Ich-Perspektive, erzählt aus Sicht von Moran. Tana Frenchs Sprache ist kraftvoll, aber auch sehr poetisch. Den Spannungsaufbau finde ich äußerst gelungen, die Dialoge sind authentisch, insbesondere die Duelle zwischen der Polizei und den Mädels. Lediglich ein paar paranormale Phänomene haben mich gestört.

Fazit: „Geheimer Ort“ ist nicht nur ein Kriminalroman, sondern vor allem spannendes Drama, das letztlich in einer schrecklichen Tragödie endet. Insgesamt ein schöner Schmöker, der sich locker weg lesen lässt.

4 von 4 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 26.12.2014
Lorenz, Christian

[identität] (eBook, ePUB)


gut

Nichts Neues unter der Sonne

Die Inhaltsangabe ließ auf einen spannenden (Polit-)Thriller hoffen. Leider wurden meine Erwartungen diesbezüglich nicht erfüllt: zu wenig „thrill“ für einen Thriller und Spannung kam auch erst in der zweiten Hälfte auf. Doch worum geht es?
[identität] spielt in Berlin und dem ländlichen MeckPomm in der nahen Zukunft.
Minke Böckenhauer, eine Ex-Polizistin, bewirtschaftet einen Erbhof in Suckow. Ihr Geld verdient sie mit Recherchen im allwissenden Datennetz. Minke ist befreundet mit dem Förster Herzel. Er hat viel Empathie und ein großes Herz, doch sie merkt es nicht.
Eines Tages taucht der ominöse Thomas im Dorf auf. Er wirkt etwas verloren, kann oder will sich nicht erinnern und bewegt sich wie ein Roboter. Wer ist dieser Mann?
Minke entdeckt, wer Thomas wirklich ist. Zu spät merkt sie, in welche Gefahr sie sich und Herzel dadurch bringt...
Hacker, Zocker, die Geheimdienste und andere bizarre Besucher, das sind die Hauptakteure in [identität], dem Debütroman von Christian Lorenz. Es geht um die Rückkehr zur D-Mark, Bewusstseinsmanipulation und Drogen, totale Überwachung und Kontrolle, Identitätswechsel, Macht und Gier.
Die Geschichte ließ sich flott und flüssig lesen. Aber die Beschreibung des Landlebens war mir doch etwas „too much“. Auch hätte der Plot für meinen Geschmack etwas spannender sein können. Die Figurenzeichnung ist plausibel, auch wenn ich persönlich mich nicht mit der Protagonistin identifizieren und ihr Verhalten oft nicht nachvollziehen konnte. Förster Herzel ist mir dagegen sehr sympathisch, Thomas finde ich authentisch - eine tragische Figur.
Die Idee ist gut, aber für einen visionären Thriller haben mir ein bisschen die Innovationen gefehlt.

Fazit: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Gute Idee, bestenfalls durchschnittlich umgesetzt. Wenn man das Landleben liebt, kann [identität] einen dennoch ganz passabel unterhalten.

Bewertung vom 12.12.2014
Kniesel, Guido

Kein Wille geschehe


ausgezeichnet

Für immer und ewig

Um es gleich vorwegzunehmen, „Kein Wille geschehe“, der zweite Psychothriller von Guido Kniesel, ist echt der Hammer! Doch worum geht es?
Schauplatz ist Berlin. Eine Frau namens Nadine will mit einem Zimmermannshammer die „Schlampe“ Lara ermorden, damit ER zu ihr zurückkommt.
Jahre danach wird dem pensionierten Richter Anton Kaltenfeld die Kehle durchschnitten. Auf die Stirn des Toten schreibt der Mörder mit dem Blut des Opfers AMOR FATI. Anschließend ermordet er auch noch Staatsanwalt Michael Hofmann. Der Modus Operandi ist derselbe.
Hendrik Jansen, ein forensischer Psychiater, will mit seiner Frau Diana und dem gemeinsamen Sohn Noah Urlaub auf Rügen machen. Da er die Toten kannte, soll er Berlin nicht verlassen. Deshalb, schickt er seine Familie mit dem Taxi vor. Doch sie kommt niemals an…
Ein Richter, ein Staatsanwalt und ein Gutachter, wo ist die Verbindung? Befindet sich der Täter auf einem Rachefeldzug? Als Hendrik eine ominöse E-Mail mit einem gruseligen Foto geschickt bekommt, muss er erkennen, dass der Mörder auch ihn im Visier hat. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt…
Guido Kniesel hat nach seinem Debüt „Der Proband“ mit „Kein Wille geschehe“ erneut einen beklemmenden Psychothriller geschrieben, der eine fesselnde Reise in die dunkelsten Winkel der menschlichen Psyche verspricht. Diesmal ist das Thema Willensfreiheit. Haben wir einen freien Willen oder sind Menschen wie lose Blätter im Wind? Glaubt der Mörder wirklich, man könne nichts gegen sein Schicksal tun?
Die Geschichte lässt sich flott lesen. Auch wenn der Leser der Polizei immer einen Schritt voraus ist, wird dennoch Spannung aufgebaut. Dazu besticht der Roman durch fundiert recherchierte Hintergründe. Die Figurenzeichnung ist ausgezeichnet gelungen und der Erzählrhythmus bis zum Ende perfekt austariert. Sogar der Humor kommt nicht zu kurz. Zitat: „Ups!“, sagte Aichner, als er Hendriks Lippen begutachtete. „Das sieht aber wirklich schei*e aus.“
Dass Guido Kniesel im Finale nochmal Gas gibt, steigert das Lesevergnügen. Denn einige Überraschungen gegen Ende des Thrillers hält der Autor für seine Leser noch bereit. Ein Buch mit Herzblut. Ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann.

Fazit: Eine gut recherchierte Geschichte über die dunkle Seite der menschlichen Seele, mit einem intensiven Spannungsbogen und einem versöhnlichen Ende. Starker Stoff. So muss Thriller!