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Baerbel82

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Insgesamt 993 Bewertungen
Bewertung vom 21.07.2015
Etzold, Veit

Der Totenzeichner / Clara Vidalis Bd.4


sehr gut

Es ist nicht vorbei, bis es vorbei ist

„Der Totenzeichner“ ist bereits der vierte Fall für Kommissarin Clara Vidalis, Expertin für Pathopsychologie vom LKA Berlin. Dennoch handelt es sich um eine eigenständige, in sich abgeschlossene Geschichte, die ohne Vorkenntnisse lesbar ist. Worum geht es?
Der Prolog geht gleich in medias res. Los Angeles, 2004: Vincent Calitri, der Sohn des Polizeichefs, wurde grausam ermordet, anschließend wurde ihm das Herz herausgeschnitten. Am Tatort findet sich der Spruch: It’s not over, 'til it’s over und eine runenartige Gravur ^. Detective Brooks ermittelt.
10 Jahre später in Berlin: Stephan Stiller, Boss eines Rockerclubs, wird ermordet. Der Modus Operandi scheint derselbe wie damals in L.A. Allerdings hat der Killer ihm das Herz bei lebendigem Leib herausgetrennt und mitgenommen. Clara und Dr. Martin Friedrich, genannt MacDeath, ermitteln.
Doch das Morden geht weiter: Ein Mann, der den schwarzen SUV des Täters attackiert hatte, wird das nächste Opfer. Ist der Totenzeichner, der einst in den USA sein blutiges Unwesen trieb, zurückgekehrt?
Nekrophilie, Kannibalismus und andere unappetitliche Dinge, das sind die Zutaten für Veit Etzolds neuen Thriller. Ein Buch mit einem hohen Ekelfaktor, das harte und bizarre Szenen beinhaltet, die als abstoßend empfunden werden können, somit nichts für zartbesaitete Gemüter.
Auch wenn der Leser der Polizei immer einen Schritt voraus ist, Spannung wird dennoch aufgebaut - auf der Suche nach dem Mörder und seinem Motiv. Gut gefallen haben mir die Bezüge zu „Das große Tier“ und auch über das Wiedersehen mit Clara habe ich mich sehr gefreut.
Ausflüge in die Philosophie, viele Fachausdrücke, z.B. „Unknown Warfare“, sowie Ausführungen zum Krieg, zu den USA, 9/11, die Rolle der Geheimdienste und die Black Sites, sind fundiert recherchiert und gut erklärt. Allerdings gehen diese Passagen ein bisschen zu Lasten der Spannung.
Die Auflösung ist überraschend und absolut stimmig. Dennoch lässt mich das Ende etwas zwiespältig zurück. „Der Totenzeichner“ bietet morbide, extreme, zuweilen grenzwertige Unterhaltung. Der Wiedererkennungswert zu den anderen Bänden der Reihe ist jedenfalls hoch.

Fazit: Ein Spiel mit Wahrheiten und Möglichkeiten. Viel Wissen, aber auch Verschwörungstheorien. Blutig, perfide und genial!

Bewertung vom 17.07.2015
Pistor, Elke

Treuetat / Verena Irlenbusch Bd.2


sehr gut

Lebenslügen

„Treuetat“, der zweite Fall für die Kölner Kommissarin Verena Irlenbusch, startet mit einem beklemmenden Prolog: Wer ist dieser Mann und was will er von dem Kind?

Danach sind wir live dabei, als Journalist Kai Ziegler mit seinem Auto tödlich verunglückt. Handelt es sich um Mord? Anschließend lernen wir die Polizistin Leonie Ritte kennen. Sie hatte in Band eins, „Vergessen“, einen schweren Motorradunfall und ist seitdem teilweise gelähmt. Heute hat sie wieder ihren ersten Arbeitstag im Polizeidienst. Als wir gerade die Bekanntschaft von Fußpflegerin Heidemarie Alligs machen, klingelt es plötzlich an ihrer Tür. Auch sie wird später tot aufgefunden. Gibt es eine Verbindung?

Bei ihren Ermittlungen stoßen Verena und ihre Kollegen vom KK11 auf ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte und auf eine seit Jahrzehnten vertuschte Wahrheit. Der Anfang eines Albtraums. Denn ein gnadenloser Killer beginnt ein grausames Spiel und tötet Schlag auf Schlag. Wer ist Opfer, wer ist Täter? Es geht um die Familie, Ehre, Treue - und am Ende sind vier Menschen tot.

Ein wichtiges Thema dieses Kriminalromans ist Schuld: Verena fühlt sich schuldig, weil sie sich nicht mehr um ihre an Alzheimer erkrankte Großmutter Ruth kümmern kann und sie deshalb in ein Pflegeheim geben muss. Kollege Christoph Todt hat Schuldgefühle, weil er nach dem Selbstmord seiner Frau nicht genug Zeit für seine kleine Tochter Emma hat.

Sie ist gut erzählt, die Geschichte einer verpfuschten Kindheit. Eingearbeitete Rückblenden untermauern die Handlungsweise der Personen in der Gegenwart. Schneller als die Polizei ahnt der Leser dadurch die wahrscheinlichen Zusammenhänge. Das tut der Spannung aber keinen Abbruch, denn bis zum Schluss bleibt vieles offen.

Gut gefallen hat mir, dass sich Verena und Christoph, neben ihrer beruflichen Partnerschaft, auch privat näher kommen, jedenfalls knistert es gewaltig. Für künftige Geschichten ist hier also reichlich Potenzial vorhanden. Dennoch lässt mich das Ende etwas zwiespältig zurück.

Fazit: Eine Geschichte, die nicht nur spannend geschrieben ist, sondern auch nachdenklich stimmt. Beste Unterhaltung!

Bewertung vom 07.07.2015
Crönert, Claudius

Siegeszeichen


ausgezeichnet

Macht ist sexy

„Siegeszeichen“, der neue Kriminalroman von Claudius Crönert, startet mit einem grausigen Prolog: Polizist Nathan Fleming ist zur falschen Zeit am falschen Ort und erschießt einen Jugendlichen. Schwer traumatisiert quittiert er den Dienst, um als Personenschützer für Martin Schulte-Loh, einen aufstrebenden Politiker der neuen rechts-konservativen Partei zu arbeiten.
Drei Monate später kommt Nathan vom Regen in die Traufe. Als drei vermummte Gestalten den Politiker überfallen, kann er wieder nicht verhindern, dass jemand stirbt. Linke Parolen deuten auf eine politisch motivierte Tat. Stefanie Schütt, Dienststellenleiterin beim Staatsschutz, und ihre Kollegen Jansen und Meier ermitteln.
Schulte-Loh bekommt mysteriöse Anrufe. Wird er womöglich erpresst? Nathan, der viel Geld für die Behandlung seiner krebskranken Tochter braucht, beginnt nachzuforschen und gerät so selbst ins Visier der Täter…
„Siegeszeichen“ ist eine anspruchsvolle und komplexe Geschichte, erzählt in mehreren Handlungssträngen, die sich mehrfach kreuzen, bis sie letztendlich zusammenlaufen. Ein Kriminalroman mit explizit politischem Hintergrund. Auch mit Gesellschaftskritik spart der Autor nicht. Wer ist Täter, wer ist Opfer? Wer wird verlieren, wer wird gewinnen? Und um welchen Preis?
Als Kulisse für diese Geschichte, die erschreckend nah an der Realität ist, dient die Schönheit Mecklenburg-Vorpommerns: Schwerin, Neubrandenburg, die Müritz, der Tollensesee, um nur einige zu nennen. Kurze Kapitel und schnelle Schnitte sorgen für Dynamik. Es geht um politische Ränkespiele, Macht und Gier, Lügen und Intrigen, Erpressung und alte Seilschaften. Auch wenn der Leser der Polizei oft einen Schritt voraus ist, wird dennoch Spannung aufgebaut.
„Siegeszeichen“ ist zugleich die Geschichte zweier Freunde, die ein schreckliches Erlebnis unterschiedlich verarbeitet haben. Lange hatten sie keinen Kontakt, bis das Schicksal sie erneut zusammenführt, was schließlich in einen fulminanten Showdown mündet. Das Ende lässt einen etwas zwiespältig zurück. Aber, so ist das Leben, manchmal haben bestimmte politische und wirtschaftliche Interessen Vorrang vor der Wahrheit.
Die Figurenzeichnung ist ausgezeichnet gelungen: Schulte-Loh, der Anti-Held, ist ein narzisstischer Charakter mit fragwürdiger Gesinnung. Nathan, ein zwiespältiger Held, nicht strahlend, aber authentisch. Er will nicht nur Geld für die Behandlung seiner Tochter beschaffen, sondern dadurch auch die Familie retten. Seine Verzweiflung ist für den Leser nachvollziehbar und so akzeptiert man auch die Regelverletzungen. Stefanie ist eine starke Frau und hat viel Empathie, eine Heldin mit Ecken und Kanten, das macht sie menschlich - und sympathisch. Über eine Fortsetzung würde ich mich daher sehr freuen.

Fazit: Tolles Setting, spannender Plot. Gelungener Mix aus Kriminalfall und Privatleben. Herausragend, packend und erschreckend real!

Bewertung vom 06.07.2015
Gómez-Jurado, Juan

Zerrissen


ausgezeichnet

Wer ist Mr. White?

Zitat: »Sie glauben, mich zu kennen. Doch Sie täuschen sich. Sie alle, ohne Ausnahme«. So beginnt 'Zerrissen'. Der neue Thriller von Juan Gómez-Jurado erzählt die Geschehnisse aus der Sicht des Tagebuchs, das Dr. Evans rückblickend aus der Todeszelle schreibt. Worum geht es?

Der amerikanische Präsident leidet an einem tödlichen Gehirntumor. Eine Operation könnte sein Leben um ein paar Monate verlängern. Der Neurochirurg David Evans soll diesen Eingriff durchführen. Doch wenige Tage vor der OP wird seine Haushaltshilfe Svetlana ermordet und seine kleine Tochter Julia entführt. Nur wenn Dave den Präsidenten sterben lässt, wird er Julia lebend wiedersehen. Was soll Dave tun? Jedenfalls nicht die Polizei einschalten. Denn der skrupellose Entführer und Computer-Hacker, der sich Mr. White nennt, überwacht ihn rund um die Uhr.

Seit seine Frau Rachel, eine Anästhesistin, Selbstmord begangen hatte, weil sie ebenfalls an einem bösartigen Hirntumor litt, kümmert sich Dave liebevoll um seine Tochter Julia. Die Geschichte beginnt 63 Stunden vor der Operation und liest sich wie die Chronik eines angekündigten Todes. Dave erhofft sich Hilfe von seiner Schwägerin Kate, der Schwester seiner verstorbenen Frau. Sie arbeitet beim Secret Service, der US-Bundesbehörde, die auch den Präsidenten schützt. Können beide Julia rechtzeitig retten?

Eine wilde Achterbahnfahrt der Gefühle beginnt. Als Leser leidet man mit Dave und Kate mit und entwickelt Hass auf den mysteriösen und unberechenbaren Mr. White. 'Zerrissen' hat mich ein wenig an die US-Fernsehserie '24' erinnert. Denn auch hier gibt es einen atemlosen Wettlauf gegen die Zeit.

Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Perspektive aus Sicht von Dave. Zwischendrin sind aber auch immer wieder Kapitel eingestreut, die mit 'KATE' betitelt sind und ein paar beschreiben die Sicht des Täters. Eiskalte Morde, Psychoterror und überraschende Wendungen halten den Spannungsbogen hoch. Langatmige Rückblenden in die einst glückliche Vergangenheit gehen dagegen zu Lasten der Spannung. Am besten hat mir die geschilderte Operation am offenen Schädel gefallen.

Fazit: Fesselnder, dramatischer und hochemotionaler Pageturner. Nichts für zartbesaitete Gemüter!

Bewertung vom 21.06.2015
Louth, Nick

Die Suche


ausgezeichnet

Ein verhängnisvoller Stich

Das Thema Malaria hatte mein Interesse geweckt, da ich früher viel in Afrika war und dann immer eine entsprechende Prophylaxe nehmen musste. Worum geht es?
John Edward Davies hat auf dem Flug von New York nach Amsterdam eine Frischhaltebox mit Anophelesmücken dabei, die er in der Business Class frei lässt. Er selbst schluckt entsprechende Medikamente, damit er nicht an Malaria erkrankt. Doch wo liegt sein Motiv?
Anschließend lernen wir Erica Stroud-Jones kennen. Sie ist eine bedeutende Wissenschaftlerin und arbeitet an einem Heilmittel für Malaria. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse will sie nun auf einer Konferenz in Amsterdam präsentieren.
Jack Erskine, ein Pharmamanager, der mit Davies an Bord war, wurde gestochen, bekommt hohes Fieber - und stirbt. Auch Ericas Freund Max Carver war im Flieger. Er hat Glück und wird nicht infiziert. Als Erica zu ihrem Vortrag nicht erscheint, begibt er sich auf eine gefährliche Suche.
Weitere Menschen sterben an dem bisher unbekannten Malariaerreger. Schnell ist klar, dass Erica entführt wurde. Ein Racheakt? Ein perfider und erbarmungsloser Wettlauf gegen die Zeit beginnt.
Geduldig entwickelt Nick Louth einen Erzählrhythmus, der Zeit und Raum zum Nachdenken lässt. „Die Suche“ ist ein sehr intelligenter und hochkomplexer Roman. Ein absolut erschreckendes Horror-Szenario, das der Autor sich ausgedacht hat. Was ist Fiktion, was ist Realität?
Dazwischen sind immer wieder Auszüge aus Ericas Tagebuch eingestreut. Die in Kursivschrift gehaltenen Einträge aus den 90er Jahren in Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, sind grausam. Es wird brutal gefoltert und getötet, teilweise sehr detailliert in Szene gesetzt. Was hat das mit der Malaria-Epidemie zu tun?
Nick Louth hat mit „Die Suche“ einen bestens recherchierten, visionären Thriller zum Thema Malaria geschrieben. Erst ganz am Ende schließt sich der Kreis, Vergangenheit und Gegenwart laufen zusammen. Die Auflösung ist überraschend und absolut stimmig.

Fazit: Spannend, actionreich und explosiv. Thrillern für Anspruchsvolle!

Bewertung vom 19.06.2015
Grebe, Camilla;Träff, Åsa

Mann ohne Herz / Siri Bergmann Bd.4


ausgezeichnet

Sommer in Stockholm

„Mann ohne Herz“ ist bereits der vierte Fall für Therapeutin und Profilerin Siri Bergmann aus der Feder der schwedischen Krimi-Schwestern Camilla Grebe und Åsa Träff. Dennoch handelt es sich um eine eigenständige, in sich abgeschlossene Geschichte, die ohne Vorkenntnisse lesbar ist. Worum geht es?
Als Miguel von einer Reise nach Hause kommt, findet er seinen Lover tot im gemeinsamen Bett. Jussi wurde grausam ermordet und ihm wurde das Herz herausgeschnitten. Von einem Ex-Liebhaber? Handelt es sich um ein Hassverbrechen?
Anschließend gibt es ein Wiedersehen mit der Psychotherapeutin Siri. Sie musste ihre Praxis aufgeben und arbeitet nun als Profilerin für die Polizei. Heute ist ihr erster Tag im neuen Job und sie soll sich gleich um das Täterprofil kümmern.
Kurz darauf wird mit derselben Waffe ein weiterer Mord verübt. Diesmal ist das Opfer ein kleiner Junge. Oder sollte die Kugel seinem Vater gelten? Wo ist die Verbindung? Als ein dritter Mord geschieht, wird klar, dass die Lösung in der Vergangenheit liegen muss.
Zwei Handlungsstränge gilt es zu verfolgen: Die Ermittlungen in der Gegenwart, erzählt in der Ich-Perspektive aus Sicht von Siri, so dass der Leser einen guten Einblick in ihre Gedanken- und Gefühlswelt bekommt. Rückblenden in die Vergangenheit, beginnend im Jahr 1994, schildern das Schicksal von Jens, betitelt mit „Das traurige Herz“. Diese Rückblicke sind sehr beklemmend. Jens ist homosexuell und psychisch krank. Er kannte die Opfer. Aber ist er deshalb auch ein Mörder?
Dazu nimmt Siris Privatleben wieder einen breiten Raum ein. Sie lebt zusammen mit ihrem Lebensgefährten Markus und dem gemeinsamen Sohn Erik außerhalb von Stockholm in einem Haus am Meer. Mit ihrer besten Freundin Aina hat Siri gebrochen, seitdem sie weiß, dass Aina mit ihrem verstorbenen Mann Stefan ein Verhältnis hatte.
„Mann ohne Herz“ ist ein Roman der leisen Töne. Das Autorenduo erzählt die hochkomplexe, auf zwei Zeitebenen handelnde Geschichte in perfektem Tempo und mit stetig steigender Spannung bis zum überraschenden Ende. Denn nichts ist wie es scheint, bis zum allerletzten Satz. Eine perfekte Mischung aus Kriminalfall und Privatleben. Und so bin ich schon gespannt, auf den nächsten Fall für Siri Bergman.

Fazit: Camilla Grebe und Åsa Träff präsentieren sich wie aus einem Guss. Psychologische Spannung vom Feinsten. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

Bewertung vom 19.06.2015
Winslow, Don

Das Kartell / Art Keller Bd.2


ausgezeichnet

Kaputt in Juarez

„Das Kartell“ ist die Geschichte zweier Männer, einst Freunde, jetzt Todfeinde: Arthur Keller ist US-Drogenfahnder, Adán Barrera ein mexikanischer Drogenbaron. Sie beginnt im Jahr 2004 genau dort, wo „Tage der Toten“ aufgehört hatte - Adán sitzt im Knast, Art Keller lebt als Bienenvater in einem Kloster in New Mexico - und endet, nach dem blutigen Einsatz eines US-Tötungskommandos in Guatemala im Jahr 2012, zwei Jahre später in Juarez.
Was dazwischen geschah, von der Eskalation des „War on Drugs“, Terror und Tod, das erzählt Don Winslow in seinem neuen hochspannenden Roman. Zitat: „Al-Qaida hat dreitausend Amerikaner umgebracht. Es mag herzlos klingen, aber das ist nur ein Bruchteil dessen, was wir (die USA) an Drogenopfern haben, Jahr für Jahr.“ Dabei geht es um die Hintergründe der Drogenkriege in Mexiko und den Zweikampf der beiden Protagonisten.
Adán Barrera soll vom Bundesgefängnis in San Diego, Kalifornien, nach Mexiko verlegt werden. Um an der Beerdigung seiner Tochter teilnehmen zu können, wurde er zum Verräter. Den Rest seiner Strafe will er nun in seiner Heimat absitzen. Im CEFERESO II, einem Luxus-Gefängnis, wird er von einem Cousin freudig begrüßt.
Minutiös schildert der Autor den brutalen Krieg der Kartelle untereinander, um Macht, Moral und Mord. Denn der Drogenhandel zwischen Mexiko und den USA ist ein Milliardengeschäft. Zum besseren Verständnis sind dem Buch eine Landkarte mit den Schauplätzen des Romans sowie eine Aufstellung der vier wichtigsten Player beigefügt: das Juarez-Kartell, das Golf-Kartell, das Tijuana-Kartell und das Sinaloa-Kartell.
Nach seinem spektakulären Ausbruch aus dem Gefängnis will Adán Barrera, dem Teile des Sinaloa und des Tijuana-Kartells gehören, zurück auf den Thron. Zunächst zettelt er daher einen Krieg mit dem Golf-Kartell an. Aber das Golf-Kartell rüstet auf und stellt eine eigene Privatarmee zusammen, die sogenannten Zetas. Zitat: „Vielleicht weil ihr brutale Schlächter seid, Soziopathen und Sadisten. Vielleicht weil ihr alles foltert und tötet, was euch in die Hände fällt. Vielleicht weil ihr mein ungeborenes Kind ermordet habt.“
In einer Nebenhandlung geht es aber auch um das traurige Schicksal des zwölfjährigen Chuy, der durch einen dummen Zufall zum psychopathischen Killer wird und seinen Opfern, quasi als Markenzeichen, die Köpfe abschneidet.
Last but not least geht es um ein tödliches Netz aus Gewalt und Korruption, in das auch der Journalist Pablo Mora verstrickt zu sein scheint. Zitat: „Dies ist kein Krieg gegen die Drogen. Dies ist ein Krieg gegen die Armen und die Ohnmächtigen, Unhörbaren und Unsichtbaren, die ihr von der Straße fegen wollt wie den Dreck, der euch um die Beine weht und eure Stiefel beschmutzt.“
Und so wundert es nicht, dass Don Winslow seinen Roman all jenen Journalisten gewidmet hat, die in den vergangenen zehn Jahren in Mexiko ermordet wurden oder „verschwanden“: eine lange, zwei Seiten umfassende Auflistung von Namen.
Wer ist gut, wer ist böse? Don Winslow lässt die Grenzen verschwimmen. Und so hat der Leser Verständnis für Killer Chuy, den korrupten Journalisten oder auch Art Keller, der das Töten zur Notwendigkeit macht, in seinem Streben nach Rache und Gerechtigkeit.
Ein äußerst erschreckendes, doch realistisches Szenario, das der Autor sich ausgedacht hat und er ist wütend auf die Regierungen, die Geheimdienste, die Armeen, die Polizei und die Politiker. Das große Geschäft mit der Sucht, der Krieg gegen die Drogen, der jeden von ihnen reich macht, sowohl in Mexiko als auch in den USA - und sogar in Europa.
Eine gelungene Mischung aus Fiktion und Fakten. Bestens recherchiert, sprachlich exzellent, packend und gekonnt in Szene gesetzt. Insgesamt ein Buch mit Herzblut, das lange nachhallt.

Fazit: Hart, brutal, real. Ein Jahrhundertwerk!

Bewertung vom 15.06.2015
Raabe, Marc

Heimweh


ausgezeichnet

Du hast sie nicht verdient!

Um es gleich vorwegzunehmen, das Buch ist echt der Hammer! Worum geht es?
„Heimweh“ startet mit einem krassen Prolog: Als Jesse 13 Jahre alt ist, wird er lebendig begraben. Er überlebt nur knapp, verliert aber sein Gedächtnis - und somit seine Kindheit. Unfall oder Mord?
32 Jahre später: Jesse ist in Berlin als Kinderarzt tätig und lebt getrennt von seiner Frau Sandra. Sie haben eine gemeinsame Tochter, Isabelle. Eines Tages wird Sandra ermordet und Isa entführt. Handelt es sich um einen Racheakt? Denn der Täter hat für Jesse eine geheimnisvolle Nachricht hinterlassen: „Du hast sie nicht verdient!“
Schnell ist klar, dass die Lösung in der Vergangenheit liegen muss und so begibt sich Jesse auf eine gefährliche Suche im Adlershof, einem Kinderheim in Garmisch-Partenkirchen, in dem er und Sandra aufgewachsen sind. Unerwartete Unterstützung bekommt Jesse von Jule, der besten Freundin seiner Frau.
Zur gleichen Zeit, erhält Artur Messner, der frühere Leiter des Heims, ein Paket mit einer menschlichen Hand. Sie gehörte seinem Jugendfreund Wilbert. Was haben beide Handlungsstränge miteinander zu tun?
Kann Jesse seine Tochter rechtzeitig retten? Was ist damals wirklich geschehen? Als auch Artur spurlos verschwindet, muss Jesse erkennen, dass der Täter eigentlich ihn im Visier hat. Eine atemlose Jagd beginnt...
Marc Raabe hat nach seinen Bestsellern „Schnitt“ und „Schock“ mit „Heimweh“ erneut eine sehr komplexe und wirklich spannende Geschichte über die dunkle, abgründige Seite der Menschen geschrieben. Eine Geschichte mit vielen überraschenden Wendungen, denn nichts ist wie es scheint, bis zum furiosen Showdown.
Zwischendrin werden immer wieder Rückblenden in die Vergangenheit eingestreut. Die in Kursivschrift gehaltenen Kapitel aus den späten 70er und frühen 80er Jahren sind grausam und beklemmend. Gekonnt springt der Autor durch Zeit und Raum. Kurze Kapitel, viele Ortswechsel und schnelle Schnitte, sorgen für Dynamik. Auch wenn der Leser Jesse immer einen Schritt voraus ist, wird dennoch Spannung aufgebaut.
Mich hat „Heimweh“ ein wenig an „Schnitt“ erinnert, denn auch Jesse kämpft gegen die Dämonen seiner Vergangenheit. Das traumatische Erlebnis in seiner Jugend führte zu einer fokalen retrograden Amnesie. Und dennoch ist „Heimweh“ auch wieder ganz anders. Neben einem tollen Setting, so kommt Adlershof wie ein altes, englisches Spukschloss daher, sind die Interaktionen der jugendlichen Heiminsassen und die ganze Atmosphäre, im dicksten Winter bei Eis und Schnee, hervorragend gelungen.
Dass der Autor im Finale nochmal richtig Gas gibt, steigert das Lesevergnügen. Denn einige Überraschungen hält Marc Raabe für seine Leser noch bereit. Erst ganz am Ende schließt sich dann der Kreis, Vergangenheit und Gegenwart laufen zusammen. Die Auflösung ist überraschend und absolut stimmig.

Fazit: Psychologisch raffinierterer Thriller mit einem intensiven Spannungsbogen und einem überraschenden Ende. Starker Stoff. So muss Thriller!

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