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seschat
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Insgesamt 938 Bewertungen
Bewertung vom 06.04.2015
Shamsie, Kamila

Die Straße der Geschichtenerzähler


ausgezeichnet

INHALT
Im Juli 1914 bricht die studierte britische Historikerin und Ägyptologin Vivian Rose Spencer nach Karien (heutige Türkei) auf, um an den Ausgrabungen des antiken Ortes Labraunda teilzunehmen. Der Türke Tahsin Bey, ein Freund ihres Vaters, hat sie eingeladen. Vivian, genannt Viv, verliebt sich in den väterlichen Freund, doch der erste Weltkrieg kommt dazwischen.
Werden sich beide wiedersehen? Während Tashin Bey in der Türkei verbleibt, reist Viv zurück nach London und kümmert sich die ersten Kriegsjahre als Krankenschwester aufopferungsvoll um verletzte britische Soldaten. Danach beschließt sie, angeregt durch Tashins Postkarte, nach Indien - genauer: Peschawar - zu reisen. Im Zug begegnet sie dem im Krieg verwundeten Paschtunen Qayyum Gul, nichtsahnend, dass sich ihre Wege auf der sog. Straße der Geschichtenerzähler bald wieder kreuzen werden...

MEINUNG
Als Archäologin kann ich mich gut in Vivian hineinversetzen und den Entdeckereifer nachvollziehen. Die Grabungen um 1900 müssen spektakulär gewesen sein, richtige Abenteuer. Sogar von Flinders Petrie, dem bekannten britischen Ägyptologen ist in einem Nebensatz die Rede - traumhaft. Als Frau musste man sich in dieser Zeit als Wissenschaftlerin in einer Männerdomäne noch bewähren. Schön, dass Vivian Tahsin als ihren Fürsprecher hatte; wenn auch nur für kurze Zeit. Sie versucht den engen Konventionen der Zeit zu entfliehen und unabhängig zu leben, was ich sehr beachtenswert finde. Insgesamt ist sie ein außergewöhnlich mutiger Charakter mit dem Herz am rechten Fleck. Letzteres bezeugt nicht nur ihre Tätigkeit als Krankenschwester in Kriegszeiten, sondern auch ihr unbändiger Wille, den wissbegierigen 12-jährigen Najeeb Gul in Peschawar zu unterrichten, obwohl er arm und Paschtune ist. Sie lehrt ihm die altgriechischen Epen des Homer im Original zu lesen und führt ihm in die Altertumswissenschaften ein.

Der zweite Hauptcharakter des Romans ist Qayyum Gul, Najeebs großer Bruder. Ihn hat der erste Weltkrieg und vor allem die Schlacht bei Ypern, bei der er auf britischer Seite kämpfte, schwer mitgenommen. Auf dem Schlachtfeld hat er nicht nur ein Auge, sondern auch seine Lebenslust verloren. Zurück in seiner Heimat Indien muss er erst wieder lernen, den Alltag zu meistern. Als dann auch noch sein Lebensretter und bester Freund Kalam durch eine Familienfehde ums Leben kommt, hadert er sehr mit sich und der Welt. Erst durch die indische Reformbewegung des Ghaffar Khan, die westliche Bildung und ein England freies Indien propagiert, bekommt sein Leben wieder Sinn. Während sich Qayyum zum Revolutionär mausert, wird sein Bruder Museumsassistent in Peschawar und nimmt an verschiedenen Grabungen teil. Beide Charaktere wachsen dem Leser durch ihre individuelle Lebensgeschichte ans Herz.

Die aus Pakistan stammende Autorin Kamila Shamsie hat mit "Die Straße der Geschichtenerzähler" einen beeindruckenden Roman geschrieben, der es schafft, Zeitgeschichte und Belletristik sehr stimmig miteinander zu verweben. Sie nimmt nicht nur die Wirren und dramatischen Folgen des ersten Weltkrieges in den Blick, sondern auch die aufstrebende archäologische Wissenschaft und das Frauenbild um 1900 in Großbritannien und Indien.
Dieses vielschichtige Werk lässt sich nicht mal eben in einem Ritt durchlesen, dafür enthält es zu viel kleinteilige Informationen und erzählerische Raffinessen.
Der Sprachstil passt perfekt zum Sujet. Er ist bildhaft und flüssig. Zudem werden antike Quellen (Herodot, Arrian etc.) und indische Geschichtenerzähler zitiert, was mich immens begeistert hat und den Leser immer mehr in die Rolle eines Zeitreisenden versetzt. Zudem bekommt man eine kleine Einführung in die indische Archäologie mit ihren Stupas und den buddhistischen Statuen im berühmten Gandhara-Stil.
Ein auktorialer Erzähler berichtet abwechselnd von Vivians und Qayyums Erfahrungen und Schicksalsschlägen zwischen den Jahren 1914 und 1930. Gegen Ende werden beide Erzählstränge gekonnt zusammengeführt.

Bewertung vom 01.04.2015
Staat, Joachim

Vor der Glotze zum Weltmeister


sehr gut

Joachim Staats "Vor der Glotze zum Weltmeister" ist eine Hommage an den deutschen Fußball - genauer: an die deutsche Nationalmannschaft. Der gebürtige Ruhrpotter beschreibt sein Leben im Spiegel der legendären Fußball-Weltmeisterschaften. Auch die eigenen fußballerischen Gehversuche werden skizziert. Auch wer kein Fußballfan ist, wird von der Fußballbegeisterung angesteckt werden, die in jeder Silbe des Autors mitschwingt.
Innerhalb von 10 Jahren hat der studierte Sportwissenschaftler und einstige WAZ-Redakteur genügend Material und Erinnerungen zusammengetragen, um sein ganz persönliches Fußball-Leben nachzuzeichnen. Angefangen mit der WM 1966, bei der er als Siebenjähriger vor dem heimischen TV-Gerät den deutschen Mannen zujubelte, bis zum vierten Triumph 2014 in Brasilien - Staat lässt nichts aus. Ein Höhepunkt seiner Leidenschaft war die Weltmeisterschaft 1990, als er in der eigenen Wohnung ein eigenes WM-Studio eröffnete und dort mit seinen Freunden wilde Wetteinsätze tätigte. Die humorvolle Sprache, die an vielen Stellen von Ruhrpott-Slang durchsetzt ist, verschafft dem ganzen Buch eine heimelige Atmosphäre - man kann gewissermaßen den Normalbürger beim Fußballgucken über die Schulter schauen; Jubeleskapaden und Verwünschungen gegen alles und jeden mit eingeschlossen. Auch die eingefügten, von Hand nachgezeichneten Torschüsse verfügen über einen dilettantisch-liebenswerten Charme, den jeder eingefleischte Fan auf Anhieb erkennt und der gut zu diesem persönlichen Buch passt.

Fazit
Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt. Noch nie wurde diesen Liedzeilen solch eine literarische Bedeutung zu gemessen. Ein Buch für Fußballfans und für die, die es noch werden wollen :-)

Bewertung vom 23.03.2015
Girard, Anne

Madame Picasso / Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe Bd.1


ausgezeichnet

"Er war der größte Maler des Jahrhunderts, sie war die Liebe seines Lebens."

Cover
Das sehr ästhetisch gestaltete Cover spricht den weiblichen Leser sofort an. Mit dem in Sepia getauchten Eiffelturm im Hintergrund und der in Himmelblau gekleideten Dame davor wirkt das Ganze schon fast wie ein Gemälde. Insgesamt finde ich, dass der Gestalter des Covers einfach ein dickes Lob verdient hat :-)

Inhalt
"Madame Picasso" ist die Geschichte der jungen Eva Gouel, die sich 1911 in Paris in den Ausnahmekünstler Pablo Picasso verliebt.Trotz aller Widerstände werden beide ein sich leidenschaftlich liebendes Paar. Zudem steigt Eva zur ungekrönten Muse des extrovertierten und temperamentvollen spanischen Malers auf. Doch ihre gemeinsame Zeit ist begrenzt.

Meinung
Die Autorin Anne Girard gelingt es fabelhaft, durch ihren leichten, verspielten Erzählton das damalige Pariser Lebensgefühl fabelhaft wiederzuspiegeln. Schnell findet man sich in der Handlung zurecht und begleitet die abenteuerlustige Näherin Eva auf ihrer Reise durch die Pariser Boheme und zu sich selbst. Anfangs steht ihr ihr bester Freund Louis, ein talentierten Kunstmaler, zur Seite. Er würde sie gern heiraten. Doch Eva hat nur Augen für den charismatischen und geheimnisvollen Künstler Picasso. Ein Feuerwerk der Sinne entfacht sich, das sowohl den unsteten Picasso als auch die kluge Vorstadtdame Eva verändern soll. Sie macht aus dem umtriebigen, zerstörerisch agierenden Künstler einen treuen, ausgeglichenen Mann. Eva reift hingegen an seiner Seite zu einer selbstbewussten, liebenden Frau heran.
Neben der ungemein realistisch gezeichneten Liebesgeschichte zwischen Eva und Pablo ist es vor allem die Beschreibung der damaligen Belle Époque, die den Leser restlos überzeugt.
Die französische Hauptstadt wird in all in ihren schillernden Farben gezeigt. Hierbei hat mir besonders der Einblick in die damalige vielschichtige Kunstwelt gefallen; auf diese Weise lernt man u.a. Georges Braque, Gertrude Stein oder Guillaume Apollinaire kennen. Zudem erhält man nebenbei eine Vorstellung vom Leben und Wirken des Künstlergenies Picasso. Dies führt dazu, dass man als Leser die Bilder des Malers in einem anderen Licht betrachtet. Ich könnte stundenlang der auktorialen Erzählerin bei ihren Ausführungen lauschen und die Welt umher vergessen. Bis zur letzten der 462 Seiten fiebert man mit den Protagonisten mit und ist einfach nur sprachlos. Die eingestreuten kurzen Gedichte runden dieses rundum gelungene Buch perfekt ab, das an keiner Stelle wie ein kitschiger Groschenroman wirkt.

Fazit
Eine zauberhafter Roman aus der Pariser Kunstszene um 1900, der auf einer wahren (Liebes-)Geschichte beruht. Ein wahrhaft großartiges Buch, das 5 Sterne verdient.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 17.03.2015
Friedmann, John

Das Blaue vom Himmel


sehr gut

Inhalt
Die 42-jährige Münchnerin Sophie Marquard schottet sich nach dem tragischen Tod ihres Ehemanns immer mehr von der Außenwelt ab. Wenn sie nicht gerade Selbstgespräche führt oder mit ihrem Hund Columbo Gassi geht, spielt sie mit ihrem besten Freund Egon, einem mäßig erfolgreichen Maler, Schach. Sie scheint am einsamen Alltag zu ersticken, als sie ungewollt E-Mails von Joshua Spencer und dessen Damenbekanntschaften erhält.
Ihre Lebensgeister erwachen zu neuem Leben. Sophie findet immer mehr Gefallen daran, Zeugin dieser brisanten Korrespondenz zu sein, auch wenn sie nicht weiß, wie sie zu dieser Ehre gekommen ist.
Joshua Spencer, der ominpotente, attraktive amerikanische Generalkonsul, wohnt im Konsulat gleich nebenan. Beim Joggen im Englischen Garten rennt er Sophie über den Haufen und entschuldigt sich nicht bei ihr. Ein fataler Fehler, denn Sophie sinnt auf Rache. Auch wenn das heißt, Joshua Erpressermails zu schicken und ihm gar nach Miami zu folgen…

Meinung
Ich kannte den Autor John Friedmann bisher nur als Darsteller des Comedy-Duos Erkan & Stefan. Besonders das Dönertier hatte es mir damals angetan. Dass er Bücher schreibt, wusste ich ehrlich gesagt nicht. Umso mehr bin ich von seiner Schreibe beeindruckt. Ich mag seinen humorvollen, z.T. sehr sarkastischen Erzählstil. Im Verlauf der Handlung lässt er seiner Fantasie freien Lauf, was sich sehr positiv auf die Geschichte auswirkt, weil sie dadurch abwechslungsreicher wird. Darüber hinaus verblüfft die realitätsnahe Beschreibung des amerikanischen Lebensstils und der Stadt Miami den Leser. Hier beweist der Autor sehr gute Orts- und Menschenkenntnis. Gerade die schöne Scheinwelt wird aufs Korn genommen.
Dazu ein passendes Zitat (S. 171): „Ihr kam ein Pärchen entgegen, dessen Alter wirklich schwer zu erraten war. Die Gesichter erweckten den Eindruck, als hätten sie beide die letzten zehn Tage im Windkanal verbracht oder als hätte jemand kurzerhand die Backen an die Ohren getackert. Die Schönheitschirurgen von heute sind die Metzger von morgen. Herr im Himmel, unser täglich Botox gib uns heute! Es war eine Kunst für sich. Dadaismus pur. Die Lippen der Frauen waren so aufgespritzt wie ihr Hintern klein und ihre Brüste riesig waren. […] Ein Kunstwerk von einem Michelangelo des Silikons.“


Die handelnden Figuren hat Friedmann sehr treffend komponiert. Es gibt Gute und Böse, wobei die Grenzen changieren. Im Fall von Sophie und Joshua ist es vor allem die positive Weiterentwicklung der Figuren, die überrascht. Beide sind anders als dass sie vorgeben zu sein. Frei nach dem Motto auf dem Bucheinband: „Mogeln ist erlaubt, lügen verboten.“ Anfangs haben sie festgefügte, vorurteilsschwangere Bilder vom jeweils anderen, die sie im Laufe der Handlung mächtig korrigieren müssen. Ihr Leben verändert sich dadurch immens. Auch in die Erarbeitung der Randfiguren, wie Joshuas übereifriger Sicherheitschef, seine Schickimickigattin April oder Sophies herzensguter Künstlerfreund Egon, wurde viel Herzblut gelegt, was man den genannten Charakteren in jeder Zeile anmerkt.

Fazit
Insgesamt hat der Autor eine witzige, sehr unterhaltsame Geschichte über das Lügen und dessen Folgen geschrieben. In diesem Roman wird jeder mindestens einmal hinters Licht geführt, um dann die Wahrheit sehen zu können. Ein gut gemachtes Werk, das an manchen Stellen etwas zu langatmig geraten ist. Deshalb vergebe ich 4 von 5 Sternen.

Bewertung vom 13.03.2015
Durst-Benning, Petra

Bella Clara


ausgezeichnet

Cover
Das in Lila- und Rosétönen gehaltene Cover hat mich magisch angezogen. Alles passt farblich perfekt zusammen, sowohl die rothaarige Frau im lilafarbenen Kleid (wahrscheinlich die Protagonistin des Romans) oder der ebenso in den Farben Rosa und Lila strahlende und damit ungemein romantisch wirkende Himmel.

Inhalt
Bella Clara ist ein Frauenroman, der um 1900 in Deutschland spielt. Die Protagonistin Clara Gropius kann ihren herrischen und prügelnden Mann Gerhard Gropius nicht mehr ertragen. Um von ihm loszukommen, arrangiert sie fingiertes Techtelmechtel mit einem als Handlungsreisenden getarnten Handelsreisenden. Ihr Plan geht auf, denn ihr Arztgatte besteht auf Scheidung der gemeinsamen Ehe. Infolge ist sie eine mittellose und sozial geächtete Person. Das Sorgerecht für die Kinder (Sophie und Matthias) bekommt ihr Ex-Mann und ihre Apothekerlehre kann sie in Berlin nach dem Scheidungsskandal auch nicht fortführen, weil keiner der Geschäftstreibenden sie einstellen möchte. Erst durch ihre Freundinnen Josephine und Isabelle erlangt sie neuen Lebensmut. Der Umzug an den Bodensee verändert sie, denn dort beginnt sie mit der Herstellung von Naturkosmetik für Frauen. Diese Marktlücke bringt viel Erfolg und Anerkennung, auch bei der männlichen Bevölkerung, mit sich - sie ist wieder wer. Doch ihre Kinder kann sie einfach nicht vergessen.

Meinung
Die Autorin Petra Durst-Bennning hat mit "Bella Clara" einen authentischen Frauenroman geschrieben, der perfekt in die Zeit um 1900 passt. Die Protagonistin Clara vor dem Scheidungsgericht wird als Ehebrecherin dargestellt und erfährt nach der Verhandlung als "Sünderin" gesellschaftliche Ächtung - ein typisch zeitgenössisches Schicksal.
Die Sprache ist einfach und schnörkellos, was zur Handlung passt. Denn hier wird keine alltagsferne Lovestory erzählt, sondern das Schicksal einer Frau erzählt, die einfach nur selbstbestimmt leben wollte und der kleinbürgerlichen, von der männlichen Gesellschaft dominierten Enge entfliehen wollte. Es freut mich zu sehen, wie Clara ihrem Schicksal die Stirn bietet und am Bodensee ein selbstbestimmtes Leben führt. Auch wenn der Weg dorthin nicht einfach gewesen ist, am Schluss wird sie mit jeder Menge Lebensglück entlohnt, zu der auch der charmante Parfumeur Laslo gehört.

Fazit
Ein ehrlicher Frauenroman, der die gesellschaftliche Zustände um 1900 sehr gut porträtiert und nicht nur deshalb sehr lesenswert ist.

Bewertung vom 12.03.2015
Morelli, Giampaolo

Verliebt in sieben Stunden


gut

Cover
Das Cover spielt mit typischen italienischen Klischees. So z. B. der Vespa, der brünetten Fahrerin und der Liebe (Titel). Mir gefällt besonders die Farbwahl und die kreisrunde Anordnung des Titels um das tondoartige Mittel-/Hauptmotiv.

Inhalt
Der 35-jährige Neapolitaner Paolo hat alles, was man zum glücklichen Leben braucht - eine hübsche Freundin, einen guten Job als Wirtschaftsjournalist und eine schöne Wohnung. Doch die vermeintliche Idylle wird gestört, als Paolo seine Freundin Giorgia mit dem eigenen Chef Alfonso erwischt und dann seinen Job kündigt. Zu guter Letzt heuert er durch die Hilfe eines Freundes beim Männermagazin Macho Man an, um dort ausgerechnet eine Story über Verführungstechniken zu schreiben.Dafür muss er einen Kurs bei der attraktiven Lehrerin Valerie gelegen. Wird Valerie aus Paolo einen anderen Mann, einen Macho machen? Und wird er dadurch seine Ex-Freundin zurückgewinnen können?

Meinung
Der italienische Bestsellerautor und Schauspieler Giampaolo Morelli hat einen heiteren, jedoch etwas flachen Liebesroman geschrieben, der allerhand Klischees bedient. Die darin beschriebenen Verführungskniffe bzw. -tricks sind alles andere als neu. Als Frau zweifele ich an der Effektivität der Methoden. Insgesamt ist die Handlung recht vorhersehbar und wenig überraschend. Paolo mutiert vom bemitleidenswerten Antihelden zum erfolgreichen Frauenverführer/-versteher. Daneben wird umfangreich auf die köstliche italienische Küche, vor allem auf Backwaren eingegangen. Die Sprache empfand anfangs als etwas unpassend und sehr pejorativ gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Doch mit der Zeit besserte sich dieser Stil und ein witziger, selbstironischer Grundton überwog. Letzteres führte dazu, dass ich mehr als einmal herzhaft lachen musste. Vor allem Paolos besondere Rechercheaufträge für seine Macho Man-Artikel fand ich überaus komisch. Alles in allem hatte ich mir etwas mehr Tiefgang und bessere Tipps gewünscht. Gerade weil "Verliebt in sieben Stunden" in Italien ein Bestseller ist, habe ich mir mehr von diesem komödienhaften Roman erwartet.

Fazit
Ein leicht lesbarer und zudem recht witziger Roman über Italiens liebstes Thema: Amore.

Bewertung vom 05.03.2015
Ramadan, Ortwin

T.R.O.J.A. Komplott


ausgezeichnet

Ich bin eigentlich kein Thriller-Fan, aber Ortwin Ramadans "T.R.O.J.A. Komplott" hat mich restlos überzeugt. Warum?

1) COVER
Das Cover ist phänomenal futuristisch gestaltet - ein wahrer Eyecatcher. Sowohl die Farbgebung als auch die Motivik passen m. E. hundertprozentig zum Plot. Das überdimensional große Auge hat mich zuerst an "Big brother is watching you" denken lassen, was sich bei konkreter Kenntnis des Sujets auch nicht abstreiten lässt. Als Leser hat man sofort das Gefühl, von dem lilafarbenen Auge direkt angesehen/angestarrt zu werden. Zudem fällt bei näherer Betrachtung auf, dass das menschliche Auge aus Zahlstrukturen, genauer: einem Binärcode, besteht, was wieder eine gelungene Anspielung auf den Buchinhalt ist.

2) PLOT
Der deutsch-ägyptische Autor Ortwin Ramadan erzählt in seinem 384 Seiten starken Buch eine spannende, weil ungemein vielschichtige Story. Vordergründig geht es um den 21-jährigen FBI-Agenten Nico, der in das US-Geheimprojekt "T.R.O.J.A." hineinschliddert. Dieses dem Präsidenten unbekannte Spionageprojekt zielt auf die vollkommene Überwachung von menschlichen Zielpersonen ab. Durch Bio-Chips (sog. Nanobots), die unter die Haut implantiert werden, hat der amerikanische Staat nicht nur ständigen Zugriff auf die Gesundheitsdaten eines Menschen, sondern auch auf dessen Sehnerv. Letzteres führt dazu, dass man bei richtiger Einstellung durch die Augen der gesuchten, zu beschattenden Zielperson sehen kann.
Ich finde diese Vorstellung in Hinblick auf unsere Zukunft mehr als unheimlich und hoffe, dass dieses perfide Szenario nur eine Dystopie a la George Orwell bleibt. Ich denk jetzt mal lieber nicht an den NSA-Skandal...

Kommen wir zurück zur Handlung. Neben der verschworenen Gemeinde von FBI-Agenten mit unlauteren Überwachungsmethoden, gibt es auch vehemente Gegner dieses Projekts. Doch wenn diese nicht aufpassen, werden sie rücksichtslos eliminiert. Nico kommt diesem gezielten Mundtodmachen nur langsam auf die Schliche. Erst als er die angeblich krebskranke 20-jährige Beta und deren Bruder Michael beschatten soll und sein Bekannter Danny einfach vom Dienst ausscheidet, begreift Nico die wahren Ausmaße des Geheimprojekts. Kann er sein und das Leben von Beta und Michael retten? Und wird er das Geheimwissen an die US-Medien weiterleiten können?

Das Besondere an der Handlung sind die verschiedenen Stränge, die sich im Laufe der Story zu einem Strang verflechten. Die damit einhergehenden ständigen Szenenwechsel erzeugen Lesefieber, das bis zur letzten Seite anhält. Auch der Einblick in das System der Geheimdienste und deren Mittel hat mir gefallen und mich zugleich nachdenklich gestimmt.

3) SPRACHE
Der Autor hat einen nüchternen und z. T. kindlichen Erzählton gewählt, was am Genre und der Thematik liegen mag. Ich habe mich jedenfalls gut unterhalten gefühlt. Emotionen bzw. Tiefgang habe ich an keiner Stelle vermisst. Für mich bilden Sprache und Handlung eine gelungene Symbiose.

FAZIT
Alles in allem ein sehr gelungener Roman, der auch für Erwachsene sehr spannend sein kann. Meine Neuentdeckung d