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Raumzeitreisender
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Buchwurm, der sich durch den multidimensionalen Wissenschafts- und Literaturkosmos frisst

Bewertungen

Insgesamt 791 Bewertungen
Bewertung vom 18.07.2016
Tabucchi, Antonio

Erklärt Pereira, Großdruck


sehr gut

Pereira erklärt ... erklärt Pereira

Der Tod eines Journalisten, der zur Zeit der Salazar-Diktatur in Portugal einen kritischen Artikel gegen die Regierung veröffentlichte und danach ins Exil nach Frankreich gehen musste, inspirierte Tabucchi, diesen Roman zu schreiben. Die Geschichte spielt in Lissabon im Jahr 1938. Sie beschreibt einen Ausschnitt aus dem Leben des portugiesischen Journalisten Pereira, der den Kulturteil einer Lissaboner Zeitung redigiert. Pereira ist ein gebildeter älterer Herr. Er übersetzt mit Vorliebe Bücher französischer Autoren ins Portugiesische. Die aktuelle Politik interessiert ihn nicht. Seine Zeitung ist ein regimetreues Blatt, aber das nimmt er nicht wahr. Eines Tages lernt er den jungen Monteiro Rossi kennen, der dringend Geld benötigt und Arbeit sucht. Pereira stellt ihn als Praktikanten ein. Rossi schreibt ein paar Artikel, die Pereira allesamt für zu revolutionär hält und daher nicht veröffentlicht. Statt sich von ihm zu trennen, entwickelt er eine gewisse Sympathie für den jungen Mann und gibt ihm immer wieder eine neue Chance. Im Laufe der Zeit wird Pereira allmählich klar, dass Rossi ein Regimegegner ist, der ihn in Schwierigkeiten bringen kann. Aber Pereira hilft ihm und seiner Freundin und macht dabei einen persönlichen Wandel durch. Seine inneren Konflikte diskutiert er mit Doktor Cardoso, einem Arzt der Klinik, in der er sich zeitweilig aufhält und Pater Antonio, einem Franziskaner, den er manchmal aufsucht. Eines Tages muss Rossi sich bei Pereira verstecken. Er bekommt Besuch von der Geheimpolizei. Die Situation spitzt sich zu.

Auffallend ist der stilistische Aufbau des Romans. Passend zum faschistischen Umfeld im Portugal unter Salazar hat Antonio Tabucchi seinen Roman in Form einer Erklärung, wie sie für ein Verhör typisch wäre, abgefasst. Eindrucksvoll, wie die Atmosphäre zunehmend beklemmender wird. Als Erkenntnis aus diesem Roman kann der Leser mitnehmen, dass ein totalitäres Regime erst dann spürbar wird, wenn man seine freie Meinung zum Ausdruck bringen will. Unkritische Zeitgenossen, so auch anfänglich Pereira, sind sich dieser Situation nicht bewusst. Von diesem Roman, dessen Spannungskurve langsam wächst, geht eine gewisse Faszination aus.

Bewertung vom 17.07.2016
Eschbach, Andreas

Ausgebrannt


ausgezeichnet

Das Ende des Erdölzeitalters

Wie wird die Weltwirtschaft reagieren, wenn die Erdölreserven zur Neige gehen? Diese Frage greift Andreas Eschbach in seinem Thriller „Ausgebrannt“ auf. Der Roman gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil entwickelt Autor Eschbach die Charaktere der wichtigsten Romanfiguren und zeichnet durch Retrospektiven deren Lebenswege nach. Die Energiekrise bahnt sich an. Im zweiten Teil geht es um das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben nach dem Zusammenbruch der Wirtschaft und um Alternativen für die Energieversorgung.

Die Handlungsorte liegen in den USA, in Deutschland und in Saudi-Arabien. Eschbach beleuchtet ein weit verzweigtes Beziehungsgeflecht. Die Hauptrolle spielt der ehrgeizige und zielstrebige junge Wirtschaftswissenschaftler Markus Westermann, der zusammen mit anderen jungen Leuten aus verschiedenen europäischen Ländern nach New York fliegt, um bei einer Softwarefirma einen zeitlich befristeten Auftrag zu erledigen.

Eschbach erzählt parallel mehrere Handlungsabläufe, zwischen denen es Abhängigkeiten und Verbindungen gibt. Unter anderem geht es um eine bedeutende Erfindung, die Markus Westermanns Vater einst gemacht hat. Musste er dafür sterben? Zusammen mit seinen Geschwistern versucht Markus die Umstände des Todes zu klären und das Rätsel um die Erfindung zu lösen. Für wichtige Erfindungen interessiert sich auch der amerikanische Geheimdienst. Taggard, Mitarbeiter des CIA, beobachtet das Treiben von Westermann und seinem Partner. Seine Motive sind vielschichtig und bleiben nebulös.

Die Ölgeschäfte und den Expansionstrieb der Macht beschreibt Eschbach glaubwürdig. Wer große Geschäfte machen will, darf keine Hemmungen haben. Es ist faszinierend anzusehen, wie die Gier nach Geld und Macht Menschen verändern kann. Aber es geht nicht nur um windige internationale Geschäfte. Eschbach beleuchtet auch die Auswirkungen der Ölkrise auf Menschen, die auf dem Land leben. Hier ist Kreativität gefragt. Auf einmal wird es wichtig zu wissen, wie man Gemüse im eigenen Garten anbaut.

Der Roman ist angereichert mit Fachwissen aus der Ölindustrie. Die Leser erfahren einiges über die Entstehung und Verteilung der Ölvorkommen der Erde, über Methoden der Förderung und über die wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeiten der Ölwirtschaft. Die politische Situation von Saudi-Arabien wird ausführlich erläutert. Ein flüssiger Schreibstil und eine verständliche Sprache sorgen dafür, dass der rote Faden erkennbar bleibt. Für gelungen halte ich, wie Eschbach die Auswirkungen der Krise aus verschiedenen Perspektiven darstellt. Neben globalen Szenarien betrachtet er auch Einzelschicksale. Die Entwicklung der Charaktere wirkt glaubwürdig. Eschbach bringt zahlreiche Facetten menschlicher Verhaltensweisen ins Spiel. Da fossile Energieträger nur in begrenztem Umfang vorhanden sind, ist eine Ölkrise im realen Leben nicht nur möglich, sondern auch wahrscheinlich. Der Roman wirkt erschreckend real.

Bewertung vom 17.07.2016
Mensching, Steffen

Lustigs Flucht


gut

Satire auf die Medien- und Konsumwelt

Ernst Lustig, promovierter Germanist und Literaturhistoriker, kommt mit seinem letzten Auftrag, einer Schillerbiographie, nicht voran. Auch sonst hat er Probleme. Seine Freundin hat sich von ihm getrennt, seine Lektorin wartet ungeduldig auf sein neues Buch und seine Freunde und Verwandten nerven ihn. So schließt er sich in seiner Berliner Wohnung mit dem Vorsatz ein, sie nicht zu verlassen, bevor sein Buch vollendet ist.

Die Abkopplung von der Gesellschaft erweist sich als schwierig. Unentwegt suchen Familienmitglieder, Auftraggeber und Freunde den Kontakt zu ihm. Protagonist Lustig zimmert sich eine Scheinwelt zusammen, um seine Abwesenheit von der Gesellschaft plausibel erklären zu können. Sein Rückzug bewirkt, dass er spleenig wird. Seine Ausreden werden zunehmend abenteuerlicher. Wann bricht das Kartenhaus in sich zusammen?

Protagonist Ernst Lustig (sein Name kann als Metapher für seine eigene Widersprüchlichkeit gedeutet werden) ist der tragische Anti-Held der Geschichte. Die Trennung von der Welt, gemeint ist die verlogenen Konsum- und Medienwelt, kann ihm nur gelingen, wenn er sich eine eigene verlogene Scheinwelt aufbaut. Somit lauern „Jenseits der Illusionen“ neue Illusionen. Menschings Roman ist eine Satire auf „Schein und Sein“ unserer Medien- und Konsumwelt.

Der Autor versteht es, seinen Roman mit zahlreichen Querverweisen zur Literatur anzureichern. Dennoch handelt es sich um zähen Stoff. Die Wende kommt mit der Figur des vietnamesischen Fahrradboten, Restaurantbesitzers und Händlers Minh. Dieser sorgt für Unterhaltung und dient als Quelle der Inspiration. Auch wenn der Plot ungewöhnlich klingt und neugierig macht, hat mich die Umsetzung nicht wirklich überzeugt.

Bewertung vom 17.07.2016
Gardner, Martin

Kabarett der Täuschungen


ausgezeichnet

Ein Aufklärungsbuch

Das Buch ist mittlerweile über 30 Jahre alt und wird von vielen Lesern nicht mehr entdeckt oder beachtet. Dabei ist die behandelte Thematik aktuell, zumal der Büchermarkt mit Literatur über Esoterik überschwemmt wird. Dagegen gibt es nur wenige Bücher, die aufklären, die die Spreu vom Weizen trennen und Pseudowissenschaften als solche entlarven. Martin Gardner hat ein solches Buch geschrieben.

Auch wenn heute niemand mehr von Velikovskys Buch „Welten im Zusammenbruch“ spricht, in dem eine hanebüchene kosmische Theorie die orthodoxe jüdische Interpretation der Geschichten des alten Testaments verteidigen soll, so ist Kreationismus, also die Lehre von einer 6000 Jahre alten Erde, heute (vor allem in den USA) ein aktuelles Thema.

Gleiches gilt für den Löffelbieger Uri Geller. Bereits vor über 30 Jahren wurden seine Tricks entlarvt; keine Spur von Psi-Kräften. Trotzdem tritt er heute wieder mit dem gleichen Programm im Fernsehen auf. Wenn er als Zauberer auftreten würde, gäb es kein Problem mit seinen Shows, dann würde es sich um reine Unterhaltung handeln. Aber so zu tun, als ob hier Psi-Kräfte wirken würden, ist Scharlatanerie.

Weil Einstein einst das Vorwort zu der deutschen Ausgabe des Werks „Mental Radio“ von Upton Sinclair (ein Freund von Einstein) geschrieben hat (ein Buch über Telepathie), wurde ihm von manchen Zeitgenossen unterstellt, er glaube an Parapsychologie. In dem Buch sind mehrere Briefe von Einstein abgedruckt, die diese Auffassung revidieren.

Andere Themen, die Gardner aufarbeitet, sind Hautsehen, Begegnungen der dritten Art, sprechende Affen und diverse Katastrophentheorien. Auch der Interpretation der Quantentheorie ist ein Kapitel gewidmet.

Nach eigenem Bekunden im Vorwort glaubt Gardner nicht, dass wertlose Hypothesen der Gesellschaft großen Schaden zufügen. Für die Gebiete Medizin, Gesundheit und Anthropologie gelte dies allerdings nicht. Bevor man Geistheilern auf den Philippinen vertraut (deren Methoden hat schon Hoimar von Ditfurth in der legendären Sendereihe Querschnitte analysiert), sollte man lieber den Hausarzt aufsuchen.

Vielleicht trägt diese kleine Rezension dazu bei, dass Martin Gardners Buch „Kabarett der Täuschungen“ nicht in Vergessenheit gerät.

Bewertung vom 17.07.2016
Terechow, Alexander

Rattenjagd


weniger gut

Groteske Satire auf die russische Gesellschaft

In einem russischen Provinznest herrscht eine Rattenplage. Der Bürgermeister beauftragt zwei Moskauer Rattenfänger, den Saal des örtlichen Hotels von diesen lästigen Nagern zu befreien, denn hoher Besuch kündigt sich an. Der russische Präsident und wichtige ausländische Repräsentanten wollen den Ort besuchen und damit besteht die Aussicht auf staatliche Fördermittel. Das Dorf soll sich von seiner besten Seite zeigen und um dieses Ziel zu erreichen, wird in potemkinscher Manier ein riesiges Kartenhaus errichtet.

In dem Roman werden die letzten siebzehn Tage vor dem Besuch des Präsidenten in chronologischer Reihenfolge beschrieben. Die Ausführungen nehmen manchmal groteske Züge an. Nonsensverhöre finden statt und das allgemeine Durcheinander wächst. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Das Volk wird teilweise durch Militär ersetzt, um Störenfriede loszuwerden. Gegen Ende des Romans werden die Handlungen zunehmend surrealistisch.

Der Roman liest sich nicht leicht. Er besteht aus einer Vielzahl aneinander gereihter Fragmente, deren Verbindungen fehlen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Autor auf Charakterstudien verzichtet hat. Trotz einfach strukturierter Sprache, erfordert das Lesen ein hohes Maß an Konzentration. Einzelne bildhafte Beschreibungen lockern die Erzählung zwar auf, jedoch fehlt der rote Faden. Es handelt sich um einen nur mäßig geglückten Versuch einer Satire auf die russische Zeitgeschichte.

Bewertung vom 16.07.2016
Kurz, Constanze;Rieger, Frank

Die Datenfresser


sehr gut

Balanceakt zwischen Transparenz und Privatsphäre

Die Autoren Constanze Kurz und Frank Rieger, beides IT-Sicherheitsexperten, erläutern, was kostenlos im Internet bedeutet. Bezahlt wird nicht mit Euro, sondern mit Daten. Im Informationszeitalter haben Daten einen Wert, der in die Milliarden geht, wie an Verkäufen von IT-Unternehmen deutlich wird.

Mit dem Thema des Buches haben sich in den vergangenen Jahren zahlreiche Autoren beschäftigt. Gerald Reischl [1], Stephen Baker [2] und Dave Eggers [3] seien als Beispiele genannt. Im Kern geht es um den leichtfertigen Umgang mit persönlichen Daten und den Nutzungsmöglichkeiten dieser Daten auch gegen die Interessen der betroffenen Personen.

Das Buch gliedert sich in neun Kapitel, in denen die Autoren die Motivation der Datensammler beschreiben, Algorithmen und Auswertemöglichkeiten erläutern, das „digitale Gedächtnis“ thematisieren und Überwachungsmethoden auf Basis biometrischer Daten vorstellen.

Smartphones i.V.m. WLAN-Netzen und GPS ermöglichen es, Bewegungsprofile von Personen zu erstellen. Mehrwerte entstehen durch die parallele Auswertung vieler Datenquellen. Bewegungsprofile i.V.m. Kontakten aus E-Mail-Diensten, sozialen Netzwerken, Blogs und Foren lassen den Bürger transparent werden.

Die Mechanismen beim Umgang mit Daten erläutern die Autoren anhand eines jungen Internetunternehmens. Selbst wenn der Datenschutz (zunächst) garantiert wird, ist diese Garantie nach einem Konkurs nichts mehr wert. Die Daten werden mit anderen Beständen verknüpft bzw. in einen größeren Datenbestand eingegliedert und vermarktet.

Die Abschaffung der Privatsphäre wird von denen gefordert, die einen Nutzen davon haben. Auffallend ist die Asymmetrie bei der Transparenz. Es sind nicht die IT-Firmen oder die Chefs der großen sozialen Netzwerke, die auf Geheimniskrämerei verzichten. Digitale Transparenz gilt nur für den Bürger.

Im letzten Kapitel zeigen die Autoren Wege auf, wie Bürger sich besser schützen können. Dieser wichtige Teil des Buches kommt zu kurz. Im heutigen digitalen Zeitalter sind Bücher erforderlich, die ihren Schwerpunkt beim praktischen Datenschutz setzen. Davon abgesehen sind die Ausführungen verständlich und hinsichtlich des von vielen unterschätzten Themas auch wichtig.

[1] Gerald Reischl: Die Google Falle, 2008
[2] Stephen Baker: Die Numerati, 2008
[3] Dave Eggers: Der Circle, 2014

Bewertung vom 16.07.2016
Sting

Broken Music


ausgezeichnet

Every Breath You Take

Selbstfindung ist ein großes Thema für Sting. Gleich im ersten Kapitel seiner Autobiographie berichtet er über ein Experiment mit bewusstseinsverändernden Drogen in einer religiösen Gemeinschaft. Ist eine transzendente Wirkung erreichbar? Seine Visionen beziehen sich auf die Kraft der Liebe, die – analog der Energieerhaltung in der Physik – ständig transformiert wird, aber niemals verloren geht.

Die Zeit bei „Police“, die Sting zu einem Weltstar katapultiert hat, spielt in diesem Buch nur eine untergeordnete Rolle. Spannend wie ein Roman ist die Entwicklung des jungen Musikers Sting bis zur Etablierung von „Police“. Wer in gesicherten Verhältnissen lebt, bekommt Respekt vor einem Menschen wie Sting, der für eine Idee einen sicheren Beruf aufgibt, um in der unsteten Musikerszene seinen Weg zu gehen.

Sting beleuchtet ausführlich seine Kindheit und Jugend. Sein Verhältnis zu seinen Eltern war angespannt, fast zerbrochen und die Aufarbeitung dieser Beziehung macht einen wesentlichen Teil des Buches aus. Auf manche Menschen wirkt Sting arrogant. In der Autobiographie wird deutlich, dass sich hinter einer Fassade vordergründiger Arroganz, ein selbstkritischer Mensch verbirgt.

Wer dieses Buch liest, wird Sting mit anderen Augen sehen. Er ist nicht als Musiker geboren, sondern hat sich allmählich zu dem entwickelt, was er heute ist. Sein Wandel von einem durchschnittlichen Provinzmusiker zu einer Musikerpersönlichkeit vollzog sich langsam. Er ist ein Kind seiner Zeit, beeinflusst von den Beatles, die aus einem ähnlichen Milieu stammten wie er selbst und der Gruppe Cream, die als Trio Musikgeschichte geschrieben hat.

Seine Maxime lautet: „Weniger ist mehr“. Er hat frühzeitig angefangen, seine Qualitäten als Sänger zu verbessern und selbst Musikstücke zu schreiben. Diese kreative Arbeit und der Entschluss, nach Jahren in verschiedenen Bands, mit den Musikern Copeland und Summers eine Band zu gründen, führten zum Erfolg.

Wer Stings Musik kennt und seine Ambitionen für humanitäre Organisationen, erwartet einen tiefsinnigen Autor. Dieser Eindruck wird bestätigt. Sting besitzt zudem schriftstellerische Qualitäten und seine offenherzige Art überrascht.

Bewertung vom 16.07.2016
Portnoy, Matthew

Virtualisierung für Einsteiger


gut

Grundkonzepte der Virtualisierung verstehen

In der Informatik bedeutet Virtualisierung die Abstraktion einer physischen Komponente in ein logisches Software-Objekt. Für das Rechenzentrum bieten sich Einsparungen bei den Hardwarekosten, bei der Energie und bei der Administration der Systeme. Für den Anwender, dem eine virtuelle Maschine bereitgestellt wird, ist kein Unterschied erkennbar.

Autor Matthew Portnoy ist als IT-Experte bei VMware beschäftigt, insofern wundert es nicht, das sein Fokus auf Lösungen von VMware liegt. Neben VMware ESX erläutert Portnoy auch die Konzepte und die Entstehung der alternativen Lösungen Citrix Xen und MS Hyper-V.

Das Buch besteht aus 14 Kapiteln, in denen der Autor die Grundlagen der Virtualisierung auf verständliche Weise erläutert. Dabei lernen die Leser nicht nur, was Hypervisoren und virtuelle Maschinen sind, sondern auch wie diese eingerichtet, verwaltet und verfügbar gemacht werden.

Der Autor stellt zwar drei Lösungen für Virtualisierungen vor, beschreibt aber die Unterschiede nicht systematisch. Eine Systemauswahl ist auf dieser Basis nicht möglich. Hilfreich wäre zum Beispiel eine tabellarische Gegenüberstellung der Merkmale gewesen. Bei den beschriebenen Funktionen bzw. Methoden ist nicht immer klar, auf welche Systemlösung sie sich beziehen.

Für ein Buch, das einen generellen Überblick über das Thema geben will, sind zu viele spezielle Masken und Arbeitsanleitungen enthalten, für ein Buch, das einen speziellen Überblick geben will, sind die Beschreibungen zu allgemein gehalten. Insofern stellt sich die Frage nach der Zielgruppe.

Die Fragen am Ende der jeweiligen Kapitel sind hilfreich, da sie dazu führen inne zuhalten und den Stoff zu reflektieren. Dabei zielen sie nicht darauf ab, Wissen abzufragen, sondern darauf, das Verständnis zu fördern. Auch das Glossar ist übersichtlich und prägnant.

Das Buch werden eher diejenigen lesen, die einen Überblick über das Thema erhalten möchten und weniger diejenigen, die sich mit einer speziellen Virtualisierungslösung auseinandersetzen müssen. Erstere können auf die vielen Masken und Konfigurationsbeschreibungen verzichten, Zweitere werden auf ein spezielles Fachbuch zurückgreifen, welches genau ihre Lösung beschreibt.

Bewertung vom 16.07.2016
Liessmann, Konrad Paul

Theorie der Unbildung (eBook, ePUB)


sehr gut

Eine Streitschrift wider den Zeitgeist

Konrad Paul Liessmann setzt sich kritisch mit der Wissensgesellschaft und dem Reformeifer im Bildungsbereich auseinander. Er provoziert mit der Aussage, dass Unbildung die notwendige Konsequenz der Kapitalisierung des Geistes sei. Wie ist es heute um die Bildung bestellt? Findet der Wechsel von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft statt?

Im ersten Kapitel verdeutlicht der Autor den Unterschied zwischen lexikalischem Wissen und einem tiefgehenden Wissen um Zusammenhänge. Wenn es um Sinn, Bedeutung oder Zusammenhänge geht, so seine Erkenntnis, wird lexikalisches Wissen nicht weiterhelfen. Ist im Zeitalter einfacher Internetabfragen tiefgehendes Wissen noch erforderlich, um gesellschaftliche Anerkennung und wirtschaftlichen Erfolg verbuchen zu können?

Was hartnäckig Bildung genannt wird, orientiert sich an knallharten Wirtschaftsfaktoren, die jene Standards definieren, die der „Gebildete“ erreichen soll. Unter dieser Prämisse erscheinen Allgemein- und Persönlichkeitsbildung verzichtbar. In einer sich rasch wandelnden Welt scheint der Verzicht auf verbindliche geistige Traditionen zu einer Tugend geworden zu sein.

Die Konkurrenz zwischen Bildungseinrichtungen spielte sich bislang zwischen unterschiedlichen Weltdeutungen, Methoden und Modellen ab und zwar als Konkurrenz um Zugänge zur Wahrheit. Im Gegensatz dazu führt das betriebswirtschaftliche Ranglistendenken zu einer Gleichschaltung der Strukturen und letztlich der Kulturen.

Das Wissensmanagement agiert wie ein Betrieb und der Wissensmanager versucht, unabhängig von Wahrheits- und Geltungsfragen, herauszufinden, welche Art von Wissen sein Unternehmen zur Lösung seiner Probleme benötigt. Dass Universitäten, die über eine tausendjährige Erfahrung im Umgang mit Wissen verfügen, sich in ihrer Umstrukturierung an solchen Unternehmensideologien orientieren, hält der Autor für Dummheit.

Es ist Liessmann gelungen, gezielt zu provozieren. Das Buch enthält zahlreiche Thesen gegen den allgemeinen Trend, es liefert aber keine Antworten. Ich vermisse konstruktive Antworten auf die Zukunftsfragen der Bildungssysteme.

Bewertung vom 16.07.2016
Steinwede, Dietrich / Först, Dietmar (Hgg.)

Die Jenseitsmythen der Menschheit


gut

An was glauben Menschen?

Vor 100 000 Jahren begannen Menschen ihre Toten zu bestatten und die Gräber kunstvoll auszuschmücken. In fast allen Kulturen der Welt war der Glaube verbreitet, dass der Tod kein Ende sei, sondern ein Durchgang. Es entstanden Jenseitsbilder, die das Verhalten der Menschen geprägt haben. Dies geschah nicht immer zum Wohl der Menschen, sondern oftmals wurde ein Geschäft mit der Angst betrieben.

Es gibt grundsätzliche Unterschiede zwischen dem linearen Weltbild der Juden, Christen und Muslime und dem zyklischen Weltbild der Hindus und Buddhisten. Dem Glauben an „ein“ irdisches Leben und dem ewigen Leben als Erlösung steht ein irdischer Kreislauf von Wiedergeburten gegenüber, dem es gilt, durch „Befreiung“ oder „Verlöschen“ zu entkommen.

Was glauben die Menschen in anderen Kulturen? Dietrich Steinwede und Dietmar Först beschreiben nicht nur Glaubensvorstellungen der bekannten Weltreligionen, sondern beziehen ethnische Religionen ein. So erfahren die Leser etwas über sibirische Schamanen, über das Totenlied der Pygmäen und über das dreigestufte Weltbild der Eweer in Südtogo.

Die Jenseitsmythen werden in übersichtlichen kleinen Kapiteln beschrieben. Komprimiert auf 160 Seiten, erhalten die Leser einen leicht verständlichen Einstieg in eine vielfältige Thematik – nicht mehr und nicht weniger. Es handelt sich nicht um eine kritische Reflexion über das Verhältnis von Glaube und Wissenschaft oder über die Ursachen des Glaubens aus dem Blickwinkel der Evolution.