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Bellis-Perennis
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Wien

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Insgesamt 1110 Bewertungen
Bewertung vom 15.10.2023
Panizza, Kaspar

Graffitikatz


ausgezeichnet

In ihrem 8. Fall bekommen es Kommissar Steinböck und seine Katze Frau Merkel mit zwei Toten zu tun, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Denn einer ist ein reicher Erbe und der andere ein Altrocker. Erst als der Rechtsmediziner Kessel entdeckt, dass beiden ein Stück ihrer tätowierten Haut abgezogen worden ist, scheint es einen Zusammenhang zu geben.

Daneben spielt das Tagebuch eines schwangeren Mädchens eine nicht unwesentliche Rolle.

Gleichzeitig soll der Graffiti-Künstler Bansky in München sein, was sowohl unter der Schickeria und den Adabeis als auch bei der Presse für Aufregung sorgt. Hier kommt Frau Merkel ins Spiel, denn sie verscheucht die allzu aufdringliche Reporterin Sabine Husup bei ihrer nächtlichen Jagd auf den Künstler. Bei ihren nächtlichen Streifzügen lernt Frau Merkel Banskys Leibwächter kennen, der die Katze ebenfalls verstehen kann.

Wie das alles zusammenhängt und wie Steinböck gemeinsam mit seinem Team die Morde aufklärt, lest bitte selbst.

Meine Meinung:

Autor Kaspar Panizza beschert seinen Leser mit diesem Band wieder ein großes Lesevergnügen. Doch neben den humorvollen Dialogen zwischen Steinböck und seiner Katze lenkt er die Aufmerksamkeit seiner Leser auf aktuelle Themen. Da ist z. B. der Hype, um den quasi unsichtbaren Künstler Bansky oder die Sucht mancher Menschen, ihren Körper über und über mit Tattoos zu überziehen.

Wie immer ist der Schreibstil flüssig und leicht zu lesen. Kommissar Steinböck und Katze Frau Merkel benehmen sich wie ein altes Ehepaar. Die beiden machen es sich vor dem Fernseher gemütlich und diskutieren über das Programm.

Frau Merkel ist zu Beginn ein wenig verstimmt, ist doch Thunfisch, der Dackel eines Kollegen, für mehrere Tage zu Besuch. Für ihn hat die Katze nur Verachtung übrig.

„...Der Köter versteht dich sowieso nicht. Seine beiden Gehirnzellen braucht er für Fressen und Pennen...“

Fazit:

Ein komplexer Krimi, der mit den witzigen und tiefschürfenden Dialogen von Steinböck und Frau Merkel punktet. Gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung für die ganze Reihe.

Bewertung vom 15.10.2023
Vorndran, Helmut

Natternsteine (eBook, ePUB)


sehr gut

Worum geht’s diesmal?

Es herrscht Saure-Gurken-Zeit bei Franz Haderlein & Co und die Ermittler sind angehalten alte Akten zu sortieren. Entsprechend schlecht ist die Stimmung. Zudem ist Bernd „Lagerfeld“ so richtig neben der Spur, ist er doch seiner Familie verlustig geraten. Nur die Ausbildung von Presssack, dem talentierte Ermittlerferkel hält in halbwegs aufrecht. Er verlässt die Dienststelle mit einer fadenscheinigen Ausrede und gerät in eine Demo von Corona-Leugnern und Impfgegner.

Gleichzeitig gibt es auf der Schwäbischen Alb zwei tote Bergsteiger. Ein ehrgeiziger Kletterer, der trotz schlechter Sicht in die Wand steigt, greift statt in den Felsen in eine Leiche und flugs gibt es zwei Tote. Die Identität des Kletterers ist bekannt, die des zweiten Toten leider nicht, denn es fehlt im Entscheidendes: nämlich der Kopf.

Wenig später werden in alten Polizeiakten weiter kopflose Tote entdeckt. Gibt es einen Zusammenhang mit der aktuellen kopflosen Leiche?

Meine Meinung:

Gekonnt lässt Autor Helmut Vorndran seine Geschichte wieder auf mehreren Zeitebenen spielen. Zahlreiche anfangs lose Fäden werden letzten Endes zu einem dicken Zopf geflochten. Ein geschickter Schachzug, stellen auch die Epiloge dar, die das Leben der Beteiligten bzw. Betroffenen nach dem Ende der Ermittlungen beschreiben.

Gut gefällt mir, dass das Politisieren rund um ein mögliches (?) eigenes Bundesland Franken in den Hintergrund tritt. Als Österreicherin kann ich diese Bestrebungen nicht wirklich nachvollziehen. Was allerdings auch bei uns immer wieder die Wogen hochgehen lässt, sind Autokennzeichen. Daher musste ich hier herzlich lachen. als Polizeichef Suckfüll, die angebotene Stelle nicht antreten will, weil sein Dienstwagen das verhasste Hassfurther (sic!) trägt.

Die Szene, in der Franz Haderlein von einem greisen Ehepaar nicht nur mit fränggischen Worten, sondern auch mit gutem Porzellan beworfen worden ist, klingt zwar im ersten Moment witzig, ist es aber in Wirklichkeit nicht.

Fazit:

Diesem spannenden und stellenweise skurrilen Krimi gebe ich gerne 4 Sterne.

Bewertung vom 05.10.2023
Wieser, Lojze

Geschmackshochzeit 3 / Il matrimonio del gusto 3 / Svatba okusov 3


ausgezeichnet

Dieses Buch ist das dritte der Geschmackshochzeit-Reihe, die als kulinarischer Begleiter der herbstlichen Veranstaltungsreihe rund um die „Alpen-Adria-Küche“ vom Klagenfurter Wieser-Verlag in Zusammenarbeit mit dem Tourismusverband Klagenfurt/Celovec erschienen ist.

Wie die beiden Vorgänger Geschmackshochzeit 1 und 2 ist auch dieses Buch dreisprachig angelegt. Neben deutsch sind die Rezepte, die Beschreibung von Land und Leuten auch in Italienisch und Slowenisch verfasst.

Den Schwerpunkt dieser Ausgabe bildet allerdings die Kunst des Bierbrauens. Wir tauchen ein in die fast vergessene Tradition des Steinbier-Brauens, das durch einen Köttmannsdorfer Pionier bis nach Frankreich exportiert worden ist.
Das Steinbier-Brauen hat bis vor hundert Jahren die Trinkkultur in Kärnten mitbestimmt.

Wir dürfen Fleischhandwerkern beim Wursten zusehen und kommen mit Schafbauern ins Gespräch. Sehr interessant ist auch der Exkurs zu den Flurnamen.

Manche Speise wie das süße Backwerk das Reindling, Pohača, Potice, Gubana oder W(o)azanen genannt wird, ist ein „Kind“ des Alpen-Adria-Raumes. Egal in welcher der Region, egal in welcher Sprache - es schmeckt vorzüglich.

So ist es auch keine Überraschung, dass dieses Buch für den World Cookbook Award nominiert worden ist. Und das gleich in drei Kategorien.

Das Buch besticht durch die gediegene Ausstattung und liebevolle Aufmachung. Zahlreiche Fotos von Land & Leuten sowie der zubereiteten Speisen vervollständigen dieses tolle Kochbuch, das auch die Kulturgeschichte des Essens und Trinkens vermittelt und das „senza confini“ (ohne Grenzen).

Fazit:

Diesem gelungenen Kochbuch, das sich auch perfekt als Geschenk eignet, gebe ich gerne 5 Sterne.

Bewertung vom 27.09.2023
Tsokos, Michael

Mit kalter Präzision / Die Sabine Yao-Reihe Bd.1


ausgezeichnet

Nachdem Forensiker Dr. Fred Abel den Dienst in der Rechtsmedizin quittiert hat, wird Sabine Yao seine Nachfolgerin als Professor Herzfelds Stellvertreterin. Sie ist nun der Hauptcharakter der neuen Reihe rund um die Rechtsmedizin in Berlin.

Der erste Fall hat es ziemlich in sich, denn die Ehefrau des Schönheitschirurgen Dr. Roderich Kracht wird tot aufgefunden. Da Kracht mit wichtigen Leuten aus Politik und Wirtschaft bestens vernetzt ist, wird gleich eine Soko gegründet, der Sabine Yao zugeteilt wird, zumal bei der Bestimmung des Todeszeitpunktes Ungereimtheiten aufgefallen sind. Obwohl Dr. Kracht ein offensichtlich wasserfestes Alibi hat, durchleuchtet Yao seine Biografie und stößt auf eine biografische Lücke von zwei Jahren.

Wenig später taucht bei einem vier Jahre zurückliegenden, angeblichen Selbstmord einer Frau, der Name Kracht abermals auf. Zufall? Sabin Yao glaubt an viel, aber nicht an Zufälle. Unterstützung erhält sie von anderen Teammitgliedern, was sie allerdings nicht vor Alleingängen bewahrt, die sie in Lebensgefahr bringen.

Meine Meinung:

Mit diesem Reihenauftakt ist Michael Tsokos ein fesselnder Thriller gelungen. Wir erfahren viele technische Details aus der Welt der Forensiker sowie erhalten das Vorurteil über IT-Nerds bestätigt (detailverliebt, unrasiert, schlampig gekleidet, dicke unmoderne Brille und ziemlich eigenwillig im Umgang mit anderen Menschen). Allerdings, und das ist meiner Ansicht die große Stärke von Michael Tsokos‘ Büchern, ist die Zusammenarbeit der unterschiedlichsten Mitarbeiter bis auf wenige kleine Sticheleien sehr gut. Es gibt diesmal keine nervigen Polizeipräsidenten, Journalisten oder Kollegen, die auf den Job des anderen lauern. Das gefällt mir sehr gut! Ich bin es langsam leid, über menschliche Wracks in den Polizeidienststellen zu lesen. Ja, der Job ist fordernd und die Scheidungsrate sehr hoch. Fred Abels hat für sich und seine Familie die Konsequenzen gezogen, und den Job an den Nagel gehängt. Er fährt damit, wie wir Leser erfahren werden, sehr gut.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Auftakt der neuen Reihe mit Sabine Yao als Hauptperson 5 Sterne.

Bewertung vom 27.09.2023
Schmölzer, August

Am Ende wird alles sichtbar


ausgezeichnet

Dieses Buch von Autor und Schauspieler August Schmölzer spielt in der Nachkriegszeit in einem nicht näher bezeichneten Bergdorf.

Die Menschen sind ob der schlechten Wirtschaftslage und durch den Krieg misstrauisch. Und so begegnen sie Josef, dem Kriegsheimkehrer mit Argwohn. Josef, selbst traumatisiert durch die Ereignisse, die er als Kriegsberichterstatter erlebt und fotografiert hat, arbeitet als Totengräber. Eine Arbeit, die niemand im Dorf machen will, die ihm aber die Möglichkeit gibt, mit Michael, jenem Kind, das er gleich zu Beginn seiner Karriere als Kriegsberichterstatter nicht retten konnte. Ob als Sühne oder um in Ruhe gelassen zu werden - beides ist möglich.

Als dann noch ein kleiner Junge ermordet wird, brechen die alten Vorurteile der Dorfbewohner wieder auf, und Josef, der mit seinen eigenen Dämonen kämpft, wird scheel angesehen. Es ist der zweite Junge, der in diesem Dorf ermordet wird, doch sein Tod wird anders betrauert als der des anderen Kindes. Denn das war ja nur der Sohn eines Deserteurs aus einem Nachbardorf. Die Fremdenfeindlichkeit ist ein bösartiger Charakterzug dieser Dorfbewohner. Auch der Gemeindearzt ist zugezogen und erdreistet sich, dem amtierenden Bürgermeister mit einer neuen Partei das Amt streitig zu machen und bemerkt mehrmals, dass den unruhigen Geistern ein Krieg fehle. Und dann stirbt das dritte Kind, das Steine nach Josef geworfen hat, und man macht Jagd auf den Gemeindearzt.

„Wenn wir die Wahl gewinnen, werden wir die Dinge nicht mehr schleifen lassen. Dann wird wieder Ordnung in unserer Stadt einkehren. Ordnung, wie wir sie verstehen!“

Dieses durchaus als Drohung gemeinte Statement macht es für Josef und seine nun verwitwete Jugendliebe Ragusa leicht, das Bergdorf zu verlassen und einen Neuanfang zu wagen.

„Bedenken Sie aber, dass wir uns nur weiterentwickeln, wenn wir aus der Vergangenheit lernen, wenn wir fähig sind, sie anzunehmen.“

Meine Meinung:

Dieses, nur 144 Seiten dünne Buch hat es in sich. Nicht die Anzahl der Seiten ist gewichtig, sondern der Inhalt. Viel mehr möchte ich dazu gar nicht sagen.

Der gleichnamige Film, in dem August Schmölzer den Postenkommandanten spielt, hat kommt Mitte November 2023 in die österreichischen Kinos.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Buch, das durch seine geschliffene Sprache und Eindringlichkeit besticht, 5 Sterne.

Bewertung vom 27.09.2023
Jelinek, Nina

Der Todesengel von Wien


ausgezeichnet

Autorin Nina Jelinek ist, eigenen Angaben zufolge, bei einem Besuch des Wiener Kriminalmuseums auf die Geschichte der Martha Marek, die 1938 wegen mehrfachen Mordes verurteilt und mittels Fallbeil hingerichtet worden ist.

Wer ist also diese Martha Marek, die den Beinamen „Der Todesengel von Wien“ erhalten hat?

Heinrich Truttenberger reist zum Begräbnis seiner plötzlich verstorbenen Mutter nach Wien, nur um zu erfahren, dass diese ihr ganzes Leben umgekrempelt und ihr Vermögen einer Martha Marek vermacht hat, in deren Villa sie zuletzt als Gesellschafterin in Untermiete gewohnt hat. Heinrich kommt das komisch vor und wird bei der Kriminalpolizei vorstellig. Zunächst will man Truttenbergers Verdacht nicht nachgehen, doch dann erinnert man sich an die schöne Martha, die schon wegen Versicherungsbetruges vor Gericht gestanden ist.

In zahlreichen Rückblenden erfahren wir die sicherlich schwierige Kindheitsgeschichte der Martha Marek, die eigentlich Karolina Löwenstein heißt und aus begütertem Haus kommt.

Meine Meinung:

Ich kenne die kriminelle Biografie der Martha Marek sowohl aus dem Kriminalmuseum als auch aus dem Buch „Die wilde Wanda und andere gefährliche Frauen“ von Gabriele Hasmann und Sabine Wolfgang.

Jahrelang hat Martha Marek die Welt rund um sich herum gehörig an der Nase herumgeführt und manipuliert. Dabei sind ihr ihre Schönheit und ihre erotische Ausstrahlung behilflich. So schafft sie es, im Prozess, um den Versicherungsbetrug, die meisten Schöffen einzuwickeln, damit sie und ihr Mann ein mildes Urteil erhalten.

Nina Jelinek gelingt es ausgezeichnet, das manipulative Wesen der Martha Marek herauszuarbeiten. Sie stellt sich als die Arme hin, der immer Unrecht zugefügt wird, sei es, dass sie als Jugendliche von ihrer Mutter einem um fünzig Jahre ältern Mann verkuppelt worden ist oder, dass man so unfreundlich zu ihr ist. Gleichzeitig erweist sie sich in den Verhören als dermaßen kaltblütig und abgebrüht, was selbst die erfahrenen Ermittler erstaunt.

Neben der Geschichte rund um die Martha Marek sind auch die Lebensumstände der Menschen nach dem Ersten Weltkrieg dargestellt.

Obwohl mir klar ist, welche Verbrechen Martha Marek begangen hat und ihr Ende vorauszusehen ist, hat dem Buch an keiner Stelle die Spannung gefehlt. Die Arbeit der Kriminalpolizei wird sehr gut geschildert. Dass Martha Marek ausgerechnet an Adolf Hitler ein Gnadengesuch stellt, das von ihm kategorisch abgelehnt wird, zeigt, wie weit sie sich von der Realität entfernt hat. Am 6. Dezember 1938 wird sie als erste durch die eben aus Berlin herbeigeschaffte Guillotine hingerichtet.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem sehr gut aufbereiteten True-Crime-Krimi 5 Sterne.

Bewertung vom 27.09.2023
Ungewitter, Mira

Gott ist Feministin


sehr gut

Mira Ungewitter ist Pastorin und Feministin. Sie kennt die Bibel, in der wenig Platz für selbstbewusste Frauen ist, ziemlich genau. Doch stimmt das wirklich? Oder liegt es „nur“ an der patriarchalischen Übersetzung und Interpretation?

In acht Kapiteln hinterfragt Mira Ungewitter alte Dogmen, Tabus und Rollenbilder:

Die erste Frau der Welt
Schlampen wie wir
Maria, Mutter Gottes und das Abenteuer
Die Pastorin und das Lustprinzip
Pille, Blut und Bibel
Pro Choice und die Jungfrau
Die Heilige Lady Gaga
Gott ist Feministin

Dabei nimmt sich die Autorin kein Blatt vor den Mund. Mit ihrem ironisch-provokanten Schreibstil eckt sie natürlich bei einigen Kirchenvätern (sic!) an, was sie aber nicht davon abhält, eine Lanze für eine neue Interpretation der Bibel zu brechen. Zahlreiche (absichtliche?) Übersetzungsfehler aus dem aramäischen bzw. hebräischen scheinen sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem patriarchalischen Dogma manifestiert zu haben.

Ein kleines Beispiel gefällig, dass schon 700 Jahre vor Christus „Gott“ weiblich interpretiert werden kann?

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“. (Jesaja 66,13 LUT/S. 181)

Wenn die Kirche überleben will, muss sie ihre Dogmen sowie ihre Angst vor selbstbestimmten Frauen ablegen.

Fazit:

Ein durchaus ironisches Buch, dass mit seinen provokanten Thesen zum Nachdenken anregt. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Bewertung vom 24.09.2023
Kaiser, Menachem

Kajzer


ausgezeichnet

Obwohl Autor Menachem Kaiser den Namen seines Großvaters trägt, weiß er über ihn nur, dass dieser als Einziger der Familie die Shoah überlebt hat und sich jahrelang um die Rückgabe des Hauses seiner Kindheit bemüht hat.

Während eines beruflichen Aufenthaltes in Polen beschließt Enkel Menachem Kaiser, jenes Haus zu suchen. Mit nichts als einer Adresse in der Hand startet er eine stellenweise kafkaesk anmutende Spurensuche.

Während dieses jahrelangen, zermürbenden Kampfes lernt Menachem unterschiedliche Menschen kennen: Da sind die Mieter in Häusern, die enteignet worden sind, aktive Schatzsucher und Forscher, Dolmetscher, Anwälte und Richterinnen. Als Enkel Kaiser schließlich entdeckt, dass Menachem Kajzer (so die alte Schreibweise des Namens) doch nicht der einzige Überlebende der Shoa war, stellt er sich zunehmend die Frage: Warum mache ich das eigentlich?


Meine Meinung:

Dieses Buch, das der Autor als Sachbuch bezeichnet, ist nicht immer leicht zu lesen. Was als vage Idee, das enteignete Mietshaus seiner Großeltern zurückzufordern beginnt, endet - nun ja - noch nicht.

Je tiefer Kaiser in die Familiengeschichte eindringt, desto mehr verstrickt er sich in der Bürokratie Polens. Dass die aktuelle Regierung den Justizapparat umbaut („reformiert“), ist nicht gerade hilfreich. Denn es geht schlicht um die Frage, sind Menachem Kaisers Verwandte tot oder nicht. Man könnte glauben, die Antwort sei einfach, zumal der eine oder andere das biblische Alter von 140 Jahren überschritten haben müsste. Doch die polnische Justiz scheint hier einige, für Außenstehende nicht verständliche, Unterschiede zu machen, ob jemand „für tot erklärt“ werden soll, oder es sich um „eine Anerkennung des Todes“ handelt. Kaisers Rechtsanwältin, die er im Buch die „Killerin“ nennt, hat den falschen Antrag eingebracht, weshalb die Verwandten nicht für tot erklärt werden können, weil ein Tod während der Shoa, ohne der Todeslisten der Deutschen, diffus wäre. So wird verlangt, dass er alle jene Todeslisten beizubringen hat, auf denen die Namen Kaisers Verwandten NICHT vermerkt sind. Kafka lässt grüßen!

Ob es sich dabei um juristische Spitzfindigkeiten oder Antisemitismus handelt, diese Interpretation überlasse ich den Lesern.

Fazit:

Ein Buch über eine jüdische Familiengeschichte, die ganz anders als die üblichen Großeltern/Enkel-Geschichten ist. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Bewertung vom 23.09.2023
Cantieni, Margrit

1941. Liebe in herzlosen Zeiten


sehr gut

Der in der Schweiz internierte polnische Soldat Marek verliebt sich in die junge Sofia, obwohl das Fraternisieren streng verboten ist und unter Strafe steht. Die beiden finden immer wieder eine Möglichkeit, sich zu treffen. Es passiert, was passieren muss, erstens werden die beiden von einem Jungbauern „zufällig“ gesehen und anschließend denunziert und zweitens wird Sofia schwanger. Heiraten ist verboten, Mark muss in den Arrest und Sofias Vater entpuppt sich nach dem anfänglichen Schock als Pragmatiker: Sofia zieht zu ihrer Tante nach Zürich.

Es gilt die Widerstände zu überwinden. Mehr als einmal müssen die Leser bangen. Werden es die beiden schaffen, den behördlichen Vorschriften, die ihrer Liebe im Weg stehen zu trotzen?

Meine Meinung:

Mit Spannung habe ich dieses Buch aus dem für den Verlag Emons unüblichen Genre „Liebesroman“ erwartet und gelesen.

Die Schweizer Autorin Margrit Cantieni bringt uns in ihrem historischen Roman bislang wenig beachtetes Thema näher: Die Schweizer und ihre Haltung den im Land internierten Soldaten des Zweiten Weltkriegs gegenüber. Anhand der Liebesgeschichte zwischen Marek, einem polnischen Soldaten, der in Graubünden interniert ist, und der Bündnerin Sofia, die eine Lehrerinnenausbildung absolviert, wird Kehrtwende der Schweizer Bevölkerung gezeigt. Aus der anfänglichen Solidarität mit den Soldaten, die fast Heldenstatus erlangen, weil sie sich nicht für eine hoffnungslose Sache verheizen lassen wollen und in die Schweiz geflüchtet sind, wird mit Fortdauer des Weltkrieges Ablehnung und Hass. Es ist politisch durchaus verständlich, ist doch die neutrale Schweiz von Hitler-Deutschland und den von der Wehrmacht besetzten Gebieten Frankreichs sowie von Mussolinis Italiens umgeben (um nicht zu sagen umzingelt). Je länger der Krieg dauert, desto spürbarer sind die Einschränkungen und spaltet die eidgenössische Bevölkerung. So wird den Bauern vorgeworfen, sich auf Kosten der Arbeiter zu bereichern. Dabei wird vergessen, dass die Landwirtschaft ohne Männer, Pferde und Maschinen auskommen muss, aber die Anbauflächen vervielfacht worden sind.

Daher sieht man in den internierten Soldaten und den Geflüchteten nur unnütze Esser, die die ohnhin knappen Nahrungsmittelvorräte weiter schmälern. So ist es kaum verwundert, dass die faschistischen Ideen auch in zahlreichen Schweizer Köpfen auf fruchtbaren Boden fallen. So faszinierend wie schrecklich das ist, hat man doch immer das Bild der fast klinisch-sauberen Schweiz im Kopf.

Sehr gut ist die Gemütslage der beiden Protagonisten, Marek und Sofia, beschrieben. Er will nach dem Ende des Krieges wieder in seine Heimat Polen zurückkehren, sie Graubünden jedoch nicht verlassen. Dieser Konflikt schwelt die ganze Zeit über den beiden. Wie die Geschichte ausgeht, lest bitte selbst.

Fazit:

Ein sehr gut gelungener historischer Roman, dem ich gerne 4 Sterne gebe.

Bewertung vom 22.09.2023
Pötzsch, Oliver

Der Totengräber und der Mord in der Krypta / Inspektor Leopold von Herzfeldt Bd.3


ausgezeichnet

In diesem dritten Fall bekommen es Leo von Herzfeldt und Julia Wolf mit Spiritisten und verschwunden Waisenkindern zu tun.

Doch von Beginn an: Oberpolizeirat Stukart lässt Leo von Herzfeldt und Julia Wolf aus der Opernaufführung, in der die berühmte Maria Vanotti singt, holen. Der Grund: Sein Freund Dr. Lichtenstein liegt tot in der Krypta unter dem Stephansdom. Der Mediziner hat angedeutet, die betrügerischen Machenschaften in der Spiritistenszene offen zu legen. Da der Tote ebenso wie Stukart und Herzfeldt jüdischer Abstammung ist, befürchtet Stukart, dass die Ermittlungen im bekannt antisemitischen eingestellten Polizeiwesen, nicht wirklich ordnungsgemäß betrieben werden.

Leo ist ein rational denkender Polizist, deswegen hat er so seine Zweifel an Séancen und Spiritisten. Da er zu wenig darüber weiß, wendet er sich an Augustin Rothmayer, den Totengräber vom Zentralfriedhof. Der hat allerdings selbst eine schwierige Zeit, denn Jossi, der Freund seiner Adoptivtochter Anna ist plötzlich verschwunden. Genauso verschwunden, wie der kleine Czerny, ein Sohn aus begütertem Haus, dessen Eltern Verbindungen zum Kaiser nachgesagt werden und zahlreiche Knaben aus dem Waisenhaus in Margarethen. Während sich Oberinspektor Leinkirchner, ein Antisemit und Intrigant, mit dem Fall Czerny herumschlägt, sind ihm die verschwundenen Waisenkinder völlig egal.

Bald wird klar, dass die beiden Fälle Gemeinsamkeiten aufweisen, doch wirklich belastbare Beweise gibt es noch nicht. Und welche Rolle spielt der Journalist, den Polizeifotografin Julia Wolf aus ihrer Jugend kennt?

Meine Meinung:

Mit diesem dritten Fall für Leo von Herzfeldt und Augustin Rothmayer lässt uns Oliver Pötzsch wieder in das Fin de Siècle in Wien abtauchen. Die Diskrepanz zwischen Arm und Reich ist größer denn je. Die einen haben kein Dach über dem Kopf und bei anderen ist mit Telefon und Automobil die Moderne eingezogen. Es ist die Zeit des Bürgermeisters Karl Lueger, eines glühenden Antisemiten, der ständig über Juden herzieht, aber mit deren Geldern die Stadt am Laufen hält. Diese antijüdische Stimmung beherrscht auch den Polizeiapparat wie an Oberinspektor Paul Leinkirchner deutlich zu erkennen ist.

Wie wir es von Oliver Pötzsch gewöhnt sind, hat er penibel recherchiert und ist dabei auf einen bekannten wie umstrittenen Forscher gestoßen: Karl Freiherr von Reichenbach (1788-1869), der sein Leben lang nach dem „Od“, jenem Stoff, der das Leben darstellen soll, geforscht hat. Wer mehr über Reichenbach erfahren will, dem sei Bettina Bàlakas Roman „Der Zauberer vom Cobenzl“ empfohlen.

Außerdem gibt sich Arthur Conan Doyle, der Schöpfer von Sherlock Holmes, die Ehre, Leo von Herzfeldts Mutter durch Wien zu begleiten. Der Schriftsteller hat als Jugendlicher ein Jahr lang eine Schule in Wien besucht.

Neben den komplexen Kriminalfällen kommt auch die menschliche Seite nicht zu kurz. Für Julia, die alleinstehende Mutter Julia, die ihren Lebensunterhalt als Polizeifotografin verdient, scheint sich eine berufliche Veränderung anzubahnen, die auf eine Fortsetzung der Reihe hoffen lässt. Stoff dafür gibt es im Wien des Fin de Siècle ja genug.

Fazit:

Ein gelungener historischer Krimi aus dem Wien um 1895, bei dem die Stimmung und die gesellschaftlichen Konventionen der Hauptstadt der Donaumonarchie sehr gut getroffen sind. Gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung für die ganze Reihe.