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Sago

Bewertungen

Insgesamt 609 Bewertungen
Bewertung vom 10.06.2018
Trope, Nicole

Das Finkenmädchen


ausgezeichnet

Das Cover kommt wunderschön verspielt und romantisch daher, aber der Inhalt des Buches hat es wirklich in sich.
Die Farm ist ein sehr moderates australisches Gefängnis, in dem weibliche Insassen auf die Freiheit vorbereitet werden. Die junge Birdy ist geistig recht einfach gestrickt und wirkt zunächst eher harmlos, so dass man sich als Leser fragt, was sie überhaupt dorthin verschlagen hat. Doch als eine neue Insassin, die fünfzigjährige gutsituierte Rose, dort inhaftiert wird, scheint Rose plötzlich finstere Pläne zu schmieden. Die beiden so unterschiedlichen Frauen eint eine gemeinsame geheimnisvolle Vergangenheit, von der Rose zunächst nichts ahnt. Denn die einstige Nachbarstochter Felicity, jetzt unter dem Spitznamen Birdy bekannt, hat sich auch optisch sehr verändert. Was plant Birdy, und was haben Rose und Birdy verbrochen?
In hoch interessanten Rückblenden, bei denen Birdy und Rose jeweils als Ich-Erzählerinnen fungieren, werden diese Fragen auf erschütternde Weise beantwortet. Die Autorin gibt dabei ihren beiden Protagonistinnen unverwechselbare Stimmen. Während Felicity ihre Umwelt zum Teil rätselhaft bleibt, ist Rose die bekannte Frau eines einstigen Fernsehstars, der viele Jahre eine erfolgreiche Kindersendung moderierte. Doch dann kam er gewaltsam ums Leben und sein Tod wirft viele Fragen auf…
Geschickt manövriert die Autorin ihre Leserschaft durch die Rätsel der Vergangenheit, während man gleichzeitig von der Frage in Atem gehalten wird, ob Birdy Rose etwas antun wird. Die Erzählung blieb fesselnd bis zu einem Schluss, der für mich alle Fragen beantwortet hat. Ein ungewöhnliches Buch, in dem nicht einmal eine Voliere voller Finken so harmlos ist, wie sie erscheint.

Bewertung vom 01.06.2018
Barnett, David M.

Miss Gladys und ihr Astronaut


gut

Thomas Major erinnert nicht nur zufällig an Major Tom aus Bowies berühmtem Song Space Oddity. Seine Mutter hat ihn direkt danach benannt, da ihr Ehename Major lautet. Wie viele Kinder ist Thomas in seiner Kindheit fasziniert von Star Wars, verbindet damit aber ein sehr unangenehmes Erlebnis. Sein Vater lässt ihn im Kino allein, um Zeit mit seiner Affäre zu verbringen. Als Thomas die beiden überrascht, ist ihre Beziehung nicht mehr die gleiche. Zudem kommt Thomas jüngerer Bruder früh ums Leben. Thomas wächst zu einem misanthropischen Menschen heran, der sich selbst und dem Leben nicht vertraut. Seine Ehe scheitert.
Er arbeitet bei der britischen Weltraumorganisation, doch eigentlich nur als Chemitechniker. Geplant ist dort der erste bemannte Flug zum Mars. Als der eigentlich Astronaut unerwartet ausfällt, gelingt es Thomas auf skurrile Weise, sich die Mission zu erschleichen. Am reizvollsten ist für ihn am All, dass es dort keine Menschen gibt.

Als nach dem Start die herkömmliche Verbindung zur Erde ausfällt, ist Thomas auf ein sogenanntes Iridium-Telefon angewiesen. Während er versucht, seine Exfrau anzurufen, erreicht er unter ihrer Telefonnummer allerdings nur noch die liebenswerte, aber fortschreitend demente Miss Gladys. Gegen seinen Willen wird Thomas immer mehr in ihre Probleme verstrickt. Denn Gladys muss sich um ihre halbwüchsigen Enkel Ellie und James kümmern, solange deren Vater Darren im Gefängnis sitzt. Doch da sie das ihr zur Verfügung gestellte Geld an einen Betrüger verloren hat, stehen die drei kurz vor der Obdachlosigkeit, bedingt durch Mietschulden. Jetzt kann eigentlich nur noch helfen, wenn James einen Schüler-Wissenschafts-Wettbewerb gewinnt, bei dem genau die benötigte Summe als Preisgeld ausgesetzt ist. Und ist da "Major Tom" nicht genau der Richtige um zu helfen? Hat er nicht trotz seiner griesgrämigen Art das Herz am rechten Fleck?

Thomas Weltverachtung hat mir Spaß gemacht und wird sehr humorvoll dargestellt. Auch die tüchtige Ellie empfand ich als liebenswerte Protagonistin. Dennoch erschien mir die Erzählung streckenweise ziemlich konstruiert. Es ist zwar gesellschaftsfähig, das Thema Demenz unterhaltsam darzustellen. Mich hat es aber doch etwas belastet und nach einer Weile angestrengt, darüber zu lesen. Zum Ende hin zog sich die Geschichte für mich, da sich Hindernis über Hindernis auf dem Weg zum Wettbewerb auftürmt. Der Abschluss ging zwar durchaus zu Herzen, war für mich aber nicht völlig glaubwürdig und vor allem viel zu Flatulenz-lastig.

Bewertung vom 27.05.2018
Dittmar, Vivian

Der emotionale Rucksack


gut

Dass Menschen zuweilen überreagieren, weil aktuelle Situationen unbewusst an alte Narben anknüpfen, ist mir sehr wohl bewusst. Die Autorin findet dafür das stimmige Bild des emotionalen Rucksacks, den es aufzuarbeiten gilt.

Leider stellt sich erst nach zahlreichen Kapiteln heraus, dass es für diese Aufarbeitung eines Partners bedarfs und die Aufarbeitung in den seltensten Fällen allein gelingt. Ich finde, ein derartiger Hinweis gehört an den Anfang des Buches, bzw. auf den Klappentext, um Enttäuschungen zu vermeiden. Leider leben wir in einer Gesellschaft, in der nicht jeder Mensch über derartige Vertrauenspersonen verfügt. Da hilft auch der umsichtige Hinweis nicht weiter, dass man sich in diesem Fall eine Person, bekannt aus psychologischen Seminaren, zu Hilfe nehmen soll. Die überwiegende Mehrheit der Menschen hat vermutlich einen derartigen Hintergrund an Seminaren nicht. Auch bedarf es einer grundsätzlichen Bereitschaft, sich und seine Probleme einem anderen derartig weit zu öffnen. Auch diese Bereitschaft sollte nicht bei jedem Leser vorausgesetzt werden.

Die vorgestellte Technik der bewussten Entladung des emotionalen Rucksacks klingt überraschend einfach und auch äußerst sinnvoll, ist für mich persönlich aber daher nahezu vollständig abstrakt geblieben.

Interessanter waren für mich dadurch eigentlich die vielen Hintergrundinformationen, z.B. die Unterschiede in den Wirkungen der MBSR-Technik und der Metta-Meditation, die die sehr sympathisch wirkende Autorin anschaulich erläutert.

Bewertung vom 20.05.2018
Ruby, Laura

Die Suche nach dem Schattencode / Chroniken von York Bd.1


ausgezeichnet

"Die Suche nach dem Schattencode" ist der erste Teil der neuen Serie "Chroniken von York". Angesiedelt in einem parallelen New York der Gegenwart voller Steampunk-Elemente, treffen wir die jungen Geschwister Theodore und Theresa. Sie sind nach den Zwilligen Theresa und Theodore Morningstar benannt, die mit ihren genialen Erfindungen im 19. Jahrhundert die Welt regelrecht revolutionierten, bevor sie auf mysteriöse Weise verschwanden. Noch heute suchen viele Menschen nach ihrem geheimen Vermächtnis, bei dem es sich um einen Schatz oder die Erklärung ihrer Werke handeln könnte. Die heutigen Theodore und Theresa wirken ebenso intelligent wie ihre berühmten Namensvettern. Auch ihr Wortwitz hat mir unglaublich viel Spaß gemacht. Sie bewohnen eins der ehemaligen Morningstar-Gebäude, das von dem rücksichtslosen Investor Darnell Slant gekauft und abgerissen werden soll. Gemeinsam mit dem Nachbarsjungen Jaime machen sie sich auf die Suche nach dem Code, in der Hoffnung, das Gebäude doch noch retten zu können.

Eine atemlose Rätseljagd quer durch New York entfaltet sich, bei der die drei auch von Nine, einer Mischung aus Siamkatze und Serval, begleitet werden. Als Katzenfan habe ich mich in Nine regelrecht verliebt. Man merkt, dass sich die Autorin mit Katzen auskennt. Überhaupt ist die Chrarakterisierung aller Protagonisten äußerst gelungen, bis hin zu allen Nebenfiguren, z.B. weiteren Nachbarn. Das Buch hat mich nicht nur amüsiert, sondern durchweg gefesselt. Das ist wieder einmal ein Jugendbuch, das auch Erwachsene zu begeistern vermag. Ich freue mich schon auf weitere Bände!

Bewertung vom 13.05.2018
Ellwood, Nuala

Was ihr nicht seht


sehr gut

Mit diesem psychologischen Thriller hat die Autorin mich wirklich bestens unterhalten. Was ist Realität und was existiert nur in der Phantasie ihrer Protagonistin Kate?

Kate tritt als Ich-Erzählerin auf, und so erfahren die Leser die Geschichte aus ihrer Perspektive. Doch Kate ist in mehrfacher Hinsicht traumatisiert. Ihre Kindheit war geprägt durch den alkoholabhängigen Vater und den rätselhaften Tod ihres Bruders. Ihre Tätigkeit als Kriegsreporterin tut ein Übriges, und ihre langjährige Beziehung zu einem verheirateten Mann endete unter äußerst belastenden Umständen. Schon lange nimmt Kate Pychopharmaka, um die Kriegsgräuel überhaupt mit ansehen zu können. Vor allem der kürzliche Tod eines kleinen syrischen Jungen verfolgt sie noch immer.

Nach dem Tod ihrer Mitter kehrt Kate zurück in ihr leerstehendes Elternhaus. Auch ihre Schwester Sally ist mittlerweile dem Alkohol verfallen. Kates Schwager Paul bittet Kate um Hilfe, doch die Schwester stehen sich nicht nahe. Kate kann wenig für sie tun. Schon bald mehren sich ihre eigenen Probleme. Wer ist der kleine Junge mit blaugeschlagenem Gesicht nachts im Garten des Nachbarhauses, von dem die Mieterin des Hauses angeblich nichts weiß? Verfolgt Kate ihre Vergangenheit oder ist dort wirklich ein Kind in Not?

In raffinierten Rückblenden entfaltet sich Rätsel um Rätsel aus der Vergangenheit der Schwestern, bezüglich des Nachbarhauses und der Geschehnisse in Syrien. Gleich zu Anfang erfahren wir, dass sich Kate selbst in Polizeigewahrsam befindet. Was hat sie sich zu schulden kommen lassen? Geschickt legt die Autorin falsche Fährten und lässt den Leser immer mehr an ihrer Protagonistin zweifeln.

Nach etwa zwei Dritteln des Romans wird die Erzählung von Sally als Ich-Erzählerin übernommen. Auch hier ist die Charakterisierung der Protagonistin äußerst fein gezeichnet, glaubwürdig und gelungen. Ich begann zwar irgendwann, die richtige Person vage zu verdächtigen, aber ich wäre niemals hinter das wahre Ausmaß der Geheimnisse gekommen. Zum Ende des Buches entfaltet sich ein wahres Feuerwerk an Ideen. Die Autorin behält dabei stets den Überblick und lässt keine Frage unbeantwortet.

Das Cover ist sehr hochwertig gestaltet mit seinen ausgestanzten Buchstaben, die den Buchtitel bilden. Das verlaufene Titelbild wirkt gleichzeitig gefährlich und geheimnisvoll und passt daher wunderbar zum Inhalt.

Bewertung vom 08.05.2018
Michaelis, Antonia

Wind und der geheime Sommer


ausgezeichnet

Antonia Michaelis gehört zu meinen absoluten Lieblingsautorinnen. Daher lese ich auch ihre Kinderbücher, obwohl ich schon sehr lange nicht mehr zur eigentlichen Zielgruppe gehöre. Es fasziniert mich einfach, wie in ihren Romanen Realität und Phantasie unmerklich ineinander übergehen. Für diesen magischen Realismus ist „Wind und der geheime Sommer“ geradezu ein Paradebeispiel.
John-Marlon ist ein Scheidungskind, in der Schule nicht gerade beliebt, und auch der abwesende Vater hat nur wenig Interesse, regelmäßig Zeit mit ihm zu verbringen. Eigentlich ist John-Marlon ziemlich einsam – bis er eines Tages in einer Berliner Seitenstraße ein loses Brett in einem Bauzaun entdeckt und sich in einem geheimnisvollen Urwald wiederfindet. In einem Bauwagen lebt dort ganz allein ein Mädchen, das sich selbst Wind nennt. Wind kann nicht nur wunderbar Geige spielen. Alles was sie erzählt, wird wahr, so dass John-Marlon auf einmal phantastische Abenteuer erlebt. Nach und nach findet er dort auch weitere Freunde, denn neben John-Marlon entdeckten noch andere Kinder, die sich selbst als Außenseiter begreifen, den Weg zu Wind. Es ist beinahe wie im Paradies. Doch es gibt auch einige Schatten: Wer verstreut die rätselhaften, irgendwie bedrohlich wirkenden rosa Blütenblätter? Warum darf man Wind nur zu bestimmten Uhrzeiten besuchen? Und die drängendste Frage von allen: Warum sagt Wind, sie werde am Ende des Sommers verschwunden sein?
Die Geschichte um Wind und ihre Freunde ist spannend, poetisch, lehrreich und geht zu Herzen. Das vor Detailreichtum überbordende Titelbild illustriert die Geschichte wunderbar. Zusätzlich gibt es passende Illustrationen im Innenteil. Ganz besonders hat mir die Wahl der Kapitelüberschriften gefallen, die die wissenschaftlichen und deutschen Namen der Pflanzen tragen, die in den Urwaldabenteuern eine Rolle spielen. Ich habe mit Wind, ihrer Bande und deren Familien mitgefiebert und war froh, dass das Ende mich vollauf zufrieden gestellt hat.

Bewertung vom 06.05.2018
Haig, Matt

Wie man die Zeit anhält


ausgezeichnet

Schon "Ich und die Menschen" von Matt Haig hat mich wunderbar unterhalten, zum Lachen gebracht und angerührt. Das trifft auch auf seinen neuen Roman zu.

Tom Hazard kam im 16. Jahrhundert zur Welt. Er ist nicht unsterblich, aber er altert unglaublich langsam und ist gegen die meisten Krankheiten immun. Nur sehr wenige Menschen teilen diesen Gendeffekt. Sie nennen sich selbst Albas, da man den Albatros für besonders langlebig hält. Angeführt wird der Orden vom geheimnisvollen Hendrich. So privilegiert so einen Dasein auch erscheinen mag, zwingt es die Albas doch, immer wieder neue Identitäten anzunehmen, um unentdeckt zu bleiben, und von geliebten Menschen endgültig Abschied zu nehmen. So hat Tom einst seine große Liebe Rose an die Pest verloren. Zu spät erfährt er, dass auch ihre gemeinsame Tochter Marion eine Alba ist. Marion ist verschwunden, und Tom begibt sich auf eine jahrhundertelange Suche nach ihr.

Die Erzählung erfolgt nicht chronologisch, sondern mäandert durch die Jahrhunderte und über die Kontinente. Nach und nach entfaltet sich die ganze Tragik von Toms Existenz, die dennoch mit angenehm leichter Hand berichtet wird. Schon Faust ging mit dem Teufel den Pakt ein, er dürfe ihn in Fesseln schlagen, wenn er zum Augenblick spräche: "Verweile doch, du bist so schön!" Um ähnlich große Fragen geht es auch hier: "Wenn ich ohne Zweifel leben könnte, was würde ich tun?... Wenn ich lieben könnte, ohne die Angst verletzt zu werden?... Wenn ich die Zeit nicht fürchten würde, keine Angst davor hätte, wen sie mir nimmt?... Welche Wege würde ich gehen?... Kurz, wie würde ich leben?" Die Erzählung gleitet jedoch nie ins Abstrakt-Philosophische, sondern bleibt stets spannend, da Tom erfahren muss, dass sein Orden nicht das ist, was er scheint. Und so beginnt auch für den Langlebigen ein rasender Wettlauf mit der Zeit...

Das Titelbild mit seinen sanften Tönen in Blau und Grün ist einfach wunderschön und illustriert den Titel herausragend. Es war mir ein Vergnügen, Tom auf der Suche nach seinem persönlichen Rezept zum Stopp der Zeit zu begleiten.

Bewertung vom 02.05.2018
Jones, Ruth

Alles Begehren


ausgezeichnet

Kate begegnet dem 17 Jahre älteren Callum 1985. Kate ist Anfang 20, Callum verheiratet. Seine Frau Belinda ist hochschwanger mit ihrem dritten Kind. Obwohl Callum seine Familie sehr liebt, beginnt er eine stürmische Affäre mit Kate. Dies kostet ihn beinahe seine Ehe. Die Story springt ins Jahr 2002. Kate ist nun verheiratet mit Matt, Mutter von Tallulah und eine gefeierte Schauspielerin. Doch die perfekten Fassade bröckelt: Kate hat Essstörungen und Depressionen, die Ehe ist für Matt eine Gratwanderung, immer orientiert an Kates Stimmungsschwankungen. Und was hat sich 1985 genau abgespielt, dass Kate Callum einfach nicht vergessen kann?

Die Ereignisse der Gegenwart werden mit denen der Vergangenheit im Wechsel erzählt, so dass man nach und nach die Motive der Protagonisten immer besser nachvollziehen kann. Dabei ändern sich auch die Blickwinkel und der Leser erhält Einblick sowohl in Kates und Callums Gedankenwelten, aber auch in die von Matt und Belinda. Hinzu treten starke Nebenfiguren wie Matts Jugendfreundin. Alle Charaktere sind plastisch und unverwechselbar ausgearbeitet und keiner wird den Leser kalt lassen. Davon lebt der Roman ebenso wie von seiner klaren Sprache. Die Leidenschaften der Figuren fesseln bis zum Schluss.

Auch der Buchumschlag hat meinen Geschmack getroffen, mit einem leuchtenden Tropenvogel vor neutralem Hintergrund. Auch wenn er keinen direkten Widerhall in der Handlung findet, kann sich jeder selbst an einer Interpretation des Zusammenhangs versuchen.

Bewertung vom 02.05.2018
George, Nina

Die Schönheit der Nacht


sehr gut

Dies war mein erster Roman dieser Autorin, über die ich schon sehr viel Positives gehört habe.

"Erstaunlich, eigentlich, dachte Claire. Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist. Die Erde dreht sich, und wir versinken in der Nacht, während die Sonne bleibt. Wir sind es, die untergehen."

Mit solchen Sätzen hat das Buch mich wirklich begeistert. Der Lesefluss hat etwas Tänzerisches, fast wie Musik.

Die erfolgreiche Verhaltensbiologin Claire fühlt sich zunehmend abgeschnitten von ihren Gefühlen. Nur nach außen hin scheint ihr Leben perfekt. Ihr Mann Gilles hatte schon einige Affären, und auch Claire trifft sich nun mit Fremden in Hotelzimmern, um wieder etwas zu spüren. Sie kommt sich immer mehr wie ein Stein, ein Fossil, vor, ein Muttertier, das all seine Kraft für den mittlerweile erwachsenen Sohn Nicolas aufgebraucht hat.
Wie jeden Sommer verbringt die Familie ihren Urlaub im eigenen Ferienhaus in der Bretagne. Doch diesmal ist Nicolas' 19jährige Freundin Julie mit von der Partie. Zunehmend glaubt Claire in Julie ihr jüngeres Ich zu erkennen. Und bald erwachen bei beiden Frauen in der Sommerhitze starke Gefühle füreinander....

Der Roman lebt neben der herausragenden Sprache vor allem von den Protagonisten und ihrem Innenleben. Obwohl mich jeder Charakter fasziniert hat, ist mir keiner wirklich nahegekommen. Claires tiefe Faszination für Julie, die auf mich sehr unreif und nur äußerlich schön wirkte, ist mir etwas fremd geblieben. Dennoch habe ich den Roman durchweg genossen und das Ende fand ich äußerst gelungen. Er hat mich angeregt, auch die anderen Romane von Nina George zu lesen.

Bewertung vom 29.04.2018
Rother, Stephan M.

Ein Reif von Bronze / Die Königs-Chroniken Bd.2


ausgezeichnet

Es handelt sich hier um den wunderbaren zweiten Band der Königschroniken aus der Welt der heiligen Esche. Den ersten Band sollte man unbedingt gelesen haben, denn beide Teile sind inhaltlich so miteinander verwoben, dass sie auch gut in einem Buch hätten erscheinen können. Dennoch ist es gut so, wie es ist. Wo sich im ersten Band die Geschichte über größere Zeiträume erstreckte, ändert der Autor das Erzähltempo hier erheblich. Der überwiegende Teil der Erzählung ereignet sich während der mystischen Raunacht.

Wieder folgen wir den vertrauten Erzählsträngen: Da sind die Stämme des Nordens um Stammesfürst Morwa, seine rivalisierenden Söhne und seine uneheliche Tochter Sölva. Die Südländerin Leyken, noch immer gefangen in der Rabenstadt der heiligen Esche, kommt geradezu unglaublichen Geheimnissen auf die Spur. Der ehemalige Diebesjunge Pol bekommt mit dem Korsaren Teriq einen interessanten Gefährten gestellt. Ein weiterer neuer Charakter ist Bjorne, der sich schnell zu meinem Lieblingsprotagonisten entwickelte. Er wird wohl auch Sölvas Herz gewinnen, was der Erzählung bereits jetzt einen zusätzlichen Reiz gab.

Der Roman lebt nicht nur von seiner fulminanten Handlung, in der ein Cliffhanger den anderen ablöst. Er punktet auch mit seiner bildgewaltigen, lautmalerischen Sprache, die zu atmosphärischer Dichte führt. Wer wie ich darüber staunt, dass sich Figuren in Fantasyroman mittlerweile manchmal schon "ok" zurufen, wird mit den Königschroniken seine helle Freude haben. Hier verbinden sich Handlung und Sprachstil zu einem stimmigen Gesamtkunstwerk.

Erneut bleibt die Spannung bis zu Erscheinen des dritten und leider letzten Bandes auf einem hohen Niveau, denn für jede beantwortete Frage ergeben sich mehrere neue. Alles ist eben mit allem verbunden, das wird im Lauf der Geschichte immer wieder betont und entspricht zufällig meiner eigenen Lebensphilosophie. Diese Verflechtung zeigt sich auch daran, dass der Autor wieder virtuos mit mythologischen Versatzstücken spielt, zum Beispiel dem Mythos vom schlafenden König, und ihnen völlig neue überraschende Seiten abgewinnt.

Nach diesem Band freue ich mich noch mehr, ein Mitglied des Ordens der heiligen Esche sein zu dürfen.