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Raumzeitreisender
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Buchwurm, der sich durch den multidimensionalen Wissenschafts- und Literaturkosmos frisst

Bewertungen

Insgesamt 791 Bewertungen
Bewertung vom 05.08.2016
Matthews, Andrew

So machst du dir Freunde


ausgezeichnet

Nichts ändert sich, außer man selbst ändert sich

Das Buch handelt, wie schon der Titel verspricht, von zwischenmenschlichen Beziehungen. Im Umgang mit anderen Menschen haben wir, wie uns Autor Andrew Matthews versichert, immer die Wahl zwischen verschiedenen Verhaltensweisen. Das Buch dient dazu, gewohnte Verhaltens- und Denkmuster kritisch zu hinterfragen und neue Wege aufzuzeigen.

Andrew Matthews ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Cartoonist und Porträtist. 70 Illustrationen dienen zur visuellen Unterstützung seiner Thesen, die er auf 6 Kapitel verteilt in leicht lesbarer Form präsentiert. Der Autor spricht die Leser direkt an und erzeugt dadurch eine intime Atmosphäre. Kleine Geschichten, die in die Texte eingewoben sind, untermauern die wichtigsten Aussagen des Buches. Am Ende der Kapitel bzw. Abschnitte befinden sich unter der Rubrik „Des Pudels Kern“ kurze Zusammenfassungen.

Das Buch ist hinsichtlich der Aussagen zeitlos, dazu humorvoll und leicht verständlich geschrieben. Hintergründe werden nicht wissenschaftlich aufgearbeitet, sondern Kernaussagen plausibel begründet. Matthews geht die Themen pragmatisch an. Seine Erkenntnisse sind nicht neu und sie leuchten unmittelbar ein („Aha-Effekt“). Es ist so, als ob Matthews zahllose psychologische Ratgeber analysiert hätte und er die Quintessenz daraus in seinem Buch auf witzige Art und Weise präsentiert.

Bewertung vom 05.08.2016
Tolstoi, Leo N.

Krieg und Frieden


ausgezeichnet

Ein historisches Monumentalwerk

„Krieg und Frieden“ beinhaltet die Geschichte der drei russischen Adelsfamilien Bolkonski, Besuchow und Rostow über einen Zeitraum von 7 Jahren (1805 – 1812). Es ist die Zeit von Napoleon I und Zar Alexander I. Die Perspektive ist die des russischen Adels. Es handelt sich um ein epochales Werk, bestehend aus zahlreichen unterschiedlichen Handlungssträngen, eingewoben in ein umfangreiches Beziehungsgeflecht. Ein Nachwort gibt Aufschluss über den weiteren Werdegang der Protagonisten. Außerdem wird die Zeit Napoleons I aus russischer Sicht reflektiert.

Der Roman umfasst 250 Personen, was dazu führen kann, dass man als Leser mit den Namen und den Beziehungen durcheinander geraten kann. Einmal angelesen, sollte man am Ball bleiben und den Roman zügig zu Ende lesen. Belohnt wird man durch einen Familien- und Bildungsroman mit historischem Hintergrund, der das gesellschaftliche Leben und die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der russischen und der französischen Armee auf plastische Weise darstellt. Die Leser befinden sich mitten im Geschehen.

In dem Roman kommen historische Personen wie Napoleon I und Kutusow (Oberbefehlshaber der russischen Armee) ebenso vor, wie detaillierte Beschreibungen der Schlachten von Borodino und Smolensk, sowie die Besetzung Moskaus durch die Franzosen und deren Abzug. Als Leser taucht man ein in diese Zeit und bekommt Perspektiven vermittelt, die in Geschichtsbüchern fehlen.

Tolstoj thematisiert, dass bei den kriegerischen Auseinandersetzungen der Zufall eine viel größere Rolle gespielt hat, als große Feldherren uns Glauben machen wollen. Befehlsketten funktionierten oftmals nicht, weil z.B. Boten nicht ankamen oder sich die Umstände zwischenzeitlich geändert hatten. Das Chaos auf den Kriegsschauplätzen war weitaus größer als die Planspiele der Strategen am grünen Tisch uns weismachen wollen. Der Roman beinhaltet eine massive Kritik am Krieg (s. z.B. die Ausführungen von Fürst Andrej Bolkonski bei seinem letzten Treffen mit Graf Pierre Besuchow).

Die Erzählungen sind einfach und verständlich. Die Spannung hält sich in Grenzen, was bei Klassikern (aus unserer heutigen Perspektive betrachtet) nicht ungewöhnlich ist. Dafür ist der Roman reich an Hintergrundinformationen und Charakterbeschreibungen, die in modernen Thrillern häufig fehlen. Ein Interesse an russischer Literatur sollte vorhanden sein, wenn man zu diesem Monumentalwerk greift.

4 von 5 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 05.08.2016
Sacks, Oliver

Das innere Auge


sehr gut

Veränderte Wahrnehmungen

Autor Oliver Sacks, bekannt durch das Buch „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“, beschreibt Fallgeschichten aus seiner Praxis als Neurologe. Er versteht es, schwierige Sachverhalte für ein breites Publikum allgemeinverständlich aufzubereiten. Verletzungen oder Erkrankungen des Gehirns können dazu führen, dass die Patienten in eine Realität eintauchen, die Außenstehenden bizarr erscheint. Die Leser lernen eine fremdartige Welt kennen.

Da ist zum einen der Fall Lilian Kallir. Sie ist eine Pianistin, die krankheitsbedingt keine Noten und keine Schrift mehr lesen kann, obwohl sie beides gut erkennen kann. In einem weiteren Kapitel geht es um Patricia, einer Künstlerin, die an Sprachverlust leidet. Sie ist nicht stumm, sondern ihr fehlt das Verständnis für Sprache. In einem dritten Fall geht es um den Schriftsteller Howard Engel, der aufgrund eines Schlaganfalls zwar noch Schreiben, aber nicht mehr lesen kann.

Sacks berichtet auch über seine eigene Krankheitsgeschichte, über die er Tagebuch geführt hat. Er hatte einen bösartigen Tumor im Auge. Es werden Facetten einer Erkrankung deutlich, die nicht primär im Fokus stehen, wenn man an Krebs denkt. Neben seinen eigenen Empfindungen beschreibt Sacks im Detail Wahrnehmungsstörungen, die durch die Erkrankung und die spätere Behandlung ausgelöst wurden. Besonders hat ihn der Verlust des stereoskopischen Sehens getroffen, welcher zwangsläufig eintritt, wenn die Sehkraft auf einem Auge schwindet.

Sacks Ausführungen sind nüchtern, verständlich und auch humorvoll. Pessimismus, den man angesichts der behandelten Themen erwarten könnte, ist ihm fremd. „Das innere Auge“ ist kein Fachbuch für Mediziner, sondern ein Buch von Betroffenen für Betroffene und für interessierte Menschen, die die Grenzen ihrer Vorstellungswelt erweitern möchten. Der Autor beschreibt, wie die Krankheiten sich entwickeln und wie die Patienten damit umgehen. Der Verlust an Lebensqualität führt nicht dazu, dass sie ihren Lebensmut verlieren.

Bewertung vom 05.08.2016
Käppner, Joachim

Berthold Beitz - Die Biographie


sehr gut

Der letzte Ruhrbaron

Joachim Käppner, studierter Historiker, beschreibt das Lebenswerk von Berthold Beitz und das ist beeindruckend. Beitz ist in einfachen Verhältnissen in einem Dorf in Pommern aufgewachsen. Der Krieg führte ihn nach Boryslaw, in den damaligen Grenzen von Polen gelegen (heute Ukraine), wo er als Direktor de Karpathen-Öl AG tätig war und unter Einsatz seines Lebens der dortigen jüdischen Bevölkerung geholfen hat. Für seinen Einsatz wurde er 1990 mit der höchsten Auszeichnung geehrt, die Israel an Ausländer vergeben kann.

In der Nachkriegszeit machte er zunächst in Hamburg bei einem Versicherungsunternehmen Karriere. Auf persönliche Intervention von Alfried Krupp wurde er 1953 Generalbevollmächtigter des Krupp- Konzerns. Er wechselte von Hamburg nach Essen. Nach dem Tod von Alfried Beitz wurde er Vorsitzender des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach- Stiftung, die er im Geist und Andenken an den Stifter Alfried Krupp seit über 40 Jahren leitet.

Autor Käppner beschreibt zahlreiche Facetten aus dem Leben von Berthold Beitz. Hierzu gehören seine humanitären Leistungen, seine Unternehmenspolitik, sein Verhältnis zu Alfried Krupp, sein ostpolitisches Engagement und sein Einsatz für die Olympischen Spiele. Seine menschlichen Qualitäten haben dazu beigetragen, dass er sich zu einer der großen Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte entwickelt und Zeitgeschichte geschrieben hat. Beitz ist ein freiheitsliebender charismatischer Mensch mit dem intuitiven Gefühl für das Mögliche und dem Mut zum raschen, entschlossenen Handeln.

Das Buch ist nicht primär chronologisch, sondern themenbezogen aufgebaut. Das führt zu manchen Wiederholungen. Es ist verständlich geschrieben, macht neugierig und fesselt die Leser. Zudem enthält es zahlreiche Fotos und ein umfangreiches Quellenverzeichnis. Ich hätte mir mehr Stellungnahmen von anderen Menschen (außerhalb von Boryslaw) über Berthold Beitz gewünscht. Wie haben ihn Mitarbeiter, Angehörige aus der Unternehmerfamilie Krupp von Bohlen und Halbach, Gewerkschafter, Politiker, Manager und seine Gegner gesehen? Warum haben andere Menschen ihn so gesehen, wie sie ihn gesehen haben?

Berthold Beitz steht für verantwortliches Handeln unabhängig vom Mainstream, für die Versöhnung mit den Völkern Osteuropas, für soziales Engagement und für einen menschlichen Kapitalismus. Helmut Schmidt bringt es auf den Punkt: „Ich verbeuge mich vor seiner Lebensleistung und freue mich sehr, dass Joachim Käppner dieses mit der vorliegenden Biographie eines großen Mannes für die breite Öffentlichkeit ebenso tut.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 04.08.2016
Pestalozzi, Hans A.

Nach uns die Zukunft


sehr gut

Widersprüche in unserer Gesellschaft

Das Buch beinhaltet eine Sammlung zeitkritischer Vorträge von einem Mann, der das Staunen nicht verlernt hat. Er legt den Finger auf die Wunde, wenn er feststellt, dass moralische Prinzipien nur im privaten Umgang existieren und nicht im Wirtschaftsleben („Gelten für Ihren persönlichen Bereich und für ihre Familie die gleichen Verbrauchsmaßstäbe, die Sie auf Ihre potenziellen Kunden anwenden?“).

Autor Pestalozzi ist ein Querdenker. Er setzt sich schonungslos mit den Themen „Wirtschaft und Gesellschaft“, „Fortschrittsglauben“, „Wachstum“, „Demokratie und Rechtsstaat“, „Energie und Umweltschutz“ und „Technikgläubigkeit“ auseinander. Seine kritischen Erläuterungen haben ihm den Ruf eines Subversiven eingebracht. Er selbst sieht sich als positiver Subversiver. Seine Beispiele beziehen sich auf die Schweiz, sind aber problemlos auf andere Gesellschaften übertragbar.

Das Thema Erziehung zieht sich durch das gesamte Buch. Pestalozzi fragt sich und die Leser, wie man die Widersprüche unserer konsumorientierten Wachstumsgesellschaft, die er prägnant aufzeigt, seinen Kindern erklären soll. Er verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Pflichterfüllung und Verantwortung („Wie soll der Schüler lernen, dass Pflichten nur erfüllt werden dürfen, wenn die Folgen der Pflichterfüllung für ihn persönlich verantwortbar sind?“).

Das Buch ist über 30 Jahre alt. Pestalozzis Beispiele sind aktuell und auf die Gegenwart übertragbar. Geändert haben sich die Verhältnisse seitdem nicht, jedoch findet man heute in der Systemischen Evolutionstheorie von Peter Mersch plausible Antworten. In der Marktwirtschaft treffen zwei unterschiedliche Klassen von Evolutionsakteuren aufeinander, nämlich Menschen und Unternehmen, wobei Erstere für Letztere primär Ressourcen darstellen. Dieser Denkansatz liefert bislang die beste Erklärung für die Widersprüche zwischen dem Verhalten im privaten Umfeld und in der Wirtschaft.

Bewertung vom 04.08.2016
Kundera, Milan

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins


sehr gut

Liebesgeschichten in Zeiten des Kalten Krieges

„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, 1984 in Frankreich erschienen, führte dazu, dass der tschechische Autor Milan Kundera weltweit bekannt wurde. Bereits der Titel mit seinem Widerspruch in dem Begriff „unerträgliche Leichtigkeit“ deutet daraufhin, dass es sich um einen philosophischen Roman handelt. Aber das ist nur eine Facette dieses Werkes. Auf der Handlungsebene geht es um Liebesbeziehungen vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Damit ist es gleichzeitig ein politischer bzw. gesellschaftskritischer Roman.

Die Verhältnisse sind geprägt von Liebe und Untreue, von Freiheit und Abhängigkeit, von Dominanz und Unterordnung und von Leichtigkeit und Schwere. Das erste Paar besteht aus dem Chirurgen Tomas und der Kellnerin Teresa und das zweite Paar aus der Malerin Sabina und dem Dozenten Franz. Aber auch Tomas und Sabine kennen sich näher. Das Beziehungsgeflecht ist vielfältig und die Wünsche und Vorstellungen unterschiedlich. Es ist ein anspruchsvoller Roman, in den man sich vertiefen und verlieren kann.

Kundera wechselt häufiger die Erzählebenen, mal befindet er sich dozierend auf einer Metaebene und mal mitten in der Geschichte. Der Aufbau ist nicht chronologisch, Retrospektiven sind eingeflochten, Träume spielen eine große Rolle, aber auch ein kleiner Hund namens Karenin. Der Kalte Krieg beeinflusst das Leben und drückt auf die Atmosphäre im Prag der 1960er und 1970er Jahre. Das Ende ist tragisch, trotzdem ist der Roman erfrischend anders und damit lesens- und empfehlenswert.

Bewertung vom 04.08.2016
Lütz, Manfred

Irre! - Wir behandeln die Falschen


gut

Eine moderne Seelenkunde

Dem Titel nach zu urteilen handelt es sich um eine humorvolle Seelenkunde. Den Teil A und die beiden letzten Kapitel des Buches würde ich als humorvoll-weise einstufen. Hier thematisiert Psychiater und Psychotherapeut Manfred Lütz, wie „normal“ denn die sogenannten Normalos sind. Der Autor hat Erfahrungen als Kabarettist, wie hier deutlich wird.

Im Hauptteil dazwischen beschreibt Autor Lütz auf populärwissenschaftliche Art und Weise das Wesentliche von Psychiatrie und Psychotherapie. Es werden Krankheitsbilder erläutert und Fälle beschrieben. Dieser Teil ist lesenswert, entspricht aber nicht den Erwartungen der Leser, wenn sie sich am Titel bzw. Untertitel orientieren.

Lütz beleuchtet die positiven Seiten der Krankheiten („... so erinnern demenzkranke Patienten, die die Vergangenheit vergessen haben und die nicht in die Zukunft planen, uns alle daran, dass das Leben ausschließlich in der Gegenwart stattfindet“) und klärt die Leser über spektakuläre Phänomene auf („Nahtoderlebnisse sind aus wissenschaftlicher Sicht am plausibelsten zu beschreiben als Effekte geringer Hirndurchblutung, nicht mehr und nicht weniger“).

Bei der Behandlung geht es primär um Zweckmäßigkeit und nicht um Wahrheit („Frühere Auseinandersetzungen zwischen therapeutischen Schulen darüber, ob nun die biologische, die psychoanalytische, die verhaltenstherapeutische oder irgendeine andere Sicht wahr sei und alle anderen daher falsch, sind inzwischen glücklicherweise überwunden“).

Autor Lütz präsentiert eine Sicht auf psychische Krankheiten sowie auf seinen Berufsstand, die – im Gegensatz zu von älteren Büchern und Filmen geprägten Vorstellungen - offen und modern wirkt. Die Psychiatrie und auch die betroffenen Menschen werden in ein besseres Licht gerückt.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 04.08.2016
Muhr, Magnus

Das geheime Leben der Fliegen


gut

Herr der Fliegen

Stubenfliegen begleiten uns Tag für Tag, Grund genug, diesen Parasiten ein wenig Zeit zu widmen. Das Buch besteht aus einem zweiseitigen satirischen Vorwort und ca. 60 Bildern, in denen Fliegen die Hauptrollen spielen. Fliegen auf der Rolltreppe, Fliegen beim Musizieren, Fliegen beim Hockey und Fliegen bei sonstigen eher menschlichen Aktivitäten. Das Leben zwischen Geburt und Klebestreifen kann sehr abwechslungsreich sein. Die Perspektive ist amüsant und die Idee originell. Die Leser werden kurzweilig unterhalten und nicht mit Tiefsinn belastet. Die Struktur ist übertragbar auf Ameisen, Kartoffelkäfer und Breitmaulfrösche. Der Preis ist zu hoch. Ein Werk zum Verschenken, wenn man eine ungewöhnliche Idee sucht.

Bewertung vom 04.08.2016
Ries, Wiebrecht

Nietzsche zur Einführung


weniger gut

Eine schwierige Einführung

Nietzsche zählt zu den großen Denkern des 19. Jahrhunderts. „Was die Sichtweise auf Nietzsches Bild und Werk angeht, so herrscht heute nahezu die gleiche Zerrissenheit und Uneinigkeit der Urteile und Ansichten wie zu Beginn unseres Jahrhunderts“, so Autor Wiebrecht Ries im Vorwort.

Das Buch gliedert sich in eine Einleitung zu Nietzsches Denken, Kurzbeschreibungen seiner Werke, seine Vernunft- und Moralkritik, den europäischen Nihilismus sowie eine Zusammenfassung, Literaturhinweise und eine Zeittafel. Seinem Hauptwerk „Also sprach Zarathustra“ widmet der Autor 15 Seiten.

Begriffe, die mit Nietzsche in Verbindung gebracht werden wie „Nihilismus“, „Gott ist tot“, „Ewige Wiederkunft des Gleichen“, „Umwertung aller Werte“ und „Übermensch“ werden anhand der Werke erläutert und in Beziehung zueinander gesetzt. Grundüberlegungen Nietzsches werden deutlich. Für den Einstieg kann ich das Buch nicht empfehlen.

Laut Vorwort handelt es sich um eine Einführung in Nietzsches Denken, die auch für den Laien noch lesbar ist. Diesem Anspruch wird der Autor nicht gerecht. Dafür enthält das Buch zu viele Fremdwörter und verschachtelte Sätze. Es handelt sich nicht um ein populärwissenschaftliches Buch, in dem Zusammenhänge in verständlicher Form für ein breites Publikum aufbereitet werden, sondern eher um eine Einführung für Fachleute.

Bewertung vom 04.08.2016
Koestler, Arthur

Der Mensch, Irrläufer der Evolution


weniger gut

Ein Kulturpessimist rechnet ab

Das Buch erschien 1978, also 5 Jahre vor Koestlers Tod. Es enthält nach eigenen Angaben eine Zusammenfassung seiner Arbeiten über die Wissenschaft vom Leben.

Arthur Koestler, Kulturphilosoph und vielseitiger Schriftsteller, war der Meinung, dass der Mensch im Wesentlichen „ein krankes biologisches Produkt“ sei. (11) Wenn man den Zustand der Menschheit sieht, im Hinblick auf Eigenschaften wie Gier, Hass und Verblendung und daraus resultierenden Verbrechen wie Krieg, Vergewaltigung und Ausbeutung, möchte man das fast glauben.

Koestlers Ausführungen stehen unter dem Einfluss von Hiroshima. Er beschreibt im Prolog das Pathologische unserer Natur („Töten von Artgenossen“ etc.) und geht dort bereits ausführlich auf die Ursachen ein. Die Menschheit hält er für psychisch krank. Er möchte, dass Mittel eingesetzt werden, die es dem rationalen Verstand ermöglichen, sich über die archaischen Teile des Gehirns (Instinkte, Emotionen, biologische Triebe) hinweg zu setzen, mit dem Ziel, den krassen Fehler der Evolution zu korrigieren und den Übergang vom Wahnsinnigen zum Menschen einzuleiten. (31)

Nach dieser Einführung stellt sich die Frage, ob man das Buch überhaupt weiter lesen sollte. Eine Vernunftherrschaft, bei der die Emotionen durch Medikamente überlagert oder gar ausgeschaltet werden ist Koestlers Ziel?

Koestler fordert ein neues Verständnis der Wissenschaft, mit welchem er sich in den Folgeseiten auch beschäftigt. Er stellt im ersten Teil die Holarchie vor, eine ganzheitliche Theorie, die besagt, dass die Strukturen der Welt über hierarchisch angeordnete Holons erklärt werden können.

Die Holarchie bildet keinen Ersatz für den Reduktionismus, kann aber als Ergänzung verstanden werden. Die Grundüberlegungen sind nicht wirklich neu, denn auch bislang waren hierarchisch angeordnete Entwicklungsstufen bekannt.

Der Fehler in Koestlers Denken besteht darin, der Evolution, also einem Entwicklungs- und Anpassungsrozess, bei dem das Überleben der Arten Priorität hat, Fehler zu unterstellen. Die Menschheit der Gegenwart existiert, weil die Entwicklung so verlaufen ist, wie sie verlaufen ist.

Koestler unterscheidet bei den Holons eine selbstbehauptende Tendenz (der Ganzheit) und eine integrative Tendenz (der Teilheit). (72) Mit diesem Ansatz lässt sich gesellschaftliches Verhalten erklären. Die Tragödie des Menschen besteht darin, dass die integrativen Tendenzen übermächtig geworden sind. Kriege werden nicht geführt, weil der Mensch zu aggressiv ist, sondern weil er seine Verantwortung abgibt, um einer größeren Sache (Nation, Religion, Diktator etc.) blind zu dienen. Die Experimente von Milgram lassen genau diese Schlussfolgerung zu.

Die Verantwortung wird an eine komplexere Einheit abgegeben. Diese Eigenschaften der Natur sind systemimmanent. Es handelt sich dabei nicht um einen fatalen Defekt (108), sondern um den Preis für den Aufbau komplexer Strukturen.

In weiteren Teilen des Buches kritisiert Koestler die synthetische Evolutionstheorie mit Argumentationsketten, die auch aus anderen wissenschaftskritischen Büchern bekannt sind, ohne eine naturalistische Alternative aufzuzeigen.

„Irrläufer“ ist eine menschliche Wertung, die Stammtischniveau hat, naturwissenschaftlich aber nicht greifbar ist. Entsprechendes gilt auch für die „Krone der Schöpfung“.

Das Buch kann ich nicht empfehlen. Wer das Buch liest, sollte Hintergrundwissen zu den behandelten Themen haben, um die Spreu vom Weizen trennen und Koestlers Thesen in eine Gesamtschau einordnen zu können.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.