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minjo
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Reutlingen

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Insgesamt 64 Bewertungen
Bewertung vom 28.11.2022
Klüpfel, Volker;Kobr, Michael

Der große Coup des Monsieur Lipaire / Die Unverbesserlichen Bd.1


gut

Vorhang auf für Monsieur Lipaire und seine bunte Dilettantentruppe

Vorab: Das Cover und auch den Titel finde ich sehr gelungen, ein richtiger Eyecatcher, der neugierig macht und schon konkrete Hinweise daraufhin liefert, was den Leser zwischen den Buchdeckeln erwartet.

Guillaume Lipaire - bzw. Wilhelm Liebherr - versucht das Beste aus seinem Leben nach der Trennung von seiner Frau zu machen und verdient sich neben seinem Job als Hausmeister im südfranzösischen Port Grimaud mit nicht ganz legalen Nebenvermietungen etwas dazu. Ansonsten lässt er es sich gutgehen und träumt davon, wieder zu Geld zu kommen. Als er jedoch in einer der Villen, die er betreut, eine männliche Leiche findet, hat er ein Problem, denn wenn er den Fund meldet, würde sein lukratives Nebengeschäft auffliegen. Also muss die Leiche weg und so wird sie kurzerhand mithilfe seines jungen Freundes Karim in der Bucht vor Port Grimaud versenkt. Doch damit fangen die Probleme eigentlich erst an und schnell kommen sie dahinter, dass die Leiche dabei war, eine örtliche Adelsfamilie um eine große Summe zu erleichtern. Kohle, die sie selbst ganz gut gebrauchen könnten ... Gemeinsam mit ein paar Gleichgesinnten, die sich alle mit kleinen Gaunereien über Wasser halten, versuchen sie, an das Geld zu kommen, bevor die Adeligen ihnen den Coup ihres Lebens vermasseln können.

Auf knapp 500 Seiten toben sich die mit dem Allgäuer Kultkommissar Kluftinger bekannt gewordenen Autoren Klüpfel und Kobr auf neuem Terrain und mit einer komplett neuen Idee aus. Sie wechseln dafür von der guten Seite des Kripo-Ermittlers auf die Seite der Leichtkriminellen. In einem sind sie sich aber treu geblieben: der Humor darf natürlich auch hier nicht zu kurz kommen und auch in Südfrankreich gibt es Fettnäpfchen en masse, in die Lipaire - der Hauptprotagonist - und seine kuriose Truppe in regelmässigen Abständen zielsicher tappen. Mit Lipaire selbst konnte ich mich leider bis zum Schluss nicht anfreunden, er ist mir zu glatt, unauthentisch, ein Schleimer, vor allem Frauen gegenüber bzw. allen, von denen er etwas haben will. Die weiteren Charaktere Karim, Jacqueline, Paul, Delphine und Lizzy sind unterhaltsam und entsprechen in jeder Hinsicht dem Anforderungsprofil: dilettantisch und unverbesserlich, aber durchaus sympathisch. Über die Nachvollziehbarkeit der Geschichte sowie der Handlungen einzelner Personen darf man sich bei dieser Geschichte nicht zu viele Gedanken machen: das Buch soll den Leser ja erheitern und unterhalten. Dennoch habe ich mich leider oft an sehr konstruierten Dialogen und hölzerner Ausdrucksweisen gestört, die einfach zu sehr gewollt-lustig daherkamen. Viele unnötig ausführliche Szenen hätte eine Überarbeitung und Kürzung gutgetan, um mehr Dynamik in die Story zu bringen. Hier hätte dem Buch ein finaler Feinschliff von einem erfahrenen Lektoren gutgetan.

Persönliche Meinung:
Es war höchste Zeit für einen Tapetenwechsel für die Autoren. Kluftinger ist auserzählt und sollte dringend in den Ruhestand geschickt werden oder den Heldentod sterben dürfen - die Fettnäpfchen werden zunehmend haarsträubender und Kluftinger wird nicht nur unglaubwürdiger sondern auch ins Lächerliche gezogen, viele Dialoge und Situationen ad absurdum geführt. Die Autoren haben sich gegenseitig überschlagen, um immer noch einen draufzusetzen und das fand ich im Lauf der Kluftinger-Entwicklung üer die Jahre immer überzogener.
Nun hat das Autorenduo also Monsieur Lipaire das Leben geschenkt und auch hier stellte ich fest, dass es allzu oft einfach zuviel des Guten ist und ich ertappte mich schon nach den ersten 100 Seiten, dass es mir zunehmend schwerer fiel, Situationen und Dialoge witzig zu finden und begann, mich zu fragen, ob die mit diesem Band begonnenene Reihe eine Art "Ocean's Eleven"-Serie auf Klüpfel/Kobr-Art werden soll? Zudem gab es mehr als deutliche Parallelen zu Louis de Funès. Insgesamt war die ganze Story sehr langatmig und aufgebläht, es dauerte lange, bis die Geschichte überhaupt in die Gänge kam, aber wirklich spannend wurde es bis zum Schluss nicht, es plätscherte entspannt dem Finale entgegen, ohne große Höhen und Tiefen. Dadurch fiel es mir schwer, dranzubleiben und die Geschichte wirklich bis zum Ende zu lesen. Eine Fortsetzung ist angekündigt - allerdings ohne mich als Leser.

Fazit: Ein nettes Katz- und Maus-Spiel an der idyllischen südfranzösischen Küste für unterhaltsame Lesestunden ohne Tiefgang - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Bewertung vom 28.10.2022
Sten, Viveca

Kalt und still / Hanna Ahlander Bd.1


ausgezeichnet

Für die junge Stockholmer Polizistin Hanna kommt es knüppeldick: Zuerst macht ihr Chef ziemlich unmissverständlich klar, dass sie sich eine andere Dienststelle suchen soll und stellt sie mit sofortiger Wirkung frei. Zuhause erwartet sie der nächste Tiefschlag: ihr Freund beendet die Beziehung und gibt ihr eine Woche Zeit, aus der Wohnung auszuziehen. Im Ferienhaus ihrer Schwester in Nord-Schweden verkriecht sich Hanna und leckt ihre Wunden, doch das Verschwinden eines jungen Mädchens dort lässt sie nicht los und so rutscht sie mehr oder weniger in den laufenden Fall und ergänzt bald das Ermittler-Team um Daniel Lindskog, Anton und Raffe. Bald müssen sie erkennen, dass nichts so ist, wie es nach außen hin scheint...

Mit "Kalt und still" beginnt Bestseller-Autorin Viveca Sten eine neue, vielversprechende Serie mit der Hauptprotoagonistin Hanna Ahlander. Die Handlung spielt in Are, einem beliebten Skiort im Norden Schwedens. Mit Hanna hat die Autorin eine spannende Figur geschaffen: auf den ersten Blick wirkt sie sehr introvertiert und auf ihren Job fixiert, doch je besser man sie kennenlernt, umso mehr erwärmt man sich für sie, denn sie hat das Herz auf dem rechten Fleck und wehrt sich gegen Ungerechtigkeit und falsche Loyalität. Sie leidet darunter, den Erwartungen ihrer Mutter nicht gerecht zu werden und hegt große Selbstzweifel. Auch der Ermittlungsleiter Daniel Lindskog ist einer der Hauptfiguren und ist wie Hanna ein Charakter mit Ecken und Kanten. Man fühlt mit, wie er den Spagat zwischen junger Familie und der Auflösung dieses Falles hinzubekommen versucht. Hanna und Daniel ergänzen sich gut und es läuft wohl darauf hinaus, dass diese beiden künftig gemeinsam ermitteln. Auch die weiteren Figuren sind gut ausgearbeitet und das Zerbrechen der fiktiven Familie Halvorssen geht wirklich unter die Haut. Durch die Zeitform Präsens ist alles sehr direkt und unmittelbar und durch die kurzen Kapitel wird das Tempo der Geschichte deutlich forciert. Die Spannung baut sich langsam, aber stetig auf. Es ist kein Krimi, wo sich die Aktionen wild überschlagen, alles läuft etwas entspannter auf die finale Auflösung zu, aber das tut dem Lesevergnügen absolut keinen Abbruch.

Mir hat der erste Fall mit Hanna Ahlander sehr gut gefallen und ich habe mich bestens unterhalten gefühlt. Ich habe mitgelitten - sowohl mit Hanna und Daniel, als auch ganz besonders mit dem Schicksal der Familie Halvorssen: wie schnell kann eine bisher (scheinbar) intakte Familie aus dem Gleichgewicht geraten und zerbrechen.... Doch auch das Schicksal der Menschen, die unter falschen Versprechungen und voller Hoffnung ins Ausland gelockt werden und dort gnadenlos ausgebeutet werden, wird einem schmerzlich vor Augen geführt. Dies passiert ja nicht nur in Schweden, sondern überall, auch in Deutschland.

Ich freue mich schon auf den nächsten Fall dieser neuen Serie und hoffe sehr, dass Viveca Sten nicht allzu lange mit der Fortsetzung auf sich warten lässt.

Bewertung vom 14.08.2022
Durst-Benning, Petra

Lebe deinen Traum / Die Köchin Bd.1


ausgezeichnet

Der erste Gang ist angerichtet ... bon appetit et chapeau!

Worum geht’s?
1880 Südfrankreich – Die junge Fabienne wächst als Tochter eines Schleusenwärters am Canal du Midi auf. Als ihre Mutter stirbt und der Vater alsbald eine neue Frau ins Haus holt, plant sie mit ihrem Freund heimlich ein neues Leben. Doch es kommt anders und sie landet in Carcassonne, wo sie die Bekanntschaft der jungen, geheimnisvollen Stéphanie macht, die ihr zu einer Anstellung auf dem Chateau ihrer Eltern verhilft. Fabienne ist glücklich, denn kochen ist ihre größte Leidenschaft. Doch dann schlägt das Schicksal noch einmal unerbittlich zu und Fabienne begibt sich erneut auf die Reise. Eine Reise, die sie quer durch Frankreich führt und sie viele wertvolle Erfahrungen machen lässt...

Zum Buch:
„Die Köchin – Lebe deinen Traum“ ist der erste Band der neuen historischen Trilogie von Bestsellerautorin Petra Durst-Benning. Er beschreibt Fabiennes Leben ab ihrem siebzehnten Lebensjahr und begleitet sie, bis sie Mitte zwanzig ist. Die Persönlichkeit Fabiennes wurde sehr klar herausgearbeitet - mit Fabienne hat die Autorin eine Protagonistin erschaffen, die man schnell ins Herz schließt und mit der man mitfiebert- und leidet. Mit der charismatischen, narzisstisch veranlagten Stéphanie wurde ein interessanter Gegenpol geschaffen, der sehr zwiespältige Gefühle auslöst. Die erste Begegnung der beiden auf dem Chateau endet schicksalhaft, aber man spürt, diese zwei Frauen werden sich in den nachfolgenden Bänden der Trilogie sicher wiedersehen. Auch die historischen Hintergründe und Lokalitäten des Romans sind sehr gut recherchiert und fließen harmonisch in die Geschichte ein. Eines wird schon in diesem ersten Teil sehr deutlich: es ist eine kulinarische Genussreise quer durch Frankreich. In nahezu jedem Kapitel meint man, neben Fabienne in der Küche zu stehen und all die Düfte und Aromen zu riechen und zu schmecken – es ist buchstäblich Lesen mit allen Sinnen und lässt einem das Wasser im Munde zusammenlaufen. Sehr gelungen und insgesamt stimmig ist auch die ganze Aufmachung vom Cover über die Kapitelgestaltung bis zum Anhang, welcher noch einige Rezepte zum nachkochen beinhaltet.

Persönliche Meinung:
Man schlägt das Buch auf, fängt an zu lesen und kann es dann kaum noch aus der Hand legen. Das ist definitiv einer der großen Stärken der Autorin: man ist sofort mittendrin und bleibt es bis zum Ende. Ich bin selbst keine leidenschaftliche Köchin, aber das muss man auch nicht unbedingt sein, um diesen Roman genießen zu können.
Fabienne ist eine Protagonistin, die man schnell ins Herz schließt und deren Handlungen nachvollziehbar und schlüssig sind. Für meinen Geschmack ist sie etwas zu brav, aber das kann sich ja in Band 2 und 3 noch ändern. Sehr gespannt bin ich auch auf die weitere Entwicklung von Stéphanie, die ich fast noch interessanter finde als Fabienne. Auf jeden Fall haben beide Persönlichkeiten noch genug Entwicklungspotential und ich bin mir sicher, da wird noch einiges passieren.

Fazit:
Gelungener Auftakt einer neuen, mitreissenden Trilogie. Hier kommen nicht nur Hobbyköche auf ihre Kosten - am besten Termine für die nächsten 1-2 Tage absagen, zurücklehnen und genießen!

Bewertung vom 10.08.2022
Capus, Alex

Susanna


weniger gut

Worum geht’s?
Susanna Faesch wird 1844 als jüngstes Kind einer gutbürgerlichen Familie in Basel geboren und zeigt schon früh ihren außergewöhnlichen Charakter. Als sie acht Jahre alt ist, verlässt ihre Muter ihren Vater und nimmt Susanna mit, um mit ihr ein neues Leben in New York mit dem Freund ihres Mannes, dem Arzt Karl Valentiny zu beginnen. Schon in jungen Jahren macht sich Susanna einen Namen in ihrem Viertel Brooklyn als Porträtmalerin. Sie heiratet und bekommt einige Jahre später ein Kind. Jahrelang lebt sie mit Valentiny und ihrer Mutter unter einem Dach, bis beide versterben. Mit Mitte 40 schließlich bricht Susanna mit ihrem Sohn zu einer Reise in den Mittleren Westen auf, wo sie die Bekanntschaft von Häuptling Sitting Bull macht, der die amerikanischen Ureinwohner zum Widerstand gegen die Regierung anführt, die immer größere Anteile ihrer Territorien für die Besiedlung durch Weiße freigibt.

Zum Buch:
Eines muss man Alex Capus lassen: er ist ein großartiger Geschichtenerzäler. Wobei sein Buch „Susanna“ nicht einfach eine Geschichte ist, sondern eine biographische Erzählung über das Leben von Susanna Faesch, die wohl bekannter unter ihrem Künstlernamen Caroline Weldon ist, den sie sich in mittleren Jahren zugelegt hat. Alex Capus' etwas antiquierter Schreibstil passt wunderbar zu dieser Erzählung und zu der Zeit des späten 19. Jahrhunderts, um die es hier geht. Die Perspektive wechselt gerade in der ersten Hälfte des Buches mehrmals, so lernt der Leser auch die Eltern von Susanna sowie Karl Valentiny näher kennen. Für die doch überschaubare Gesamtseitenzahl von 286 nehmen diese Exkursionen jedoch sehr viel Raum ein. Die Geschichte dümpelt über lange Strecken vor sich hin und erst, als es mit Susanna's Aufbruch gen Westen interessanter zu werden verspricht, nimmt das Buch ein geradezu abruptes und nicht sehr schlüssiges Ende. Über Susanna Faesch aka Caroline Weldon ist im Internet und zahlreichen Publikationen viel zu finden, sogar verfilmt wurde ihr eindrucksvolles Wirken für die Rechte der amerik. Ureinwohner. Umso weniger kann ich nachvollziehen, warum der Autor sich auf die erste Lebenshälte Susanna's konzentriert, die im Vergleich zu ihrem späteren Wirken als Bürgerrechtlerin doch wenig Ereignisreiches bietet. Er beleuchtet Susanna's Wesen und Leben von allen Seiten, doch wieviel davon ist Fiktion und wieviel Wahrheit? Hierzu hätte ich mir spätestens einen Epilog des Autors gewünscht, in dem er auf diese Punkte näher eingeht. Doch es findet sich weder ein Prolog noch ein Epilog. Das Covermotiv ist zwar sehr interessant, lässt den Leser aber genauso wie der Klappentext doch etwas anderes erwarten, als dann tatsächlich geliefert wird.

Persönliche Meinung:
Da ich bisher von Alex Capus nichts gelesen habe, war ich frei von Erwartungen und habe mich aufgrund der interessanten Leseprobe sehr auf das Buch gefreut. Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen, da er doch etwas besonderes ist. Leider wurde der weitere Verlauf der autobiographischen Erzählung dann aber zunehmend zäh und ich musste mich immer wieder motivieren weiterzulesen in der Hoffnung, dass es bald interessanter werden möge, sobald Susanna auf Sitting Bull trifft. Susanna Faesch ist mir leider nicht wirklich nähergekommen. Sie mag eine faszinierende Frau ihrer Zeit gewesen sein, aber leider ist der Funke nicht übergesprungen, dies zu vermitteln. Das Ende ist zudem wohl der künstlerischen Freiheit zum Opfer gefallen, denn in Wahrheit hat sich lt. historischer Quellen die Verbindung zu Sitting Bull anders zugetragen. Schade, aus diesem Buch hätte man mehr machen können und müssen!

Fazit:
Interessanter Schreibstil, aber das alleine tröstet nicht über die Tatsache hinweg, dass man über die „wahre“ Susanna Faesch/Caroline Weldon nicht wirklich viel erfährt und selbst davon ein großer Teil fiktiv sein dürfte.

Bewertung vom 03.07.2022
Bernstein, Lilly

Findelmädchen


ausgezeichnet

Worum geht's?
Helga, 15, und ihr ein jahr älterer Bruder Jürgen erfahren bei ihren Pflegeeltern Claire und Albert in Frankreich, dass ihr Vater den Krieg überlebt hat und in ihrer Heimatstadt Köln auf sie wartet. Die Wiedervereinigung mit ihrem leiblichen Vater ist herzlich, doch von ihrer Mutter fehlt jede Spur. Gerade Helga kann den Gedanken nicht aufgeben, was damals in ihrer Kindheit passiert sein mag. Sie beginnen ihr neues Leben in Köln, Jürgen geht bei Ford in die Lehre und Helga wird gegen ihren Willen auf der Haushaltsschule angemeldet, was sie sehr unglücklich macht, da es ihr sehnlichster Wunsch ist, auf's Gymnasium zu gehen. Im Rahmen eines Praktikums wird Helga in ein Waisenhaus geschickt und erlebt dort, wie unendlich grausam mit den Kindern umgegangen wird. Besonders die kleine, dunkelhäutige Bärbel wird seelisch und körperlich gequält und Helga kann nicht anders, sie muss handeln...

Zum Buch:
"Findelmädchen" ist die Fortsetzung von "Trümmermädchen", konzentriert sich aber auf die Geschichte von Helga und Jürgen. Man muss den ersten Band nicht gelesen zu haben, um den Nachfolger zu verstehen, beide stehen auch sehr gut für sich alleine. Es spielt in Köln Mitte der 50-Jahre: die Stadt ist immer noch deutlich gekennzeichnet mit Brandnarben aus dem Krieg, viele Menschen leben in halben Ruinen, Flüchtlinge aus den Ostgebieten darben ein armseliges Leben. Doch überall ist die Stadt im Aufbruch und die jungen Leute tanzen ausgelassen zur Musik von Elvis Presley, tragen Jeans und Petticoats und begehren gegen ihre Eltern auf. Was die 50-er Jahre ausmacht, wurde sehr anschaulich im Buch umgesetzt, man spürt förmlich den Puls der Zeit.
Doch hinter den oft glitzernden Fassaden gibt es immer noch die alten, harten Strukturen und Hierarchien. Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Waisenhäuser und dem Schicksal der Besatzerkinder. Was sie ertragen mussten, mag sich kaum ein Mensch vorstellen. Der gut recherchierte Blick hinter diese Kulissen ist wirklich kaum auszuhalten ...Und wieder einmal bewahrheitet es sich: die wahre Bestie ist der Mensch (selbst wenn sie als Nonne daherkommt).
Auch die weiteren Charaktere wie z.B. Fanny sind authentisch und mit ihrer eigenen interessanten Geschichte ausgestattet, die nach und nach ans Tageslicht kommt.

Persönliche Meinung:
"Findelmädchen" hat mich von der erste Seite an mitgerissen. Helga und Jürgen sind mir schnell ans Herz gewachsen, weshalb ich vor allem mit Helga sehr mitgelitten habe und ihre Empfindungen und Handlungen gut nachvollziehen konnte. Die Autorin hat einen wunderbaren, warmherzigen Schreibstil und ihre Geschichte gleicht einer emotionalen Achterbahnfahrt. Ganz besonders mitgenommen haben mich die Geschehnisse im Waisenhaus und ich fragte mich ein ums andere Mal, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind. Was dort und in vergleichbaren Einrichtungen geschah, ist ja kein Fantasiekonstrukt der Autorin, sondern leider die bittere Wahrheit, wie man inzwischen weiß.
Im übrigen finde ich es absolut richtig, dass im Buch das N-Wort verwendet wurde: es ist ein Zeugnis der damaligen Zeit und gehört somit auch nicht verfälscht.

Fazit:
Ein wunderschöner Roman, der auch die dunklen Seiten der Vergangenheit nicht auslässt und Wahrheit mit Fiktion verschmelzen lässt. Absolute Leseempfehlung!

Bewertung vom 30.06.2022
Serle, Rebecca

In fünf Jahren


ausgezeichnet

Die Ankündigung auf dem Cover "Dies ist eine Liebesgeschichte ... aber nicht die Liebesgeschichte, die du erwartest." trifft absolut ins Schwarze! DIESE Liebesgeschichte habe ich so nicht erwartet und umso mehr hat sie mich daher berührt und mitgerissen.

Doch von Anfang an:
Die junge Anwältin Dannie lebt ein durchgetaktetes Leben in New York. Wie ihr Freund David verfolgt auch sie ehrgeizig ihre beruflichen Ziele und weiß auch im Privatleben ganz genau, was sie will und wann der richtige Zeitpunkt dafür ist. Es läuft alles "nach Plan", doch dann hat sie am Abend ihrer Verlobung einen Traum, der sie genau fünf jahre in die Zukunft versetzt. Sie wacht in einer ihr fremden Wohnung auf, mit einem fremden Mann. Obwohl sie nach diesem Erlebnis wieder in ihrer vertrautetn Wohnung aufwacht, lässt sie diese Zukunftsvision nicht mehr los. Etwa vier Jahre später trifft sie den Fremden wieder - es ist ausgerechnet der neue Partner ihrer besten Freundin Bella. Was hat das alles nur zu bedeuten?

Zum Buch:
Das ansprechende Cover verspricht auf den ersten Blick eine kurzweilige Liebesgeschichte, doch schon recht bald merkt man, dass sich zwischen den Buchdeckeln wesentlich mehr verbirgt als ein oberflächliches Leseerlebnis. Dannie erzählt die Geschichte aus ihrer Perspektive (ich-Form), wodurch man sie im Laufe der Geschichte recht gut kennenlernt, jedoch verblassen dadurch die weiteren Figuren zwangsläufig etwas - was schade ist, denn diese sind ebenfalls interessant und hätten das Potential, mehr Raum in der Geschichte einzunehmen. Doch der Umfang von 317 Seiten ließ das wohl einfach nicht zu. Der Story hätten weitere 150 Seiten gutgetan, um noch mehr Tiefe zu erreichen. Die Kapitel haben eine angenehme Länge und der Schreibstil ist sehr flüssig und bildstark. Besonders das Leben in der Weltmetropole New York wird sehr lebendig beschrieben. Wer die Stadt schon erleben durfte, wird das Big Apple-Feeling bestimmt schätzen.

Persönliche Meinung:
Ich brauchte etwas Zeit, um mit Dannie warm zu werden. Ihre stets kontrollierte Daten-Zahlen-Fakten-Attitude waren mir einfach zu fremd, um mich zu berühren. Doch das änderte sich spätestens, als ihre Freundin Bella krank wird. Dannies Fassade beginnt zu bröckeln, ihre selbsterrichtete Schutzmauer (die nur dazu da war, sie vor einem weiteren schweren Verlust wie den ihres Bruders zu schützen) bekommt Risse und zum Vorschein kommt die wahre Dannie, wodurch es klarer wird, warum diese so unterschiedlichen Charaktere von Dannie und Bella in so unverbrüchlicher Freundschaft zueinander gefunden haben. Das Ende der Geschichte war für mein Empfinden zu kurz und zu abgehackt. Hier hätte ich mir doch sehr gewünscht zu erfahren, wie Dannie den Verlust erlebt und wie sie damit umgeht. Doch das kam gerade am Ende viel zu kurz. Mich haben auch die gut verpackten Lebensweisheiten und so manche poetische Stelle sehr berührt. Kurzum: ich konnte das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen und es ist so manche Träne geflossen.

Fazit:
Für mich eines der Buchhighlights 2022 und deshalb eine absolute Leseempfehlung!

Bewertung vom 26.06.2022
Klüpfel, Volker;Kobr, Michael

Affenhitze / Kommissar Kluftinger Bd.12


sehr gut

Cover und Titel versprechen bereits einen neuen spannenden Fall für Kommissar Kluftinger, derzeit Interims-Polizeipräsident, und sein launiges Team.
In einer Tongrube im Ost-Allgäu haben Wissenschaftler sensationelle Funde gemacht, u.a. Knochen des über 11 Millionen alten "Urzeitaffen Udo", der die Annahme der Paläontologen befeuerte, dass die Wiege der Menschheit im Allgäu zu verorten sein könnte. Priml! Wer hätte das gedacht??
Doch ausgerechnet bei einem Festakt wird im Beisein des bayerischen Ministerpräsidenten die Leiche von Professor Brunner gefunden. Sofort werden die Ermittlungen aufgenommen, die - wie es sich für einen Krimi gehört - in alle möglichen Richtungen gehen und mehrere Verdächtige ans Tageslicht befördern, die alle ein Motiv gehabt haben könnten.

Wer die Kluftinger-Reihe kennt, weiß, dass der jeweilige Fall immer nur einen Teil der Geschichte ausmacht und oftmals auch zur Nebensache mutiert, denn letztendlich geht es ja um "Klufti" selbst. So auch hier: Neben der Aufklärung des Falls ist er beschäftigt, die Tagesmutter seiner Enkelin zu beschatten, er entdeckt zudem die Welt der "Sozialmedien" und mutiert in kürzester Zeit zum unfreiwilligen lokalen Facebook-Star, lernt (mehr oder weniger gekonnt) das Drohnenfliegen und hilft seiner Frau tatkräftig bei der Ansammlung von Flohmarktkrempel. Auch Doktor Superschlau-Langhammer darf natürlich wieder nicht fehlen - ohne ihn wäre es auch nur halb so witzig. Doch auch sein Team, allen voran Richie Maier und Lucy Beer, sorgen für amüsante Szenen mit und rund um Klufti.

Das Buch ist schon dank des Covers ein richtiger Eyecatcher - fällt auf jeden Fall schnell ins Auge und ist auch von der Oberflächenstruktur super gemacht. Wie immer taucht man auch bei "Affenhitze" sehr schnell in die Geschichte ein, der Schreibstil der beiden Autoren ist erprobt flüssig und bildstark. Man kann gar nicht anders: Das Kopfkino fängt unweigerlich an zu laufen und zeigt einen herrlich kurzweiligen Film.

ABER: Als Leserin der ersten Stunde finde ich, dass es die Autoren immer mehr übertreiben, was die Tollpatschigkeit und Naivität ihres Hauptprotagonisten anbelangt. Das kratzt dann wirklich schon ordentlich an der Glaubwürdigkeit eines "Kommissars", so erheiternd sich manche Szene auch lesen lässt. Kluftinger verkommt mit den Jahren immer mehr zur Witzfigur, den man nicht mehr ernst nehmen kann (Stichwort "Sozialmedien"). Anscheinend tun es auch seine Erfinder inzwischen nicht mehr. Vielleicht sollten sie langsam über ein würdiges Ende
ihrer Kluftinger-Reihe nachdenken, bevor es immer mehr in völlige Unglaubwürdigkeit abdriftet. Das ist dann nämlich irgendwann auch nicht mehr lustig zu lesen.

Übrigens sind die Funde rund um Urzeitaffe Udo keine Erfindung der Autoren. Diese wurden tatsächlich vor wenigen Jahren von Wissenschaftlern der Uni Tübingen in der Tongrube Hammerschmiede in Pforzen / Allgäu gefunden.
Die Fakten dieser Entdeckung wurden sehr gut und vor allem wahrheitsgetreu im vorliegenden Kluftinger"Fall" eingearbeitet. Ach ja, eine Leiche unterm Bagger wurde bei den echten Ausgrabungen zum Glück nicht entdeckt ...

Fazit:
Kurzweilige und amüsante Lesestunden sind garantiert, perfekt für heiße Urlaubstage!

Bewertung vom 08.06.2022
Winslow, Don

City on Fire Bd.1


ausgezeichnet

Zum Inhalt:
In Providence, Rhode Island leben im Jahr 1986 die irischen und italienischen Mafia-Familien in relativ friedlicher Koexistenz. Über den Frieden wacht vor allem Clan-Chef Pasco Ferri, der sich jedoch in absehbarer Zeit in den Ruhestand nach Florida verabschieden will. Auch den Sommer des Jahres 1986 verbringen die Familien an der Küste, grillen sogar noch gemeinsam bei Pasco Ferri. Doch als eine schöne Frau, Pam, zuerst Paul Moretti und dann Liam Murphy den Kopf verdreht, ist es mit dem Frieden jäh vorbei.
Mittendrin steckt Danny Ryan, aufgewachsen mit den Murphy-Brüdern und Ehemann einer Murphy-Tochter und somit Teil des Murphy-Clans. Obwohl er im Kern ein anständiger Kerl ist, der seinen Lebensunterhalt eigentlich am liebsten durch ehrliche Arbeit verdienen würde - möglichst auch weit weg vom Dogtown-Viertel und der Mafia - liebt er dennoch seine Frau und seine Freunde zu sehr. Mitgehangen - Mitgefangen. Aus dem Frieden der Clans entwickelt sich ein unerbittlicher Krieg, dem zahlreiche Mitstreiter zum Opfer fallen., unter anderem auch Pat Murphy. Plötzlich steht Danny Ryan an der Spitze und muss Entscheidungen fällen, die er lieber nicht treffen würde. Ein letzter Coup soll ihm zum Ausstieg und einem Neubeginn in Kalifornien verhelfen, doch leider hört er nicht auf sein Bauchgefühl ...

Zum Buch:
Das Buch ist in drei Hauptteile unterteilt, die jeweils von einem düsteren, aber stimmigen Hintergrundbild und einem passenden Zitat eingeleitet werden. Die Perspektiven wechseln häufig, so dass man die Möglichkeit hat, alle wichtigen Charaktere kennenzulernen. Der Hauptprotagonist ist allerdings ganz klar Danny Ryan, aus dessen Perspektive auch überwiegend erzählt wird. Don Wilson hat für seine Buch die Zeitform Präsens gewählt, was ich erst ungewohnt, dann aber sehr angenehm empfand, da sie die Story so direkt und unmittelbar transportiert, dass man als Leser wirklich mittendrin ist. Auch die Sätze sind wie die Kapitel kurz und knackig, was gut zu dem hohen Erzähltempo passt und die Handlung immer schneller vorantreibt, bis es auf das scheinbar unausweichliche Ende zusteuert. Die Ausdrucksweise ist sehr direkt und oft auch sehr öbszön, das f-Wort kommt in gefühlt jedem dritten Satz vor, aber das ist wohl dem beschriebenen Milieu geschuldet.

Meinung:
Für mich war es das erste Buch von Don Wilson, aber sicher nicht das letzte. Obwohl Mafia-Geschichten nicht zu meinen bevorzugten Genres zählen, war ich durch die Leseprobe neugierig geworden, da die Hauptfigur Danny Ryan doch eine sehr vielversprechende Komplexität versprach - und ich wurde nicht enttäuscht. Auch die anderen Charaktere sind erfreulicherweise sehr vielschichtig und interessant angelegt und erlauben weitere Perspektiven auf das Leben der Mafia-Familien. So fragte ich mich z.B. immer wieder, wie die Frauen und Mütter so ein Leben nur ertragen können, in dem sie ständig Angst um das Leben ihrer Männer und Söhne haben müssen. Auf der anderen Seite dann die rohe Gleichgültigkeit der Männer, mit der sie ihren Kontrahenten das Leben nehmen und dabei an Brutalität und Grausamkeit nicht geizen. Auf einen Toten mehr oder weniger scheint es dabei nicht anzukommen. Ab und zu erscheint es einem, als ob testosteron-gesteuerte Pubertiere aufeinander losgehen, weil einer dem anderen sein "Spielzeug" weggenommen hat - man möchte ihnen allen am liebsten die Ohren langziehen und dem kindischen Gehabe ein Ende setzen.
Das Ende lässt einige Fragen unbeantwortet, da die Story in Band zwei ja weitergehen wird und die Neugier darauf entsprechend angeheizt werden soll. Ich kann es jedenfalls kaum erwarten, bis die Fortsetzung erscheint!

Fazit:
Gute Story und sehr vielschichtige, interessante Charaktere. Dazu mit Danny Ryan ein Hauptprotagonist, mit dem man sich schnell anfreundet, weil er im Grunde seines Herzens eine ehrliche Haut ist, der mit dem Mafia-Milieu eigentlich nichts zu tun haben möchte. Ein Buch, dass man kaum aus der Hand legen kann, spannend, brutal, tr

Bewertung vom 01.04.2022
Wendt, Lena

Danke, Afrika! Was ich zwischen Dschibuti und Marokko fürs Leben lernte.


sehr gut

Faszination Afrika

Da ich Bücher von Langzeit-Reisenden und Aussteigern sehr gerne mag, hat mich dieses Buch gleich angesprochen, zumal das Cover sehr einladend ist: Eine junge, hübsche Frau, die alleine durch verschiedene Staaten Afrikas reist - wow, das verspricht auf jeden Fall ein spannendes und kurzweiliges Lesevergnügen.

Und dieses Versprechen wurde auch durchaus gehalten. Die Autorin bereiste zwischen 2008 - als sie zum ersten Fall nach Afrika kam - und 2020 insgesamt 25 afrikanische Länder und berichtet von ihren Erfahrungen und Erlebnissen. Dabei beschreibt sie nicht nur die Schönheit der Natur und die einzigartige Tierwelt, auch die Schattenseiten bringt sie zur Sprache, sei es die Armut, der Umgang mit Müll oder anderen Schwierigkeiten. Dabei beginnt ihr Buch schon mit einer großen Herausforderung, denn sie befindet sich zu Beginn des ersten Corona-Lockdowns in Marokko, wo sie letzttendlich auch sesshaft geworden ist. Das Buch wechselt ständig zwischen der Gegenwart (2020 in Aourir / Marokko) und ihren früheren Reisen durch viele afrikanische Länder, angefangen 2008 mit Südafrika. So lernt sie viele Facetten Afrikas, die Kultur und die Menschen, die ihr begegnen, kennen und vor allem lieben. Hier findet sie die Freiheit, die sie in Deutschland vermisste.

Das Buch liest sich mehr wie ein Roman als wie ein Reisebericht. Alles ist sehr anschaulich beschrieben, so dass das innere Kopfkino genug Input bekommt.
Ich bewundere den Mut und den Freigeist der Autorin, gleichzeitig befremdete mich jedoch so manche Verhaltensweise. So ließ sie z.B. ihren Freund Tomar an der Elfenbeinküste zurück und besuchte ihn nur hin und wieder zwischen ihren Reisen - ansonsten zog sie ihr eigenes "Ding" durch, reiste viel und verfolgte ihre eigenen Interessen und Projekte. Obwohl es sicher richtig war, dass sie ihm signalisierte, dass sie nicht für sein Leben verantwortlich sei, war es doch reichlich naiv zu glauben, dass eine Beziehung auf Augenhöhe möglich sei, da die Grundvoraussetzungen der beiden einfach zu unterschiedlich war. Ich finde es aber ehrlich und vor allem authentisch, dass sie Situationen wie diese nicht beschönigend beschrieben hat, um sich selbst in einem besseren Licht darzustellen. Trotz allem spürt man schließlich in jedem Kapitel ihre große Liebe und Faszination zu diesem Kontinent.

Das Buch hat ein angenehmes Format und enthält viele, wirklich sehr gelungene (Farb-)Fotos der Autorin, die bei mir sofort einen akuten Schub Fernweh auslösten. Einzig die Untertitel zu den Fotos hätten gerne etwas größer ausfallen dürfen, so dass man nicht fast schon eine Lupe bemühen muss, um sie zu entziffern.

Alles in allem ein schönes und kurzweiliges Buch für alle, die gerne etwas mehr über Afrika, seine Kultur und Menschen erfahren möchten.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 21.11.2021
Nesbø, Jo

Eifersucht


ausgezeichnet

7 Geschichten - 7 Facetten der Eifersucht

Zugegeben, das Cover ist ziemlich schlicht, wenn auch durch den Anschein der verwischten Tränenspuren ein gelungener erster Anhaltspunkt auf das Hauptthema "Eifersucht" zu finden ist. Doch der Name des Autors und der Titel lassen das Cover schnell in den Hintergrund treten und so war ich neugierig, was sich zwischen den Buchdeckeln versteckte.

Das Buch enthält sieben unterschiedlich lange Geschichten über eines der elementarsten Gefühle des Menschen: die Eifersucht. Wohl jeder von uns ist schon damit in Berührung gekommen, doch jeder von uns geht anders damit um. Die meisten Menschen erleiden durch ihre eigenen Erfahrungen mehr oder weniger seelische Narben, manche bringt es an den Rand der Verzweiflung und oft auch darüber hinaus, wiederum andere trachten dem Verursacher oder Konkurrenten nach dem Leben ...

Es gibt sechs recht kurze Stories und eine lange, die meiner Meinung nach auch die beeindruckendste ist: Der griechische Ermittler Nikos Balli - Spezialist in Sachen Eifersucht - wird zu einem Fall auf die Insel Kalymnos gerufen, wo er einen Vermissten finden soll. Der Vermisste und sein Bruder hatten sich in diesselbe Frau verliebt. Handelt es sich hier um Brudermord oder hat sich einer der Brüder das Leben genommen? Der Fall kann nicht mit absoluter Sicherheit geklärt werden. Einige Jahre später kehrt Nikos Balli auf die Insel zurück. Inzwischen hat er seinen Job an den Nagel gehängt, aber der alte Fall lässt ihn nach wie vor nicht zur Ruhe kommen, denn auch er hütet seit vielen Jahren ein düsteres Geheimnis.

Besonders diese Geschichte schwang noch einige Zeit nach. Allein schon der philosophische Gedanke über "The road not taken" ließ mich nicht los. Fragen sich nicht viele von uns "Wohin hätte mich wohl der andere Weg geführt, als ich mich damals an jener entscheidenden Weggabelung meines Lebens für den nun bekannten Weg entschieden habe"?

Jo Nesbo hat es wieder einmal geschafft: egal ob kurze oder lange Story - alle haben viel Tiefe und berühren auf ihre Weise. Jede beleuchtet unterschiedliche Facetten der Eifersucht und zeigt, wie vielschichtig dieses Thema ist. Die Geschichten sind alle sehr unterschiedlich, doch jede ist auf ihre Weise beeindruckend. Für den Schreibstil des Autors gibt es allerdings nur eine Bezeichnung: Brillant.

Fazit: Sehr unterhaltsames und zum philosophieren anregendes Buch - absolute Leseempfehlung!

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.