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Leseigel
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Villingen

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Insgesamt 1082 Bewertungen
Bewertung vom 24.04.2022
Neuwirth, Günter

Caffè in Triest


sehr gut

mehr lesenswerter Gesellschaftsroman als Krimi
Inspector Bruno Zabini hat einen neuen Fall. Eine Leiche wird aus dem Meer gezogen. Das Opfer ist Anhänger der Irredentisten. Die Spur führt in die Triester slowenische Gemeinschaft. Das macht den Fall heikel, da es zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen den Bevölkerungsgruppen kommen könnte.

Ausgerechnet in dieser Situation ist Zabini durch private Komplikationen abgelenkt. Jemand hat sein Verhältnis zu schönen, verheirateten Fedora verraten. Das könnte das Ende seiner Polizeikarriere bedeuten.

Wie schon bei Brunos 1. Fall tauche ich tief in die sozialen Verhältnisse Triests ein. Bereits 1907 waren starke nationale Kräfte am Werk, die eine Abspaltung von Österreich anstrebten. Spannend fand ich, wie sich die Nationalität auf den beruflichen Erfolg auswirkt. Gleichzeitig lerne ich den Kaffeehandel kennen, der in Triest zur damaligen Zeit eine wichtige Rolle spielt. Diese gesellschaftlichen Umstände sind Dreh-und Angelpunkt für den aktuellen Fall. Politischer Hintergrund oder persönliches Tatmotiv ?

Gleichzeitig muss sich Bruno mit den Folgen seines lockeren Liebeslebens auseinandersetzen. Zwar war Ehebruch genau so gang und gäbe wie heute, nur waren die Konsequenzen für die Beteiligten, wenn es denn rauskam, Existenz bedrohend.

Was mir gut gefallen hat, war die Erzählweise. Der Autor lässt auch die Täterseite zu Wort kommen. Ich wusste immer mehr als die Polizei, was eine besondere, wenn auch andere als übliche Spannung erzeugt hat. Nicht die Tat an sich steht im Mittelpunkt, sondern die gesellschaftlichen Umstände und die Persönlichkeit des Täters, der mir übrigens von Herzen unsympathisch war. Bruno dagegen hat weitere Sympathien gewonnen, weil er Verantwortung übernimmt und für die Folgen seines Verhaltens einsteht.

Insgesamt war der Krimi für mich fesselnd und lesenswert, auch wenn er die üblichen Bahnen verlässt. Dafür habe ich in meinen Augen erhellende Einblicke in die Triester Gesellschaft bekommen.

Bewertung vom 20.04.2022
Ziebula, Thomas

Engel des Todes / Paul Stainer Bd.3


ausgezeichnet

Blutiger März
Die junge Republik ist in Aufruhr. Kapp hat durch einen Putsch in Berlin die Macht übernommen. Auch in Leipzig kommt es zu Gegendemonstrationen der Arbeiter, die in Straßenkämpfe ausarten. Die rechten Kräfte innerhalb der Ordnungsmächte nutzen ihre Chance, die Linken in ihre Schranken zu weisen.

Die kriegsähnlichen Ereignisse lösen bei Stainer erneut überwunden geglaubte Traumata aus. Und dies zu einem Zeitpunkt, in dem Stainer alle Sinne beisammen haben muss, um einen brutalen Mörder zu stellen. Jemand tötet auf bestialische Weise Mitglieder der Fliegerstaffel, der auch der Rote Baron angehörte. Stainer muss den Täter unbedingt finden, bevor es weitere Opfer gibt.

Mit diesem Krimi hat mich der Autor überrascht. Dieses Mal stehen die aufgeheizte Stimmung nach dem Putsch und die Person des Täters im Mittelpunkt und weniger die polizeiliche Ermittlungsarbeit.

Der Autor hat mich durch die aufgepeitschte, fiebrige Atmosphäre, die er treffend und erlebbar schildert, dennoch emotional gefangen genommen.

Ich habe mit Stainer gelitten, der erneut seine traumatischen Kriegserfahrungen durchlebt, was dazu führt, dass er sich immer wieder in der Vergangenheit verliert und sich nicht auf die aktuellen Ereignisse konzentriert.

Interessant fand ich die Einblicke in die Psyche des Mörders, die bei mir Mitleid für seine Person hervor riefen, weil ich ihn auch als Opfer begreifen konnte.

Mit Wut erfüllt hat mich das Verhalten der Ordnungskräfte, die sich aus mehreren Gruppierungen zusammensetzen. Anstatt die Situation zu deeskalieren, haben Teile von ihnen durch Schüsse auf die Demonstranten und übertriebene Gewalt unschuldige Opfer zu verantworten.

Eine Figur, die mich sehr berührt hat, ist der Oberstleutnant der Reichswehr von Herzberg. Er verkörpert für mich das Ideal eines verantwortungsvollen Militärs. Doch leider ist er der Rufer in der Wüste.

Am Ende löst Stainer den Fall, aber der Satz, die Gerechtigkeit hat gesiegt, will nicht recht passen.

Mich hat der Krimi sehr bewegt. Die Handlung war packend und hat mich mitgerissen. Was ich aber noch viel stärker empfunden habe, der Krimi ist in meinen Augen eine Anklage gegen den Krieg, der im Grunde die Ursache für all die sinnlose Gewalt ist.

Bewertung vom 18.04.2022
Wood, Dany R.

Nur Bärbel backte besser


ausgezeichnet

Sehr guter cosy crime aus dem Saarland
Durch einen Sportunfall außer Gefecht gesetzt, kann Jupps Ehefrau Inge ihren hausfraulichen Pflichten nicht wie gewohnt nachkommen. Eine Putzfrau muss her und findet sich in der Person der Kroatin Ivana.

Auch Oma Käthe ist von der neuen Perle angetan und plant ein gemeinsames Backimperium mit ihr. Die Hoffnungen verwehen wie Staub im Wind, denn Ivanas Leben findet ein jähes Ende durch einen Sturz vom Balkon.

Nun schlägt Jupps große Stunde. Unterstützt durch Jürgen, einen zugereisten Lehrer aus Saarbrücken, stürzt sich Jupp in die Ermittlungen. Ivanas Mitbewohner im Mietshaus scheint deren Ableben nicht all zu viel auszumachen und Jupp erfährt einiges über ihre dunklen Seiten. Plötzlich gibt es Mordmotive ohne Ende und Verdächtige wie Sand am Meer.

Endlich wieder ein Fall für die Familie Backes, der meine Erwartungen, die ich aufgrund vorangegangenem Lesevergnügen bei den Vorgängerbände gehegt habe, mehr als erfüllt hat.

Die Familie Backes bestehend aus den Eheleuten Jupp und Inge sowie Inges Mutter, Oma Käthe sind (fast) Menschen wie Du und ich. Inge ist die gute Fee zuhause, die sich um den Haushalt kümmert und dafür sorgt, dass sich Jupp und Oma Käthe nicht gegenseitig umbringen. Jupp kümmert sich um die Sicherheit der Dorfbewohner, hält seine Ehefrau auf Trab und träumt davon, dass Oma Käthe endlich auszieht. Oma Käthe träumt von einer Unternehmerkarriere und sexueller Erfüllung, was des öfteren den Haussegen in Schieflage bringt. Aber wenn es um die Lösung eines Falles geht, arbeiten alle zusammen.

Was mir jedes Mal wieder gut gefällt und mich zum Lachen bringt, sind die Klischees und Vorurteile, die der Autor treffsicher in die Handlung einfließen lässt. So ist es nur verständlich, dass Jupp den zugereisten Lehrer aus der Stadt, der natürlich Vegetarier ist, misstrauisch beäugt. Genauso humorvoll sind die Unterhaltungen, in denen die Gesprächspartner beharrlich aneinander vorbei reden.

Dennoch gleitet das Buch nicht in den Klamauk ab, denn die Krimihandlung ist wohl durchdacht und gipfelt dieses Mal in einem Showdown, bei dem ich echte Sorgen um Jupp und Inge hatte.

Nicht zu vergessen die wohl dosierte Dosis Lokalkolorit .

Man muss nicht unbedingt mit dem Buch nach England reisen, um einen ausgezeichneten cosy crime zu lesen. Das geht auch hervorragend im Saarland, wie der Autor mit seiner Reihe über die Familie Backes beweist.

Bewertung vom 17.04.2022
Enriquez, Mariana

Unser Teil der Nacht


gut

Horrorroman ? ja - historisch ? nein
Juan und sein Sohn Gaspar scheinen auf der Flucht zu sein. Dabei sind sie auf dem Weg zu Juans Schwiegereltern, reichen und einflussreichen Plantagenbesitzer. Und was niemand wissen darf, die Schwiegereltern sind die Oberhäupter eines geheimen Ordens, der die Dunkelheit anbetet. Die Dunkelheit fordert Opfer von ihren Anhängern und das nicht im übertragenen Sinne. Die Dunkelheit verschlingt sie wie ein Ungeheuer, das nach Nahrung verlangt.

Juan ist der Mittler - das Medium -, durch den die Dunkelheit spricht. Juan hasst diese Rolle, die ihm aufgezwungen wurde und die machtgierige, skrupellose Familie seiner verstorbenen Frau. Seinem Sohn Gaspar will er dieses Schicksal, das ihn zum Werkzeug verabscheuungswürdiger Verbrechen macht, ersparen. Kann man den Kampf gegen die Dunkelheit gewinnen ?

Im Klappentext des Buches heißt es, der Roman wäre eine Reise durch die argentinische Geschichte . Dem kann ich nicht zustimmen. Es gibt einzelne Anmerkungen zur Rolle der Einwanderer und der Macht der reichen Plantagenbesitzer und das war es dann auch.

Für mich ist die Geschichte definitiv ein Horrorroman und nichts für zart besaitete Gemüter. Es werden unsägliche Grausamkeiten geschildert und eklige Details beschrieben, die mich, die ich auch gerne Horrorgeschichten lese, an meine Grenzen gebracht haben.

Der Erzählstil ist in meinen Augen gelungen. Es kommen in den Kapiteln jeweils verschiedene Beteiligte zu Wort, so dass die Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet werden und ein stimmiges Ganzes ergeben. Hätte ich nicht während eines großen Teils des Buches auf den geschichtlichen Zusammenhang gewartet, hätte mich die Handlung sicher mehr mitgerissen. So bleibt ein Gefühl unerfüllter Erwartungen, hervorgerufen von einem Klappentext, der in meinen Augen in die Irre führt.

Gut gefallen hat mir die Vater-Sohn-Beziehung, die zum einen geprägt ist von Herzlosigkeit und Grausamkeit, aber dann auch von aufopfernder Liebe erzählt.

Wenn ich eine Figur benennen müsste, die ich annähernd sympathisch fand, dann verdient es meiner Ansicht nach Gaspar am ehesten. Er wird in diese Familie hinein geboren, aber man enthält ihm das Wissen über den Orden vor. So sind ihm viele Dinge unverständlich und er versucht dennoch ein so normales Leben wie möglich zu führen. Dabei zeigt er Empathie und Verantwortungsbewusstsein.

Mein Fazit bleibt gespalten. Als historischer Roman ist das Buch bei mir glatt durchgefallen. Als Horrorgeschichte hat es durchaus seine Qualitäten. Es ist erschreckend und wartet mit verstörenden Einfällen auf. Mir war es aber an einigen Stellen zu abstoßend.

Bewertung vom 10.04.2022
Johannsen, Emmi

Mordseefest / Caro Falk Bd.3


ausgezeichnet

Sprung in den Tod
Borkum im Sommer bedeutet Sonne, Meer, Lebensfreude und das alljährlich statt findende große Strandfest. Dieses Mal endet der Spaß für einen der Fallschirmspringer, die immer das Ende der Veranstaltung bilden, tödlich. Nach anfänglichem Entsetzen und Mitgefühl für die schwangere Witwe erhält das Bild des Toten dunkle Flecken.

Caro und Jan, die beiden Hobby- Detektive, müssen feststellen, dass es für den Mord einige Verdächtige gibt. Das Mordopfer war nicht der liebende Ehemann und allseits beliebte Sportsfreund wie gedacht. Bei den vielen möglichen Tätern ist es nicht leicht, den Überblick zu behalten. Nur gut, dass Caro und Jan die richtigen Schlüsse ziehen.

Das ist bereits der 3. Fall für Caro und Jan und beide haben nichts von ihrer Neugierde und Spürsinn verloren. Der Fall ist recht verwirrend und es gibt reichlich Verdächtige und jede Menge Motive. Je mehr Caro über den Toten herausfindet, um um so mieser erscheint sein Charakter. Ein wenig ist es wie beim Häuten einer Zwiebel. Mir hat das viel Spaß bereitet, denn ich konnte mich an den Spekulationen wunderbar beteiligen. Ich habe einige Male auf das falsche Pferd gesetzt, weil es für die eindeutigen Beweise der Täterschaft eine logische und leider - aus meiner Sicht als Ermittler - harmlose Erklärung gab. Die Person des Täters hat mich dann doch ein wenig überrascht, einfach weil ich es ihm nicht zugetraut habe.

Besonders gelungen fand ich den Erzählstil der Autorin, die in Einschüben eine zurückliegende perfide Rachetat schildert, die für die aktuellen Ereignisse von Bedeutung ist. Daraus ergibt sich ein gelungener Stimmungswechsel zu der aktuellen , eher heiteren und lebhaften Atmosphäre.

Mich hat der Krimi sehr gut unterhalten. Ich fand ihn witzig und auch die Spannung kommt zu ihrem Recht, ohne mit schockierend blutigen oder grausamen Bildern aufzuwarten. Und nicht zu vergessen der besondere Charme Borkums, der sich in vielen Szenen widerspiegelt.

Bewertung vom 02.04.2022
Hearne, Kevin

Papier & Blut / Die Chronik des Siegelmagiers Bd.2


sehr gut

Götter, Chimären und ein Druide
Der Siegelmagier Al MacBharrais ist auf der Suche nach demjenigen, der ihn mit einem Fluch belegt hat. Jeder, der für ihn arbeitet, stirbt nach sieben Jahren und Al würde gerne einen Nachfolger ausbilden.
Da erreicht ihn der Hilferuf von Ya- ping, der Auszubildenden seiner australischen Kollegin. Die Siegelmagierin ist verschwunden. Al und sein Helfer, der Hobgoblin Buck, machen sich sofort auf den Weg. Da das Problem eine Dimension zu haben scheint, die Als Möglichkeiten übersteigen, erbittet er die Unterstützung des Eisernen Druiden. Gemeinsam kämpfen sie gegen eine Horde von Chimären und sind auf der Suche nach dem Ursprung dieser Ausgeburten der Hölle.
Dies ist der 2. Band , der die Geschichte des Siegelmagiers Al erzählt. Man kann das Buch gut ohne Vorkenntnisse lesen, aber manche Anspielung läuft dann ins Leere.
Wieder hat mich Al mit seiner Aufrichtigkeit und Beständigkeit für sich eingenommen. So jemanden hätte ich gerne als verlässlichen Freund. Einen überzeugenden Gegenpol bildet der Hobgoblin Buck, der mir mit seiner angeberischen Art manchmal auf die Nerven geht und seine sehr derbe Ausdrucksweise und sein eher anzüglicher Humor sind nicht jedermanns Sache . Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, im Notfall ist absoluter Verlass auf ihn, er ist immer für einen Lacher gut und er liebt Whiskey.
Die Handlung selbst ist fesselnd und ermöglicht mir die Bekanntschaft mit einer ganzen Armee von Feenwesen und einigen Göttern. Der Autor nutzt die Gelegenheit, um packenden Kämpfe zu beschreiben. Beeindruckt hat mich die Figur des Eisernen Druiden, der die Hauptrolle in einem anderen Romanzyklus des Autors spielt. Ich fand ihn sehr sympathisch und vertrauenserweckend und es umgibt ihn eine Aura des Geheimnisvollen. Vielleicht sollte ich ihn näher kennenlernen.
Das Buch hat mich sehr gut unterhalten und einige Stunden auf angenehme Weise vom Alltag abgelenkt. Obwohl das australische Abenteuer zu meiner vollkommenen Zufriedenheit überstanden wurde, bleiben einige Fragen offen. Dies schürt meine Hoffnung auf ein weiteres Wiedersehen mit Al und seinen Freunden.

Bewertung vom 27.03.2022
Ehmer, Kerstin

Der blonde Hund


ausgezeichnet

Ermittlungen auf schwierigem Terrain
Ein toter Journalist, der in der Spree schwimmt, wird zu Spiros neuem Fall. Die Ermittlungen sind äußerst delikat. Zum einen scheint das Opfer speziellen Vorlieben gefrönt zu haben. Zum anderen gehörte er zum engeren Kreis der aufstrebenden Nationalsozialisten und er hatte Kontakte zur besseren Gesellschaft . Spiro stößt auf eine Mauer aus Lügen und Schweigen. Seine beste Spur ist der Ausweis eines Jungen, der ein besonderes Verhältnis zum Toten hatte, der ihn "Canis" nannte.

Seine Nachforschungen führen Spiro nach Bayern, wo er mangels eigener Kompetenzen mit fragwürdigen Methoden weitere Informationen sammelt.

Inzwischen hat seine Freundin Nike ihr Interesse an Seancen und Astrologie entdeckt und macht dadurch die Bekanntschaft fragwürdiger Individuen, die ihr auch einen Ausflug in die Welt des Sado- Masochismus bescheren.

Dieses Mal führen Spiros Ermittlungen tief in den sich ausbreitenden braunen Sumpf und damit auch in die sogenannten besseren Kreise von Adel und Industrie. Ich fand es auf bizarre Weise faszinierend, wie alles, was dem Ruf schadet, von dieser Schicht schlichtweg geleugnet wird und mit welcher Arroganz man auf die vermeintlich weniger wertvollen Mitmenschen herabblickt. Und das unglaubliche ist, dass sie damit durchkommen.

Eine Welt, die mir völlig fremd ist, lerne ich durch Nike kennen. Seancen und Horoskope waren in den 20ziger Jahren sehr in Mode. Für mich bleibt es aber weiterhin nicht nachvollziehbar, wie man daran glauben kann.

Geschichtlich interessant waren nach meinem Empfinden die Einblicke in die Gemeinschaft der Artamanen, eines radikal-völkischen Vereins, der eine autarke Landwirtschaft anstrebte . In Mecklenburg- Vorpommern gibt es immer noch Gruppen, die diesen Gedanken anhängen.

Das Ende des Buches kam für mich unvermittelt. Ich musste mir erst bewusst machen, dass alle wichtigen Fragen geklärt waren und auch Gerechtigkeit geübt wurde, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinn.

Besonders gut gefallen hat mir der Erzählstil der Autorin, der sich packend liest und eine ordentlichen Portion Sarkasmus mitbringt.

Bewertung vom 26.03.2022
Bommarius, Christian

Im Rausch des Aufruhrs


ausgezeichnet

Bunter Bilderbogen des Jahres 1923
Monat für Monat ruf der Autor wichtige, tragische sowie eher der Regenbogenpresse zugehörende Ereignisse in den Focus des Lesers.
Sich wiederholende Themen sind die Besetzung des Ruhrgebietes, die immer mehr Fahrt aufnehmende Inflation und die Agitation der Rechten. Zusammen ergeben die Nachrichtenschnipsel ein buntes und spannendes Bild des Jahres, das gut zu lesen ist.
Erschreckend fand ich die rasende Entwicklung der Inflation und ihre Folgen, die weder Arm noch Reich verschont hat. Wer zuvor ein scheinbar unermessliches Vermögen besaß, musste im Laufe des Jahres feststellen, dass er dafür mit Glück gerade noch einen Laib Brot erhält.
Als Gegensatz dazu fand ich die Ausflüge in die Welt der Künstler erheiternd und sie sind ein guter Gegenpol zu den düsteren Nachrichten.
Geradezu wütend haben mich die Berichte über die rechten Umtriebe gemacht. Schwarze Reichswehr, Organisation Consul oder der gescheiterte Putschversuch Hitlers - man hat sie gewähren lassen, milde belächelt oder versucht, sie für die eigenen Interessen einzuspannen und dabei immer unterschätzt.
Ebenfalls wie ein roter Faden gibt es das ganze Jahr hindurch judenfeindliche Übergriffe, die ihren Höhepunkt im November mit dem Pogrom im Berliner Scheunenviertel finden.
Besonders erwähnenswert sind die vielen Anekdoten zu kleinen und großen Berühmtheiten, die der Autor jeden Monat einstreut. Oft erheiternd, manchmal traurig haben sie mich überwiegend überrascht und lockern die Lektüre angenehm auf. Ein Beispiel hierfür ist Hemingways Ausflug in den Schwarzwald und kleine Episoden aus Gorkis Leben.
Für mich hilfreich war das letzte Kapitel "Was weiter geschah". Hier gibt der Autor kurze Informationen zu den Personen, die mir im Verlauf des Jahres begegnet sind. Viele der Künstler haben sich später umgebracht, was mich sehr bedrückt hat.
Das Buch gibt sehr gute und lebendige und dabei gut lesbare Eindrücke des Jahres 1923 wieder. Hilfreich ist in meinen Augen, wenn man sich mit der Zeit schon etwas beschäftigt hat, sonst kann es passieren, dass man bei der Fülle der Informationen und Namen etwas die Orientierung verliert.

Bewertung vom 20.03.2022
Dicken, Dania

In den Ketten der Angst (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Handelsgut Mensch
Libby bereitet sich auf die Vernehmung wegen ihres unkonventionellen Vorgehen während der Terroranschläge vor . Julie sucht nach einem Ausweg aus ihrer Ehekrise. Da ist es eine willkommene Ablenkung, dass Owens Partner Benny die Unterstützung der FBI-Agentinnen benötigt.

Er befasst sich mit mehreren brutal ermordeten jungen Frauen. Er vermutet einen Zusammenhang, obwohl es auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeiten gibt. Libbys Überlegungen deuten in Richtung organisiertes Verbrechen. Der Verdacht bestätigt sich. Mehrere Beschuldigte werden verhaftet und wieder auf freien Fuß gesetzt. Doch die Clan-Bosse sinnen auf Rache. Durch Julie wollen sie Libbys Aufenthaltsort erfahren. Alle sind sich bewusst, dass Julies Leben keinen Pfifferling mehr wert ist, so bald die Verbrecher die gewünschten Informationen haben.

Dieses Mal entführt mich die Autorin in die Welt des organisierten Verbrechens und deren Betätigungsfelder. Frauenhandel und Prostitution füllen die Taschen der Kriminellen ebenso zuverlässig wie der Drogenhandel. Frauen sind ein Handelsgut, mit dem man Gewinn erzielt und ohne Bedauern entsorgt, wenn es seinen Zweck erfüllt hat. Diese Handlungsweise finde ich absolut menschenverachtend und hat mich noch stärker abgestoßen als die Tat eines Psychopathen, der seinem inneren Zwang folgt.

Genauso abscheulich ist die Arroganz mit der diese Verbrecher ihre Mitmenschen behandeln. Das Gesetz gilt in ihren Augen nicht für sie, aber sie berufen sich darauf, wenn es ihren Zwecken dient. Auf diese Weise kommen die Verdächtigen aus der Haft frei, um gleich darauf aus verletzter Eitelkeit auf Rache aus zu sein.

Meine Heldin in dieser Folge ist Julie. Zwar bewundere ich Libbys Scharfsinn, die die richtigen Schlüsse zieht und dies obwohl die grausame Behandlung der Opfer ihr das eigene Martyrium in Erinnerung bringt. Julie zeigt sich hier als wahre Freundin, die das Wohl der Freundin über ihr eigenes Leben stellt. Ich glaube nicht, dass ich diese Stärke hätte und wünsche mir gleichzeitig, so einen Menschen wie Julie zu kennen.

Wieder ein Thriller der Autorin, der einen besonders widerlichen Bereich der Kriminalität beleuchtet und mich dadurch emotional stark fordert und gleichzeitig stärkt sie meinen Glauben an das Gute, indem sie Figuren wie Libby und Julie erschafft.

2 von 4 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.