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Xirxe
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Hannover
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Insgesamt 876 Bewertungen
Bewertung vom 30.03.2015
Dermont, Amber

In guten Kreisen


sehr gut

Es ist Ende der 80er: Jason gehört mit seinen 18 Jahren zu den reichen jungen Erwachsenen, die sich um ihre Zukunft keine Sorgen machen müssen. Die Familien haben Geld, mehr als genug, man genießt das Leben und irgendetwas wird sich schon ergeben. Doch Jason fühlt sich nicht zugehörig zu seinen Altersgenossen. Seine Liebe gehört dem Segeln zusammen mit seinem besten Freund Cal, doch als dieser sich umbringt, gerät Jasons Leben in Schieflage. Er wechselt das College und kommt in ein Internat, wo alle mit dem entsprechenden 'Hintergrund' ihr Abschlusszeugnis erhalten werden. Dort lernt er Aidan, eine Aussenseiterin, kennen, mit deren Hilfe er vorsichtig beginnt, Cals Tod zu verarbeiten. Doch bei einem schweren Sturm stirbt sie unter merkwürdigen Umständen und Jason ist wieder allein.
Es scheint eine recht unspektakuläre Geschichte zu sein, die hier erzählt wird: Ein 18jähriger, der mühsam versucht, seinen eigenen Weg zu finden und dabei immer wieder auf die Vergangenheit schaut. Doch Jason als Ich-Erzähler schildert mit überraschend genauem, empfindsamen Blick und auch mit Humor das Leben in dieser Luxuswelt, in der man die eigenen Privilegien als selbstverständlich hinnimmt und auf Andere, denen es nicht so gut geht, mit Gleichgültigkeit wenn nicht sogar Verachtung herabsieht. Jason versucht anders zu sein, was nicht so einfach ist, denn er stößt dabei immer wieder auf Misstrauen vonseiten der Menschen, die ausserhalb seiner Welt leben. Viele Vorurteile über das Leben der Reichen werden bestätigt (Oberflächlichkeit, Arroganz, Egoismus...), doch es wird auch klar, dass diese Jugendlichen letzten Endes zu großen Teilen nur ein Produkt ihrer Erziehung sind.
Ein schön zu lesender Roman mit einem Einblick in eine andere Welt, der mir persönlich nur etwas zu viel Segelsprache enthielt. Manche Seiten habe ich deshalb einfach quer gelesen, da ich eh nichts verstanden habe ;-)

Bewertung vom 30.03.2015
La Seur, Carrie

Denn wir waren Schwestern


weniger gut

Montana ist die Heimat von Alma, doch mittlerweile lebt sie als erfolgreiche Anwältin in Seattle, hängt aber noch immer mit ganzem Herzen an diesem rauen, wunderschönen Land mit seinen einsilbigen Menschen, auch wenn sie es vor sich selbst nicht zugeben möchte. Als der überraschende Tod ihrer jüngeren Schwester Vicky sie mehr oder weniger nötigt in ihre Heimatstadt Billings zurückzukehren, sieht sie sich gegen ihren Willen gezwungen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dazu belastet sie der mysteriöse Tod ihrer Schwester, bei dem es einige Ungereimtheiten gibt wie auch die Sorge um ihre Nichte Brittanny. Nur wenige Tage will Alma in Montana verbringen, doch diese gestalten sich als eine Herausforderung, wie die toughe Anwältin noch keine zu bewältigen hatte.
Mehr oder weniger sind es eigentlich zwei Geschichten die hier erzählt werden. Zum Einen die Aufklärung der Umstände die zum Tode Vickys führten, zum Anderen Almas Gefühlsleben, das durch die Rückkehr in ihre Heimat und der Begegnung mit ihrer früheren Liebe in ein heftiges Chaos gestürzt wird. Während mir Ersteres zusagte (recht spannend mit einer für mich überraschenden Auflösung), empfand ich den anderen Teil zunehmend eher nervig. Nicht nur die Sprache störte mich ("Alma begreift allmählich die ozeanische Gewalt ihrer Gefühle..." S. 138 oder "...Bergkuppen, die wie Halbgötter über der Herrlichkeit eines Universums aus Hochebenen thronten." S. 152), auch die Vorhersehbarkeit der Handlung. Wer kriegt wen, wer macht was, die Guten (wenn auch mit kleinen Fehlern) sind in Montana, die Schlechten in der Stadt. Nach ca. 1/3 bis zur Hälfte des Buches ahnte ich, wie es ausgehen würde - und so war es denn auch, wie ich am Ende leider feststellen musste (aber, wie schon geschrieben, nicht beim 'Krimiteil').
So fällt mein Resümee etwas unentschieden aus: Die Aufklärung der Todesursache von Vicky habe ich mit Freude gelesen, Almas Gefühlsleben und Vergangenheitsbewältigung war nicht so mein Fall.

Bewertung vom 30.03.2015
Thúy, Kim

Der Klang der Fremde


sehr gut

Als Zehnjährige floh die Autorin gemeinsam mit ihren Eltern aus Vietnam und gelangte über Malaysia nach Kanada. In kurzen Stücken, die selten mehr als eine Seite umfassen, blickt die nunmehr 40jährige in diesem Buch in nicht chronologischer Reihenfolge zurück auf ihre Vergangenheit und die ihrer Familie. Viele dieser Erinnerungen bergen den Ansatz für den Sprung zu einer anderen in sich.
Ein Beispiel: Sie berichtet von Kindern der GIs in Vietnam, die zumeist Waisen und/oder Obdachlose wurden. Einem dieser ehemaligen Kinder, einer mittlerweile jungen, obdachlosen Frau, begegnet sie in New York ohne ihr helfen zu können. Dabei erinnert sie sich an einen Onkel, der in Princeton seinen Doktor in Statistik machte und sie fragt sich, ob er die Anzahl der Risiken und Hindernisse berechnen könnte, denen diese junge Frau ausgesetzt war. Davon ausgehend überlegt sie, ob ihm dies auch mit der Berechnung der Wahrscheinlichkeit des Überlebens von Herrn An möglich wäre. Auch Herr An, ein früherer Richter und Universitätsprofessor, ist ein Flüchtling, der Grauenvolles durchmachte und ihr 'die Nuancen gelehrt' hat so wie Herr Minh in ihr den Wunsch zu schreiben weckte. Der Herr Minh, der an der Sorbonne französische Literatur studiert hatte. Und so weiter...
Menschen und Geschehnisse aus der Vergangenheit wecken Erinnerungen an Bekannte aus jüngerer Zeit und andersherum. Und so entsteht nach und nach ein Bild eines vielschichtigen, bunten Lebens, das neben Leid und Schmerz auch viel Wärme und Freude erlebt hat. Besonders eindrucksvoll empfand ich die Liebe und Dankbarkeit zum Dasein, die immer wieder durch die poetischen Sätze hervorklingen trotz all der entsetzlichen Dinge, die Kim Thúy erlebt hat. Ein berührendes Buch!

Bewertung vom 30.03.2015
Ogawa, Yoko

Schwimmen mit Elefanten


sehr gut

Ein kleiner Junge, geboren mit zusammengewachsenen Lippen und entstellt durch eine verpfuschte Operation, entdeckt (indirekt durch einen Toten) seine Liebe zum Schachspiel. Ein ehemaliger Busfahrer, der jetzt als Hausmeister im Wohnheim seiner früheren Kollegen arbeitet und nun in einem ausrangierten Bus lebt, lehrt dem Kleinen die Regeln, aber auch den tieferen Sinn für das Spiel. Dieser taucht völlig darin ein, in 'Ein Meer, in dem Elefanten baden.', zumal er dort einen der wenigen Freunde wiederfindet, die er hat: Es ist Indira, ein verstorbener, früher auf dem Dach eines Kaufhauses lebender Elefant, den er in seinen Läufern wiederentdeckt (statt des Läufers gab es ursprünglich eine Figur 'fil' bzw. 'alfil', was Elefant bedeutet. Im Russischen heisst der Läufer noch immer Elefant.) Durch die Vermittlung seines Lehrers erhält er die Möglichkeit, in einem mysteriösen Schachclub zu spielen, jedoch nicht wie üblich an einem Tisch sondern unerkannt in einem Schachautomaten, was dem kleinen Jungen sehr entgegenkommt. Denn seine Fähigkeiten entfaltet er am besten, wenn er unter dem Tisch sitzt und das Spiel von unten betrachtet. Sein Können spricht sich herum und so erhält der Schachautomat schon bald den Namen 'Kleiner Aljechin' nach einem berühmten Schachweltmeister.
Es ist eine Geschichte, die zu Beginn trotz ihres poetischen Stils recht realistisch anmutet. Doch je weiter sie fortschreitet, umso unerklärlicher und seltsamer wirkt das Geschehen. Für den Jungen, der beschließt nicht mehr zu wachsen ('Größerwerden ist eine Katastrophe'), ist Schach nicht nur ein Zeitvertreib, sondern das Leben, einfach alles. Mir schien es immer mehr wie eine Art des Zen: Der Junge als Zen-Schüler, der durch seinen Meister an die Praxis herangeführt wurde und diese immer weiter verbessert hat (lt. Wiki: 'Ein anderer, ebenso wichtiger Teil der Zen-Praxis besteht aus der Konzentration auf den Alltag. Dies bedeutet einfach nur, dass man sich auf die Aktivität, die man gerade in diesem Augenblick ausübt, vollkommen konzentriert, ohne dabei irgendwelchen Gedanken nachzugehen.'...'Den Schülern wird die Bereitschaft zur Aufgabe ihres selbstbezogenen Denkens und letztlich des Selbst abverlangt.'), bis am Ende die Erleuchtung steht. Lt. Wiki '...ein oft plötzlich eintretendes Erleben universeller Einheit, d. h. die Aufhebung des Subjekt-Objekt-Gegensatzes...'.
Ob dies nun stimmen mag oder nicht, in jedem Fall ist es eine schöne, poetische und etwas märchenhafte Geschichte, deren eigentliche Bedeutung sich ohne Hinweise wohl nie erschließen wird. Aber muss man immer alles verstehen ;-) ?

Bewertung vom 29.12.2014
Thoma, Victor

Mops und Totschlag


weniger gut

Ein eher erfolgloser und etwas träger Musiker, der sich mehr schlecht als recht als Klavierlehrer durch's Leben schlägt und durch seine überdurchschnittliche Schüchternheit noch ein zusätzliches Handicap aufweist, wird gleich durch zwei Ereignisse aus der Gleichförmigkeit seines Lebens gerissen: Die schöne aber auch mysteriöse Josephine, in die Ellermann sich verliebt hat, bittet ihn um Hilfe auf der Suche nach einem Mops, den sie zur Pflege hatte und der ihr entwischt ist. Gleichzeitig wird eine Klavierschülerin von ihm tot aufgefunden und ihre Diamanten sind verschwunden. Auf fast unerklärliche Weise wird Ellermann in diesen Fall hineingezogen und plötzlich findet er sich in einem Gewirr von Mord und Diebstahl wieder, in dem auch der verschwundene Mops eine Rolle zu spielen scheint. Von Josephine ganz zu schweigen...
Das mag sich alles erst einmal recht nett und amüsant anhören, doch bei mir kam diese Art des Humors nicht so richtig an. Ich haderte mit dem Protagonisten bzw. dessen Lebensumständen, die mir derart unglaubwürdig vorkamen, dass ich mich immer wieder fragte: "Wie kann er sich eine Haushälterin leisten? Was ist mit den anderen KlavierschülerInnen? Von was lebt er? Wie kann man nur so blöd sein?" (Letzteres bezieht sich auf Josephine ;-) Ok, Liebe macht blind, aber sooo blind?). Dazu kommt die Figur des Therapeuten der dies alles erzählt, von der mir auch bis jetzt noch nicht so klar ist, was ihr Part der Geschichte ist. Weshalb schildert Ellermann nicht gleich das Ganze? Das wäre um einiges sinnvoller gewesen. Auch wenn die Lösung des Falles bzw. der Fälle doch überraschte, hat sie für mich diesen Romankrimi (oder wie immer man das nennen mag) nicht gerettet. Alles in allem gerade mal so durchschnittliche Kost.

Bewertung vom 29.12.2014
Schalansky, Judith

Der Hals der Giraffe


sehr gut

Inge Lohmark, Biologie- und Klassenlehrerin einer 9. Klasse eines Gymnasiums im Osten, das mit dem Abitur dieser Stufe geschlossen werden soll, ist eine Frau, die sich Gefühle jeglicher Form versagt. Überkommen sie 'Anwandlungen' dieser Art, womöglich sogar in Anwesenheit anderer Menschen, geht sie sofort hart mit sich selbst ins Gericht und macht sich klar, wie unsinnig diese sind. Das Leben ist nichts als Biologie - und Gefühle haben dort nichts zu suchen, denn sie bringen keinen Nutzen. Ebenso rigoros beurteilt sie ihre Schülerinnen und Schüler, worüber man erst grinst ("..sie sind Blutsauger, die sich vom Lehrkörper ernährten.." oder über Schüler Tom: "Winzige Augen im feisten Gesicht. Geistloser Ausdruck. Noch ganz benommen von der nächtlichen Pollution. Ein Grottenolm war schöner...") bis einem die ganze Verachtung deutlich wird, die sie für diese Jugendlichen hegt. Doch auch ihr restliches Umfeld wird davon nicht ausgenommen: ihre Lehrerkollegen, der Nachbar, ehemalige Freunde.
Eine unsympathische Frau, keine Frage, doch je mehr man über sie erfährt, umso deutlicher wird, wie bemitleidenswert diese 55jährige ist, die offenbar Zeit ihres Lebens niemals gelernt und erfahren hat, Gefühle zu vermitteln und zu bekommen. Und es zeigt sich immer deutlicher, dass sie insbesondere mit ihrem eigenen Leben hadert - war das Alles?
Dagmar Manzel liest diesen Roman derart kunstfertig, dass man Inge Lohmark 298 Minuten vor sich sieht. Als unnahbare, gefühllose Lehrerin in einem kalten, harten Ton wie auch als die Frau, die sich an ihren Vater erinnert oder an ihre letzte wahre Liebe - weich, sanft und leise wird dann die Stimme Lohmarks. Auch die Interpretationen der weiteren Personen sind gut getroffen - Dagmar Manzel verleiht wirklich allen eine eigene Persönlichkeit, egal ob SchülerIn oder KollegIn.
Ein tolles Hörbuch, das unterhält und gleichzeitig das Biologiewissen auffrischt. Das fordert jedoch beim Zuhören ein bisschen Konzentration ein ;-)

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 28.11.2014
Polak, Chaja

Sommersonate


sehr gut

Der elfjährige Erwin lebt bei seiner Mutter, die ihn nicht gerade mit Aufmerksamkeit und Zuneigung verwöhnt. Lediglich der großväterliche Meneer Bär, bei dem er einmal wöchentlich Cellounterricht hat, wie auch dessen Frau vermitteln dem sensiblen Jungen das Gefühl von Fürsorglichkeit und willkommen zu sein. Aber ausgerechnet dort trifft er auf dessen Nichte, eine junge Frau deren Gebaren ihn in Angst und Schrecken versetzt. Doch auch das Verhalten von Meneer Bär und seiner Frau verunsichert ihn - und es gibt niemandem, dem er sich anvertrauen könnte.
Es ist eine recht kurze Zeitspanne aus dem Leben Erwins, die die Autorin größtenteils aus seiner Sicht beschreibt, einem Jungen der mit seinen Ängsten und Nöten von seiner ziemlich selbstsüchtigen Mutter weitestgehend alleingelassen wird. Die Welt der Erwachsenen ist ihm unverständlich und seine wenigen festen und ihm Sicherheit verleihenden Bezugspunkte sind 'sein Haus' und sein Cellospiel wie auch die Unterrichtsstunden bei Meneer Bär.
Vieles bleibt im Unklaren bei dieser kleinen Erzählung: Zu welcher Zeit spielt sie? Was ist mit Erwins Vater? Und Meneers Nichte? Doch es entspricht der Sicht des Jungen und so freut und leidet man mit ihm und kann sehr gut nachvollziehen, weshalb er nie erwachsen werden will. Aber manchmal ändern sich die Dinge...

Bewertung vom 27.11.2014
Modiano, Patrick

Ein so junger Hund


sehr gut

Dies ist eine kleine Geschichte, der es auf nur 95 Seiten gelingt, die Person eines scheinbar berühmten Photographen so glaubhaft darzustellen, dass man beginnt nach weiteren Details dieses Lebens zu forschen (zumindest mir ist es so ergangen ;-)).
In einem kleinen Café in Paris wird der namenlose Ich-Erzähler gemeinsam mit seiner Freundin von dem Photographen Jansen angesprochen, ob er sie für eine Reportage über die Jugend von Paris aufnehmen dürfe. Danach begleiten sie ihn in sein Atelier und zwischen dem Ich-Erzähler ('Ein so junger Hund' wie ihn Jansen immer wieder nennt) und Jansen entwickelt sich eine Art Freundschaft. Dreißig Jahre später, als der damals junge Mann eine alte Photographie wiederfindet, erinnert er sich an diese Wochen: wie er Jansens Aufnahmen katalogisierte, die gemeinsame Zeit bei denen er einige Dinge aus dessen Vergangenheit erfuhr (wenn auch nur bruchstückhaft) sowie dessen plötzliches Verschwinden.
Obwohl dieser Rückblick alles andere als eine umfassende und vollständige Biographie Jansens liefert, entsteht beim Lesenden überraschenderweise ein recht deutliches Bild eines Mannes, das (wie bereits erwähnt) überaus real wirkt. Man spürt die Einsamkeit und Verlorenheit dieses Menschen, der mit seinen Bildern stets das Schweigen suchte und sich immer mehr zurückzog bis er einfach verschwand. Der Ich-Erzähler fühlte sich Jansen in gewisser Weise verbunden und obwohl er dreißig Jahre nichts von ihm hörte, hat er ihn nicht vergessen.
Es ist keine spektakuläre Geschichte, aber eine auf schöne Art und Weise erzählte über Menschen und Dinge, die einfach verschwinden.