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seschat
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Insgesamt 954 Bewertungen
Bewertung vom 03.04.2020
Keidel, Volker

Wer alkoholfreies Radler trinkt, hat sich schon aufgegeben


gut

Volker Keidels kleine Kurzgeschichtensammlung liest sich teilweise recht vergnüglich, nämlich immer dann, wenn der 48-jährige Autor aktuelle Trends (Yoga, Hygge, Golf, Bouldern usw.) ausprobiert und einmal nicht auf Bier und seinen Lieblingsfußballverein, den Hamburger HSV, zu sprechen kommt. Gerade die ersten Kapitel, in denen er passende Jeans sucht oder seinen Sohn auf die Gamescon begleitet, waren recht amüsant.

Volker Keidel ist der geborene Anti-Trendsetter, der seinen Bierbauch nicht verheimlicht und ein "Überzeugungs-Faulpelz" ist. Der fränkische Buchhändler nimmt sich und seine Gewohnheiten gern selbst auf die Schippe und trotzt jedem noch so gehypten Trend. Seine schnodderige Art zu erzählen, ist lustig, ohne Frage. Aber diese ständigen Verweise auf seine liebsten Hobbys - HSV und Bier - sind mit der Zeit einfach zu anstrengend und schlichtweg zu monoton gewesen. Daher kam ich nicht umhin, des Öfteren weiter zu blättern, wenn es mir zu ausschweifend wurde.

Das richtige Buch für Trend-Verweigerer und passionierte HSV-Fans mit Bierleidenschaft.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 01.04.2020

Viel Erfolg!


ausgezeichnet

Die ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein hat gemeinsam mit Jan Westphal ein kurzweiliges Buch zum Thema Erfolg geschrieben. Darin kommen 50 unterschiedliche "Prominente" aus den Bereichen Sport, Medien, Musik etc. (David Garrett, Wolfgang Bosbach, Mark Benecke oder Alexander Herrmann) zu Wort. Jeder von ihnen muss ein und dieselben 10 Fragen zum Werdegang und zur eigenen Erfolgsformel beantworten. Insgesamt sind die 50 Kurzporträts, gerade für Fans des Boulevardjounalismus, sehr lesenswert. Ehrlich und pointiert plaudern die bekannten Persönlichkeiten aus ihrem Leben. Unisono sprechen sie sich dafür aus, vieles auszuprobieren und letztendlich den Beruf auszuüben, der einen Spaß macht. Mit Mut und Disziplin kann man alles schaffen, so die Quintessenz des unterhaltsamen Lesestoffs. Müller-Hohenstein wollte keinesfalls einen Ratgeber zum Thema Erfolg schreiben, sondern die Erfolgschancen für jedermann ausloten und unterschiedlichen Karrieremöglichkeiten aufzeigen. Letzteres ist ihr gelungen. Auch lernt man durch dieses Buch, dass Scheitern zum Leben dazugehört und oftmals den Erfolg erst ermöglicht. Daher ist dieses Buch gerade auch für jugendliche Leser in der Berufsorientierungsphase sehr wertvoll.

Bewertung vom 29.03.2020
Schönian, Valerie

Ostbewusstsein


ausgezeichnet

Selbst 30 Jahre nach der Wende wird noch zwischen Ost- und Westdeutschland unterschieden. Stereotype geistern immer noch in den Köpfen herum.

Bei den sog. Nachwendekindern, zu denen auch die Autorin zählt, sollte es anders sein, weil sie die Zeit der Teilung gar nicht mehr miterlebt haben. Sie gehen auch pragmatischer mit der Ost-West-Thematik um. Das Interessante dabei ist aber, dass vor allem jene nach 1990 Geborenen aus dem Osten ein neues Ost-/Heimatgefühl entwickelt haben bzw. sich nun nicht mehr ihrer Herkunft schämen.

Die Autorin und Journalistin Valerie Schönian stammt selbst aus dem Osten und hat in Magdeburg ihre Kindheit und Jugend verbracht - eine Zeit, die sie geprägt hat. Nun mit 30 Jahren beginnt sie sich wieder stärker mit ihrer Herkunft auseinanderzusetzen. So ist sie auch auf die Idee zu ihrem neuesten Buch gekommen, in dem sie Nachwendekinder, die aus dem Osten stammen und dort leben, interviewt. Mit ihrer "Reise durch Ostdeutschland" hat mich Schönian stark an Jana Hensels Buch "Wie alles anders bleibt" erinnert.

Während sich Schönians Eltern anfangs wenig begeistert von ihrem Vorhaben zeigen und sich über die DDR-Vergangenheit lieber ausschweigen, nehmen die Autorin und ihre Interviewpartner kein Blatt vor den Mund und bekennen sich zu ihrer ostdeutschen Heimat/Geschichte.

Gerade für Leser, die selbst aus Ostdeutschland kommen und um die Wendezeit geborenen wurden, ist Schönians persönliche Studie sehr interessant. Und das nicht nur, weil es viele Parallelen gibt, sondern auch weil die Autorin die aktuelle Situation in den ostdeutschen Bundesländern/großen Städten nicht verschweigt. Dabei geht es gleichermaßen um Tradition und Wandel. Die Offenheit und Freiheit in Städten wie Leipzig, Halle oder Jena hat es der Autorin dabei besonders angetan. Sie merkt, dass sie hier noch etwas bewegen und kreativ sein kann.

Jedes der Gespräche, die Schönian u.a. mit Keimzeitsänger Leisegang, CDU-Politiker Amthor oder anderen Ostdeutschen führt, ist anders, individuell, weil unterschiedliche Geschichten erzählt werden. Doch allen Erzählungen ist gemein, dass man stolz auf seine Herkunft/seine Heimat ist und diese nicht verheimlicht. Dieses Lebensgefühl bzw. -bild nennt die Autorin "Ostbewusstsein". Und diesen Begriff finde ich großartig, weil er einem Teil der deutschen Bevölkerung, der oftmals noch verschämt angeblickt bzw. politisch unter Generalverdacht gestellt wird, endlich Wertschätzung entgegenbringt. Deshalb rate ich jedem interessierten Leser zur Lektüre dieses vielschichtigen Buchs.

Bewertung vom 20.03.2020
Thiel, Jeremias

Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance


ausgezeichnet

Jeremias Thiel (*2001) ist gerade 11, als er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Niklas das Jugendamt in Kaiserslautern aufsucht und um Hilfe bittet. Die Eltern, beide psychisch krank und langzeitarbeitslos, können den Familienalltag nicht meistern. Alles muss der noch minderjährige Sohn - Jeremias - regeln, der von der Last der Verantwortung schier erdrückt wird und nicht mehr Kind sein darf. Die Aufnahme in ein Jugendhaus der SOS-Kinderdörfer ist seine Rettung. Hier und später trifft er auf Betreuer/Mentoren, die ihm Dinge abnehmen, ihn unterstützen und ihm menschliche Wärme entgegenbringen. Dass Jeremias Thiel heute Umwelt- und Politikwissenschaften in Minnesota studiert, ist ein Wunder, aber auch Verdienst seiner Klugheit und seines Ehrgeizes. Er hat es aus dem Problembezirk ins normale Leben geschafft. Doch die Vergangenheit in Armut lässt sich nicht so einfach abstreifen, beschäftigt ihn weiterhin. Der Autor nutzt seine Erfahrungen und wissenschaftliche Studien/Statistiken als Grundlage zur Diskussion über den richtigen Umgang mit Kinderarmut in der heutigen Zeit. Mit seinem Buch appelliert er an die Politik, endlich etwas zu ändern und den Fokus wieder auf die sozial Schwächeren zu legen. Seine Änderungsvorschläge sind realistisch, aber werden sie gehört?
Alles in allem hat mich dieses Buch sehr nachdenklich gestimmt, was die Themen Kinderarmut, Chancengleichheit und soziale Teilhabe angeht. Wie kann es sich ein industriell hochentwickelter Staat wie Deutschland überhaupt leisten, seine Zukunft, die Kinder, im Stich zu lassen. Heutzutage entscheiden allzu häufig die Herkunft und der Geldbeutel der Eltern über spätere Karrierechancen. Das ist traurig und sicherlich gibt es Ausnahmen, s. Autor, doch darüber sollte 2020 m. E. nicht mehr diskutiert werden müssen. Aber gerade heute in der schnelllebigen Zeit muss das Thema Kinderarmut wieder in die Öffentlichkeit gebracht werden, weil allein schon die aktuelle Kinderarmutsrate in Kaiserslautern (23,4 %) für sich spricht. Thiels Aufstieg sowie sein Mut und seine Resilienz sind beachtlich. Auch dass er fachmännisch und gleichzeitig persönlich über Kinderarmut in seinem Buch spricht, hat mich vor seinem Schicksal und seinem Alter beeindruckt.

FAZIT
Es ist und bleibt wichtig, dass es Menschen wie Jeremias Thiel gibt, die Wahrheiten bzw. Missstände unverhohlen ansprechen und noch dazu Lösungsvorschläge liefern. Nur so kann man etwas bewegen. Daher lege ich sein Buch vor allem Politikern ans Herz.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 17.03.2020
Beck, Henning

Das neue Lernen


sehr gut

Der deutsche Neuowissenschaftler Henning Beck (*1983) hat sie viele Gedanken über das Thema Lernen gemacht. Daraus ist das vorliegende Buch entstanden, das nicht nur anschaulich erklärt, was im Hirn beim Lernen passiert, sondern auch auf die unterschiedlichen Lerntechniken von gestern bis heute eingeht. Dabei entdeckt der Leser viel Bekanntes, wie z. B. Lernen durch Wiederholung, Visualisierung, durch Zusammenfassen oder mittels Loci-Methode, wieder. Und man erfährt nebenbei, dass der Autor immer gern zur Schule ging und bis heute wissbegierig ist. Neue Erkenntnisse (z. B. Fast Mapping) finden sich vor allem gegen Ende des Buchs. Dort findet man auch kritische Töne, die auf die derzeitige Bildungsmisere und den Stellenwert des Lernens bei Kindern und Jugendlichen abzielen. Beck ist zurecht der Meinung, dass Lernen kein Auslaufmodell ist und kritisches Hinterfragen stärker gefördert werden müsse. In Zeiten von Wikipedia & Co., in denen alles schnell nachgeschaut werden kann, bleibt das eigenständige Denken oftmals auf der Strecke, auch weil vieles einfach als gegeben hingenommen wird. Neu war mir der positive Effekt von langen Pausen auf das Lernen. Lernstoff präge sich besser und langfristiger ein, wenn man zwischen Lernen und Prüfung mindestens eine Woche liegt. Spannend fand ich die angeführten Beispiele und Experimente aus der Forschung. Beck bemüht sich um anschauliche Erklärungen, indem er beispielorientiert erklärt, driftet mir dabei aber allzu häufig ab und verliert sich in Umschreibungen und Details. Dadurch ergaben sich beim Lesen ein paar Längen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 07.03.2020
Mommsen, Janne

Wiedersehen in der kleinen Inselbuchhandlung / Inselbuchhandlung Bd.3


ausgezeichnet

INHALT
Der 39-jährige Krimiautor Hauke kehrt nach 20 Jahren in der Berliner Großstadt auf die Insel Föhr zurück, um sein neuestes Buch vorzustellen. Hier auf der beschaulichen Nordseeinsel hat er einst seine Kindheit und Jugend verbracht. Die lebhaften Erinnerungen an diese schöne Zeit kommen auf der Stelle zurück, als er seine alten Freunde Wiebke, Nicole und Kai wiedersieht. Doch außer Wiebke scheint keiner den Kontakt zu suchen, was ihn sichtlich beschäftigt und über sein Leben nachdenken lässt. Kann eine tiefe Freundschaft einfach so vergehen?

MEINUNG
Wieder einmal entführt Janne Mommsen den Leser auf seine Lieblingsinsel Föhr und berichtet von den kleinen und großen Sorgen der Inselbewohner. Der vorliegende dritte Inselroman beschäftigt sich ausgiebig mit dem Thema Freundschaft. Nach 20 Jahren scheint sich die einstige unzertrennliche Clique aus Hauke, Kai, Nicole und Wiebke nichts mehr zu sagen zu haben. Jeder ist nach dem Abitur seiner Wege gegangen und hat persönliche Schicksale durchlebt. Erst hier auf der Heimatinsel Föhr kommen die alten Geschichten wieder hoch. Wehmütig blickt besonders Hauptcharakter Hauke zurück und zieht Bilanz. Gemeinsam mit seiner damals besten Freundin Wiebke teilt er sich die Erzählerrolle. Auf diese Weise schafft es Mommsen, dass man sich Stück für Stück in die handelnden Personen und deren Geschichte hineinfühlen kann. Unterdrückte Gefühle und verletzte Erwartungen spielen eine große Rolle, so dass man unweigerlich immerfort mitfiebert und eine Wiedervereinigung der vier Freunde herbeisehnt. Doch ist eine Versöhnung überhaupt möglich? Und empfindet Wiebke für Hauke mehr als Freundschaft?

Langsam und eindringlich nähert sich Mommsen seinen Figuren und passt sich damit dem gedrosselten Tempo auf der Insel an. Ebenso leidenschaftlich und ausführlich fallen seine Beschreibungen der idyllischen Inselnatur aus. Man merkt, dass der Autor mit Herz schreibt und wünscht sich, dass der „literarische Kurzurlaub“ auf Föhr niemals enden möge.

FAZIT
Eine stimmige Geschichte, mit der man wunderbar vom Alltag abschalten und vom Inselurlaub träumen kann. Ich bin froh, dass es noch weitere Inselgeschichten aus Mommsens Feder geben wird.

Bewertung vom 01.03.2020
Preißmann, Christine

Mit Autismus leben (Fachratgeber Klett-Cotta)


ausgezeichnet

Wie leben Autisten und wie kann man ihnen das Leben leichter machen?

Christine Preißmann (*1970) hat viele Antworten auf diese und weitere Fragen rund um das Thema Autismus im vorliegenden Buch zusammengestellt. Da sie selbst betroffen ist, kann sie aus erster Hand berichten, was es heißt, anderen Menschen nicht in die Augen schauen zu können, ständigen Reizen ausgesetzt zu sein, immer die Wahrheit sagen zu müssen und sich vor Veränderungen zu ängstigen. Bei der Ärztin für Psychotherapie und Allgemeinmedizin wurde erst mit 27 Jahren Asperger diagnostiziert, vorher hat sie sich stets anders als ihre Altersgenossinnen wahrgenommen, dies aber nicht einordnen können. Von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter legt sie ehrlich Zeugnis über ihr Leben ab und bindet dabei allerlei Tipps für Alltag und Therapiemöglichkeiten mit ein. Von letzteren können Betroffene, Angehörige, Freunde, Kollegen etc. gleichermaßen profitieren, weil sie nicht nur klar und deutlich formuliert sind, sondern auch zeigen, dass es Mittel und Wege gibt, auch als Autist ein glückliches Leben zu führen. Dass dies für Betroffene nicht immer einfach ist, davon weiß Preißmann aus eigener Erfahrung viel zu erzählen. Denn schon im Kindergarten wollte sie nicht mit anderen Kindern, die noch dazu laut und fremd waren, spielen. In der Schule traten dann motorische Schwächen im Sportunterricht und Verständnisprobleme im Deutschunterricht zutage. Auch in Sachen Freizeitgestaltung ticken Autisten anders. Sie lieben Gleichförmigkeit und Ruhe statt Action und laute Musik. Sinnesreize nehmen sie wesentlich stärker wahr und diese können wie bei der Autorin zu seiner Depression führen. Preißmann haben vertrauensvolle Therapeuten geholfen, ihren Alltag (u.a. Einkaufen, Körperhygiene, Freizeitgestaltung etc.) zu bewältigen. Dabei zeigte sich, dass eine gute Planung und die Einübung bestimmter Verhaltensweisen, Ängste und Stress lindern können. Nun ist Autismus leider nicht heilbar, aber es lohnt sich für Betroffene Stück für Stück am "normalen Leben" teilzunehmen und eigene Grenzen auszuloten.

Insgesamt fand ich Preißmanns intimen Einblick in ihre etwas andere Lebenswelt sehr spannend und aufschlussreich, weil man als Laie zu verstehen lernt, wie Autisten ticken und was sie umtreibt. Noch dazu erfährt man, wie man sich ihnen gegenüber am besten verhält. Hier hat sich innerhalb der Medizin/Psychiatrie schon einiges getan. Zudem ist Preißmann ein gutes Beispiel dafür, dass man sich als Autist auch berufliche Träume, wie in ihrem Fall ein Medizinstudium, erfüllen kann.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 01.03.2020
Jorch, Julia

Schlaflos im Shitstorm


gut

Julia Jorch hat 6 Jahre in der Berliner Pressestelle von Bündnis 90/Die Grünen gearbeitet und dabei die guten und schlechten Seiten das Politikerdaseins live miterlebt. An Jorchs Insiderbericht hat mir gefallen, dass sie ehrlich von ihrer Zeit im Deutschen Bundestag berichtet und den Text mit farbigen Zeichnungen aufgepeppt hat. Ebenso fand ich die behandelten Themen (Wahlkampf, Giveaways, Umgang mit Social Media, ständige Erreichbarkeit) spannend. Vor allem das namensgebende Thema "Shitstorm" wurde sehr ausführlich beleuchtet. Weniger konnte ich hingegen mit der Tatsache anfangen, dass sie bei ihren Ausführungen versucht, unentwegt witzig zu sein. Das ging mit der Zeit einfach auf die Nerven, weil vieles dabei überstrapaziert wurde. Nichtsdestotrotz bekommt der Leser von Julia Jorchs Buch einen guten Einblick in den derzeitigen politischen Mikrokosmos Deutschland. Und man merkt, auch Politiker sind nur Menschen und machen nicht immer alles richtig. Gängige Vorurteile spricht sie offen und ehrlich an und nennt Beispiele aus ihrer Zeit bei den Grünen. Und man muss zugeben, dass der markige wie innovative Buchtitel "Schlaflos im Shitstorm" auf Anhieb neugierig macht.

Bewertung vom 01.03.2020
Fischler, Joe

Die Toten vom Lärchensee / Ein Fall für Arno Bussi Bd.2


ausgezeichnet

Ich liebe Krimis mit viel Lokalkolorit. Der zweite Fall für Inspektor Arno Bussi ist genau solch ein Buch. Ausgestattet mit einer gehörigen Menge Wiener Schmäh und einer skurrilen Handlung im Stile von Hubert und Staller, kann man den neuesten Krimi von Joe Fischler nur mögen. Es war mir eine ausgesprochene Freude, Hauptcharakter und Ich-Erzähler Arno Bussi vom BKA in Wien in die Tiroler Provinz zu begleiten. Im beschaulichen Örtchen Stubenwald am Lärchensee soll er einen 5 Jahre zurückliegenden Mordfall aufklären, wobei er sich ein ums andere Mal selbst in Gefahr bringt und eine große Schwäche für Käsekuchen an den Tag legt. Sein neuer, recht wortkarger Polizeikollege Bernhard ist mehr als doppelt so alt wie Arno Bussi und er geht nie ohne seinen gleichnamigen Bernhardiner aus dem Haus. Doch die vermeintliche Idylle am Lärchensee trügt, denn während Bussis Sondereinsatz sterben nacheinander mehrere ortsbekannte Personen. Ob der Neubau diverser Luxuschalets am Lärchensee damit zu tun haben könnte und warum der Täter immer ähnlich vorzugehen scheint, soll der Leser selbst herausfinden. Jedenfalls kommt in Fischlers zweiten Kriminalroman mit Arno Bussi der Humor keinesfalls zu kurz. Im österreichischen Dialekt und mit geschulten Blick analysiert Bussi frank und frei zu jeder Zeit die Lage und kommt doch erst relativ spät dem Täter auf die Spur; falsche Fährten inklusive. Die eingeflochtenen Eigenheiten der Stubenwalder wurden einfach köstlich beschrieben und ließen mich mehr als einmal laut auflachen. Auch Arno Bussi als Person, noch keine 30, ledig und für jedes Fettnäpfchen zu haben, war interessant. Insgesamt hat mich Fischlers Regionalkrimi sehr überzeugen können. Fest steht, seinen ersten Kriminalroman mit Arno Bussi ("Der Tote im Schnitzelparadies") werde ich mir nun auch besorgen - mögen noch weitere Teile folgen. Sauber, Herr Fischler!

Bewertung vom 01.03.2020
El-Mafaalani, Aladin

Mythos Bildung


sehr gut

Wie kann Bildung gerechter werden? Welche Veränderungen muss es geben?

Aladin El-Mafaalani, Inhaber des Lehrstuhls für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft an der Universität Osnabrück, hat sich genau diese Fragen gestellt und das derzeitige Bildungssystem über Bundesländergrenzen hinaus untersucht und ist zu einem verheerenden Ergebnis gelangt.

Bildung ist und bleibt ein hohes Gut, weil sie elementar über das spätere Leben entscheidet. In einer Gesellschaft, in der es hipp ist, aufs Gymnasium zu gehen und anschließend ein Studium zu absolvieren, haben es die mittleren und unteren sozialen Schichten schwer. Wer in einem Akademikerhaushalt aufwächst, wird perspektivisch ein besseres Leben führen. Das ist leider Fakt, auch wenn es Ausnahmen gibt. Um die Ungerechtigkeiten aufzubrechen und Ausbildungsberufe im Handwerk attraktiver zu machen, bedarf es viel Arbeit.

Aladin El-Mafaalani führt Wege aus der Krise an, doch wird nicht gehört, weil an alten Bildungssystemen festgehalten wird und dadurch aktuelle Entwicklungen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt nicht berücksichtigt werden. Deutschland hat es in der Hand, doch bleibt in Sachen Bildung auffällig passiv. Erst wenn man bereit für Inklusion und Reform ist, kann etwas geschehen. Doch die Schere zwischen Arm und Reich klafft und die Schule vermag diese momentan nicht zu schließen. Im Gegenteil, die frühe Selektion in der 4. Klasse und die mangelnde Förderung von schwachen Schülern stehen einer positiven Entwicklung im Weg. Noch dazu soll sich in immer kürzerer Zeit Wissen angeeignet werden, wodurch Lehrer und Schüler gleichermaßen unter Druck geraten.

FAZIT
Ein wichtiges Buch, das zeigt, dass in Deutschland Bildung von staatlicher Seite schon lang nicht mehr als hohes Gut betrachtet wird. Die Zweiklassengesellschaft ist immer mehr auf dem Vormarsch. Chancengleichheit ist noch immer mehr Illusion als Wirklichkeit.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.