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Xirxe
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Hannover
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Insgesamt 876 Bewertungen
Bewertung vom 29.10.2015
Stelling, Anke

Bodentiefe Fenster


gut

Was für eine traurige Lektüre! Fast 250 Seiten Gedanken, Berichte, Selbstgespräche einer der scheinbar typischen Prenzlauer-Berg-Mütter - doch hier liest man nichts von fröhlichen Latte-Macchiato-Gesprächen unter ihresgleichen oder der erfolgreichen Selbstverwirklichung im kreativen Bereich. Ganz im Gegenteil. Sandra, die Hauptfigur dieses Romans, scheint zwar nach außen voll und ganz dem Klischee zu entsprechen, doch tatsächlich zermürbt sie sich selbst mit ihren ständigen Zweifeln und Selbstvorwürfen. Was ist aus den Idealen geworden, die man ihr daheim und im Kinderladen so eingetrichtert hat, dass sie mittlerweile davon überzeugt ist, dass es ihre eigenen sind? Die absolute Liebe zu den Kindern; dass Gemeinschaft das Wichtigste ist; dass Alle gleich sind und man Alle zu lieben hat und selbst geliebt wird. Doch ihre Frustration über sich, ihr vergebliches Mühen sowie die Anderen, die ganz und gar nicht so leben wie es sein sollte, wird immer stärker und lässt ihre Schuldgefühle und Ängste noch größer werden.
Noch nie habe ich ein so eindringliches (wenn auch indirektes) Plädoyer für einen gesunden Egoismus gelesen wie in diesem Buch. Auf jeder Seite hätte ich Sandra am liebsten geschüttelt (ebenso wie die meisten der zahlreichen Frauen, die in diesem Buch auftauchen) und entgegengehalten: 'Was interessiert Dich, was Deine Nachbarn denken? Sag was Du denkst oder fühlst. Du musst es auch aushalten können, wenn Dich jemand nicht mag.' Und so weiter. Ist dies wirklich das Erbe der 68er Generation, wie es der Umschlagtext behauptet? Wurden die Kinder, insbesondere die Mädchen, zu solch wenig sich selbst bewussten Menschen und stattdessen zu Erfüllungsgehilfen der Utopien ihrer Mütter herangezogen? Ich will und kann das nicht glauben, auch wenn diese Geschichte mir den Eindruck vermittelt. Wenn wenigstens ein Fünkchen Hoffnung am Horizont aufleuchten würde, doch das scheint Sandra offenbar nicht vergönnt. Sogar als ihre ständige Selbstzermürbung zum vollständigen Zusammenbruch führt, scheint auch hier keine Lösung in Sicht.
Mut macht dieses Buch nicht, auf mich wirkt es mehr wie eine Bestandsaufnahme eines Menschen, der stets um sich und seine Ideale kreist, die nicht zu erreichen sind und daran krankt, schwer krankt - ohne große Hoffnung auf Besserung. Doch dafür hätte es keine 250 Seiten gebraucht, denn letzten Endes ist das Thema immer das gleiche.
Alles in allem eine gelungene Innenansicht einer überforderten Mutter und Ehefrau aus der Prenzlauer-Berg-Bewohnerschaft, die jedoch meiner Meinung nach um einiges kürzer hätte ausfallen dürfen.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 28.10.2015
Santis, Pablo De

Die Übersetzung, 1 Audio-CD


ausgezeichnet

Der Übersetzer Miguel de Blast, der als Ich-Erzähler durch dieses Hörspiel führt, fährt zu einem Sprachkongress, wo er seine 'alte' Liebe Ana wie auch seinen ewigen Rivalen Naum trifft. Bereits am ersten Abend gibt es einen Todesfall, dem schon nach Kurzem ein zweiter folgt. Gemeinsam mit Ana erfährt Miguel, dass Naum mehr darüber weiß...
Dies ist kein klassischer Who-done-it-Krimi, denn als Ursache für die Toten scheint sich eine Sprache herauszukristallisieren. Klingt merkwürdig? Ist es auch, aber dennoch spannend und sogar ein bisschen gruselig. Denn dieses Hörspiel ist mit so grandiosen Sprechern wie Frank Glaubrecht, Corinna Harfour, Wolfgang Spier usw. und einer äusserst passenden Hintergrundmusik klasse inszeniert, dass es mir bei konzentriertem Zuhören im Dämmerlicht schon ein bisschen Gänsehaut verursachte ;-)
Leider dauert das Vergnügen nur 50 Minuten und so hört man sich das Ganze gerne auch ein zweites Mal an.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 21.10.2015
Boyle, T. C.

América


ausgezeichnet

1995 wurde dieses Buch geschrieben, doch würde man es heute veröffentlichen, hätte vermutlich niemand Zweifel daran, dass es ein höchst aktuelles Werk ist. Denn nichts, absolut nichts hat sich seitdem verändert. Stattdessen existiert dieses beschriebene Szenario mittlerweile ebenso bei uns, wenn auch vielleicht noch nicht in dieser extremen Form.
Boyle beschreibt in einem Zeitraum eines halben Jahres die Leben zweier Familien, die unterschiedlicher kaum sein könnten, obwohl die räumliche Distanz zwischen ihnen nur gering ist. Delaney, "liberaler Humanist ohne Verkehrssündenregister...", lebt in einer komfortablen Vorortwohnanlage von Los Angeles irgendwo in den Bergen, zusammen mit seiner Frau, deren Sohn, zwei Hunden und einer Katze. Cándido hingegen kam drei Wochen zuvor mit seiner jungen Frau aus Mexiko auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben. Nun hausen sie unweit von Delaneys Vorortsiedlung in einem Canon in einem behelfsmäßigen Unterschlupf und versuchen, genügend Geld zu verdienen um sich eine Wohnung leisten zu können. Die Wege der Beiden kreuzen sich, als Delaney Cándido anfährt, ihn mit 20$ 'abfindet' und danach versucht, mit seinem schlechten Gewissen klar zu kommen.
Boyle zeigt hier kein Schwarz-Weiß-Schema auf, sodass man vielleicht mit der einen Seite mitleidet und der anderen ihr Unglück gönnt. Delaney, der klar der Bevorzugte ist, ist kein schlechter Mensch. Er wie auch seine Frau denkt liberal, ist umweltbewusst, voller Mitgefühl für die Armen dieser Welt, Mitglied beim Kinderhilfswerk undundund. Doch als seine Prinzipien herausgefordert werden und er ungewollt direkt in Kontakt mit den Armen dieser Welt gerät, sind seine Angst und Verunsicherung größer als die Standhaftigkeit seiner Werte. Sind die Mexikaner nicht doch alle Verbrecher? Verdrecken sie nicht die Natur, verstoßen immer wieder auf's Neue gegen Gesetze? Je öfter er mit diesem Anderen konfrontiert wird, desto größer wird die Furcht. Und seine Wut über die Widersprüchlichkeit seines Denkens und Handelns steigt und sucht sich ein Ventil...
Aber auch die bedauernswerten Mexikaner sind nicht nur bemitleidenswerte Menschen, denn wie überall auf der Welt gibt es hier ebenso Kriminelle, die nicht dabei zögern, auch noch den Ärmsten ihr letztes Hab und Gut zu rauben. Dennoch wird klar: Wer nichts hat, muss nicht nur um Arbeit betteln, sondern tagtäglich um sein Leben kämpfen. Denn selbst die Natur stellt sich den Menschen in den Weg...
Es ist ein unglaublich gutes, aber dennoch äußerst deprimierendes Buch, denn es zeigt den Zustand unserer Welt überdeutlich: Die Wohlhabenden wollen wohlhabend bleiben und bis auf mehr oder weniger größere Almosen nichts davon abgeben. Und die Armen, die sich ebenfalls etwas mehr Wohlstand wünschen, müssen dafür ihr Leben auf's Spiel setzen.

Bewertung vom 21.10.2015
Boyle, T. C.

América


ausgezeichnet

1995 wurde dieses Buch geschrieben, doch würde man es heute veröffentlichen, hätte vermutlich niemand Zweifel daran, dass es ein höchst aktuelles Werk ist. Denn nichts, absolut nichts hat sich seitdem verändert. Stattdessen existiert dieses beschriebene Szenario mittlerweile ebenso bei uns, wenn auch vielleicht noch nicht in dieser extremen Form.
Boyle beschreibt in einem Zeitraum eines halben Jahres die Leben zweier Familien, die unterschiedlicher kaum sein könnten, obwohl die räumliche Distanz zwischen ihnen nur gering ist. Delaney, "liberaler Humanist ohne Verkehrssündenregister...", lebt in einer komfortablen Vorortwohnanlage von Los Angeles irgendwo in den Bergen, zusammen mit seiner Frau, deren Sohn, zwei Hunden und einer Katze. Cándido hingegen kam drei Wochen zuvor mit seiner jungen Frau aus Mexiko auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben. Nun hausen sie unweit von Delaneys Vorortsiedlung in einem Canon in einem behelfsmäßigen Unterschlupf und versuchen, genügend Geld zu verdienen um sich eine Wohnung leisten zu können. Die Wege der Beiden kreuzen sich, als Delaney Cándido anfährt, ihn mit 20$ 'abfindet' und danach versucht, mit seinem schlechten Gewissen klar zu kommen.
Boyle zeigt hier kein Schwarz-Weiß-Schema auf, sodass man vielleicht mit der einen Seite mitleidet und der anderen ihr Unglück gönnt. Delaney, der klar der Bevorzugte ist, ist kein schlechter Mensch. Er wie auch seine Frau denkt liberal, ist umweltbewusst, voller Mitgefühl für die Armen dieser Welt, Mitglied beim Kinderhilfswerk undundund. Doch als seine Prinzipien herausgefordert werden und er ungewollt direkt in Kontakt mit den Armen dieser Welt gerät, sind seine Angst und Verunsicherung größer als die Standhaftigkeit seiner Werte. Sind die Mexikaner nicht doch alle Verbrecher? Verdrecken sie nicht die Natur, verstoßen immer wieder auf's Neue gegen Gesetze? Je öfter er mit diesem Anderen konfrontiert wird, desto größer wird die Furcht. Und seine Wut über die Widersprüchlichkeit seines Denkens und Handelns steigt und sucht sich ein Ventil...
Aber auch die bedauernswerten Mexikaner sind nicht nur bemitleidenswerte Menschen, denn wie überall auf der Welt gibt es hier ebenso Kriminelle, die nicht dabei zögern, auch noch den Ärmsten ihr letztes Hab und Gut zu rauben. Dennoch wird klar: Wer nichts hat, muss nicht nur um Arbeit betteln, sondern tagtäglich um sein Leben kämpfen. Denn selbst die Natur stellt sich den Menschen in den Weg...
Es ist ein unglaublich gutes, aber dennoch äußerst deprimierendes Buch, denn es zeigt den Zustand unserer Welt überdeutlich: Die Wohlhabenden wollen wohlhabend bleiben und bis auf mehr oder weniger größere Almosen nichts davon abgeben. Und die Armen, die sich ebenfalls etwas mehr Wohlstand wünschen, müssen dafür ihr Leben auf's Spiel setzen.

Bewertung vom 23.09.2015
Randt, Leif

Schimmernder Dunst über CobyCounty


sehr gut

Ich glaube, ich habe noch nie ein Buch gelesen, bei dem ich so unentschieden war, ob es mir nun gefallen hat oder nicht. So etwas geht doch überhaupt nicht? Oh doch, bei diesem Buch sehr wohl.
Die Geschichte ist ziemlich belanglos: Ein kurzer Ausschnitt aus dem Leben eines fast 27jährigen Literaturagenten, der sich an diverse vergangene Episoden seines Lebens erinnert, alles ohne allzu große Aufregungen oder Spannung. Auch die erscheinenden Personen incl. des Protagonisten sind, nun ja, recht nichtssagend. Selten waren mir die Figuren eines Romanes so gleichgültig wie hier, selbst die für mich eher unsympathische Hauptfigur war nicht so richtig unsympathisch - sie war mir einfach egal. Kaum eine Spur von Empathie, Zu- oder Abneigung, ganz zu schweigen von stärkeren Emotionen meiner Seite ;-) Was mich dennoch bis zum Ende ohne Mühe weiterlesen ließ, war das ständige Gefühl, dass mir die Gesellschaft, in der sich das Beschriebene ereignete, ziemlich bekannt vorkam. Dieses CobyCounty, hat das nicht große Ähnlichkeit mit uns?
Eigentlich ist es fast schon eine Utopie, diese fiktive Gesellschaft. Die Menschen dort scheinen durchweg erfolgreich zu sein, und zwar nicht im Schweiße ihres Angesichts, sondern meist durch die Nutzung ihrer kreativen Fähigkeiten. FilmemacherInnen, AutorInnen, ArchitektInnen undundund. Die Ergebnisse der Arbeiten dieser KünstlerInnen werden begeistert von der Außenwelt aufgenommen, die sich auch nur eines wünscht: Leben wie in CobyCounty. Alt und Jung ist kein Gegensatz mehr, sondern eine Ergänzung. Geschlechtergrenzen sind fließend, Partnerschaften sind mit jedem Geschlecht möglich. Alles ist gut - nein, besser! Und trotzdem überkam mich beim Lesen nicht ein einziges Mal das Gefühl, dass es dort tatsächlich besser ist. Denn dieses ganze Leben ist nur auf Eines ausgerichtet: Wie lebe ICH ein perfektes Leben? Alles was getan wird, geschieht nur im Hinblick auf dieses Ziel, nichts wird um des Tuns willen getan. Anschließend sonnt man sich im Bewusstsein ein guter Mensch zu sein, da man ja die richtigen Dinge getan hat. Doch das wird so beiläufig dargestellt, dass man es während des Lesens nicht richtig zu fassen bekommt. Unterschwellig wurde mein ablehndendes Gefühl immer stärker, zumindest manchmal deutlicher begründet durch einen Satz wie '...ich hatte von ihr (seiner Mutter) erfahren wollen, ob meine Geburt ihr Leben und das Leben meines Dads eigentlich sehr zum Negativen beeinflusst hat...'. Als ob das Negative eine Selbstverständlichkeit wäre bei der Geburt eines Kindes.
Kommt einem da Vieles nicht bekannt vor? Diese stete Selbstbeobachtung ('War ich freundlich, höflich, tolerant.... genug?') oder der ständige Selbstoptimierungswahn, besser schlafen, essen, trinken, gehen.... Das Ich muss es zur Perfektion bringen, sonst ist das Leben nicht gelungen.
Schlussendlich: Zwar hinterlässt dieses Buch kein gutes Gefühl, sondern eher das Gegenteil. Aber so etwas ist ja nicht immer schlecht (wie in diesem Fall), denn hier regt es zum Nachdenken an. Und wie es dem Autor derart subtil gelingt, diese nur schwer zu beschreibende Abneigung gegen diese Gutmenschengesellschaft hervorzurufen: Große Klasse!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 14.09.2015
Fine, Anne

Tagebuch einer Killerkatze


ausgezeichnet

Bei einem Buch mit diesem Titel musste ich einfach stehenbleiben, völlig egal um welche Art von Buch es sich nun handelt. Kurzes Reinlesen und es war klar: Das wird gekauft. Ich zitiere mal die ersten Sätze, die meine Entscheidung vielleicht nachvollziehbar machen:

Dazu die herrlichen Zeichnungen von Axel Scheffler, der die Katze Kuschel überhaupt nicht kuschelig darstellt, sondern wie einen Gefängnisinsassen grau mit Streifen und einem leicht verschlagenen Blick (zumindest am Anfang). Da konnte ich nicht widerstehen - und ein weiteres Kinderbuch ziert nun mein Bücherregal ;-)
Der oben zitierte Ton zieht sich durch das ganze Büchlein (knapp 55 Seiten) und mit jedem toten Getier, das Kuschel anbringt, wird sein Erklärungsbedarf größer. Ich habe mich köstlich dabei amüsiert ebenso wie über Axel Schefflers Bilder, die so überhaupt nicht lieblich-zart-kuschelig sind. Herrlich, wie Kuschel mühsam das Karnickel durch die Katzenklappe zerrt. Oder wie der Vater der Familie in einem burkaähnlichen Gewand durch die Nacht robbt... Ich bin mir sicher, dass sich auch Kinder darüber amüsieren können, wenn auch vielleicht auf eine andere Art als Erwachsene.
Die eigentliche Geschichte basiert zwar auf einem uralten Witz, aber zum einen kennen Kinder ihn vermutlich noch nicht und falls doch (wie die meisten Erwachsenen), hat man trotzdem seinen Spaß daran. Denn Anne Fine hat das Ganze so toll ausgeschmückt und der Katze einen solch klasse Tonfall gegeben, dass das Alles fast wie neu klingt. Herrlich!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.