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Xirxe
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Insgesamt 876 Bewertungen
Bewertung vom 10.03.2016
González, Tomás

Was das Meer ihnen vorschlug


sehr gut

Kolumbien, eine idyllische Ferienanlage am Meer. Doch schaut man genauer hin, ist es alles andere als ein Idyll. Javier und Mario, Zwillinge in den Zwanzigern, betreiben die Anlage mit einem Restaurant gemeinsam mit ihrem Vater. Offen verachtet er die Beiden, und dafür hassen sie ihn, aber auch weil er ihre geliebte Mutter schon immer schamlos betrog, und sie mittlerweile psychisch krank ist.
Der Roman umfasst 27 Stunden, von vier Uhr morgens bis sechs Uhr des nächsten Tages, jede Stunde ein Kapitel. Jede Stunde wird die Geschichte aus einer anderen Perspektive erzählt. Man hört die Mutter, die überall Stimmen vernimmt; die Gäste der Ferienanlage; und natürlich auch die Söhne und ihren Vater, die alle ihrer unbändigen Wut und ihrem Zorn freien Lauf lassen. Sie sind gemeinsam zum Fischfang aufgebrochen, während ein schweres Unwetter heraufzieht . Nach und nach steigt die Anspannung zwischen den Dreien im Boot, so wie nach und nach das Unwetter stetig näher rückt. Mit jeder Seite steigt die Ahnung, dass etwas Dramatisches bevorsteht....
Tomás González ist ein ungemein präziser Erzähler, dem es trotz kaum vorhandener Handlung gelingt, ebenso eine immense Spannung aufzubauen wie den Figuren soviel Leben zu verleihen, dass man sie genau vor Augen hat, auch wenn man nicht unbedingt ihre Beweggründe verstehen mag. Vieles mag für europäische, insbesondere deutsche LeserInnen unverständlich bleiben, doch sollte man sich beim Lesen immer klar machen: Es ist eine kolumbianische Geschichte!
Gerade mal 150 Seiten hat dieses schmale Büchlein, sodass man es fast zwangsläufig in einem Rutsch durchliest - was schade wäre. Denn so, wie sich das ganze Drama nach und nach entfaltet, sollte man auch diese Geschichte lesen. Für mich hat sich beinahe jeder Abschnitt durch etwas Zeitabstand neu dargestellt, insbesondere das Ende, das ich direkt nach dem Lesen als ziemlich unbefriedigend empfand. Doch mit etwas Distanz sah ich plötzlich auch etwas völlig Anderes: Menschlichkeit, wo sie nicht zu erwarten war.

Bewertung vom 06.03.2016
Lisboa, Adriana

Der Sommer der Schmetterlinge


sehr gut

Es ist die Geschichte zweier Schwestern aus Brasilien, die völlig unterschiedliche Lebenswege einschlagen, sich aber trotzdem immer noch verbunden fühlen. Nach zehn Jahren steht ein Wiedersehen in ihrem Elternhaus bevor und in einem für europäische Verhältnisse ungewöhnlichen, aber dennoch wundervollen, poetischen Stil erzählt die Autorin über die Kindheit und das Erwachsenwerden dieser beiden Frauen.
Klar ist, es gibt Etwas über das in dieser Familie niemand spricht, es herrscht eine Grabesstille im Zuhause der beiden Mädchen. Nur wenige wissen davon und die Geschichte selbst nähert sich diesem Etwas nur allmählich mit vagen Andeutungen, wohingegen seine Auswirkungen überdeutlich beschrieben werden. Alle leiden darunter: die Einen direkt, die Anderen indirekt. Es muss etwas Abscheuliches gewesen sein, doch dieses entsetzlich Unbeschreibliche wird auf eine solch stimmungsvolle und poetische Weise erzählt, dass der Kontrast zwischen Sprache und Erlebtem wohl kaum größer sein könnte.
Doch der Roman lebt nicht nur von der wunderbaren Sprache der Autorin. Während es zu Beginn nur selten Hinweise auf das Unaussprechliche gibt, steigen diese mit zunehmender Seitenzahl. Und so rätselte ich mit, was denn geschehen sein könnte und wurde immer ungeduldiger, je näher das Treffen der beiden Schwestern rückte. Obwohl ich wie vermutlich viele Andere auch es schon früher ahnte (zumindest ungefähr), was passiert sein könnte, ist die 'Auflösung' dennoch schockierend - ich konnte das Unglaubliche kaum glauben.
Es ist eine Geschichte, wie sie sich auch in unserer Gegend hätte ereignen können, voller Schweigen und Verschlossenheit. Doch durch die bilderreiche Sprache Adriana Lisboas wird schon nach wenigen Seiten klar: Man befindet sich mitten in Südamerika.
Weshalb dann nicht die volle Punktzahl? Das Buch ist trotz des traurigen Themas sehr sehr poetisch - für meinen Geschmack etwas zu sehr. Um nicht falsch verstanden zu werden: Nein, das hier ist KEIN Kitsch und drückt nicht auf die Tränendrüse. Doch als durchschnittliche Mitteleuropäerin vertrage ich offenbar nur eine bestimmte Menge an Poesie - und die ist mit diesem Buch auf jeden Fall erreicht ;-)

Bewertung vom 06.03.2016
Tukur, Ulrich

Die Seerose im Speisesaal


ausgezeichnet

Wer hofft, ausgehend vom Untertitel 'Venezianische Geschichten', etwas mehr über Venedig zu erfahren als bereits in den einschlägigen Reiseführern steht, wird wohl einerseits enttäuscht werden, andererseits aber auch seinen Wunsch erfüllt bekommen. Rat- und Vorschläge welcher Art auch immer finden sich hier nicht, dafür aber eine Menge Geschichten über die VenezianerInnen, sodass man am Ende vielleicht ein bisschen ein Gefühl dafür bekommen hat, was den/die Einheimischen ausmacht. Wobei - ob der Unterschied zu BewohnnerInnen aus anderen Gebieten Italiens so groß ist, kann ich nicht beurteilen.
In jedem Fall sind die Geschichten amüsant, liebevoll, melancholisch und zuweilen auch phantastisch. Überwiegend sind es Erlebnisse des Autors, die sich seit seinem Umzug nach Venedig ereigneten bzw. Geschehnisse, die ihm von BewohnerInnen Venedigs zugetragen wurden. Manchmal wurde sein Interesse so groß, dass er begann, historische Hintergründe dazu auszugraben und stieß so auf Skurriles und Rätselhaftes wie beispielsweise die venezianische 'Flamme' von Hitler.
Ob wahr oder nicht - es spielt keine Rolle. Tukurs Stil ist ausgesprochen unterhaltend und er versteht es meisterhaft, Dinge zu beschreiben und vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen. Ein Beispiel: "Ihr Gesicht war eine Landschaft, die sich im Laufe eines langen, entbehrungsreichen Lebens herausgebildet hatte; es gab Berge, ja regelrechte Gebirgszüge, zwischen denen sich Täler dahinzogen, tiefe und weniger tiefe, langgestreckte, die sich zu Ebenen weiteten, wiederum anstiegen, um hinabzufallen zu zwei Seen, dunkel schimmernd oder hell strahlend, je nachdem, welches Wetter herrschte und wie das Licht sie traf." (Die beschriebene Dame ist 96 Jahre alt.)
Was dem Ganzen jedoch auf jeden Fall zur vollen Punktzahl verhilft, ist die wirklich grandiose Lesung des Autor selbst. Ulrich Tukur kann es einfach! Er liebt diese Stadt und seine Menschen und die Geschichten dazu, das konnte er mir bei diesem Hörbuch äusserst glaubhaft vermitteln. Vermutlich sogar noch besser, als wenn ich 'nur' die Geschichten gelesen hätte.
Meine Empfehlung daher: Das Hörbuch hören!

Bewertung vom 02.03.2016
Sievers, Corinna T.

Die Halbwertszeit der Liebe


sehr gut

Die Ich-Erzählerin Margarete, Mitte 40, erfolgreiche Schönheitschirurgin mit wissenschaftlichem Schwerpunkt männliches Geschlechtsteil, sehr intelligent und sehr attraktiv (ohne Eingriffe ;-)), hat ein bzw. mehrere massive Defizite. An Sex kann sie nichts finden und Gefühle sind ihr weitestgehend fremd. Zudem ist sie der Auffassung, missgestalt zu sein (ganz im Gegensatz zu den Männern) - Dysmorphophobie nennt man diese Krankheit. Auf einem Kongress begegnet sie Heinrich, einem ebenfalls sehr erfolgreichen Schönheitschirurgen, der völlig von ihr hingerissen ist. Margarete geht es mit ihm ähnlich, ohne dass sie weiss weshalb, und so beschließt sie, ihn zu lieben. Es beginnt eine, wie ich finde, seltsame Beziehung, die in St. Moritz in einer gemeinsamen Bergwanderung im wahrsten Sinne des Wortes gipfelt.
Ich lese ja nun wirklich viel, aber so ein Buch bzw. einen solchen Stil hatte ich bisher noch nie. Durch ihre Gefühllosigkeit ist Margaretes Ausdrucksweise kühl und rational, Menschen (insbesondere Männer) werden stets nach ihrem äusseren Erscheinungsbild analysiert, nicht beurteilt!. Das hört sich dann beispielsweise so an: "Er ist jünger als ich, klein, dunkel, Kraushaar an Kopf und Armen. Bauchfett: nullkommafünf Liter, Länge des Penis siebenkommafünf Zentimeter (nicht erigiert), Durchmesser drei, gerader Wuchs, erigiert dreissig Prozent Zuwachs, maximal. Der Kittel blütenweiß, gestärkt." Oder: "Sie haben Bäuche, eine Fettabsaugung könnte Abhilfe schaffen, ich schätze das Volumen des abzusaugenden Gewebes; im Fall des rechts Stehenden ein knapper Liter, links einskommafünf, der Mittlere leidet an schwerer Fettleibigkeit, zweikommafünf." Der Tonfall bleibt fast durchgehend völlig sachlich und nüchtern, was mir zu Beginn eher unangenehm war, doch nach 40 bis 50 Seiten hatte ich mich daran gewöhnt und die Lektüre machte mir immer mehr Vergnügen. Margarete enthüllt die Männer ohne Gnade - nicht bösartig sondern weil sie nicht anders kann, und das ist schon sehr amüsant. Doch ihr Verhalten steht im völligen Gegensatz dazu, sodass ich immer nur den Kopf schütteln musste, wobei es natürlich auch dafür Erklärungen gibt.
Trotzdem, so Manches bleibt unverständlich was jedoch meine Lesefreude nicht minderte. Alles in allem eine sehr ungewöhnliche Liebesgeschichte, insbesondere mit einem Blick auf Männer, wie ich ihn so noch nicht kannte ;-)

Bewertung vom 28.02.2016
Cooper, Tom

Das zerstörte Leben des Wes Trench


sehr gut

Gleich zu Beginn muss ich erst mal das leidige Thema BUCHTITEL ansprechen. Denn weder erwartet einen bei dieser Lektüre die tragische Lebensgeschichte des Wes Trench noch ist dessen Leben zerstört (zumindest habe ich es so empfunden). Doch auch den Originaltitel finde ich eher seltsam: The Marauders (= Plünderer, nicht Rumtreiber wie ich irgendwo gelesen habe). Denn gerade das sind die Protagonisten dieses Buches nicht. Ist es zuviel verlangt, sich einen Titel zu wünschen der im richtigen Zusammenhang mit dem Inhalt steht?
Erzählt wird das Leben von acht Männern (Frauen scheint es kaum mehr zu geben) während des Sommers 2010, kurz nachdem die Ölplattform Deepwater Horizon explodierte und fünf Jahre nach dem Hurrikan Katarina. Sie alle leben im tiefen Süden von Louisiana, wo die Menschen Sumpfratten genannt werden und die meisten nach diesen beiden Schicksalsschlägen hart um ihre Existenz kämpfen müssen. Da ist Fischer Lindqvist, der wie die meisten Anderen mehr schlecht als recht von der Shrimpsfischerei versucht zu leben und seinen Kindheitstraum nie aufgegeben hat, einen Goldschatz zu finden. Die Zwillinge Toup, die auf einer Insel mitten im Sumpf Marihuana anbauen. Brady Grimes, der widerwillig in die Heimat zurückgekehrt ist und nun im Auftrag der Ölgesellschaft die Einheimischen über den Tisch zieht. Cosgrove und Hanson, zwei Männer, die nichts miteinander verbindet außer dem Wunsch, möglichst schnell an viel Geld zu kommen. Und natürlich Wes Trench, der gemeinsam mit seinem Vater ebenfalls auf Shrimpsfang geht.
Tom Cooper gelingt es bei seinem Erstlingswerk überraschend gut, die besondere Stimmung und Atmosphäre dieser Gegend und seiner Bewohner zu vermitteln. Es ist ein zäher und eigensinniger Menschenschlag der hier ausharrt und versucht, trotz der widrigen Umstände die auch ganz ohne Hurrikan und Ölpest zum Alltag gehören, sich und ihren Familien ein möglichst gutes Leben zu ermöglichen. Aber es sind nicht nur gute Geschichten, die Cooper hier erzählt anhand der teils schrägen Hauptfiguren, von denen jeweils abwechselnd kapitelweise berichtet wird. Die realen Ereignisse wie der Hurrikan Katarina und die Ölpest scheinen zwar nur eine Nebenrolle zu spielen, doch letzten Endes sind sie es, die die Ursachen für die massiven Schwierigkeiten dieses Landstriches darstellen. Die Zerstörung der ganzen Umgebung wie auch der Tod vieler Menschen durch Katarina, die Umweltverschmutzung durch die Ölpest, der dadurch erfolgte Zusammenbruch der gesamten Lebensgrundlagen der Einheimischen (Shrimps werden nun aus China importiert), das Davonstehlen der dafür Verantwortlichen - der Autor klagt nicht an, sondern schildert es eher beiläufig. Doch es ist auf jeder Seite präsent.
Tom Cooper ist ein toller Geschichtenerzähler und so sei es ihm verziehen, dass das Ende fast schon zu happyendmäßig ausfällt. Ihm ist ein überzeugender Roman mit schrägen, aber real wirkenden Menschen gelungen, der Ereignisse und insbesondere deren Folgen zurück ins Gedächtnis ruft, die von Vielen vermutlich bereits wieder vergessen wurden.

Bewertung vom 23.02.2016
Lappert, Rolf

Über den Winter


gut

Lennard Salm, ein nicht erfolgloser Konzeptkünstler (oder etwas in der Art), erhält die Nachricht, dass seine ältere Schwester gestorben ist. Er kehrt nach Hamburg zurück, wo sein pflegebedürftiger Vater und seine jüngere Schwester lebt. Sein Leben gerät aus dem scheinbaren Gleichgewicht, in dem es sich die letzten Jahre befand und er ist sich nur bei einem sicher: dass er seinem Vater nahe sein möchte. All das, was sein Leben bisher bestimmte, die Kunst, Reisen, Ausstellungen, interessiert ihn nicht mehr. Doch was statt dessen sein soll, weiß er nicht.
Es ist kein ereignisreiches Buch. Man begleitet Salm während seiner Wintertage in Hamburg und erhält Einblick in seine Gedanken- und Gefühlswelt, wobei letztere eher wenig ausgeprägt ist. Ich empfand ihn als einen Menschen auf der Suche nach dem, was er wirklich will. Seine Vergangenheit war bis dahin mehr durch Zufälligkeiten geprägt, die ihn dahin und dorthin brachten, ohne dass wirkliche Entscheidungen zu treffen waren. Wie bei seinem verloren gegangenen Koffer, der durch die Welt reist und ihn erst am Ende des Buches wieder erreicht. Und auch jetzt ist es keine aktive Suche. Vielmehr ein Sichtreibenlassen ohne sich tatsächlich offen zu etwas bekennen zu müssen.
Vieles in diesem Roman hängt mehr miteinander zusammen als man auf den ersten Blick ahnt, zumindest habe ich es so wahrgenommen (siehe auch den verlorenen Koffer). Im Prolog befindet sich Lennard an einer nicht näher bezeichneten Küste im Süden Europas (?). Und im ersten Kapitel ist es auf den ersten drei Seiten völlig unklar, wo er sich befindet: Noch immer in dem unbekannten Land? Nun aber im Hotel? Erst in der Mitte auf Seite 50 wird deutlich, dass es sich um Hamburg handelt. Alles scheint austauschbar, nichts von Bestand - ganz so wie Lennards Leben.
Es ist eine langsame Entwicklung, die der Protagonist hier durchläuft und damit umso glaubwürdiger. Sein Erschrecken, dass auch Menschen in seiner unmittelbaren Nähe teils existentielle Probleme haben. Oder die unerwartete Freundlichkeit und das aufrichtige Interesse an seiner Person, die ihn zu deutlich überhöhten Trinkgeldern greifen lässt. Erlebnisse, die sein bisheriges Leben in Frage stellen, ohne dass er diese laut äussert.
Die Lektüre regte mich zum Nachdenken an: zum Einen über das Buch selbst, zum Andern über mich. Nicht das Schlechteste, was man über ein Buch sagen kann :-)

Bewertung vom 16.02.2016
Busquets, Milena

Auch das wird vergehen


ausgezeichnet

Blancas Mutter ist verstorben, die wohl der wichtigste Mensch in ihrem Leben war und Blanca zu dem Menschen 'machte', der sie heute ist. Nicht immer entwickeln sich aus solchen Erkenntnissen positive Gefühle, doch in diesem Fall entstand eine große Liebe. Blanca liebt ihre Mutter über alles und in den Tagen nach deren Tod ist sie ihr fast immer gegenwärtig, bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten. Die Ich-Erzählung aus Blancas Perspektive habe ich wie einen Brief an die Mutter empfunden: Sie erzählt ihr von den Tagen nach der Beerdigung, wie sie sich versucht abzulenken und dennoch stets auf's Neue ihre Mutter in den Vordergrund rückt. Menschen, Orte, Gesten, Gefühle - immer wieder werden dadurch Erinnerungen hervorgerufen, denen Blanca sich hingibt. Voller Wehmut und Schmerz, aber auch mit Zärtlichkeit, Freude und voller Liebe. Dies mag nun Manchen allzu sehr nach Rosarot klingen, doch es gibt auch Rückblicke, die deutlich machen, dass die Mutter-Tochter-Beziehung nicht nur harmonisch war. Doch die Liebe überwiegt...
In diesem Buch gibt es so viele wunderbare und schöne Sätze, dass ich vermutlich ganze Wände damit tapezieren könnte ;-) Beispiele gefällig? Also: "Du hast mich so rigoros und nachhaltig gegen jede nicht spielerische Form von Unterwerfung erzogen, dass ich noch nicht einmal Feministin werden musste." oder "In deinen Augen rechtfertigte die Liebe eigentümliche Verhaltensweisen, die du unter allen anderen Umständen verurteilt hättest. Wenn ein Kellner ... dir die Suppe über's Kleid schüttete und du, eben dabei, dich zu beschweren, vom Maître erfuhrst, er sei verliebt ..., sahst du ihn wohlwollend an und sagtest: "Ach so, na dann..." Und aßest seelenruhig weiter in deinem suppendurchtränkten Rock." oder ""Leichtigkeit ist eine Form von Eleganz", sage ich, "leicht und fröhlich zu leben ist sauschwer." "Du verwechselst Leichtigkeit mit Schlendrian, Blanquita."" Vielleicht ist es das, was das Leben von Blanca und ihrer Familie ausmacht: Die Leichtigkeit und die Liebe, was sich auch in den noch immer sehr guten Beziehungen zu ihren Ex-Ehemännern zeigt, den Vätern ihrer beiden Söhne.
Doch es ist nicht nur die Liebe zum andern Geschlecht, sondern ganz allgemein die Liebe zum Leben, die Liebe an sich. Deutlich wird das besonders auf den letzten Seiten, wo Blanca ihrer Mutter eine wundervolle Dankesrede und Liebeserklärung schreibt, die alleine schon das ganze Buch lohnt. "Von dir habe ich die Liebe auf den ersten Blick als einzig mögliche Form, sich zu verlieben (du hattest recht), die Liebe zur Kunst, zu den Büchern, den Museen, zum Ballett, die Freigiebigkeit in Gelddingen, die großen Gesten in den passenden Momenten, die Rigorosität im Handeln und im Reden. Das völlige Fehlen von Schuldgefühlen und die Freiheit und die Verantwortlichkeit, die damit verbunden sind.... Du hast mir auch das irre Lachen geschenkt, die Freude am Leben, die völlige Hingabe, den Spaß an jedem Spiel, die Abneigung gegen alles, was in deinen Augen das Leben kleiner machte und einem die Luft nahm: Knauserigkeit, Mangel an Loyalität, Neid, Angst, Dummheit und Grausamkeit. Und den Sinn für Gerechtigkeit. Die Aufsässigkeit. Das überwältigende Erkennen von Glück in den Momenten, wenn man es in Händen hält und ehe es wieder davon fliegt.... Und die Grandezza, eine Fähigkeit, die Dinge zu benennen, sie zu sehen, eine aufrichtige Toleranz den Schwächen und Unzulänglichkeiten anderer Menschen gegenüber...".
Auch wenn das Hauptthema dieses Buches der Tod eines Menschen sein mag, ist es für mich viel mehr eine Hommage an das Leben und die Liebe.

Bewertung vom 10.02.2016

Anderswo / NOX Bd.2


gut

Der zweite Teil dieser Dystopie beginnt nahtlos dort, wo der erste endete, was es für NeueinsteigerInnen etwas problematisch machen dürfte, der Geschichte ohne Verständigungsschwierigkeiten zu folgen. Während im ersten Teil ausführlich die Gesellschaft wie auch die Entwicklung der Personen beschrieben wurde, ist man zu Beginn von NOX - Anderswo sofort mitten in der Geschichte. Die früher engen Freunde Lucen und Gerges stehen nun auf entgegengesetzten Seiten, wobei Gerges Lucen nichts sehnlicher als den Tod wünscht. Lucen muss aufgrund einer Intrige sechs Monate in den verseuchten Wäldern arbeiten, bevor sein Todesurteil vollstreckt wird, während seine schwangere Freundin versucht, sich und ihr Kind zu retten. Ludmilla, das Mädchen aus der Oberstadt, findet sich plötzlich in Dinge verwickelt, die sie an die Grenzen ihrer Möglichkeiten bringen.
Während das erste Buch den Schwerpunkt auf die Entwicklung der Hauptpersonen legte, geht es nun ums nackte Überleben. Die obere Gesellschaft gegen die untere, die Mächtigen gegen die Machtlosen, die Starken gegen die Schwachen. Wer das Pech hatte, auf der falschen Seite geboren worden zu sein, muss sehen wo er/sie bleibt. Gerechtigkeit gibt es nicht und Solidarität herrscht bei den Meisten nur innerhalb ihrer eigenen Gruppe. Ob Ähnlichkeiten zur aktuellen Weltlage gewollt sind - wer weiß.
Wie schon zuvor erzählen die Hauptpersonen stets abwechselnd das von ihnen Erlebte, wobei die Überschneidungen hier deutlich geringer sind als im ersten Teil, was sicherlich den auseinanderstrebenden Lebenswegen geschuldet ist. Zu den bisherigen drei Protagonisten ist noch Firmie, die Freundin Lucens, hinzugekommen, die wie die Anderen ziemlich kühl und sachlich berichtet. Selbst die größten Ängste und Schmerzen werden beinahe emotionslos mitgeteilt, was mir beim Lesen immer wieder merkwürdig vorkam. War das im ersten Teil auch so? Vielleicht gab es dort aber auch einfach weniger solcher Situationen.
Insgesamt ist dieses Buch sicherlich fesselnder als der erste Band, dennoch gefiel mir jener besser. Es gibt einfach viele Dinge, die mir zu gewollt waren: junge Mädchen morden von jetzt auf gleich; ein brutaler Vater wandelt sich beinahe ins Gegenteil; am Ende Gedanken an Brüder, die die 300 Seiten vorher nie ein Thema waren; Happyend für Alle usw. So bleibt es bei einer Dystopie, die mit viel Potential begann, das zum Ende hin jedoch bedauerlicherweise nicht ausgeschöpft wurde.

Bewertung vom 08.02.2016
Nichol, Christina

Im Himmel gibt es Coca-Cola


sehr gut

Dieses Buch ist nicht ganz einfach zu beschreiben, denn so richtig viel Handlung gibt es nicht. Der Ich-Erzähler Slims, der in der georgischen Hafenstadt Batumi lebt und als Anwalt im Seerechtsministerium arbeitet (und seit Monaten kein Gehalt mehr erhalten hat), träumt davon, seinem geliebten Heimatland zum Aufschwung zu verhelfen: keine Korruption mehr, ständig verfügbare Elektrizität, regelmäßige Gehaltszahlungen usw. Er schreibt Briefe an Hillary Clinton und erhält daraufhin eines Tages tatsächlich eine Einladung in die USA, um sich in puncto Wirtschaft weiterbilden zu können. Doch alles läuft anders als geträumt...
Der überwiegende Teil des Buches beschreibt mehr die Gesellschaft Georgiens und seiner Bewohner als dass er einer wirklichen Handlung folgt: Es ist wirr, chaotisch, liebenswert ;-) Die genannte Handlung hangelt sich eher an einem dünnen sogenannten roten Faden entlang, der als Anlass genommen wird, weitere Beschreibungen einfließen zu lassen. Obwohl die Autorin Amerikanerin ist, gelingt es ihr meiner Meinung (ich kenne das Land nicht - leider, muss ich nach der Lektüre schreiben) sehr überzeugend, die Atmosphäre Georgiens wie auch das Besondere seiner Bewohner darzustellen. Sie lieben ihr Land - aber die Menschen noch viel mehr. Alle versuchen sich auf irgendeine Art und Weise durchzumogeln, meist mit nicht ganz legalen Mitteln, doch immer wird auch an die Anderen gedacht. Es ist ein stetes WIR, das in Georgien existiert - das ICH des Westens kennt man nicht. Für Gäste wird einfach Alles aufgefahren, sodass diese denken müssen, die Georgier leben im Überfluss.
Der Tonfall ist durchweg vergnüglich, wobei dieses Wort vermutlich falsche Erwartungen erweckt. Es ist ein unglaublich trockener Humor, mit dem beispielsweise auf Missstände hingewiesen wird und die Pointe dann schon fast wie ein Lamento klingt, ohne dass dieses wirklich ernst gemeint ist. Oder er kommt sehr unterschwellig oder auch völlig absurd daher - diejenigen, die das Offensichtliche lieben, werden mit diesem Buch nicht ganz so viel zu lachen haben.
Ich habe mich hingegen gut amüsiert, auch wenn Vieles in der Realität bestimmt nicht zum Lachen ist. In jedem Fall hat es mich sehr sehr neugierig auf Georgien bzw. auf seine Menschen gemacht. Denn wie ich in einem Reiseführer nachlesen konnte, wurden deren Beschreibungen nicht übertrieben. Unglaublich - aber ich denke, davon muss ich mich selbst überzeugen. Georgien, ich komme!