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hasirasi2
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Dresden

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Insgesamt 1268 Bewertungen
Bewertung vom 20.09.2025
Izquierdo, Andreas

Über die Toten nur Gutes / Ein Trauerredner ermittelt Bd.1


gut

Ein Trauerredner auf Schnitzeljagd

„…, wenn du das hier liest, bin ich wahrscheinlich tot.“ (S. 62) Trauerredner Mads Madsen ist es gewohnt, die richtigen letzten Worte zu finden. Aber als er diese Nachricht von seinem Schulfreund Patrick auf der Fußmatte findet, verbunden mit der Bitte, seine Totenrede zu halten und sich dafür an alles von früher zu erinnern, ist er irritiert. Patrick kam bei einem Unfall mit Fahrerflucht ums Leben – wie konnte er da seinen Tod vorhersehen?
Mads hat Patrick zuletzt vor 20 Jahren gesehen und weiß nichts über sein Leben seitdem. Also befragt dessen Mutter, die ihn an seinen Freund Timo verweist. Über Timo findet er Jessica. Die drei waren jahrelang unzertrennbar, aber jetzt wollen die beiden nicht mehr über ihn reden, weil er an etwas Schuld war und es zu gefährlich wäre. Mads lässt sich nicht davon abschrecken, sondern folgt den Spuren, die ihm Patrick nach und nach wie bei einer Schnitzeljagd zukommen lässt.

Leider konnte mich Andreas Izquierdo mit diesem Cozy Krimi nicht überzeugen. Ich mochte den aus der Zeit gefallenen Mads mit seiner Vorliebe für altmodische Anzüge und Schuhe und seinen ungewöhnlichen Beruf, die philosophische Tiefe, mit der er das Leben und Sterben betrachtet. „Nicht der Tod machte Angst, sondern das, was er offenbarte.“ (S. 35) Darum passen seine Ermittlungen und wie er sich in gefährlichen Situationen verhält, für mich auch nicht richtig zu ihm.
Außerdem fand ich die Handlung etwas zu gemütlich und den Fall zu konstruiert. Die ersten 200 Seiten passiert nicht viel, ab und an tauchen plötzlich Hinweise aus dem Nichts auf oder Mads erinnert sich an etwas, das ewig zurückliegt. Erst danach nimmt das Buch endlich Fahrt auf und gipfelt in einem etwas übertriebenen Showdown.

„Über die Toten nur Gutes“ lebt vor allem von den skurrilen Protagonisten. Mads wohnt in einem Haus mit seinem nach Bingo verrückten Vater, der ihm seinen Tagesablauf (früh aufstehen) und Musikgeschmack (Udo Jürgens) aufdrückt und ihn lieber beim Radio statt als Trauerredner sehen würde, schließlich hat er eine soooo schöne Stimme! Auch Mads Familie hat ihren Anteil an den Ermittlungen (sein Bruder ist Arzt und sein Schwager Anwalt), bleibt ansonsten aber blass. Mein heimlicher Liebling des Buches ist Mads Malteserhündin Bobby, die immer den richtigen Leuten ans Bein pinkelt. Außerdem unterstützt ihn sein bester Freund Fiete, der Bestatter ist und unter der Fuchtel seiner dominanten Mutter steht. Ihr gehört übrigens ein Bestattungsinstitut inkl. einem rätselhaften Mitarbeiter, der sicher noch für einige Überraschungen sorgen wird.

Bewertung vom 17.09.2025
Wahl, Caroline

Die Assistentin


ausgezeichnet

Zuckerbrot und Peitsche

„Und dieses Schwanken zwischen Lob, Zufriedenheit, fast schon Euphorie auf der einen Seite und Unzufriedenheit, Nichtachtung und Wut auf der anderen setzte Charlotte mehr zu, als sie sich lange eingestehen mochte.“ (S. 192)
Charlotte wollte eigentlich Musik studieren. Doch auf Drängen ihres Vaters bewirbt sie sich stattdessen als Assistentin beim Verleger, sie soll unbedingt Karriere machen. Dafür muss sie nach München ziehen, wo sie niemanden kennt, in eine Wohnung, in der sie sich nicht wohl fühlt.
Ihr Chef ist narzisstisch, kontrollierend, übergriffig. Er interessiert sich ständig für intime Details aus ihrem Privatleben, die ihn nichts angehen. Zwar überschreitet er dabei körperlich nie eindeutig sexuelle Grenzen, aber auch das gelegentliche Berühren ist unangemessen. Immerhin gelingt es Charlotte, sich körperlich klar abzugrenzen. Doch sie verliert die Kontrolle über ihr Leben: steht immer früher auf, arbeitet bis spät in die Nacht, sammelt bis zu 70 Überstunden im Monat. Ihr Chef kontaktiert sie ständig – im Urlaub, am Wochenende, nach Feierabend. Und egal was schiefgeht, Schuld sind immer die anderen. Der Verleger hat immer recht. Seine ständig wechselnden Assistentinnen hält er mit Zuckerbrot und Peitsche klein: mal überschüttet er sie mit Lob oder teuren Geschenken, dann kündigt er ihnen aus heiterem Himmel. Es ist entwürdigend. In Nachrichten und Mails nennt niemanden beim Namen, sondern vergibt Kürzel und dazu Frucht- oder Gemüsesymbole, mit denen auch er seine ellenlangen Aufgabenlisten versieht. Diese Aufgaben dürfen sie selten eigenständig erledigen – alles wird mehrfach von ihm kontrolliert, korrigiert, „verbessert“. Aber fertig werden sie bei der Methode natürlich nur selten.
Doch Charlotte hält durch und kämpft. Sie will es sich, ihren Kollegen, vor allem aber ihrem Vater beweisen: „Und sie wird es schaffen, als einzige von den Assistentinnen, weil sie mit ihm zurechtkommt.“ (S. 131) Dafür stellt sie ihr Privatleben zurück. Ihre Beziehung zu Bo scheitert, bevor sie überhaupt richtig beginnen kann. In ihrer knappen Freizeit geht sie joggen (sie läuft buchstäblich vor ihren Problemen davon) und macht Musik, um alles zu verarbeiten. Und ihre Eltern? Die reagieren nur auf Erfolge. Gibt es etwas Negatives, muss die Schuld bei Charlotte liegen.

Ich mochte Caroline Wahls ungewöhnlichen Erzählstil sehr, ihre knappen, pointierten, manchmal bewusst sperrigen Sätze. Auch, dass sie sich im Text selber lektoriert und die Handlung kommentiert, ihr an einigen Stellen vorgreift, hat für mich einen besonderen Reiz. Denn dass Charlotte auf eine Katastrophe zusteuert, wird immer deutlicher, doch wie, wann und in welcher Form sie eintritt, bleibt lange ungewiss.
Besonders spannend finde ich auch, dass der Verleger fast nie beim Namen genannt wird – er bleibt „der Verleger“. Vielleicht eine Form der Rache für seine Kürzel und Symbole? Oder ein Versuch, emotionale Distanz zu wahren, um beim Erinnern nicht erneut in seinem Wahnsinn hineingezogen zu werden?
Sie zeigt, wie leicht man von Vorgesetzten oder Kollegen tyrannisiert werden kann, und wie schwer es oft ist, die Situation richtig einzuordnen. Man zweifelt an sich selbst, fragt sich, ob das Verhalten der anderen wirklich übergriffig ist oder ob man einfach nur zu empfindlich reagiert. Sie schreibt über Abhängigkeiten, subtile Formen psychischer Gewalt und darüber, wie man schleichend in eine ungesunde Dynamik hineingerät, ohne es rechtzeitig zu bemerken – und dabei trotzdem hofft, irgendwie wieder herauszukommen.

Bewertung vom 10.09.2025
Feyerabend, Charlotte von

Liebesrausch


gut

Sex und Geld

„Tu, was du willst, solange es Freude und Ekstase bringt.“ (S. 144)
Selten hat mich ein Buch so gleichermaßen fasziniert wie verstört. Liebesrausch von Charlotte von Feyerabend gewährt einen tiefen Einblick in das Leben von Anaïs Nin in den Pariser Jahren 1931 bis 1934, und stellt dabei meine moralischen Maßstäbe auf die Probe. Seit ich als Jugendliche Anaïs Nins „Künstler und Modelle“ gelesen habe (1988 erschienen bei Volk und Welt Berlin mit einem sehr expliziten Cover, das man im Netz noch finden kann), hat mich die Frau hinter dem Buch interessiert.
Das Buch rückt Anaïs‘ leidenschaftliche Beziehung zu Henry Miller in den Mittelpunkt, deutet aber auch ein mögliches erotisches Verhältnis mit dessen Frau June an. Anaïs ist in dieser Zeit mit Hugo Parker Guiler verheiratet, pflegt jedoch zahlreiche Affären und lebt ein Leben im Spannungsfeld zwischen Lust, Kunst und Selbstsuche.

Mir war bewusst, dass Sexualität eine zentrale Rolle spielen würde, Anaïs und Henry haben sie in ihren Schriften ja ausführlich thematisiert. Trotzdem hatte ich gehofft, dass ihr gemeinsames Schreiben, der kreative Prozess, im Fokus stehen würde. Doch der wird von Eifersuchtsdramen, psychologischen Abgründen, finanziellen Abhängigkeiten und ihrer rastlosen Suche nach Ekstase und Identität überlagert.

Die Protagonist:innen wirken oft unsympathisch. Anaïs erscheint als gestörte Femme fatale, die sich immer wieder neu verliebt, sich selbst ins Zentrum stellt und eine verstörende (sexuelle?!) Beziehung zu ihrem Vater unterhält der sie evtl. schon in ihrer Kindheit sexuell missbraucht und vergewaltigt hat. Trotzdem ist er der Mann ihrer Träume und Vorbild für alle anderen Beziehungen. Sie sehnt sich nach seiner Anerkennung und Liebe, die er ihr aber erst als Erwachsener zukommen lässt.
Hugo, ihr Ehemann, bleibt blass. Er wirkt wie ein Weichei, der nur als Geldgeber fungiert, um Anaïs, ihre Familie und Liebhaber (vor allem Henry) zu finanzieren. Ob er darüber Bescheid wusste, bleibt offen.
Henry wird als schmuddeliger, getriebener Egomane dargestellt: stets auf der Suche nach Sex, Anerkennung und jemandem, der ihn aushält, finanziell und emotional. „„Er … öffnete alle Schubfächer, bis er einen zerknitterten Schein und ein paar Münzen fand. … Zu wenig für eine Hure, aber zu viel, um zu sterben.“ (S. 246) Dieser Satz fasst seine Lebenssituation erschreckend treffend zusammen.
June, ebenso rätselhaft wie faszinierend, nutzt ihre sexuelle Ausstrahlung, um Männer und Frauen gleichermaßen zu manipulieren. Sie zieht Anaïs in ihren Bann und kontrolliert Henry, finanziert aber auch seinen Aufenthalt in Paris. Woher sie das Geld dafür hat? Wahrscheinlich verkauft sie ihren Körper. Und obwohl Henry sonst so eifersüchtig ist, lässt er es zu und beobachtet ungerührt, wie sie immer weiter in die Drogensucht rutscht.

Wahrscheinlich waren meine Erwartungen an das Buch und die Schriftsteller:innen einfach falsch. Ich hatte auf einen Einblick in ihr künstlerisches Schaffen gehofft. Aber Liebesrausch hat mir Anaïs Nin nicht näher gebracht, sondern entzaubert.

Bewertung vom 08.09.2025
Moyes, Jojo

Ein ganz besonderer Ort


sehr gut

Suchende

„Ich kann nicht einfach Kinder kriegen, ohne irgendetwas erreicht zu haben. So eine Frau bin ich nicht.“ (S. 90) Suzanna und Neil Peakock sind seit 10 Jahren verheiratet und er ist der Meinung, dass es langsam Zeit für das erste Kind wäre. Doch Suzanna hadert mit allem, hat das Gefühl, im Leben noch nicht angekommen zu sein. Sie mussten ihre Londoner Wohnung wegen ihrer Schulden verkaufen und in ein Cottage ihrer Eltern in der Nähe einer Kleinstadt ziehen. Das Städtchen ist schön, scheint unter der Woche aber nur von Frauen bewohnt zu sein, deren Männer in London arbeiten.
Ein weiteres Problem ist Suzannas Familie. Ihre Mutter ist bei der Geburt gestorben, sie wurde von der zweiten Frau ihres Vaters aufgezogen. Weil sie ihrer leiblichen Mutter aufs Haar gleicht und nicht ihren Halbgeschwistern, fühlt sie sich immer als Außenseiterin. Sie ist sich sicher, dass sie nur geduldet, aber nicht wirklich geliebt wird, und niemand kann sie vom Gegenteil überzeugen. Außerdem ist sie sich nicht sicher, ob sie Neil wirklich liebt.
Als sie einen kleinen Laden entdeckt, wird die Idee zum „Peacock Emporium“ geboren, in dem sie sich ausleben kann. Vorne richtet sie eine Secondhandabteilung ein und hinten ein Café. Doch er läuft nicht gut an. Suzanna hatte gedacht, dass die Gäste miteinander ins Gespräch kommen, stattdessen wollen sie mit ihr reden. Jessie, eine ihrer Kundinnen, sagt ihr das auf den Kopf zu und stellt sich dann gleich selber bei ihr an. Durch ihre extrem fröhliche, nette und kommunikative Art und weil sie jeden in der Stadt zu kennen scheint, wird sie zum Kundenmagnet und Suzannas erste richtiger Freundin – und das Emporium zum Zentrum der Stadt. Doch auch Jessies Privatleben ist nicht ohne Schatten. Und was hat es mit dem geheimnisvollen Argentinier Alejandro auf sich, der einer ihrer treuesten Stammkunden wird und an den Suzanna immer öfter denken muss?

„Ein ganz besonderer Ort“ ist ein früher Roman von Jojo Moyes, der neu übersetzt und überarbeitet wurde. Es ist nicht ihr bestes Buch, man merkt ihm an, dass sie noch nicht ganz so routiniert und rund geschrieben hat wie später. So sind ein paar der Zeitsprünge etwas verwirrend und einige Kapitel werden plötzlich aus einem anderen Blickwinkel erzählt, ohne dass man erfährt, aus wessen Sicht (man kann es sich dann aber zusammenreimen).
Trotzdem fand ich die Geschichte charmant, fesselnd, überraschend und bewegend. Denn nicht nur Suzanna, auch ihre leibliche und ihre Adoptivmutter waren Suchende, die ihren Platz im Leben nicht einfach hingenommen haben: Das Frauenbild in den 60ern war noch rückständiger, als zu Suzannas Zeiten Anfang der 2000er.
Es ist eine Geschichte voller Geheimnisse, über Freundschaft und Ehe, Erwartungen an sich selbst und seinen Partner, die Rollenbilder von Frauen und Männern, Liebe und Eifersucht und die Suche nach sich selbst, seinen Wurzeln und seinem Platz im Leben und innerhalb der Familie.

Bewertung vom 03.09.2025
Rosenberger, Pia

Die Künstlerin von Rom


ausgezeichnet

Frau oder Künstler?

„… wer Kunst macht, weiß, wie die Freiheit schmeckt.“ (S. 41)
Esslingen 1508: Nach dem Tod ihres Vaters soll Delia schnellstmöglich an einen anderen Holzbildhauer verheiratet werden, damit die Werkstatt weitergeführt wird. Doch Delia will sich nicht in die Rolle fügen, die ihr zugedacht ist. Ihr Vater hat sie genauso gut ausgebildet wie ihren Bruder Rudolf, der vor Jahren nach Rom ging und angeblich im Vatikan als Künstler arbeitet. Nur er könnte die Werkstatt übernehmen. Also macht Delia sich auf den Weg, um ihn zu suchen.
Da eine Reise als Frau gefährlich wäre, verkleidet sie sich als Junge und gibt sich den Namen Dario. Unterwegs trifft sie Fabio di Pasquale. Der junge Arzt soll in Rom die Apotheke der Familie und seine Stelle als einer der Leibärzte des Papstes anzutreten. Er nimmt sie in den Vatikan mit, wo Delia zwar nicht ihren Bruder, dafür aber Michelangelo trifft. Er erkennt ihr Talent sofort und stellt sie, also „Dario“, als Gehilfen ein. Später nimmt er sie sogar als Lehrling auf.

In Rom begegnet Delia auch Kyra wieder, einer Seiltänzerin, die wie sie vor einer arrangierten Ehe geflohen ist. Doch Kyras Weg führt in eine gefährliche Richtung: Eine Hurenwirtin will aus der schönen, biegsamen jungen Frau ihre bestbezahlte Dirne machen – ein Albtraum.

Delia hingegen beginnt, sich ein Leben als Künstler aufzubauen. Sie erlebt, welche Freiheiten ihr als vermeintlicher Mann offenstehen und was Frauen alles verwehrt bleibt. Sie lernt schnell, arbeitet mit großen Meistern und gewinnt Ansehen. Doch je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger wird es, ihr Geheimnis zu wahren. Ihre weibliche Identität lässt sich immer schwerer verstecken. Und dann verliebt sie sich. Zwischen künstlerischer Berufung und gesellschaftlicher Erwartung beginnt sie zu zweifeln: Warum kann sie nicht einfach beides sein – Frau und Künstler?

„Die Künstlerin von Rom“ erzählt die Geschichte zweier mutiger Frauen, die ihr die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Pia Rosenberger schreibt lebendig und bildhaft, lässt das ausgehende Mittelalter, das Reisen jener Zeit und historische Figuren wie Michelangelo zum Greifen nah erscheinen. Besonders beeindruckend ist die Darstellung des Künstlers: ein aufbrausendes, aber geniales Genie, das sich mit dem Papst anlegt, weil er als Bildhauer Deckenfresken schaffen soll – und sich dennoch in die Aufgabe hineinstürzt. Delia, alias Dario, wird sein bester Schüler. Er fördert ihn, wo er nur kann und vermittelt ihn sogar an Konkurrenten, damit er von den Besten lernt.

Mein Fazit: Ein mitreißender historischer Roman über Freiheit, Selbstbestimmung und die Frage nach der eigenen Identität, voller Abenteuer, Emotionen, historischer Tiefe und einer Prise Liebe. Ein großartiger Schmöker vor realem Hintergrund!

Bewertung vom 01.09.2025
MacDonald, Moira

Storybook Ending - Bis ans Ende aller Seiten


sehr gut

Ein Buch als geheimer Briefkasten

„Vielleicht hatten die Langeweile und das Alleinsein sie dazu verführt, einen Schritt zu weit zu gehen.“ (S. 13) April arbeitet für eine Online-Immobilienfirma im Homeoffice und ist einsam. In ihrer Freizeit flüchtet sie sich in Bücher, vor allem Krimis, oder geht zu Dates, die ihre Freundinnen vermitteln, aber der richtige Mann ist nie dabei. In „ihrem“ Buchladen Read the Room arbeitet ein gut aussehender, liebenswürdiger junger Mann in ihrem Alter, mit dem sie sich gern verabreden würde. Sie traut sich allerdings nicht, ihn anzusprechen. Stattdessen hinterlässt sie eine Nachricht für ihn in einem Buch.

„Westley wartete ständig darauf, dass sich zufällig irgendwas für ihn ergab, und wunderte sich dann, warum nichts passierte.“ (S. 22) Er arbeitet schon seit fast 6 Jahren im Buchladen, denkt sich gern Geschichten über andere Manschen und ist sehr introvertiert. Trotzdem lässt er sich als Statist für den Film anwerben, der im Buchladen gedreht wird. Das lenkt ihn so sehr ab, dass er das Buch und den Brief von April gar nicht bemerkt.

Stattdessen kauft Laura es für ihren Buchclub. Die alleinerziehende Mutter ist seit 5 Jahren Witwe und noch nicht bereit für einen neuen Mann. „In eine Beziehung einzutauchen, ohne zu wissen, ob das Wasser eine angenehme Temperatur hatte, erschien ihr einfach zu mühsam; da war es doch sicherer, an Land zu bleiben.“ (S. 48) Aber der Brief berührt sie. Sie fühlt sich endlich wieder gesehen und es geht ja (noch) nicht um ein reales Treffen, sondern einen anonymem Flirt. Ihre Antwort versteckt sie, wie gewünscht, im mittleren Band von Die Tribute von Panem. Das Buch wird zu Aprils und Lauras geheimem Briefkasten, wobei beide denken, dass sie mit Westley schreiben, der von alldem nicht mitbekommt.

„Storybooks Ending“ ist das perfekte Buch für alles Fans von Nora-Ephron-Büchern und Filmen, auf die Moira Macdonald auch immer anspielt. Das Setting passt einfach: Welcher Leserbegeisterte träumt nicht von der Arbeit in einem Buchladen mit Café?! Die Inhaberin ist zwar etwas schrullig und weltfremd, aber die meisten Angestellten auch. Kaum einer von ihnen scheint sich für den Beruf entschieden zu haben, sie sind alle mehr oder weniger da rein gestolpert und jetzt ganz glücklich bzw. nicht unglücklich genug, um etwas zu ändern.

Der anonyme Briefwechsel lässt April und Laura ihre Leben überdenken und bringt ihre Wünsche und Träume ans Licht. April geht endlich wieder mehr (aus sich) raus. Laura freundet sich mit dem Gedanken an, wieder einen Mann in ihr Leben zu lassen. Und obwohl sich die Briefeschreiber lange an die unausgesprochene Grenze halten, im Buchladen keinen direkten Kontakt aufzunehmen, sprechen sie Westley dann doch beide auf den Briefwechsel an und bringen ihn in echte Bedrängnis. Ansonsten bleibt er aber leider etwas blass.

Eine charmante RomCom, die ich mir sehr gut verfilmt vorstellen kann.

Bewertung vom 30.08.2025
Kalpenstein, Friedrich

Finale


ausgezeichnet

Und täglich grüßt das Murmeltier?

Herberts Leben verläuft in ruhigen Bahnen, zu ruhigen, meint sein bester Kumpel Hans. Dabei ist er froh, dass sein Foodtruck und Anjas Café Zuckerrübe so gut laufen. Söhnchen Oskar macht in der Schule keine Probleme und ihr kleines Häuschen mit Garten reicht ihnen völlig. Ok, er hätte statt Kater Stupsi lieber einen Hund, aber da haben ihn Anja und Oskar leider überstimmt. Außerdem nervt der neue Nachbar mit seiner Vorzeigefamilie inkl. Labrador und den ständigen Verbesserungsvorschlägen zum nachhaltigen Wohnen, aber das Problem wird Herbert auch noch irgendwie lösen.
Aber dann will Hans unbedingt wieder einen richtigen Männerurlaub machen. Nur leider hat Herbert dafür nun wirklich kein Geld übrig. Doch er entdeckt ein Plakat. In wenigen Tagen findet eine Grillmeisterschaft statt. Neben dem eigenen Grillkochbuch bekommt der Gewinner 20.000 €! Damit könnte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: sein Foodtruck würde noch berühmter und das Geld nicht nur für den Urlaub mit Hans, sondern auch für ein paar Anschaffungen fürs Haus reichen. Also meldet er sie beide kurzentschlossen an. Was soll schon schief gehen, schließlich grillt er jeden Tag die besten Burger Münchens?!

Nach 6 Jahren Pause sind Herbert und Hans endlich zurück! Herbert ist immer noch etwas blauäugig, aber die Alltagsprobleme lassen sich nicht ewig ignorieren. Plötzlich mahnen die Lehrer an, dass sich Oskar in der Schule zu schnell ablenken lässt, wenn ihn etwas nicht interessiert. Die Tierärztin meint, Stupsi ist zu fett und sie sollen mit ihm Gassigehen, damit er sich mehr bewegt. Und die Schwiegereltern mischen sich aus Ibiza in alles ein – zum Glück, denn diesmal kann Herbert ihre Hilfe echt gebrauchen.
Hans hält sich weiterhin für den Schwarm aller Frauen und besten Freund, den es geben kann. Dass er dabei leider oft übers Ziel hinausschießt und Herbert verprellt, sieht er nicht ein. Er stellt ihre Freundschaft auf eine harte Probe, weil er sich nicht zurücknehmen kann, sondern immer in den Vordergrund rücken muss. Es wird doch nicht zum endgültigen Zerwürfnis zwischen ihnen kommen?!

Auch beim Grillwettbewerb scheint nicht alles mit rechten Dingen zuzugehen. Und dann lässt sich Herbert auf eine Zusatzwette mit einem Konkurrenten ein, die seine berufliche Grundlage zerstören könnte.

Mit viel Wortwitz und Situationskomik beschreibt Friedrich Kalpenstein auch diesmal sämtliche Fettnäpfchen und Katastrophen, in die die Freunde geraten. Ich habe mich wieder köstlich amüsiert und hoffe, dass es weitere Bücher der Reihe geben wird.

Bewertung vom 27.08.2025
Schuster, Stephanie

Morgen sind wir wild und frei


sehr gut

Weiberwirtschaft

„Träume muss man festhalten, sonst fliegen sie davon.“ (S. 174)
1909 lernen sich am Kofel in Oberammergau drei junge Frauen kennen, die sehr verschieden sind und doch eins gemeinsam haben – den Wunsch nach Freiheit und Selbständigkeit.

„Das Schreiben gehörte ihr allein, es gab ihr Halt und half, Erlebtes zu verarbeiten, Kurioses festzuhalten, einfach die Welt, die so schwer zu begreifen war, zumindest ein bisschen zu verstehen.“ (S. 186) Viktoria war Lehrerin, bis sie unverheiratet schwanger wurde und wegen dem Lehrerinnenzölibat ihren Job verlor. Von dem Geld, was ihr der Kindsvater für die Abtreibung gegeben hat, hat sie sich eine Schreibmaschine gekauft und schlägt sich als Sekretärin durch, aber eigentlich will sie Journalistin werden. Sie entstammt einer Schaustellerfamilie und hat nur noch eine Tante, die ihr manchmal mit ihrem Sohn hilft. Dass sie als Alleinerziehende keinerlei Rechte hat, macht ihr der Vater ihres Sohnes leider bald auf die harte Art klar.

„Was konnte es Besseres geben, als aus Liebe ins Ungewisse und womöglich in ein ganz großes Abenteuer zu gehen?“ (S. 51) Vor 4 Jahren hat sich Agnes in den Engländer Nicolas verliebt, ihn geheiratet und nach Ägypten begleitet, wo er in einem Gewürzkontor arbeitet. Vor einem Jahr ist sie mit seiner Zustimmung allein nach München zurückgekehrt und studiert Architektur. Als einzige Frau wird sie weder von ihrem Professor noch ihren Mitstudenten ernst genommen. Und dann bleiben die Briefe und das Geld von Nic aus. Sie würde lieber heute als Morgen nach Kairo reisen und ihn suchen, aber das Studium will sie auch nicht aufgeben.

„Weg aus der Enge ihres Elternhauses … Frei und selbstbestimmt leben, danach sehnte sie sich.“ (S. 135) Elisabeth ist die Zweitälteste von 13 Kindern und kümmert sich um ihre jüngeren Geschwister. Sie beneidet ihre Freundinnen um ihr eigenständiges Leben in der Stadt und träumt von einer Haustür, die sie hinter sich schließen und allein sein kann. Eigentlich ist sie Störschneiderin, setzt ihre Freiheit aber regelmäßig beim Schmuggeln aufs Spiel, weil die Familie das Geld braucht.

Oberhalb des Dorfes gibt einen verlassenen alten Hof. Die Freundinnen hoffen, ihn ersteigern zu können, um darauf zusammen zu leben und zu arbeiten, sich gegenseitig unterstützend und doch frei.

Stephanie Schusters neuestes Buch „Morgen sind wir wild und frei“ spielt in Oberammergau und München. Obwohl beide Orte geografisch nicht weit voneinander entfernt sind, wirken sie wie zwei völlig verschiedene Welten. hier die Tradition, dort die Moderne und der Fortschritt. Geschickt lässt sie berühmte Personen und die Passionsspielen in die Handlung einfließen, aber vorrangig geht es um die Rechte der Frauen in der damaligen Zeit, ihre Forderungen nach Gleichberechtigung im Beruf und im Hinblick auf ihre Kinder, ihr Kampf um ihre persönliche Freiheit.
Sie schreibt gewohnt mitreißend und spannend, wechselt zwischen den Perspektiven der drei Protagonistinnen und verleiht so jeder eine eigene Stimme. Lediglich gegen Ende wird die Geschichte etwas zu abenteuerlich, und ein Gegenspieler bleibt in seinen Motiven leider blass – seine Beweggründe werden leider nicht aufgeklärt, wodurch seine Handlungen schwer nachvollziehbar sind.

Bewertung vom 22.08.2025
Cronin, Marianne

Eddie Winston sucht die Liebe


sehr gut

Ungeküsst

„Was von einem Leben übrig bleibt, ist wirklich nicht viel. Jedenfalls nicht, wenn die sperrigen Dinge – Kühlschrank, Sitzgruppe, Leichnam – in Kisten verpackt und entsorgt sind.“ (S. 7) Eddies Worte klingen abgeklärt und lakonisch, doch der 90-Jährige ist nicht zynisch – nur realistisch. Seit 12 Jahren arbeitet er ehrenamtlich in einem Wohltätigkeitsladen, in dem vor allem Nachlässe aus der benachbarten Sozialsiedlung landen. Vieles ist wertlos, aber Eddie sortiert sorgfältig jene Dinge aus, von denen er weiß: Die Angehörigen könnten sie eines Tages doch zurückwollen – wenn der Schmerz nachlässt.
So wie Bella mit den pinken Haaren. Mitte 20, frisch verwitwet, hat sie gerade ihre große Liebe Jake verloren. Als sie Eddie auf einer Parkbank wiedertrifft, entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft. Sie erzählt ihm von ihrem Kennenlernen und dem ersten Kuss – und staunt, dass Eddie mit 90 noch ungeküsst ist. Er hat seine erste und einzige Liebe 1968 zum letzten Mal gesehen, sie war leider schon verheiratet. Bella ist überzeugt, dass es auch mit 90 noch nicht zu spät für den ersten Kuss ist, aber Eddie meint: „Ich denke oft, wenn es hätte sein sollen, dann wäre es inzwischen passiert. Vielleicht ist es mit einfach nicht bestimmt, einen ersten Kuss zu bekommen.“ (S. 65) Doch Bella will sich damit nicht abfinden und meldet ihn kurzerhand auf einer Datingplattform für Senioren an.

Eddie ist ein liebenswürdiger Gentlemen alter Schule, der wie aus der Zeit gefallen scheint, aber mit 90 seine Liebe zur Mode entdeckt. Er trägt die außergewöhnlichen Kleidungsstücke, die im Wohltätigkeitsladen abgegeben werden. Außerdem ist er hoffnungslos romantisch, was schon seine Doktorarbeit in Linguistik zeigt „Mit einem Kuss besiegelt: Darstellungen von Liebe in der Literatur“. Auf der Datingplattform und im Alltag zieht er durchaus noch Aufmerksamkeit auf sich, aber er kann seine große Liebe Birdie einfach nicht vergessen und hofft immer noch, sie wiederzufinden.

Bella fürchtet, nie über Jake hinwegzukommen. Aber im Bemühen, Eddie zu verkuppeln, beginnt auch ihr Herz ganz langsam und fast unbemerkt, zu heilen.

Die dritte Erzählperspektive ist Eddies große Liebe Birdie. Von 1954 bis 1968 gewährt sie Einblicke in ihr Leben, ihre Ehe und die Begegnungen mit Eddie.

„Eddie Winston sucht die große Liebe“ ist eine zarte, berührende Geschichte über Freundschaft und Liebe, Verlust und Trauer und zweite Chancen. Marianne Cronin erzählt sie warmherzig, aber die vielen Perspektivwechsel und Zeitsprünge sowie die kurzen Kapitel bremsen den Lesefluss leider stellenweise aus.

Bewertung vom 05.08.2025
Heer, Carina

Das Bierkomplott


ausgezeichnet

Die Spur der grünen Leichen

„Es ist nicht schön, unterschätzt zu werden. Aber manchmal kann es verdammt hilfreich sein.“ (S. 219)
Mit 32 muss Evi wieder in ihr Kinderzimmer auf den Hof ihrer Eltern ziehen, weil sie endlich eine Stelle als Staatsanwältin in ihrer Heimat Franken bekommen hat. Eigentlich würde sie die Einliegerwohnung bevorzugen, aber darin bunkert ihre Mutter alles, was man für die nächste Pandemie brauchen könnte.
Auch ihr erster Arbeitstag läuft stressiger als erwartet. Ihr Vorgesetzter feiert krank und sie muss seine Fälle übernehmen. In ihrem Büro stapeln sich die Akten sogar auf ihrem Stuhl. Ihr einziger Lichtblick ist der Mann mit den grünen Augen, der ihr in einer Verhandlungspause einen Müsliriegel ausgibt. Zum Glück sieht sie ihn am nächsten Tag wieder, an einem Tatort. Die grünen Augen gehören Gerichtsmediziner Dr. Niklas Rosenbeet. Doch nicht nur Niklas, auch der Tatort ist sehr interessant. Er riecht intensiv nach Malz und die Leiche ist mit einem merkwürdigen grünen Flaum überzogen, später stellt man noch eine neue Droge in ihr fest. Leider machen die Ermittlungen kaum echten Fortschritte, obwohl weitere grüne Leichen auftauchen.

Evi strandet im Dorf ihrer Kindheit, wo jeder jeden kennt und man nichts Geheimhalten kann. Einen Wecker braucht sie nicht, ihre Mutter brüllt sie jeden Morgen rechtzeitig wach, aber ein Auto wäre ganz praktisch, weil der Bus nur ein paar Mal am Tag in die Stadt und damit zu ihrer Geschäftsstelle fährt. Zum Glück gibt es Peter, einen Schulfreund ihrer Schwester, der ebenfalls Staatsanwalt ist und sie oft im Auto mitnimmt. Leider hält er sich für unwiderstehlich und macht sich an alle verfügbaren Frauen ran, auch an Evi, aber bei ihr beißt er auf Granit.
Ihre beste Freundin kümmert sich um Evis Partyleben und schleppt sie zur Kerwa, Schwarzbieranstich und Junggesellinnenabschieden, ihre Schwester zwingt sie zu Kindergeburtstagen und Frauenabenden, ihr Vater in den Wald zum Holz machen – Dorfleben eben.

Im Job muss sich Evi den Respekt ihrer Kollegen und Vorgesetzten erst verdienen. Wie üblich, häuft man ihr als „der Neuen“ die unbequemsten Fälle über. Aber sie hat Biss und lässt sich nicht einschüchtern, abschrecken oder beeinflussen, sondern folgt ihrem moralischen Kompass und Bauchgefühl. Auch bei den Ermittlungen zu den grünen Leichen, deren Spuren sie in die Mälzereien der Bierstadt führen.

Carina Heer schreibt sehr witzig, unterhaltsam und spannend, der Slogan „Cosy Crime meets Romcom“ passt perfekt. Ich kann mir das Buch super verfilmt vorstellen und bin sehr gespannt auf den hoffentlich nächsten Band.