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Bellis-Perennis
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Wien

Bewertungen

Insgesamt 1178 Bewertungen
Bewertung vom 21.08.2024
Hartlieb, Petra

Freunderlwirtschaft (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Dass Alma Oberkofler in ihrem ersten Fall als leitende Ermittlerin der Abteilung Leib und Leben in Wien ausgerechnet den Tod des Landwirtschaftsministers untersuchen muss, hatte sie sich nicht gedacht. Ein einfacher Eifersuchtsmord oder einer im Rauschgiftmilieu hätten es als Einstand in der neuen Dienststelle wohl auch getan.

Nun stellt sich die Frage: Mord oder Unfall? Und wo ist die Lebensgefährtin des Ministers? Schon auffällig, dass die ausgerechnet jetzt verschwunden ist. Während Almas Team auf die Suche nach der jungen Frau geht, beschäftigt sich Alma mit der beruflichen Seite des Toten, denn als Politiker hat man neben Parteifreunden auch einige Feinde.

Und immer, wenn es um einen toten Politiker geht, gibt es Einflussnahmen von allen Seiten. Alma Oberkofler, die schon als Kind Polizistin werden wollte, bekommt selbstredend einen Mitarbeiter des Staatschutzes an die Seite gestellt. Doch davon lässt sie sich nicht irritieren und deckt einige Geheimnisse auf, die einige aus dem Dunstkreis des Toten lieber unentdeckt gesehen hätten....

Meine Meinung:

Dieser Krimi ist der erste aus Petra Hartliebs Feder. Die Autorin ist durch ihre Bücher wie „Frühlinge in Wien“ oder „Meine wundervolle Buchhandlung“ bekannt. Der vorliegende Krimi „Freunderlwirtschaft“ ist nicht nur eine Hommage an Wien, sondern eine ironische Betrachtung der österreichischen Innenpolitik in der smarte Slim-Fit Politiker hinter den Kulissen so manche Freunderlwirtschaft innerhalb ihrer Buberlpartie pflegen. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind natürlich nicht beabsichtigt und daher gänzlich ausgeschlossen. Eon Schelm, der da denkt, die Autorin hätte ihr Anleihen an der aktuellen oder den vergangenen Bundesregierungen genommen. Herzlich lachen musste ich über die fiktive Wirtschaftsministerin mit den Initialen MS, denn reale war von 2017-2022 „meine“ Ministerin.

Geschickt sind politische Intrigen, alte Freundschaften und neue Allianzen in die Ermittlungen verwoben. Die Autorin versteht es meisterhaft, die Spannung bis zum Ende aufrechtzuerhalten. Hervorheben möchte ich, dass dieser Krimi ohne unnötige Gewalt oder übertriebene Dramatik auskommt. Daher werden Liebhaber von Action-Thrillern hier nicht auf ihre Rechnung kommen. „Freunderlwirtschaft“ lebt der Roman von seiner atmosphärischen Dichte und dem subtilen Witz.

In einem Zeitalter, in dem sich die aktuellen Politiker täglich selbst karikieren, ist es nicht einfach, einen humorvollen Krimi zu verfassen. Petra Hartlieb ist es hier gelungen.

Die Charaktere sind liebevoll gestaltet. Besonders Alma Oberkofler, deren Kindheit durch den gewaltsamen Tod ihrer Schwester geprägt war, ist sehr gut gelungen. Geschickt zeigt Petra Hartlieb mögliche Beziehungen zwischen Politikern, die verschiedene Netzwerke unterhalten, auf.

Neben Alma ist die verschwundene Verlobte des Ministers ein spannender Charakter. Anfangs ein wenig unterschätzt und versteht sie es, elegant die Kurve zu kratzen, was man ihr gar nicht zugetraut hätte.

Das Cover, das in der Farbe türkis gehalten ist, lässt natürlich Assoziationen aufkommen, hebt sich von den sonst üblichen dunklen oder blutigen, die für Krimis verwendet werden, wohltuend ab.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem lesenswerte Krimi, der mir unterhaltsame und spannende Lesestunden beschert hat, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Bewertung vom 20.08.2024
Taschler, Judith W.

Nur nachts ist es hell


ausgezeichnet

Nach „Über Carl reden wir später“ ist dies nun der zweite Teil der Familien-Saga rund um die Familie Brugger. Diesmal steht Elisabeth, die einzige Tochter im Mittelpunkt. Die Geschichte wird aus ihrer Sicht erzählt, wobei Elisabeth auch gleichzeitig als Erzählerin fungiert.

Vater Albert Brugger, scheint ein moderner Vater zu sein, denn die aufgeweckte Elisabeth darf nach der Volksschule eine höhere Schule besuchen. Dazu muss ein Teil der Familie nach Wien übersiedeln: Bruder Gustav, der Medizin studieren will und Elisabeth übersiedeln mit der Mutter in die Großstadt. Der Vater und Bruder Carl bleiben im Mühlviertel, Eugen, sein Zwillingsbruder wandert in die USA aus. Elisabeth maturiert 1913 in der Rahlgasse, einem der ersten Mädchengymnasien Wiens, beginnt ihr Medizinstudium. Wenig später bricht der Erste Weltkrieg aus und sie verpflichtet sich als Krankenschwester. Gustav kehrt aus dem Krieg nicht zurück. Dafür steht plötzlich Georg, einer seiner Studienkollegen und Nachfahre einer Ärztedynastie, kriegsversehrt, vor ihrer Tür. Man heiratet, Elisabeth absolviert zwischen zwei Schwangerschaften ihr Studium, macht die Facharztausbildung zur Gynäkologin und teilt später sich mit ihrem Mann eine Praxis.

Elisabeth liebt ihren Beruf und die Anliegen der Frauen sind ihr wichtig. Vor allem jene, der benachteiligten, die
für Hungerlöhne arbeiten müssen und Jahr um Jahr ein Kind bekommen. Diese Haltung bringt ihr dann auch einen kurzen Gefängnisaufenthalt ein.

Der Zweite Weltkrieg bringt den Selbstmord ihres Mannes und das Nichtwissen über den Verbleib des älteren Sohnes sowie die ärztliche Tätigkeit an der Ostfront.

Nun, wir sind in den 1970er-Jahren angekommen, rekapituliert sie ihr Leben, schreibt es für ihre Großnichte, die bei ihr lebt, auf.

Meine Meinung:

Dieser zweite Teil der Familiengeschichte ist penibel recherchiert und gekonnt in die Weltgeschichte eingebettet. Wir erfahren so manches Familiengeheimnis wie den Tausch der Lebensläufe der Zwillingsbrüder Carl und Eugen sowie die daraus entstehenden Komplikationen. Warum der Identitätstausch? Das müsst ihr selbst lesen.

Sehr gut haben mir die vielen Details, die der feinen Beobachtungsgabe von Elisabeth geschuldet sind, gefallen. Mit ihren Emotionen hält sie sich ein wenig zurück. So ist sie erzogen worden und passt ausgezeichnet zu ihrem Charakter.

Der Erzählstil ist ausgewogen und bezieht auch ihre Eltern und die Brüder, sowie Ehemann und Schwiegerfamilie in ihre Betrachtungen ein. Geschickt wird der Eindruck erweckt, dass Elisabeth wirklich neben dem Leser sitzt und erzählt. Als Hörbuch muss das grandios sein! Und genau wie in gesprochenen Erinnerungen wird nicht alles chronologisch erzählt. Manchmal springt sie in ihrem Leben nach vor und dann gibt es einen Gedanken, der sie an ein lange zurück liegendes Ereignis erinnert. Das katapultiert Elisabeth weit in ihre Vergangenheit zurück. Auch die eine oder andere Wiederholung kommt vor, was aber aus meiner Sicht nicht störend ist. Das passiert einfach in der Rückschau auf ein langes Leben.

Sprachlich ist der Roman ein Genuss. Nun muss ich mir noch den Vorgänger besorgen

Fazit:

Gerne gebe ich diese wunderbar erzählten Familien-Saga 5 Sterne.

Bewertung vom 18.08.2024
Laffite, René

Die toten Engel vom Montmartre


sehr gut

„Es war weder die Nachtigall noch die Lerche, die Commissaire Geneviève Morel an diesem frühen Sonntagmorgen im August aus dem Schlaf riss.“

Der erfahrene Krimi-Leser weiß, dass es das Diensthandy der toughen Ermittlerin ist, das zur Unzeit läutet.

Genevièvs traute Zweisamkeit mit Dr. Henry Martel wird jäh durch einen bizarren Mord an einer jungen Frau gestört. Man findet die Leiche auf einem Flügel der bekannten La Moulin de la Galette wie gekreuzigt festgebunden, bekleidet mit einem Kostüm aus dem Varieté Moulin Rouge.

Noch während sie ihr Team organisiert, entdeckt sie, dass Olivia, ihre Großmutter etwas im Schilde führen muss, kauft sie doch am bekannten Pariser Flohmarkt getragene, hässliche Kittelschürzen. Für ein Kostümfest mit dem Motto „Vintage Pöbel“, was wie Geneviève denkt, wieder gut zu ihrer Mamie passt. Ganz nebenbei erfährt sie von Mamie noch, dass zwei französische Politiker ermordet worden sind, angeblich mit Nervengift und, dass eines der berühmten Fabergé-Eier beim renommierten Juwelier Tassos als Leihgabe des St. Petersburger Museum nur mehr wenige Tage in Paris zu sehen sein soll.

Da sich Geneviève zunächst sich mit dem Mord beschäftigen muss, misst sie diesen Informationen wenig Bedeutung bei.

Wenig später erfährt Geneviève, dass die junge Frau, Charlene Garcia, schwanger war und in einem luxuriösen Appartement in der sündteuren Metropole gelebt hat und, dass es ein zweites Opfer gibt: Ambre Denaux, eine vielversprechende junge Opernsängerin, deren Tod und die Umstände, dem Charlenes gleichen.

Doch die Ermittlungen gestalten sich schwierig, dann außer, dass die beiden toten Frauen keine Französinnen sind und keine Familie haben, ist nichts über sie herauszufinden. Selbst Lunette Lizeroux, ihre rechte Hand und Spezialistin, wenn es darum geht, geheime Informationen zu beschaffen und ihre Verbindungen fördern nichts zutage.

Als sich nun die BRI, die Brigade recherche et d’intervention, in Person ihres Leiters Olivier Guyon einmischt und ihr den Fall entziehen will, ist klar, dass hier mehr dahinter stecken muss. Die Frage ist nur WAS?

Verärgert aktiviert Geneviève die Kontakte ihrer Familie und sticht die eine oder andere Information zu einem ehrgeizigen Journalisten durch.

„Was erwarten Sie davon? Außer, dass sich die BRI grün und blau ärgern wird?“
„Wäre das nicht schon genug?“

Allerdings darf Geneviève Olivier Guyon nicht unterschätzen, denn seine Andeutung über das Business der Familie Morel Bescheid zu wissen, könnte gefährlich werden.

Meine Meinung:

Dieser Krimi ist eine gelungene Fortsetzung, der mich grundsätzlich begeistern konnte. Allerdings mit einer Ausnahme, nämlich der Entwicklung, die Lunette Lizeroux durchmachen muss. Die ehemalige Mitarbeiterin der BRI, die beim Terroranschlag auf Bataclan ein Bein verloren hat, wird, nachdem sie im ersten Fall als intelligente und scharfsinnige Frau vorgestellt worden ist, zu einem dümmlich kichernden, Champagner schlürfenden Mäuschen degradiert. Nein, lieber Herr Autor, das geht gar nicht!

Herzlich lachen musste ich über Mamies Auftritt beim Juwelier Tassos als exzentrische Madame Pommery. Tja, so ist das eben: Man sieht nur, was man kennt oder zu kennen glaubt.

Und der kleine Einkaufsbummel von Mamie, Geneviève und Letizia, ihrer zu Besuch weilenden Schwägerin, ist einfach zum Wiehern.

Der Schreibstil ist locker und leicht. Hinter dem Autorennamen René Laffite steckt ein österreichischer Krimiautor, der seiner Liebe zu Frankreich und dem savoir-vivre hier ausgiebig frönen darf. Geschickt nimmt er seine Leser auf eine kleine Besichtigungstour abseits der sonst üblichen touristischen Trampelpfade mit. An der Seite von Geneviève und Letizia erkunden wir den Montmartre, lassen uns bei einem formidablen Diner auf dem Eiffelturm verwöhnen und schnuppern in das Leben der Tänzerinnen des Moulin Rouge, das nicht nur aus Applaus und Glitzer, sondern vor allem aus harter Arbeit besteht.

Fazit:

Dieser gelungenen Fortsetzung gebe ich gerne 4 Sterne. Die Degradierung von Lunette Lizeroux kostet den 5. Stern.

Bewertung vom 16.08.2024
Dominicy, Claude

Die Knuedler-Verschwörung (eBook, ePUB)


sehr gut

Luxemburg, das kleine, aber finanzkräftige Fürstentum mitten in Europa ist der Schauplatz dieses Krimis, der einen tiefen Blick auf die Abgründe der Politik gibt. Also nicht, dass sich diese Straftaten wirklich so abgespielt hätten, aber um ihre Macht zu erhalten, schrecken Politiker egal aus welchem Land, vor wenig zurück.

Doch von Beginn an:

Bei einem Empfang werden zwei hochrangige Politiker vergiftet. Wenig später ein dritter. Kriminalkommissarin Dany Kerner wird mit den Ermittlungen betraut, gleichzeitig von ihrem Vorgesetzten und dem Staatsanwalt nach allen Regeln der Kunst behindert und mit einem Disziplinarverfahren bedroht.

Dennoch kann Dany es nicht lassen und stochert weiter im Leben der Opfer herum. Dabei stößt sie auf zahlreiche Ungereimtheiten. Der Verdacht massiven Machtmissbrauchs steht im Raum. Nur wozu? Mehr Geld oder mehr Einfluss? Und was hat der Selbstmord eines Kommunalpolitikers mit der Mordserie zu tun?

Nachdem sie auf eine Mauer des Schweigens stößt, spannt sie einen Journalisten für ihre Recherchen ein. Dass Opfer, Polizeichef und Staatsanwalt in den selben Männerklubs verkehren, lässt an eine Verschwörung denken.

Meine Meinung:

Der Krimi hat mir sehr gut gefallen. Luxemburg als Schauplatz war für mich neu, die Willkür und Machenschaften mancher Politiker nicht.

Der Plot ist gut durchdacht und spannend angelegt. Einzig der Prolog passt nicht ganz dazu.
Ich habe recht bald geahnt, wer hinter den Morden stecken könnte und was das Motiv ist. Die Auflösung hat mir recht gegeben. Trotzdem hatte ich spannende Lesestunden, denn wie so oft, interessiert mich der Weg der Ermittler zum Täter.

Die privaten Probleme von Dany Kerner, sie ist mit einer Frau verheiratet, hätten nicht ganz so breit ausgewalzt werden müssen. Kurz hatte ich ja Danys Ehefrau, die selbst in der Politik mitmischt, in Verdacht, in der Mordserie eine Rolle zu spielen. Aber, obwohl die militante Umweltschützerin Dany das Leben mehr als schwer macht, ist sie für so ein Mordkomplott nicht intelligent genug.

Fazit:

Ein Krimi mit einer neuen Ermittlerin, der durchaus Zeug zu einer Reihe hat. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Bewertung vom 16.08.2024
Essing, Hannah

Die Tote von Nikosia


sehr gut

Die Sonneninsel Zypern ist Schauplatz dieses Krimis, der die komplexen bürokratischen Verhältnisse des seit 1974 geteiltem Landes sehr gut wiedergibt, als man in der UN-Pufferzone, also im Übergangsbereich zwischen dem von den Türken annektierten und dem zypriotischen Teil der Insel, die Leiche einer jungen Frau findet.

Die politischen Machtstrukturen spiegeln sich unter den Ermittlern wieder, die sich aus Mitgliedern der UN-Truppe, der türkischen und der zypriotischen Polizei zusammensetzt. Zusätzlich unterstützt Monika Marx, eine pensionierte Ermittlerin aus Deutschland, die zypriotische Polizei als Beraterin. Es entbrennt ein Machtkampf, bei dem kaum jemand gewinnen kann und jeder dem anderen einen Täter unterjubeln will. Es scheint, als ginge es gar nicht darum, den Mörder einer jungen Frau zu fassen, sondern die politischen Eitelkeiten zu befriedigen.

Das wird von Monika Marx durchkreuzt, die mit ihrer Art nicht nur einmal ordentlich aneckt, sondern auch für Schmunzeln und manchmal auch für Kopfschütteln sorgt.

Meine Meinung:

Hannha Essing hat hier einen interessanten Krimi geschrieben, der die Lebensumstände auf der von Touristen beliebten Insel beschreibt. Er zeigt, dass man sich zwar 50 Jahre nach der widerrechtlichen Annexion von Nordzypern durch die Türkei mit dem Status Quo pragmatisch arrangiert hat, aber die Spannungen durchaus vorhanden sind. Schlimmeres kann durch die UNO-Truppen meistens verhindert werden. Allein die nervige Tatsache, dass die Ermittler mehrmals täglich, wenn sich ausweisen müssen, wenn sie von einem Ende der Insel zum anderen fahren müssen. Monika Marx erledigt das im sogenannten kleinen Dienstweg.

Viel Augenmerk legt sie auf das Kompetenzgerangel zwischen den Ermittlern. Monika Marx kann als Beraterin einiges übergehen. Dass sie den jungen Journalisten Noah zu den Ermittlungen mitschleppt ist ein wenig unglaubwürdig. Doch auf Zypern scheinen solche Extratouren niemanden aufzuregen.

Die Charaktere haben alle ihre Ecken und Kanten. Besonders Monika Marx ist eine vom Leben gebeutelte Person. Einerseits hat sie auf Grund ihrer Krankheit dauernd Schmerzen, nimmt Tabletten und frönt dennoch einem sehr ungesunden Lebensstil, zu dem neben üppigen Mahlzeiten auch ordentliche Mengen Alkohol gehören. Damit ist sie nicht unbedingt eine Sympathieträgerin, genauso wenig wie das Opfer, das intrigant und selbstsüchtig daherkommt.

Der Plot ist durchaus spannend und endet nach zahlreichen ermittlungstechnischen Sackgassen mit einer unerwartete Auflösung, die trotzdem stimmig ist.

Der Krimi lässt sich sehr gut lesen und bietet Einblick in die Geschichte und den Alltag auf der geteilten Insel.

Fazit:

Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Bewertung vom 15.08.2024
Preitler, Franz

Keine Schonzeit für Mörder


ausgezeichnet

Es ist Anfang Mai des Jahres 1914. Noch weiß niemand, dass dieses Jahr die Welt in den Abgrund stürzen wird. Einen kleinen Vorgeschmack bekommt die Gegend um Mürzzuschlag als Alois Birnstingl, Kommandant der Gendarmerie, und der junge Revierjäger Johann Freidl einen Wilderer im Wald stellen. Wenig später sind zwei der drei Männer tot. Birnstingl vom Wilderer erschossen, der Wilderer durch zwei Stiche ins Herz vom Aufsichtsjäger in Notwehr - wie er behauptet - getötet. Einigen Dorfbewohnern kommt die Geschichte nicht geheuer vor und der Freispruch des jungen Revierjägers beim nachfolgenden Prozess, spaltet das Dorf.

Doch die weltpolitischen Ereignisse, also der Mord an Thronfolger Franz Ferdinand und seiner Frau und der daraufhin folgende Ausbruch des Großen Krieges, sowie die Kriegsbegeisterung der Bevölkerung übertüncht zunächst das lokale Ereignis.

Erst als der Nachfolger des getöteten Birnstingl sich der Sache annimmt, kommen die Intrigen innerhalb der Dorfgemeinschaft ans Tageslicht.

Meine Meinung:

In seinem dritten Krimi, der in der Gegend rund um Mürzzuschlag spielt, hat Autor Franz Preitler wieder zahlreiche historische Fakten mit fiktiven Elementen kombiniert. Er nimmt seine Leser in eine vielschichtige Dorfgemeinschaft mit. Zahlreiche verdeckt und offen geführte Fehden bestimmen den Alltag. Auch das Thema Fortschritt versus Tradition finden ebenso Platz wie die verbotene Liebe zwischen zwei Männern und die Herabwürdigung der Töchter als Spielball zur Vermehrung des Besitzes der Väter.

Sehr gut ist die Stimmung im Dorf beschrieben. Manch einer sympathisiert mit dem Wilderer, denn der verbotenen Abschuss des Wildes gilt bei manchen als Mutprobe und dient anderen zum Überleben.

Geschickt integriert Franz Preitler historische Persönlichkeiten in seine Geschichte. So darf der Dichter Peter Rossegger (1843-1918) wieder auftreten und setzt dessen Freund, dem Fotografen Franz Josef Böhm (1874-1938), der das Heimatmuseum in Mürzzuschlag gegründet hat, ein Denkmal. Auch das fiktive Postwirtsehepaar Pfandl hat mit Sophie (1873-1963) und Toni Schruf (1863-1932) ein reales Vorbild.

Fazit:

„Keine Schonzeit für Mörder“ ist ein eindringlicher historischer Kriminalroman, der gekonnt Fakten mit Fiktion verquickt. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Bewertung vom 14.08.2024
Parker, Martina

Eintunkt


ausgezeichnet

In ihrem 5. Gartenkrimi entführt uns Martina Parker nach Bildein, einem 350-Seelen-Dorf im nordöstlichsten Zipfel des burgenländischen Bezirks Güssing. der nur wenige hundert Meter von der ungarischen Grenze entfernt ist. Bekannt ist Bildein durch das Musikfestival „picture on“, das seit 2000 alljährlich Anfang August stattfindet.

Und dieses Musikfestival bildet auch den Hintergrund für diesen Krimi, der wie alle seine Vorgänger durch die Beschreibung von Land und Leute, die durchaus schrullig sein dürfen, Tipps und Tricks für den Garten sowie für humorige Einlagen, die immer wieder im tiefsten burgenländischen Dialekt von sich gegeben werden, punktet. Keine Sorge, die Dialektpassagen werden in Fußnoten gleich übersetzt, sodass auch Leser aus anderen Regionen keine Mühe haben, das Gesagte zu verstehen.

Herzlich lachen musste ich nicht nur über „Gut gebettet mit Betty“, dem Werbeslogan des Bestattungsunternehmens, sondern auch über die illustre Schar der Gartenfreundinnen.

Über den Inhalt verrate ich nichts, sonst ginge die Spannung flöten.

Dass wir jetzt bis 2026 (!) auf die Fortsetzung mit dem Titel „Anbandelt“ warten müssen, ist betrüblich, doch Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.

Das Cover passt zu den Vorgängern.

Fazit:

Eine perfekte Fortsetzung dieser Reihe, die hoffentlich noch lange weitergehen wird. Gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung. Ein heißer Tipp: unbedingt bei Band 1 („Zuagroast“) beginnen.

Bewertung vom 14.08.2024
Erle, Thomas

Der geheime Wert der Zeit


sehr gut

Autor Thomas Erle hat mit diesem Buch, eine sehr ruhige Geschichte rund um den Wert der Zeit geschrieben.

Friedrich Karmann ist ein Eigenbrötler und Müßiggänger. Sein Vermögen gestattet es ihm, jedem Luxus zu frönen. Doch am liebsten beschäftigt er sich mit alten, kostbaren Uhren. Er hat kaum Freunde und die letzte Frau an seiner Seite hat ihn verlassen. Allerdings scheint er menschliche Gesellschaft nicht wirklich zu vermissen.

Friedrich Karmann ist auf dem Weg zum Begräbnis seines Vaters und kommt zu spät, was angesichts seiner Leidenschaft für Uhren ein Anachronismus ist, aber zu ihm, der sich von seiner Familie losgesagt hat, sehr gut passt.

Mehr als der Tod des Vaters beschäftigt ihn, dass im tiefsten Schwarzwald eine Uhr existiert, die als die älteste der Welt gilt. Friedrich macht sich auf, den Eigentümer aufzusuchen und zum Verkauf zu überreden. Doch Johann Thoma, ein alter Bauer, hat so seine eigenen Vorstellungen. Er stellt Friedrich drei Aufgaben, die er zu lösen hat.

Beinahe gleichzeitig wird er bei der Testamentseröffnung von der Existenz seiner Halbschwester Margarethe überrascht. Die Frau erscheint ihm interessant. Ein näheres Kennenlernen wird auf später verschoben, muss er sich doch mit den Lösungen der Aufgaben beschäftigen, um die kostbare Uhr zu erhalten.

Als Friedrich wenig später dann doch Zeit findet, sich mit Margarethe zu treffen, erleidet sie hoch oben auf dem Glockenturm des Münsters von Freiburg einen Herzinfarkt und stirbt ein paar Tage später.

Erstmals scheinen in Friedrich so etwas wie Gewissensbisse aufzukeimen, statt seine Zeit mit Margarethe verbracht zu haben, mit der Jagd nach der Uhr verplempert zu haben, zumal er an den Aufgaben gescheitert ist.

Fazit:

Diese poetische Parabel auf den Lauf der Zeit, den man, trotz Reichtums nicht anhalten kann, hat mir sehr gut gefallen. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Bewertung vom 13.08.2024
Pastor, Ben

Stürzende Feuer (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Autorin Ben Pastor entführt ihre Leser in den Juli des Jahres 1944. Die Niederlage des NS-Regimes ist nach der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 absehbar, auch wenn es die Machthaber nicht wahrhaben wollen.

Oberstleutnant Martin Bora, im Zivilberuf Detektiv, kehrt für eine Woche Heimaturlaub von der italienischen Front nach Berlin zurück, um am Begräbnis seines Onkels, Prof. Dr. Alfred Reinhardt-Thoma, teilzunehmen. Neben der von alliierten Bomben teilweise zerstörten und demoralisierten Stadt, entdeckt er einige Ungereimtheiten beim Tod seines Onkels, der ein Gegner der Euthanasie durch das NS-Regime war. Doch bevor er sich damit näher beschäftigen kann, erhält er vom Chef der Kriminalpolizei Arthur Nebe (1894-1945) den Auftrag bis zu seiner Rückkehr an die italienische Front, den Mord an einer schillernden Persönlichkeit, dem Magier Walter Niemeyer, den auch zahlreiche Nazi-Bonzen „konsultieren“, aufzuklären. Dazu erhält er eine Liste mit den Namen von vier Verdächtigen, ein Auto und einen erfahrenen Kriminalbeamten namens Grimm als Chauffeur und Aufpasser.

Gemeinsam arbeiten sie die Liste der Verdächtigen ab und Martin Bora (und die Leser) können sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Täter ohnehin schon feststeht, egal ob er Niemeyer tatsächlich getötet hat oder nicht.

Bora gerät in ein dichtes Netz von Lügen und Halbwahrheiten aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt, zumal sich Gerüchte eines Umsturzversuchs hartnäckig in Berlin halten, weshalb er Kontakt zu Oberst Stauffenberg aufnimmt. Man ist sich, obwohl ähnlich versehrt (Bora fehlt nach einem Partisanenangriff die linke Hand), nicht sonderlich sympathisch.

Meine Meinung:

80 Jahre nach dem Umsturzversuch durch die Gruppe rund um Graf Stauffenberg auf Hitler bringt der Unionsverlag diesen zeitgeschichtlichen Kriminalroman, der der 7. Band einer bislang 11-teiligen Krimi-Reihe von Ben Pastor ist, heraus. Ben Pastor ist das Pseudonym der italienischen Autorin Maria Verbena Volpi. Bislang sind erst drei Krimis mit Martin Bora ins Deutsche übersetzt worden. Der hier vorliegende sowie „Tod der Äbtissin“ und „Kaputt Mondi“.

Ben Pastor hat mit Martin Bora, der 1913 als Martin-Heinz Douglas Baron von Bora geboren worden ist, eine interessante und mitunter ambivalent erscheinende Figur erschaffen. Er ist Wehrmachtssoldat, Detektiv sowie Nachfahre von Martin Luthers Ehefrau Katharina von Bora. Als adeliger Gutsbesitzer in Ostpreußen sind ihm Verantwortungsbewusstsein und Umsicht in die Wiege gelegt. Daher erscheint es manchmal unverständlich, dass er im NS-Unrechtsregime, anders als Onkel Prof. Dr. Alfred Reinhardt-Thoma, bisher überlebt hat.

Während seines Aufenthaltes in Berlin residiert er standesgemäß im Hotel Adlon, auch wenn das inzwischen auf Grund der kriegsbedingten Mangelwirtschaft an Qualität eingebüßt hat, und auch von zahlreichen Nazis frequentiert wird.

Der Auftrag, den Bora von Nebe erhält, lässt vermuten, dass Bora, der aus seiner Zeit bei der Abwehr unter Admiral Wilhelm Canaris über einige Verbindungen verfügt, eine Falle gestellt werden könnte. Oder dass Nebe es mit einer möglicher Beteiligung am Umsturzversuch ernst gemeint hat. Arthur Nebe wird jedenfalls wie Wilhelm Canaris wegen Hochverrat im März bzw. April 1945 zum Tode verurteilt und gehenkt.

Geschickt werden Fakten und Fiktion miteinander verknüpft.

Ben Pastor (und ihrer Übersetzerin Hella Reese) ist es sehr gut gelungen, die eigenartige Stimmung, die in Berlin herrscht, einzufangen. Man kann niemandem mehr trauen, manchmal auch sich selbst nicht. Wir dürfen an den Gedanken von Martin Bora teilhaben. Wie immer, finde ich die Widersprüche, die sich in der Doktrin des NS-Regime auftun, sehr interessant.

Man kann diesen Krimi sehr gut ohne Kenntnis der anderen lesen. Ich werde mir jedenfalls die beiden, die auf Deutsch erhältlich sind, besorgen, da mich die Entwicklung der Protagonisten immer interessiert.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem zeitgeschichtlichen Krimi rund um Martin Bora 5 Sterne.

Bewertung vom 12.08.2024
Melching, Felix;Neuhäuser, David

Was war denn da los?!


gut

Herausgeber Stefan Bergmann geht der Frage nach, warum sich Menschen für Geschichte interessieren. Dazu bieten sie drei Lösungen an:

Eine hoch motivierte Lehrkraft hat unsere Begeisterung im Alter von 14 oder 15 Jahren geweckt
Oder familiäre Betroffenheit durch Flucht und Migration in einer der letzten Generationen
Oder das eine oder andere historische Ereignis, das sich in unserem Gedächtnis fest verankert hat

Was auch immer der Anlass ist, sich mit Geschichte zu beschäftigen, die beiden Historiker Felix Melching und David Neuhäuser stellen in diesem Buch dreißig ausgewählte Ereignisse aus fünf Epochen vor, die sie zuvor in ihrem Podcast präsentiert haben. Der QR-Code am Ende jeden Textes führt zum entsprechenden Podcast.

Die fünf Epochen sind:

Antike
Mittelalter
Neuzeit
19. Jahrhundert
Gegenwart (20. Jahrhundert)

Die Auswahl für dieses Buch ist natürlich höchst subjektiv und leider sind unter den 30 ausgewählten Beiträgen nur 7 in denen Frauen die Hauptrolle spielten. Nun ja, Geschlechterparität sieht anders aus. Vielleicht wäre es doch möglich gewesen, hier halbe/halbe zu machen?

Die Autoren führen in leicht verständlichem Plauderton durch ihre Beiträge. Aber lasst euch selbst von der Antike bis zum Falklandkrieg entführen. Tiefer gehende Analysen darf man hier nicht erwarten, aber vielleicht reichen die Streifzüge durch die jeweilige Epoche, um sich näher mit den Ereignissen zu beschäftigen.

Ich persönlich habe nicht wirklich etwas Neues erfahren.

Fazit:

Ein schneller Überblick über fünf Epochen in dreißig Ereignissen, dem ich 3 Sterne gebe.