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Bellis-Perennis
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Wien

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Bewertung vom 01.09.2024
Nestmeyer, Ralf

111 Orte, die von deutscher Geschichte erzählen


ausgezeichnet

Ralf Nestmeyer, den meisten von uns als Autor von Reiseberichten und Krimis bekannt, stellt uns in Rahmen der 111er-Reihe aus dem Verlag Emons 111 Orte vor, die deutsche Geschichte schrieben. Ein Überblick, der natürlich nicht vollständig sein kann und will.

Es ist nicht leicht, aus der langen Geschichte Deutschlands „nur“ 111 Meilensteine auszusuchen. Die Auswahl ist natürlich subjektiv. Ich hätte ein paar andere gewählt, da ich als Österreicherin naturgemäß einen anderen Blick auf Deutschland habe.

Ralf Nestmeyer ordnet seine ausgewählten Orte chronologisch, soweit dies möglich ist.

Den Anfang macht die Schlacht im Teutoburger Wald (9 nach Christus), in der die Germanen unter Arminius den römischen Feldherrn Varus vernichtend geschlagen haben. Sein letzter, „Das Berghain“ in Berlin, der Mythos der Berliner Kultszene. Dazwischen liegen 2.000 Jahre Krieg und Frieden sowie Kultur und Subkultur. Dass Berlin mit 14 Nennungen ein Schwergewicht ist, liegt an der wechselvollen und interessanten Geschichte der ehemals geteilten Stadt

Es gibt auch fünf Orte an denen deutsche Geschichte geschrieben worden ist, die nicht in Deutschland liegen: Verdun (F/49), Auschwitz (PL/62), Bern (CH/71), Warschau (PL/91) und Prag (CZ/104).

Die meisten der vorgestellten Orte habe ich auf meinen literarischen Reisen bereits besucht. Gorleben (97) und Hoyerswerda (109) sowie Marktl (108) noch nicht. Ich denke, daran wird sich auch in Zukunft wenig ändern.

Zahlreiche andere unter diesen 111 habe ich schon persönlich besucht, da ich mich als Deutschland-Reisende oute. Augsburg, Berlin, Bremen und Bremerhaven (erst vor kurzem), Hamburg (immer wieder), Lübeck, Dresden, Nürnberg, Erfurt, Weimar, Köln und Dortmund.

Sehr beeindruckt hat mich die Führung in der alten Synagoge in Erfurt (5) oder die Stadt Weimar mit ihren Sehenswürdigkeiten wie das Goethe-Haus (20).

Jedenfalls bleiben noch zahlreiche andere Orte in Deutschland übrig, die ich demnächst besuchen werde.

Meine Meinung:

Ralf Nestmeyers Schreibstil macht Lust. die Koffer zu packen und an einen der angeführten Orte zu reisen. Wer abseits der ausgetretenen Touristenpfade wandeln möchte, dem seien die zahlreichen anderen Reiseziele der 111er-Reihe empfohlen.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Buch, das einen Überblick über ausgewählte 111 Orte, in denen deutsche Geschichte geschrieben worden ist, 5 Sterne.

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Bewertung vom 01.09.2024
Klenk, Florian

Über Leben und Tod


ausgezeichnet

Journalist Florian Klenk und Gerichtsmediziner Dr. Christian Reiter kennen einander schon sehr lange. Gemeinsam betreiben sie seit längerer Zeit einen Podcast, den ich persönlich noch (?) nicht kenne. Das Buch macht Lust, den Podcast zu hören.

Worum geht’s?

Um nicht mehr oder weniger, als um die Arbeit eines Gerichtsmediziners, der nicht nur nach der Todesursache forscht sondern auch Gerichtsgutachten abgibt, wenn es darum geht, Gewaltopfern vor Gericht Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, was oft ander mangelnden Dokumentation durch nur unzureichend geschultes Personal in Polizeidienststellen und Notaufnahmen sehr schwierig ist. Hier beklagt Dr. Reiter, dass aus Einsparungsgründen nur mehr wenige Autopsien vorgenommen werden, was zur Folge hat, dass der eine oder andere nicht natürliche Todesfall unentdeckt bleibt. So wie es beinahe bei einem seiner spektakulären Fällen gewesen wäre: Elfriede Blauensteiner, die ihre betagten Opfer mittels Medikamenten sediert und dann Kälte ausgesetzt hat, so dass der Eindruck eines Todes an Lungenentzündung entstanden ist.

Daneben erfahren wir einiges über historische Kriminalfälle, gestohlene Köpfe und besuchen Dr. Reiter sowohl in öffentlichen als auch in seinem privaten Museen.

Natürlich darf auch der Werdegang des Doyen der Gerichtsmedizin Österreichs nicht fehlen. Wie er selbst launig erzählt, wollte seine Mutter nicht, dass er Veterinärmedizin studiert, denn „die Landtierärzte saufen alle“. So gesehen ein Glück für die Gerichtsmedizin.

Ein traumatisches Erlebnis ist für ihn die Arbeit in Bangkok, wo Reiter bei der Identifizierung jener Menschen, die beim Absturz der LaudaAir Maschine ums Leben gekommen sind, hilft. Die Selektion in nichtasiatische und asiatische Opfer (schwarzhaarig oder nicht) führt dazu, dass zahlreiche Tote nicht identifiziert werden und ein einem Massengrab bestattet werden. Auch das Abnehmen von Zahnabdrücken bleibt nur nichtasiatischen Opfern vorbehalten.

Dr. Reiter macht hier ganz profan auf die Schwierigkeiten der Hinterbliebenen aufmerksam, die nicht sicher sein können, dass ein Angehöriger wirklich tot und identifiziert ist.

Meine Meinung:

Das Buch ist sehr gut gegliedert, wenn auch nicht unbedingt chronologisch. An manchen Stellen wirkt es wie eine zwanglose Plauderei aus dem Nähkästchen, was wohl dem Format Podcast geschuldet ist. Das hat mir gut gefallen, denn so kann der Laie die Arbeit eines Gerichtsmediziners leichter verstehen und auch annehmen. Viele Angehörige wollen ja, warum auch immer, nicht, dass ihre toten Lieben aufgeschnitten und untersucht werden. Florian Klenk versteht es, die Informationen gut verständlich und ohne Voyeurismus, der manchen seiner Journalistenkollegen zu eigen ist, darzulegen.

Zahlreiche eingestreute Anekdoten über bekannte historische Todesfälle ergänzen das Buch. So bringt Reiter den Nachweis, dass einzelne Haare, die man Beethoven zuschreibt, doch nicht dessen Kopf geziert haben.

Sehr gut hat mir der Ausflug in die Medizingeschichte gefallen. Schmunzeln musste ich über das Kapitel „Herr der Fliegen“.

Ich hätte mir ein wenig mehr über die Arbeit und technische Details zur Ursachenforschung gewünscht. Aber das ist Meckern auf höchstem Niveau.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Buch, das eine gute Mischung aus Medizingeschichte, Biografie sowie der Arbeit eines Gerichtsmediziners ist, 5 Sterne.

Bewertung vom 31.08.2024
Reategui, Petra

Kalt fließt die Mosel


ausgezeichnet

Eine junge hochschwangere, zunächst unbekannte Frau wird sterbend am Fuße eines Abhang gefunden. Während das Kind, ein Mädchen, gerettet werden kann, stirbt die junge Mutter in den Armen der Hebamme Eleonore „Ello“ Wiesrath. Ello kümmert sich um das Neugeborene, das die Verstorbene im Tagebuch „Hummelchen“ nennt, und entdeckt an seinem Popo, blaue Flecken, die sie der Sturzgeburt zuordnet.

Wenig später wird bekannt, dass ein Mann im nahen Steinbruch erschossen worden ist. Zufall?

Der französische Besatzungssoldat Jean-Paul Gourriérec und der ehemalige Wasserbauer Max Buchheim, der nun als Hilfsgendarm Dienst tut, beginnen mit den Ermittlungen sowohl was die tote Frau als auch die Leiche vom Steinbruch betrifft.

Im nahegelegenen Kloster erfährt Ello den Namen der toten Frau, Ida Rempin, und erhält ihre Habseligkeiten, ein Tagebuch und Babysachen. Das heißt, Selbstmord kann ausgeschlossen werden. Als sich dann noch Zeugen finden, die Ida mit einem Mann streiten haben sehen, liegt nahe, dass hier jemand nachgeholfen hat. Nur wer? Der Ehemann? Ein Geliebter? Der vermeintliche Kindesvater?

Dann gibt es noch eine Nebenhandlung, die im französischen Kriegsgefangenenlager spielt. Hier soll Sanan, ein kalmückischer Kriegsgefangener, an die UdSSR ausgeliefert werden, weil er in der deutschen Wehrmacht gekämpft hat.
Der französische Lagerarzt, der mit der Geschichte der Kalmücken vertraut ist, händigt Sanan falsche Papiere aus und lässt ihn nach Koblenz überstellen, wo er als Simon auf ein paar andere Kalmücken trifft.

Wenig später treffen Max, Jean Paul und Ello dort ein, da der Tote aus dem Steinbruch vermutlich ein russischer Zwangsarbeiter war. Nun ist Simon/Sanan als Dolmetscher gefragt. Während die Männer sich besprechen, sieht Ello ein Kleinkind, das nur mit einem Hemdchen bekleidet ist und auf dessen Po blaue Flecken zu sehen sind und erinnert sich an einen Vortrag in der Hebammenschule: Blaue Flecken am Steiß sind sogenannte Mongolenflecke, eine Pigmentveränderung, die vornehmlich Asiaten besitzen.

Meine Meinung:

Ich habe diesen historischen Krimi mit großem Interesse gelesen. Zunächst bedeutet ja das Ende der NS-Herrschaft für viele ein Aufatmen. Doch im Sommer 1945 benützen einige die Tage des Machtvakuums, um ihre persönlichen Rechnungen zu begleichen. Das Zusammenspiel zwischen den französischen Militärbehörden und den neu eingesetzten deutschen Hilfskräften wird hier ziemlich harmonisch dargestellt. Ob das wirklich überall so war?

Sehr gut ist die Geschichte der Kalmücken in den Krimi eingearbeitet. Ich habe dazu auch noch ein bisschen recherchiert. Die Kalmücken (eigentlich Oiraten) sind ein ursprünglich mongolisches und buddhistisches Nomadenvolk. In der Stalin-Ära wurden ihre Priester verfolgt, getötet und die Tempel zerstört. Während der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft wurden die Kalmücken so wie andere Nomadenvölker gewaltsam in Städten und Dörfern zur Sesshaftigkeit gezwungen. Im Zweiten Weltkriegs erobert die deutsche Wehrmacht das kalmückische Gebiet. Einige tausend Männer kämpften anschließend an der Seite von NS-Deutschland gegen die Sowjetunion. Da sie Nachfahren von Dschingis Khan sind und daher, nach der Diktion der NS-Rassenlehre, keine russischen oder slawischen Untermenschen waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg bezichtigte Stalin das gesamte Volk der Kollaboration und ließ die Menschen nach Sibirien deportieren.

Über den Mongolenfleck auf Hummelchens Popo musste ich sehr schmunzeln. Ich habe nämlich auch einen, der sogar in den medizinischen Geburtsbericht Eingang gefunden hat. Inzwischen ist er schon ziemlich verblasst. wenn man weiß, wo man suchen muss, kann man ihn erahnen. Gerüchten in meiner Familie zu Folge gibt es in der väterlichen, in Kärnten lebenden Zweig eine mongolische Urururgroßmutter.

Der Krimi ist komplex und in meinem Kopf ist ein mehrdimensionales Gebilde entstanden. Die Charaktere sind ausgefeilt und wirken glaubhaft in ihren Aktionen.

Gut gefällt mir, dass die Dorfbewohner so reden dürfen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Eine Übersetzung der Dialektpassagen findet sich im Anhang. Ebenso sind hier die jenen wenigen Dokumente und Quellen über die Kalmücken, die Petra Reategui ausfindig machen hat können, aufgelistet.

Ob es eine Fortsetzung gebe wird? Ich bin überzeugt, dass mehrere LeserInnen wissen wollen, wie es mit Ello, Hummelchen, Max und Sanan weitergeht.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem vielschichtigen Krimi aus der Nachkriegszeit 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Bewertung vom 31.08.2024
Pingel, Christina

Diagnose: Frau


ausgezeichnet

„Ist Gesundheit eine Frage des Geschlechts?“

Christina Pingel stellt diese provokante Frage und erzählt ihre Geschichte.

Sie ist ist neun Jahre alt, als ihre Mutter durch ein nicht vollständig behandeltes Herzleiden klinisch tot aufgefunden wird. Die Reanimation ist erfolgreich, doch auf Grund des Herzstillstands ist sie schwerbehindert. Da der Ehemann mit der Pflege daheim überfordert ist, überstellt man sie in ein Pflegeheim, in dem sie einige Jahre später stirbt.

Wie sich wenig später zeigen wird, ist die Geschichte von Christinas Mutter auch Christinas Geschichte, selbst wenn die Ärzte das Gegenteil behaupten.

Denn als Christina bei sich ähnliche Symptome feststellt, wird sie als hysterisch hingestellt. Sie sei zu jung, für eine Herzerkrankung. Die Vorgeschichte ihrer Mutter wird nicht ernst genommen. Nach rund zehn Jahren, zahlreichen Panikattacken und einem inkompetenten jungen Mediziner in der Notaufnahme, lässt sie sich freiwillig für zwölf Wochen in die Psychiatrie einweisen. Bei einem Therapiegesprächsrunde, bei dem zahlreiche Ärzte hospitieren, ist jener Mann dabei. Sie erzählt von dem Vorfall in der Notaufnahme, was unter der Kollegen für Empörung sorgt. Diesmal wird eine PTBS festgestellt.

Um es kurz zu machen, nach einer schier endlosen Odyssee durch zahlreiche Ordinationen, gerät sie endlich an eine Kardiologin, die sie und ihre Beschwerden erstens ernst nimmt, und zweitens die richtige Diagnose stellt: Eine undichte Herzklappe, was zugegeben für Frauen Mitte dreißig eher selten ist.

Warum hat man den Herzklappenfehler, der vermutlich bereits seit ihrer Geburt besteht, nicht früher erkannt?

Wie wenig man sich mit dem jungen weiblichen Körper beschäftigt, merkt man auch, dass niemand fragt, in welchen Stadium ihres Monatszyklus‘ Christina sich am Vorabend der Operation befindet. Prompt wird sie wieder nach Hause geschickt. Erst im dritten Anlauf kann die Operation stattfinden, weil zuvor noch eines der wichtige Geräte defekt ist.

Auf ihrer langen Odyssee beschäftigt sich Christina Pingel vermehrt mit Gender Medizin, bzw. viel mehr mit dem Fehlen derselben. Medikament wurden und werden fast ausschließlich an Männern getestet.

Die eingangs gestellte Frage, ob Gesundheit eine Frage des Geschlechts ist, muss leider mit JA beantwortet werden.

Gender Medizin hat nichts mit Binnen-I oder Gender*Sternchen zu tun, sondern konzentriert sich auf die geschlechtsspezifische Erforschung und Behandlung von Krankheiten. Durch zahlreiche Studien ist inzwischen belegt, dass koronare Erkrankungen bei (jungen) Frauen nicht oder zu spät erkannt werden, wie es eben bei Christina Pingel und ihrer Mutter geschehen ist. Bei Männern hingegen werden psychische Erkrankungen zu wenig in Betracht gezogen.

Wie viel Arbeit hier noch zu tun ist, dass erst seit 2003 in der Berliner Charité Gender Medizin gelehrt wird. In Österreich gibt es seit 2010 einen Lehrstuhl für Gender Medizin in an der MedUni Wien und seit 2014 einen an der MedUni Innsbruck.

Fazit:

Diesem Buch, mit Christina Pingel aufrüttelt und Betroffenen klar macht, dass entsprechende medizinische Hilfe für alle da sein muss, gebe ich gerne 5 Sterne.

Bewertung vom 31.08.2024
Dutzler, Herbert

Wenn die Welt nach Sommer riecht (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

In diesem Roman begegnen wir Siegfried „Sigi“ und seiner Familie nach „Die Welt war eine Murmel“ und „Die Welt war voller Fragen“ ein drittes Mal. Er schließt nahtlos an die Vorgänger an. Doch lassen sich alle drei Bücher auch völlig unabhängig voneinander lesen, ohne dass man zuvor einen früheren Band gelesen haben muss. Allerdings brächte man sich um einige köstliche Lesestunden, vor allem dann, wenn man selbst ein Kind der Sechziger-Jahre ist.

Zwar lassen sich nicht alle Erinnerungen des 13-jährigen Sigi, der auf dem Land aufwächst, auf Stadtkinder wie mich übertragen, doch teile ich zahlreiche Rückblicke, wie das ständige Rauchen der Erwachsenen. Meine Eltern haben jeweils zwei Packerl Zigaretten geraucht und ich musste meinen Lehrerinnen (reines Mädchengymnasium) immer erklären, dass ich selbst nicht rauche.

Sigi beginnt sich langsam für mehr als nur für die Apollo-Mission und Karl May zu interessieren. Mädchen rücken in seinen Fokus. Er erlebt die erste Zigarette und die erste vom Alkohol verursachte Übelkeit. Die Rivalität zwischen seiner Schwester und ihm wird stärker.

In der Schule, nunmehr vierte Klasse Gymnasium, stellt er nach wie vor neugierige Fragen, die ihm als ungebührliche Kritik ausgelegt werden. Die Erkenntnis, dass nach wie vor zahlreiche alte Nazis in den Schulen unterrichten, führt auch in seiner Schule zu Schülerprotesten, die es, in unterschiedlichen Ausprägungen, überall gegeben hat.

Auch die damaligen gesellschaftlichen Einstellungen innerhalb der Familie, ob Mütter und Ehefrauen „Nur-Hausfrauen“ zu sein haben, oder auch einer Berufstätigkeit nachgehen dürfen, wird an Hand von Sigis Familie sehr gut dargestellt. Sigis Mutter arbeitet Teilzeit in der dörflichen Apotheke, was ihr Mann äußerst argwöhnisch beobachtet. Denn er sieht seine Rolle als „Herr im Haus“ gefährdet, zumal der Apotheker ein allein stehender Mann ist. Sigis Vater greift immer häufiger zur Flasche und fürchtet um seine eigene Bequemlichkeit, wenn er sich das Bier oder die Jause selbst aus der Küche holen muss. Ja, das kenne ich auch aus meiner eigenen Familie sehr gut!

Schmunzeln musste ich an die Versuche, Zimmer zu vermieten. Hier kann Sigi erstmals seine Englisch-Kenntnisse und Kochkünste an englisch sprechenden Feriengästen ausprobieren, als die ein englisches Frühstück wollen.

Auch die Bezeichnung „Gammler“ für jene Studenten, die keinen militärisch kurzen Haarschnitt getragen haben, habe ich noch im Ohr. Darüber haben sich vor allem meine Großeltern ziemlich aufgeregt.

Fazit:

Gerne bin ich mit Sigi in die 1970er-Jahre eingetaucht, auch, wenn die eine oder andere Erinnerung für mich persönlich nicht so angenehm gewesen ist. Aber, das ist eine andere Geschichte. Für die von Sigi gibt es jedenfalls 5 Sterne.

Bewertung vom 30.08.2024
Bergsma, Elke;Johannsen, Anna

Die Gewalt des Sturms


ausgezeichnet

Dem Ziel ihres geheimen Auftrags, den Maulwurf in der Auricher Dienststelle ausfindung zu machen und ihm das Handwerk zu legen, ist KHK Lina Lübbers noch nicht wirklich näher gekommen. Sie hat zwar die Dossiers über alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen erhalten, trotzdem fällt es ihr schwer, einen konkreten Verdacht zu finden. Noch kann sie niemanden ausschließen. Mitten in ihre Überlegungen platz der gewaltsame Tod des örtlichen Notars, der in seiner Kanzlei an einen Stuhl gefesselt gefunden worden ist. Der Tresor ist aufgebrochen und das Büro durchsucht worden.

Nahezu gleichzeitig wird der Inhaber einer kleinen Spedition beim Joggen auf einem Feldweg von einem Auto angefahren und tödlich verletzt liegen gelassen. Um die Aufklärung dieses Tötungsdelikts kümmert sich die interimistische Leiterin des Kommissariats Kea Siefken.

Bei ihren Recherchen stoßen sie auf eine Verbindung zwischen den beiden Toten. Diese Spur führt sie zu jenem niederländischen Clan, der seit längerem versucht, seine Drogengeschäfte in Ostfriesland zu etablieren.

Meine Meinung:

Diese Fortsetzung, der als Trilogie angelegten Mini-Serie hat mir gut gefallen. Ich habe das Buch in einer Nacht gelesen.

Die interessante Schreibweise hat das Autorinnen-Duo beibehalten: Die Handlung wird abwechselnd aus Keas und Linas Perspektive, jeweils in der Ich-Form, geschildert. Eine geschickte, wenn auch zu Beginn irritierende Idee! Nicht immer ist ganz eindeutig, in wessen Haut wir Leser nun stecken. Da ist aufmerksames Lesen notwendig, zumal es noch unausgesprochene Gedanken gibt, die in kursiver Schrift eingeschoben sind. Da ist das eine oder andere Blitzlicht über die oder den Kollegen auch amüsant, weil mitunter fehlinterpretiert.

Die Charaktere sind ausgefeilt und wirken recht authentisch. Die beiden Kommissarinnen sind „g’standene Frauen“, d.h. sie arbeiten doppelt soviel wie ihre männlichen Kollegen und sind sich in manchen Dingen ähnlicher als ihnen lieb ist, bzw. sie ahnen. Allerdings haben beide ihre persönlichen Schicksalspäckchen zu tragen. Die eine, alleinerziehend mit einer pubertierenden Tochter und einem etwas jüngeren Sohn, die sich auf den Ex- Mann und Kindesvater nicht immer verlassen kann und die andere, die ihre jüngere Schwester den Drogentod sterben hat sehen.

Ob die beiden Frauen dem De-Jong-Clan das Handwerk legen können, erfahren wir hoffentlich recht bald. Bis Jahresende soll ja Band drei („Die Kraft der Ebbe“) erscheinen, auf die ich mich sehr freue.

Fazit:

Eine gelungene Fortsetzung dieser Krimi-Reihe, der ich gerne 5 Sterne gebe.

Bewertung vom 29.08.2024
Klinger, Christian

Eine Corsa in Triest


ausgezeichnet

Als Gaetano Lamprecht 1919 in seine Heimatstadt Triest zurückkehrt, ist nichts mehr wie es war. Triest gehört nun zu Italien und alle altösterreichischen Familien werden schikaniert. Sie werden entlassen und sollen aus Triest verschwinden, wie auch die slowenische Bevölkerung. Faschisten und Nationalisten bekämpfen sich gegenseitig, um das Machvakuum zu füllen.

Auch Gaetano darf erst dann wieder als Polizist arbeiten, wenn er Italiener geworden ist. Das führt zu Konflikten mit seiner Familie. Kaum wieder als Polizist im niedrigsten aller Ränge tätig, wird er suspendiert, da man ihn des Mordes bezichtigt.

Wie es zu dem interessanten Titel kommt und welche Rolle ein Elektroauto spielt, müsst ihr selbst lesen.

Bewertung vom 28.08.2024
Pierre, Marie

Schwestern im Geiste / Das Pensionat an der Mosel Bd.2


ausgezeichnet

Mit dieser historischen Roman tauchen wir abermals in das Reichsland Elsass - Lothringen, genauer in das Städtchen Thionville oder, wie es jetzt auf Deutsch heißt: Diedenhofen ein.

Die eine oder andere Schülerin hat hat das Pensionat an der Mosel verlassen und doch hat Schulleiterin Pauline Martin mit den elf verbliebenen Mädchen jede Menge zu tun. Manchmal ist sie überzeugt,

„dass es wesentlich einfacher sein musste, einen ganz Sack Flöhe zu hüten, als ein knappes Dutzend halbwüchsiger Backfische. Besonders, wenn gerade der Frühling vor der Tür stand...“

Auch bei den Lehrkräften bahnt sich ein Wechsel an, so dass die augenblickliche Aufregung durchaus legitim ist: Rhona O’Meally kommt als neue Lehrerin für Englisch und Musik ins Institut. Mit ihr zieht nicht nur frischer Wind in Sachen englischer Literatur durch die Schule, sondern auch etwas Geheimnisvolles. Zunächst zeigt sie bei der Vorstellungsrunde, dass auch ungehörigen Bemerkungen, wie jenen von Charlotte, geschickt zu parieren weiß:

„...Wir Iren sind aus hartem Holz geschnitzt. Da bedarf es weitaus mehr als der ungezogenen Bemerkung eines unreifen Görs, um mich zu treffen...“

Und Charlotte wird diejenige sein, die für Unruhen im Pensionat sorgt. So spielt plötzlich die jüdische Herkunft von Esther ebenso eine Rolle wie die Tatsache, dass Louises Vater ein Sozialist ist.

Als dann noch antipreußische Parolen unter anderem auf den Flohturm geschmiert werden und Charlottes Kette sowie Geld verschwindet, sieht sich der unsympathische Polizist Wachtmeister Schrotherr bemüßigt, in der Schule zu ermitteln und Pauline mit der Schließung der Schule zu drohen. Allerdings gelingt es Hauptmann Erich von Pliesnitz, der im ersten Teil noch als „Häuptling Gnadenlos“ verschrien war, gemeinsam mit dem Gärtner Vincent Lehmann, den er eigentlich als Konkurrenten um Pauline sieht, das Schlimmste abwenden. Das geht sogar soweit, dass er seinen Burschen Franzl dazu abstellt, die Schule zu beobachten.

Meine Meinung:

Die Autorin hat hier eine großartige Fortsetzung geschrieben, die mehr als ein Geheimnis enthält, die letztlich enthüllt werden. Doch bis dahin müssen wir mit den Protagonisten bangen, ob sich alles zum Guten wendet. Marie Pierre hat, wie sie im Nachwort schreibt, sehr viel Recherche betrieben, um ihren Roman in ein historisch korrektes Umfeld einzubetten. So mag ich das! Nichts finde ich peinlicher als Recherchefehler und sprachliche Ausrutscher in eine moderne Ausdrucksweise.

Der Schreibstil ist ausgefeilt und ich durfte so herrlich altmodische Wörter wie kujonieren wieder lesen. Die in französisch und Thionviller Platt eingestreuten Redewendungen machen das Buch authentisch. Keine Angst! In einem ausführlichen Glossar werden diese Ausdrücke übersetzt. Die meisten lassen sich aus dem Zusammenhang allerdings gut nachvollziehen.

Einer meiner Lieblingssätze ist folgender:

„..Jemanden wie Charlotte traue ich nur so weit, wie man ein Klavier werfen kann, und das ist nicht besonders weit...“

Sehr gut gefällt mir, weil vortrefflich gelungen, wie sich das „Stammpersonal“, also jene Figuren wie Pauline, Esther, Louise, Charlotte und Lisbeth sowie die Erich von Pliesnitz, Vincent oder auch Thomas entwickeln. Nicht immer zu ihrem Vorteil, aber das braucht eine abwechslungsreiche Geschichte, um ihre Leserinnen zu fesseln. Mit Rhona O’Meally hat die Autorin eine interessante neue Figur eingeführt, die einiges mit Pauline gemeinsam hat, sich aber dennoch deutlich von ihr unterscheidet. Schade, dass ihr Auftritt nur auf diesen zweiten Band beschränkt ist. Er wird nicht mehr lange dauern, dass sich ihr prophetischer Satz bewahrheitet.

"...Irgendwann wird ein großer Krieg wie ein Brand durch die Welt laufen und die alte Ordnung zerstören..."

Erich von Pliesnitz macht die größte Entwicklung durch, auch wenn er manchmal nach wie vor der Meinung ist, dass Weibsbilder immer für Unruhe sorgen. Aber, man weiß ja, dass die Preußen nicht so schnell schießen. Lassen wir Hauptmann von Pliesnitz jene Zeit, um sich zu verändern. Da er den Karneval und das Gedöns, das darum gemacht, wird nicht leiden kann, hat er meine volle Sympathie.

Im Nachwort geht die Autorin nochmals ausführlich auf die Themen Freiheitskampf in Irland, Antisemitismus und die Präsenz des Deutschen Militärs im Reichsland Elsass – Lothringen ein.

Ein Personenverzeichnis gleich zu Beginn, historische Fotos auf der inneren vorderer Umschlagseite, das bereits erwähnte Glossar sowie eine Karte von Diedenhofen im Anhang des Buches ergänzen den zweiten Teil der Trilogie. Ich freue mich schon auf den dritten Teil, der im Februar 2025 erscheinen wird.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem penibel recherchierten und opulent erzählten historischen Roman 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Bewertung vom 28.08.2024
Palfrader, Robert

Ein paar Leben später


ausgezeichnet

Robert Palfrader, den meisten Menschen als Kaiser Robert Heinrich I. aus dem österreichischen Fernsehen bekannt, hat seinen ersten Roman veröffentlicht.

»Sie machen sich keine Vorstellung davon, wie oft ich die Unwahrheit erzählen werde müssen, um die Geschichte der Familie meines Vaters glaubhaft erscheinen lassen zu können. Denn die ganze Wahrheit kann ich niemandem zumuten, dafür ist sie zu absurd.«

In seinem Debüt erzählt in einer Romanbiografie die Geschichte seiner Vorfahren, einer Familie im ladinischen Teil Südtirols. Die Ladiner sind eine Minderheit in Südtirol, genauer gesagt in den Dolomiten. Sie haben sich ihre sprachliche und sonstige Eigenheiten über Jahrhunderte, auch wenn sie zahlreichen staatlichen Unterdrückungen ausgesetzt waren, bis heute bewahrt. Eine kleine unbeugsame Volksgruppe von rund 35.000 Personen. Menschen, die sich ihrer rauen unwirtlichen Umgebung in den Bergen der Dolomiten angepasst haben.

Unter diesen ohnehin schon wortkargen Menschen stechen die Craffonaras und die Palfraders besonders heraus. So ist die eine Urgroßmutter überdurchschnittlich fromm und nimmt ihr Schicksal gottergeben ohne zu klagen an. Die andere Urgroßmutter hingegen liest alles, was sie zwischen die Finger bekommt und wird eine erfolgreiche HUndezüchterin, die sie auch ins benachbarte Ausland führt. Auch die Urgroßväter polarisieren. Aufbrausend der eine, geschäftstüchtig der andere. Die nächste Generation sucht außerhalb des engen Tals bis hin in Argentinien ihr Glück und kehrt enttäuscht zurück.

Franz und Maria Palfrader schaffen sich mit ihrem kleinen Hotel so etwas wie Wohlstand. Doch der Faschismus auf beiden Seiten der Alpen macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Dableiben oder Fortgehen? Der Partei beitreten, ausschließlich italienisch sprechen und die Namen ändern? Wer die sturen Mitglieder der Familien nun kennengelernt hat, wir ahnen, wie sie sich entscheiden. Franz und Maria verlassen 1941 St. Vigil und fangen in der Nähe von Krems in Niederösterreich (damals Gau Niederdonau in der Ostmark) neu an.

„Dein Großvater hat nur zwei Fehler in seinem Leben gemacht.“ sagt die jüngste Schwester vom Franz ein paar Leben später einem seiner Enkel. „Der erste Fehler war: Er ist aus St. Vigil weggegangen. Und der zweite: Er ist nicht zurückgekommen.“
„Ja“ dachte der Enkel „aber wär er zurückgegangen, gäb‘s mich halt nicht. Ich bin also das Ergebnis einer Fehlentscheidung. Auch nicht angenehm, das zu wissen.“ Gesagt hat er das aber nichts.

Meine Meinung:

Geschickt verknüpft Robert Palfrader in der Geschichte seiner Vorfahren Fakten mit Fiktion. Auf 160 Seiten erzählt er atmosphärisch dicht, oft in kargen Worten das Leben in der rauen Umgebung.

Wenn man den Autor ausschließlich als Kunstfigur Kaiser Robert Heinrich I. sowie als Schauspieler und Kabarettisten kennt, traut man ihm diese tiefgründige Familienbiografie so gar nicht zu. 5 Sterne.

Bewertung vom 26.08.2024
Weger, Nina Rosa

Die wilden Robbins Bd.1


ausgezeichnet

Dieses Buch ist der erste Teil einer Kinderbuch-Serie von Nina Weger ab dem Lesealter von ca. 8 Jahren.

Worum geht’s?

Sommerrode ist ein typischer Reißbrett-Stadtteil: Breite Radwege, bepflanzte Vorgärten, getrimmte Rasen und eine nach ökologischen Gesichtspunkten angelegte Insektenwiese. Alles muss seine Ordnung haben. Der Müll muss getrennt werden und die Hinterlassenschaft von Murkel, Riekes und Minnas Hund, muss, stets beäugt von Fr. Krone-Essing, in den dafür vorgesehen Behälter entsorgt werden.

Um das letzte Fleckchen Wildnis in dem idyllischen Sommerrode ein Kampf ausgebrochen. Zwei Kinderbanden, die Dirt Bike Ritter und die Robins, wollen die „G’stetten“, wie man in Wien sagt, jeweils für sich allein als Abenteuerspielplatz. Die Robins, zu denen Rieke, ihre kleine Schwester Minna, Liesel und Bretti gehören, sind dabei ihr ‚Sommerwood Forest‘ zu errichten: Ein Baumhaus und eine Hängebrücke sind in Arbeit, eine Wasserleitung ist geplant.

Die Dirt Bike Ritter hingegen wollen die Wildnis für sich, um Erdhügel als Fahrradrampen zu benützen und als wilde Ritter auf Rädern, ihre Geschicklichkeit zu demonstrieren.

Die beiden Gruppen, man könnte es auch als Geschlechterkampf sehen, bekämpfen sich ideereich und übersehen beinahe, dass die Gefahr für ihre Wildnis von einem mächtigeren Gegner ausgeht. Denn der Bürgermeister will einen, nach allen Regeln der Sicherheit und Pädagogik sterilen Spielplatz anlegen lassen. Ein Spielplatz, der vor allem für Eltern gedacht ist, die ihre Sprösslinge beim kalkulierten Toben, beobachten wollen.

Für die fantasiebegabten Kinder beider Gruppen ein absoluter Albtraum!

Die beiden verbünden sich und sieben kleine Revoluzzer trotzen Bürgermeister und Eltern.

Meine Meinung:

Dieses Kinderbuch hat mir sehr gut gefallen! Es zeigt deutlich, dass das was sich Stadtplaner und Eltern unter Spielplatz vorstellen, wenig mit dem zu tun hat, was Kinder in ihrer Entwicklung fordert und fördert. Ein Stück Wildnis bedeutet Entdecken mit allen Sinnen, regt die Fantasie an während die Spielplätze aus dem Katalog nach wenigen Stunden und Tagen enttäuscht verlassen werden.

Gut gelungen ist auch die Zusammensetzung und Beschreibung der Kinderbanden. So dürfen Mädchen wie Rieke energisch und der Bretti, ein wenig ängstlich sein. An Ideen, wie sie den Bürgermeister und die Eltern austricksen, um ihren Abenteuerspielplatz als Wildnis überlassen zu bekommen, mangelt es nicht.

Die Geschichte ist schwungvoll erzählt und durch die liebevollen Illustrationen Iris Hardt lebendig gestaltet. Zu Beginn sieht man den Plan der Reißbrettsiedlung.

Fazit:

Diesem gelungenen Reihen-Auftakt voller Humor und Action, der weder ins Alberne, Absurde oder Zerstörerische abdriftet, gebe ich gerne 5 Sterne.