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MB
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Rösrath

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Insgesamt 479 Bewertungen
Bewertung vom 12.02.2022
Thomas, Claire

Die Feuer


ausgezeichnet

Ziemlich genial!
Die Konstruktion des Romans "Die Feuer" von Claire Thomas ist faszinierend! Der Ort der Handlung: Melbourne während der großen Brände. Die Zeit des Romans: Die Dauer eines Theaterstücks von Samuel Beckett, des großen Sinnleugners (die Handlung: Eine Frau, die im Verlauf des Stückes immer mehr versinkt - in einem Müllberg). Drei Frauen sinnieren während des Theaterstücks über ihr Leben (Themen: Klimakatastrophe, Identität, Herkunft, Rassismus, Älterwerden, die zunehmende Gewalt in der Welt und die daraus resultierende Verunsicherung, Demenz und Gewalt in der Beziehung, Sprachlosigkeit). Immer wieder fließt die Handlung auf der Bühne in den Erzähltext ein - jeweils aus der Perspektive einer der drei Frauen (die Literaturprofessorin Margot, die Kunstmäzenin Ivy und die Schauspielschülerin und Platzanweiserin Summer). In der Welt außerhalb des Theaters sind Existenz und Leben bedroht, weil, bedingt durch die Klimakatastrophe, die Feuer am Rande von Melbourne lodern. Im Theater: Die Krise als intellektueller Genuss und Zeit, um über das Leben nachzudenken. Außerhalb des Theaters: Die Klimakrise als existenzielle Gefährdung der Menschen und ihrer Welt. Die Inszenierung des Individuums in all seiner Kleinheit - gleichwohl stets auf der Suche nach individueller Bedeutung. Im Kontext einer Welt, die brennt und alles Leben bedroht. Und dabei: Nüchtern erzählt, die zunehmende Gewalt und den drohenden Tod in der Welt ausblendend, dafür der Sinnfrage auf der Theaterbühne nachgehend. Und dann die Idee der Autorin, die drei Frauen - zunächst unverbunden in der Vorstellung sitzend - in der Pause aufeinandertreffen zu lassen und dieses Kapitel im Textformat eines Theaterstückes zu schreiben. Genial! Das Leben ist ein großes Theater und somit immer auch Tragödie; was ist wichtiger: Die Sinnfrage oder die Überlebensfrage? War es bei Beckett auf der Bühne der Untergang des Einzelnen wegen eines existenziellen Sinnverlustes, geht es aktuell im wahren Leben um den möglichen Untergang des Menschen und den Existenzverlust. Unbedingt lesen!!!

Bewertung vom 12.02.2022
Vida, Vendela

Die Gezeiten gehören uns


ausgezeichnet

Leserausch!
Ein außergewöhnlicher Roman! Mit einem großen Feingefühl für Stimmungen beschreibt Vendela Vida die Beziehungsdynamik einer Clique von Teenagerinnen auf einer Privatschule für Mädchen in San Francisco mitte der 80-er Jahre. Der Anpassungsdruck ist hoch, Schuluniformen sorgen für Gleichförmigkeit, wo doch jede der Freundinnen irgendwie auch ein großes Bedürfnis nach Einzigartigkeit hat. Eulabees allseits bewunderte Freundin Maria Fabiola ist - frei nach Homer's Odysee - die Sirene in der Gruppe - schön, aus reichem Elternhaus und mit einem unstillbaren Aufmerksamkeitsbedürfnis ausgestattet. Als Eulabee bei einem Vorfall mit einem vermeintlichen Exibitionisten bei einer anschließenden Befragung eine andere Aussage macht, dass sie nämlich nichts Schändliches beobachtet habe, führt dies zum Ausschluss aus der Clique der 'besten Freundinnen'. Vendela Vida beschreibt die Jugend als eine Zeit, in der die Welt förmlich darauf wartet, erobert zu werden: "Wir versuchten bescheiden zu bleiben, aber wir waren Heldinnen." Durch den Ausschluss ist Eulabee zunächst auf sich selbst zurückgeworfen und wird gleichzeitig zu einer distanzierten Beobachterin des Geschehens. Als Maria im Rahmen einer weiteren Selbstinitiierung von einer angeblichen Entführung zurückgekehrt ist, erlebt Eulabee ihre Wiederaufnahme in die Clique - allerdings unter dem Druck, Marias aufmerksamkeitsheischende Geschichte teilen zu müssen. Erst viele Jahre später, in den 2020-ern, offenbart sich, was die Wahrheit hinter den Geschehnissen ist und die verführerische Kraft der Sirene Maria Fabiola entpuppt sich als Blendung und große, lebensbegleitende Selbstlüge. Selten habe ich einen Roman gelesen, der mir die verrückte Zeit der Jugend so nahe gebracht hat. Ein wunderbares Buch!

Bewertung vom 12.02.2022
Kliesch, Vincent

Im Auge des Zebras / Olivia Holzmann Bd.1


gut

Verwirrspiel...
"Liebe ist von außen betrachtet das Dümmste, was einem passieren kann." Dies ist eine der Kernerfahrung von Kommissarin Olivia Holzmann in Vincent Klieschs neuem Thriller 'Im Auge des Zebras'. Was Olivia natürlich in eine regelrechte Identitätskrise treibt; folgerichtig fragt sie sich gegen Ende, wie sie es denn schaffen soll, überhaupt Verbrechen aufzudecken, wenn sie noch nicht einmal bei ihrem neuen Traummann 'Muffi'(?) merkt, dass er sie nur manipuliert. Fühlt sie sich doch immer noch im Schatten des genialen Ex-Kollegen Bösherz, der seine Fälle stets mit seiner genialen Intuition und Kombinationsfähigkeit lösen konnte. Ein fulminant inszenierter Auftakt - ein an Zauberei grenzendes, magisches Verwirrspiel -, ein Verbrecherring mit einem gewieften Russen an der Spitze, der seine Fäden zieht und ganz viel weiß, was Olivia Holzmann weiter bringen könnte, sieben zeitgleich an verschiedenen Orten von einem Täter mit identischer DNA entführte Kinder, die von ihren Eltern an pädophile Erwachsene verkauft wurden; und die Zwillinge, als Kinder entführt und in letzter Sekunde gefunden, ein Fall der nie aufgeklärt werden konnte, aber irgendwie in Zusammenhang mit den aktuell entführten Kindern stehen muss; und dann selbstverständlich der Zeitdruck. Und nur der Autor weiß die Wahrheit... und läßt uns durch viele unvermutete Wendungen bis zum Ende hin Rätsel raten. Und immer wenn sich eine Tür zur Lösung hin geöffnet zu haben scheint, steht man bei dieser Geschichte vor zwei neuen Türen, die geöffnet werden wollen. Und manchmal ist der Täter greifbar nah, aber man merkt es nicht. Ein gut erzählter Thriller an der Grenze zum Unwahrscheinlichen - aber ganau das macht halt auch den Spannungsbogen aus. Ein Verwirrspiel, solide Kost.

Bewertung vom 06.02.2022
Evaristo, Bernardine

Manifesto. Warum ich niemals aufgebe. Ein inspirierendes Buch über den Lebensweg der ersten Schwarzen Booker-Prize-Gewinnerin und Bestseller-Autorin von »Mädchen, Frau etc.«


sehr gut

Ein wahres Manifest!
Die britische Autorin Bernardine Evaristo bezeichnet sich selbst als rebellische Autorin und freiheitsliebende Regelmissachterin - aus unterschiedlichen Perspektiven schreibend und über alle vermeintlichen Grenzen von Race, Kultur, Gender, Alter und sexueller Orientierung hinweg verschiedene Kulturen bewohnend. Die erste schwarze Booker-Prize-Trägerin, sich für mehr Diversität in der Literatur, insbesonder für die der People of Colour, einsetzend. Sie treibt ihre Persönlichkeits-entwicklung voran und ist politische Aktivistin; verfolgt mit viel positiver Energie ihre Vision einer Schriftstellerin. Evaristo ist Angehörige einer Generation, die den Wandel weg von der alltäglichen Diskriminierung hin zu mehr Respekt für People of Colour erlebt und mitgestaltet hat. Einer Familie entstammend, die es immer wieder geschafft hat, sich aktiv zu verändern, wenn die Lebensumstände unmöglich wurden, den Kontinent und die Kultur gewechselt haben, um sich ein neues Leben aufzubauen. Und im Sinne dieser familiären Vorgeschichte gestaltet die Autorin ihr Leben, sich nie selbst aufgebend und mit dem ihrer Vision entspringenden goßen Mut. "Ich bin süchtig nach dem Abenteuer des Geschichtenerzählens als meinem wirkmächtigsten Kommunikationsmittel." In sieben Kapiteln und sieben unterschiedlichen Lebensthemen setzt sich für uns Lesende das Bild einer außergewöhnlichen Autorin zusammen: Herkunft und Familiengeschichte, Ortswechsel, das Private und das Liebesleben, das Theater und das Schreiben, das aktive Tun für die persönliche Weiterentwicklung. Besonders schön auch das abschließende Bild: Zusammen mit Margaret Atwood bei der Booker-Prize-Verleihung im Jahre 2019. Ein ispierierendes Buch, was das Zeug hat, uns auch unser eigenes Leben als ein Manifest begreifen zu lassen.

Bewertung vom 30.01.2022
Crimp, Imogen

Unser wirkliches Leben


gut

Recht unterhaltsam...
Anna und Max - die gegensätzlicher nicht sein könnten... aber so ist das halt mit den Gegensätzen in der Liebe. Kann gut gehen - und dann ist es wunderbar; muss aber nicht gutgehen, und dann kommen die Zweifel. Anna, die Protagonistin, ist voller Ambivalenzen, bezogen auf ihr Verhältnis zu Männern und dem Sex und natürlich insbesondere bezogen auf Max, den sie zwar irgendwie zu lieben glaubt, sich aber nie so richtig sicher ist. Ambivalent in ihrem Verhältnis zu den eigenen Eltern: Fürsorge versus Unfreiheit. Ambivalent zwischen Hingabe und Autonomie, zwischen dem Streben nach Gleichberechtigung und Unterwürfigkeit. Ambivalent bezogen auf Laurie - zwar beste Freundin, die sich aber immer wieder unmöglich verhält. Zwar unabhängig sein, aber auch gefallen wollen. Anna will unbedingt Opernsängerin werden, ihr fehlt aber das Geld, um sich dies - wohnend in der Metropole London - über die für die Gesangskarriere notwendigen Ausbildungen auch wirklich leisten zu können. Von Seiten der Eltern kann sie nichts erwarten, von Max will sie eigentlich keine Unterstützung, nimmt sie dann aber doch. Und so hängt sie fest zwischen ihrem Karriereziel und der Beziehung zu Max, in der Finanzbranche arbeitend, der zudem ihr Singen nicht ganz so ernst zu nehmen scheint. Wir werden als Lesende durch einige Reibungspunkte in der Bezeihung der beiden geschleust, erleben Anna als eifersüchtig, erleben sie in einem Freundinnen-Talk, wo Dinge wie 'Waxing' und 'Free-bleeding' erörtert werden, und wie zu erwarten, klappt es mit der Karriere als Opernsängerin auch nicht ganz ohne Stolpersteine in Form von Konkurrentinnen, Selbstblockaden und mehr. Max will es einfach haben - Anna macht es eher kompliziert. Und da sind wir beim Knackpunkt des Buches, geschrieben in den Zweitausendzwanzigern von einer jungen Frau: Die Rollen im Roman sind erschreckend klischeehaft ausgelegt (der Selbstzweifel liegt natürlich bei den Frauen und nie bei den Männern; Frauen sind halt kompliziert statt vielmehr komplex...) - und das macht den Ablauf der Handlung auch so erwartbar. Aber vielleicht will einfache Unterhaltung auch nichts anderes als den Lesenden das zu präsentieren, was sie schon kennen.

Bewertung vom 29.01.2022
Aydemir, Fatma

Dschinns


ausgezeichnet

Ein Erdneben von Roman!
Eigentlich möchte ich gar nicht viel über das wunderbare Buch "Dschinns" von Fatma Aydemir erzählen und einfach nur sagen: Bitte lest es! Unbedingt! Eindringliche Sprache. Gelungene Komposition. Figuren, die mit Tiefe ausgestattet sind und eine Handlung, die von der ersten Seite an Tragödie ist. Wie anders sollte es auch sein, wenn der Familienvater Hüseyin, einem kurdischen Dorf entstammend, nach 30 Jahren auszehrender Arbeit und Anpassungsdruck in Deutschland sich für einen vorzeitigen Gang in die Rente auszahlen lässt und seiner Familie, bestehend aus vier mehr oder weniger erwachsenen Kindern und seiner Frau Enime eine Wohnung in Istanbul anschafft, dort in der bezugsfertigen Wohnung angekommen einen tödlichen Herzinfarkt erleidet. Dieses Ausgangsszenario ist die Bühne für den Auftritt der einzelnen Familienmitglieder mit ihren jeweiligen Gesachichten. Sie treffen sich anlässlich des Todes von 'Baba' in der neuen Wohnung, die sie nie beziehen werden. Schnell wird deutlich, dass es in der Familiengeschichte Geheimnisse gibt, dass das viele Ungesagte das Miteinander stört. Ein wahres Erdbeben erschüttert die Familie. Fängt es mit dem Tod des Familienoberhauptes an, so steht auch am Ende wieder der Tod, begleitet von Enimes Erkenntnis: "Weil Vergebung das Einzige ist, was gegen unsere Einsamkeit hilft. Weil anderen zu vergeben der einzige Weg ist, dass auch dir vergeben wird. Dass du dir selbst vergeben kannst." Und so steht am Ende auch die Hoffnung, dass es einen Weg aus der Sprachlosigkeit geben wird, die wie ein düsterer Schatten für Jahrzehnte über der Familie gelegen hat. Nur ist es am Ende zu spät. Fatma Aydemir gibt mit viel psychologischem Feingefühl jeder Figur dieses Familiendramas ihren eigenen Raum und eine eigene Sprache und versteht es in hervorragender Weise, uns Lesenden die Allwissenden-Rolle anzubieten, erfahren wir doch stets mehr über die einzelnen Familienmitglieder als jede/r der Protagonist:innen über die jeweils anderen weiß. Und so haben wir Seite für Seite düstere Vorahnungen, wohin sich die Geschichte entwickeln wird. Und natürlich fordert uns "Dschinns" (die Geister, die uns immer begleiten) auch heraus, darüber nachzudenken, wie wir seinerzeit mit den Menschen umgegangen sind und auch heute noch umgehen, die wir zum Arbeiten in unser Land geholt haben. Vielleicht waren ja Aufnahmebereitschaft, Respekt und Toleranz noch nie so richtig unsere Stärken!

Bewertung vom 24.01.2022
Haig, Matt

Der fürsorgliche Mr Cave


ausgezeichnet

Wahnsinn!
Matt Haig kennt sich aus mit der Psyche der Menschen! Und dies auch, wenn es um die tiefen, dunklen Winkel der Seele geht. Selten hat mir jemand mit einem Roman - der Geschichte des fürsorglich-besorgten Vaters Terence Cave, der nach einigen familiären Schicksalsschlägen seine 15-jährige Tochter Bryony vor den Gefahren der Welt bewahren will - ein Phänomen wie die 'wahnhafte Besessenheit' derart nahe gebracht, derart einfühlbar beschrieben. Die Geschichte ist eine Tragödie (in dem Bemühen um das Gute und Richtige das genaue Gegenteil bewirken) rund um die Themen Verlust, Schuld und Angst. Jeder Verlust ist auch eine Form der Gewalt, die einem das Leben antut; nur leider kann man es dem Leben nie zurückzahlen, was es einem angetan hat, man kann sich nicht am Leben rächen! Und so ist man - sofern die Bearbeitung des Verlustes nicht gelungen ist - in einer Ambivalenz zwischen Depression und Aggression gefangen. Und bei dem fürsorglichen Mr. Cave neigt es sich zur Aggression hin. In einem unvergleichlich subtilen Spannungsbogen erzählt Matt Haig von der schuldgetriebenen Fürsorglichkeit des Vaters Terence Cave, der versucht, alles beim Alten zu belassen, das Vergangene zu reparieren - dafür steht als deutliches Symbol der Job eines Antquitätenhändlers. Tochter Bryony aber ist dabei, zunehmend ihr eigenes Leben zu entdecken, wozu auch das Interesse für das andere Geschlecht zählt. Je mehr Terence versucht, seine Tochter zu beschützen, zu kontrollieren, desto mehr entzieht sie sich ihm. Terence ist irgendwann nicht mehr er selbst - es kommt zu zwischenzeitlichen Depersonalisationserlebnissen. Die unverarbeiteten traumatischen Verluste (Suizid der Mutter, Tod der Ehefrau bei einem Einbruch, tödlicher Unfall seines Sohnes, des Zwillingsbruders von Bryony) sind die Basis für eine zunehmende Angst und Panik, ausgelöst durch den gefühlten Verlust an Kontrolle über seine Tochter; und schlägt schließlich um in eine der Angstabwehr dienende Gewalt. "Das ist unsere Tragödie, stimmts? Wir alle wollen die Welt nach unseren Vorstellungen formen. Wir wollen, dass alles so gesehen wird, wie wir es sehen. Wir wünschen uns die Kontrolle darüber, was oder wer geliebt wird, und haben doch nicht einmal die Kontrolle über unseren eigenen Verstand." Die Geschichte hat die Form eines Berichts, in dem Terence Cave seiner Tochter Bryony seine Sicht der Ereignisse erzählt, versucht, sein Handeln verstehbar zu machen - bis zum bitteren Ende. Fantastischer Roman. Wahnsinn! Nur: Wer auch immer das Buchcover gestaltet haben mag, hat den Roman entweder nicht gelesen, oder nicht verstanden, so lieblich wie es gestaltet ist - in der Geschichte geht es nämlich um weit mehr als um einen 'goldenen Käfig' der zu einem Gefängnis wird.

Bewertung vom 21.01.2022
Calligarich, Gianfranco

Der letzte Sommer in der Stadt


sehr gut

Vergangenes Lebensgefühl...
Es ist gut, dass Gianfranco Calligarich's Roman "Der letzte Sommer in der Stadt" aus dem Jahr 1973 noch einmal neu aufgelegt worden ist, beschreibt er doch ein Lebensgefühl, welches in unserer strebsamen Welt der Arbeit nahezu völlig in Vergessenheit geraten ist. Das Ende vorwegnehmend: "Ich denke, alles strebt zum Meer. Zum Meer, das alles aufnimmt, all die Dinge, die nie geboren werden konnten, und die für immer gestorbenen. Ich denke an den Tag, an dem sich der Himmel auftun wird und sie, zum ersten Mal oder erneut, ihre Daseinsberechtigung erlangen." Leben mit Ambivalenzen: Ganz das Leben kosten, oder vergehen; das Nichtstun bei gleichzeitigem ständig Unterwegssein. Für ein Jahr in Rom, der Sommer, eine Liebe, die nicht funktionieren will, aber gleichzeitig ungeheuer präsent ist; der Tod eines Freundes; Rumhängen und Trinken bis zur Sucht; sich ständig auf den sonnigen Plazas und in Restaurants aufhaltend; täglich das volle Leben kostend, sich aber irgendwie auch im Kreise drehend; das Hier und Jetzt genießend, aber ohne eine richtige Zukunft auch verloren sein. Als Leser:in wird man in ein Stimmungsgemisch zwischen Sinnesfreuden, Melancholie und Verzweiflung hineingezogen: "Nie hatte ich so sehr gespürt, dass sie zu mir gehörte, wie in diesem Moment, als sie einem anderen gehörte. Dumm gelaufen. Ich wusste, was das hieß, nämlich dass sie nur zu mir gehören konnte, wenn sie einem anderen gehörte." Ein bisschen 'Taugenichts', ein wenig 'Die Gleichgültigen' von Alberto Moravia. Wer sich in die Geschichte hineinziehen lassen kann, wird ein wunderbares Leseerlebnis haben.

Bewertung vom 18.01.2022
Everett, Percival

Erschütterung


sehr gut

Sehr beeindruckend!
Dem mir bislang unbekannten Autor Percival Everett ist mit "Erschütterung" ein beeindruckender Roman gelungen! Eine Einladung, nochmal neu über das (eigene) Leben und den Tod nachzudenken. Weil es am Ende ebend immer um Leben und Tod geht - das eine bedingt schließlich das andere. Hätte man nicht vorher den Klappentext gelesen, wüsste man zunächst nicht, in welche Richtung einen die Geschichte führen möchte. Auch sind die einzelnen Unterkapitel merkwürdig überschrieben: Zunächst mit paläontologischen Fach-Exkursen, dann mit Bildbeschreibungen aus dem Louvre, mit Zügen aus einem Schachspiel, mit dem "Ich packe in meinen Koffer"- Spiel... (was der Struktur der Geschichte aber am Ende einen Sinn gibt und das Lesen überhaupt nicht beeinträchtigt)... Da ist der Paläontologe und Universitätsprofessor Zach Wells mit seiner Frau Meg und seiner Tochter Sarah, der sich um Außenweltliches nicht mehr so recht kümmert, sich in seinem Leben 'eingerichtet' hat. Da ist der Alltag, mit dem er sich abgefunden zu haben scheint - auch die Avancen einer seiner Studentinnen nimmt er eher nur nebenbei wahr - Zack Wells wird dann aber 'erschüttert' durch die Diagnose einer neurologischen Erkrankung seiner 12-jährigen Tochter, die über eine rasch fortschreitende demenzielle Symptomatik zum Tode führen wird; zudem suizidiert sich in seinem beruflichen Umfeld eine Kollegin; und dann entdeckt Wells in einem über Ebay erstandenen Hemd auf einem eingenähten Zettel einen Hilferuf - offensichtlich (wie sich an späterer Stelle herausstellt) von einer zur Zwangsarbeit entführten Mexikanerin. Und die Suche und Befreiung dieser Frau wird ihm zur Mission. Gegen den Verlust, den Tod seiner Tochter kann Wells nicht ankämpfen - durch die Rettungsaktion aber wieder Kontrolle über das entglittene Leben zurückgewinnen. Am Ende ist die Geschichte zugleich ein wenig absurd und auch traurige Wirklichkeit... wie gesagt, es geht immer um Leben und Tod! Sehr beeindruckend!

Bewertung vom 14.01.2022
Williams, Jen

Der Herzgräber


gut

Ein kleiner Pageturner!
Dass Jen Williams vor "Der Herzgräber" Romane geschrieben hat, die dem Genre Fantasy zuzuordnen sind, merkt man ihrem aktuellen Thriller an. Ein durchaus spannender, knapp vierhundert Seiten langer Pageturner, der sich recht gut liest. Auch die Story ist durchaus ansprechend: Die Mutter von Heather Evans stirbt durch Suizid; zwar hatte die Tochter ein nicht ganz so gutes Verhältnis zu ihrer Mutter, aber Beerdigung und Nachlass wollen gemanagt werden, weshalb Heather in ihren Heimatort zurückkehrt. Dabei stößt Heather auf einen Stapel alter Briefe, die ein sich noch in Sicherheitsverwahrung befindlicher Serienmörder ihrer Mutter geschrieben hat. Heather beschließt Nachforschungen anzustellen, was den Charakter dieser seltsamen Beziehung ihrer Mutter zu diesem Mörder betrifft, der seinerzeit als der 'Rote Wolf' durch die Presse gegangen ist. Und die Morde an Frauen haben auf genau diese Weise erneut begonnen, wie sie seinerzeit vom 'Roten Wolf' begangen worden sind. Auch will Heather mehr über sich selbst und ihre eigene Herkunft zu erfahren. Dabei stößt sie auf erschreckende Zusammenhänge und fühlt sich selbst auch bald verfolgt und bedroht. Nicht alles ist schlüssig und einigers wirkt arg konstruiert, was aber durch den bis zum Schluss spannenden Aufbau und die schrittweisen Enthüllungen voll ausgeglichen wird.