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Lunamonique
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Bremen

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Insgesamt 417 Bewertungen
Bewertung vom 27.11.2017
Hammer, Jutta

Schildkröten haben keinen Außenspiegel


sehr gut

„Schildkröten haben keinen Außenspiegel“ ist das Reiseabenteuer-Debüt von Autorin Jutta Hammer. Aus jeder Zeile dieses Buches lässt sich die Leidenschaft für Madagaskar herauslesen.

Für ihre Doktorarbeit über die Brutbiologie der madagassischen Strahlenschildkröte (Astrochelys radiata) reist Jutta Hammer nach Madagaskar und verbringt dort 36 Monate. Sie berichtet von ihren Erlebnissen und Erfahrungen als vazaha (Fremde) auf der viertgrößten Insel der Welt, die auch als achter Kontinent bezeichnet wird.

Das madagassische Reisen hat so manche Tücken und Herausforderungen parat. Die Erfahrung macht Jutta Hammer schon auf ihrer Hinreise nach Toliara. Pannen sind nichts Seltenes und zählen auf Madagaskar zu den Alltagsbildern. Das Inselmotto „Mora Mora“ („Immer mit der Ruhe!“ oder „Langsam, langsam!“) muss erst noch verinnerlicht werden. Village des Tortues, das Schildkrötendorf, ist eine Auffangstation für gewilderte madagassische Landschildkröten. Werden die Exoten als Schmuggelware im Reisekoffer entdeckt, kommen sie hier her. Der richtige Ort für eine Schildkrötenforscherin. Die Autorin gibt Einblicke in ihre Forschungsarbeit, erzählt von ihren Ausflügen über die Insel, lässt teilhaben an den kleinen und großen Problemen des Alltags und bringt einem die Vielfalt der Natur- und Tierwelt näher. Die vazaha steht oft im Mittelpunkt des Interesses. Warum geht sie zu Fuß, anstatt sich per Rikscha fahren zu lassen? In den Augen der Einheimischen verhält sich die Fremde seltsam. Kurze Kapitel ermöglichen einer guten Lesefluss. Auf der Karte am Anfang des Buches lassen sich die einzelnen Reisestationen nachvollziehen. Interessant sind die Begegnungen, das erste Aufeinandertreffen mit Guide Ratony, der die Forscherin für eine Touristin hält. Eine Anekdote reiht sich an die andere. Das Leben auf Madagaskar unterscheidet sich in vielen Dingen von unserem. Wie erlangt man auf dem achten Kontinent einen Motorradführerschein? Neugierde sollte auch in der Forschungsarbeit gut überlegt sein. Es braucht eine Portion Glück, um sich aus kritischen Situationen heraus zu manövrieren. Sagen und Legenden dürfen nicht fehlen. Jutta Hammer weiß, den Leser in ihre Abenteuer eintauchen zu lassen. Gerne hätten noch mehr besondere Augenblicke mit Tier und Mensch einfließen können. Der Umfang des Buches ist zu gering geraten. Ein tolles Plus sind die Farbfotos im Mittelteil. Den etwas abrupten Ausklang macht das Glossar wieder wett. Geballt Wissenswertes und die persönlichen Tipps bringen einem Madagaskar noch einmal sehr nahe.

Das Cover hat durch eine wichtige Hauptfigur und die wilde Natur Charme. Der Titel ist kreativ und humorvoll. Sehr gelungen! „Schildkröten haben keinen Außenspiegel“ spricht Reiselustige an, die naturverbunden sind und ein ungewöhnliches Reiseziel suchen. Es handelt sich um keinen Reiseführer. Damit beschränken sich die Infos auf die persönlichen Erfahrungen und das Glossar. Es beeindruckt, Jutta Hammer nachträglich auf ihrer Reise zu begleiten, wobei es sich wohl um Eindrücke aus mindestens zwei Reisen handelt. Für jedes verkaufte Buch spendet die Autorin einen Euro an ein Schildkrötenprojekt in Madagaskar.

Bewertung vom 21.11.2017
Bottini, Oliver

Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens


sehr gut

Bekannt wurde Autor Oliver Bottini mit seiner Kommissarin Louise Boni-Krimireihe. In „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“ muss Kripo-Kommissar Ioan Cozma einen brutalen Mörder finden.

Die 18jährige Lisa wird Opfer eines brutalen Verbrechens. Seltsamerweise sollen ausgerechnet Cozma und Cippo den Fall übernehmen. Die beiden stehen kurz vor der Pensionierung und sind eher für die weniger aufregenden Fälle zuständig. Hat da jemand seine Finger im Spiel?

Die Geschichte beginnt erschütternd mit den Geschehnissen im Jahr 2011. Die Trauer ist seitdem Ioan Cozmas ständiger Begleiter. Handlungswechsel, 2014, Rumänien, Temeswar, 15 gemeinsame Dienstjahre verbinden Cozma und Cippo. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Dass sie kurz vor der Pensionierung noch mit einem Mordfall konfrontiert werden, damit hat keiner von beiden gerechnet. Der Fall ist heikel und die Erschütterung im Ort greifbar. Cozma und Cippo sind mit ihren Stärken, Schwächen und besonderen Eigenarten ein interessantes Ermittlerteam. Haben auch sie etwas zu verbergen? Cozma muss sein Gespür für Gefühle und Zwischentöne beweisen. Wer verschweigt etwas? Autor Oliver Bottini setzt auf Emotionen. Es geht um Trauer, Verlust und darum wie Schicksalsschläge einen Menschen verändern. Für eine besondere Atmosphäre sorgt der Handlungsort Rumänien. „In diesem Land retten Lügen manchmal das Leben.“ Aktuelle Themen wie Landspekulationen und Korruption fließen mit ein. Für Humor sorgt ein Cippo-Notfall. Dialoge zwischen Cozma und Cippo bringen zum Schmunzeln und lockern die Geschichte auf. Im Umgang miteinander haben sie spezielle Eigenarten entwickelt. Ihre enge Freundschaft wird dadurch noch mehr betont.

Wer ist der Mörder, wer agiert im Hintergrund? Der Druck auf die Ermittler steigt. Die Gefahr nimmt zu. Zum Schluss dreht die Geschichte voll auf. Die Ereignisse überschlagen sich. Fesselnde Spannung pur. Einiges ist so nicht vorhersehbar. Es kommt zu erschütternden Szenen. Alles läuft wie ein Film vor Augen ab. Wer überlebt? Die Frage beschäftigt und lässt einen nicht ruhen, bis man es weiß.

Der Titel klingt kitschig und ist zu lang geraten. Zwar passt der dunkle Wald zum Krimi, aber auch hier wäre mehr Kreativität wünschenswert gewesen. „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“ hat im letzten Buchdrittel effektvolle Szenen parat. Insgesamt ein emotionaler Krimi, der nicht so schnell aus dem Gedächtnis verschwindet.

Bewertung vom 18.11.2017
Rother, Stephan M.

Ein Reif von Eisen / Die Königs-Chroniken Bd.1


ausgezeichnet

„Die Königs-Chroniken – Ein Reif von Eisen“ bildet den Auftakt zur Königs-Chroniken-Reihe von Autor Stephan M. Rother. Wird es Mowa gelingen die Völker zu einen?

Der Krieg ist noch nicht zu Ende. Es gilt noch einen Stamm zu besiegen. Stammesfürst Mowa muss seine Schwäche verheimlichen, seine Aufgabe erfüllen und eine Entscheidung über seine Nachfolge treffen. Jeder seine Söhne verfügt über besondere Eigenschaften, die eines Königs würdig sind. Aber keiner von ihnen weiß, alles zu vereinen.

„Einer von ihnen würde sterben.“ Der erste Satz zieht sofort in den Bann. Was folgt ist überraschend. Die Geschichte teilt sich in mehrere Handlungsstränge auf. Wie werden sich Mowas, Sölvas, Pols und Leykens Schicksale miteinander verbinden? Jedes einzelne Abenteuer sorgt für Spannung. Hunger, Kälte, unberechenbare Gegner, unterschiedliche Gefahren lauern auf die vier Hauptfiguren. Nichts ist vorhersehbar. Der Erzählstil reißt mit und passt hervorragend zum Fantasy-Abenteuer. Der Herr der Ringe lässt grüßen. „Den Kriegsgegner richtig einzuschätzen kann wichtiger sein, als die erste Schlacht zu gewinnen.“ List, Raffinesse, Taktik, Kombinationsgabe, das Mitfiebern mit Mowa und Co fällt leicht. Es geht nicht nur ums eigene Überleben. Eine rätselhafte Fremde spielt eine wichtige Rolle. Jeder Charakter hat Persönlichkeit und bringt die Geschichte voran. Nicht nur die Fremde, auch jede der Hauptfiguren ist auf ihre ganz eigene Weise sympathisch. Manchmal fällt es nicht so leicht, sich in einem länger zurückliegenden Abenteuer wieder gleich zurechtzufinden. Auch wenn es ein paar Zeilen dauert, den Überblick gewinnt man schnell zurück. Mit den Ereignissen steigt die Spannung. Wird Mowa seine wertvolle Zeit richtig einsetzen? Ist Pols Schicksal besiegelt? Gibt es Rettung für Leyken und ihre Freunde? Was wird aus Sölva? Je weiter die Geschichte voranschreitet desto mehr fesselt sie. Bald lassen sich auch die Parallelen zu unserer Welt erkennen. Es geht um Demut gegenüber der Natur, ums störanfällige Gleichgewicht, darum, dass alles zusammenhängt. „Dürre und Fluten, Stürme und Hungersnot brechen über die Lande herein. Die Macht des Reiches wankt, und fern in der Steppe hebt der Khan sein blutiges Banner. Carcosa in Gefahr? Die gesamte Menschheit ist in Gefahr! Die Götter sind voller Zorn über unsere Verfehlungen.“ Nicht jeder Plan der Gegner ist offensichtlich. Das Rätselhafte zieht in den Bann. Träume, Visionen, Magie, undurchsichtige Gefahren. Bis zum Schluss eine packende Geschichte mit einem Cliffhanger, der das Erscheinen des nächsten Bandes mit Ungeduld erwarten lässt.

Das Cover mit den auffälligen Details und anziehendem Titel stimmt auf ein spannendes Fantasy-Abenteuer ein. „Die Königschroniken – Ein Reif von Eisen“ übertrifft die Erwartungen. Es fällt schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen. Die Welt von Morwa, Sölva, Pol und Leyken nimmt den Leser gefangen. Ein Pageturner, der in der obersten Fantasy-Liga spielt. Sehr empfehlenswert!

Bewertung vom 14.11.2017
Höhtker, Christoph

Das Jahr der Frauen


weniger gut

Von Autor Christoph Höhtker stammen „Die schreckliche Wirklichkeit des Lebens an meiner Seite“ und „Alles sehen“. In „Das Jahr der Frauen“ hat Frank Stremmer ein neues Ziel vor Augen.

Frank schlägt seinem Psychotherapeuten Dr. Niederegger eine skurrile Wette vor. Wird er es schaffen, ein Jahr lang jeden Monat eine Frau ins Bett zu kriegen? An gewisse Regeln will er sich halten. Das Unterfangen erweist sich nicht immer als leicht. Wenn Frank gewinnt, ist der Preis hoch.

Die Geschichte beginnt mit einem Therapeutengespräch und der Wette. Frank hat mit einer Trennung zu kämpfen. Ist Mari der Grund für die Wette und alles was folgt? Das Lesevergnügen wird durch eine kleine Schrift und lange Passagen eingeschränkt. Es fehlt eine Leerzeile zwischen den Absätzen, die alles übersichtlicher gestaltet hätte. So entsteht der Eindruck, im Endlostext gefangen zu sein. Gut, dass die Kapitel relativ kurz sind. Ermüdungserscheinungen machen sich nicht nur wegen der Gestaltung breit. Die Frauengeschichten wiederholen sich in abgewandelter Form. Wo ist der Kern der Geschichte? Wo bleibt der Sinn? Geht es nur darum, Frank in seinen Phasen zu erleben, wie er Frauen aufreißt, sich den Job so angenehm wie möglich gestaltet? Die Hauptfigur ist alles andere als sympathisch. Der Umgang mit Frauen, die Sehnsucht nach dem Tod. Es kommt wenig Verständnis für ihn auf. Ausgedachte Lebensläufe für Menschen, denen er begegnet und das nie enden wollende Zwiebelkurzgeschichten-Problem lassen ihn nicht interessanter erscheinen. Die Unterhaltungsmittel nutzen sich schnell ab. Was bleibt ist ein verstörender Mensch, der sein Glück nicht findet, Frauen wie Wegwerfware benutzt und sich ständig selbst im Wege steht. Eine große Portion Humor hätte der Geschichte gut getan. Ein paar Pannen und schräge Momente. Einziges Highlight ist Freizeitmann, der immer wieder am selben Ort auftaucht. Die Nebenfigur hätte mehr Gewicht verdient gehabt. Schade, so können nicht einmal Handlungsorte wie Genf und Mallorca helfen, den Unterhaltungswert zu steigern. Steuert Frank auf den Abgrund zu oder kriegt er die Kurve? Die Frage, wie die ganze Sache ausgeht, beschäftigt. Er hat auch gute Momente. Warum spielt seine Arbeit eine so große Rolle? Wird Frank Mari wiedersehen? Das Ende ist völlig anders als erwartet. Zum Schluss kommt Spannung auf. So richtig anpassen an den Rest der Geschichte will sich das Ganze nicht. Die Überraschung ist aber gelungen. Ein gutes Stilmittel ist der Anhang.

Der Titel lässt Anderes erwarten als den Inhalt. Es ist nicht das Jahr der Frauen, sondern Franks Jahr. Das Cover ist wenig auffällig. Eine größere zersprengte Wassermelone, eine andere Hintergrundfarbe und ein kreativ platzierter Titel, schon wäre das Buch ins Auge gefallen. „Das Jahr der Frauen“ enttäuscht. Es fällt schwer, bis zum Ende durchzuhalten. Zu langatmig und blass, Frank reißt einfach nicht mit. Auch die Frauen sind austauschbar.

Bewertung vom 06.11.2017
Lippe, Jürgen von der

Wie soll ich sagen ...


ausgezeichnet

Fernsehmoderator, Entertainer, Schauspieler, Musiker und Komiker Jürgen von der Lippe beschäftigt sich in seinem neuen Solo-Programm „Wie soll ich sagen?“ u.a. mit dem Thema „Sprache“.

„Was beeinflusst unsere Sprache?“ Jürgen von der Lippe hat da seine ganz eigenen Theorien. Der Beruf spielt eine Rolle, die Erwartungshaltung. Prominente werden kräftig durch den Kakao gezogen. Witze und Lieder dürfen nicht fehlen. Das Publikum wird ein ums andere Mal zum Mitmachen animiert. Jürgen von der Lippe beweist sein Talent als Stimmen-Imitator und plaudert über Selbsterlebtes.

Actionmusik und ein Tarzanschrei, die skurrile Kombination als Einstieg ins Bühnenprogramm ist gelungen. Wer kann den Tarzanschrei? Für erste Lacher ist gesorgt. Jürgen von der Lippe gibt eine Anekdote zum Helden aus seiner Kindheit preis. Die Überleitung Karneval zur Trump-Perücke klappt nahtlos. Mit dem Fallschirm-Witz hebt sich nochmals die Stimmung. Martin Schulz kriegt sein Fett weg. Hätte er doch bloß Jürgen von der Lippe für den Werbeslogan engagiert. Nun ist es zu spät. Ein Brüller sind die umgewandelten Chuck-Norris-Sprüche. Das neue Solo-Programm hat es in sich, nimmt sich aktuellen Themen an und bietet viel Abwechslung. Vom ersten Moment an wird das Publikum mitgerissen. Nicht alles lässt sich über das Hörbuch transportieren. So manche Szene, in denen Interaktion, Mimik und Gestik eine Rolle spielen, lässt sich vor Ort einfach besser miterleben. Die tolle Stimmung ist greifbar und Mitlachen funktioniert ganz von alleine. „Wenn der Augapfel mehr wiegt als der Arsch hört’s bei mir auf.“ Wer kann damit gemeint sein? Vom Model bis zum Boxer, Jürgen von der Lippe macht aus allem eine Lachnummer und lässt Bilder im Kopf entstehen. Unschlagbar sind auch seine Stimmen-Imitationen. Udo Lindenberg, Peter Maffay und Herbert Grönemeyer haben es ihm besonders angetan. In einem Lied kommen alle Drei zusammen vor. Alltägliches kommt auf den Tisch. Jürgen von der Lippe sammelt nicht nur Witze sondern auch die besonders ulkigen Augenblicke des Lebens. Der Comedy-Kobold auf seiner Schulter vermasselt ihm Zuhause die ein oder andere Tour. „Alle Frauen wollen einen Mann mit Humor. Wenn sie einen haben…“ Gelacht wird von Anfang bis Ende über Motiv-Reizwäsche für Männer, Zungenbrecher, Piloten, die zu viel sabbeln und vieles mehr. Das Hörbuch übt einen unwiderstehlichen Reiz aus, Tickets für die nächste Jürgen von der Lippe-Show zu kaufen.

Der schmunzelnde Jürgen von der Lippe auf dem Cover wirkt ungewohnt zurückhaltend. Gut gewählt ist der rote Hintergrund, der die weiße Schrift hervorhebt. Auch wenn der Name „Jürgen von der Lippe“ für sich selbst spricht, mehr kreative Leidenschaft hätte das Cover verdient gehabt. Wer humorige Unterhaltung liebt, kommt an „Wie soll ich sagen..?“ nicht vorbei. Super gegen jegliches Stimmungstief.

Bewertung vom 31.10.2017
Seifert, Torsten

Wer ist B. Traven?


ausgezeichnet

„Rodeo für Anfänger“ ist Torsten Seiferts Debütroman. Aus „Der Schatten des Unsichtbaren“ wurde „Wer ist B. Traven?“ Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym B. Traven?

Polizeireporter Leon Borenstein erhält den Auftrag herauszufinden, wer B. Traven in Wirklichkeit ist. Die Gerüchteküche brodelt seit Jahren. Spekulationen nehmen kuriose Formen an. Das Magazin Life hat ein Kopfgeld auf B. Traven ausgesetzt. Leon muss sich beeilen, um die Story an Land zu ziehen.

Der direkte Einstieg mit einem Mordopfer und einer Portion Sarkasmus ist gelungen. Die Suche nach dem Mörder gerät mit Leons neuem Auftrag zur Nebensache. Die Frage zu Motiv und Täter bleibt. Hängt das eine mit dem anderen zusammen? Gleich zwei Rätsel, die mitreißen. Leon macht sich auf die Jagd nach einem Phantom. An der Enttarnung von Schriftsteller B. Traven haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen. „Es scheint ein Fluch über Traven zu liegen. Oder um es genau zu sagen: über allen, die nach ihm suchen. In den letzten Jahren habe ich bereits drei meiner Leute auf dieses Thema angesetzt. Einer von ihnen ist bei einem Verkehrsunfall umgekommen, ein weiterer sitzt heute in einer Nervenheilanstalt und der Dritte ist nach Alaska ausgewandert.“ Keine guten Aussichten für Leon. Seine Suche führt ihn in verschiedene Länder. Kurze Kapitel ermöglichen einen guten Lesefluss. Die Geschichte spielt 1947. An jedem Handlungsort baut sich eine ganz eigene Atmosphäre auf. Leons Nachforschungen bei Filmdreharbeiten in Mexiko zu „Der Schatz der Sierra Madre“ sind ein besonderes Highlight. Er lernt Humphrey Bogart, John Huston und Co kennen. Die Szenen wirken realitätsnah und lebensecht.

Nichts läuft wie geplant. Leon muss sich einigen Herausforderungen stellen. Interessante Nebenfiguren wie Harry, María und Frank sorgen zusätzlich für einen hohen Unterhaltungswert. Das Traven-Geheimnis und eine auftauchende Gefahr halten die Spannung auf einem guten Niveau. Es bleibt undurchsichtig. Überraschende Wendungen sind effektvoll eingesetzt. Die hochgeschnellten Erwartungen kann die Auflösung nicht erfüllen. Ein Geständnis wirkt zu konstruiert. Zum Ende steigt noch einmal die Spannung. Der Ausklang ist sehr gelungen und rundet die Geschichte ab.

Das Cover mit den zurückhaltenden Farben und einer Alltagsszene passt gut zur damaligen Zeit, in der die Geschichte spielt. Neugierig macht der Titel. „Wer ist B. Traven?“ beruht auf einem wahren Rätsel, das Menschen zu zahlreichen Hypothesen angeregt hat. „Dieser Roman ist eine Verneigung vor B. Traven und seinem Werk.“ Die Leidenschaft des Autors für die Geschichte ist zu spüren. Das Buch und viele Charaktere bleiben im Gedächtnis.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 26.10.2017
Nesser, Hakan

Der Fall Kallmann


gut

„Der Fall Kallmann“ ist das neueste Werk des schwedischen Autors Håkan Nesser. Der Tod eines Lehrers hinterlässt Fragen.

Gesamtschullehrer Eugen Kallmann stirbt unter eigenartigen Umständen. War es wirklich ein Unfall? Kallmanns Nachfolger Leon Berger stößt auf Notizen, die alles noch rätselhafter erscheinen lassen. Er beginnt, eigene Nachforschungen anzustellen.

Leon Bergers Frau Helena ist bei einem Schiffsunglück vor Ostafrika ums Leben gekommen. Tochter Judith blieb verschollen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Todesfall Kallmann und Judiths Schicksal? Nicht die einzige Frage, die aufkommt. Eugen Kallmann hatte eine besondere Gabe. Hat sie ihm am Ende das Leben gekostet? Die Geschichte wird in unterschiedlichen Perspektiven aus der Sicht von Leon, Andrea, Ludmilla, Igor, Ulrika und Charlie erzählt. Dadurch verlangsamt sich das Tempo über die gesamte Buchlänge. Das rätselhafte, Undurchsichtige um Kallmann bildet den roten Faden. Der Schwedischlehrer war ein Eigenbrötler, aber er hat Andeutungen gemacht, die alles in einem besonderen Licht erscheinen lassen. Verstreute Puzzlestücke setzen sich nur im Zeitlupentempo zusammen. Es gibt gleich mehrere Personen, die Kallmanns Tod nicht loslässt. Er war bei Schülern und Lehrern beliebt. Die erwartete Spannung kommt nicht auf. Es gibt keine actionreichen Szenen. Der Autor setzt auf Charaktere und Rätsel. Das Thema „Rassismus“ nimmt bald Raum ein. Falsche Fährten führen in die Irre. Es bleibt nicht bei einem rätselhaften Mord. Charlie Mattis wird zur Schlüsselfigur. Weiß er mehr als alle anderen? Dichtung oder Wahrheit? Selbst kleinste Hinweise werden zu undurchsichtigen Schemen. Wer hat Geheimnisse? Die Geschichte umfasst eine längere Zeitspanne. Wer hat welche Schuld auf sich geladen? Endlich scheint die Auflösung nahe. Tatsächlich zieht sich alles bis zum Ende hin. Spannung auf den letzten Metern. Die Paukenschläge kommen fast auf nüchtern beiläufige Art und Weise. Der Effekt hat Intensität. Sehr gelungen!

Das Cover gibt das Düstere und Undurchsichtige wieder. Der Titel wurde gezielt unspektakulär platziert. Es entsteht der Eindruck, einen Thriller oder Krimi in den Händen zu halten. Dadurch schnellen die Erwartungen hoch. „Der Fall Kallmann“ erinnert an ein Bühnenstück und lebt von den Figuren. Es fällt schwer zu akzeptieren, dass packende Szenen ausbleiben. Überzeugend ist der Lesefluss. Raffinesse lässt sich im Nachhinein feststellen. Charlie, Andrea und Eugen erweisen sich als die eigentlichen Hauptfiguren, die am ehesten im Gedächtnis bleiben.

Bewertung vom 22.10.2017
Pfeiffer, Boris

Celfie und die Unvollkommenen


sehr gut

„Celfie und die Unvollkommenen“ ist das neueste Werk von Autor und Theaterregisseur Boris Pfeiffer. Nicht nur Celfie, auch ihre Heimat gerät in Gefahr.

Celfie Madison wurde von Glenn Despott in die Menschenwelt entführt. Alles ist ihr fremd. Sie sucht Hilfe und will unbedingt zurück nach Farbek. Celfie ahnt nicht, dass ihr Glenn längst dicht auf den Fersen ist. Gibt es einen Ausweg?

Der Einstieg mit Celfies Flucht aus dem Moonson Tower ist gelungen. Es kommt Spannung auf. Was ist passiert? Die Puzzleteile setzen sich langsam zusammen. Originell ist die Idee der lebendigen Bilder und Celfies bunter Heimat Farbek. Was plant Glenn Despott? Celfie hat es mit einem hinterhältigen Gegner zu tun, der sein wahnsinniges Ziel unbeirrt verfolgt. Die Namen sind häufig so gewählt, dass sie etwas über die Charaktere verraten. Nicht ganz lebensnah und zu hölzern wirken anfangs die Dialoge. Das gibt sich im Laufe der Geschichte. Mit Celfies besonderem Fluchtweg steigen Spannung und Atmosphäre. Ein besonderes Talent verleiht ihr zusätzlich Persönlichkeit. Die Hauptfigur kommt sympathisch rüber. Zu viel Raum nimmt das Thema „Angst“ ein. Die Menschenwelt wird sehr trist dargestellt. Machtgier, Unterdrückung, Armut, das überwiegend Negative wiegt schwer. Der Kontrast zur unbekümmerten Farbek-Welt ist groß. Ist die Erde in einer Phantasiezeit gemeint? Das Übertriebene hätte es nicht gebraucht. Graffitis sind aus unserer Zeit, und es fällt leicht, sich in die Geschichte hineinzuversetzen. Celfie muss ihr Abenteuer nicht alleine bestehen. Ihre Mitstreiter sind besonders und erhöhen den Unterhaltungswert. Der Kampf Gut gegen Böse wird auf originelle Weise dargestellt. Ist Glenn Despott allen einen Schritt voraus? Im letzten Buchdrittel nehmen die Emotionen zu. Bei einem Handlungsort werden die hochgeschnellten Erwartungen etwas enttäuscht. Sehr schräg ist die Auflösung um Glenns Plan. Parallelen zur Realität sind aber auch auf den letzten Meter zu erkennen. Einheitsbrei gegen Vielfalt, Manipulation gegen Kampfgeist um die Freiheit. Wer gewinnt am Ende? Selbst der Showdown hat Ungewöhnliches parat.

Die Zeichnung von Celfie wirkt zu trist und traurig und passt so gar nicht zur schillernden Hauptfigur. Fluschfummel auf der Buchrückseite ist viel besser gelungen. Der kreative Titel zieht die Aufmerksamkeit aufs Buch. „Celfie und die Unvollkommenen“ ist für Kinder ab 11 Jahren gedacht und eine Ode an die Phantasie. Nicht ganz ausgeschöpft wurde das Potential der originellen Ideen. Mehr Tempo, Spannung und Abenteuer wären möglich gewesen. Aber auch so ist „Celfie und die Unvollkommenen“ ein mitreißender Lesespaß für alle, die phantasiereiche Geschichten lieben.

Bewertung vom 06.10.2017
Salzmann, Sasha Marianna

Außer sich


weniger gut

Für ihr Romandebüt „Außer sich“ erhielt Autorin Sasha Marianna Salzmann 2017 den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung.

Die Zwillinge Alissa und Anton wachsen in einer Zweizimmerwohnung in Moskau und in einem westdeutschen Asylheim auf. Ein paar Jahre später, Alissa hat es wegen ihres Mathematikstudiums nach Berlin verschlagen, verschwindet Anton spurlos. Mit dem einzigen Hinweis, einer Postkarte aus Istanbul, macht sich Alissa auf die Suche nach ihrem Bruder.

Die Personenauflistung am Anfang des Buches erweist sich bald als hilfreich. Nicht immer sind die verwandtschaftlichen Verhältnisse leicht zu überblicken. Im Laufe der Geschichte wird von einigen Schicksalen erzählt. Nach einer schrecklichen Ehe heiratet Alissas Mutter Valja Kostja. Auch Kostja offenbart seine dunkle Seite. Die Themen des Romans sind Gewalttätigkeit, Misshandlung, Missbrauch und Mobbing. Ali und Anton leiden unter den Ausrastern ihres Vaters. Mit 16 Jahren läuft Ali von Zuhause weg. Bricht Anton später mit der Familie, um endlich einen Schlussstrich unter die unglücklichen und bitteren Jahre zu ziehen? Sein Aufbruch scheint geplant. Alissa liebt ihren Bruder und versucht ihn wieder aufzuspüren. Was ist aus ihm geworden? Lebt er noch? Spekulationen werden angeheizt. In Rückblicken wird auch von den Großeltern der Zwillinge Etja und Schura erzählt. Ihre große Liebe, ihr schicksalhaftes Leben sorgt für Atmosphäre. Eine richtige Nähe baut sich zu keinem der Charaktere auf. Der Leser wird zum stillen Beobachter. Es geht um Träume, Wünsche, Sehnsüchte, die viel zu oft zerstört werden. Ungewöhnlich sind Erzählstil und Beschreibungen. Emotionen werden in düsteren Szenen verarbeitet. Die Diskriminierung von Juden, Hass, Ungerechtigkeit, der Schrecken des Krieges, dank der Rückblicke und Alis Heute keine leicht verdauliche Lesekost. Zentrale Bedeutung hat die Suche nach dem Sinne des Lebens. „Warum kann das nicht passieren? Das Zeichen einem sagen: dahin sollst du, hier einsteigen, hier aussteigen, bei diesem Menschen bleiben und von hier unbedingt weg. Dass es irgendein Zeichen dafür gibt, dass wenigstens irgendetwas stimmt. Wozu hat man das Scheißschicksal erfunden?“ Enttäuschungen pflastern nicht nur Alis Weg. Gibt es nur Unglück? Wird sich alles zum Positiven wenden? Der Glaube daran fällt schwer. Im letzten Buchdrittel nimmt die Intensität der Geschichte zu. Überraschend dramatische Szenen sorgen für Spannung. Das Ende kommt zu schnell und ist leider nicht zufriedenstellend.

Durch den roten, gespiegelten Farbklecks, die Vögel und den riesigen Titel wirkt das Cover kreativ. Auch durch die Farbkombination fällt das Cover ins Auge. „Außer sich“ ist schwer in Worte zu fassen. Der Roman hat etwas Unnahbares, trotz der geballten Emotionen. Eine Aussichtslosigkeit schwingt auf vielen Seiten mit. Düster, traurig, kein Buch für jemanden, der mit sich selbst hadert oder eine schwere Zeit durchlebt.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 03.10.2017
Nagele, Andrea

111 Orte in Klagenfurt und am Wörthersee, die man gesehen haben muss


sehr gut

Autorin Andrea Nagele hat sich auf Krimis spezialisiert. Zu Ihren Werken zählen u.a. „Kärntner Wiegenlied“, „Grado im Dunkeln“, „Tod in den Karawanken“ und „Grado im Regen.“ Mit „111 Orte in Klagenfurt und am Wörthersee, die man gesehen haben muss“ wagt sie sich auf ein neues Terrain.

„Immer beinhaltet Geschriebenes auch den Blick des Betrachters. Ich bin stolz, über meine Heimat zu schreiben, wobei der Begriff Heimat immer zum Nachdenken einlädt. Lassen Sie sich mit mir auf mein Klagenfurt rund um den Wörthersee ein und verzeihen Sie mir, wenn manche Sehenswürdigkeit fehlt, die Sie in anderen Reiseführern finden. Dafür zeige ich Ihnen Orte, die nicht in der touristischen Auslage präsentiert werden und die Sie sonst nicht finden würden.“

Das Vorwort ist zwar insgesamt etwas kurz geraten, macht aber neugierig aufs Buch. Mit den aufgelisteten 111 Orten am Anfang des Buches fällt es leicht, ausgewählte Texte wiederzufinden. Auffällig und sehr übersichtlich ist die Gestaltung mit einer Seite Information zum Ort und einer Seite Foto. Fiel es schwer, die Texte auf die immer gleiche Länge zusammenzukürzen? Ging dabei etwas verloren? Der Eindruck entsteht nicht. Die geballte Information gibt einen guten Überblick, Geschichtliches nimmt viel Raum ein. Ein tolles Plus sind die Zusatz-Infos beim Foto zur Anreise und der Tipp als Ausklang. So lässt sich der Ort leicht bei einer eigenen Reise auffinden, und es gibt gleich einen Anreiz dazu, was sich noch zu besuchen lohnt. Interessant sind auch die Sagen und Legenden, die Geschichtliches auflockern. Die ersten ausgewählten Orte machen sofort Lust aufs Reisen. Nach ein paar Seiten nimmt die Begeisterung etwas ab, weil entweder die Orte nicht so recht mitreißen, der Text zu nüchtern wirkt oder beides. Einige Foto-Perspektiven sind von dem Fotografen-Ehepaar Marion und Martin Assam nicht so gut gewählt und lassen keine Atmosphäre aufkommen, die den Text hätte untermalen können. Gut gewählt ist z.B. das Foto zu „Der Lendkanal“ auf Seite 91. Es hinterlässt Eindruck, weil es die Romantik einfängt. Bei den Orten bleiben der Kulturpark des Dichters France Gorše, die märchenhaften Spintik-Teiche, die Buchhandlung Heyn mit zwei Katzen und der Katzenpost und das Komponierhäuschen von Gustav Mahler im Gedächtnis. Kunst und Kultur machen Klagenfurt reizvoll, Wörthersee und Umgebung imponieren mit der Natur. Die Freizeitmöglichkeiten erscheinen aufgrund des Buches endlos. Schlösser, Burgen, Kirchen, Naturdenkmäler, dank der unterschiedlichen Facetten könnte aus einem faszinierten Leser schnell ein Gast oder Besucher werden. Ob das Jagdschloss Mageregg mit Wildpark, Werzer‘s Badehaus, Veldener Seeschlössl, Tonhof, Napoleonlinde oder die Bucht von Reifnitz, es gibt kaum ein Ausflugsziel, das im letzten Drittel dieses etwas anderen Reiseführers keine Anziehungskraft besitzt. Auch der Ausklang mit Schloss Damtschach und der Pfarrkirche von Sternberg ist gelungen. Abgerundet wird das Werk mit Kartenmaterial. Jeder Ort lässt sich anhand seiner Nummer leicht aufspüren.

Das Cover baut auf Wiedererkennungswert und Seriencharakter. Jeder Band hat eine andere Farbe und ein typisches Symbol im Titel. Wer ein Werk der Sachbuchreihe gelesen hat, wird sich auch für andere 111 Orte-Reiseführer interessieren. Gerne hätte „111 Orte in Klagenfurt und am Wörthersee, die man gesehen haben muss“ noch mehr persönliche Note der Autorin haben können. Empfehlenswert ist es für alle, die Klagenfurt und den Wörthersee noch kennenlernen oder ihre altbewährten Reise-Perspektiven erweitern wollen.