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Lunamonique
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Bremen

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Insgesamt 417 Bewertungen
Bewertung vom 02.07.2018
Bijan, Donia

Als die Tage nach Zimt schmeckten


ausgezeichnet

„Als die Tage nach Zimt schmeckten“ ist der Debütroman von Köchin und Autorin Donia Bijan. Zod wünscht sich nichts sehnlicher als seine Tochter wiederzusehen.

Nach 30 Jahren kehrt Noor zurück nach Teheran. Der 75jährige Zod hat seine Enkelin Lily noch nie kennengelernt. Die 15jährige ist entsetzt über die Reise und macht es der Familie mit ihrer Teenager-Sturheit nicht gerade leicht. Für sie ist Teheran ein fremdes Land, viel zu weit entfernt von Zuhause.

Der Prolog mit dem ungeduldig auf einen Brief von seiner Tochter wartenden Zod ist ein gelungener Einstieg in die warmherzige Geschichte. Zwei Welten treffen aufeinander, Amerika und Teheran. Autorin Donia Bijan lässt die Atmosphäre in Zods Heimat anhand von Gerüchen und Speisen aufleben. Zods Sehnsucht nach seiner Familie und seine tiefe Liebe zu Teheran, seinem Café Leila und den Menschen, die dort ein- und ausgehen, wird greifbar. Zod ist die eigentliche Hauptfigur. Sein Leben und sein Schicksal berühren. Mit dem Rückblick 1961 in Paris kommen Wahrheiten und Geheimnisse zu Tage. Eine schockierende Wende macht betroffen. Ungerechtigkeiten, Schrecken und Grausamkeiten, die dunklen Seiten von Zods Heimat sind schwer zu begreifen. Wie im Leben und Land verändert sich auch die Geschichte. Nichts scheint mehr vorhersehbar. Jeder Charakter könnte im nächsten Moment am Abgrund taumeln. Trotzdem schwappt die Liebe zum ursprünglichen Iran auf den Leser über. Das Café Leila wird zum Synonym für Heimat, Familie, Zusammenhalt, Schutz und Sicherheit. Ist es möglich, die zwei Welten Amerika und Iran miteinander zu verbinden? Welche Heimat zählt am Ende? Interessant ist die Entwicklung des Charakters Lily und ihre immer deutlicher werdende Persönlichkeit. Auch Unikat Naneh Goli entpuppt sich als zentrale Figur. Herzerwärmend ist Karim mit seiner hilfreichen Art und besonderen Sehnsucht. Jeder braucht den anderen auf seine Weise. Sprachbarrieren werden überwunden, Zuneigungen entstehen. Mehr und mehr entwickelt der Roman eine unglaubliche Intensität. Mitfiebern fällt leicht. Ungeahnte Gefahren lauern. Die Spannung steigt. Alles kann passieren. Gefühle bestimmen Entscheidungen. Das letzte Buchdrittel wird zur Achterbahnfahrt. Ein kluger Plot mit Überraschungen und einem gelungenen Ende.

Das Cover beeindruckt mit einer besonderen Atmosphäre, die durch Szene und Farben ausgelöst wird. Der Titel klingt nur im ersten Moment kitschig und gibt einen Hinweis auf die Geschichte. „Als die Tage nach Zimt schmeckten“ ist ein beeindruckendes Debüt, das seine eigentliche Kraft mit dem Aufenthalt in Teheran nach und nach entfaltet. Unvorhersehbar, fesselnd, erschütternd. Ein sehr empfehlenswertes Buch.

Bewertung vom 27.06.2018
McDonagh, Martine

Familie und andere Trostpreise


gut

„Familie und andere Trostpreise“ ist der Debütroman von Autorin Martine McDonagh. Eine Reise in die Vergangenheit offenbart ungeahnte Wahrheiten.

„Außer der Tatsache, dass der Schlüssel zum Universum in meine Obhut überging, unterschied sich dieser Geburtstag nicht wirklich von einem normalen Geburtstag. Einundzwanzig ist ja einfach irgendeine Zahl, oder? Aber ziemlich bald lief der ganze Tag aus dem Ruder.“ Aufgrund der Ereignisse beschließt Sonny, nach England zu reisen und seine Mutter zu suchen.

Sonny hasst jede Veränderung, kann Knutsch-, Saug- und Essgeräusche nicht ausstehen und Briefumschläge machen ihm Angst. Sein Lieblingsfilm ist eine Zombiekomödie. Vertrauen hat er nur zu seinem Vormund Thomas. Die Reise aus seinem sicheren Universum wird für Sonny zur Herausforderung. Überall lauern Alltagsgeräusche, die ihn abstoßen und nicht immer ist eine Flucht möglich. Die Geschichte wird in der Ich-Perspektive aus Sicht der Hauptfigur erzählt. Die persönliche Ansprache an die Mutter berührt. Es ist zu spüren, dass sie ihm immer noch viel bedeutet, obwohl sie ihn schon vor Jahren verlassen hat. Jeder hat seine Geheimnisse. Auf seiner Reise begegnet Sonny den Menschen, die seinen Eltern nahestanden standen. Die Konfrontationen kosten Überwindung. Sonny ist nicht erpicht darauf, seiner Vergangenheit zu nahe zu kommen. Seine Gesprächspartner versuchen permanent, ohne es zu wissen, Grenzen zu überwinden. Die Gedankenkommentare der Hauptfigur setzen seine wahren Emotionen in Szene. Sonnys Eigenarten, seine Abscheu, unterschwellige Sehnsucht und Hoffnung tragen die Geschichte. Haben seine Eltern ihn völlig verkorkst? Im letzten Buchdrittel kommen Wahrheiten ans Licht, die schockieren. Das Leben seiner Familie ist schon früh aus dem Ruder gelaufen. Treibende Kraft war sein herrschsüchtiger, egoistischer und manipulativer Vater. Schwer nachzuvollziehen für Sonny, dass Menschen wie seine Mutter Sarah, Guru Bim vergöttert haben und ihm gefolgt sind. Das Skurrile und die Charaktere hätten der Geschichte einen besonderen Unterhaltungswert verleihen können. Tatsächlich schwingt eine ansteigende Schwere mit. Ein Junge wurde zum Spielball seiner Eltern. Liebe hat er nur außerhalb seiner Familie erfahren. Das Verhalten von Mutter Sarah und Vater Robin alias Guru Bim ihrem Sohn gegenüber ist verantwortungslos und unerträglich. Wird sich alles zum Guten wenden? Es geht um Narzissmus, Liebe, Schicksale, die miteinander verbunden sind, Schuld und Reue. Welche Konsequenzen wird Sonny aus seiner Reise ziehen? Was ist sein zukünftiger Weg? Es fällt einerseits schwer, zu der Hauptfigur Zugang zu entwickeln, andererseits kommt der Wunsch auf, dass Sonny an seinen Erfahrungen wächst und sein Lebensziel findet. Sonnys lehrreiche Erkenntnis am Ende ist das Highlight und rundet die Geschichte ab. Die letzten Zeilen fassen seine Emotionen und seine Einsicht perfekt zusammen.

Das Cover mit den unbeschwerten Kindheitsszenen schürt die Erwartungen auf eine unterhaltsame, humorvolle Geschichte. Kreativ ist die Gestaltung mit den Fotos. Der Titel deutet Schwierigkeiten in der Familie an, hat aber immer noch eine gewisse Leichtigkeit. „Familie und andere Trostpreise“ offenbart die dunklen Seiten der Charaktere und hat überraschende Wendungen parat, wirkt aber auch über lange Strecken etwas langatmig. Nicht der erhoffte Lesespaß, aber eindringlich und besonders. Am Interessantesten sind Sonny und Thomas. Der Roman hat auch eine Weisheit zum Thema „Leben“ parat.

Bewertung vom 22.06.2018
Bingham, Harry

Fiona: Den Toten verpflichtet / Fiona Griffiths Bd.1


sehr gut

„Fiona - Den Toten verpflichtet“ von Autor Harry Bingham bildet den Auftakt zur Krimireihe um die junge Polizistin Fiona Griffith aus Cardiff. Inzwischen sind Band 2 „Fiona – Das Leben und das Sterben“ und Band 3 „Fiona - Als ich tot war“ erschienen.

Gegen einen Ex-Polizist wird wegen Unterschlagung ermittelt. Millionär Brendan T. Rattigen ist nach einem Absturz mit einem Kleinflugzeug verschwunden. Der Mord an einer Prostituierten und ihrer sechsjährigen Tochter macht fassungslos. Fiona, eigentlich mit dem Papierkram im Betrugs-Fall beschäftigt, lässt der Doppelmord nicht mehr los. Warum mussten die beiden sterben?

Der Einstieg mit dem Bewerbungsgespräch gibt erste Hinweise auf Fionas Persönlichkeit. Sie ist eigensinnig und unberechenbar. Der Krimi wird in der Ich-Perspektive aus Sicht von Fiona erzählt. In Fahrt kommt die Geschichte mit dem Doppelmord. Rätselhafte Spuren und Fakten lassen Fragen aufkommen. Spekulationen werden in Gang gesetzt. Fiona will unbedingt an der „Operation Lohan“ beteiligt sein, ist ab eigentlich noch mit dem Betrugs-Papierkram beschäftigt. Sie hat alle Mühe, ihren Chef davon zu überzeugen, dass sie ein festes Ermittlungsteam-Mitglied werden sollte. Der Krimi wird durch die Hauptfigur getragen. Ihre Alleingänge steigern die Spannung. Ein Trauma aus der Vergangenheit hat Auswirkungen auf Fionas Handlungen. Was ist damals geschehen? Als Einzelkämpferin hat Fiona wenig Rückhalt. Die junge Ermittlerin sticht heraus, aber es gibt auch interessante Nebenfiguren wie Krav Maga-Lehrer Lev, Kollege David Brydon und DCI Dennis Jackson. Ist Fiona eine brillante Ermittlerin, Nervensäge oder beides? Die Dialoge zwischen Fiona und Jackson sorgen für Unterhaltung, weil klar ist, dass Fiona immer ihrer Intuition folgen und Regeln außer Kraft setzen wird. Langsam setzen sich die Puzzleteile zusammen. Einzig Fiona glaubt, dass diese Auflösung nicht alles sein kann. Die Erwartungen auf einen packenden Showdown steigen. Im letzten Buchdrittel nimmt das Tempo zu sehr ab und der Focus liegt auf Fionas Handicap. Die junge Polizistin geht zu hohe Risiken ein. Der Schluss mit den Szenen an einem besonderen Handlungsort ist gelungen. Ein Überraschungseffekt beim Ausklang macht neugierig auf die nächsten Bände.

Passend zum Inhalt steht auch die Hauptfigur auf dem Cover im Mittelpunkt. Farbzusammenspiel und Titel erregen Aufmerksamkeit. „Fiona – Den Toten verpflichtet“ punktet mit einer interessanten Hauptfigur. Ihr Geheimnis zieht sich durch die Krimireihe. Der Erzählstil ermöglicht viel Nähe zu Fiona. Von mutig bis makaber, die Ermittlerin ist für die ein oder andere Überraschung gut.

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Bewertung vom 17.06.2018
Ide, Joe

Stille Feinde / Isaiah Quintabe Bd.2


sehr gut

„Stille Feinde“ ist nach „IQ“ der zweite Band der Thriller-Reihe um Privatdetektiv Isaiah Quintabe von Autor Joe Ide. I.Q. hat gleich zwei kniffelige Fälle zu lösen.

Der Tod seines geliebten Bruders Marcus lässt Isaiah nicht mehr los. Es tauchen Spuren auf, die alles in einem anderen Licht erscheinen lassen. Marcus' damalige Freundin Sarita beauftragt Isaiah mit einem heiklen Fall. Ihre Halbschwester Janine und deren Freund Benny haben sich mit Spielschulden in eine gefährliche Lage manövriert.

Eine Entdeckung wühlt alte Wunden auf. Der Prolog stellt das Emotionale und Rätselhafte in den Vordergrund und zeigt Isaiahs Hartnäckigkeit. Er wird nicht eher ruhen, bis er den Tod seines Bruder aufgeklärt hat. Warum musste Marcus vor acht Jahren sterben? Die innige Beziehung der beiden Brüder berührt. Mit Saritas Auftrag steigt die Gefahr für Isaiah und seinen Freund Dodson. Auf Janine und Benny hat es nicht nur eine Gang abgesehen. Frauen im Thriller wie Sarita, Deronda und Cherise haben Persönlichkeit und Köpfchen. Sie sind alles Andere als blasse Nebenfiguren. IQ's Intelligenz, Kombinationsgabe, Mut und Entschlossenheit sind gefordert. Janine und Benny aus dem Schlamassel zu holen erweist sich als Höllenaufgabe. Streitigkeiten mit Dodson machen es nicht einfacher. IQ als einsamer Wolf, der sich langsam einer Einsicht nähert, überzeugt. Die Übermacht der Feinde, Kampfszenen und ausweglose Situationen, Pulp Fiction-Flair kommt mit der Unberechenbarkeit einiger Protagonisten auf. Das Rätsel um Marcus' Tod zieht sich wie ein roter Faden durch den Thriller. Lange bleibt das Motiv undurchsichtig. Explosive Stimmungen, hochkochende Gefühle, alles läuft mehr und mehr aus dem Ruder. Hass und Rache, auch Isaiahs gnadenlose Seite wird deutlich. Die Anzahl der Feinde steigt. Wer wird überleben, wer bleibt auf der Strecke? IQ ist immer wieder für Überraschungen gut. Das Himmelfahrtskommando steuert auf einen packenden Showdown zu. Gibt es einen Ausweg? Alles scheint verloren. Überraschende Wendungen zum Schluss, eine Portion Humor darf nicht fehlen. Im letzten Buchdrittel dreht die Geschichte noch einmal voll auf. Die Auflösung zum Tod des Bruders ist gut platziert. Auch ohne Cliffhanger weckt der Ausklang auf ganz eigene Art die Neugierde auf den nächsten Band.

Der Titel fasst den Inhalt treffend zusammen. Das Cover erregt mit seiner kreativen Gestaltung Aufmerksamkeit. „Stille Feinde“ erfüllt die Erwartungen. Ein filmreifer Thriller, der sich schnell zum Pageturner entwickelt. Etwas verwirrend sind manchmal die abrupten Handlungswechsel und der Einschub zum Prolog. Die Vielzahl an gelungenen, sehr unterschiedlichen Charakteren lässt die Story realitätsnah und lebendig wirken. Ein fesselnder Roadmovie.

Bewertung vom 11.06.2018
Rademacher, Cay

Dunkles Arles / Capitaine Roger Blanc ermittelt Bd.5


sehr gut

„Dunkles Arles“ ist nach „Mörderischer Mistral“, „Tödliche Camargue“, „Brennender Midi“ und „Gefährliche Côte Bleue“ Band 5 der Captaine Roger Blanc-Krimireihe von Autor Cay Rademacher. An einem historischen Ort überschlagen sich die Ereignisse.

Captaine Roger Blanc trifft sich heimlich mit Untersuchungsrichterin Aveline Vialaron-Allègre in Arles. Ihr Ehemann soll keinen Verdacht schöpfen. In die trügerische Sicherheit platzt ein Mord. Aveline ist Zeugin und schwebt in ständiger Gefahr, vom Täter aufgespürt zu werden.

Ein römisches Amphitheater als Kulisse. Der ungewöhnliche Ort sorgt für Atmosphäre. Zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt werden Roger und Aveline in einen undurchsichtigen Fall verwickelt. Die überraschenden Wendungen und ein anziehendes Tempo reißen mit. Welches Motiv hat der Täter? Ein übermächtiger Gegner, der immer einen Schritt voraus zu sein scheint. Für Roger und Aveline zieht sich die Schlinge immer mehr zu. Auch die Police National hat die beiden im Visier. Es bleibt ihnen nichts Anderes übrig als den Fall selbst zu lösen. Die Zeit drängt. Detaillierte Beschreibungen verstärken die Eindrücke von den wechselnden Handlungsorten. Arles erweist sich als perfekte Kulisse für einen rasanten Krimi. Die ständig lauernde Gefahr sorgt für anhaltende Spannung. Was verheimlicht Aveline? Die Untersuchungsrichterin bleibt undurchsichtig. Ihr Geheimnis entwickelt sich zum roten Faden der Geschichte. Hat Roger Blanc noch etwas unter Kontrolle oder ist er längst nur ein Spielball der Akteure und Ereignisse? Eine weitere rätselhafte Rolle spielt sein Kollege Marius. Hohe Erwartungen auf einen rasanten, spektakulären Showdown und eine überraschende Auflösung werden geschürt. Filmreife Verfolgungsjagden, ein bisschen erinnert der Krimi an „The Da Vinci Code – Sakrileg“ mit Tom Hanks. Ausgerechnet zum Ende nimmt der Plot an Raffinesse ab. Roger und Aveline haben in brenzligen Situationen zu oft zu viel Glück oder eine Situation löst sich zu harmlos auf. Es wird immer wieder unnötig der Dampf raus genommen. Das letzte Buchdrittel enttäuscht mit zu wenig Tempo, einem viel zu kurzen Showdown und eher langatmigen Erklärungen. Auf den letzten Buchseiten wird unnötig haufenweise Potential verschenkt. Das Mitfiebern mit Roger und Aveline gerät ins Stocken. Ein ausschlaggebendes Geheimnis wird nicht aufgelöst, und es gibt auch keinen Cliffhanger. Auch wenn sich erahnen lässt, dass es vielleicht im nächsten Band mehr Infos zu Aveline und weiterreichende Erklärungen gibt. Das reicht nicht aus, um zufriedenzustellen. Sehr schade! Der Provence-Krimi hat über lange Strecken überzeugt und mit Haupt- und Nebenfiguren gefesselt.

Der Titel hinterlässt Eindruck. Die Kulisse passt zum Inhalt und stimmt auf tolle Handlungsorte ein. Auch die Farben sind gut gewählt. „Dunkles Arles“ ist bis aufs Ende ein gelungener Provence-Krimi. Roger Blanc lässt sich ein bisschen zu oft ausbooten, kaltstellen oder manipulieren. Trotzdem bleibt er ein sympathischer Ermittler mit Persönlichkeit. Das Siezen zwischen Roger und Aveline wirkt störend. Auch wenn es darum geht, eine Fassade zu bewahren, zu oft ist das Siezen fehl am Platz und sorgt für eine anhaltende, kaum nachzuvollziehende Distanz. Das Positive wiegt das Negative größtenteils auf. „Dunkles Arles“ eignet sich gut als Urlaubslektüre.

Bewertung vom 31.05.2018
Rayburn, James

Fake


sehr gut

James Rayburn ist das Pseudonym des südafrikanischen Schriftstellers, Drehbuchautors, Regisseurs und Produzenten Roger Smith. In seinem neuesten Thriller „Fake“ läuft ein Täuschungsmanöver aus dem Ruder.

Die 33jährige Catherine Finch arbeitet als freiwillige Ärztin in Syrien. Sie gerät in die Fänge des IS und wird für Propaganda-Videos missbraucht, die sie aber für ihre Zwecke nutzen kann. Ein Drohnen-Angriff erfolgt ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als sie sich im Versteck des Chefpropagandisten des Kalifats Ahmed Assir aufhält. Der Tod von Catherine torpediert die Friedensverhandlungen.

Catherine Finchs Lage erscheint hoffnungslos, bis Ahmed Assir sie zu einem Gespräch einbestellt. Die Wendungen der Ereignisse sind effektvoll in Szene gesetzt. Der Thriller wird in verschiedenen Handlungssträngen erzählt. Zur Schlüsselfigur entwickelt sich der ehemalige CIA-Führungsoffizier Pete Town. Eigentlich schon im Ruhestand erhält Pete einen heiklen Auftrag. Der Tod von Catherine Finch, die zum Friedenssymbol geworden ist, droht alles zu verändern. Pete soll auf spezielle Weise Schadensbegrenzung betreiben. Wird es ihm gelingen, Zeit zu schinden? Kurze Kapitel sorgen für ein gutes Erzähltempo. Die Gefahr für Pete und alle anderen Beteiligten steigt. Erst langsam laufen die Fäden zusammen. Auf der Seite der Gegner agiert ein skrupelloser, kaltblütiger Killer. Mit seinem Auftauchen nehmen Gewalt und Brutalität zu. Unterschiedliche Interessen sorgen für Chaos. Manches wirkt einleuchtend, anderes überzeichnet. Die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt. Kaum einer ist frei von Schuld. Wer als Nebenfigur zwischen die Fronten gerät wird zum Spielball. Ein Großteil der Charaktere hat etwas Abgedroschenes, Austauschbares. Pete und ein Helfershelfer heben sich ab. Es fällt leicht mit ihnen mitzufiebern. Winkelzüge sind gut gedacht. Schicksale enttäuschen. Nicht jede Handlung, Unvorsichtigkeit ist nachzuvollziehen. Die Geschichte wirkt etwas zu heroisch und amerikanisch. Mit sich überschlagenden Ereignissen pendelt sich die Spannung auf einem hohen Niveau ein. Wer bleibt auf der Strecke, wer überlebt? Schockmomente wechseln sich ab. Einiges ist nicht vorhersehbar. Nicht jede 180 Grad-Wendung hätte sein müssen. Das letzte Buchdrittel steuert auf eine Art Showdown zu. Wer zieht an welchen Strippen? Erst zum Schluss wird die Wahrheit deutlich. Es bleibt Unerklärliches. Nicht alle Fragen werden beantwortet.

Der prägnant kurze Titel und eine düstere Szene ziehen die Aufmerksamkeit aufs Buch. Das Cover passt gut zum wendungsreichen Thriller. „Fake“ erfüllt die Erwartungen. Ein packend erzählter Thriller, der sich schnell zum Pageturner entwickelt. Nicht alle Entwicklungen stellen zufrieden. Zu viel Gewalt und Zerstörung, Abgeklärtheit und Kaltblütigkeit, zu viele Tote. Beängstigend ist die durchscheinende Realität.

Bewertung vom 20.05.2018
Sachau, Matthias

Alicia verschwindet


ausgezeichnet

„Alicia verschwindet“ ist das neueste Werk von Autor Matthias Sachau. Seit seinem Debütroman „Schief gewickelt: ein Paparoman“ von 2007 hat er fast ein Dutzend Romane veröffentlicht. Zuletzt „Mit Flipflops ins Glück“.

Robert Arlington-Stockwell macht sich Sorgen um seine beste Freundin Alicia. Sie ist seit fast einer Woche verschwunden und geht nicht ans Handy. Aus dem Zwei-Zeilen-Brief von ihr wird er nicht schlau. Um das Rätsel zu lösen, macht er sich auf die Suche nach weiteren Hinweisen.

Der Einstieg mit dem Gespräch im altehrwürdigen Londoner Gentleman´s Club lässt die passend gediegene englische Atmosphäre aufkommen. Robert kennt Dr. Heathcliff kaum, vertraut ihm aber die Geschichte um Alicias Verschwinden an. Was steckt dahinter? Von Anfang an wirkt die Hauptfigur sympathisch. Er erzählt auf detaillierte Weise von seiner abenteuerlichen Suche und zieht damit nicht nur den Psychiater Heathcliff in seinen Bann. Alicia gibt Robert ein Rätsel auf, das schwer zu knacken ist. Jedes Puzzlestück setzt neue Spekulationen in Gang. Nichts ist eindeutig. Die Palette der Möglichkeiten setzt Robert in Zugzwang. Was kann Alicia gemeint haben? Ein feines Gespür und Kombinationsgabe sind gefragt. Die Geschichte um Roberts Spontanreise, unter anderem in seine Vergangenheit, hat einen hohen Unterhaltungswert. Ist er auf der richtigen Spur oder verfranzt er sich mit jeder neuen Interpretation? Das Rätselspiel bringt Robert mehr Lebenserfahrung als die letzten Jahrzehnte. Als Upperclass-Söhnchen fehlte es ihm immer an Zielstrebigkeit. Davon ist plötzlich nichts mehr zu spüren. Auf einer seiner Reisestationen wird Robert mit dem Thema „Demenz“ konfrontiert. Warmherzige und berührende Szenen. Beide Handlungsstränge, das Männer-Gespräch und die Suche, sorgen für eine mitreißende Atmosphäre. Auch der Humor kommt nicht zu kurz. „Mein innerer Gentleman und mein innerer Angsthase duellierten sich über mehrere Runden. Zuvor hatten sie es noch nie miteinander zu tun gehabt.“ Roberts Verwandlung wird immer greifbarer. Was ist ihm wirklich wichtig? Perspektivwechsel, überraschende Wende und erneutes Rätsel. Ein charmanter, liebevoll konstruierter Plot, der zu Herzen geht. Von Anfang bis Ende stimmig, emotionsgeladen mit einer Prise Spannung. Ein Buch zum Dahinschmelzen.

Die Coverszene führt etwas in die Irre, lässt aber die richtigen Fragen aufkommen. Warum verschwindet Alicia? Was steckt hinter dem Rätsel? Der Titel in blutrot fällt ins Auge. „Alicia verschwindet“ ist eine filmreife Erzählung, die noch lange nach dem Zuklappen des Buches nachklingt. Auch die Charaktere bleiben im Gedächtnis. Ein sehr empfehlenswerter Roman, für alle, die die kleinen Geschichten des Lebens lieben, mit dem Gedanken spielen, aus dem Gewohnten auszubrechen oder einen Anstoß für eine mutige Entscheidung brauchen.

Bewertung vom 15.05.2018
Hartung, Alexander

Auf zerbrochenem Glas / Nik Pohl Bd.1


sehr gut

„Auf zerbrochenem Glas“ von Autor Alexander Hartung bildet den Auftakt zur Thriller-Serie um Kriminalkommissar Nik Pohl. Ein Vermisstenfall entpuppt sich als Spitze vom Eisberg.

Bei seinem Vorgesetztem und Partner hat Nik Pohl kein Stein im Brett. Er ist aufbrausend, unbeherrscht und bedient sich gerne unkonventioneller Mittel. Computer-Hacker Jon macht Niks Schwachstelle aus und erpresst ihn, den Vermisstenfall Viola Rohe neu aufzurollen. Nik ahnt nicht, in welches Wespennest er sich mit seinen heimlichen Ermittlungen setzt.

Der Prolog mit beklemmenden Szenen ist ein guter Einstieg in die Geschichte und lässt Fragen aufkommen. Ungewöhnlich, dass nicht der Täter selbst am Werk ist. Handlungswechsel, Nik entspricht nicht dem Bild eines in sich ruhenden, beliebten Kommissars. Er überschreitet unsichtbare Grenzen. Der Anti-Held wirkt besonders im ersten Buchdrittel zu überzeichnet. Überzeugend sind seine Beobachtungs- und Kombinationsgabe und später auch Tricks und Raffinesse. Mit Jon ändert sich das Blatt für Nik. Er hat nicht mehr alles in der Hand. Sein Gegenspieler zieht an den Fäden. Wer ist für das Verschwinden von Viola verantwortlich? Mit seinen Recherchen steigt die Gefahr für Nik. Überraschungseffekte werden gut inszeniert. Das Undurchsichtige sorgt für Spannung. Es gibt keine unnötigen Abschweifungen. Das Tempo bleibt auf einem mittleren Niveau. Die Herausforderungen für Nik wachsen. Nicht ganz nachvollziehbar, dass er auch bei schwereren Verletzungen einsatzfähig bleibt und Schmerzen und Beeinträchtigungen ausblenden kann. Nebenfigur Balthasar bringt Humor ins Spiel. Szenen mit ihm lockern die Geschichte auf. Auch Jon entpuppt sich immer mehr als interessante Persönlichkeit. Niks Feind bleibt bis zum Schluss im Dunkeln. Wer steckt hinter allem? Spekulationen führen ins Nichts. Es gibt lange keine Anhaltspunkte, nur ein Schattenprofil. Bei der Auflösung wird nicht wie erhofft ein packender Überraschungseffekt ausgespielt. Der viel zu kurz geratene Showdown kann die hohen Erwartungen nicht erfüllen. Das Böse ist zu überzeichnet und klischeebelastet. Eine ungewöhnlicher, trickreicher Gegner hätte besser gepasst. Dem Ende wurden viel zu wenig Seiten gewidmet. Gelungen ist der Epilog als Ausklang.

Der Titel fällt mit wenigen Mitteln ins Auge. Eine Fluchtszene aus dem Buch hätte das Cover aufgepeppt. „Auf zerbrochenem Glas“ bietet gute Thriller-Unterhaltung. Ganz wurde das Potential nicht ausgeschöpft. Der Epilog weckt die Neugierde auf Band 2. Nicht nur ein Wiedersehen scheint garantiert.

Bewertung vom 11.05.2018
Falconi, Vitu

Das korsische Begräbnis / Korsika-Krimi Bd.1


gut

„Das korsische Begräbnis“ von Autor Vitu Falconi bildet den Auftakt zur Krimireihe um Chefinspektor Mahmoud Clément und Lieutnant Philippe Renard.

Die korsische Mafia rechnet mit einem Verräter ab. Haben sie ihn zu früh beseitigt? Ein Terroranschlag lässt Fragen aufkommen. Steht ein Bandenkrieg bevor? Nicht das einzige Problem des Santini-Clans. Schriftsteller Eric Marchand taucht im Ort auf und sorgt mit einer Provokation und Behauptung für Unruhe.

Der Einstieg mit einer ausweglosen Situation ist gelungen. Was hat es mit den Andeutungen auf sich? Die Geschichte wird in mehreren Handlungssträngen erzählt, die langsam zusammenlaufen. Das Thema „Schriftsteller mit Schreibblockade“ wirkt anfangs etwas abgedroschen. Entscheidend sind die Entwicklungen um Eric. Was hat es mit seiner Familiengeschichte und dem Nachlass seiner Mutter auf sich? Pensionswirtin Madame Borghetti bringt mit ihrer speziellen Art zum Schmunzeln. Es fällt auf, dass alle wichtigen Frauen in diesem Krimi besondere Persönlichkeiten mit Ausstrahlung sind und eine taffe Art an sich haben. Sie laufen den eigentlichen Hauptfiguren den Rang ab. Nicht alles ist schlüssig. Warum offenbart sich Eric ausgerechnet seinem Erzfeind? Ein Medaillon ist mal aus Silber, mal aus Gold. Obwohl ausgebuffter Profiler begeht Eric nicht nur einen entscheidenden Fehler. Nicht ganz so fließend in die Geschichte integriert wirken oft die Details zu Korsika, Historisches und Traditionen. Auch die Dialoge haben öfters etwas Holpriges.
Für Spannung sorgen eine Verfolgungsjagd und ein rätselhafter Gegner. Wer legt sich mit dem Santini-Clan an? Das Undurchsichtige und die Frage nach dem Motiv erweist sich als fesselnder roter Faden. Spekulationen werden in Gang gesetzt, die aber keine greifbare Richtung finden. Das Geheimnis um Erics Familiengeschichte dagegen wird etwas zu sehr in die Länge gezogen. Es fällt schwer ihm abzunehmen, dass er nicht konsequenter nachfragt und wissen will, was los ist. Allein Neugierde und die seltsamen Vorkommnisse müssten ihn abtreiben, das Rätsel schnellst möglich zu lüften. Streckenweise gelungen undurchsichtig, nimmt ausgerechnet zum Showdown das Tempo ab. Das Thema „Rituale“ wird etwas überstrapaziert. Erzählstil und Vergleiche überzeugen nicht, und die Entscheidungen der Gegenspieler sind immer weniger nachvollziehbar. Besonders im letzten Buchdrittel wurde Potential verschenkt. Eine erhoffte Auflösung wird als unzufriedenstellender Cliffhanger genutzt. Es fehlen entscheidende Seiten, die dem Krimi viel an Energie und packenden Szenen hätten bringen können. Sehr schade.

Titel und Coverszene mit dem Mausoleum wecken die Neugierde. Der ungewöhnliche Handlungsort hat ebenfalls Anziehungskraft. „Das korsische Begräbnis“ trumpft einerseits mit originellen Ideen und gelungenen Spannungsmomenten auf, kann aber andererseits die sich auftürmenden Erwartungen nicht erfüllen. Ein durchwachsener Krimi der aber als Urlaubslektüre nicht nur auf Korsika funktionieren könnte.

Bewertung vom 06.05.2018
Finnegan, William

Barbarentage


ausgezeichnet

„Barbarentage“ von Journalist und Autor William Finnegan wurde 2016 mit dem Pulitzerpreis im Bereich Biografie / Autobiografie ausgezeichnet. Die Leidenschaft zum Surfen bestimmt William Finnegans Leben.

„Ich surfte schon seit drei Jahren, als mein Vater die Stelle bekam, die uns nach Hawaii führte.“ William Finnegan ist 13 Jahre alt, als die Familie nach Honolulu umzieht. An der Junior Highschool Kaimuki Intermediate wird William in die Rolle eines Außenseiters gedrängt. Raufereien sind an der Tagesordnung. Schultyrannen, Rassenprobleme, Einsamkeit, beim Surfen überwindet William Angstgrenzen und findet Augenblicke des Glücks.

Die Geschichte beginnt 1966 auf Honolulu. Williams Eltern ahnen nichts von seinen Schwierigkeiten an der Schule. Er macht alles mit sich alleine aus, hält sich an den Ehrenkodex unter Jungs. Wie kann William aus dem Kreislauf von Schlägen und Misshandlungen entkommen? Der Surfclub „Southern Unit“ wird zum Rettungsanker. Ein Junge, der unbeirrt seiner Leidenschaft nach geht und eine immer größere Faszination für den Surfsport entwickelt. Williams Jagd nach der besten Welle, die detaillierten Beschreibungen des ungestümen Meeres und der Herausforderungen jedes einzelnen Spots reißen mit. Selbst Fachbegriffe werden nicht zum Hindernis und erklären sich aufgrund von Meeresszenen-Wiederholungen schnell von selbst. Aus Mitgefühl für William wird bald Bewunderung. Er geht trotz aller Hindernisse seinen Weg und bewahrt sein unbändiges Freiheitsgefühl. Aus Mister Zuverlässig wird ein Aussteiger und Lebenskünstler, der aber nie Ausbildung und Studium ganz aus dem Blick verliert. Hawaii, Los Angeles, Südsee, Australien, William lebt als junger Mann seinen Traum und löst Fernweh beim Leser aus. Durch ihn erscheint es so leicht, die Welt zu erobern. „Ich schloss die Augen. Ich spürte das Gewicht unerschlossener Welten, ungeborener Sprachen. Das war es, wonach ich suchte: nicht Exotik, sondern eine breite, stabile Einsicht, wie die Dinge lagen.“ Lebensphasen und Stationen, Reise- und Surfpartner, die Liebe, von Anfang bis Ende reißt die Biografie mit, das Surffieber als stets köchelnde Flamme. Eine ungebrochene Neugier und jungenhafte Forschheit bis ins Alter. „Darum ging es: All dieser Schönheit nahe zu sein – mehr als nur nahe, in ihr aufzugehen, von ihr durchdrungen zu sein. Die körperlichen Gefahren waren nur Beiwerk.“ Eine unglaubliche Reise mit dem Autor in seine persönliche Welt. Journalist, Kriegsreporter, Familienmensch, Erinnerungen voller Leidenschaft und Herzenswärme. Wandel und Veränderung und doch eine wesentliche treibende Kraft, die nie versiegt. Nicht nur eine Hommage ans Surfen.

Das Cover entführt in eine andere Zeit und hält einen besonderen Moment fest. Passend und eindringlich ist der Titel. Der Blick des Jungen fesselt. Eine tolles Cover, das keine auffälligen Farben braucht, sondern von der Fotoperspektive lebt. „Barbarentage“ steht für Freiheit, Abenteuer und Lebenslust. Es macht Mut, unbeirrt seinen eigenen Weg zu gehen. Stolpersteine wie Zweifel gehören dazu. Nicht nur für Biografie- und Surffans sehr empfehlenswert. Das Glossar typischer Surfbegriffe am Ende des Buches lädt Neulinge zum Stöbern und Nachlesen ein.