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Juti
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Insgesamt 792 Bewertungen
Bewertung vom 19.10.2023
Berest, Anne

Die Postkarte


sehr gut

eine Postkarte – zwei Geschichten

Einer Familie wird eine Postkarte mit nur 4 Namen geschickt. Da stellt sich selbst über 10 Jahre nach Erhalt der Karte die beiden Fragen: Wer sind die vier und wer hat die Postkarte geschrieben?

Ephraim und Emma sind die Großeltern der Mutter der Ich-Erzählerin, Noemie und Jacques ihre Tante bzw. ihr Onkel. Sie gehören zur jüdischen Familie Rabinovitsch, die ursprünglich in Moskau lebte, nach der Revolution aber nach Riga auswandert. Schlechter Kaviar ruiniert ihren Ruf und sie fliehen nach Palästina. Das heiße Mittelmeerklima ist aber nichts für sie und auch die Arbeit in der Landwirtschaft bekommt den beiden nicht. Sie gehen nach Frankreich, aber die Entwicklung in Nazi-Deutschland verhindert ihre Einbürgerung. Dort werden dann zunächst die Kinder Noemie und Jacques von der Gestapo ins Lager gebracht und trotz Widerstand der Lagerärztin nach Ausschwitz gebracht. Auch die Eltern werden später vergast. Nur die älteste Tochter Myriam überlebt, weil sie schon geheiratet hat und nicht mehr am Wohnort der Eltern auf der Liste der Juden steht.

Klar, kannst du sagen, solche Geschichten höre ich nicht zum ersten Mal, aber jedes Unglück ist doch irgendwie anders. Beeindruckt hat mich auch, dass die Auswanderung nach Palästina für die Rabinovitschs zur Nazi-Zeit keine Alternative mehr war.

Der zweite Teil beginnt – in meinen Augen unpassend – mit Antisemitismus in heutiger Zeit, natürlich längst vor dem 7. Oktober 2023, weil die Vorfälle nicht mit der Nazi-Zeit zu vergleichen sind. Dann aber wird die packende Geschichte der Großmutter geklärt und auch aufgelöst, wie die Postkarte zu den Rabinovitschs kam, was ich aber hier nicht verraten werde.

Ein dickes und spannendes Buch, das nur am Anfang des zweiten Kapitels Längen hatte. 4 völlig verdiente Sterne

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 16.10.2023
Sauer, Hanno

Moral


weniger gut

Was ich immer schon mal sagen wollte

Das Buch des jungen Philosophieprofessor hat mich anfangs beglückt, doch je länger ich es las, desto froher wurde ich, dass es endlich zu Ende war. Aufmerksam wurde ich durch die Empfehlung von Ijoma Mangold bei lesenswert, doch nach der Lektüre wundere ich mich doch sehr, wie er „Moral“ gelesen hat.

Das Inhaltsverzeichnis täuscht eine historische Entwicklung vor, die aber nur rudimentär eingehal­ten wird. Zwar geht es anfangs vor 5 Millionen Jahren um die Unterschiede zwischen Menschen und Affen, doch bin ich mir nicht sicher, ob der von Mangold erwähnte „homo erectus“ überhaupt vorkommt. Der Autor betont vielmehr, dass der Mensch sich mit fremden Artgenossen stundenlang in ein Flugzeug setzen kann, während dies bei Schimpansen im Chaos enden würde.

Der Mensch zieht Nutzen aus der Fähigkeit von Zusammenarbeit. Und wer dies als Trittbrettfahrer ausnutzt, wird bestraft, was das 2. Kapitel behandelt. Bis dahin war ich zufrieden, auch wenn ich manche steile These – wie die Behauptung, dass der Mensch aus Afrika komme, so zu behandeln sei, wie jemand, der seinen verlorenen Schlüssel nachts unter der Laterne suche, weil er dort am besten sehen kann – in Frage stelle.

Im 3. Kapitel geht im dann die Puste aus. Vor 50.000 wird dann der Mensch als solches definiert. Auf die erwartete landwirtschaftliche Revolution wird nur am Rande eingegangen. Und dass Sauter von Religion nicht viel hält, macht er bald in jedem Abschnitt klar. Vor 5.000 Jahren käme dann mit der Landwirtschaft die Ungleichheit ins Spiel. Dass kein Mensch dem andern gleicht, weil wir unterschiedliche Talente und Fähigkeiten haben, vergisst er.

Dann folgt im 5.Kapitel die Definition von „Weird“ – Menschen : western, educated, naturalized , rich, democratic, was er im folgenden als seltsame Menschen betitelt. So kann man auch das Wirken der Aufklärung herabwürdigen.
Sein schriller Ton wie er Leibniz in Form des Lehrers Pangloss abkanzelt, gefällt mir überhaupt nicht: „Dass eine bessere Welt nicht einmal denkbar sein sollte, gehört zu dem baren Unsinn, den zu produzieren die großen Philosophen immer schon ein besonderes Talent hatten.“ (232)

Später bestreitet er noch, die These das Geld nicht glücklich mache, wo ich mich selbst als Gegenbeispiel einbringen würde. Seine aktuelle politischen Aussagen sind so, dass er nichts Neues schreibt und die „Cancel Culture“ als Begriff der Gegenseite abtut.

Erst im Schussteil konnte ich den indonesischen Stämme etwas abgewinnen. In einem Stamm müssen die Jungen die Alten zur Mannwerdung oral befriedigen, was ein anderer Stamm entschieden ablehnt. Aber dafür müssen seine Jungs anal ran. (345)


Nein, der vorgetäuscht historische Aufbau hinterlässt keine klare Linie und hat nur wenig Neues zu bieten. Mehr als 2 Sterne geht leider nicht.

Bewertung vom 09.10.2023
Preisendörfer, Bruno

Als Deutschland erstmals einig wurde


gut

berlinlastige Bismarckzeit

Preisendörfer schickt einen so richtig in die Zeit, über die er schreibt. Doch das Ende des 19. Jahrhunderts ist wohl auch so bekannt: Große Familien, hohe Kindersterblichkeit, Wohnungsmangel, lange Arbeitszeiten, Frauen nur hinterm Herd und Antisemitismus. Dazu kommt noch spezifisch für Bismarck der Kulturkampf und die Verherrlichung des preußischen Militärs wegen der Kriege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich. Und immer wieder Zitate von Fontane und Beispiele aus Berlin.

Doch im Gegensatz zu seinen früheren Büchern ist mir das alles wohl bekannt, so dass das überraschende, neue Element fehlte, wenn ich mal vom in Heidelberg geborenen Alois Peteler absehe, der in den USA sein Glück machte (99). Dann würde mich interessieren, welche Grausamkeiten Reichskommissar Peters am Kilimandscharo machte, dass er sogar abberufen wurde (106).

Nicht fehlen dürfen offenbar die wirklich sinnlose Fehler: Es war nicht Carl, sondern seine Frau Bertha, die als erste mit dem Auto nach Pforzheim fuhr (198) und Zürich ist zwar die wichtigste Stadt der Schweiz, aber nicht die Hauptstadt (336).


Na gut, die Fehler sind weniger schlimm, dafür ist auch der Text weniger spannend, also 3 Sterne.

Bewertung vom 07.10.2023
Weidermann, Volker

Mann vom Meer


sehr gut

Berglektüre statt Strandlektüre

Was die SZ Strandlektüre nannte, habe ich in den Bergen gelesen. Und selbst wenn ich nicht auf dem Zauberberg war, so konnte ich doch dem Leben von Thomas Mann etwas abgewinnen.

Außer seiner Joseph-Reihe habe ich noch kein Buch des Nobelpreisinhabers gelesen. Doch mit diesem Werk kommt auch der Wunsch, dies mal zu tun, wenn der Nachttisch leer ist.
Nicht einmal die spannende Biografie seiner aus Brasilien stammende Mutter war mir bekannt. Für die Buddenbrocks wird es also höchste Zeit. Und damit ist wohl auch die Reise nach Lübeck gebucht.

Gegen Ende gefielen mir die Kapitel mit Lieblingstochter Elisabeth nicht mehr so gut. Während anfangs gut erklärt wird, warum Thomas in der Liebe zwischen Männer und Frauen schwankt, werden seine anderen Kinder gar nicht gefragt, was sie davon halten, wenn der Vater eine Tochter offensichtlich bevorzugt. Also 4 Sterne.


Zitat: „Als Thomas Mann einen kurzen Prosatext an die örtliche Zeitung geschickt hatte mit der Bitte um Veröffentlichung, schrieb der Redakteur zurück: „Wenn Sie öfters solche Einfälle haben, sollten sie wirklich etwas dagegen tun.“ Der junge Dichter tat nichts dagegen, sondern veröffentlichte „Vision“ […] eben in seiner eigenen Zeitung.“ (81)

0 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 18.09.2023
Herrndorf, Wolfgang

Diesseits des Van-Allen-Gürtels


sehr gut

Abgefahrene Kurzgeschichten

Nach seinem Tod gilt Wolfgang Herrndorf zu den besten Autoren seiner Zeit. Sein Roman „Tschick“ ist Schullektüre geworden. Ich bin auf dieses Buch mit seinen sechs Kurzgeschichten aufmerksam geworden, weil die fünfte Erzählung „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ der Beitrag von Herrndorf war, den er beim Ingeborg-Bachmann-Preis vorgelesen hat, für den er den Publikumspreis gewonnen hat.

Und tatsächlich ist diese Geschichte die beste. Ein von der Raumfahrt überzeugter Junge wird vom Ich-Erzähler dazu gebracht, zu glauben, dass die Mondlandung von Hollywood inszeniert wurde. In der letzten Geschichte geht es dann um den Kannibalen von Rotenburg, der im Internet sein Opfer fand, das er gegessen hat.

Der Inhalt der ersten Geschichte steht in der Produktbeschreibung, im Oderbruch wurde dem Erzähler das Auto geklaut und er landet bei einem seltsamen Mädel. Die zweite und vierte Geschichte habe ich gelesen, aber mehr oder weniger vergessen.


Seltsame Menschen stehen immer im Mittelpunkt. Doch weil ich von zwei Geschichten den Inhalt nicht mehr erinnere, kann ich nur 4 Sterne vergeben.

Bewertung vom 17.09.2023
Sartorius, Joachim

Die Versuchung von Syrakus


ausgezeichnet

Literarischer Reiseführer der sizilianischen Stadt

Ijoma Mangold sagte in lesenswert mit diesem Buch kaufe man auch die Reise nach Syrakus. Recht hat er. Wie der Autor die Fäden der langen Geschichte von der Blütezeit unter den Griechen in der Antik bis zu langsamen Niedergang in der Gegenwart zieht, ist meisterlich. Dabei vergisst er auch die Aufklärer nicht, allen voran August von Platen, dessen Grab er mühevoll sucht.

Doch auch die Gegenwart kommt nicht zu kurz. Wie die Schwimmer von Syrakus beschrieben werden, wie sie im Tagesverlauf wechseln ist wie der Name der oben genannten Sendung lesenswert. 5 Sterne

Bewertung vom 15.09.2023
Desmond, Matthew

Zwangsgeräumt (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Endlich mal schreibt jemand, wie Armutskreisläufe entstehen.
Da ist der Krankenpfleger, der wegen einer Krankeit opiumabhängig wird. Er verliert seine Arbeit, seine Wohnung und kann erst durch das Methadonprogramm zurück ins Leben finden.

Auf der anderen Seite ist der Vermieter, den die Schicksale nicht interessieren und sich eine goldene Nase verdient.

Bewertung vom 10.09.2023
Wedekind, Frank

Frühlings Erwachen


sehr gut

verklemmte Aufklärung

Im Mittelpunkt des kurzen Dramas stehen drei Jugendliche. Die 14jährige Wendla, die in der Diskussion mit der Mutter nicht versteht, warum sie ein langes Kleid anziehen soll. Dann folgt Moritz, der um die Versetzung kämpfen muss, aber von seinem Freund Melchior aufgemuntert wird. Moritz ist zudem verklemmt und wird von Melchior aufgeklärt, erst mündlich, später will er es noch schriftlich haben.

Bildung und Aufklärung sind das Thema dieses Werkes. Wendla verlangt von ihrer Mutter, sie solle erklären, wie ihre Schwester ein Kind bekommen konnte. Sie sagt aber nur, man muss mit einem Mann verheiratet sein und ihn ganz doll liebhaben. Und als sie dann Melchior im Heuboden trifft, wird sie schwanger.

Damit sind die Katastrophen für den dritten und letzten Akt angerührt. Es beginnt mit der Lehrerkonferenz, die Melchior von der Schule verweisen will, weil er für den Selbstmord seines Freundes Moritz verantwortlich gemacht wird, da seine Aufklärungsschrift in Moritz Ranzen gefunden wurde. Statt aber mit Melchior, diskutieren die feinen Herren mit Namen wie „Sonnenstich“ und „Knochenbrecher“ lieber, ob man ein Fenster öffnen soll. Auf der Beerdigung zeigen sich die Gelehrten auch wenig mitfühlend, nach dem Motto: Wir hätten ihn ja sowieso nicht examiniert.

Und Wendla stirbt an den Abtreibungsmitteln, die ihr in einer Klinik verabreicht werden. So endet das Drama auf dem Friedhof, wo Melchior, der aus der Besserungsanstalt geflohen ist, den Geist von Moritz und eien vermummten Herrn trifft, sich aber nicht entschließen kann, ans andere Ufer zu gehen.


4 Sterne für einen Klassiker, der die behandelten Probleme sehr schön satirisch überspitzt. Die letzte Szenen der drei Akte sind aber jeweils zu rätselhaft, als dass ich 5 Sterne geben könnte. Auch wird vieles nur angedeutet. Bei der Szene auf dem Heuboden it nämlich nicht klar, ob es wirklich eine Vergewaltigung war, so dass wir impressionistisch sagen müssen:

Ach, was soll man so von Dingen halten,
die mit uns die Welt gestalten.