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hasirasi2
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Dresden

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Insgesamt 1268 Bewertungen
Bewertung vom 01.05.2024
Böschen, Silke

Träume von Freiheit - Fünftausend Fasane für den Kaiser


sehr gut

Die Dollarprinzessin

1892 heiratet die New Yorker Millionenerbin Mary Knowlton den deutschen Adeligen Johannes von Francken-Sierstorpff, der als 4. Sohn der Familie auf ein reiche Ehefrau angewiesen ist, um seinen Lebensstandard halten (und seine Spielschulden zahlen) zu können. Zum Glück ist es trotzdem eine Liebesheirat.
Die von Francken-Sierstorpffs verkehren in den höchsten Kreisen, darum geht Mary davon aus, Kaiser Wilhelm II. vorgestellt zu werden. Doch in Deutschland begegnet man der amerikanischen Gräfin vor allem mit Argwohn und Spott. Sie muss lernen, wem welche Ehrenbezeugung gebührt und wann man sich wie kleidet oder auftritt. Oft wird ihr vorgeworfen, dass Johannes sie ja nur ihres Geldes wegen genommen hat. Erst, als sie ein altes Schloss in Oberschlesien kauft und renoviert, kommt 1911 der Kaiser zur Jagd – Mary hat es endlich geschafft.
Mit dem 1. WK ändert sich alles, ihr Mann und ihre beiden Söhne melden sich freiwillig und Mary ist wieder allein. 1918 beschlagnahmt die USA dann das Vermögen aller Erbinnen, die nach Deutschland, Österreich und Ungarn geheiratet haben – in Marys Fall über 1 Mio. Dollar! Doch die gibt ihr Geld nicht kampflos auf.

„Fünftausend Fasane für den Kaiser“ ist der Abschluss der „Träume von Freiheit“-Trilogie von Silke Böschen und beruht wie seine Vorgänger auf wahren Personen und Geschehnissen.

Mary, genannt Mae, ist keine Sympathieträgerin. Im Wohlstand als Einzelkind aufgewachsen ist sie es gewöhnt, im Mittelpunkt zu stehen. Außerdem traut ihr Vater Johannes nicht und hat darum den größten Teil ihrer Mitgift für sie in Amerika angelegt – sehr vorausblickend, wie sich schnell herausstellt, denn Johannes kann wirklich nicht mit Geld umgehen. Und für Mae bedeutet es Freiheit. Die ersten Jahre leben sie in Berlin und reisen immer wieder durch Europa, alles von ihrem Geld. Auch das Schloss und die Einrichtung, die sie so oft ändert, bis sie perfekt ist, wird von ihrem Vermögen bezahlt – und sie legt Wert darauf, dass die Welt das auch weiß. Überhaupt ist sie sehr exzentrisch, alles hat nach ihrem Willen zu geschehen, was man besonders an ihrem Testament sieht.
Unterstützt und angeleitet wird sie von ihrer ehemaligen Gesellschafterin Florence de Meli, die im zweite Band der Reihe im Mittelpunkt stand. Und auch, als sie sich politisch auseinander entwickeln, weil Mae mit den Deutschen sympathisiert, politisch verblendet ist und deren Vormachstellung in der Welt verteidigt, hält Florence den Kontakt. Das diese beiden so verschiedenen Frauen über Jahrzehnte verbunden blieben, hat mir imponiert.

Silke Böschen ist hier wieder ein echter Schmöker gelungen, der mit einer Märchenhochzeit beginnt und durch den Krieg eine dramatische Wendung erfährt. Sie erzählt die wichtigsten Ereignisse aus Maes Leben in Streiflichtern, gewährt kurze Einblicke in die Ehe und Familie, oft durch geschichtliche Ereignisse oder Politik beeinflusst.
Mein Tipp für alle Fans der Serie „The Gilded Age“ – denn auch hier kämpft Geld- gegen Erbadel, geht es um Macht, Einfluss und Ansehen.

Bewertung vom 28.04.2024
Fortune, Carley

Nächsten Sommer am See


ausgezeichnet

Zwei an einem Tag meets Dirty Dancing

„Wieder zurück im Ressort – dem allerletzten Ort, an dem ich enden wollte.“ (S. 12) Nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter muss Fern entscheiden, was sie mit der familieneigenen Ferienanlage „Brookbanks Ressort“ machen will – verkaufen oder selber betreiben?
„Du erinnerst dich doch an mich, oder?“ (S. 41) Plötzlich steht Will vor ihr. Vor 10 Jahren haben sie einen einzigen Tag zusammen verbracht und sich sehr zueinander hingezogen gefühlt, waren aber beide vergeben. Also haben sie vereinbart, sich genau ein Jahr später wiederzutreffen, aber er ist nicht gekommen.
Jetzt erklärt er ihr, dass ihre Mutter ihn engagiert hat, um das Ressort zu retten, das seit Jahren schlecht läuft.

„Nächsten Sommer am See“ ist die perfekte Kombination aus „Zwei an einem Tag“ und „Dirty Dancing“, auf den Fern auch oft anspielt, was ich sehr mochte. In meiner Vorstellung sieht das Ressort genauso aus wie das „Kellerman’s“, wie aus der Zeit gefallen. Und auch wenn es in Kanada spielt, erinnert das Setting an amerikanische Serien wie „The Lake“ oder „Der Sommer, als ich schön wurde“.

Obwohl Fern nie wiederkommen wollte, fühlt es sich nach Zuhause an. Sie kennt die meisten Angestellten und Gäste, die schon seit Jahrzehnten herkommen. Sie haben Fern aufwachsen sehen, ihre Jugendsünden miterlebt und ihre erste Liebe, da ist es schwer, sich als Erwachsene abzugrenzen und etwas Eigenes aufzubauen.
Dazu kommen die Gefühle für Will. Es prickelt sofort wieder zwischen ihnen und es tut ihm auch leid, dass er sie damals versetzt hat, aber eine Erklärung liefert er nicht. „Will ist wie ein Schließfach ohne Schlüssel, und je mehr Zeit ich mit ihm verbringe, desto mehr möchte ich es aufhebeln.“ (S. 178)

Carley Fortune erzählt die Geschichte aus Ferns Perspektive, die sich nach und nach an den Tag damals erinnert und versucht zu ergründen, was Will ihr verheimlicht. Und natürlich wird es auch spicy. Aber haben sie eine Chance auf eine gemeinsame Zukunft, wenn er nicht über die Vergangenheit und Gegenwart reden will? Der Aufenthalt hier ist für Will Urlaub vom Alltag, aber jeder Urlaub geht einmal zu ende …

Es ist aber auch eine Geschichte über Mütter und Töchter und Lebenspläne. Der beste Freund ihrer Mutter gibt ihr nämlich deren Tagebücher, in denen Fern eine neue Seite ihrer Mutter kennenlernt.

Ein wunderbar romantischer und gleichzeitig trauriger und aufwühlender Sommerroman, der zeigt, dass man sich selbst und anderen eine zweite Chance geben sollte, und dass sich Pläne ändern dürfen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 26.04.2024
Duval, Catherine

Mord an der Loire


weniger gut

Au bout – bis zum Ende

… ist das Motto der uralten Adelsfamilie Cotignac und Pléssis, die ihren Stammbaum bis ins 12. Jahrhundert zu Philipp dem Schönen und den Templern zurückverfolgen können, auch dank einer Holzschatulle, in deren Innenseite dieser eingraviert ist. Als die Schatulle gestohlen wird, beauftragt Tante Aude ihren Neffen Philippe Auguste Louis Vicomte du Pléssis, den Baron de Beaumarchais, mit der Suche, schließlich hat sich die Familie seine Ausbildung zum Privatdetektiv einiges kosten lassen. Doch noch bevor Philippes Suche richtig losgeht, wird im Château de Cotignac ein Gemälde gestohlen, dass im 2. WK nach Deutschland verschleppt und gerade erst zurückgegeben wurde und jetzt auf einer Feier enthüllt werden sollte. Und dann treibt auch noch eine Leiche im Graben des Wasserschlosses – Julia Berger, die Kunstsachverständige einer Versicherung, hatte das Gemälde von Deutschland hierher begleitet.
Für die ermittelnde Kommissarin Charlotte Maigret ist auch Philippe verdächtig, weil er Julia beauftragt und mit ihr regelmäßigen Kontakt hatte. Das kann er natürlich nicht auf sich sitzen lassen und ermittelt auf eigene Faust wichtige Fakten, die die Kommissarin überzeugen, mit ihm zusammenzuarbeiten …

„Mord an der Loire“ ist der Auftakt einer neuen Cosycrime-Reihe von Catherine Duval, die mich leider nur mit ihrem Setting bezaubern konnte: uralte Loire-Schlösser und Templerburgen, Weinberge und mittelalterliche Städtchen. Die Protagonisten hingegen waren mir zu überzogen und unrealistisch, wirkten zum Teil wie aus der Zeit gefallen – das Buch hätte z.T. genauso gut schon in den 50er Jahren spielen können und nicht erst heute. Baron Philippe lebt vor allem für den Genuss und betreibt die Ermittlungen nur nebenher, weil er seiner Familie beweisen will, dass er es kann. Gegenüber Charlotte Maigret verhält er sich oft despektierlich und bezeichnet sie wegen ihrer Vorliebe für Cowboystiefel, Shirts und Lederjacke als Cowgirl. Und Maigret verdächtigt ihn zwar, nimmt ihn aber zu den Ermittlungen mit und teilt stets die neuesten Erkenntnisse mit ihm. Mein Highlight ist Philipps Tante Aude, von der ich gern mehr gelesen hätte. „Seine Tante strahlte die Autorität eines Generals aus. Sie befehligte die Familie. Und er war einer ihrer Söldner.“ (S. 14)
Dazu kommt, dass die Handlung abgesehen von den Morden nicht besonders spannend ist. Erst kurz vor dem Ende zaubert Philippe quasi aus dem Nichts wichtige Informationen hervor, die letztendlich zur Auflösung führen. In der Zwischenzeit gibt es Einblicke in den Rechtspopulismus in Frankreich und die Geschichte der Templer, Diskussionen über die verschiedenen Adelsformen (alter Erbadel oder später verliehener), garniert mit dem Handel gestohlener (?) Kunst.

Ich hatte das Gefühl, dass sich die Autorin an der „Monsieur le Comte“ Reihe orientiert hat, das aber nicht so gut umsetzen konnte.

Bewertung vom 24.04.2024
Zetterberg, Ally

The Happiness Blueprint


ausgezeichnet

Ohne Plan zum Glück?

„Schätze, ich fliege nach Hause um die Firma meines Vaters zu leiten. Super.“ (S. 14) Als Klaras Vater an Krebs erkrankt, entscheiden ihre Mutter und ihre Schwester, dass sie ihn unterstützen soll, schließlich hat sie keinen Partner oder einen Beruf, an dem sie hängt. Dass sie inzwischen seit sieben Jahren in London lebt, ist dabei zweitrangig, die drei Monate wird sie schon überstehen. Schließlich soll sie nur aufpassen, dass die Mitarbeiter seiner kleinen schwedischen Fliesenfirma die Aufträge zur Zufriedenheit der Kunden erfüllen. Das Problem ist nur, dass Klara in der Interaktion mit anderen Menschen nicht wirklich gut ist und auch das Erstellen und Einhalten von Terminpläne nicht zu ihren Kernkompetenzen zählt. Zum Glück übernimmt ihr neuer Angestellter Alex die Terminplanung und synchronisiert dafür ihre Google-Kalender. Und da sie sich mögen, tauschen sie unter den Terminen in kleinen Notizen bald auch Privates aus, wobei Klara streng darauf achtet, dass sie in der Freundeszone bleiben (da sie nur für begrenzte Zeit in Schweden und er verheiratet ist, schließlich trägt er einen Ehering), was zu einigen Missverständnissen führt.

Klara fühlt sich schon immer irgendwie anders und dass ihre Familie sie von jeher wie ein rohes Ei behandelt hat, trägt auch nicht dazu bei, sich „normal“ zu fühlen. Der Verdacht Autismus steht im Raum und wegen ihrer Diabetes beobachten alle ständig via App ihren Blutzuckerspiegel. Dazu macht sie sich selber oft klein und bewertet ihre Fehler viel höher als ihre positiven Fähigkeiten. Erschwerend kommt hinzu, dass sie sich mit ihrer Schwester vergleicht, die alles zu haben scheint – Mann, Kind, einen Uni-Abschluss und den perfekten Job.
Für mich war Klara eher introvertiert. Sie schreibt halt lieber, als zu telefonieren und hat nur eine Freundin. Ein Besonderheit an ihr hat mich besonders amüsiert: Sie nimmt die Stimme bzw. Lautstärke ihres Gegenübers als Schriftart wahr. Je lauter jemand wird, desto größer wird der Schrifttyp, je wütender er ist, desto eckiger und spitzer – wie in einem Comic.

„Hab nichts dagegen, dass mir kalt ist: Es erinnert mich daran, dass ich noch was fühlen kann.“ (S. 15) Alex ist durch den Tod seines Bruders in eine Depression gestürzt, die Therapie schlägt lange nicht an. Durch Zufall stößt er auf Klaras Stellenanzeige und bekommt nicht nur einen Job, sondern auch neuen Lebensmut und ein Ziel, etwas dafür es sich lohnt, jeden Tag aufzustehen – Klara. Dumm nur, dass die ihn für verheiratet hält und er denkt, dass sie einen Partner hat …

„Du bist nicht in einer romantischen Komödie, Klara.“ (S. 191) sagt ihre Freundin zu ihr, wenn sie wieder mal von Alex schwärmt. Doch auch wenn Klara und Alex es bisher nicht immer leicht hatten und es sich jetzt noch zusätzlich schwer machen, gibt es in „The Happy Blueprint“ von Ally Zetterberg einige sehr lustige Momente. Außerdem ist Klara ein Mensch, den man sofort ins Herz schließen muss, und auch Alex‘ Schicksal und wie er damit umgeht, hat mich sehr berührt.

Mein Tipp für alle Fans von Graeme Simsions „Das Rosie-Projekt“.

Bewertung vom 23.04.2024
Palu, Daniele

Marconi und der tote Krabbenfischer / Ein Italiener ermittelt an der Nordsee Bd.1 (eBook, ePUB)


sehr gut

Italien trifft Nordsee

„… innerhalb einer Woche vom hippen Großstadt-Cop zum knatternden Küsten-Kommissar ...“ (S. 267)
Nach dem Tod seines Bruders wird Massimo Marconi der Vormund von dessen Kindern Klara und Stefano und lässt sich von seinem geliebten München nach Sankt Peter Ording versetzen, damit sie nach ihrem Vater nicht auch noch die Heimat verlieren. Aus dem Kriminalhauptkommissar wird nun der Dienststellenleiter der örtlichen Polizeiwache, theoretisch kein Problem, wenn nur die lästige Uniform und der tote Krabbenfischer mit der Harpune in der Brust nicht wären, in dessen Fall er leider nicht ermitteln darf – das machen die Kollegen aus Flensburg.

„Marconi und der tote Krabbenfischer“ ist der Auftakt einer neuen Krimireihe von Daniele Palu und besticht mit viel Nordseefeeling und einem unangepassten Ermittler, der schon immer ein Einzelgänger war und sich jetzt mit je zwei Kindern und Kollegen zusammenraufen muss, während er seiner alten Heimat und seinem alten Job hinterher trauert.
Die Kollegen machen es ihm zum Glück einfach, indem sie ihn bei seinen inoffiziellen Ermittlungen mit ihrer Orts- und Personenkenntnis unterstützen.
Klara und Stefano hingegen haben schwer zu kämpfen. Nachdem ihre Mutter vor einigen Jahren an Krebs gestorben ist, haben sie jetzt auch noch ihren Vater verloren. Massimo und er hatten sich zerstritten und kaum Kontakt, darum weiß er nichts von ihren Freunden, Hobbys oder Vorlieben. Letztendlich finden über sie übers Kochen zusammen, denn nachdem ihnen seine italienische Küche nicht geschmeckt hat, wandelt er die Rezepte ins Norddeutsche ab und lässt sie mitkochen.

Der Ermittlungen zum toten Krabbenfischer gestalten sich schwieriger als erwartet. Da ist zum einen die Familie des Toten, die froh zu sein scheint, dass sie ihn los ist. Außerdem hatte er Streit mit einer Umweltschutzorganisation und anderen Fischern, aber keinem von ihnen ist etwas nachzuweisen.

Dia Handlung verläuft lange sehr gemächlich. Marconi muss erst in SPO, der Wache und seinem neuen Leben ankommen, dadurch lernt man den Handlungsort und seine Besonderheiten zusammen mit ihm sehr gut kennen. Mir gefiel auch, wie die Rezepte (die im Anhang stehen) in die Handlung integriert wurden, so kann man mit fast allen Sinnen genießen.
Doch als Marconi und die Kinder in das Visier des Täters geraten, wird es echt brenzlig …

Mein Fazit: Auch wenn mir hier manchmal noch etwas Tempo fehlte, bin ich nach dem kleinen Cliffhanger am Ende doch gespannt, wie es weitergeht.

Bewertung vom 22.04.2024
Leo, Maxim

Wir werden jung sein


ausgezeichnet

Aus der Zeit gefallen

„Ich möchte wissen, ob wir Menschen das Recht dazu haben, Gott zu spielen.“ (S. 210)
Prof. Mosländer ist Bio-Wissenschaftler an der Charité, forscht seit 10 Jahren an chronischer Herzmuskelschwäche und betreut seit einem Jahr eine klinische Studie mit vier Patienten zu einem neuen Medikament, das die Zellen verjüngt und damit das Herz heilt. Es scheint auch alles gut zu gehen, bis sie über Nebenwirkungen klagen. Der 16jährige Jakob hat seine erste Freundin, aber keinen Sexualtrieb mehr. Der 80jährige, schwerkranke Immobilienmagnat Wenger bereitet seinen Freitod vor, als er sich plötzlich viel fitter und leistungsfähiger fühlt. Verena, eine ehemalige Olympiaschwimmerin, stellt bei einer Spendenveranstaltung ohne besonderes Training einen neuen Weltrekord auf, und Lehrerin Jenny wird nach jahrelanger erfolgloser Kinderwunschbehandlung überraschend schwanger.
Mosländer stellt fest, dass sämtliche Laborwerte der Teilnehmer viel besser als noch vor einem Monat sind. Dann testet über die DNA das biologische Alter seiner Probanden – sie sind alle acht Jahre jünger geworden. Als das durchsickert, steht die Welt Kopf. Die Bundesregierung setzt Sondersitzungen an und die WHO verlangt einen Bericht, um sich auf diese neu Situation vorbereiten zu können. Außerdem flattern die ersten unmoralischen Angebote der Reichen und Mächtigen auf Mosländers Tisch – sie alle wollen jung sein, Nebenwirkungen egal …

Der Traum von der ewigen Jugend ist wahrscheinlich fast so alt wie die Menschheit selbst. Aber was wäre, wenn er plötzlich wahr würde? Wenn man entscheiden (und / oder es sich leisten) könnte? Und welche Auswirkungen hätte das auf die Welt und Gesellschaft? Damit beschäftigt sich Maxim Leos Buch „Wir werden jung sein“.

Ich habe beim Lesen schon lange nicht mehr so sehr über mein eigenes Leben nachgedacht und gegrübelt, wie ich mich wohl entscheiden würde. Wie jung würde ich werden wollen bzw. müssen? Da ich seit meinem 4. Lebensjahr chronisch krank bin, müsste ich mich in das dritte Lebensjahr zurückversetzen lassen, damit dann ein Arzt versuchen kann, den Ausbruch der Krankheit zu verhindern. Das sind mir aber eindeutig zu viel Unsicherheiten, das Medikament wäre also nichts für mich. Oder nimmt man es dann doch, wenn man es angeboten bekommt? Kann ich die Hand für meine Entscheidungen ins Feuer legen? Je mehr ich darüber nachdenke, desto unsicherer werde ich. Würde mein „Neuanfang“ bedeuten, dass ich doch Kinder haben könnte? Würde ich überhaupt welche haben wollen? Oder dürfte ich gar nicht, um eine Überbevölkerung zu vermeiden? Wer oder wie wird entschieden, wer Nachkommen zeugen darf? Oder passiert das sowieso in der Retorte, damit nur noch perfekte, gesunde, hochintelligente Kinder das Licht dieser Welt erblicken und zu deren Weiterbestehen beitragen dürfen? Es ist eine erschreckende, dystopische Vorstellung, die ich ehrlich gesagt nicht erleben möchte.

Der Roman ist unerwartet philosophisch und tiefschürfend und regt zum Nachdenken an, weil er zeigt, wie unsere Zukunft aussehen könnte und gleichzeitig klar macht, dass man nie das Allgemeinwohl und die Konsequenzen seiner eigenen Taten und Entscheidungen aus den Augen verlieren darf.

Bewertung vom 19.04.2024
Herrmann, André

Schön war's, aber nicht nochmal


ausgezeichnet

Wenn einer eine Reise tut …

„Ein bisschen fühlt es sich an wie im Ferienlager, nur dass diesmal alles umgedreht ist, der Jüngste in der Runde die Aufsichtspflicht hat und aufpassen muss, dass die beiden Älteren nicht verloren gehen oder sich aus Versehen ein Loch in den Kopf hauen.“ (S. 131)
Anfang November 2022 wurde mir der #UmdE (Urlaub mit den Eltern) in meine Twitter-Timeline gespült und ich habe eine Woche lang quasi live die Reise des Comedian André Herrmann mit seinen (Mitte 60jährigen) Eltern nach Israel und Jordanien verfolgt und mich dabei köstlich amüsiert, denn was immer nur hätte schiefgehen können, ging auch schief. Schon damals wurde eine Verfilmung oder wenigstens ein Buch gefordert und das ist jetzt endlich erschienen. Mit viel Humor und Herzlichkeit berichtet er von den großen und kleinen, geplanten und ungeplanten Abenteuern, die er dabei mit ihnen erlebt hat. Denn obwohl seine Mutter noch bis vor kurzem in einem verantwortungsvollen Beruf gearbeitet und auch sehr gute Englischkenntnisse hat, verlässt sie sich jetzt lieber auf ihren Sohn, und sein Vater hört Dank seiner Schwerhörigkeit eh so gut wie nichts. Eins meiner Highlights ist übrigens der Ortungschip, den er seinem Vater beim Antritt der Reise in die Hosentasche schmuggelt und der mehr als einmal dafür sorgt, dass sie ihn auch wiederfinden …
Aber es ist nicht nur ein sehr humorvoller Reisebericht, er zeigt auch, wie nahe sich André und seine Eltern stehen und wie ihm bewusst wird, dass sich ihre Rollen langsam tauschen – jetzt ist er für sie verantwortlich, und er meistert das meist mit Bravour. Dazu lässt er geschichtliche und politische Details einfließen, gibt einen Lagebericht der besuchten Städte und beschreibt auch weniger angenehmen Situationen, wenn Streitereien zwischen Arabern und Israelis durch bewaffnetes Sicherheitspersonal gelöst werden müssen.
Ich war nach dem Lesen auf jeden Fall froh, dass meine Eltern, die nochmal 10 Jahre älter sind, die gleiche Reise allein gemacht haben.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 17.04.2024
Achilles

Nur der Tod ist schneller / Laufende Ermittlungen Bd.1


ausgezeichnet

Hart feiern, hart laufen

Ermitteln ist kein Sprint, sondern ein Marathon.“ (S. 157) Seit frühester Kindheit wurde der Berliner LKA Ermittler Peer Pedes von seinen Eltern im Marathonlaufen getrimmt, hat 2014 sogar die Polizeieuropameisterschaft gewonnen. Seitdem hat er sich gehen lassen, doch jetzt, 5 Wochen und 6 kg zu viel vor dem Berlin Marathon packt ihn der Ehrgeiz – er will ihn wieder gewinnen. Sein erster Trainingslauf endet abrupt an der Oberbaumbrücke. Dort hängt ein junger Mann mit den neuesten Laufschuhen. Kein Wunder, dass Peer den Fall seinem Konkurrenten vor der Nase wegschnappt. Die erste Spur führt ins Berghain, dort hat der Tote oft mit seiner Laufclique gefeiert, auch in dieser Nacht. Aber er hat den Club lebend und allein verlassen, sagen die Türsteher. Trotzdem verbeißt sich Peer in dieser Spur und scheint auch recht zu haben, denn bald hängt das zweite Mitglied der Laufgruppe an einer anderen Brücke …

Bei Pe(e)r Pedes ist der Name Programm. Der Kommissar hat bisher in der dritten Reihe die Laufarbeit für andere Ermittler machen müssen und jetzt endlich den ersten eigenen Fall an Land gezogen. Zusammen mit seiner Kollegin, die immer dann aufblüht, wenn sie etwas bis ins kleinste Detail recherchieren kann, nimmt er sich die Mitglieder der Laufgruppe und deren Sponsor vor, eine Firma namens FitShit, die ihre Hobbyläufer mir allen Mitteln nach ganz vorne bringen will – erst Berlin, dann Olympia. Und dann ist da noch die Lauf-Influencerin, die sich mit der Gruppe überworfen hat und den Krieg jetzt über Instagram ausficht. Am Ende setzt Peer alles auf eine Karte und schleust eine V-Frau in die Gruppe ein, die sämtliche Rekorde zu brechen scheint und sich nicht an die Regeln halten will …

„Nur der Tod ist schneller“ ist die perfekte Mischung aus Krimi, Humor und Anleitung zum Marathontraining, denn das setzt Peer natürlich nicht aus. Ganz im Gegenteil, mehr als einmal bringen ihn sein Training und die genauen Kenntnisse der Szene einen Schritt weiter, schließlich trainiert er schon sein ganzes Leben und setzt auch jetzt alles daran, den Berlin-Marathon zu gewinnen. Dafür geht weit über seine physischen und psychischen Grenzen hinaus. Immer dabei (in seinem Kopf oder an der Strecke) ist seine Mutter, eine ehemalige Zehnkämpferin, die fest an ihn glaubt und ihn anfeuert, Anweisungen gibt oder beschimpft, je nachdem, was er gerade braucht. Dieses Durchhaltevermögen und der unbedingte Wille zum Sieg haben mir imponiert, denn im Job gilt Peer als Außenseiter, ist manchmal ziemlich daneben, baut immer wieder Mist und hält sich nicht ans Protokoll. Nicht der Weg ist das Ziel, sondern das Ziel ist das Ziel. Auch bei seinen Ermittlungen orientiert er sich an seiner Lauftaktik: immer dann das Tempo anziehen und überholen, wenn der Gegner es nicht erwartet und sich längst verausgabt hat.
Seine Kollegin Stephanie, die aus einem ganz bestimmten Grund Wert aufs Gendern legt, ergänzt ihn perfekt. Technisch versiert, mit dem Blick fürs kleinste Detail und ohne den Überblick zu verlieren, rettet sie ihm mehr als einmal den Kopf.

Was ich jetzt aus dem Buch mitnehme? Ich will nicht ins Berghain, werde nie einen Marathon laufen und meine Smartwatch regelmäßig ablegen 😉 …
5 Sterne für diesen wirklich außergewöhnlichen Krimi.

Bewertung vom 15.04.2024
Karstad, Mikkel

Nordisch zu Tisch


ausgezeichnet

Essen mit Freunden

Mit dem Frühling beginnt bei uns auch wieder die Zeit der Familienfeste, für die ich immer auf der Suche nach Inspirationen bin. In „Nordisch zu Tisch“ präsentiert der dänische Koch Mikkel Karstad 6 Menüvorschläge für ein Sommergrillfest, einen Sonntagsbrunch, Familienlunch, eine Abendtafel, das Weihnachtsmahl und eine Geburtstagsparty. Jedes Menü beginnt mit dem passenden Willkommensgetränk und endet mit den Dessert, dazwischen gibt es unzählige, gut vorzubereitende Gänge, ergänzt durch Mikkels Tipps für die Planung und Vorbereitung.

Die einzelnen Gerichte sind meist für 4 Personen gedacht. Wenn man mehr Gäste erwartet, kann man die Mengen anpassen, oder aber auf die Vielfältigkeit der verschiedenen Speisen setzen und hoffen, dass die Gäste neugierig sind und sich lieber mit mehreren kleinen Portionen durch das Buffet probieren, statt einer großen.

Die einzelnen Menüs haben jeweils eine spezielle Ausrichtung. Das Sommergrillfest besticht durch leichte Küche mit viel Gemüse, hier hatten es uns vor allem die Tomatentarte und der Zwetschgentrifle angetan. Der Sonntagsbrunch ist asiatisch inspiriert und der Jasminreis mit gebeiztem Eigelb eine echte Entdeckung. Der Familienlunch lockt mit italienischen Köstlichkeiten, wie den weißen Bohnen mit Gemüse und Parmesan, dem Buttermilch-Focaccia und den Biscotti mit Nüssen und weißer Schokolade. Die Gerichte für die Abendtafel sind einfach und unkompliziert, aber raffiniert, wie die Gemüse-Kichererbsen-Tajine, der Rhabarber-Couscous und die pochierten Birnen mit Gewürzeis. Dafür darf es Weihnachten ein aufwändiges dänisches, gehaltvolles Festmahl sein, bei dem neben einem ordentlichen Braten mit vielen Beilagen natürlich auch das leckere Gebäck nicht fehlen darf. Die Rezepte für die Geburtstagsparty machen Erwachsene und Kinder gleichermaßen glücklich und eignen sich auch für ein Picknick, wie die Wecklinge mit süßem Topping, rustikale Panini mit Käse und Mortadella (eine für uns neue, sehr leckere Kombination) und der Nuss-Zuccini-Kuchen mit Kardamom-Zitronen-Frosting oder die Kirsch-Nicecream am Stiel.

Und falls Euch bis hierher noch nicht das Wasser im Mund zusammengelaufen ist, dann schaut Euch die Fotos an. In klaren, nordischen Farben gehalten und aufs Wesentliche (das Essen) reduziert, machen sie Appetit aufs nächste Fest.

Bewertung vom 12.04.2024
Bonetto, Andrea

Azzurro mortale / Commissario Grassi Bd.2


ausgezeichnet

800 Stufen für eine Leiche

„Die Großen lässt man laufen, und die Kleinen hängt man auf oder trampelt über ihre Gräber.“ (S. 181)
Eigentlich macht Commissario Vito Grassis gerade einen Ausflug mit seiner Frau und seinem erwachsenen Sohn, die ihn endlich in Ligurien besuchen, doch als ihn seine Partnerin Ispettore Ricci anruft und eine im Hafenbecken von Corniglia treibende Leiche meldet, fährt er sofort dorthin. Nachdem sie den Toten endlich bergen konnten, wirft er gleich mehre Fragen auf. Er kann nicht identifizieren werden, ist an trockenem Ertrinken gestorben und hat kurz vor seinem Tod Austern, Hummer und Champagner zu sich genommen, obwohl er nicht so aussieht, als könnte er sich solche Mahlzeiten leisten. Grassi ist sich sicher, dass er ermordet wurde. Aber erst als ihn ein Rechtsanwalt informiert, dass eine anonym bleiben wollende Mandantin den Toten kannte, kommt Bewegung in den Fall. Sie hatte ihn vor 4 Jahren das letzte Mal beim Einsturz der Morandi-Brücke gesehen und dachte, er sei damals wie so viele andere gestorben. Um herauszubekommen, wer ihn jetzt warum ermordet hat, müssen Grassi und Ricci ermitteln, was der Tote seitdem gemacht hat.

Andrea Bonetto baut bei Vito Grassis zweitem Fall auf einen realen Hintergrund. Die Morandi-Brücke verband den Ost- und Westteil von Genua und stürzte am 14.8.2018 aufgrund längst bekannter und nie behobener Baumängel ein, wobei 43 Menschen starben. Die Verbindung des realen Unglücksfalls mit einem zwar konstruierten, aber sehr spannenden Kriminalfall ist dem Autor ausgesprochen gut gelungen. Grassi und Ricci ermitteln im Umfeld großer Baufirmen, die mit der Mafia in Verbindung gebracht werden.

Der Krimi lebt auch vom Zwischenmenschlichen. Grassis Frau hatte erwartet, dass er in Ligurien nur den Tod seines Vaters verarbeitet und danach zu ihr nach Rom zurückkehrt, doch es gefällt ihm hier viel zu gut, die Arbeit und das Leben sind viel entspannter. Außerdem stößt ihr auf, dass er in der von seinem Vater „geerbten“ Untermieterin Toni eine sehr gute Freundin gefunden hat und sie weiterhin bei sich wohnen lässt. Ist da etwa mehr zwischen ihnen? Das wissen auch Grassi und Toni nicht immer so genau …

Wie schon der erste Band hat mich dieser wieder mit seinen Beschreibungen von Land, Leuten und kulinarischen Genüssen begeistert (es ist sogar ein Rezept für Testaroli, die älteste Pasta Italiens drin). Da bekommt man glatt Lust auf einen Urlaub in Ligurien, nur bitte ohne Mord.