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Benutzername: silencia
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Bewertungen

Insgesamt 13 Bewertungen
12
Bewertung vom 24.08.2015
Treibland / Kommissar Danowski Bd.1
Raether, Till

Treibland / Kommissar Danowski Bd.1


ausgezeichnet

Ein Kreuzfahrtschiff läuft im Hamburger Hafen ein. An Bord befindet sich ein toter Passagier, der an einem aggressiven und unbekannten Virus gestorben ist. Die Reederei wollte es am liebsten vertuschen, doch eine anonyme Anruferin gibt einen Hinweis. Eher durch Zufall ermittelt Kriminalkommissar Danowski, der eigentlich nur noch am Schreibtisch sitzt. Er soll ausschließen, dass es sich bei der Todesursache um Fremdeinwirkung handelt. Aber natürlich kommt er einem Verbrechen auf die Spur und muss auf dem unter Quarantäne stehendem Schiff ausharren.

Schon lange lese ich kaum noch Kriminalromane. Einfach, weil es mich nervt, dass der Protagonist immer eine gescheiterte Persönlichkeit ist, möglichst geschieden, mit Alkoholproblem und einem enormen psychischem Knacks. Sehr erfrischend, dass Danowski all dies nicht ist. Intakte Familie, keine Drogen, keine schräge Vergangenheit. Ok, auch er hat ein kleines neurologisches Leiden, welches ihn aber irgendwie sympathischer macht und ihm einen interessanten Touch verschafft. Auch ansonsten handeln die Figuren nachvollziehbar und logisch, ich habe mich an keiner Stelle über sinnentleertes Handeln aufgeregt oder mich fremdschämen müssen. Jede Figur für sich genommen war interessant und ohne Klischees. Raether haucht allen Beteiligten durch gezielte Umschreibungen ordentlich Leben ein, ohne sie überspitzt darzustellen.

Wer hier auf bluttriefende, überzogene One-Man-Shows hofft oder auf einen actiongeladenen Einzelgang-Showdown wird wohl enttäuscht sein. Denn all das braucht Raether nicht, um ein spannendes Buch zu schreiben. Und dafür bin ich wirklich dankbar. Endlich wieder ein Krimi, der auf diesen ganzen Mist verzichtet, sondern allein durch den Plot und die souveräne Ermittlungstätigkeit Danowskis zu überzeugen weiß.

Auch sprachlich gesehen war ich begeistert. Keine Gossensprache, keine Umgangssprache und Sätze, die über drei Wörter hinausgehen. Beinahe könnte ich sagen, dass das Buch sogar ein bisschen Anspruch hat. Man merkt auf alle Fälle deutlich aus welchem Berufsfeld der Autor kommt. Sicher gab es für mich ab und an einige Längen, dennoch war der Spannungsbogen deutlich zu spüren und der Leser fiebert auf die Auflösung des Ganzen hin.

Am ehesten fand ich das Buch vergleichbar mit denen von Tana French, die auch durch Charakterisierungen und Plot zu überzeugen weiß und ebenso auf übertriebene Action verzichtet.

Ich bin restlos begeistert und hoffe, dass es noch mehr über Danowski zu lesen gibt. Lieben Dank, Herr Raether, ich mag nun wieder gerne Krimis lesen. :

Bewertung vom 24.08.2015
Mandela
Brand, Christo

Mandela


ausgezeichnet

Christo Brand war viele Jahre Nelson Mandelas Wärter in verschiedenen Gefängnissen. In diesem Buch erzählt er wie er Mandela all die Jahre erlebt hat, was sie gemeinsam durchgemacht haben und wie er versucht hat, den politischen Gefangenen das Leben ein kleines bisschen angenehmer zu machen.

Dabei bleibt Brand die ganze Zeit über sehr bescheiden, denn er ist sich bewusst, dass er trotz aller Freundlichkeit und allen Zugeständnissen immer noch ein Gefängniswärter war und in gewisser Weise das Apartheidsregime unterstützt hat. Er berichtet vom ersten Satz an sehr bewegend und gefühlvoll über diese Zeit und man merkt permanent die enge Verbundenheit zwischen ihm und Mandela. Und auch die Hochachtung seitens des Lesers wächst von Seite zu Seite vor diesem großen Mann, der immer seiner Linie treu geblieben ist, nie nachgegeben hat und schlussendlich sein Land versöhnen konnte.

Brand gibt einen einzigartigen Einblick in all das Leid, dass Mandela erfahren muss, all die Missstände im Gefängnis auf Robben Island und die Regierung, die jahrelang versucht hat, Mandela zu brechen, es aber nie geschafft hat. Und wie viel es bedeutet, dass es jemanden gibt, der einem wohlgesonnen ist obwohl er als Feind gilt und wie viel selbst ein Stückchen Schokolade in einem tristen Alltag ausmachen kann.

Das Buch hat mich gleichzeitig erschüttert und begeistert. Es ist nicht einfach nur eine Biographie, sondern es gibt einzigartige Einblicke "hinter die Kulissen" und das nicht einfach von einem Geschichtsschreiber, sondern von einem Menschen, der zu einem engen Freund geworden ist. Sehr empfehlenswert!

Bewertung vom 24.08.2015
Umweg nach Hause
Evison, Jonathan

Umweg nach Hause


ausgezeichnet

Ben macht einen Crashkurs in häusliche Pflege und heuert bei dem an Muskeldystrophie erkrankten Trev an, der zwar jung, aber an den Rollstuhl gefesselt ist und Tag für Tag die selbe Routine erlebt, inklusive ewigen Wetterberichten.
Ben hat eigentlich nichts mehr zu verlieren, denn er hat bereits alles verloren. Was das genau ist, erfährt man aber erst nach und nach durch kurze Rückblenden aus seinem Leben. Schlussendlich begeben Ben und Trev sich auf einen Roadtrip und sammeln so einige komische Gestalten ein....

Ben ist unheimlich melancholisch, nahezu depressiv und die schwere seiner Last drückt dem Leser schmerzhaft aufs Gemüt. Der Autor lässt einen so tief in Bens Seelenleben und seine Gefühlswelt blicken, dass man gar nicht anders kann als mit ihm zu leiden und seinen Schmerz mit ihm zu durchleben. Er macht diesen Job, weil er nichts anderes kann und seine Kreditkarte leer ist. Und genau daher - eben weil er keine Erwartungen mehr an sich stellt - erreicht er, dass Trev ihn mag. Außerdem hat er einen sehr trockenen Humor, der einen immer wieder zum Schmunzeln bringt.
Auch die anderen Charaktere haben es in sich, sind vom Autor unheimlich gefühlvoll gezeichnet und auf ihre Art wunderbar. Die Beziehungen untereinander werden mit viel Fingerspitzengefühl beschrieben und die vielen Metaphern und Bilder runden dieses Erleben sehr gut ab.

Wie Ben mit Trev umgeht, auf seine ganz eigene, unvoreingenommene und authentische Art lässt einen einfach nicht kalt. Für mich war es noch einmal etwas ganz Besonderes, da ich auch mit Menschen mit Behinderung arbeite und dies mich ganz besonders berührt hat.

Die Reise an sich rückt eher in den Hintergrund und es wird viel Wert auf Beziehungen, Schicksalsschläge und der Unbeständigkeit des Lebens gelegt und genau dies gelingt dem Autor hervorragend. Das Ende ist sehr versöhnlich - mit einfach allem und hallt bei mir immer noch nach.

Dies ist ein ganz besonderes Buch und ich kann es jedem einfach nur ans Herz legen.

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