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haberlei
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Begeisterte Leserin von Krimis, Thrillern, Humorvollem, historischen (Frauen-)Romanen, Biografien

Bewertungen

Insgesamt 379 Bewertungen
Bewertung vom 10.03.2024
Izquierdo-Hänni, Daniel

Falsches Spiel in Valencia


ausgezeichnet

Spurlos verschwunden

„Falsches Spiel in Valencia“ von Daniel Izquierdo Hänni ist der zweite Band mit Vicente Alapont als Protagonisten, einem ehemaligen Inspektor bei der Mordkommission, der nun Taxi fährt und nebenbei privat ermittelt.

Worum geht es?
Die Gattin eines einflussreichen Speditionsunternehmers beauftragt Alapont, ihren spurlos verschwunden Gatten aufzuspüren. Alapont stößt bei seinen Nachforschungen im Umfeld des Mannes und in dessen Firma auf allerlei zwielichtige Machenschaften wie Geldwäsche und politische Intrigen.

Das Motiv am Cover ist der Bahnhof Estación del Norte, eines der bedeutendsten, im Jugendstil erbauten Gebäude Valencias. Somit unterstreicht das Cover nicht nur den Titel, sondern stimmt auch auf den Inhalt ein. Denn die Krimihandlung ist harmonisch eingebettet in viel Lokalkolorit. Abgesehen von spanischen Ausdrücken erfährt man einiges über die Stadt Valencia, wird auf besonders schöne Plätze hingewiesen, kulinarische Köstlichkeiten und Gebräuche, wie z.B. dass der 9. Oktober in Valencia als lokale Alternative zum Valentinstag gefeiert wird – man beschenkt andere mit Süßigkeiten. Es wird die spanische Lebensart, Lebensfreude und Lockerheit, ebenso dass auch manche gesetzlichen Bestimmungen nicht so genau genommen werden, wunderbar vermittelt.

Der Schreibstil ist flüssig, selbst die ausführlichen Schilderungen von Land und Leuten lesen sich flott und leicht. Die Kapitel sind kurz, lediglich nummeriert, ohne Zeit- oder Ortsangaben. Der 2024 erschienene Roman spielt in der nicht näher bezeichneten Gegenwart. Das Buch kann problemlos ohne Kenntnis des Vorgängerbandes gelesen werden, soweit nötig sind Erklärungen zur Vorgeschichte vorhanden. Im Hinblick auf den großen Personenkreis mit durchwegs schwierig zu merkenden Namen wäre eine Personenliste wünschenswert.

Man ist von Beginn an mitten im Geschehen. Dass der Roman im Präsens verfasst ist, verdeutlicht dieses Gefühl des Dabeiseins. Durch Perspektivenwechsel lernt man so nach und nach die wichtigsten handelnden Personen kennen, deren Bezug zum Vermissten und erahnt bereits die Intrigen und Machenschaften. Solange keine Leiche auftaucht, steht auch nicht fest, ob der Unternehmer tatsächlich ermordet wurde. Im Mittelpunkt der Handlung steht Vicente Alapont, der hartnäckig Fragen stellt und so nach und nach nicht nur zweifelhafte Geschäftspraktiken, sondern auch geheim gehaltene private Beziehungen aufdeckt. Ein nicht ungefährliches Unterfangen. Abgesehen von einigen brenzligen Situationen ergibt sich die Spannung primär aus der Frage nach Täter und Motiv. Denn der Gesuchte hatte so einige Widersacher, es mangelt nicht an Verdächtigen. Als Leser tappt man bis am Schluss im Dunkeln, kann gut miträtseln. Alapont ist trotz Rücksprachen mit ehemaligen Kollegen bei der Polizei mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Diese wird erst aktiv, als es Alapont in einem geschickten Schachzug gelingt, den Täter zu überführen.

Vicente Alapont ist sympathisch charakterisiert, ein Familienmensch und geschätzt bei seinen ehemaligen Kollegen. Er genießt einerseits das Leben, auch seine Ungebundenheit als Taxifahrer, andererseits reizt es ihn doch nach wie vor, zu ermitteln. Er ist mutig, manchmal fast ein wenig zu leichtsinnig, kann sich aber schlagfertig und einfallsreich immer wieder aus heiklen Situationen retten. Gute Menschenkenntnis und exzellenter Spürsinn sind die Basis für seine Erfolge. Auch die übrigen Figuren sind gut vorstellbar, mit markanten Eigenschaften, dargestellt.

Bei „Falsches Spiel in Valencia“ handelt es sich wie beim ersten Band „Mörderische Hitze“ um einen Wohlfühlkrimi mit einem nicht alltäglichen Kriminalfall, solider Spannung und spanischem Ambiente, das Sehnsucht nach Urlaub im sonnigen Süden weckt. Mir hat das Buch angenehme Lesestunden beschert. Gerne empfehle ich das Buch weiter, vor allem Lesern, die ruhige, unblutige Krimis mögen, mit viel Lokalkolorit.

Bewertung vom 09.03.2024
Martensen, Manuel

Der andere Ausweg


sehr gut

Schmerzlich vermisste Vaterliebe

„Der andere Ausweg“ von Manuel Martensen ist nach „Die tödliche Rezeptur“ der zweite Fall, in dem Kommissar Walter Bork und sein Team ermitteln.

Kurzer Inhalt:
Auf der Nordseeinsel Prielsand geschah ein Mord. Vom Festland, dem fiktiven Nordsum, wird Kommissar Bock und sein Team eingeflogen. Mit der letzten Fähre schafft es auch Jonas auf die Insel zu gelangen, wo bereits seine Freundin im Hotel auf ihn wartet. Sie wollen einige Wellness-Urlaubstage gemeinsam verbringen. Kurz darauf schneidet ein Orkantief die Insel vom Festland ab. Während die Kriminalbeamten mit den Befragungen beginnen, erhält Jonas einen Anruf. Ein Unbekannter hat seine Freundin gekidnappt und droht, sie zu töten, wenn Jonas die ihm gestellte Aufgabe nicht erfüllt. Für Jonas beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Noch dazu passiert ein weiterer Mord, wodurch Jonas in Verdacht gerät und vor der Polizei flüchten muss.

Das Cover passt zur Handlung – düstere Stimmung, aufgepeitschte See, ein Mann allein auf weiter Flur, auf sich allein gestellt. Das Buch erschien 2023. Die Handlung spielt in der Gegenwart an fiktiven Schauplätzen an der Nordsee. Die Kapitel haben eine angenehme Länge, allerdings hätten Orts- bzw. Zeitangaben die Struktur verbessert. Insbesondere Perspektivenwechsel innerhalb eines Kapitels verwirren beim Lesen immer wieder. Auch die Rückblenden, zwar in Kursivschrift als solche erkennbar, sind oft nicht den Protagonisten zuordenbar. Die Chronologie der Ereignisse ist kaum durchschaubar, Angaben von Ort, Tages- bzw. Uhrzeit wären hilfreich gewesen. Der Schreibstil ist flüssig und packend. Die auf der Insel durch das Unwetter herrschende Atmosphäre, das landschaftliche Umfeld und die Lebensart der dortigen Bevölkerung sind ausgezeichnet eingefangen. Ohne Band 1 zu kennen, kam ich problemlos in die Geschichte hinein. Soweit erforderlich sind Erklärungen mit eingewoben.

Man ist von der ersten Seite an mitten im Geschehen, ist gleich einmal Zeuge des ersten Mordes, und kurz darauf beginnt bereits Jonas‘ Odyssee. Er sieht sich einer, wie es scheint, unlösbaren Aufgabe gegenüber. Die Spannung hält sich basierend auf Jonas‘ verzweifelter Suche nach Lara bzw. der Lösung der ihm gestellten Aufgabe und all der gefährlichen Situationen, in die er gerät, stets auf hohem Niveau. Cliffhanger, actionreiche Szenen machen das Buch zu einem Pageturner. Man kommt nicht umhin mitzufiebern, sich um ihn und Lara zu ängstigen. Es sind somit anfangs zwei Handlungsstränge, die erst gegen Ende zusammenlaufen. Dadurch wird die Handlung sehr komplex, teils verwirrend. Die Ermittlungen der Polizei gehen hingegen anfangs nur sehr lasch voran, nehmen erst nach dem zweiten Mord Fahrt auf. In den Befragungen kommen so nach und nach Zusammenhänge zutage, es mehren sich die Verdächtigen, man kann gut miträtseln. Als LeserIn tappt man bis zum dramatischen Showdown im Dunkeln, vor allem auch, weil die Polizei wesentliche Erkenntnisse bis zuletzt der Leserschaft vorenthält. Das Finale ist fast unerträglich fesselnd und offenbart schließlich einen Täter, den wohl niemand erwartet hat. Grundsätzlich ist die Lösung schlüssig und nachvollziehbar, dennoch blieben ein paar Fragen offen, was die Geschehnisse in der Vergangenheit anbelangt.

Im Mittelpunkt der Handlung steht einerseits Jonas, andererseits Kommissar Bork. Jonas war mir von Beginn an sympathisch, wenn auch seine persönliche Rolle in der dramatischen Situation nicht durchschaubar war. Kein einfacher Charakter, geprägt von einer unglücklichen Kindheit, einem problematischen Verhältnis zu seinem Vater. Generell zieht sich die Thematik von fehlender Vaterliebe und häuslicher Gewalt wie ein roter Faden durch den Roman, und trägt dazu bei, eine Reihe von Verdächtigen zu generieren. Haupt- wie Nebenfiguren sind anschaulich geschildert, wirken authentisch und lebendig. Das polizeiliche Team ist mehr oder weniger markant beschrieben. Was Sympathie anbelangt, punktet Kommissar Bork nicht von Beginn an durch seine mürrische Art, doch erweist er sich im Laufe der Handlung als kompetenter Ermittler und fairer Vorgesetzter.

„Der andere Ausweg“ hat mir Lesestunden voller Spannung beschert. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Gerne empfehle ich das Buch weiter. Trotzdem vergebe ich wegen der teils verwirrenden Struktur nur 4 von 5 Sternen.

Bewertung vom 03.03.2024
Thiesler, Sabine

Romeos Tod


sehr gut

Ein Blick in die Abgründe der Seele

„Romeos Tod“ von Sabine Thiesler ist kein herkömmlicher Krimi oder Thriller, primär ein Roman über zwei extreme Charaktere.

Worum geht es?
Nach einem 10-jährigen Gefängnisaufenthalt lernt Mona im Zug Dora kennen, die am Weg zu ihrem Sohn ist, dem Schauspieler Jan. Die beiden Frauen freunden sich an, und Mona begleitet Dora zu Jans Premiere. Er feiert als Hamlet einen großen Erfolg. Mona und Jan verlieben sich leidenschaftlich ineinander. Es entwickelt sich eine toxische Liebesbeziehung. So nach und nach erzählt ihm Mona ihre Lebensgeschichte, insbesondere dass sie auf der Suche nach ihren Ex-Mann und ihren Kindern ist, die sie in Italien vermutet. Jan will, aber kann sie nicht sofort begleiten, weil er weiterspielen muss, daher reist Dora mit Mona nach Italien …

Das Cover wirkt düster, der Fokus liegt auf dem Scheinwerferlicht, denn auf der Bühne zu stehen, ist Jans Lebensinhalt. Der Titel und insbesondere der Name der Autorin dominieren das Cover. Das Buch erschien 2024. Es gliedert sich in drei Teile – Hamlet, Lenz und Romeo und Julia, analog den drei Rollen, die Jan im Laufe der Geschichte verkörpert. Die Kapitel sind angenehm kurz, so geht das Lesen flott dahin, auch ob des flüssigen Schreibstils. Die Handlung spielt in der Gegenwart in verschiedenen Städten Deutschlands, in Wien und in der Toskana.

Erzählt wird vorwiegend aus Jans und aus Monas Sicht, teils sind es Rückblenden. Diese Perspektivenwechsel und Zeitsprünge, durch die immer wieder überraschende Wendungen und neue Details aus Monas Vergangenheit ans Licht kommen, gestalten die Handlung abwechslungsreich und die Spannung auf gutem Niveau.
Die Spannung generiert sich in gewissem Sinne vor allem aus der Wahrheitssuche und aus dem Bedürfnis, wissen zu wollen, wie dieser Strudel, diese Abwärtsspirale, in der sich die beiden befinden, wie dieses Fiasko schließlich endet. Denn der Titel verrät ja Romeos Tod, nur weiß man nicht, wie es dazu kommt. Man spürt von Beginn an, dass irgendetwas an Monas Geschichten nicht stimmt, aber welch erschütternde Wahrheit am Ende ans Tageslicht kommt, erahnt man nicht.

Mona und Jan stehen im Mittelpunkt der Handlung. Zwei Menschen, die zu Übertreibungen, zu Extremen neigen, im Positiven wie Negativen, in der Liebe wie im Hass.
Dora, Jans Mutter, quasi die Verbindung zwischen den beiden, erkennt lange nicht die verheerende Wirkung, die Mona auf ihren Sohn ausübt. Und selbst wenn, Jan hätte in seiner Mona-Besessenheit wohl auch nicht auf sie gehört.
Mona versteht es brillant, andere zu manipulieren, sich als Opfer darzustellen, doch sie ist eine einfallsreiche Erzählerin und Lügnerin. Sie ist egoistisch und auf ihren Vorteil bedacht. Obwohl sie Jan sehr liebt, missbraucht sie ihn als Werkzeug für ihre Rache, ungeachtet seiner Gefühle, seiner psychischen und körperlichen Belastbarkeit.
Jan, auch im Alltag unausgeglichen und launisch, und von Selbstzweifeln geplagt, lebt nicht nur fürs Theaterspiel, nein, er verwandelt sich regelrecht in jene Figur, die er auf der Bühne verkörpert. Er lebt sich derart in die Rollen hinein, dass er fühlt, liebt und leidet wie Hamlet, Lenz oder Romeo. Seine Genialität grenzt an Wahnsinn. Er wird von einer Macht an Gefühlen regelrecht übermannt, was ihn letztlich schwächt, auslaugt. Genauso tief und versengend verfällt er der erotischen Anziehung von Mona, ist ihr letztlich hörig.
Ich fand beide nicht sympathisch. Ich habe mich schwer getan mit Mona und Jan, mit ihrer Exaltiertheit, ihren Exzessen und übertriebenen Emotionen. Die Geschichten, die Mona aus ihrem Leben erzählt, strotzen vor körperlicher und psychischer Gewalt, vor Grausamkeiten. Ich lese so etwas nicht gerne und konnte das Buch auch nicht zügig vorantreiben, brauchte immer wieder Lesepausen.

Das Buch ist gut geschrieben, spannend, voller Dramatik und wohl für viele auch ein Highlight. Es war mein erstes Buch dieser Autorin. Ich kann somit keine Vergleiche zu ihren anderen Büchern ziehen. „Romeos Tod“ entsprach leider nicht ganz mein Geschmack.

Bewertung vom 03.03.2024
Sander, Aaron

Totenlichter


sehr gut

Das erlösende Licht

„Totenlichter“ von Aaron Sander ist ein packender Thriller, bereits der zweite Band mit dem LKA-Ermittler Jan Nygard und der Polizeipsychologin Anna Wasmuth als Protagonisten.

Kurzer Inhalt:
Ein Serienmörder beeinflusst seine Opfer derart, dass er sie in den Selbstmord treibt. Eines haben alle Opfer gemeinsam: sie überlebten einen Busunfall im Elbtunnel. Warum werden sie nun umgebracht? Es wird ein atemberaubender Wettlauf gegen die Zeit für das Ermittler-Duo.

Das Cover ist schlicht gehalten, sticht dennoch durch die übergroße Schrift und die züngelnden Flammen ins Auge. Das Buch erschien 2023. Die Handlung spielt in der Gegenwart. Die Kapitel sind kurz, ohne Orts- oder Zeitangaben. Es war mein erstes Buch dieses Autors. Auch ohne den ersten Band der Reihe zu kennen, bin ich gut in die Geschichte hineingekommen. Es gab auch ausreichend Hinweise auf die Vorgeschichte der Protagonisten. Dennoch, ich möchte „Schmerzwinter“ noch nachholen, um die Charaktere noch etwas besser verstehen zu können.

Der Schreibstil ist flüssig, fesselnd von Beginn weg. Grausame, mysteriöse und beklemmende Stimmungen sind mitreißend beschrieben. Durch Perspektiven- und Ortswechsel ist die Handlung nicht nur abwechslungsreich, sondern bietet Einblick in die Psychen der Opfern sowie des Täters. Man erhält zwar durch die verschiedenen Sichtweisen einen Wissensvorsprung gegenüber den Ermittlern, tappt dennoch bis zum dramatischen Showdown im Dunkeln. Durch Cliffhanger, actionreiche Szenen, auch brenzlige Situationen für die Protagonisten, zahlreiche in die Irre führende Spuren und etliche Verdächtige bleibt die Spannung stets am Köcheln, wenn auch so manche Länge diese zeitweise etwas eingebremst hat. Das Finale ist zwar fast unerträglich fesselnd, dennoch blieben ein paar Fragen offen, insbesondere nach dem Sinn gewisser Rituale des Täters.

Die Protagonisten wirken sympathisch, allerdings psychisch etwas angeschlagen. Beide haben so ihren eigenen Kopf und setzen sich immer wieder über Anordnungen oder Vorschriften hinweg. Sie sind schwierige Charaktere, die Kindheit u.a. Ereignisse aus ihrer Vergangenheit haben sie geprägt. Insbesondere Jan wirkt noch ziemlich traumatisiert von den in Band 1 erlebten grässlichen Ereignissen. Zudem setzt ihm auch die Demenzerkrankung des Vaters zu, um den er sich kümmern sollte, wo ihn aber eher negative Erinnerungen belasten. Dieser Thematik wurde relativ viel Raum gegeben, sodass ich vermute, dass irgendetwas aus der Vergangenheit des Vaters im nächsten Band eine Rolle spielen könnte.

„Totenlichter“ hat mir Lesestunden voller Spannung beschert, mich aber nicht hundertprozentig abgeholt, vielleicht lag es auch daran, dass ich Band 1 nicht kannte. Nun bin ich neugierig, welcher Fall Anna und Jan im nächsten Band erwartet und wie sie sich persönlich weiterentwickeln werden.
Von mir gibt es eine Leseempfehlung und 4 Sterne.

Bewertung vom 01.03.2024
Mitterwallner, Robert

Die verschollene Bernsteinkette


sehr gut

Späte Suche nach der Jugendliebe

„Die verschollene Bernsteinkette“ ist Robert Mitterwallners Debutroman, eine eher kurze Geschichte mit gut vorstellbarem Lokalkolorit, einem Schuss Liebe und etwas kriminellem Touch.

Worum geht es?
Fünf Jugendliche verbringen im Jahr 1976 einige fröhliche Ferientage auf Sylt, verlieren einander danach aus den Augen. 40 Jahre später trifft Alex zufällig Anne, eines der Mädchen von damals. Seine Erinnerung an Tina, in die er sehr verliebt war, die aber von einem Tag auf den anderen verschwand, wird aufgefrischt. Ist ihr etwas passiert? Er beginnt nachzuforschen ... ein Anhaltspunkt ist die besondere Bernsteinkette, die er Tina seinerzeit schenkte.

Das Cover mit Sonnenuntergang ist ein Hingucker. Der Buchtitel ist nicht nur optisch, sondern auch haptisch hervorgehoben. Das Buch erschien 2023. Es umfasst lediglich rd. 130 Seiten. Die Handlung spielt im Sommer 2016, mit einem kurzen Rückblick auf 1976. Die Kapitel sind angenehm kurz, mit Orts- und Zeitangaben; dadurch behält man trotz der stetigen Perspektiven- und Ortswechsel einen guten Überblick. Der Schreibstil ist flüssig, bildhaft, auch sehr informativ, was das jeweilige Umfeld anbelangt, sowohl Sylt als auch Neuseeland, den zweiten Haupthandlungsort. Sowohl Örtlichkeiten als auch Landschaften, Flora und Fauna, kann man sich gut vorstellen, auch wenn man noch nicht dort war. Die Erzählform ist gut, auch sprachlich, etwas zu nüchtern, zu distanziert. Was mir fehlte, war das Emotionale, das auf mich übergesprungen wäre. Egal, ob es um Freude, Frust, Abneigung oder Liebe geht, es kommt keine Intensität zum Ausdruck.

Durch die Suche nach einer seit Jahrzehnten vermissten Person und den vagen Mordverdacht erscheint die Handlung zunächst als Krimi. Wie die Aufrollung eines Cold Case. Und der Autor lockt einen auch auf falsche Fährten, auch durch einige Spannungsmomente. Es hätte ruhig noch ein wenig mehr Dramatik eingebaut sein können. Die Ermittlungen erfolgen ohne offizielle Einschaltung der Polizei lediglich auf privater Basis, wobei es mir etwas unrealistisch vorkam, wie einfach Privatpersonen Informationen von behördlichen Stellen erhielten, zu Zeiten des Datenschutzes. Obwohl ich irgendwann das Ende erahnte, so war ich ob der detaillierten Lösung dann doch überrascht.

Im Mittelpunkt steht der Schriftsteller Alex, der seine Jugendliebe wiederfinden möchte. Er recherchiert selbst, kontaktiert und befragt vor allem diejenigen, die damals mit zu dem Kreis gehörten. So nach und nach erfährt man, was aus den jungen Leuten von damals geworden ist und gewinnt auch Einblick in ihre markanten Wesenszüge und Eigenschaften, doch es ist eine eher oberflächliche Charakterisierung. Etwas mehr Tiefe, mehr Gefühlsregungen, etwas mehr Romantik hätten die Figuren noch etwas lebendiger gestaltet. Insbesondere die Flirts bzw. Liebesbeziehungen der Protagonisten wirken zu unterkühlt, da schwingt zu wenig Leidenschaft mit.

Ich habe „Die verschollene Bernsteinkette“ in einem Zug ausgelesen. Im Prinzip war die Handlung gut aufgebaut und schlüssig, war spannend, und ich fand die Protagonisten sympathisch. Für mich war es ein gelungenes Erstlingswerk. Ein bisschen mehr ausschmücken hätte man die menschlichen Aspekte noch können. Da noch etwas Luft nach oben besteht, vergebe ich nur 4 von 5 Sternen.

Bewertung vom 29.02.2024
Kalpenstein, Friedrich

Prost, auf die Künstler


ausgezeichnet

Karl Hinterleitners Geheimnis

„Prost, auf die Künstler“ von Friedrich Kalpenstein ist ein spannender, aber vor allem auch ein sehr humorvoller Cosy-Regionalkrimi mit bayrischem Flair.

Worum geht es?
Ein alleinstehender alter Mann wird tot aufgefunden. Wie sich bald herausstellt, wurde er ermordet. Was war das Motiv? Etwa sein wertvoller Oldie-Traktor, für den es etliche Interessenten gab? Doch bald kommen die Ermittler dahinter, dass der Ermordete so seine Geheimnisse hatte.

Das Cover ist ein Hingucker, schon alleine wegen dem in Szene gesetzten Maskottchen dieser Reihe, dem entzückenden Dackelweibchen Resi. Das Buch erschien 2024. Die Handlung spielt in der nicht näher bezeichneten Gegenwart. Die Kapitel sind angenehm kurz, ohne Orts- und Zeitangaben, aber mit originellen, auf die zu erwartenden Ereignisse hinweisenden Überschriften. Es handelt sich bereits um den neunten Fall dieser Reihe, deren Bände man trotz des roten Fadens problemlos einzeln lesen kann. Der Schreibstil ist flüssig. Aufgrund der schlagfertigen witzigen Dialoge und Situationskomik kam ich kaum aus dem Schmunzeln heraus und nicht nur einmal musste ich herzhaft lachen.

Obwohl die Ermittler nur langsam vorankommen, hält sich der Spannungsbogen von Beginn an auf gutem Niveau. Je mehr Tischler und Fink das Umfeld des Opfers erkunden, desto rätselhafter wird sein Leben und welchen Umgang er pflegte. Der Kreis der Verdächtigen wächst stetig, man findet ausreichend Ansätze für eigene Theorien, kann wunderbar miträtseln. Doch der Autor legt eine Menge Fährten, die die Ermittler ebenso wie die Leserschaft immer wieder in die Irre führen. Bis letztlich – nach etlichen überraschenden Wendungen in einem turbulenten, nicht ungefährlichen Showdown der Täter gefasst wird, ein für mich übrigens völlig unerwarteter Täter.

Bevölkert ist der Krimi primär von sympathischen Menschen. Sie haben ihre Macken und Eigenheiten, wirken teils schrullig und originell, aber durchwegs liebenswürdig. Man fühlt sich wohl in dem Ort Brunngries. Beim polizeilichen Ermittlerteam herrscht nicht nur kollegiale Harmonie und Zusammenhalt, es rennt auch meist der Schmäh. Auch übers Berufliche hinaus pflegt man die Kontakte, erfährt auch so manch Privates.

Die Lektüre von „Prost, auf die Künstler“ war eine Wohltat für meine Seele, hat mich wieder wunderbar unterhalten, war lustig und spannend in einem. Für mich sind die „Prost-Krimis“ von Friedrich Kalpenstein die unterhaltsamsten Krimis überhaupt. Kaum hat man einen Band beendet, freut man sich schon auf den nächsten Fall, auf das nächste Wiedersehen mit den Protagonisten in Brunngries! 5 Sterne.

Bewertung vom 21.02.2024
Sigurðardóttir, Lilja

Blutrot / Die Áróra-Reihe Bd.2


ausgezeichnet

Áróra und das Lösegeld

„Blutrot“, den zweiten Band der Island-Krimi-Trilogie von Lilja Sigurdardóttir, fand ich noch spannender als den ersten Band.

Worum geht es?
Áróra Jónsdóttir ist in Island geblieben, sucht weiterhin nach der Leiche ihrer Schwester Ísafold. In ihrer Funktion als Ermittlerin im Bereich Wirtschaftskriminalität wird sie und der mit ihr befreundete Kriminalkommissar Daniel in einen Entführungsfall mit einbezogen. Flosis Frau Gudrun wurde entführt. Im Zusammenhang mit der Beschaffung des Lösegelds, wittert Áróra auch kriminelle Machenschaften.

Das Cover ist ein Eyecatcher. Einerseits durch den orangeroten Farbton, aber auch durch die moderne Gestaltung. Die aus dem Meer ragenden Felsformationen assoziieren das Island-Ambiente. Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel „Blódraudur sjör“ (= blutrote Meere), die deutsche Fassung wurde aus dem Isländischen von Tina Flecken übersetzt und erschien 2024. Die Handlung spielt in der Gegenwart in Reykjavik und umfasst einen Zeitraum von knapp über einer Woche. Die Kapitel sind kurz, teils mit Zeitangaben versehen. Der Schreibstil ist flüssig und bildhaft. Das typisch Isländische spürt man im zweiten Band etwas weniger als in ersten. Grundsätzlich ist der Fall in sich abgeschlossen und auch für Quereinsteiger problemlos verständlich. Es sind auch ausreichend Hinweise auf die Vorgeschichte vorhanden. Trotzdem würde ich empfehlen, den ersten Band „Höllenkalt“ zu lesen, da er Details beinhaltet, die sowohl Aufschluss über den Mord an Ísafold geben, als auch Áróras Charakter umfassender erklären.

Die Handlung knüpft an den ersten Band an. Áróra ist in Island geblieben und durchstreift die Lava-Landschaft rund um Reyklavik auf der Suche nach der Leiche ihrer Schwester. Nach wie vor erledigt sie Aufträge für einen britischen Steuerberater und gerät in dieser Funktion in Kontakt mit Flosi, dem Gatten der Entführten. Sie soll ihm bei der Beschaffung des Lösegelds, das auf einem Auslandskonto liegt, behilflich sein. Sie überzeugt Flosi, die Polizei einzuschalten, worauf ihr Freund Daniel, Kriminalkommissar von Beruf, mit seinem Team den Fall Undercover übernimmt. Szenen- und Perspektivenwechsel gestalten die Handlung abwechslungsreich und steigern die Spannung. Man ist von Beginn an mitten im Geschehen, verfolgt sowohl die Recherchen Áróras als auch die Befragungen der Polizei hautnah, rätselt mit, wird von unerwarteten Wendungen überrascht und tappt die längste Zeit im Dunkeln. Selbst als ich ahnte, worauf der Fall hinausläuft, war ich am Ende doch verblüfft über die Lösung.

Die Charaktere wirken authentisch und lebendig. Áróra ist eine intelligente, selbstbewusste, sehr eigenständige Person, durchtrainiert und kräftig, doch sie neigt zu impulsiven Reaktionen, was zwischenmenschliche Beziehungen immer wieder erschwert. Die Beziehung zwischen Áróra und Daniel kommt dennoch langsam in Gang, es wird interessant, wie sie sich weiterentwickelt. Neben Áróra und Daniel steht vor allem der reiche Unternehmer Flosi im Mittelpunkt, zwar facettenreich gezeichnet, teils emotional, teils verschlossen, ist er lange Zeit schwer durchschaubar. Er ist kein schlechter Mensch, aber auch – u.a. durch seine Untreue und die zwielichtigen Geschäfte - kein zu 100% sympathischer. Die diversen Nebenfiguren sind ebenfalls gut vorstellbar beschrieben. Insbesondere durch das Outing von Helena gewann ihre Persönlichkeit mehr an Struktur.

„Blutrot“ ist packend geschrieben. Es trieb mich von Kapitel zu Kapitel weiter und weiter bis zur letzten Seite. Jetzt wird es interessant, wie es Daniel und Áróra gelingen wird, den Mord Ísafolds vollständig aufzuklären.

Wie für Band 1 spreche ich auch hier eine unbedingte Leseempfehlung aus und vergebe 5 Sterne.

Bewertung vom 20.02.2024
Kölpin, Regine

Sicherer Hafen / Das Haus am Deich Bd.3


ausgezeichnet

Ende gut, alles gut

„Das Haus am Deich – Sicherer Hafen“ ist der Abschlussband der Trilogie von Regine Kölpin über zwei Freundinnen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden und sich in der Fremde ein neues Leben aufbauen müssen.

Worum geht es?
Auch in den 60er Jahren läuft das Leben der beiden Freundinnen Frida und Erna nicht ohne Beziehungsprobleme und familiäre Sorgen ab und letztlich wird auch ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Sowohl der Berliner Mauerbau 1961 als auch die schwere Sturmflut 1962 an der Nordseeküste beeinflussen das Leben der Frauen maßgeblich – bis sie schließlich im „sicheren Hafen“ landen.

Das Cover, harmonisch passend zu den Vorgängerbänden, vermittelt sowohl das Nordseeflair als auch die Freundschaft der beiden Frauen. Das Buch erschien 2022. Die Handlung umfasst (mit einigen Zeitsprüngen) in etwa den Zeitraum von 1960 bis 1968. Das vorhandene Personenverzeichnis ist vor allem für Quereinsteiger eine große Hilfe, um den Personenkreis rasch zu überblicken. Generell offenbaren sich die Charaktere und deren Handlungsweisen jedoch besser, wenn man die Trilogie in seiner Gesamtheit liest.

Der Schreibstil ist locker und liest sich flüssig. Sowohl die landschaftlichen Schönheiten als auch die das Leben in diesem Landstrich beherrschenden Naturgewalten sind sehr realistisch und nachempfindbar beschrieben. Der immer wieder einfließende Dialekt unterstreicht das Lokalkolorit. Sehr eindrucksvoll sind die bedeutendsten historischen Ereignisse der 60er Jahre mit der wechselhaften Familiengeschichte verwoben. Ebenso kommen der wirtschaftliche Aufschwung und das Gesellschaftsbild zum Ausdruck. Insbesondere wird die noch immer bestehende Abhängigkeit der Frauen von ihren Ehemännern thematisiert.

Vorwiegend wird aus der Perspektive von Frida und Erna erzählt. Die Handlung, ein stetiger Wechsel von Höhen und Tiefen, dramatischen Szenen und hoffnungsvollen Wendungen, Glücksmomenten und Frustsituationen, ist abwechslungsreich, frei von Längen.

Die Protagonisten sind sehr lebendig charakterisiert, facettenreich zeigen sie Stärken und Schwächen und offenbaren ihre Gefühle, Ängste, Hoffnungen und Zweifel. Man wird richtig hinein gesogen in ihre Welt, hofft und bangt mit ihnen. Ja, nicht nur Krimis sind mitreißend und spannend.

Auch „Das Haus am Deich – Sicherer Hafen“ hat mich – wie die Vorgängerbände - begeistert. Mit großer Wehmut habe ich das Buch geschlossen und mich von Frida und Erna und deren Familien verabschiedet. Es war eine schöne Lesezeit, die ich mit ihnen verbracht habe.
Ich vergebe 5 Sterne und spreche eine unbedingte Leseempfehlung aus, nicht nur für diesen Band, sondern für die gesamte Trilogie!

Bewertung vom 16.02.2024
Hirschmann, Inge

Wenn der Waschbär kommt


ausgezeichnet

Der Schein trügt

„Wenn der Waschbär kommt“ von Inge Hirschmann ist nach „Bibergeil“ der zweite Band dieser Cosy-Krimi-Reihe. Ein humorvoller Krimi rund um eine tierische Verbrecherjagd.

Worum geht es?
Nicht nur das Verschwinden eines eigenbrötlerischen Altbauern beschäftigt die Polizei in Markt Hallerbach im Bayerischen Wald, sondern es häufen sich zudem Vorfälle, wo Waschbären in Häuser eindringen und dort ein Chaos hinterlassen. Als eine Seniorin im Altersheim der Ministrantin Linda erzählt, dass ihr eine wertvolle Ikone gestohlen wurde, als sie von den Waschbären heimgesucht wurde, ihr das aber niemand glaubt, beginnt Linda mit Hilfe ihres Freundes Frank zu ermitteln und kommt einer ganz speziellen Waschbärenbande auf die Spur.

Das Cover mit dem aus einem Versteck hervor lugenden Waschbären hat mich sofort magisch angezogen und neugierig gemacht. Das Buch erschien 2018. Die Handlung spielt in der Gegenwart in einem fiktiven Ort an der bayerisch-tschechischen Grenze. Die Kapitel haben eine angenehme Länge, weisen weder Zeit- noch Ortsangaben auf.

Der Schreibstil ist locker und lässt sich flüssig lesen. Die Handlung knüpft nahtlos an den ersten Band an, man kommt jedoch auch als Neueinsteiger problemlos in die Geschichte hinein. Soweit notwendig finden sich Hinweise zu früheren Geschehnissen. Trotzdem würde ich raten, mit „Bibergeil“ zu beginnen.

Im Prinzip sind es zwei Handlungsstränge. Da die Polizei die Priorität darin sieht, den abgängigen, geistig verwirrten, angeblich schwer bewaffneten Altbauern aufzuspüren, und den Waschbären-Vorfällen vorerst nicht weiter nachgeht, nimmt die 17-jährige Linda mit Hilfe ihres Freundes Frank die Ermittlungen auf, um der alten Dame im Altersheim zu helfen. Die dadurch entstehenden Perspektivenwechsel gestalten die Handlung abwechslungsreich, halten die Spannung am Köcheln, auch wenn sich nur langsam die Verdachtsmomente verdichten – bis sich letztlich nach einigen dramatischen Ereignissen sämtliche Fäden zusammenfinden, sowohl der Altbauer gefunden als auch der Waschbär-Fall schlüssig gelöst wird und die Täter gefasst werden.

Den Krimi bevölkern – signifikant für einen Wohlfühl-Krimi - primär sympathische Menschen (von den Ganoven abgesehen). In gewissem Sinn sind sogar die Kriminellen „gute“ Menschen, denn sie sorgen vorbildlich für die Waschbären. Die Dorfpolizisten sind zwar engagiert, ihnen haftet dennoch eine gewisse Gemütlichkeit an. Im Mittelpunkt steht aber Linda, eine Siebzehnjährige mit gutem Spürsinn und dem Herz am rechten Fleck. Letzteres zeigt sich auch in der Wahl ihres Freundes, dem jungen Totengräber Frank, einem Außenseiter mit schwieriger Kindheit, den sie fördert und aus der Isolation holt. Dadurch kommt zudem auch ein wenig Romantik in die Handlung. Als Tüpfelchen auf dem i.

„Wenn der Waschbär kommt“ hat mir vergnügliche und entspannende Lesestunden beschert. Insbesondere fand ich die Art und Weise, wie die Waschbären in diesem Krimi ins Spiel kommen, sehr amüsant. Ich empfehle das Buch gerne weiter und vergebe 5 Punkte.

Bewertung vom 14.02.2024
Sigurðardóttir, Lilja

Höllenkalt / Die Áróra-Reihe Bd.1


ausgezeichnet

Verschwunden

„Höllenkalt“ ist der Auftakt der Island-Krimi-Trilogie von Lilja Sigurdardóttir, spannend und mit ausgeprägter Island-Atmosphäre.

Worum geht es?
Áróra Jónsdóttir lebt in London und ist Ermittlerin im Bereich Wirtschaftskriminalität. Als ihre in Island lebende Schwester Ísafold sich seit Wochen nicht mehr gemeldet hat, reist Áróra auf Drängen der Mutter nach Reykjavik, um nach ihr zu sehen. Tatsächlich ist Ísafold spurlos verschwunden. Áróra befragt Nachbarn und Ísafolds brutalen Freund Björn und ihre schlimmste Befürchtung wird immer realistischer: Ísafold muss Opfer eines Verbrechens geworden sein.

Das Cover sticht ins Auge. Es ist modern gestaltet, der kräftige Blauton dominiert die schemenhafte Küstenlandschaft; zudem vermittelt die Farbe Blau auch Kälte – passend zum Titel. Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel „Helköld sòl“ (= kalte Sonne), die deutsche Fassung wurde aus dem Isländischen von Betty Wahl übersetzt und erschien 2023. Die Handlung spielt in der Gegenwart in Reykjavik und umfasst einen Zeitraum von etwas über zwei Wochen. Die Kapitel sind kurz, teils mit Zeitangaben versehen. Der Schreibstil ist flüssig und bildhaft. Die ganz eigene isländische Atmosphäre ist wunderbar getroffen – die Ausstrahlung und das Treiben in der Hauptstadt, das landschaftliche Umfeld, wie die weiten moosbewachsenen Lavafelder mit den Erdspalten, Kulinarisches, selbst die Affinität der Bevölkerung zu Trollen und Elfen ist erwähnt, all dies unterstrichen durch isländische Ausdrücke. Meine Reiseeindrücke bzw. Erinnerungen an Islands landschaftliche und kulturelle Besonderheiten wurden wieder lebendig.

Man ist von der ersten Seite an mitten im Geschehen, weiß von Beginn an, dass Ísafold ermordet wurde. Das ist jedoch der einzige Wissensvorsprung gegenüber Áróra und dem Polizeibeamten Daniel, der sie bei der Suche nach ihrer Schwester unterstützt. Allen Vermutungen zum Trotz tappt man bis zuletzt im Dunkeln, wie sich alles zugetragen hat. Parallel zu den Befragungen von Nachbarn, Ísafolds Freund und dessen Familie sowie anderen mit ihr in Verbindung gestandenen Menschen ermittelt Áróra quasi in einem zweiten Handlungsstrang in einem Fall der Wirtschaftskriminaliät. Die stetigen Szenenwechsel zwischen Áróras Recherchen und den Einblicken in den Alltag von Ísafolds Nachbarn, gestalten die Handlung abwechslungsreich und halten die Spannung am Köcheln – bis zuletzt nach unerwarteten Wendungen sich – für die Leserschaft – alles klärt. Nicht jedoch für Áróra, denn die Leiche ist und bleibt verschwunden. So schließt das Buch mit den Worten: „Solange sie nicht wusste, wo ihre Schwester war, konnte sie nicht von hier weg. Sie konnte Ísafold nicht verlassen.“

Die Charaktere sind sehr eingehend und anschaulich beschrieben. Die zwei Schwestern, Töchter einer Engländerin und eines Isländers, sind unterschiedlich von deren Genen geprägt, sowohl äußerlich als auch charakterlich. Durch eingeschobene Passagen, wo Áróra gedanklich Erlebnisse mit ihrer Schwester, von Kindheit bis zur Gegenwart, Revue passieren lässt, lernt man die beiden sehr gut kennen. Die zarte, willensschwache Ísafold zog es nach Island und die robuste, bodenständige Áróra lebt lieber in England. Obwohl die beiden nicht immer harmonisierten, so sieht sich doch Áróra stets als die Stärkere, als diejenige, die ihre zwar ältere, aber nicht so lebenstaugliche Schwester beschützen muss. Das Verschwinden und schließlich die Gewissheit des Todes der Schwester trifft sie hart. Trotz ihrer familiären Sorgen verfolgt sie mit Vehemenz ihre Recherchen, als sie finanziellen kriminellen Machenschaften auf die Spur kommt. Ihr Beruf ist ihr Lebenselixier. Áróra ist eine interessante Persönlichkeit mit Ecken und Kanten, intelligent, emotional, schwierig, generell sympathisch. Abgesehen von Áróra bevölkern den Roman etliche skurrile, nicht alltägliche Figuren, stets sehr gut vorstellbar beschrieben, mit ihren Eigenarten, ihren Geheimnissen und ungewöhnlichen Lebensumständen.

Obwohl es relativ wenig prickelnde Spannungsmomente in diesem Krimi gibt und so gut wie keine Action, hat mich das Buch dennoch gefesselt. Es trieb mich von Kapitel zu Kapitel weiter und weiter bis zum faszinierenden Ausklang, einer Lösung, die ich nicht erwartet hatte. Nun bin ich unheimlich gespannt, wie es mit Áróra im nächsten Band weitergeht.

Für den gelungenen Auftakt gibt es von mir 5 Sterne.