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YukBook
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München

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Insgesamt 315 Bewertungen
Bewertung vom 11.08.2021
Gayle, Mike

All The Lonely People


ausgezeichnet

Hubert Bird hätte allen Grund zur Freude. Seine Tochter Rose, die als Professorin in Australien arbeitet, kündigt an, ihn endlich in London zu besuchen. Doch der 84-jährige Witwer verfällt in Panik. Wie soll er auf die Schnelle die ganzen „Freunde“ herbeizaubern, die er in seinen wöchentlichen Telefonaten erfunden hatte, damit sie sich keine Sorgen macht?

Vielleicht kann ja die Nachbarin Ashleigh helfen, die frisch nach London gezogen ist und Anschluss sucht. Als er die junge alleinerziehende Mutter und ihre kleine Tochter Layla näher kennenlernt, wird ihm erst bewusst, wie einsam er in Wirklichkeit all die Jahre war, obwohl er es sich nie eingestehen wollte.

Ihren besonderen Charme hat die Geschichte dadurch, dass sie abwechselnd auf zwei Zeitebenen spielt. Parallel erfahren wir, wie der junge Hubert aus seine Heimat Jamaika verließ, um in London sein Glück zu versuchen und zu dem Mann wurde, der er heute ist. Gespannt verfolgt man zum einen die bewegende Lebensgeschichte eines Windrush-Migranten, zum anderen den gesellschaftlichen Wandel seit den 1950er Jahren. Mike Gayle ist ein herzerwärmender, humorvoller und lebensbejahender Roman mit vielen liebenswerten Figuren gelungen, der sich zugleich um ernste Themen wie Migration, Rassismus, Verlust und Einsamkeit dreht.

Bewertung vom 04.08.2021
Eickelberg, Dörthe

Die nächste Welle ist für dich


ausgezeichnet

Es gibt Bücher, die mir eine völlig unbekannte Welt eröffnen und meinen Horizont ungemein erweitern. Dieses Buch ist so eines. Erwartet hatte ich einen Erfahrungsbericht einer Journalistin und leidenschaftlichen Surferin, die verschiedene Länder bereist und Surf-Pionierinnen trifft, um ihre Ängste zu überwinden. Doch es bietet weitaus mehr als das. Auf jeder Reisestation tauchen wir nicht nur in die oft von Männern dominierte Surferszene ein, sondern bekommen auch Einblick in die jeweilige Kultur und das Rollenbild der Frau.

In Chennai an der Südküste Indiens zum Beispiel trifft die Autorin auf Shaila, die große Opfer bringen musste, um ihrer Tochter Aneesha das Surfen zu ermöglichen, und begleitet die beiden zu den ersten Surfmeisterschaften des Landes. Suthu, die vermutlich erste schwarze Surferin, bringt uns in Durban einheimische Bräuche und die demütige Einstellung der Menschen zum Ozean näher. Auf Hawaii erfahren wir, woher Paige, die Weltmeisterin im Big Wave Surfen, ihren Mut nimmt.

Jede Begegnung und gemeinsame Surfsession regen die Autorin zur kritischen Selbstreflexion an. Sie schreibt so persönlich und mitreißend, dass sie selbst mir, die sich noch nie auf ein Surfbrett getraut hat, den Sport ein wenig schmackhaft machen konnte. Was man sich beim Surfen (zu-)traut und wie man sich behauptet, lässt sich auf viele andere Lebensbereiche wie die Arbeitswelt übertragen. Der gelungene Mix aus unterschiedlichen Frauenporträts, Surf-, Reise- und Erfahrungsbericht hat mich schlichtweg begeistert.

Bewertung vom 01.08.2021
Izquierdo, Andreas

Revolution der Träume / Wege der Zeit Bd.2


sehr gut

Über die Goldenen Zwanziger habe ich schon einige Bücher gelesen, doch ich wusste wenig über die Zeit davor und die Kehrseiten der Blütezeit. Andreas Izquierdo katapultiert uns in diesem Roman mitten in diese Epoche des Umbruchs nach Berlin, wo die drei Protagonisten Carl, Isi und Artur einen Neuanfang wagen. Obwohl ich den ersten Teil der "Wege der Zeit"-Reihe nicht kenne, fand ich mich schnell in die Geschichte ein.

Dass die Handlung aus Carls Sicht erzählt wird, kam mir sehr entgegen, denn mit ihm konnte ich mich am besten identifizieren. Mit großer Neugier verfolgte ich sowohl sein erstes Filmprojekt als Kameramann bei der UFA als auch seine Bekanntschaft mit der geheimnisvollen Marlies. Durch Isi, die sich in einen Adligen verliebt, und Artur, der sowohl ein beliebtes Lokal als auch gefährliche Geschäfte in der Unterwelt betreibt, lernte ich das damalige Berlin in all seinen Facetten kennen. Die gegensätzlichen Charaktere sind sehr gut gezeichnet, nur mit Isis Entwicklung tat ich mich etwas schwer.

Andreas Izquierdo erzählt eine bewegende Geschichte über drei enge Freunde, die sich durch eine Zeit voller Unsicherheit und Gewalt durchschlagen und in jeder Lebenslage zusammenhalten, eingebettet in spannenden Geschichtsunterricht.

Bewertung vom 17.07.2021
Abbs, Annabel

Frieda von Richthofen


ausgezeichnet

D. H. Lawrence und sein berüchtigter Roman „Lady Chatterley“ sind sicher vielen ein Begriff, doch wer kennt seine große Liebe, die ihn zu dieser Figur und zu vielen weiteren berühmten Werken inspirierte? Von dieser besonderen Frau handelt dieser biografische Roman.

Frieda fühlt sich in der prüden und affektierten Gesellschaft in Nottingham und in der Ehe mit dem verknöcherten Professor Edgar Weekley fehl am Platz. Wer weiß, wie lange ihr trostloses Leben noch so weitergegangen wäre, hätte sie nicht ihre Schwester in München besucht. In der Schwabinger Bohème fühlt sie sich das erste Mal lebendig und erkennt ihr wahres Wesen und ihre Bestimmung. Besonders die Begegnung und Affäre mit dem Psychoanalytiker Otto Gross und seine revolutionären Ideen von einem freizügigen Leben entfesseln Frieda und stellen die Weichen für ihre spätere Liebesbeziehung zum Schriftsteller D.H. Lawrence.

Spannend ist nicht nur Friedas Wandlung, sondern wie diese von ihrer Familie wahrgenommen wird. Mit großer Sensibilität und viel Mitgefühl erzählt die Autorin das Geschehen auch aus der Sicht des Ehemannes Ernest und des Sohnes Monty. Am meisten litt ich natürlich mit Frieda, zerrissen zwischen der Liebe zu ihren Kindern und zu Lawrence, für den sie weit mehr als eine passive Muse ist. Wer sich nicht nur für die Emanzipationsgeschichte einer außergewöhnlichen Frau, sondern auch für die damaligen Reformbewegungen interessiert, kann sich auf ein großes Lesevergnügen freuen.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 10.07.2021
Walton, Emily

Miss Hollywood - Mary Pickford und das Jahr der Liebe


ausgezeichnet

Emily Walton erzählt eine Liebesgeschichte, die ich mir lebhaft auf der Leinwand vorstellen kann. Sie spielt sich jedoch nicht vor, sondern hinter der Kamera ab und beruht auf wahren Begebenheiten. Mary Pickford und Douglas Fairbanks, beide große Hollywoodstars der Stummfilmära, verlieben sich und halten lange Zeit ihre Affäre geheim, um ihre Karriere nicht zu gefährden, denn beide sind bereits verheiratet. Besonders Mary darf ihr braves, tugendhaftes Image als „America‘s sweetheart“ nicht aufs Spiel setzen.

Die Handlung wird abwechselnd aus Sicht der beiden Hauptfiguren erzählt, wobei sich Marys Dilemma zwischen Vernunft und Gefühlen stärker in den Vordergrund drängt. Einerseits will sie ihre hart erkämpfte Karriere nicht achtlos wegwerfen, andererseits möchte sie nach zahlreichen persönlichen Opfern endlich ein wenig Glück für sich beanspruchen, statt nur den Erwartungen der Studiobosse, ihrer Fans und ihrer unbarmherzigen Mutter und Managerin gerecht zu werden.

Sowohl die ehrgeizige, streng gläubige Mary als auch der furchtlose Lebemann und Abenteurer Douglas werden als gegensätzliches Paar sehr gut charakterisiert. Besonders ihre gemeinsame Werbetournee im April 1918 mit Charlie Chaplin, um Kriegsanleihen zu verkaufen, versetzt den Leser in eine Zeit, in der die Menschen verrückt waren nach Stars und Entertainment, um dem Alltag zu entfliehen.

Neben der sehr dominanten Liebesgeschichte hätte ich mir noch mehr Einblick in Marys Arbeit als Schauspielerin und vor allem Filmproduzentin gewünscht. Wie der Untertitel verrät, legt Emily Walton klar den Fokus darauf, in welchem Ausmaß ihre Liebe zu Douglas sie veränderte und ihr zu einem selbstbestimmten Leben verhalf.

Bewertung vom 07.07.2021

Schreibtisch mit Aussicht


ausgezeichnet

Wer begeistert ein Buch verschlungen hat, macht sich selten Gedanken darüber, welch harte schriftstellerische Arbeit und Willenskraft dahinter steckt. Einen Blick hinter die Kulissen gewährt uns Ilka Piepgras mit Werkstattberichten von 24 berühmten Schriftstellerinnen wie Siri Hustvedt, Katharina Hagena oder Deborah Levy.

So unterschiedlich wie die Werke der Autorinnen sind auch die Texte, in denen sie uns ihre Einstellung zum Schreiben, ihre Motivation, Vorbilder und Rituale näher bringen. Mütter wie Anne Tyler erzählen davon, wie rar und kostbar im streng durchgetakteten Alltag jene Momente sind, in denen sie am Stück schreiben kann. Für Eva Menasse ist die Schreibroutine wie ein Helikopterlandeplatz, der täglich gepflegt werden muss und auf dem sie mehr Zeit mit dem Umschreiben als mit dem Schreiben verbringt. Besonders bewegt hat mich der Text von Kathryn Chetkovich mit dem Titel „Neid.“ Sie beschreibt, in welchen Konflikt sie geriet, als sie sich in einen Schriftsteller verliebte, der in ihren Augen besser schrieb als sie und mit seinem veröffentlichten Roman tatsächlich große Erfolge feierte.

Ich war erstaunt, dass viele Schriftstellerinnen keinen Plot planen, sondern sich von bestimmten Bildern und von ihrer Intuition leiten lassen, bevor es dann ans Eingemachte und an die mühsame handwerkliche Arbeit geht. Wie erfahren nicht nur, wie sie zu ihren Romanideen kamen, sondern auch interessante biografische Hintergründe wie Kindheitserinnerungen, Erlebnisse in Schreibseminaren oder persönliche Träume und Fantasien. Die vielseitigen Essays waren für mich sehr inspirierend.

Bewertung vom 04.07.2021
Ditlevsen, Tove

Abhängigkeit / Die Kopenhagen-Trilogie Bd.3


sehr gut

Der Titel des dritten Teils der Kopenhagen-Trilogie verheißt nichts Gutes. Dabei ist Toves Wunsch, den 30 Jahre älteren Verleger Viggo Fr. Møller zu heiraten, in Erfüllung gegangen. Doch das Eheleben mit ihm wird zu einer Enttäuschung, was zu einer Reihe von neuen männlichen Bekanntschaften und Liebschaften führt.

In diesem Teil verlor die Erzählerin deutlich Sympathiewerte. Mit dem Studenten Ebbe und der gemeinsamen Tochter hat sie allen Grund, glücklich zu sein, doch sie begeht wissentlich eine Torheit nach der anderen, verhält sich egoistisch und selbstzerstörerisch. Am liebsten hätte ich sie kräftig geschüttelt und zur Vernunft gebracht.

Es ist schmerzhaft, wie nüchtern und fatalistisch Tove ihre Medikamentensucht und den Teufelskreis beschreibt, als wäre sie fremdgesteuert. Ihren einst starken Willen und ihre Entschlossenheit, die ich so bewundert hatte, richtet sie nicht mehr auf ihre schriftstellerische Karriere, sondern einzig und allein darauf, in den Besitz von Pillen zu kommen. Wie ehrlich und offen sie über ihre Sucht schreibt, verdient allerdings größte Anerkennung.

Bewertung vom 23.06.2021
Schairer, Florian; Wollen, Vera; Schuchmann, Manfred

Die schönsten Städte Europas


sehr gut

Als großer Fan von Städtetrips war ich sehr gespannt auf die akustische Reise von Amsterdam bis Zürich. Die beigelegte hübsch gestaltete Karte und das Booklet stimmen auf die bevorstehenden Reisestationen ein.

Startpunkt ist Kopenhagen, wo wir uns auf die Spuren des Architekten Arne Jacobsen begeben, der mit seinen Möbeln und Gebäuden das dänische Design stark geprägt hat. Während ich bei der Beschreibung schwedischer Zimtschnecken in Urlaubserinnerungen schwelgte, lernte ich im Osten Europas viel Neues kennen wie die Weißen Nächte in Sankt Petersburg oder die Studentenstadt Breslau.

Statt bekannte Sehenswürdigkeiten abzuklappern, wählen die Autoren ganz unterschiedliche Themen und Blickwinkel als Aufhänger, was mir sehr gut gefiel: z.B. Dubrovnik als Schauplatz der Serie 'Game of Thrones', den Gewürzhandel in Hamburg oder die Beatles in Liverpool. Sie gehen auch auf problematische Entwicklungen wie den Massentourismus in Barcelona und die Gentrifizierung in Porto ein.

Passende musikalische Klänge, Stadtgeräusche und Statements von Einheimischen in der Landessprache verstärken das Gefühl, mittendrin zu sein und durch das jeweilige Stadtviertel zu schlendern. Die Reisereportagen zeigen, welch kulturelle Vielfalt Europa zu bieten hat, und machen Lust, die nächste Erkundungsreise zu planen.

Bewertung vom 19.06.2021
Benjamin, Chloe

Die Unsterblichen


ausgezeichnet

Was wäre, wenn man wüsste, wie lange man noch leben wird? Diese Erfahrung machen vier Geschwister im Jahre 1969, nachdem sie bei einer Wahrsagerin waren, die ihnen ihren genauen Todestag vorhersagt. Es war zu erwarten, dass jeder von ihnen anders mit dem Wissen umgeht, zumal die vier sehr verschieden sind.

Simon, der Jüngste, geht nach San Francisco auf der Suche nach Freiheit, Liebe und Vergnügen. Klara, die ihn begleitet, versucht nach dem Vorbild ihrer Großmutter ihr Glück als Magierin. David und Varya sind die einzigen, die sich um den Zusammenhalt der jüdischen Familie bemühen.

Interessant ist, dass die vier Lebenswege nicht parallel, sondern chronologisch erzählt werden. Mit viel Einfühlungsvermögen arbeitet Chloe Benjamin die Charaktereigenschaften der Figuren, die Beziehungen untereinander und ihre Erwartungen an das Leben heraus. Es geht um Geschwisterliebe, Sehnsüchte und Selbstvorwürfe, verpackt in eine raffiniert konstruierte und literarisch anspruchsvolle Familiengeschichte, die bei mir noch lange nachgeklungen hat. Am Ende kann jeder die Frage, ob er lieber furchtlos oder voller Vorsicht leben möchte, für sich selbst beantworten.

Bewertung vom 16.06.2021
Kornberger, Ruth

Frau Merian und die Wunder der Welt


sehr gut

Über die Naturforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian hatte ich schon einmal einen Bericht gelesen. Damals ahnte ich noch nicht, was für eine interessante Persönlichkeit sie war: talentiert, mutig, unkonventionell und zielstrebig. In diesem eindrucksvolle Roman hat mir Ruth Kornberger die außergewöhnliche Frau und ihre langersehnte Forschungsreise nach Surinam nähergebracht.

Zunächst erfahren wir, welche Anstrengungen die alleinerziehende Mutter zweier Töchter unternahm, um ihren Traum zu verwirklichen. Mit einer bewundernswerten Entschlossenheit und Hartnäckigkeit lässt sie nichts unversucht, um Investoren für ihre Reise zu gewinnen. In jeder Zeile spürte ich ihr Fernweh und ihre Hingabe, mit der sie Insekten studierte und zeichnete.

Ihre Reisevorbereitungen waren für mich genauso spannend zu lesen wie die Überfahrt von Amsterdam nach Surinam und ihre Erlebnisse vor Ort. Sehr lebendig und authentisch entfaltet die Autorin das Setting vor unseren Augen – nicht nur exotische Pflanzen und Tiere, sondern auch negative Aspekte wie die Sklaverei, die Konflikte zwischen Einheimischen und Plantagenbesitzern und die Widrigkeiten der Natur. Einziger Wermutstropfen war die eingebaute Liebesgeschichte, die im Laufe der Handlung zu viel Raum einnahm und den Genuss der Lektüre etwas schmälerte.