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LEXI
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Österreich

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Insgesamt 392 Bewertungen
Bewertung vom 04.05.2019
Jacquemin, Patrick

Der Duft von Gras nach dem Regen


gut

Wie habe ich vergessen können, dass das Paradies so nah ist?

Annabelle Dumas ist eine erfolgreiche, von ihrer Arbeit besessene Karrierefrau. Als Gründerin einer Bank vernachlässigte sie zugunsten ihres fordernden Berufes sowohl ihren Ehemann Francois, als auch ihre achtjährige Tochter Léna. Eine Scheidung und ein geteiltes Sorgerecht sind die Folgen ihres leistungsorientierten Lebens. Annabelle leidet an Schlafstörungen, fühlt sich verloren und stellt ihr Leben infrage. Kurz vor dem drohenden Burn-out beschließt sie, einige Tage auf dem Land zu verbringen. Sie trifft auf einen siebzigjährigen archaisch lebenden Einzelgänger namens Georges Lesage, der ein ungewöhnliches Leben führt. Anabelle fühlt sich mehr und mehr zu diesem einfachen und stillen Dasein hingezogen und beneidet den alten Mann um seinen Seelenfrieden. Die Natur ist das Lebenselixier von George, ebenso wie die Welt der Bücher, in die er sich leidenschaftlich vertieft. Obgleich er sehr gebildet, einfühlsam und galant ist, zieht er das Leben abseits anderer Menschen vor. Doch Georges besitzt eine außergewöhnliche Gabe, die – wie sich nach und nach herausstellt – auch in Annabelle schlummert. Die faszinierende Zufallsbekanntschaft mit George stellt Annabelles Leben völlig auf den Kopf. Sie hinterfragt ihre bisherigen Lebensziele und führt sich endlich die wirklich wichtigen Dinge vor Augen.

Patrick Jacquemin stellt im vorliegenden Roman zwei völlig konträre Welten gegenüber. Seine lebhafte, charmante und äußerst zielstrebige Protagonistin Annabelle versinnbildlicht das hektische, nach finanzieller Sicherheit, Geld und Macht strebende Denken und Handeln der modernen Zeit. Im Gegensatz dazu lebt George in ruhigem Einklang mit der Natur, verzichtet gerne auf die neuen technischen Errungenschaften und geht achtsam mit seinem Land, der Tier- und Pflanzenwelt um.

Der Autor wartet mit sehr gut charakterisierten handelnden Figuren auf, beschränkt sich hierbei jedoch auf die beiden Protagonisten. Etwaige Nebenfiguren tauchen lediglich in Form von kurzen Erwähnungen auf und spielen kaum eine Rolle in diesem Buch. Dialoge mit der Natur und die Gedankenwelt der beiden Hauptfiguren wurde kursiv dargestellt, viele Lebensweisheiten in die Handlung eingebaut. Dennoch vermochte der Autor mich nicht ganz von seiner Geschichte zu überzeugen. Der atemberaubenden Schönheit der Natur wurde beispielsweise durch die akribische und bildhafte Beschreibung von Blumenwiesen oder ruhigen, meditativen Begegnungen mit Bäumen Ausdruck verliehen. Trotzdem fehlte mir bei diesem Buch etwas, das ich nicht wirklich zu benennen vermag. Ich konnte keine richtige Sympathie für Annabelle und George aufbringen, sie bezogen mich emotional nicht genügend ein. Dies könnte vielleicht auch der Kürze dieser Geschichte von nur etwas über einhundert Seiten (E-Book) geschuldet sein. Auch das Ende, auf das ich aufgrund etwaiger Spoiler nicht näher eingehen möchte, empfand ich als zu rasch herbeigeführt und wenig zufriedenstellend, es war für mich ebenfalls nicht ganz zufriedenstellen.

„Der Duft von Gras nach dem Regen“ ist eine durchaus lesenswerte Geschichte, die den Fokus auf die Verbundenheit mit der Natur lenkt. In einem einnehmenden Sprachstil lässt Patrick Jacquemin das Leben und das Umfeld seines Protagonisten Georges Lesage bildhaft vor den Augen des Lesers erscheinen, auch die eingebauten Lebensweisheiten fand ich zum Teil bereichernd. Mit gemischten Gefühlen möchte ich daher eine etwas eingeschränkte Leseempfehlung und drei Bewertungspunkte für dieses Buch vergeben.

Bewertung vom 01.05.2019
Croft, Kathryn

Als Grace verschwand


gut

Wo bist du, Grace? Und wer bist du?

„Sie müssen mir helfen, Simone. Ich glaube, dass ich Ihre Tochter bin, und Sie müssen mir helfen herauszufinden, was mit mir passiert ist.“

Das Auftauchen einer jungen Frau mit langem schwarzem Haar lässt in Simone Porter alte Wunden aufreißen. Vor achtzehn Jahren wurde ihre sechs Monate alte Tochter Helena während einer Spazierfahrt im Park entführt und blieb fortan spurlos verschwunden. Simones Bemühungen, diesen unfassbaren Schicksalsschlag zu verarbeiten und irgendwie weitermachen zu können, scheinen auf einem Schlag zunichte gemacht. Denn die junge Frau übergibt Simone einen Beweis für ihre Identität, den sie nicht so einfach ignorieren kann. Doch kurze Zeit später erscheint Grace nicht wie vereinbart bei Simone – ihre vermeintliche Tochter ist erneut verschwunden. Simone wendet ihre ganze Energie auf, um endlich die Wahrheit herauszufinden. Dabei stößt sie jedoch auf unvorstellbar grausame Tatsachen, die sie selber in Lebensgefahr bringen.
Diese Neuerscheinung aus der Feder von Kathryn Croft weckte aufgrund der interessanten Thematik mein Interesse. Ein lange zurückliegender Entführungsfall, und die Hoffnung, die vermisste Tochter wieder in die Arme zu schließen, erzeugten große Erwartungshaltung. Mein Wunsch, an der Seite der Protagonistin die Wahrheit über Helenas Verbleib herauszufinden, ließ mich sogar die Tatsache akzeptieren, dass die Autorin ihre Geschichte im Präsens erzählt, ein Schreibstil, den ich ansonsten ablehne. Dennoch gestaltete sich bereits der Einstieg ins Buch als äußerst spannend. Die Autorin baut rasch einen Spannungsbogen auf, der schließlich in einem rasanten Finale endet. Das Buch besteht aus zwei Handlungssträngen. Während der erste sich mit dem Entführungsfall und der Geschichte von Simone und Matthew Porter befasst, liegt der Fokus im zweiten Teil auf die zum Teil sehr detaillierte Beschreibung sadistischer Störungen und sexuell motivierter Morde. Es folgen grauenhafte Szenen brutaler Vergewaltigungen wehrloser Frauen mit tödlichem Ausgang, die dieses Buch zu einer deprimierenden und erschütternden Lektüre machen.

Die handelnden Figuren sind zwar gut ausgearbeitet, vermochten es jedoch nicht ganz, mich zu überzeugen. Simone Porter wird als eine aktive und erfolgreiche TV-Producerin dargestellt, die ihren Mann Matthew, einen praktischen Arzt mit eigener Praxis, sehr zugetan ist. Sowohl für Matthew, als auch für Simone steht nach dem Verschwinden ihres Babys die berufliche Pflicht an erster Stelle. Von Grace Rhodes, der eigentlichen Protagonistin dieses Buches, hätte ich gerne mehr erfahren. Sie wird nur oberflächlich gezeichnet und ich hatte bis zuletzt das Gefühl, sie trotz einiger Rückblenden gar nicht wirklich kennengelernt zu haben. Als interessante Nebenfiguren würde ich auf jeden Fall Virginia „Ginny“ Rhodes und Simones Arbeitskollegen Abbot Jackson bezeichnen. Die beiden werden in Simones Ermittlungstätigkeit involviert und waren für mich Sympathieträger. Die hübsche Charlotte Bray blieb mir lange ein Rätsel, und hinsichtlich Miriam Porter bedauerte ich es ganz besonders, dass sie lediglich eine winzige Nebenrolle im Geschehen innehatte.

Fazit: „Als Grace verschwand“ war eine Lektüre, die sehr widersprüchliche Emotionen in mir erzeugte. Einerseits hat mir der Entführungsfall um Helena Porter mit dem großen Spannungsfaktor und dem völlig überraschenden Ausgang sehr gut gefallen. Den zweiten Handlungsstrang mit den perversen sexuell motivierten Gräueltaten und den derben Ausdrücken hätte ich mir jedoch gerne erspart. Da es zu meinem Bedauern nicht möglich ist, diese beiden Teile unabhängig voneinander zu beurteilen, kann ich für dieses Buch nur eine eingeschränkte Leseempfehlung aussprechen.

Bewertung vom 01.05.2019
Taylor, Kathryn

Das Licht im Dunkeln / Dunmor Castle Bd.1


ausgezeichnet

Das Geheimnis um Dunmor Castle

Alexandra „Lexie“ Cavendish wird von ihrem Vorgesetzten Andrew Howard nach Dunmor Castle beordert. Der Immobilienspekulant plant, die Burg nach dem Kauf zu einem Luxushotel umzubauen. Als Lexie im Zuge eines ihrer schrecklichen Albträume wieder einmal schlafwandelt, wird sie beinahe von einem schwarzen BMW überrollt. Der attraktive Fahrer stellt sich jedoch als schärfster Konkurrent von Lexies Vorgesetztem heraus. Grayson Fitzgerald ist erfolgreicher New Yorker Immobilienspekulant sowie Chef und Gründer der Fitzgerald Holding. Lexies Auftauchen stört seine eigenen Interessen und seine anfangs fürsorgliche und charmante Art wandelt sich rasch zu Abneigung und kaum verhohlenen Groll. Grayson möchte als Sohn des Burgbesitzers mit aller Macht verhindern, dass der Familienbesitz in fremde Hände gelangt. Darüber hinaus scheint der gesamte Ort Kenntnisse über Lexies Mutter zu besitzen, von denen sie selber bislang nichts ahnte. Nach und nach erfährt sie Einzelheiten, begegnet aber in erster Linie Misstrauen und Ablehnung. Dunmor Castle umgibt ein großes Geheimnis, welches zu wahren sich die gesamte Bevölkerung scheinbar verschworen hat.

Kathryn Taylor erzählt im vorliegenden Roman die Geschichte eines jungen Mädchens, das in Pflegefamilien und Heimen aufgewachsen ist und so gut wie nichts über ihre Herkunft weiß. Erst Lexies Ankunft in Cerigh lässt nach und nach Erinnerungsfragmente an die Oberfläche kommen, doch die Einwohner sind nur widerwillig bereit, Einzelheiten preiszugeben. Durch das große Geheimnis um die Vergangenheit von Lexie und ihrer Mutter entsteht im Buch ein gewisser Spannungsbogen, der bis zuletzt aufrecht gehalten wird und in einen brandgefährlichen und adrenalingeladenen Cliffhanger mündet.

Kathryn Taylors einnehmender Schreibstil und die lebendige Charakterzeichnung ihrer handelnden Figuren haben mir ausnehmend gut gefallen. Durch Anmerkungen und geschickte Hinweise weckt die Autorin immer wieder die Neugier des Lesers, die Personen der Handlung sind teilweise undurchschaubar und verschlossen. In Lexie Cavendish findet man eine einfühlsame junge Frau, der sich nach einer schweren Kindheit und einer gescheiterten Ehe die unerwartete Gelegenheit bietet, endlich etwas über ihre leibliche Familie in Erfahrung zu bringen. Grayson Fitzgerald wird als charakterstarker und liebevoller Mann dargestellt. Seine anfangs abweisende und zornige Haltung Lexie gegenüber wird nach und nach von einer wachsenden gegenseitigen Anziehungskraft abgelöst. Dieses Buch wird mit interessanten und teilweise sogar sehr liebenswürdigen Nebenfiguren bereichert, die jedoch nur zögernd dazu beitragen, Licht in Lexies Dunkelheit zu bringen. Besonders durch die Erzählungen von Eileen Kelly, der ehemals besten Freundin ihrer Mutter, erfährt sie wichtige Details. In Sheila Murphy, der Wirtin des Castle Inn in Cerigh, begegnet der jungen Frau jedoch eine bösartig agierende Persönlichkeit, die sie vom ersten Moment an aus tiefstem Herzen hasst. Father Peter Flaherty und seine resolute Haushälterin Mary Ward, der allseits beliebte pensionierte Arzt Dr. Clark Turner, der faule und nachlässige Ortspolizist Sergeant Eddie Sumner und Sheilas Ehemann Fred Murphy scheinen jedoch eindeutig mehr zu wissen, als sie zugeben oder Lexie gegenüber äußern möchten. Die Autorin verstand es wunderbar, die eingeschworene Gemeinschaft des kleinen irischen Städtchens Cerigh authentisch darzustellen.

Fazit: „Dunmor Castle – Licht im Dunkeln“ hat mich bereits nach wenigen Seiten gefesselt. Der Roman versprüht den Charme einer wunderschönen irischen Landschaft und seiner Einwohner, vermittelt das Gefühl der Spannung angesichts des Geheimnisses um die Burg und den Verbleib von Lexies verschwundener Mutter, und endet mit einem beinahe unerträglichen Cliffhanger, der meine Vorfreude auf die Fortsetzung ins Unermessliche steigert.

Dieser Roman aus der Feder Kathryn Taylors hat mir ausgezeichnet gefallen!

(gekürzte Fassung)

Bewertung vom 01.05.2019
Douglas, Donna

Ein neuer Anfang / Die Schwestern aus der Steeple Street Bd.1


ausgezeichnet

Ein Neuanfang in Leeds

Die examinierte Krankenschwester Agnes Sheridan aus London wagt nach einem dunklen Kapitel ihres jungen Lebens einen Neuanfang und beginnt eine Ausbildung als Gemeindeschwester in Leeds. Sie verdankt dem Nightingale Hospital in Bethnal Green ein umfangreiches Fachwissen, auf ihre neue Tätigkeit in Quarry Hill ist sie jedoch nicht vorbereitet. Die Menschen in diesem heruntergekommenen und bitterarmen Viertel akzeptieren die hochnäsig wirkende junge Schwester nicht, zu alledem bringt ihr die stellvertretende Gemeindepflegeleiterin Bess Bradshaw nichts als Ablehnung und Kritik entgegen. Doch das Cedar House in der Steeple Street in Leeds ist die einzige Alternative, die Agnes geblieben ist. Während sie Tag für Tag um die Anerkennung der Ausbildner und Patienten ringt, versucht sie, auch ihr Privatleben wieder in den Griff zu bekommen.

Donna Douglas thematisiert im vorliegenden ersten Band ihrer neuen Buchreihe die Gemeindepflege im England der 1920er Jahre und das Alltagsleben der Gemeindeschwestern. In sehr einnehmendem und flüssigem Schreibstil erzählt sie von Agnes Sheridans Aufnahme in die Gemeinschaft der Gemeindeschwestern und ihren Bemühungen, sich zu integrieren. Die handelnden Figuren dieses Buches wurden sehr gut charakterisiert, ihre Motive, Gedanken und Emotionen überzeugend zum Ausdruck gebracht. Die Autorin verstand es, mich vom ersten Moment an in die Geschichte einzubeziehen und ich durfte an der Seite von Agnes Sheridan fasziniert den Alltag einer Gemeindeschwester mitverfolgen. Agnes Sheridan wird als Protagonistin große Aufmerksamkeit zuteil, ihr stehen jedoch starke Nebenfiguren zur Seite. Besonders ihre Zimmernachbarin Polly Malone, die stets mit Mrs. Bradshaw aneinander gerät, würde ich daher als zweite Hauptfigur benennen. Großes Augenmerk wird demzufolge auch auf die allseits gefürchtete Bess Bradshaw gelegt, die ihre Auszubildenden provoziert und sie mit Härte und scharfer Kritik in Angst und Schrecken versetzt. Die zahlreichen Nebenfiguren der Handlung sind einerseits die teils skurrilen Patienten der rührigen Gemeindeschwestern, andererseits ihr eigenes privates Umfeld, das ebenfalls beleuchtet wird. In Form von Rückblenden erfährt man nach und nach den Grund für den Neubeginn der Agnes Sheridan sowie dem angespannten Verhältnis zwischen Bess Bradshaw und Polly Malone. Durch kritische Situationen bei der Arbeit mit den Patienten wird ein wenig Spannung ins Buch eingebracht, eine kleine Liebesgeschichte sorgt für Romantik. Meine ganze Sympathie galt dem vom Leben enttäuschten Friedhofsgärtner Finn Slater, seinem Großvater Henry und ihrem tierischen Begleiter Job (Hiob). Besonders Finns Geschichte hat mich tief berührt. Als interessanteste Nebenfiguren würde ich die beiden Patienten Norman Willis und Isaiah Shapcott anführen, und zu meinen persönlichen Antagonisten zählen der attraktive Referendar Oliver Umansky, der scheinheilige Hilfspriester Matthew Elliott sowie die Mitglieder von Agnes‘ Familie.

FAZIT: „Die Schwestern aus der Steeple Street – Ein neuer Anfang“ war mein erstes Buch der Autorin Donna Douglas. Der Roman hat mich sehr gut unterhalten und mir höchst interessante Einblicke in die Arbeit einer Gemeindeschwester im England der zwanziger Jahre gewährt. Der einnehmende Schreibstil und die überzeugenden handelnden Figuren machten dieses Buch zu einer Lektüre, die ich nicht mehr aus der Hand legen konnte. Es hat mir ausgezeichnet gefallen und ich freue mich bereits jetzt auf den Nachfolgeband.

Bewertung vom 26.04.2019
Joachim, Karin

Johannisglut


ausgezeichnet

Die Tote am Aremberg

Eine Wandergruppe, bestehend aus ehemaligen Kommilitonen einer universitären Theatergruppe, macht sich auf den Weg zum AhrSteig. Jana Vogt wird als Fotografin für Erinnerungsfotos engagiert. Der Jubiläumsausflug der ehemaligen Studenten findet ein vorzeitiges Ende, als ein Mitglied der Gruppe tot aufgefunden wird. Jana, von Beruf Tatortfotografin bei der Kriminalpolizei Koblenz, erkennt Zusammenhänge mit einem dreißig Jahre alten unaufgeklärten Vermisstenfall. Die Verunsicherung der Wanderer ist groß, und letztendlich könnte jeder von ihnen der Täter sein.

Karin Joachim präsentiert im vorliegenden Kriminalroman „Johannisglut“ den dritten Ermittlungsfall mit Jana Vogt als Protagonistin. Als Schauplatz der Handlung wählt sie den anspruchsvollen, aber wunderschönen Wanderweg „AhrSteig“, dessen idyllische Wald- und Wiesenpfade und einsame Hochplateaus sie in eindrucksvollen Worten beschreibt und dem Leser dadurch bildhaft vor Augen führt.

Die Charaktere sind interessant, teils etwas undurchsichtig dargestellt, was den Leser dazu verleitet, Mutmaßungen hinsichtlich der Identität des Täters anzustellen. Man rätselt über Rainer Großmanns Motivation als Organisator für dieses Treffen, exakt drei Jahrzehnte nach dem mysteriösen Vermisstenfalls. Der passive und jegliche Konversation vermeidende Ralf Kuhn zeigt eine zurückhaltende Fassade, während Jörg Orlowski als Lebenskünstler und Gastronom die Provokation sucht. Mit Ulrike Daus wird die Gruppe um eine über den Dingen stehende Fernsehschauspielerin ergänzt, die bodenständig wirkende Antje Haak zeigt sich kommunikativ und ausdauernd. Die sportliche Kordula Lück, die ausgeglichene Englischlehrerin Dorothee Pflüger, Christoph Würtz und die mit ihrem Leben unzufriedene Ruth vervollständigen die Wandergruppe. Die Autorin erlaubt jeweils kurze Einblicke in den Charakter und hinter die Fassaden ihrer Figuren, legt dabei geschickt falsche Fährten und erzeugt dadurch einen gewissen Spannungsbogen im Buch. Zwischenmenschliche Beziehungen, aber auch die Arbeit der Polizei stehen im Zentrum des Geschehens. Der Leser darf gespannt die Ermittlungen von Jana Vogt und ihrem Vorgesetzten, dem Hauptkommissar der Kripo Koblenz namens Clemens Wieland, verfolgen. Der kleine tierische Protagonist „Usti“ begleitet in Gestalt eines Airedale Terriers sein Frauchen Jana Vogt und bereichert mit seiner vorwitzigen und lebensfrohen Art die Handlung. Ein Aspekt dieser Geschichte widmet sich auch den zwischenmenschlichen Beziehungen, allen voran der privaten Liaison von Jana Vogt und Clemens Wieland.

Obgleich es sich um den dritten Band einer Krimireihe handelt, fand ich mich auch ohne Kenntnisse der Vorgängerbände sofort in der Geschichte zurecht. Einige kurze Hinweise auf vergangene Ereignisse weckten in mir sofort den Wunsch, „Krähenzeit“ und „Bittertrauben“ ebenfalls zu lesen. Der äußerst gelungene Schreibstil der Autorin und ein komplexer, gut ausgefeilter Kriminalfall machten dieses Buch zu einem ganz besonderen Lesevergnügen. Ich freue mich, die Werke von Karin Joachim durch ihre Neuerscheinung „Johannisglut“ entdeckt zu haben und werde zukünftig keine Neuerscheinung aus der Feder dieser vielversprechenden Krimiautorin verpassen.

Fazit: „Johannisglut“ hat meinem Lesegeschmack voll und ganz entsprochen, ich fühlte mich durch den vorliegenden Kriminalfall und die detaillierten Beschreibungen von Personen und Landschaft sehr gut unterhalten. Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen!

Bewertung vom 22.04.2019
Bell, Annis

Die drei Freundinnen / Hill House-Trilogie Bd.1


ausgezeichnet

Drei Schwestern im Geiste: Alice, Rose und Vera

„Es gibt nichts Grauenvolleres und nichts Dümmeres als den Krieg. Am Ende bleiben nur Verlierer. Aber die Zeichen stehen nicht gut.“

Das Jahr 1912 ist von der wachsenden Konfliktsituation in Europa geprägt, es herrscht eine aufgeheizte Stimmung. Die liberal erzogene Alice Buxton lebt mit ihrem Vater Geoffrey auf ihrem Wohnsitz „Hill House“ in Südengland. Der frühe Tod von Alices Mutter und Geoffreys über alles geliebte Ehefrau, seine Muse und sein ganzer Halt warfen den sensiblen Künstler völlig aus der Bahn. Alice brach daraufhin ihre Schulausbildung ab und kümmert sich nun liebevoll um ihren Vater und den Haushalt. Ihre große Leidenschaft gilt dem Garten und der Arbeit darin.

Rose Mandeville gehört als Tochter des Duke of Mandeville zum englischen Hochadel, sie lebt auf dem Anwesen „Mandeville Park“ und ist Alices beste Freundin. Die elegante Aristokratin rebelliert gegen die Heiratspläne ihrer Eltern, sie träumt davon, ebenso wie ihr Bruder Spencer Rechtswissenschaften zu studieren. Doch Frauen ist das Studium untersagt. Roses Begeisterung für die Frauenrechtsbewegung bringt sie bald in gefährliche Situationen, der intensive Kontakt der jungen Adeligen zu den Sufragetten ist dem Duke und der Duchess of Mandeville ein Dorn im Auge.

Vera Lyttleton ist ein Jahr jünger als Alice und Rose, wurde jedoch warmherzig in dem Bund der Freundinnen aufgenommen. Als Tochter des jähzornigen religiösen Eiferers Oswald Lyttleton hat sie kein leichtes Leben, das Zusammensein mit Alice und Rose bedeutet dem schlaksigen und unscheinbaren Mädchen viel.

Annis Bell siedelt ihren Roman in politisch kritischen Zeiten an und wählt als Schauplatz das Anwesen Hill House im Südengland des Jahres 1912. Durch Rose Mandeville thematisiert sie unter anderem auch die Suffragettenbewegung, das Buch endet schließlich zwei Jahre später mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Im vorliegenden ersten Band ihrer Trilogie konzentriert die Autorin sich auf Alice Buxton, sie wird als aufgeklärte und weltoffene Persönlichkeit dargestellt. Ihre mitfühlende und umsichtige Art und ihre praktische Veranlagung brachten der Protagonistin auf der Stelle große Sympathiewerte ein. Alice zeichnet zudem ein liebevoller Umgang mit ihrem verwitweten Vater und ihrer kränklichen Tante Charlotte aus. Ihrer Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ansichten wird unter anderem auch bei einer Begegnung mit der bekannten Ärztin und Pädagogin Maria Montessori zum Ausdruck gebracht. Das Boehemeleben der Eltern und die unkonventionellen und illustren Gäste auf Hill House erweiterten ihren Horizont.

Zu meiner Freude erstreckt sich die glaubwürdige Darstellung der handelnden Personen nicht allein auf die Protagonistin, sondern auch auf die Nebenfiguren dieses Buches, wobei ich Alices Tante Lady Charlotte Beresford als meine persönliche Favoritin anführen möchte. Durch den Besuch in der Villa Carlotta wird das Leben in dem kleinen Fischerort an der toskanischen Küste namens Castiglioncello beschrieben. Die zierliche und humorvolle Tante Charlie legt trotz ihrer ernsten Lungenerkrankung große Lebensfreude an den Tag, sie ist feinfühlig und großzügig.

Sebastian Fitzroy und Lorenzo Ranieri sind zwei völlig unterschiedliche Männer, beide lassen jedoch Alices Herz höherschlagen. Letztendlich muss sie sich zwischen dem intelligenten Historiker und zweitem Sohn des Earl of Ravenor, und dem charismatischen Korrespondenten in Krisengebieten entscheiden.

Die sprachlich-stilistische Gestaltung dieser Geschichte hat mir gefallen, ich fühlte mich sehr gut unterhalten und wurde rasch in die Handlung einbezogen. Das Ende des Buches verheißt eine interessante Fortsetzung – zweifellos mit Rose oder Vera als Protagonistin.

Fazit: Dieser Roman aus der Feder von Annis Bell hat mir großes Lesevergnügen bereitet und mich ausgezeichnet unterhalten - gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

(gekürzte Fassung)

Bewertung vom 21.04.2019
Farjeon, J. Jefferson

Dreizehn Gäste


sehr gut

Der Beobachter sieht vom Spiel das meiste

John Foss bricht aufgrund eines aufwühlenden Briefes völlig unverhofft zu einer Reise mit unbekanntem Ziel auf. Als er sich auf dem Bahnsteig eine Fußverletzung zuzieht, wird er kurzerhand von der reizenden Witwe Nadine Leveridge mitgenommen. Sie ist unterwegs nach Bragley Court, dem Sitz der Familie Aveling. Lord und Lady Aveling haben zu ihrer Hausparty zwölf Gäste geladen – mit dem unverhofft eintreffenden John Foss sind es jedoch auf einmal dreizehn Gäste. Als eine Leiche entdeckt wird, ist es mit der Ruhe auf dem friedvollen und atmosphärischen Landsitz vorbei. Der Täter könnte im Grunde jeder gewesen sein, und als der clevere Detective-Inspector Kendall die Ermittlungen aufnimmt, muss er mürrisch feststellen, dass einige der anwesenden Gäste bereits auf eigene Faust Untersuchungen angestellt haben.

Mit dem Buch „Dreizehn Gäste“ durfte ich mein erstes Werk des erfolgreichen Krimiautors Joseph Jefferson Farjeon aus dem Jahre 1936 kennenlernen. Die gewählte Ausdrucksweise hat mich sofort in den Bann gezogen, und ich schätzte den ruhigen, auf die handelnden Figuren und auf die Ermittlungen fokussierten Schreibstil des Autors. Die Personen dieses Buches wurden detailliert beschrieben, sowohl Charakterzeichnung als auch Handlung punktete mit Authentizität. Der unerwartete Gast John Foss ist stiller Beobachter, er verfolgt die Aktivitäten von Lord und Lady Aveling, ihrer Tochter, der Ehrenwerten Anne, deren Verehrer, den Cricketspieler Harold Taverley und den restlichen Gästen. Die betörend schöne Witwe Nadine Leveridge fühlt sich zum freundlichen und empfindsamen John Foss hingezogen, der linkische Portraitmaler Leicester Pratt scheint den berühmten Klatschreporter Lionel Bultin ausnehmend gut zu kennen. Sir James Earnshaw ist liberaler Abgeordneter, aufgrund seiner Empfehlung wurde auch das Ehepaar Chater eingeladen, von dem im Grunde keiner der Anwesenden etwas weiß. Die ehrgeizige Schriftstellerin Edyth Fermoy-Jones präsentiert den Ermittlern nach dem Mord ihre eigene Theorie, während die lebhafte und aufgeweckte Schauspielerin Zena Wilding eine seltsame Unruhe an den Tag legt. Von der Familie Rowe hört man nur wenig, und schließlich ziehen auch das hübsche Hausmädchen Bessie Hill, der Butler Thomas Newson und der chinesische Koch Leng gewisse Aufmerksamkeit auf sich. Letztendlich mischt auch ein Unbekannter in diesem Spiel mit, dessen Identität bis zuletzt nicht preisgegeben wird – und Inspector Kendall hat alle Hände voll zu tun, um Licht ins Dunkel zu bringen.

Mit großer Liebe zum Detail wird dem Leser zu Beginn des Buches ein ausführlicher Einblick in die einzelnen Charaktere gegeben, während die eigentliche Kriminalhandlung erst nach und nach ins Laufen kommt. Kleine Beobachtungen stellten sich am Ende als wichtige Hinweise heraus, und der Autor verstand es, ein Gefühl für seine Figuren und die Atmosphäre auf Bragley Court zu vermitteln. Eine leichte Spannung setzt mit der Entdeckung eines Toten ein und bleibt bis zum Ende des Buches konstant aufrecht.


FAZIT: „Dreizehn Gäste“ war eine sehr interessante und anregende Lektüre – ein Kriminalfall, der mich sehr gut unterhalten hat. Ich kann dieses Buch Krimiliebhabern und insbesondere Fans von Agatha Christie wirklich ans Herz legen. Eine komplexe Handlung, das gemächliche Erzähltempo und interessante Figuren vor der Atmosphäre des Landsitzes der Avelings machen den Reiz dieses beschaulichen Kriminalfalles aus.

Bewertung vom 14.04.2019
Dempsey, Eoin

Funken in der Dunkelheit


ausgezeichnet

Eoin Dempseys Geschichte beginnt mit dem Fund des verletzten Soldaten im Dezember 1943. In vielen Rückblenden berichtet er zugleich auch über die vergangenen Jahre, als ein so genannter „böhmischer Gefreiter“, ein Emporkömmling namens Hitler, im Zuge der nationalsozialistischen Revolution in Deutschland die Macht ergriff. Er thematisiert das Grauen, das damit im Land Einzug hielt und beschreibt die Auswirkungen des Regimes auf die Bevölkerung. In anschaulichen Worten berichtet er von der Grausamkeit und der Propaganda, erzählt von Willkür und der rücksichtslosen Auslöschung eines jeden Menschen, der sich dem Führer in den Weg zu stellen wagte. Ihre Mitwirkung an der Verbreitung der Wahrheit über die Gräueltaten der Nazis durch die Organisation „Die weiße Rose“ brachte Franka in allergrößte Gefahr, doch auch für ihre Unterstützung des verletzten Soldaten droht ihr die Todesstrafe. Franka wird als zutiefst verzweifelte Protagonistin dargestellt, die beinahe schon resigniert hatte. Die Chance, an der brandgefährlichen Mission dieses Soldaten aktiv teilzunehmen und womöglich damit zum Untergang des deutschen Reiches beizutragen, mobilisiert alle Kräfte in ihr. Mit großem Mut und unglaublichem Einsatz stürzen sich Franka und der Soldat in ein brandgefährliches Abenteuer, welches sie letztendlich ihr Leben kosten kann.

Abgesehen von einer grandiosen Umsetzung und einem Gespür für Situationen glänzt der Autor auch in der Darstellung seiner handelnden Figuren. Er konzentriert sich hierbei in erster Linie auf die beiden Protagonisten. In Form von Rückblicken erfährt der Leser etwas über Frankas Eltern und ihren Bruder Fredi. Gestapo-Kriminalkommissar Daniel Berkel sorgt als böser Antagonist für einen hohen Spannungsfaktor im letzten Drittel des Buches, der in ein atemloses Finale mündet.

„Funken in der Dunkelheit“ war für mich eine wertvolle Lektüre, ein in Romanform verfasster Einblick in eine sehr dunkle Epoche der Geschichte. Thematik und der bereits erwähnte Spannungsbogen sorgen dafür, dass man als Leser regelrecht ans Buch gefesselt wird und es nicht mehr aus der Hand zu legen vermag. Dieses Buch hat mir ausgezeichnet gefallen und ich kann es uneingeschränkt weiterempfehlen.

Bewertung vom 07.04.2019
Ziegler, Renate

Berenike - Liebe schenkt Freiheit


ausgezeichnet

Gebildete Sklavinnen sind nicht gefragt

Berenike lebte mit ihrem Vater in einem kleinen Dorf in Griechenland. Als Gelehrter legte Emaios großen Wert darauf, seiner Tochter Wissen zu vermitteln. Doch nachdem Emaios gegen Missstände in Rom aufbegehrte, wurde er ermordet und seine Tochter auf den Sklavenmarkt gebracht. Prätor Marcus Dequinius, einer der höchsten Richter Roms, kauft das verschreckte magere Mädchen mit dem blassen Gesicht und den warmen ausdrucksvollen Augen. Berenikes vorrangige Aufgabe wird es wird zukünftig sein, sich um die schulischen Belange und die Bildung seines Sohnes Claudius zu kümmern. Nachdem die junge Griechin erkennt, dass Marcus ein gerechter und geradliniger Mann ist, der seine Sklaven stets freundlich behandelt, verliert sie ihre Ängste und findet sich in ihrem neuen Leben zurecht. Schon bald liebt sie den kleinen Claudius wie einen eigenen Sohn und freundet sich sogar mit der forschen Camilla an, der die Verantwortung für die Haushaltsführung des Prätors obliegt. Camilla ist es auch, die ihr letztendlich den Christlichen Glauben nahebringt, doch das Geheimnis um den Glauben der beiden Sklavinnen muss um jeden Preis bewahrt werden. Denn Marcus Dequinius duldet keine Christen in seinem Haushalt…

Renate Zieglers Roman versetzte mich ins Jahr 92. n. Chr. und beschrieb in lebhaften Bildern das Alltagsleben der Römer sowie ihrer Sklaven. Die handelnden Personen waren sehr gut ausgearbeitet, sowohl die Protagonistin, als auch die Nebenfiguren vermochten es, mich zu überzeugen. Das größte Augenmerk wird auf Berenike gelegt und die langsame Akzeptanz ihres neuen Status sowie ihren Weg zum Glauben geschildert. Die Dialoge zwischen dem kleinen Claudius und Berenike haben mir besonders gut gefallen – Berenike argumentiert klug, umsichtig und vermittelt dem Jungen auf kindgerechte Art und Weise wichtige Werte. Sie wird eine Vermittlerin zwischen Vater und Sohn, und bahnt sich nicht zuletzt auch dadurch einen Weg in Marcus‘ Herz. Während ich dem prinzipientreuen und im tiefsten Inneren sehr warmherzigen Mann große Sympathie entgegenbrachte, empfand ich bei den Auftritten des Gaius Dexter genau das Gegenteil. Der großmäulige und zynische Lebemann führt nichts Gutes im Schilde, sogar sein Neffe Claudius scheint dies zu spüren. Die Sklavin Camilla und der alte Patrizier Quintus Varus spielten in diesem Roman ebenfalls relevante Rollen, allen anderen Nebenfiguren wurde eher wenig Aufmerksamkeit zuteil.

Der Glaube nimmt einen hohen Stellenwert im Buch ein, wobei die Autorin auch die Welt der römischen Götter und Götzen erwähnt. Durch die Arbeit des Marcus Dequinius erfährt man etwas über das Gerichtswesen in Rom und die latente Gefahr, in der die Anhänger des Christlichen Glaubens schwebten. Es wird zudem auf die Brutalität der zur öffentlichen Unterhaltung abgehaltenen Spiele im Römischen Reich hingewiesen, wo die Grausamkeit und die wahnsinnige Freude der jubelnden Menge am Tod nicht nur einem zart besaiteten Jungen Albträume bescheren.

Fazit: „Berenike. Liebe schenkt Freiheit“ stellte ein wunderschönes und bereicherndes Leseerlebnis für mich dar. Renate Ziegler versteht es hervorragend, Geschichte lebendig zu machen, ihre Leser in längst vergangene Zeiten zu versetzen und sie ins Geschehen zu involvieren. Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen und ich empfehle es sehr gerne weiter.

Bewertung vom 07.04.2019
Bohlmann, Sabine

Und das Glück der kleinen Dinge / Frau Honig Bd.2


ausgezeichnet

Na dann: willkommen, Frau Honig!

„Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.“

Bei den Kramers aus der Maiglöckchenstraße 7 gibt es einige Probleme. Der schwangeren Mutter geht es nicht gut, den Vater sehen sie nur selten, da der gelernte Bäcker sehr viel arbeiten muss, um den Lebensunterhalt für seine Familie zu verdienen. Auf der ältesten Tochter Leni lastet eine Verantwortung, die viel zu schwer für die Schultern der Fünfzehnjährigen ist. Als eines Tages eine zierliche Gestalt in gelber Kleidung mit einem Koffer und einem Bienenkorb vor der Türe steht und sich freundlich lächelnd als „Frau Elsa Honig“ vorstellt, zieht zusammen mit dem neuen Kindermädchen auch das Glück wieder ins Haus ein. Frau Honig entlastet die Mutter, kümmert sich um die Kinder, den Haushalt und den Garten, und sorgt dafür, dass auch Leni wieder Kind sein darf. Die positive und stets gutgelaunte Frau mit den gelb-schwarzen Ringelstrümpfen steuert mit einem Fingerschnippen und mit einem lauten Pfiff das Wetter, Luftballons helfen ihr beim Tragen schwerer Lasten, und ein hölzerner Kuckuck namens Caruso fungiert als höchst lebendige und agile Türklingel. Frau Honig wirbelt das Leben der Kramers gehörig auf und sorgt in jedem Lebensbereich für Verbesserungen. „Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen“ ist ihre Devise, und schon bald stellt sich heraus, dass die besten Dinge im Leben nicht umsonst, aber auf alle Fälle gratis sind.

Da ich weder den Vorgängerband „Frau Honig“ noch den Klassiker Mary Poppins gelesen habe, vertiefte ich mich neugierig und völlig unvoreingenommen ins Geschehen. Sabine Bohlmann hat in einem humorvollen, locker-leichten Schreibstil und in kindgerechter Sprache eine zauberhafte Geschichte ersonnen, in der ihre sonnige Protagonistin Frau Honig das Leben der Familie wieder auf die richtige Spur bringt. Das süße Radebrechen der kleinen Fee fand ich höchst amüsant – es brachte mich sehr oft zum Schmunzeln und ich konnte mir die niedliche Kleine mit den zwei dünnen Zöpfchen und der Feenflöte bildhaft vorstellen.

Bei den handelnden Figuren konzentriert die Autorin sich neben ihrer Protagonistin auf die Familienmitglieder der Kramers – Herr und Frau Kramer, die fünfzehnjährige Leni, die zwölfjährige Ida, die neunjährige Tilda, den achtjährigen Moritz, der lieber „Mo“ genannt werden möchte, und das kleine Nesthäkchen Felicitas mit dem Kosenamen „Fee“. Die griesgrämigen alten Nachbarn Ottilie und Basilius Piepenbrock sind skurrile Nebenfiguren, die letztendlich zu ungeahnten Höchstleistungen auflaufen.

In diesem Buch werden einem Kind auf verspielte und liebevolle Art und Weise wichtige Botschaften vermittelt. Sabine Bohlmann zeigt auf, wie wichtig es ist, sich Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu nehmen, an etwas oder jemanden zu glauben oder auch die Einzigartigkeit eines jeden Menschen zu respektieren und zu achten. Sie weist darauf hin, dass ein verschenktes Lächeln auch wieder eines zurückbringt, und erläutert die Notwendigkeit, anderen vorerst zuzuhören, um sie verstehen zu können. Natürlich erfährt man bei alledem auch ein klein wenig über die nützliche und wertvolle Arbeit der Bienen und ihren kleinen Eigenheiten, entzückende Illustrationen und ein hinreißendes Buchcover von Joelle Tourlonias runden das Gesamtpaket ab.

Was Sabine Bohlmann durch ihre Protagonistin Frau Honig über ihre Bienen verkündet, darf man getrost auch auf Kinder übertragen: „Jeder Stock ist anders. Jeder hat seine Eigenarten. Der eine ist so, der andere so. Und ganz egal, wie viel Honig am Ende herauskommt – ich liebe sie alle!“

„Frau Honig und das Glück der kleinen Dinge“ ist eine sehr schöne, lehrreiche und bezaubernde Geschichte, die mir ausgezeichnet gefallen hat und die ich jedem ans Herz legen kann!

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.