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hasirasi2
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Dresden

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Insgesamt 1268 Bewertungen
Bewertung vom 02.08.2024
Kalpenstein, Friedrich

Salute - Der letzte Espresso


ausgezeichnet

Eine Leiche im Keller

… hat Paul Zeitler leider nicht nur sprichwörtlich. Als er nach Ladenschluss in seinem Café Monaco in Bardolino die Toiletten kontrolliert, entdeckt er einen Toten, den er kurz zuvor noch der Zechprellerei verdächtigt hat. „Der letzte Espresso geht aufs Haus, wo auch immer sie jetzt sind.“ (S. 315)

Fast zeitgleich mit der Polizei steht die Presse im Café, aber das kennt Zeidler noch aus seiner Zeit als Hauptkommissar in München. Dass er früher Polizist war, weiß bisher niemand, und das soll auch so bleiben. Doch Commissario Lorenzo Lanza kommt natürlich schnell dahinter. Als sich dann herausstellt, dass der Tote Journalist bei der größten Tageszeitung der Gegend war, kommt die Frage auf, ob der Mord etwas mit Zeitlers Vergangenheit in München oder Gegenwart hier am Gardasee zu tun hat.

„Salute – der letzte Espresso“ ist der Auftakt der neuen Krimireihe von Friedrich Kalpenstein vor der traumhaften Kulisse des Gardasees.

Zeidler hat das Café vor anderthalb Jahren von einer Freundin übernommen und sich schon einen Namen gemacht, denn Touristen und Einheimische trinken ihren (hoffentlich nicht letzten) Espresso gleichermaßen gern bei ihm.
Er hat in München alle Brücken hinter sich abgebrochen und hier völlig neu angefangen. Aber da er gut mit Menschen umgehen kann und offen ist, hat er schon viele neue Freunde gefunden – vielleicht auch, weil er ihnen gern Mal einen Kaffee oder ein Gebäckstück ausgibt, wie ihn seine Vermieterin immer wieder rügt.
Doch so gut er auch als Barista und Gastgeber ist, der Polizist in ihm gibt keine Ruhe und will wissen, wie und warum es zu dem Mord kam.

Friedrich Kalpenstein hat wieder einen echten Wohlfühlkrimikosmos geschaffen. Zeidler zelebriert das Dolce Vita und genießt, was ihm die Region zu bieten hat. Das sind neben der Top-Lage am Gardasee die köstlichen Gebäckspezialitäten eines berühmten Konditors und die hervorragenden Weine, die im Restaurant neben seinem Café ausschenkt werden. Zeidler ist angekommen und bleibt auch bei nervigen Gästen entspannt.
Lanza ist mit seiner Arbeit verheiratet und ein guter Vorgesetzter, der sich gegenüber seinen Mitarbeiter nicht aufspielt, sondern sie als gleichberechtigte Partner sieht. Mit Zeidler wird er allerdings nicht gleich warm, da sich der Deutsche zu sehr in seine Ermittlungen einmischt.
Und da zu echten Männern auch schnelle Fahrzeuge gehören, wurde die filmreife Verfolgungsjagt kurzerhand auf den See verlegt.

Mich hat der spannende Fall sehr gut unterhalten. Ich habe den Täter (leider) nicht vor Lanza und Zeitler ermitteln können – mal sehen, wie das beim nächsten Fall aussieht. Außerdem gibt es einen eigensinnigen kleinen Chihuahua, der Zeitler fast die Show stehlen könnte.

Eine kleine Warnung zum Schluss: Falls ihr gerade eine Diät macht, schließt alle Vorräte weg. Ich habe beim Lesen gefühlt 10 kg zugenommen ...

Bewertung vom 30.07.2024
Maguire, Roisin

Mitternachtsschwimmer


sehr gut

Die heilende Kraft des Meeres

„Wieviel Zeit brauchst du?“ (S. 17) fragt Evan seine Frau Lorna, bevor er allein für eine Woche in das kleine Dorf Ballybrady an die irischen Küste fährt. Nach einem Unglücksfall ist ihre Ehe zerrüttet, Lorna redet nicht mehr mit ihm. Er mietet sich in einem alten Cottage ein, das verwohnt und voller Hinterlassenschaften früherer Mieter ist. Gesellschaftsspiele, zerlesene Bücher, alles weist auf glückliche Familienurlaube hin und macht ihn nur noch trauriger.
Evan kapselt sich ab, will seinen Weltschmerz zelebrieren und gibt unbewusst seiner Todessehnsucht nach. Mehr als einmal bringt er sich im bzw. auf dem Meer in gefährliche Situationen, aus denen ihn seine Vermieterin Grace rettet. Auch sie lebt extrem zurückgezogen, hat alte, nie verheilte Wunden und kann sich nur zu gut in Evan hineinversetzen. Wird ihr Credo: „Aufs Wasser blicken vertreibt den Kummer und heilt allen Herzschmerz ...“ (S. 24) auch ihn heilen?

Roisin Maguires „Mitternachtsschwimmer“ ist ein sehr melancholisches Buch. Während sich zu Beginn nur Evan und Grace vom Rest des Dorfes abkapseln, müssen sich nach dem Ausbruch der Coronapandemie alle abschotten. Aber sie finden dennoch Mittel und Wege, sich zu treffen und zu helfen. So kocht Evans Nachbarin plötzlich für ihn mit und man zeigt ihm den Hintereingang des Pubs, weil er WLAN und einen Whiskey braucht.

Obwohl Grace und Evan oft hoffnungslos wirken, habe ich sie gemocht. Grace ist schroff und einsilbig, wird aber von allen respektiert. Sie kann anpacken und lebt im Einklang mit der Natur, gibt alten und abgeschobenen Tieren ein neues Zuhause – und Evan, als er wegen des Lockdown bleiben muss. Außerdem gilt sie als verrückt, weil sie zu jeder Jahreszeit nackt schwimmen geht. Aber ist ihr egal, was andere von ihr denken.
Evan steckt mitten in einer Depression und bemerkt erst jetzt, wie lebensmüde er ist. Doch dann bringt ihm Lorna seinen Sohn Luca, weil sie systemrelevant ist und sich nicht ausreichend um ihn kümmern kann. Luca ist taub und war immer ein Streitfall zwischen ihnen. Seine Mutter hat ihn überbehütet und behandelt, als wäre er behindert, dabei weiß er sehr genau, was er will. Natürlich kracht es auch zwischen Vater und Sohn, aber Evan begreift, dass er sich bei der Erziehung zu sehr zurückgenommen und seiner Frau alle Entscheidungen überlassen hat, um Streit zu vermeiden. Ohne ihre ständige Beaufsichtigung und all die Einschränkungen blüht Luca auf. Grace zeigt ihm, was das Meer alles zu bieten hat und er darf im Dorfladen aushelfen. Aber dann soll er zurück zu seiner Mutter …

Genauso schroff wie Grace ist auch die irische Küste. Im Wasser der Bucht, in der Ballybrady liegt, gibt es gefährliche Untiefen, Wirbel und Strömungen. Trotzdem bekommt man beim Lesen des Buches Lust auf eine Reise an die irische Küste, inklusive langem Strandspaziergang und einem guten Irish Whiskey.

Ungeachtet seiner Traurigkeit verbreitet der „Mitternachtsschwimmer“ aber auch Hoffnung, macht Mut zum (Weiter-) Leben und zeigt, dass sich (Ver-)Schweigen bis zu einer Lüge ausweiten kann, die alles zerstört. Ein Buch, das sehr nachdenklich macht.

Bewertung vom 27.07.2024
Seydack, Niclas

Geile Zeit


weniger gut

Schnelldurchlauf durch die letzten 20 Jahre deutscher Geschichte aus Sicht eines Heranwachsenden

„Die Welt da draußen war zerrissen, die Welt in uns oftmals genauso.“ (S. 165)
Wisst Ihr noch, wo ihr wart, als die Flugzeuge in die Twin Tower flogen? Niclas, damals 11, saß mit seiner Schwester vor dem Fernseher und wollte Pokémon gucken, sie Talkshows. Dieser Anschlag war der erste von vielen Katastrophen, die seitdem die Medienlandschaft und sein (unser) Leben beeinflusst haben und ihn für die Zukunft schwarzsehen lassen. Aber erst einmal wurde Niclas noch von seinen Eltern abgeschirmt, haben sie versucht, seine heile Welt ein wenig zu verlängern. In der Schule sah das anders aus, da wurden ihnen klargemacht, dass nur Leistung zählt, Einsatzbereitschaft, und dass die Jobs, die Spaß machen, kein Geld bringen. Zur Ablenkung entdeckt er mit seinen Freunden Sex und Alkohol, nabelt sich ab, wird nach dem Studium und unzähligen Praktika Journalist. Bis der Lockdown kommt und alle vereinsamen. Wobei sie auch ohne Lockdown nur noch für die Arbeit und ohne Freunde leben, dafür ist nämlich keine Zeit, wenn man irgendwann mal Erfolg haben will.

„Geile Zeit“ ist ein Schnelldurchlauf durch die letzten 20 Jahre deutscher Geschichte aus Sicht eines erst Heranwachsenden, dann Erwachsenen, verknüpft mit dem Lebenslauf des Autors.
Man merkt, dass Niclas Seydack Journalist ist. Seine Erzählstil schwankt zwischen Reportage und Selbstgespräch. Je nach Alter und Situation seines Ichs wird die Sprache auch mal sehr direkt und vulgär.

Ich weiß nicht, was ich von dem Buch erwartet hatte. Natürlich habe ich mit dem Titel sofort das gleichnamige Lied von Juli verbunden, dass ich heute immer noch mitsingen kann, und das Lebensgefühl. Ansonsten aber haben Niclas und ich keine Gemeinsamkeiten. Ich bin eine Frau, 16 Jahre älter, und kann mit pubertierenden Jungsfantasien und der dazugehörigen Sprache nicht viel anfangen. Zudem wirken seine Erinnerungen oft emotionslos, wie eine Aufzählung. Seine Zukunftsangst kann ich zwar lesen, aber nicht spüren. Außerdem stört mich als Dresdnerin, dass meine Heimatstadt mehrfach als schlechtes Beispiel für Ausschreitungen und rechte Kräfte genannt wird – wir sind nicht alle so!

Alles in allem also leider nicht mein Buch, aber bitte lasst Euch davon nicht abschrecken.

Bewertung vom 22.07.2024
Martin, Lily

Sommerfarben in der Stadt der Liebe / Paris und die Liebe Bd.2


ausgezeichnet

Seerosenliebe

„Wenn schon unglücklich, herzgebrochen und arm, … dann wenigstens im Sommer in Paris.“ (S. 21)
Paris im August, die Sonne brennt, Touristen überfluten die Stadt der Liebe. So wie Jan, der als Lehrer eine Aachener Schülergruppe begleitet, auch in die Orangerie, wo sie von der Kunsthistorikerin Marie geführt werden. Er fängt mit ihr eine Diskussion über Monets Verhältnis zu seinen Frauen an und merkt zu spät, dass er in ein Fettnäpfchen tritt. Denn seit sie als Schülerin zum ersten Mal die Seerosen gesehen hat, ist Marie von ihnen fasziniert und hat sogar an der Sorbonne studiert. Als krönender Abschluss fehlt nur noch ihre Doktorarbeit, aber an der schreibt sie seit Monaten und wird einfach nicht fertig. Sie legt jede Formulierung, jedes Wort auf die Goldwaage und löscht mehr, als sie schreibt. Um sich über Wasser zu halten und ihre Begeisterung weiterzutragen, macht sie die Führungen.
Obwohl, oder gerade, weil die Vorzeichen nicht gut waren, müssen sie immer wieder an den anderen denken. Und als sie sich zufällig wieder treffen, schmieden sie den Plan zusammen nach Giverny zu Monets Haus und Garten zu fahren.

„Sommerfarben in der Stadt der Liebe“ ist der zweite Band der Paris-Reihe von Lily Martin, dem Pseudonym der Autorin Anne Stern. Diesmal dreht sich die Handlung um das Marais-Viertel und Marie und Jan, die beide vor noch nicht allzu langer Zeit verlassen wurden und einfach nicht darüber hinwegkommen. Aber wo, wenn nicht in Paris, kann man eine alte Liebe hinter sich lassen und eine neue finden?

Marie stammt aus der Normandie aus einfachen Verhältnissen, ist sehr unsicher und etwas ungeschickt. Ihre Familie hatt ihren Berufswunsch nicht verstanden und kaum Kontakt zu ihr, ihr Ex-Partner hat sie immer kleingehalten. Und obwohl ihr von ihren Mitstudenten und Professoren oft gesagt wird, dass ihr umfangreiches Wissen zu Monet sehr rüberbringen kann, hadert sie mit sich. Außerdem fragt sie sich langsam, ob sie nur deswegen nicht mit ihrer Doktorarbeit fertig wird, weil dann endgültig das Erwachsenenleben anfangen würde und sie sich um Jobs bewerben müsste.

Jan ist mit Leib und Seele Lehrer und begeistert von Paris, seit er einen Teil seines Studiums hier absolviert und sich verliebt hat. Doch die Fernbeziehung hat nicht gehalten und jetzt denkt er wehmütig daran zurück. Erst Marie lenkt ihn von seinem Liebeskummer ab.

Natürlich gibt es ein Wiedertreffen mit den Protagonisten aus dem ersten Band, vor allem Lola und Fabien retten Marie mit Kaffee und kleinen Köstlichkeiten immer wieder den Tag. Aber auch Liliane und Nadim, der Lebkuchenbäcker Pierre Leco, Concierge Samir und die ehemalige Schauspielerin und Opernsängerin Jacobine Simenon treffen sich in Lolas Kaffee und Fabiens Bistro. Besonders amüsiert habe ich mich übrigens über Aurélie, eine Schriftstellerin, die Plot-Ideen für ihren neuen Liebesroman sucht und die sich darum ganz genau im Café umhört ...

Ein romantischer Sommerroman mit spannenden Fakten zu Monet, viel Pariser Flair und Amour, eine Liebeserklärung an das Marais.

Bewertung vom 19.07.2024
O'Donoghue, Caroline

Die Sache mit Rachel


gut

Ménage à trois?

„Das kann ich dir nicht erzählen. Es ist nicht meine Geschichte.“ (S. 391)
Beinahe hätte es diese Rezension nicht gegeben, denn ich habe mehrfach überlegt, das Buch abzubrechen. Caroline O’Donoghue verlangt ihren LeserInnen viel ab. Die Sprache ist roh, manchmal regelrecht vulgär und auch die beschriebenen Szenen (Oralsex mitten am Tag auf einer öffentlichen Straße) waren zum Teil grenzwertig. Zudem wählt sie eine ungewöhnliche Erzählweise: Rachel scheibt rückblickend in aneinandergereihten Episoden auf, was sie 2009 – 2011 als Studentin in Irland erlebt hat. Damals lernte sie in dem Buchladen, indem sie arbeitete, James kennen. Er ist schamlos, lästert über alles und jeden – und hat meist recht. Und er will sie als Mitbewohnerin, weil er sich alleine keine Wohnung leisten kann. Auch zusammen reicht es nur für eine versiffte Bruchbude, in die sie heutzutage keinen Fuß mehr setzen würden. Aber sie waren jung, pleite und eh viel unterwegs.
Als James mitbekommt, dass sie in einen ihrer Professoren verliebt ist, organisieren sie eine Lesung für ihn mit dem Ziel, dass Rachel ihn danach verführt. Doch es kommt anders.

Ich dachte aufgrund des Klappentextes, dass es um eine Beziehung / Affäre Rachels mit ihrem Professor geht, aber stattdessen steht ihre Freundschaft mit James im Mittelpunkt. Der hat eine große Klappe und viele Ängste, weil er im katholischen Irland nicht zu seiner Sexualität stehen kann bzw. will. Doch als der Konten dann endlich platzt, ist sein Leben wie ein Rausch. Er verbringt nie zwei Nächte mit dem gleichen Mann – bis auf eine Ausnahme.
Rachel hingegen lernt bald Carey kennen, dessen animalische, dreckige Art sie anmacht – weil sie sich in ihm wiedererkennt. Und obwohl diese Beziehung alles andere als gesund ist, hält sie lange daran fest.
Trotzdem wirken nach außen James und Rachel wie ein Paar, das nichts zwischen sich kommen lässt. Alle Hochs und Tiefs werden gemeinsam verarbeitet, eventuelle Partner bleiben dann außen vor.
Und auch wenn Rachels moralischer Kompass auf keine Fall meinem entspricht, konnte ich sie verstehen und ihre Beweggründe nachvollziehen bzw. fand diese gerechtfertigt, als sie eine Chance nutzt und zum Schaden von jemand anderem weiterkommt.

Aber nicht nur mit ihrem Schreibstil, auch mit den Themen polarisiert die Autorin sicherlich. So kaufen Rachel und James lieber synthetische Drogen (weil die billig sind) als Essen und schnorren bzw. klauen regelmäßig Alkohol und Kippen.
Zudem geht es beim Thema Irland natürlich auch Religion und Abtreibung, um die Wirtschaftskrise und Trost- und Hoffnungslosigkeit der Bevölkerung, verschleierte Selbstmorde und die Abwanderung der Jüngeren nach Großbritannien oder Amerika.

Bewertung vom 17.07.2024
Webb, Katherine

Die Morde von Salisbury / Lockyer & Broad ermitteln Bd.2


sehr gut

Der sanfte Riese

„… Lee umzubringen war, als hätte man … einen Labrador getötet, weil er ein Stöckchen geholt hat.“ (S. 171) Vor 9 Jahren ist Lee verschwunden. Als seine Leiche jetzt nach einem Unwetter auf einer Hochebene freigespült und festgestellt wird, dass er damals lebendig begraben wurde, stellt sich die Frage, wie der oder die Täter das hinbekommen haben. Denn Lee war lt. Aussage seiner Schwester zwar dumm wie Brot und leicht zu beeinflussen, aber auch 2,06 m groß und sehr stark. Ist er überrascht worden oder kannte und vertraute er dem Mörder? DI Matt Lockyer erinnert sich sofort, dass Lee damals zusammen mit zwei anderen verdächtigt wurde, die gleichaltrige Holly Gilbert umgebracht zu haben, aber ihr Tod wurde dann doch als Selbstmord eingestuft. Bei seinen Ermittlungen stoßen er und DC Gemma Broad darauf, dass die beiden anderen Verdächtigen etwa zur gleichen Zeit wie Lee bei Unfällen starben. Hat da jemand Selbstjustiz verübt?

Wie schon im ersten Band, „Der Tote von Wiltshire“, braucht die Handlung etwas, bis sie Fahrt aufnimmt. Der Fall spielt während der Corona-Zeit, mit den damals üblichen Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Zusätzlich hat Lockyer private Probleme. Seine Mutter liegt mit Corona im Krankenhaus und sein Vater ist allein mit der Farm überfordert. Zudem gibt er sich immer noch die Schuld am Tod seines Bruders und will endlich das Geheimnis seines alten Hauses und der Nachbarin klären.

Darum hatte ich gerade zu Beginn das Gefühl, dass die Ermittlungen etwas zu kurz kommen. Aber als sie dann laufen, werden sie sehr komplex. Lockyer ist überzeugt, dass er erst Hollys Tod aufklären muss, um Lees Mörder (und den der beiden anderen?) überführen zu können. Aber weil die Todesfälle so lange zurückliegen, ist es schwierig, alle Unterlagen und Zeugen wiederzufinden.
Die meisten Spuren scheinen zur Farm von Hollys Vater zu führen, die für ihren alternativen und freien Lebensstil berüchtigt ist. Niemand muss hier seinen echten Namen sagen oder seine Geschichte erzählen, alle sind willkommen. „Jeder, der auf die Old Hat Farm kommt, hat etwas, was er hinter sich lassen will. Was er vergessen will.“ (S. 239) Das macht die Nachforschungen natürlich nicht gerade leichter. Trotzdem stoßen Lockyer und Broad auf einige Geheimnisse, die besser verborgen geblieben wären. Und auch in seinem privaten Umfeld entdeckt der DI einiges, was die Vergangenheit in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt.

Obwohl ich schon recht früh einen Verdacht bzgl. des Täters hatte, hat mich auch der zweiter Band der Reihe von Katherine Webb gut unterhalten. Durch Corona und die anhaltende Hitze herrscht eine besonders angespannte Stimmung, die das Drama der Ermittlungen noch verstärkt.
Lockyer wird mir immer sympathischer, er scheint endlich wieder auf der Spur zu sein und geistert nicht mehr nächtelang wegen seiner Schlaflosigkeit durch die Landschaft. Außerdem geht er mehr auf seine junge Mitarbeiterin Gemma ein und passt gut auf sie auf. Und das Ende macht neugierig auf die Fortsetzung ...

Bewertung vom 14.07.2024
Stephan, Kati

Aussicht auf ein neues Morgen


sehr gut

Berlin ist immer eine (Zeit-)Reise wert

„Ah! Neue Post-Mädchen!“ (S. 11) Im Spätsommer `76 zieht Hanna aus Greifswald nach Berlin, um im Postamt am Fuß des Fernsehturms zu arbeiten. Die Zustellerin Babs stammt aus einem Dorf in Thüringen und will mit ihrer neuen Stelle vor allem ihrer Mutter entkommen, für sie sie immer noch die Nachzüglerin und nicht die erwachsene Frau ist. Sie teilen sich ihre Wohnung in einem Frauenwohnheim im Plattenbau in Hohenschönhausen mit Trudi, die schon länger im Ministerium für Post- und Fernmeldewesen als Schreibkraft arbeitet und fast alles machen würde, um in den Westen zu kommen.

„… ich bin gern die Beobachterin. Ich mag es, mir die Dinge von außen anzuschauen. Ich stehe nicht so gern im Mittelpunkt.“ (S. 54) Hanna ist die Stillste von ihnen. Sie zieht gern mit ihrer Kamera durch die Stadt und fotografiert alltägliche Szenen, die das Leben ungeschönt zeigen. Ihre Mutter war Lehrerin, hat sich aber nicht an den staatlich verordneten Lehrplan gehalten und Berufsverbot bekommen. Darum tut Hanna alles, um nicht aufzufallen. Doch dann lernt sie Peter kennen, der tagsüber als Fahrstuhlführer im Fernsehturm arbeitet und abends als Musiker auftritt. Als Wolf Biermann aus der DDR ausgewiesen wird, bezieht er dazu Stellung und gerät ins Visier der Stasi.
Babs ist schlagfertig, aber immer noch ungeküsst, weil ihre Brüder sehr gut auf sie aufgepasst haben. Trotzdem vermisst sie ihre Familie und die Natur sehr. Sie verguckt sich in den jugoslawischen Gastarbeiter Miro, obwohl ihr sein Umfeld und Umgang nicht gefallen. Aber er sorgt dafür, dass sie ihr Heimweh vergisst.
Trudi hatte es nicht immer leicht, deswegen nimmt sie sich jetzt einfach, was sie will. Sie zeigt den „Neuen“, was man in Berlin alles erleben kann. Dafür lernt sie von ihnen, was echte Freundinnen sind und dass diese sogar eine Familie ersetzen können. Und sie hat eine Liebelei mit ihrem Vorgesetzen, der dafür ihre schlampige Arbeitsmoral deckt. Aber dann wird sie enttäuscht und ein geheimnisvoller Fremder macht ihr ein verlockendes Angebot.

„Wie sich herausgestellt hat, kann jeder zum Verräter werden.“ (S. 198)
Kati Stephan erzählt in ihrem neuen Roman von drei jungen Frauen in der DDR, die der Enge ihres bisherigen Lebens entkommen wollen. In Berlin ist alles etwas bunter und vielfältiger, ein kleines bisschen freier, aber auch gefährlicher, weil die Stasi noch genauer hinsieht, ob jemand mit dem Klassenfeind paktiert. Alle drei geraten sie in Versuchung bzw. den Verdacht, das zu tun.

Wie schon in ihrem Roman „Mauerträume“ lässt sie die Zeit und das Lebensgefühl wieder auferstehen. Ich konnte mich gut in Hanna und Babs hineinversetzen, in die Spannung, wenn eine völlig neuer Lebensabschnitt beginnt. Mir gefällt, wie sich die drei unterschiedlichen Frauen und ihre Freundschaft entwickeln, wie sie noch erwachsener und abgeklärter werden.

Eine fesselnde Geschichte übers Erwachsenwerden, Freundschaft, Verlieben und Träumen in einem Land, das seine Bewohner reglementiert und überwacht hat.

Bewertung vom 12.07.2024
Steck, Sabine

Mörderische Delikatessen / Emma Ferrari Bd.1


sehr gut

Die italienische Miss Marple

„Mein Laden, mein Toter, mein Fall.“ (S. 320) Seit vier Jahren führt Emma Ferrari ein italienisches Feinkostgeschäft in Himmelsricht an der Donau. Sie liebt ihren kleinen Laden in dem urigen Fachwerkhäuschen und hat endlich die Kreditzusage der Bank, dass sie das Haus kaufen kann. Da macht der Verkäufer kurz vor dem Notartermin einen Rückzieher: Er kann das Haus angeblich für das Doppelte an einen anderen Interessenten verkaufen. Emma verflucht ihn vor dem ganzen Dorf – und am nächsten Tag liegt er ermordet in der Teeküche ihres Ladens.

Emma ist vor über 20 Jahren der Liebe wegen hierhergezogen und hat sich nach der Scheidung den Traum vom „Alimentari del Sole“ erfüllt, indem sie nicht nur originale Produkte, sondern auch das italienische Lebensgefühl verkauft.
Als der Tote in ihrem Laden gefunden wird, stellt sie das gleich vor drei Probleme: sie ist verdächtig, der Laden wird wegen der Ermittlungen bis auf weiteres geschlossen und dass die geldgierige Witwe des Toten ihr das Haus jetzt doch noch verkauft, ist eher unwahrscheinlich.
Da sie der Polizei, insbesondere Kriminalhauptkommissar Gieseking, die Lösung des Falls nicht zutraut, ermittelt sie zusammen mit zwei Freundinnen auf eigene Faust.

„Mörderische Delikatessen“ ist der Auftakt einer neuen Cosy-Krimi-Reihe mit sehr viel Kleinstadtflair und italienischem Temperament.
Emma ist eine kluge, temperamentvolle und neugierige Frau, die nicht auf den Mund gefallen ist. Sie sieht sich quasi in der Pflicht, auf eigene Faust zu ermitteln, damit sie ihren Laden schnell wieder öffnen und ihren guten Ruf wieder herstellen kann.

Ich mochte das Kleinstadtsetting, in der man sich eigentlich kennt, es hinter verschlossenen Türen aber so manche Geheimnisse gibt.
Dass der Tote sehr unbeliebt und mit einigen Bewohnern verstritten war, wussten Emma und ihre Freundinnen schon vor ihren Nachforschungen, trotzdem stoßen sie auf weitere Verdächtigen mit Motiven und Möglichkeiten, aber sie können es keinem nachweisen und auch die Polizei tappt lange im Dunklen.

Die Handlung verläuft recht gemächlich und besteht vor allem aus den Gesprächen Emmas mit allen möglichen Einwohnern. Wenn sie und Gieseking über den Fall streiten, merkt man, dass sie sich gern aneinander reiben – auch wenn Emma das mit ihrem Tunnelblick (noch?) gar nicht so mitbekommt. Zwischendurch wird der italienischen Küche gehuldigt und bei den im Anhang enthaltenen Rezepten läuft einem das Wasser im Mund zusammen.

Ein sehr gemütlicher Krimi, ohne viel Blut und Dramatik, dafür mit Herz und Flair.

Bewertung vom 07.07.2024
Cayouette, Betty

One last shot - Macht es am Ende doch noch Klick?


ausgezeichnet

Eine letzte Chance für die Liebe?

Emerson ist 28 und eins der gefragtesten Supermodels der Welt, als eine Nachricht auf ihrem Handy aufploppt. „Kleine Erinnerung. Wenn du bis 28 nicht verheiratet bist, heiratest du Theo. Heute in einer Woche! 😉“ (S. 15) Diesen Deal habe sie mit 16 geschlossen. Theo bekommt den Hinweis zum gleichen Zeitpunkt angezeigt. Das Problem ist nur, dass sie sich vor 10 Jahren zum letzten Mal gesehen haben. Dabei schienen sie die perfekte Beziehung zu haben, aber dann ist etwas passiert ...

„Mir war gar nicht bewusst, wie sehr ich mich dem Glauben hingegeben habe, dass dieser Pakt der Anstoß wäre, den wir brauchten, um wieder Kontakt zueinander aufzunehmen. Uns eine zweite Chance zu geben.“ (S. 60)
Emerson ist sofort klar, wenn es mit irgendeinem Mann klappen kann, dann mit ihm. Aber sie hat nur 7 Tage, um ihn zurückzugewinnen. Da sie ihm die ganzen Jahre heimlich auf Social Media gefolgt ist, weiß sie, dass er Modefotograf geworden ist. Allerdings nicht für High Fashion, sondern Kaufhauskataloge. Also bringt sie ihren Agenten gegen dessen Willen dazu (sie würde sich damit ihr Portfolio versauen), sie in Theos aktuelle Kampagne in Italien zu buchen.

„Jetzt bin ich glücklich darin, der Mann zu sein, der das Alltägliche zum Glänzen bringt – und dadurch verkauft.“ (S. 30) Theo ist gut in seinem Beruf. Er verdient genug Geld und kann viel Zeit mit seinen Eltern und der Familie seines Bruder verbringen. Aber nach Emerson hatte er keine längere Beziehung mehr, keine Frau war wie sie.

„One last Shot“ hat eigentlich alles für den perfekten Sommerroman, aber mich konnte er leider nicht ganz überzeugen. Die Grundidee, aus besten Freunden wird im Teenageralter ein Paar, das sich dann trennt, um sich Jahre später doch zu finden, fand ich echt süß. Aber zum einen zieht sich die Handlung unglaublich, da die 5 Tage in Italien und die verschiedenen Varianten, in denen sie sich ihrem Gegenüber nicht erklären, fast minutiös beschrieben werden, obwohl auch ein paar sehrt amüsante Szenen dabei sind. Zum anderen wird immer wieder auf Emersons Trennungsgrund von Theo angespielt, aber er wird nie genannt, und auch Theo kennt ihn nicht. Mir war allerdings recht bald klar, um was es ging. Die Hinweise hätten also diffiziler sein müssen, oder (zumindest für den Leser) früher aufgelöst werden. Auch fand ich es schade, dass die sehr schwierige Beziehung zu ihrer Mutter nur angerissen wird, da sie Emersons Probleme für mich noch verstärkt haben. Sie hat ihr Selbstvertrauen nämlich von klein auf zerstört: „Wenn dich keiner liebt, bist du es wahrscheinlich nicht wert, geliebt zu werden.“ (S. 97)

Aber wie Betty Cayouette Emersons und Theos Leben beschreibt, die ja beide von der Modefotografie leben, wenn auch auf völlig unterschiedlichen Leveln, hat mir sehr gut gefallen. Sie gibt dabei einen guten Eindruck in das Business, wie es funktioniert und welcher Druck auf den Frauen lastet. „Mein Beruf ist mein Leben, trotzdem erschöpft es mich immer noch, ständig perfekt aussehen zu müssen.“ (S. 14) Man merkt, dass sie sich da auskennt.

Bewertung vom 04.07.2024
Bailey, James

Als Simon Brown sich ein Herz fasste


sehr gut

Ein letztes Abenteuer?!

1975 sind Simon, Raj und Ian aus dem Internat abgehauen und mit dem Fahrrad in drei Wochen 1000 km von Bristol nach Bordeaux und zurückgefahren, damit Simon seine Brieffreunden Sylvie kennenlernen kann. Leider war sie da gerade unbekannt verzogen.
Inzwischen ist Simon 60 und betreibt seit 30 Jahren ein kleines B&B in einem Dorf in Dorset. Als er eine Mail bekommt, dass Raj gestorben ist, rüttelt ihn das auf. Er ist seit 10 Jahren Witwer, aber ist sein Leben deswegen auch schon vorbei? Auf der Beerdigung trifft er Ian wieder, der seinen Lebensunterhalt als David-Bowie-Double bestreitet. Ian schlägt vor, die Fahrradtour nach Bordeaux zu wiederholen, unterwegs etwas von Rajs Asche zu verstreuen – und Sylvie endlich kennenzulernen, die Simons Tochter auf Facebook gefunden hat.

Vielleicht hätte Simon Ian bei der Reiseplanung über die Schulter schauen sollen, dann wären ihm einige Überraschungen erspart geblieben. Während Simon geregelte Abläufe, feste Pläne und seine Privatsphäre liebt, lebt Ian für den Moment, macht gern neue Bekanntschaften und wirft Pläne (insofern er überhaupt welche hat) gern mal über den Haufen.

„Wenn du auch findest, dass die letzten vierundzwanzig Jahre wie im Fluge vergangen sind, dann sollten wir die Zeit, die uns bleibt, wirklich nutzen.“ (S. 114) „Als Simon Brown sich ein Herz fasste“ ist der charmante Roadtrip zweier alter Freunde, die ihre besten Jahre hinter sich haben. Simon hat den frühen Tod seiner Frau nie verarbeitet und klammert sich an das B&B, das ihr Traum war. Ian kommt mit seinen „Konzerten“ (in Altersheimen) mehr schlecht als recht über die Runden. Also fassen sie sich ein Herz, lassen sich überteuerte eBikes und elastische Radleranzüge aufschwatzen und starten in Richtung Bordeaux.

Es ist eine Reise zurück in ihre Jugend. Sie schwelgen in Erinnerungen an ihre Schulzeit, Lieblingsmusik und erste Liebe. Damals waren sie wie die drei Musketiere, immer füreinander da. Aber nach dem Ende der Reise haben sie sich nie wieder-gesehen. Sie lachen viel und führen ernste, philosophische Gespräche über das, was bisher passiert ist und wie sie den Rest ihre Lebens verbringen wollen. Simon hat zum ersten Mal die Zeit, über den Tod seiner Frau nachzudenken und ihn zu verarbeiten.
Doch wie damals, scheint sich auch diesmal alles gegen das Treffen mit seiner Brieffreundin zu verschwören. „Ich frage mich, ob das Treffen mit Sylvie aus irgendeinem Grund nicht sein soll. (S. 334)

James Bailey schreibt sehr unterhaltsam, mit Situationskomik und viel Gefühl.