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Xirxe
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Hannover
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Bewertungen

Insgesamt 876 Bewertungen
Bewertung vom 03.02.2020
Hillenbrand, Tom

Bittere Schokolade / Xavier Kieffer Bd.6


sehr gut

Ich habe alle Bücher mit Xavier Kieffer, dem luxemburgischen Koch, mit Vergnügen gelesen und seither ist Luxemburg und seine Küche fest auf meinem Reiseplan ;-) Deshalb war ich voller Vorfreude auf den nächsten Fall, in dem er sicherlich wieder wider Willen ermitteln wird. Und so ist es auch.
Dieses Mal lernt er durch seine längst vergangene Jugendliebe Ketti, eine erfolgreiche Patisseurin, das schmutzige Geschäft um und mit dem Kakao kennen. Als Ketti ermordet wird und in seinen Armen stirbt, macht er sich auf die Suche nach ihrem Mörder, der offensichtlich Einiges zu verbergen hat.
Auch in diesem sechsten Band der kulinarischen Krimireihe erfährt man Vieles über einen bestimmten Lebensmittelbereich; dieses Mal über die Herstellung von Kakao und der Produktion von Schokolade, die einen vielleicht (mich auf jeden Fall) zukünftig kritischer ins Regal greifen lässt. Tom Hillenbrand hat gut recherchiert und klärt seine Leserinnen und Leser über die Pflanzenvielfalt, schwierige Anbau- und Produktionsbedingungen in den Herkunftsländern sowie den Wirtschaftsfaktor Kakao in Europa auf. Wie in vielen armen Ländern, die für reiche Staaten landwirtschaftliche Produkte liefern, sind die Arbeitsbedingungen auch im Kakaobereich häufig katastrophal: Kinderarbeit, fehlende Schutzbestimmungen, miserable Bezahlung. Wer denkt schon an so etwas, wenn man sich genüsslich ein zart schmelzendes Schokoladenstück in den Mund schiebt? Tom Hillenbrands Verdienst ist es auf jeden Fall, sich dessen bewusst zu werden und eventuell beim nächsten Schokoladenkauf etwas genauer hinzuschauen, wo die Ware herkommt.
Doch so gut diese Absicht sein mag, so sehr fällt leider der Krimi dagegen ab. Statt einem einzigen Handlungsstrang gibt es statt dessen derer gleich drei und für mich war das mindestens einer zuviel. Beispielsweise wirkten die Russen völlig fehl am Platz und dieser Eindruck hielt sich bis zum Ende (auch wenn dadurch eine herrliche Lösung für den Gabin herbeigezaubert wurde). Dafür fiel mir der 'Essensanteil' in diesem Buch viel zu klein aus - dieses Mal bekam ich beim Lesen nicht ein einziges Mal richtig Appetit auf etwa den Huesenziwwi.
So bin ich etwas unentschlossen: sehr lesenswerte Informationen in einem eher lauen Krimi - 3,5 Sterne, die ich nachsichtig auf vier aufrunde ;-)

Bewertung vom 03.02.2020
Nesbø, Jo

Macbeth


weniger gut

Ach je, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mir dieses Buch gespart. Bis Seite 150 bin ich gekommen und hatte schlicht keine Lust mehr, weiterzulesen. Einen Krimi und Thriller über einen modernen Macbeth hatte ich mir deutlich unterhaltsamer und spannender vorgestellt. Doch die Geschichte ist derart vollgestopft mit Unlogiken noch und nöcher - nee, da verging mir so richtig der Spaß am Lesen.
Ein moralischer Polizist, der sich aus dem Dreck hochgearbeitet hat, wird von Heute auf Morgen zum (fast) kaltblütigen Mörder, nur weil es seiner Freundin in einem nächtlichen Gespräch von maximal 10 Minuten gelingt, einen Ehrgeiz in ihm zu wecken, der buchstäblich über Leichen geht? Ein bisschen Gewissensbisse vor der Tat und vermutlich auch danach - aber wenn er einen fast Unschuldigen tötet, dreht er fast durch?
Ich muss gestehen, dass ich Macbeth von Shakespeare bisher weder gelesen noch gesehen habe. Aber seine Tragödien (zumindest die, die ich kenne) zeichnen sich dadurch aus, dass die Zerrissenheit der Menschen offenbar wird. Und das fehlt mir hier. Zwar hält sich Jo Nesbø sehr eng an die klassische Vorlage (soweit ich das einer Zusammenfassung gemäß nachvollziehen konnte), Ladys Verhalten jedoch (wie auch das Anderer) ist beispielsweise nicht einmal im Ansatz nachvollziehbar.
Schade, davon hätte ich mir deutlich mehr versprochen.

Bewertung vom 03.02.2020
Fox, Candice

Missing Boy


ausgezeichnet

Sehr zum Missfallen der örtlichen Polizei bittet eine verzweifelte Mutter Ted um Hilfe bei der Suche nach ihrem Sohn. Der achtjährige Junge ist auf unerklärliche Weise aus einem Hotelzimmer verschwunden. Gemeinsam mit seiner Chefin Amanda macht Ted sich auf die Suche - und so ganz nebenbei gibt es noch völlig andere Probleme zu lösen. Denn unter anderem ist Amanda in den Fokus einer rachsüchtigen Polizistin geraten.
Vergleicht man die Handlung des Buches mit der Spannung, die sie erzeugt, bleibt erstere bemerkenswert unspektakulär. Blut fließt vergleichsweise wenig und auch gewalttätige Szenen sind eher rar gesät. Die Suche nach dem Jungen ist intensiv und durchaus packend, doch bemerkenswerter ist die stets angespannte Atmosphäre, in der die beiden Ermittler sich bewegen. Es ist kaum vorstellbar, wie die Beiden in einem solch feindlichen Umfeld leben geschweige denn arbeiten können.
Wie bereits in den beiden Vorgängerbänden (die man für diesen Band nicht gelesen haben muss) macht es den beiden Privatdetektiven ihre Aussenseiterstellung äußerst schwer, ihre Arbeit durchzuführen. Und ebenso zeigt sich wieder, wie schnell das Leben von Menschen durch Vorverurteilungen zerstört werden kann. Ein kleiner Verdacht genügt, und die Meute stürzt sich mit Begierde darauf, das Opfer zu zerreißen.
Auch wenn der Titel die Geschichte des vermissten Jungen in den Mittelpunkt stellt, empfand ich sie eher als eine von mehreren gleichrangigen Handlungen. Denn ohne das Privatleben von Amanda und Ted wäre es wohl nur eine durchschnittliche Geschichte um die Suche nach einem vermissten Jungen, obwohl die Auflösung wirklich überrascht. So aber ist es alles in allem eine richtig gelungene Fortsetzung einer Thrillerreihe, bei der ich mich schon jetzt auf den nächsten Band freue.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 03.02.2020
Post, Laurens van der

Flamingofeder


sehr gut

Im Südafrika des Jahres 1948 geht Merkwürdiges vor sich. Vor dem Haus des weißen Siedlers Pierre de Beauvilliers wird ein Fürst vom Stamme der Takwena ermordet. Da de Beauvilliers diesen Menschen sehr nahe steht, macht er sich auf die Suche nach dem Mörder. Dabei stößt er auf mysteriöse Frachtschiffe, die offensichtlich etwas zu verbergen haben und muss bald um sein Leben fürchten.
Van der Post weiß, wovon er schreibt, denn mit seiner Hauptfigur teilt er nicht nur die gleichen Überzeugungen, sondern wie diese ist er ebenso in Afrika aufgewachsen. Seine Liebe zu diesem Kontinent ist auf jeder Seite deutlich spürbar. Auch wenn seine Sprache altertümlich klingen mag - lässt man sich darauf ein, stehen einem anhand der eindringlichen Beschreibungen die Landschaften und Menschen Afrikas deutlich vor Augen. " So sonderbare Blumen habe ich sonst im Leben nie gesehen... Manche sahen aus wie in tiefen Gewässern eingeschlafene Kraken, andere wie die aufgerissenen, samtenen Mäuler von Puffottern, die ihr Gift in gespenstische Schalen tröpfeln. Wieder andere hatten die Gestalt goldener Sandalen - wie Diana sie in der Morgendämmerung mit rosigen Fingern vor ihrem Lager aufheben mochte."
Die Grundstruktur der Geschichte mag sehr schwarz-weiß gezeichnet erscheinen, doch van der Post zeigt auch deutlich, wie leicht die Verführung durch eine schiere Masse von Gleichgesinnten erfolgen kann, sofern es nur jemanden gibt, der die Richtung aufzeigt.
Mehr als 60 Jahre alt ist dieses Buch bereits, doch hat man sich an den Sprachstil erst gewöhnt, liest es sich ebenso spannend wie ein moderner Abenteuerroman. Und viele der Kritikpunkte, die der Autor in diesem Buch angesprochen hat, gelten heute noch genau so wie damals. Ein zeitloser Klassiker!

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 03.02.2020
García Márquez, Gabriel

Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt


weniger gut

Irgendwo in Kolumbien, in einem kleinen Dorf fernab der Welt, wartet der 75jährige Oberst seit Jahrzehnten darauf, dass ihm seine rechtmäßige Pension zuerkannt wird. Seine Frau und er haben mittlerweile ihre gesamten Besitztümer verkauft, nur ein Kampfhahn ist noch ihr Eigen, der ihrem vor kurzem erschossenen Sohn gehörte. Mühsam füttern sie den Hahn durch, obwohl sie praktisch selbst nichts mehr zu essen haben, in der Hoffnung, dass er in der nächsten Kampfsaison gewinnt.
Mich ließ diese Lektüre unzufrieden zurück. Gut, Marquez' beeindruckender Sprachstil ist auch in dieser frühen Erzählung (Roman mag ich dieses schmale Büchlein nicht nennen) bereits zu erkennen. Doch ausser der Beschreibung einer völlig trostlosen Welt, die gerade mal so viel Hoffnung zu spenden vermag, dass der Protagonist am Ende zum Schei**efressen bereit ist, vermag ich dieser Geschichte nichts zu entnehmen. In älteren Kritiken wird darauf verwiesen, dass es hier um den Konflikt von Geist und Macht geht, wobei der Hahn für den Geist steht, die Illusion, die Utopie. Doch die Trostlosigkeit war für mich so stark, dass sie Alles überstrahlte. Eine meiner Meinung nach so deprimierende Lektüre, die man sich trotz des Nobelpreisautors sparen kann.

Bewertung vom 03.02.2020
Boie, Kirsten

Monis Jahr. Großdruck


sehr gut

1955 lebt die 10 jährige Monika mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter gemeinsam in einer kleinen Wohnung in Hamburg. Ihr Vater ist seit mehr als 10 Jahren vermisst, doch ihre Großmutter glaubt fest daran, dass er noch lebt. Dieses Jahr wird aufregend für Monika: Wenn sie die Prüfung besteht, kann sie als Erste in der Familie aufs Gymnasium. Doch das wird nicht die einzige Veränderung in diesem Jahr bleiben.
Die Geschichte wird konsequent aus der Sicht Monikas erzählt, die voll und ganz der Art eines Mädchens diesen Alters entspricht. So ist es sicherlich ohne Schwierigkeiten möglich, dass Kinder ab circa zehn Jahren dieses Buch ohne Schwierigkeiten lesen und verstehen können. Schwierigere Ausdrücke bzw Geschehnisse, die sich zu jener Zeit ereigneten, werden im Anhang kindgerecht erklärt.
Aber auch für Erwachsene ist diese Lektüre interessant. Man erfährt viel über das Leben in der Nachkriegszeit, beispielsweise wie ausgeprägt die Klassengesellschaft war. Auch wenn es heute noch schwierig ist, dass grundsätzlich jedes Kind aufs Gymnasium kommen könnte, damals war es schier eine Unmöglichkeit. Oder die erdrückenden Konventionen, denen sich die Frauen unterwerfen mussten. Fast-Witwen, deren Männer seit zehn Jahren vermisst waren, hatten kein Recht darauf, sich zu vergnügen, denn ansonsten wurden sie schnell als Flittchen abgestempelt. Doch auch die Hoffnung begann wieder zu wachsen, denn die Menschen fanden Arbeit und begannen, sich wieder etwas zu leisten. Vor 65 Jahren spielt diese Geschichte. Eigentlich kein allzu großer Zeitraum, doch es wirkt, als ob es in einer anderen Welt geschehen wäre. Insgesamt ein interessanter und unterhaltsamer Blick in eine Zeit, die mit der unseren nicht mehr viel zu tun hat.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 03.02.2020
Tour de France Frankreich in kleinen Geschichten

Tour de France Frankreich in kleinen Geschichten


sehr gut

Dieses zweisprachige Büchlein mit knapp 140 Seiten umfasst etwas mehr als 40 Geschichten, die meist nicht länger als ein bis zwei Seiten sind. In den ersten zwei Drittel werden die verschiedenen Gegenden Frankreichs dargestellt, häufig ergänzt durch humorvolle Anekdoten von Land und Leuten. Das letzte Drittel beschreibt die Geschichte Frankreichs, beginnend mit den Galliern und endend mit Charles de Gaulles' Satz, den er an Churchill richtete: "Si je ne suis pas la France, pourquoi discutez-vous avec moi?" - "Warum reden Sie überhaupt mit mir, wenn ich nicht Frankreich bin?"
Obwohl ich bereits diverse Mal in Frankreich gewesen bin, habe ich Vieles zuvor nicht gewusst: Beispielsweise die Geschichte der Störche im Elsass und dass das Essen dort nicht immer so gut war. Oder woher das Wort poubelle rührt und Montmartre seinen Namen hat. Auf der linken Seite steht der französische Text und auf der rechten der deutsche, wobei ich diese Übersetzung nicht immer sehr gelungen fand. Manches klang ziemlich holprig und fällt besonders auf, wenn man das französische Original dazu liest.
Der Umschlagtext behauptet "Texte für Einsteiger", was meiner Meinung nach allerdings nur daran liegt, dass man die Geschichten in beiden Sprachen direkt vor sich liegen hat. Ansonsten behaupte ich, dass hier durchaus auch Fortgeschrittene eine Herausforderung finden können.

Bewertung vom 03.02.2020
Sträter, Torsten

Als ich in meinem Alter war


sehr gut

Über 50 Texte sind in diesem 224 Seiten starken Taschenbuch versammelt, jeweils zwei bis zwölf Seiten lang. Manches mag einem bekannt vorkommen, denn einige Beiträge waren auch bereits im Fernsehen zu hören bzw. zu sehen. Die Mischung ist kunterbunt und reicht vom Ruhrgebiet und Fussball (auch ausserhalb ;-)) über Politik bis hin zu gesellschaftlich wichtigen Themen wie Darmspiegelung und Fleischwurst.
So unterschiedlich die Themen, so verschieden auch die Qualität der Texte (zumindest nach meinem Geschmack). Manches ist der reine Nonsense (Zombies ergreifen die Macht oder Sträters Auftritt mit Senf im Gesicht), Anderes hat oder hatte durchaus Bezug zu bestimmten gesellschaftlichen Geschehnissen oder Verhältnissen. Wer was gut findet, ist natürlich Geschmackssache. Ich mag Sträters Humor sehr und so gefielen mir ca. zwei Drittel der Texte richtig gut, auch wenn es sich teilweise um völlig sinnfreies Geschreibsel handelt ;-) Der Rest war so naja, aber auch 'Ne, dass musste jetzt nicht sein' war dabei.
Alles in Allem ein schönes Potpourri für Menschen, die auch über völligen Blödsinn lachen können ;-)

Bewertung vom 21.12.2019
Inusa, Manuela

Wintervanille / Kalifornische Träume Bd.1


weniger gut

Die junge und hübsche Cecilia führt im kalifornischen Napa Valley voller Hingabe eine Vanillefarm. Reich wird sie damit zwar nicht, doch sie kann davon leben und das tun, was sie liebt. Als eines Tages ein Film über sie und ihre Farm gedreht und im Fernsehen gezeigt wird, weckt dies das Interesse von Richard, einem reichen Hotelier. Kurzerhand lädt er sie unter dem Vorwand ein, an einem Gewürzseminar teilzunehmen ...
Als Jugendliche habe ich die Romanheftreihen Baccara, Bianca, Julia und wie sie alle heißen mögen, regelrecht verschlungen. Der Aufbau war immer der gleiche: Eine hübsche, junge, eher arme Frau trifft einen reichen, jungen, gut aussehenden Mann, sie verlieben sich, dann gibt es ein Missverständnis, das jedoch bald geklärt wird und sie sind glücklich bis an ihr Lebensende. Exakt nach diesem Schema verläuft auch "Wintervanille". Nun bin ich ein bisschen über das Jugendalter hinaus und kann mich durchaus an einer etwas komplexeren Handlung und vielschichtigeren Personendarstellung erfreuen, womit ich bei diesem Buch allerdings an der falschen Adresse bin. Alles hier ist Klischee pur und das einzig Überraschende mag der Umstand sein, dass die Vanille jetzt sogar in Kalifornien angebaut werden kann. Vermutlich ist es dem Klimawandel zu danken - wenigstens etwas Positives ;-)

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 10.11.2019
Schachinger, Tonio

Nicht wie ihr


ausgezeichnet

Und meiner Meinung nach gehört diese dazu. Ein Jahr den (fiktiven) erfolgreichen und berühmten Fussballer Ivo zu begleiten und seine Gedanken zu teilen - dass hätte ich mir deutlich interessanter vorgestellt. Doch was hier über rund 300 Seiten ausgebreitet wird, hat einen Informations- und Unterhaltungswert, für den auch 100 Seiten ausgereicht hätten.
Ivo ist ein Egomane in Reinform und dazu von schlichtem Gemüt. Worte sind nicht so seins und am liebsten würde er allen aufs Maul oder sonstwohin schlagen, denn verdient hätten sie es allemal. Er ist ein richtiger Proll, der jedoch glaubt, der Einzige mit Ahnung zu sein von was auch immer und betrachtet praktisch alle als ihm völlig unterlegen. Doch wehe, man erkennt dies nicht an, dann ist Ivo kurz vorm Ausrasten und mit seiner mühsam antrainierten Gelassenheit ist es schnell vorbei. Denn tief in seinem Innern steckt er noch immer voller Minderwertigkeitskomplexe, die auf keinen Fall ans Tageslicht kommen dürfen.
Es ist wirklich grandios, wie überzeugend der Autor Tonio Schachinger diesen Tonfall darstellt und die kompletten 300 Seiten durchhält. Für mich wurde Ivo immer mehr zu einer realen, wenn auch unsympathischen Person. Doch es hat mir trotzdem nicht geholfen, denn auch der beste Stil macht eine lahme Geschichte nicht zu einer fesselnden Lektüre. Und lahm ist diese Geschichte. Es passiert nahezu nichts, ausser dass Ivo Fussball spielt, mit seiner Frau schläft und sie betrügt und mit ihr bei Familienfesten und Sponsorenveranstaltungen erscheint. Seine Gedanken kreisen überwiegend um sich selbst und seine Großartigkeit und die Unzulänglichkeiten der Anderen - womit praktisch der Rest der Welt gemeint ist. Ab und zu geraten ihm gerade durch die Schlichtheit seines Wesens witzige Gedanken: "Also liest Ivo seiner Tochter die Geschichte von Narziss vor, einem schwulen Typen, der auf sich selber steht und eigentlich niemandem etwas Böses tut, außer irgendeine Frau nicht zu erhören, die auf ihn steht. Und weil die nicht mit der Ablehnung klarkommt, verflucht sie ihn. Was soll DAS seiner Tochter sagen? Dass man sich nicht zu oft in den Spiegel schauen soll, OK, aber das war ja nicht der Fehler. Der Fehler von Narziss war einfach, Pech zu haben und an eine böse Frau zu geraten, die, wenn man ehrlich ist, ihn sowieso verflucht hätte, wenn nicht deswegen, weil er sie nicht angeschaut hat, dann später, wenn sie draufgekommen wäre, dass er schwul ist, oder sie sich nach ein paar Jahren Ehe langweilt. Also, was hätte er machen sollen?" Aber für die fast 300 Seiten sind es einfach zu wenige solcher Lichtblicke.
Nach ca. 150 Seiten habe ich mich dabei erwischt, dass ich immer oberflächlicher gelesen habe, weil ich nur noch fertig werden wollte. Schade drum, denn der Tonfall ist ausserordentlich gut getroffen.