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Xirxe
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Insgesamt 876 Bewertungen
Bewertung vom 09.04.2020
Romer, Knud

Die Kartographie der Hölle


gut

Knud Romer wächst behütet auf, verwöhnt und geliebt von seinen Eltern, doch ohne Freunde. So schafft er sich einen Fantasiefreund, M., der ein völlig anderes Leben als Knud lebt. Während dieser mit zunehmenden Jahren von einer Karriere im Literaturbetrieb träumt, zieht M. mit seiner Familie von einem Land ins nächste.
Von diesen beiden Lebensläufen erzählt 'Die Kartographie der Hölle' abwechselnd. Während Knud sein Literaturstudium aufnimmt und daran verzweifelt, verharrt die Geschichte M.s bei dessen Kindheit und Jugend, in der er mit seiner Familie von den USA nach Istanbul übersiedelt und dann weiter nach Teheran zieht. Während der fiktive Teil chronologisch dargestellt wird, ist Knuds Leben voller Sprünge, im übertragenen wie auch realen Sinn. Es geht von Dänemark nach Frankfurt nach Wien nach Island nach sonstwohin und man sollte sich nicht daran stören, hin und wieder den roten Faden zu verlieren. Knuds Dasein ist das eines Verlierers, der irgendwann zufällig auf die Gewinnerbahn kommt, die er zwar (eher unbewusst) zu nutzen weiss, die ihn aber gleichzeitig in den tiefsten Abgrund stürzt. Wirklich interessant habe ich diese Geschichte nicht gefunden, ganz im Gegensatz zu der von M. Fast schon sachbuchmäßig, aber durchaus unterhaltsam werden die Verhältnisse in den 70er Jahren in Istanbul und Teheran geschildert, wobei mir aber unklar blieb, wie hoch der Wahrheitsgehalt ist. Beispielsweise fand ich über die Aussage, dass die Zwillingsschwester des Schahs die eigentliche Macht im Staate und größte Drogenhändlerin des Landes war, nichts offiziell Bestätigtes. Allenfalls Gerüchte.
Das wirklich Bemerkenswerte an diesem Buch sind eh nicht die Geschichten, sondern die Sprache, die der Autor ausgesprochen kunstvoll zu nutzen weiß. Beispielsweise wie es ist, keinen Großvater zu haben: "Streckt man die Hand in Richtung Vergangenheit aus, ist dort niemand, der sie ergreift. Man ist ohne Familie und ohne Geschichte, ohne Vergangenheit, man hängt mit nichts und niemandem zusammen. Als sei man vom Himmel gefallen. Man kommt nirgendwoher, man ist für immer ein Zugezogener und muss schauen. wo man bleibt." Oder "Jede Person war eine Tür, durch die man eintrat - und möglicherweise endete man an einem unbekannten Ort. Das konnte überall passieren und den Rest des eigenen Lebens bestimmen." Knud Romer hat einen Blick für das Wesentliche, das er dann scharfzüngig in Worte umsetzt: "Das Postterminal war die Endstation für viele, die ihr Studium hinschmissen. Die Literaturwissenschaft produzierte Verlierer am Fließband - und Invaliden. Das war die beste Zukunftsaussicht: eine Invalidenrente. Es ließ sich auf niedrigster Flamme vegetieren, man hatte Ruhe vor der Gesellschaft und konnte sie von einem höheren, idealistischen Standpunkt kritisieren, ohne gezwungen zu sein, sich für das Kapital zu prostituieren oder selbst zur Ware zu werden, wie es der Arbeitsmarkt verhieß."
Es ist keine Biographie im üblichen Sinn, sondern eher ein kunstvolles Geflecht von Realität und Fantasie mit vielen essayartigen Einschüben zu etwas eigenwilligen, aber durchaus interessanten Themen, wie beispielsweise dem Tourette-Syndrom oder das Leben des Dr. Reinhold Aman, der Welt einzigem Maledictologen (Schimpfwortforscher).

Bewertung vom 09.04.2020
Filipenko, Sasha

Rote Kreuze


ausgezeichnet

Der dreissigjährige Alexander ist nach einem schweren Schicksalsschlag mit seiner kleinen Tochter nach Minsk gezogen. Direkt beim Einzug lernt er seine Nachbarin kennen, die über 90jährige Tatjana, die ihm ungefragt ihre Lebensgeschichte aufdrängt. Widerwillig hört er ihr zu und ist doch völlig gefesselt von ihren dramatischen, schmerzlichen Erlebnissen, die sogar sein eigenes Leid etwas in den Hintergrund rücken lassen.
Dass die Zeit unter Stalin für viele Menschen eine Tragödie war, ist zwar bekannt, aber mehr oder weniger verdrängt bzw. vergessen. Stattdessen wird er in Russland wieder zu einer Kultfigur - der starke Mann, der Erlöser - und die Zahl seiner AnhängerInnen wächst. Gegen dieses Vergessen schreibt Sasha Filipenko an mit seinem Buch 'Rote Kreuze'. Glaubhaft und überzeugend zeigt er am Schicksal der mittlerweile an Alzheimer erkrankten Tatjana, wie völlig Unschuldige während des II. Weltkriegs wegen Nichts in Lager und Gefängnisse geschickt oder getötet wurden.
Die fiktive Geschichte dieser alten Dame, die vermutlich für die vieler anderer 'echter' Menschen steht, wird mit dokumentarischen Belegen wie den Briefen des Roten Kreuzes ergänzt, die versuchten, die russische Regierung zum Austausch von Kriegsgefangenen zu bewegen. Doch diese lehnte stets ab oder reagierte überhaupt nicht, denn für sie waren russische Kriegsgefangene Verräter, sonst wären sie nicht gefangen genommen worden - und was zählt schon ein Menschenleben?
Dass der junge Alexander, das Gegenüber im Heute von Tatjana, ebenfalls ein Schicksal aufweist, das für ein ganzes Buch reichen würde, ist mir fast zuviel des Guten (oder Schlechten). Ob der Autor damit zeigen wollte, dass kein Leid das einzige ist? Oder dass es immer noch Schlimmeres gibt? Was auch immer, es wäre nicht nötig gewesen.
Ungeachtet des traurigen Themas gibt es dank der unkonventionellen alten Dame immer wieder Stellen, die mich grinsen ließen. "Mademoiselle hat zu lange im vorsintflutlichen Russland gelebt, das als einzige Leistung für sich beanspruchen kann, die Zahl der Finger beim Bekreuzigen von zwei auf drei erhöht zu haben." Oder als Tatjana mit zehn Jahren 1920 nach Russland kommt: "Wie hätte es einem Kind im Land des zunehmenden Infantilismus auch nicht gefallen sollen?".
Ein schnörkelloser, sehr direkter Sprachstil und eine tragische Geschichte - auch wenn es etwas zu viel Dramatik gibt, ist dieses Buch sehr zu empfehlen.

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 20.03.2020
Helfer, Monika

Die Bagage


gut

Die Anerkennung für dieses Buch ist enorm, Leserinnen (zumeist) und Feuilleton sind hingerissen. Aber mich konnte 'Die Bagage' nicht begeistern, wobei es nicht die Geschichte an sich ist, sondern der eigenwillige Schreibstil der Autorin.
Es ist ihre eigene Familiengeschichte laut Aussage Monika Helfers. Als nicht wirklich dem Dorf Zugehörige lebten sie dort am Rande in Armut, stets misstrauisch beäugt von den Einheimischen. Insbesondere, da die Grossmutter der Autorin eine aussergewöhnliche Schönheit war. Als deren Mann Josef in den Krieg musste und Marie, so ihr Name, schwanger wurde, war für die Dorfbewohner klar, dass da nicht alles mit rechten Dingen zuging.
Monika Helfer beschreibt nicht nur das Leben ihrer Grosseltern, sondern flicht fast beiläufig die Lebenswege ihrer zahlreichen Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins ein, was ihr häufig mit ein, zwei Sätzen gelingt. Dafür springt sie immer wieder innerhalb eines Absatzes nicht nur auf das Zeitliche bezogen hin und her, sondern auch thematisch. Auf rund anderthalb Seiten erfährt man beispielsweise, wie Tante Kathe zu ihrem Ehemann kam, dieser ihre Kinder be- und misshandelte, das Verhältnis der Ich-Erzählerin zu diesen Kindern (ihrem Cousin und ihrer Kusine), das Leben bei dieser Tante nach dem Tod der Mutter undundund. Ich fand dies nicht so schön, da mir die einzelnen Personen dadurch fremd blieben.
Der Sprachstil wirkt schlicht, häufig sind es recht kurze Sätze, die aber immer wieder voller Hintersinn stecken. "... bereits einen Tag nachdem sie das Dorf verlassen hatten, waren sie getrennt worden. Die Hüte hatten die Köpfe überlebt. Bereits vier also waren tot." Oder " Man sage ja auch "gefallen", als ob das Sterben da draussen ein bloßes Hinfallen wäre." Wären nicht diese mich störenden, ständig auftauchenden Sprünge in 'Zeit und Raum' ;-) gewesen, hätte ich mit diesem Buch vermutlich mehr anfangen können. So blieb es bei einem durchschnittlichen Lesevergnügen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 18.03.2020
Johnson, Denis

Die lachenden Ungeheuer


sehr gut

Nair, ein Hauptmann im Nato-Geheimdienst, und Adriko, Ex-Kindersoldat unter Idi Amin und ein Mann für alle Fälle, haben sich viele Jahre nicht gesehen, doch noch immer immer bezeichnet jeder den andern als Freund. Adriko hat einen Plan, den er jedoch seinem Freund nur bruchstückweise erzählt; und eine Verlobte, die er in seinem Heimatdorf in Uganda heiraten will - mit Nair an seiner Seite. Aber auch Nair spielt nicht mit offenen Karten: Er soll seinen Freund überwachen - er hat selbst keine Ahnung weshalb. Und nebenbei hat er noch ein kleines Geschäft laufen, von dem er Adriko nichts erzählt. Gemeinsam brechen sie in Freetown, Sierra Leone, auf. Auf nach Uganda, zum Fuß der Berge 'Die lachenden Ungeheuer'.
Es ist eine abenteuerliche Reise, die die Drei unternehmen. Derart abenteuerlich, dass sie sie fast das Leben kostet - und das nicht nur einmal. Es geht um geschmuggeltes Uran, geklaute Informationen, Spionage, Freundschaft, Liebe, Verrat - und Afrika. So unübersichtlich die Geschichte manchmal wirkt, man nicht weiß, wer gegen oder wer mit wem, so unübersichtlich ist dieses Afrika, das Denis Johnson in diesem Buch beschreibt, das zurecht nicht als Krimi oder Thriller bezeichnet wird. Denn es ist von allem ein bisschen.
Der Autor lässt seinen Ich-Erzähler Nair stellenweise ebenso verworren erzählen wie sich auch die Geschichte zeitweise darstellt. Doch mich hat es nicht gestört, denn es passt exakt zu den Geschehnissen in Sierra Leone und noch besser zu denen in Uganda, wo sie unter anderem von Rebellen gefangen gehalten werden oder anderswo eine Göttin im Baum sitzt.
Eine düstere, fesselnde Lektüre aus einem ebenso düsteren, faszinierenden Afrika.

Bewertung vom 12.03.2020
Vigan, Delphine

Dankbarkeiten


ausgezeichnet

163 Seiten hat dieses schmale Büchlein, doch gut 40 davon sind nicht bedruckt. Bleiben also noch rund 120 Seiten Lektüre mit großzügig gesetztem Text - und das für 20 €. Wäre der Inhalt nicht so grandios, wäre dies eine Ein- oder Zwei-Sterne-Bewertung geworden. Aber der Text lässt mich dann doch darüber hinwegsehen ;-)
Michka ist eine ältere Dame, die irgendwann an einen Punkt gelangt ist, an dem sie nicht mehr alleine in ihrer Wohnung bleiben kann. Nicht nur ihre körperlichen Gebrechen machen ihr zu schaffen, auch die Schatten ihrer Vergangenheit rücken näher und versetzen sie mit Alpträumen in Angst und Schrecken. Dazu kommt der Verlust der Sprache, mit dem sie schwer zu kämpfen hat. Denn Sprache hat ihr Leben bestimmt als Korrektorin einer großen Zeitschrift und nun verliert sie Wort um Wort. Marie, eine junge Frau die ihr sehr nahe steht, kümmert sich um ihre Unterbringung in ein Pflegeheim, wo sie mit Jérôme, einem jungen Logopäden, zweimal die Woche Übungen macht.
Diese beiden Menschen berichten abwechselnd von ihrem Zusammensein mit Michka und dazwischen erfährt man nach und nach, woher ihre Alpträume kommen. Delphine de Vigans Sprache vermittelt voller Zartheit und Sanftmut, wie Michka um ihr Leben, ihre Sprache, ihre Würde kämpft. Der Verlust ihrer Worte ist beeindruckend und wirkungsvoll umgesetzt, indem zuerst nur Buchstaben verdreht werden, dann aber neue Wörter die alten ersetzen bis sie endgültig verschwinden.
Es ist ein trauriges Buch, doch mit vielen heiteren und warmherzigen Momenten. Und auch wenn ich am Schluss einige Tränen vergoss - es geht weiter. Ein altes Leben verschwindet, ein neues wird geboren.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 12.03.2020
Politycki, Matthias

Das kann uns keiner nehmen


sehr gut

Hans möchte mit seiner Vergangenheit ins Reine kommen - mit einer Besteigung des Kilimandscharo und der Übernachtung im Gipfelkrater. Doch als er und seine Gruppe oben ankommen, muss Hans zu seinem Ärger feststellen, dass dort schon ein Anderer seine Zelte aufgeschlagen hat. Widerwillig nähert er sich dem Platz und es kommt noch schlimmer: Der ihnen Zuvorgekommene, Tscharli, ist ein ungehobelter, respektloser Urbayer mit fürchterlichen Ansichten. Auf dem am nächsten Morgen gezwungenermaßen gemeinsamen Rückweg wird deutlich, wie schlecht es um Tscharlis Gesundheit bestellt ist. Und eh Hans es sich versieht, befindet er sich plötzlich für eine Woche auf einer gemeinsamen Reise mit diesem Rüpel.
Hans berichtet diese Geschichte als Ich-Erzähler und, natürlich, ist er selbst der Maßstab, an dem er Tscharli misst. Immerhin ist er von Beginn an ehrlich genug um festzustellen, dass dieser unsägliche Bayer mit den Afrikanern wesentlich besser klar kommt als Hans, auch wenn er sie immer wieder 'Neger' nennt. Es ist durchaus belustigend zu lesen, wie der politisch korrekte Hanseat dem alten Zausel klar zu machen versucht, wie reaktionär dessen Ansichten und Verhalten sind. Tatsächlich ist es Hans jedoch, der den Einheimischen fremd bleibt bzw. sie auf Distanz hält. Ungewollte europäische Arroganz, Überheblichkeit oder schlicht Furcht? Die beiden so verschiedenen Männer freunden sich wider Erwarten an und nach und nach erzählen sie sich gegenseitig ihre Lebensgeschichten; zumindest den Teil, der sie nach Afrika geführt hat.
Es ist nicht nur eine bzw. zwei Geschichten über die Liebe des Lebens, sondern auch die Liebe zum Leben, die Tscharli aller Widrigkeiten zum Trotz nicht verliert. Er, der zeitweise schmerzhaft geradeheraus ist und scheinbar zwanghaft fast immer gute Laune hat, zeigt seinem Begleiter, wie gut es sich leben lässt und Hans lernt von ihm. Er fühlt sich zum ersten Mal frei, ohne jede Zwänge, die ihm in Deutschland nicht mehr bewusst waren.
Matthias Politycki lässt seinen Protagonisten in einem Tonfall erzählen, als säße er einem gegenüber. Selbst Zögerlichkeiten beim Nachdenken, das Abwägen - alles wird festgehalten und wirkt damit wie ein persönliches Gespräch. Ein Gespräch mit Beschreibungen die so deutlich sind, dass man die Menschen wie auch die Szenerien unmittelbar vor Augen hat. Tscharli ist mir während des Lesens sehr ans Herz gewachsen und ich hoffe, dass es noch viel mehr Tscharlis auf dieser Welt gibt.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 05.03.2020
Behr, Markus

Vaterschaftstest


gut

Fabian ist ein liebenswerter, sympathischer Zeitgenosse, der meist wirkt, als wäre er etwas durch den Wind. Er ist Lehrer an einer berufsbildenden Schule und voller Ängste und Komplexe und mit Mitte Dreißig noch immer Jung’mann‘ – zumindest glaubt er das. Denn kurz vor den Sommerferien erfährt er völlig überraschend, dass er Vater von sechzehnjährigen Zwillingen ist. Während er und seine beiden Töchter sich bei gemeinsamen Treffen näher kennenlernen, versucht er herauszufinden, was damals wirklich passierte. Während seiner Nachforschungen muss er gezwungenermaßen Kontakt zu früheren Freundinnen und Freunden aufnehmen, wobei er immer wieder realisiert, wie sehr seine Selbsteinschätzung von dem Eindruck, den er auf Andere macht, abweicht. Dinge, die ihm große Probleme bereiten, werden und wurden von Anderen überhaupt nicht oder nur wenig wahrgenommen.
Markus Behr lässt seinen Protagonisten von einer heiklen Situation in die nächste stolpern, wobei es aber nie so schlimm wird, dass es zum Fremdschämen reicht. Obwohl das Buch recht launig geschrieben ist und mich beinahe durchweg lächeln ließ, kamen mir die Figuren nicht richtig nahe. Vielleicht lag es an manchen Verhaltensweisen, die ich wohl schlicht nicht nachvollziehen konnte. Beispielsweise als Fabian Ronjas Zähne ‚fast bedrohlich findet‘ oder die Augenschatten von Jasmin. Zudem hätte ich mir, auch wenn die Geschichte insgesamt einen heiteren Stil aufweist, etwas mehr Witz gewünscht, wie zum Beispiel in Situationen wie dem Besuch der alten Dame im Hotelzimmer oder das Treffen mit seinem Chef und dessen Hund. Diese Szenen (und auch andere) hätten gerne deutlich lustiger ausfallen dürfen.
Insgesamt ist es ein leichter vergnüglicher Unterhaltungsroman mit Potential nach oben, der vielleicht auch den Blick für das eigene Selbstbild und seine Aussenwirkung etwas schärft.

Bewertung vom 05.03.2020
Butler, Nickolas

Ein wenig Glaube


weniger gut

Als Shiloh mit ihrem fünfjährigen Sohn in das Haus ihrer Eltern Lyle und Peg zurückkehrt, sind diese überglücklich, die Beiden bei sich zu haben. Die einzige Unstimmigkeit zwischen ihnen gibt es wegen Shilohs Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft, die recht rigorose Ansichten vertritt. Als sie mit ihrem Sohn auszieht, um mit dem Pfarrer zusammenzuleben, haben Lyle und Peg Angst, dass ihnen die Beiden völlig entgleiten. Mühsam halten sie den Kontakt aufrecht und müssen bald erkennen, dass ihre Ängste nicht unbegründet sind.
Ein spannendes Thema: Wie intelligente, selbstbewusste Menschen sich in den Fängen einer Sekte verwandeln und selbst das Leben ihrer Kinder aufs Spiel setzen, ist momentan vielleicht kein Thema für die Titelseiten, aber sicherlich noch immer sehr aktuell. Daraus hätte eine gute, packende und aufschlussreiche Geschichte werden können; stattdessen wurde es ein gefühlvoller Familienheimatroman, der jede Menge Längen hat.
Hauptfigur ist der 65jährige Lyle, der nach dem Tod seines erstgeborenen Sohnes mit nur sechs Monaten den Glauben an Alles verloren hat. Voller Liebe für seine Tochter und seinen Enkel versucht er aufrichtig zu verstehen, was dieser Glaube für sie bedeutet. Seine Auseinandersetzungen mit sich selbst machen einen Großteil des Buches aus: seine Gedanken über Schicksal, eine höhere Macht – oder doch nur Zufall? Eine Auslieferung von Äpfeln mit dem LKW beispielsweise zieht sich über 31 Seiten hin, um die Bedeutung von höheren Mächten (oder auch nicht) herauszustellen – 20 Seiten weniger hätten es auch getan.
Nickolas Butlers Sprache ist sehr sehr bilderreich, was mir persönlich schon etwas zu viel des Guten war. Dabei werden Vergleiche herangezogen, bei denen ich nur mit dem Kopf schütteln konnte bzw. lachen musste: "Lyle machte das alles nichts aus, solange sie (die Touristen) ihr Geld im Ort ließen, wie nasse Fußstapfen, die unweigerlich irgendwann verdunsten würden." Oder "... der Kirchenraum drehte sich langsam vor ihren Augen, als säßen sie im Innern eines Fabergé-Eis ..." oder "... die Schreibschrift, die wie Champagner daraus hervorzusprudeln schien ...". Sehr gefühlig wird es bei den vielen Landschaftsbeschreibungen, bei denen man sich denken kann, dass der Autor aus dieser Gegend stammt und seine Heimat liebt.
Nicht so gut gelungen empfand ich die Charakterisierung seiner Figuren. Zwar wird der ‚Bösewicht‘ Steven durchaus ambivalent gezeigt, doch es bleibt bei einem Mal, danach ist er auf seine Rolle festgelegt. Oder Shiloh, Lyles Tochter. Für mich war ihre Wandlung von einer selbständigen jungen Frau hin zu einem praktisch hörigen Sektenmitglied nicht nachvollziehbar.
So bleibt es bei einem unterhaltsamen Familienroman mit einigen Schwächen, der zwar ein ernstes Thema anschneidet, aber bedauerlicherweise nur an der Oberfläche kratzt.

Bewertung vom 22.02.2020
Orths, Markus

Picknick im Dunkeln


sehr gut

Stan Laurel (1890-1965) trifft auf Thomas von Aquin (1225-1274) - häh? Und nicht nur das! Um sie herum herrscht vollkommene Dunkelheit, und keiner von ihnen weiß, was sie an diesem Ort erwartet.
Was sich anhört wie der wirre Traum eines Surrealisten, ist das Ausgangsszenario des neuen Buches von Markus Orths. Beworben wird es vom Verlag mit 'eine aufregende philosophische Reise, eine urkomische und todernste Geschichte...', was ich als doch etwas (oder auch etwas mehr) übertrieben betrachte. Ja, es gibt philosophische Momente ebenso wie komische und ernste, doch von allem etwas und nie in Extremform.
Der Schwerpunkt lag für mich auf der Schilderung der Biographien der beiden Männer, die ich insbesondere im Falle Thomas von Aquins als sehr gelungen empfand. Da außer den reinen Fakten zu dessen Leben keine persönlichen Zeugnisse überliefert sind (sieht man von seinen philosophischen und theologischen Schriften ab), sind die entsprechenden Abschnitte zu seinem Leben wohl gänzlich der Phantasie des Autors zu verdanken. Wie er das Leben dieses großen mittelalterlichen Denkers darstellt, finde ich sehr glaubwürdig und authentisch. Wohl wissend, dass nur Wenig davon als verbürgt gelten kann.
Was diese beiden Leben, Thomas' und Stans, miteinander verbindet, ist praktisch nichts außer ihr gemeinsamer Aufenthalt an diesem mysteriösen Ort. Doch in dieser vollkommenen Dunkelheit versuchen sie nun, sich einander anzunähern und zu verstehen, um sich in dem Unerklärlichen, das um sie herum herrscht, gegenseitig Halt zu geben. Wobei Stan klar der 'Bedürftigere' der Beiden ist - Denken schlägt Lachen ;-)
Markus Orths zeigt in einer gefühlvollen Sprache mit wirklich kreativen neuen Wortkreationen (Hosenrücktauschverstecke, Schneckenfühlerfingerchen), wie sich zwei Menschen verstehen lernen, die nichts gemeinsam haben. Doch mit Offenheit und Bereitschaft ist es auch möglich, Bande über die Jahrhunderte zu knüpfen. Verbindungen, die einen bis in den Tod begleiten.
Es ist eine gut erzählte, in gewisser Weise phantastische Geschichte, die mich mit ihrer Auflösung jedoch ein bisschen enttäuschte - zu alltäglich kam sie daher. Dennoch: eine schöne und etwas ungewöhnliche Lektüre.

Bewertung vom 18.02.2020
Messina, Marion

Fehlstart


gut

Die 19jährige Aurélie träumt von einem besseren Leben: raus aus der Armut ihres Stadtviertels, weg von ihrer Unterschichtfamilie und hin zu Wissen, Bildung und der Gewissheit, etwas Sinnvolles im Leben zu tun. Doch tatsächlich landet sie an der Universität ihres Heimatortes Grenoble, wo sie weiterhin bei ihren Eltern in ihrem alten Kinderzimmer wohnt. Auch die Universität entpuppt sich als Ort der Langeweile mit uninteressanten und öden Vorlesungen. Erst Alejandro, ein junger Kolumbianer, der ebenfalls in Grenoble studiert, weckt ihre Lebensfreude und setzt Energien in ihr frei, die sogar ihre Lernfreude für das Studium wecken. Doch als er sie verlässt, scheint ihr jegliche Motivation wieder abhanden zu kommen.
Was sich wie eine traurige Liebesgeschichte anhört, ist eher die ebenfalls traurige Beschreibung einer Generation, die sich in der Illusion verliert, irgendwann einmal in der Gesellschaft aufzusteigen. Wir folgen Aurélie nach Paris, wo sie sich wie zehntausende Anderer ein besseres, aufregenderes Leben verspricht, fernab von der Ödnis der Provinz und der Armseligkeit ihres Elternhauses. Doch tatsächlich landet sie in einem miserabel bezahlten Hostessenjob mit schlechteren Arbeitsbedingungen als jene ihrer Eltern, nur, um sich ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können und eine völlig überteuerte kärgliche Unterkunft in Paris.
Marion Messina, die Autorin, macht deutlich, dass die Realität weit davon entfernt ist, allen Menschen in Frankreich die gleichen Chancen zu bieten. Wer nicht einer bestimmten Gesellschaftsschicht angehört, ist dazu verdammt, für kleines Geld so hart zu arbeiten, dass für nichts Anderes mehr Zeit und Energie übrig bleibt. Der Aufstieg in ein besseres Leben ist ein Versprechen, mit dem die Armen ruhig gestellt werden. So düster wie sich das Alles anhört, ist dieses Buch auch. Jeder Versuch eines neuen Anfangs endet mit einer Trostlosigkeit, aus der es kein Entkommen zu geben scheint.
Es ist eine zutiefst französische Lektüre; jede Menge Bezüge auf französisches Fernsehen, Literatur, Politik und so frage ich mich: Ist es wirklich so schlimm um diese Generation in Frankreich bestellt? Gibt es wirklich keine Hoffnung mehr? Nicht dass ich bezweifle, dass solche Verhältnisse existieren, die es bestimmt auch in Deutschland gibt. Aber ist es wirklich die Mehrheit wie hier beschrieben?
Ich habe eine Weile überlegt, ob ich diesem Buch zwei oder drei Sterne gebe, denn im Grunde finde ich das Thema wie auch die Schuldzuweisungen zu einseitig und das Handeln der Protagonistin häufig nicht nachvollziehbar. Doch in Vielem hat die Autorin recht und trifft mit ihren Aussagen voll ins Schwarze. Hinzu kommt ein bemerkenswerter Schreibstil, nüchtern und ausdrucksstark und so lande ich schlussendlich bei 2,5 Sternen und runde großzügig auf ;-)