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hasirasi2
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Dresden

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Insgesamt 1268 Bewertungen
Bewertung vom 20.10.2024
Johannson, Lena

Coco und die Revolution der Mode


ausgezeichnet

Die Diva der Modewelt

„Mit dem Nähen konnte Gabrielle Geld verdienen, mit ihrer Stimme wollte sie berühmt werden.“ (S. 97)
Nachdem sich ihre Mutter im wahrsten Sinne des Wortes totgearbeitet und ihr Vater sie und ihre Schwestern einfach in ein Waisenhaus abgeschoben hat, steht für Gabrielle Chanel klar, dass sie später mal reich und berühmt werden will – eine Diva. Bei den Nonnen lernt sie Nähen und Singen, aber so sehr sie auch übt, sie ist einfach nicht gut genug, um professionelle Sängerin zu werden. „Talent hast du keines, dafür Charme.“ (S. 112)
Als ihre Tante ihr bei bringt, wie man aus Rohlingen Hüte fertigt, stellt sie fest, dass Gabrielle ein besonderes begabt ist. Im Gegensatz zu den üblichen überladenen Modellen, zeichnen sich ihre durch zurückhaltende Eleganz aus. Diesen Stil übernimmt sie später für ihre Mode. Kleidung soll schön sei, aber auch praktisch und ihre Trägerin nicht einengen oder behindern.

Cocos Anfänge auf dem weiten Weg zur gefeierten Designerin beschreibt Lena Johansson in „Coco und die Revolution der Mode“. Sie zeichnet das Bild einer jungen Frau, die es besser haben will als ihre Mutter. Dabei denkt sie immer an ihre große, weitläufige Familie, stellt einzelne Mitglieder ein oder unterstützt sie mit Geld. Lenas Gabrielle ist eine träumende, zielstrebige junge Frau, die sich nicht unterkriegen lässt und mit Fleiß, Disziplin und Zielstrebigkeit ein Imperium aufbaut. Aus der kleinen Näherin, wird durch jahrelange harte Arbeit eine selbstbewusste Künstlerin.

Gabrielle hat kein Geld, sieht aber gut aus und verdreht den Männern mit ihrer offenen und unkonventionellen Art den Kopf, so wie dem jungen Offizier und Erbe Étienne Balsan. Sie zögert lange, sich mit ihm einzulassen, da er ihr von vornherein klarmacht, dass er sie zwar unterstützen, aber nicht heiraten würde. Er finanziert ihre Hutmacherei, sieht das aber nur als Hobby und nicht als Berufung oder gar Kunst – er musste noch nie Geld verdienen, das Konzept scheint ihm fremd zu sein. Als er Gabrielle Boy Chapel vorstellt, knistert es sofort zwischen ihnen, wahrscheinlich, weil Boy ebenfalls ein Arbeitstier ist und versteht, was sie antreibt. Aber ist er auch ein Partner fürs Leben?

Lena Johansson hat mich von der ersten Seite an in Cocos Bann gezogen. Sie schreibt extrem mitreisend über deren Leben zwischen Hunger und Überfluss, harter Arbeit und Jetset, Étienne und Boy. Ich habe das Buch an nur 2 Abenden regelrecht „durchgesuchtet“. Übrigens, falls ihr wissen wollt, wie es nach dem Ende des Buches weitergeht, kann ich Euch „Mademoiselle Coco und der Duft der Liebe“ von Michelle Marly empfehlen.

Bewertung vom 15.10.2024
Wörndl, Bernadette

Wiener Zuckerbäckerei


ausgezeichnet

Zuckersüße Köstlichkeiten

Ich kann mich noch gut an meinen ersten (und bisher leider auch einzigen) Besuch in Wien erinnern. Das war im Sommer 1990 während der Wende (ich stamme aus der DDR). Wir haben haben in einer Jugendherberge in einer alten Kirche geschlafen, alle möglichen Sehenswürdigkeiten und Cafés besucht und natürlich Sachertorte, Marillenknödel und Palatschinken gegessen. Seitdem ist Wien für mich untrennbar mit dem Genuss von zuckersüßen Köstlichkeiten verbunden.

Bernadette Wörndl hat jetzt die handschriftlichen Rezepte ihrer Vorfahren vom Beginn des 19. Jahrhunderts in die heutigen Maßangaben und zeitgemäße Verhältnisse übersetzt und ein echtes Kleinod geschaffen. Schon beim Betrachten der Fotos und Durchlesen der Rezepte läuft einem das Wasser im Mund zusammen und man weiß nicht, welches man zuerst nachbacken möchte.

Ich kann Euch z.B. die Linzertorte empfehlen. Das Rezept ist kinderleicht, weil der Kuchen aus nur einer Sorte Teig für den Boden und das Gitter besteht. Auch bei der Marmelade kann man rumprobieren und eigentlich nichts falsch machen.

Die Mohntorte hat meine Familie besonders begeistert, vor allem die zitronige Note. Und auch sie verzeiht kleine (Anfänger)Fehler bei der Zubereitung.

An was denkt Ihr eigentlich, wenn Ihr „Hausfreunde“ hört? Hab ich es mir doch gedacht … Dabei sind das Kekse, die Cantuccini ähneln, aber viel weicher sind. Sie werden mit gehackten Nüssen, in Rum eingelegten kandierten Früchten und Rosinen verfeinert. Außerdem ist Anis und bittere Schokolade dran, das klingt ungewöhnlich, schmeckt in Kombination aber echt lecker.

Und wenn ein Rezept perfekt zum Titel des Buche passt, dann sind es die extrem flaumigen Topfenknödel mit Zwetschgenröster. Die Knödel werden nach dem Kochen in einer Zuckerbrösel-Mischung gewälzt, die so richtig schön knackt beim Draufbeißen. Sie sind auch recht schnell gemacht, aber Vorsicht, sie gehen im Topf extrem auf, also wirklich einen großen nehmen.

Knapp 80 Rezepte sind in diesem Buch vereint, aufgeschlüsselt nach Kuchen & Tartes, Torten, Schnitten & Rouladen, Teegebäck, Mehlspeisen, Weihnachtsgebäck und Puddings, Cremes & Eingekochtes. Dazu gibt es den perfekten Wiener Eiskaffee und ein Glossar für die Österreichischen Begriffe.

Hab ich Euch jetzt Appetit gemacht? Dann besorgt Euch das Buch und werft den Backofen oder Herd an. Gutes Gelingen und guten Appetit.

Bewertung vom 15.10.2024
Klüpfel, Volker;Kobr, Michael

Lückenbüßer / Kommissar Kluftinger Bd.13


ausgezeichnet

Politiker oder Polizeipräsident?

„Das alles hier war viel zu laut, viel zu hektisch, viel zu viel. Noch dazu für ihn, der nur durch ungünstige Umstände ins Amt des Interims-Polizeipräsidenten hineingerutscht war.“ (S. 6)
Kluftinger ist leider immer noch im Amt, und die ganze Büro- und Organisationsarbeit wird ihm langsam echt zu viel, doch ein neuer Polizeipräsident scheint noch nicht in Sicht. Als dann auf einer von ihm geplanten und organsierten Antiterror-Übung ein Kollege aus der Abteilung Personenschutz ums Leben kommt, der für die Übung gar nicht eingeteilt war, übernimmt Kluftinger die Ermittlungen natürlich selbst. Zuerst sieht es noch nach einem Unfall aus, aber er findet schnell einen Hinweis auf ein Verbrechen. Die Frage ist nur, warum der Mann sterben musste.
Außerdem ist da noch die Doppelbelastung durch Kluftingers Kandidatur für den Gemeinderat. Ursprünglich war er nur der Lückenbüßer, damit die Liste voll wird. Aber als sein Intimfeind Dr. Langhammer ebenfalls kandidiert, kämpft Klufti mit allem ihm zur Verfügung stehenden und zum Teil recht ungewöhnlichen Methoden um den Sieg.

„Lückenbüßer“ ist bereits der 13. Teil der Reihe und der Titel passt perfekt dazu, wie Klufti zu seinem Posten als Polizeipräsident und auf die Wahlliste gekommen ist. Wobei er in seinem Job bei der Polizei inzwischen Routine hat, aber die Politik Neuland für ihn ist. Und dass, wo er chronisch Termine vergisst und sich nie darauf vorbereitet – einfach alles „intuitiv“ angeht. So wie Social Media, wo er mit seinen Posts mehr als einen Shitstorm auslöst und von seinen Kollegen gerettet werden muss. Aber je tiefer er in die Geheimnisse des Wahlkampes eintaucht, desto mehr wird ihm klar, dass er sich wirklich engagieren und etwas verändern will, bzw. dafür sorgen, dass sich eben nichts ändert und Altusried das verschlafene Dörfchen bleibt und kein Touristenhotspot wird.

Aber nicht nur der Wahlkampf, auch die Ermittlungen zum Tod des Kollege sind spannend. Der war ein Einzelgänger, über den seine Kollegen kaum etwas erzählen können. Trotzdem kommen bei den Nachforschen einige Geheimnisse ans Licht. So hatte er z.B. einen Nebenjob und triftete immer mehr in die rechte Szene ab, nach Corona wurde es wohl noch schlimmer. Und so sehen sich Klufti und sein Team plötzlich mit Corona-Leugnern, Querdenkern, Rechtsradikalen und den Geheimnissen der alten NS-Ordensburg Sonthofen konfrontiert.

Für mich lebt die Reihe auch von Kluftis etwas ruppiger Art, seinem unbeholfenen Umgang mit modernen Medien (wenigsten kann er inzwischen WhatsApp) und den Fettnäpfchen, in die er mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit oft tritt. Es ist einfach extrem unterhaltsam, ihn im Berufs- und Privatleben zu begleiten. Apropos: Nach dem Ende bin ich natürlich gespannt, wie es im nächsten Buch weitergeht – also, Volker Klüpfl und Michael Kobr, lasst uns bitte nicht wieder 2,5 Jahre auf die Fortsetzung warten …

Bewertung vom 13.10.2024
Beer, Alex

Die weiße Stunde / August Emmerich Bd.6 (Audio-CD)


ausgezeichnet

Spannende Jagd auf einen Serienmörder

„Was hat die Frau nur getan, um so zu enden?!“ Kriminalinspektor August Emmerich und sein Mitarbeiter Ferdinand Winter haben ja schon einiges gesehen, aber die tote Marita Hochmeister erschreckt sie trotzdem. Ihre Zugehfrau hat sie zugedeckt im Bett gefunden, darunter war Marita nackt und blutverschmiert, alle Glieder wurden verrenkt und ihr Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Dabei hat der Täter keine Spuren hinterlassen, scheint nicht eingebrochen zu sein, hat nichts gestohlen und sich auch nicht an ihr vergangen. War es einer der Gäste, die am Vorabend Maritas Geburtstag mit ihr gefeiert haben?
Während Emmerich und Winter erste Überlegungen anstellen, mischt sich Heinrich Wertheim, der ehemalige Leiter der Abteilung Leib und Leben, in ihre Ermittlungen ein. Sein letzter Fall vor der Pensionierung vor 10 Jahren war ein Frauenmörder, der auf genau die gleiche Art und Weise dreimal getötet hat. Es gab damals einen Verdächtigen, dem sie die Taten allerdings nie nachweisen konnten und der dann plötzlich verschwunden war. Wertheim ist überzeugt, dass er jetzt zurückgekehrt ist und es nicht bei der einen Toten bleiben wird. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Doch das ist nicht Emmerichs einziges Problem. Er hat beim letzten Fall endlich herausgefunden, wer sein Vater war, und ihn auch beerbt. Leider stellt sich die Villa als Fass ohne Boden heraus. Emmerich fehlt das Geld für den Unterhalt des alten Gemäuers. Seine ganze Hoffnung liegt auf einem Schlüssel, der mit zum Erbe gehört und ihm hoffentlich die Tür zu einem Schatz öffnet – wenn er sie nur endlich finden würde.
Außerdem hängt ihm sein alter Freund Veit Kolja im Nacken. Der Schwarzhändler ist inzwischen in der Politik und wird (vermutlich von den Hakenkreuzler) wegen seiner Vergangenheit bedroht. Emmerich soll die Beweise dafür vernichten, dann sagt ihm Kolja, wo der Schlüssel passt …

Winter hat es ebenfalls nicht leicht. Seine Großmutter will ihn endlich unter die Haube bringen und trifft einfach Verabredungen für ihn. Das wiederum findet Emmerich gut. Die Damen sind nämlich aus besseren Kreisen und kannten Marita, Winter könnte also das (Un-)Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. „Aber bei dem Gedanken, ein Rendezvous für solche Zwecke auszunutzen, fühle ich mich schmutzig, bissl wie … eine Hure.“

Auch „Die weiße Stunde“, der 6. Fall von August Emmerich, ist wieder wahnsinnig spannend. Wertheim fokussiert sich auf den Täter von damals und mischt sich dauernd in die Ermittlungen ein, die Emmerich und Winter in die High Society von Wien, in die sich Marita hochgearbeitet hatte, und auf den Friedhof der Namenlosen führen. Denn mit einem hatte Wertheim recht, es folgen weitere tote Frauen. Ich hatte mich übrigens auch irgendwann auf einen Täter eingeschossen – und lag grandios daneben. Chapeau, wie Alex Beer den Fall am Ende aufgelöst hat, die literarische Referenz hat mir sehr gut gefallen. Außerdem will ich nach dem Cliffhanger natürlich wissen, wie es in Emmerichs Leben weitergeht.

Ich mag auch die Einbindung der privaten Hintergründe der Ermittler und wie sie von den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen beeinflusst werden. 1923 beherrscht die Hyperinflation den Alltag und Emmerich und seine kleine Familie versuchen sich als Selbstversorger.

Auch dieser Band wurde wieder grandios von Cornelius Obonya eingelesen. Er schafft es, jeder Figur ihre ganz eigene Stimme zu geben und die charakterlichen Merkmale herauszuarbeiten. Das ist ganz großes Hör-Kopf-Kino.

Bewertung vom 12.10.2024
Barone, Lucia

Übermorgen schreibe ich mein Happy End


sehr gut

Aschenputtel wird Bestsellerautorin

Vera ist Anfang 40, Mutter zweier Teenager und mit einem Italiener verheiratet, der leider seine Mutter mit ins Haus gebracht hat, um seine Frau bei der Hausarbeit und Erziehung der Kinder zu unterstützen, da er beruflich viel unterwegs ist. Seitdem ist Vera die Handlangerin von Donna Gina, darf staubwischen, putzen und das Geschirr von Hand spülen, einkaufen und alles schnibbeln, aber den Kochlöffel schwingt nur ihre Schwiegermutter. Als „Ausgleich“ betreibt Vera einen kleinen Kiosk und hat diverse Kurse an der Volkshochschule ausprobiert – bis sie beim Schreiben hängen geblieben ist. Ihr erotischer Liebesroman, dem Nonna Ginas Rezepte die richtige Würze verleihen, ist unter einem Pseudonym erschienen, und als er durch die Decke geht und auf der Bestsellerliste landet, hat Vera mindestens drei Probleme. Wie bringt sie das ihrem Mann bei und verheimlicht es vor der Schwiegermutter, die für diese Art Literatur so gar kein Verständnis hat? Und wie schafft sie es, dass das Pseudonym auch für der Öffentlichkeit gewahrt bleibt, weil plötzlicher jeder wissen will, wer sich hinter Lucia Barone versteckt?

Vera hat sich in ihrem gemütlichen Leben eingerichtet und mit allem abgefunden. Sie steht unter der Fuchtel ihrer Schwiegermutter, ihre Kinder nehmen sie nur selten ernst, weil sie von Oma und Papa nach Strich und Faden verwöhnt werden, und ihr Mann reist sehr viel und schläft nur selten zu Hause. Das Schreiben ist ihre Flucht aus dem Alltag, wenigstens ihre Hauptfigur hat wahnsinnig tollen Sex und verführt ihren Lover mit ihren Kochkünsten. Dass sie mit dem Buch Erfolg hat, hätte Vera nie gedacht, zum Glück hatte sie wenigstens auf einem Pseudonym bestanden. Doch jetzt kann sie ihren weltfremden Verleger (das Buch ist auch sein erster Erfolg) nur schwer bremsen, ihr Geheimnis zu wahren, denn die Anfragen für Interviews und Übersetzungsrechte lassen seinen Posteingang überquellen.

Ich fand die Idee witzig, dass die Autorin mit ihrer eigenen Geschichte spielt, denn Lucia Barone ist nicht nur das Pseudonym von Vera, sondern auch das der Autorin. Auch der Plot war mal was anderes und der Schreibstil schön flüssig. Aber Vera war mir stellenweise zu naiv und wankelmütig, hat bei allem, was schief geht, zuerst die Schuld bei sich gesucht – auch bei Fehlern ihres Mannes. Das passte weder zu der Frau, die sie früher mal war und eigentlich noch sein will, noch zu ihrem Alter Ego im Buch, das deutlich selbstbewusster und taffer durchs Leben geht.
Außerdem ging es vor allem am Ende des Buches ein bisschen zu viel hin und her. Dafür gibt es als zusätzliches Schmankerl 5 Kapitel aus dem Erotikroman, die in die Handlung eingebunden sind.

„Übermorgen schreibe ich mein Happy End“ ist ein unterhaltsamer Liebesroman mit einer witzigen Grundidee, für den ich 3,5 Sterne vergebe.

Bewertung vom 09.10.2024
Oetker, Alexander

Wilder Wein / Luc Verlain Bd.8


sehr gut

Die dunkle Seite des Weins

„Wer hat Charlotte Malroix so gehasst, dass er sie tot sehen wollte?“ „Ganz einfach. Alle.“ (S. 174)
Der neueste Fall führt Luc Verlaine und seinen Kollegen Yacine nach Sauternes, wo der berühmteste Süßwein der Welt angebaut wird. Die junge Winzerin Charlotte wurde tot im Gärkeller gefunden, gestorben durch die beim Gären des Weins entstehenden Gase. Alles sieht nach einem Unfall aus, jedes Jahr verunglücken Winzer auf diese Weise, aber trotzdem ist Luc überzeugt, dass es Mord war. Motive und Verdächtige gibt es genug, Charlotte war eine Öko-Terroristin, die alle Winzer des Garonne-Tal überzeugen wollte, nur noch nachhaltig und biologisch anzubauen.

Bei ihren Befragungen stoßen die Ermittler auf eine Mauer des Schweigens. In den Polizeiakten und Archiven der Zeitungen entdecken Luc und seine Kollegen aber unzählige Artikel über Charlotte, außerdem Anzeigen und Eingaben bei diversen Behörden, die oft zu Polizeieinsätzen geführt haben. Und obwohl alle Verdächtige zugeben, dass Charlotte ihnen das Leben schwer gemacht hat, leugnen sie den Mord. Selbst der zuständige Polizist vor Ort, Vincent Balladier, versucht ihre Untersuchungen mit dem Hinweis, dass das doch nur ein Unfall war, zu boykottieren.

Auf dem Cover steht zwar, dass das Luc Verlains gefährlichster Fall ist, aber für mich war es sein gemütlichster. Anouk und Aurélie sind nicht da und Luc hat Zeit zu reflektieren, wie sehr sich sein Leben durch die Vaterschaft verändert hat. Und auch die Ermittlungen verlaufen recht entspannt, da die Bewohner von Sauternes nicht an eine Mord glauben (wollen) und es auch nicht so aussieht, als würde der Täter wieder zuschlagen.

Dafür sind die Hintergründe zum Fall sehr interessant. Charlotte war überzeugt, dass die Pestizide und anderen verwendeten Mittel für die überdurchschnittlich häufigen Krebserkrankungen der Bewohner der Gegend verantwortlich waren, leider hat ihr das kaum jemand geglaubt.
Zudem vermittelt Alexander Oetker viel Wissenswertes über den Anbau und die Produktion des Süßwein, und auch die Kulinarik und das Savoir-vivre kommen nicht zu kurz.

Bewertung vom 07.10.2024
Renk, Ulrike

Am Fluss der Zeiten


ausgezeichnet

Herausragender historischer Roman

„Lieber Gott, warum hast du diese Welt erschaffen? Warum kann man gegen jemand anderen getauscht werden, als wäre er ein Stück Vieh oder eine Truhe? Ich bin doch ein Mensch…, nur dass ich eigenbehörig bin…“ (S. 470)
Lüdinghausen 1551: Elze wächst als Eigenbehörige auf dem Kalmule-Hof ihrer Familie auf. Ihr Leben ist eng mit der Natur verbunden und scheint vorbestimmt zu sein. Die Familie bewirtschaftet den Hof schon seit mehrere Generationen, nach ihrem Vater Heinrich wird ihn Drees, der älteste Sohn übernehmen. Die anderen Söhne können dann entweder auf anderen Höfen einheiraten (wenn sie das Geld dafür aufbringen), oder, was wahrscheinlicher ist, bleiben ihr Leben lang als ledige Knechte auf dem Hof des Bruders. Bei den Töchtern ist es ähnlich, wenn sie keinen Hoferben heiraten, bleiben sie als Mägde zu Hause. Und noch hegt Elze keine Ambitionen in diese Richtung.

Elze lernt von klein auf alles, was eine Frau damals können und wissen muss. Angefangen beim Kochen, Backen und Haltbarmachen, über Hausarbeiten wie Nähen, Stopfen, Weben, bis zum Versorgen der Tiere und der Feldarbeit, bei der alle mitarbeiten müssen. Sie sind Selbstversorger, müssen aber von allem, was sie erwirtschaften, immer einen Teil an ihren Grundherren abgeben, egal, ob der Ertrag das hergibt oder nicht.
Ein wichtiger Pfeiler im Leben sind der Glauben, der erst vor wenigen Jahrzehnten reformiert wurde, und leider auch der Aberglaube.

Ulrikes Renks „Am Fluss der Zeiten“ ist seit langem mal wieder ein historischer Roman, der aus der Masse heraussticht. In klaren Worten und völlig ungeschönt berichtet sie vom harten und entbehrungsreichen Leben der Bauern zur damaligen Zeit, von ihrer Abhängigkeit vom Grundherren und wie sie den Launen der Natur ausgesetzt sind. Dabei kommt sie ganz ohne romantische Verklärung oder eine dramatische Liebesgeschichte aus, das Leben war auch so aufregend genug.

Eigenbehörige sein bedeutet, dass sie unfreie Bauern sind, die einem Gutsherren gehören und theoretisch an einen Hof gebunden sind, aber ein „Gesindejahr“ für ihren Herren ableisten müssen, das überall sein kann. Außerdem können sie gegen andere Hörige getauscht werden.
So passiert es auch Elze. Sie wird für ihr Gesindejahr nach Münster zu einem Domherren geschickt, aber schon nach einem halben Jahr zurück nach Hause berufen, allerdings nicht auf ihren Hof, sondern in Sichtweite auf die Burg Kakesbeck, um die sich eine gruselige Sage rankt. Schon ihr ganzes Leben hat sie Angst vor der Burg, in dessen Keller angeblich ein Ungeheuer lebt. Und jetzt muss sie für immer hier leben, es sei denn, ihr Herr tauscht sie nochmal ein. Wie es zu diesem ungewöhnlichen Schicksal kommt, Hörige von Höfen wurden nämlich nur selten vertauscht, verrate ich Euch natürlich nicht.

Bewertung vom 05.10.2024
Walker, Carlie

Christmas undercover


sehr gut

Stirb langsam meets Stars Hollow

Sydney Swift ist CIA-Agentin und für einen Einsatz in Schweden, als sie Besuch vom FBI bekommt. Der Gangsterboss Johnny Jones hat gerade seine Verlobung mit ihrer jüngeren Schwester Calla bekanntgegeben. Und da die ihn Weihnachten der Familie vorstellen will, soll Syd die Feiertage zu Hause verbringen. Dabei soll sie sich vor allem auf Johnnys Sicherheitschef Nick konzentrieren, vielleicht kann sie ihm entlocken, welchen Coup die Bande als nächstes plant. Sie darf ihn natürlich auch gerne verführen, um ans Ziel zu kommen, nur verlieben sollte sie sich nicht …

In „Christmas undercover“ trifft „Stirb langsam“ auf „Stars Hollow“. Syd stammt aus einer amerikanischen Heile-Welt-Kleinstadt, in der sich direkt nach Halloween alles um Weihnachten dreht und auch entsprechend großformatig und ausufernd geschmückt ist.
Die Schwestern sind nach dem frühen Tod ihrer Mutter vom Vater bei ihrer Grandma Ruby zurückgelassen worden, weil er sich mit zwei kleinen Kindern überfordert gefühlt hat. Entsprechend eng sind die drei Frauen zusammengewachsen, trotzdem wissen Calla und Ruby nicht, was Syd arbeitet. Das sorgt jetzt für unterhaltsame Verwicklungen. Genau wie Nick, der sich fast schon zu einfach von Syd um den Finger wickeln lässt – dumm nur, dass sie ihn wirklich heiß findet.

Zu Beginn waren mir die Figuren etwas zu stereotyp. Die knallharte Agentin wird bei ihrer Familie schwach und verliebt sich auch noch in den Feind. Gegenpol Nick spielt erst den Unnahbaren, flirtet dann aber sehr schnell mit und drückt sich gern in Syds Nähe rum.
Johnny ist der typische Gangster, zu seiner Freundin und ihrer Familie butterweich, aber im Geschäft knallhart.
Calla ist Grundschullehrerin und weiß von nichts, man könnte sie fast schon zu naiv nennen, weil sie sich nicht über den Reichtum ihre Verlobten wundert. Ja, seiner Familie gehört eine Cafékette, aber bei DEM Diamanten auf dem Verlobungsring und ständig anwesenden Bodyguards sollte man sich schon mal Gedanken machen.
Doch je länger die Scharade lief, desto mehr Tiefe bekamen die Protagonisten. Bei den Schwestern ließ sich vieles mit der schwierigen Kindheit erklären und auch Nick hat ein wirklich spannendes Geheimnis, das sein Verhalten erklärt.

Ganz á la Hollywood geht natürlich einiges schief, es prickelt mächtig zwischen Syd und Nick und es gibt Rangeleien der unterschiedlichen Geheimdienste, die sich gegenseitig nicht über den Weg trauen.

Die Handlung hat ordentlich Tempo und ist auch sehr abwechslungsreich, langweilig wird einem beim Lesen nicht, man sollte sich aber auch nicht an Klischees stören.

3,5 Sterne

Bewertung vom 02.10.2024
Oetker, Alexander

Signora Commissaria und der lachende Tod / Commissaria Giulia Ferrari Bd.2


sehr gut

Der übervorsichtige Serienmörder

„Ich habe den Toten lächeln sehen. Und gleichzeitig sah er so aus, als habe er das Schlimmste gesehen, kurz vor seinem Ende.“ (S. 84)
Nach ihrem ersten Fall hat sich Commissaria Giulia Ferrari nach Florenz versetzen lassen, allerdings eigentlich noch Urlaub, als sie angerufen wird. Es gab einen, bzw. zwei grausame Morde. Beide Opfer wurden mit einem Lächeln im Gesicht inszeniert. Während das beim ersten Toten noch nicht aufgefallen war, ist es beim zweiten jetzt überdeutlich. Dazu kommt, dass der Täter Hinweise auf das jeweils nächste Opfer hinterlässt, aber keinerlei Spuren an den Leichen, keine DNA oder Fingerabdrücke. Es sieht aus, als hätte er sie aus einer sterilen Umgebung an die Fundorte gebracht. „Ein Serienmörder, der nicht gefunden werden will und mit übertriebener Vorsicht seine Opfer tötet.“ (S. 96)
Giulia holt sich wieder Ex-Commissario Luigi Battista und den blinden Sergente Enzo Aleardi, einen absoluten Computer Nerd, in ihr Team. Zusammen suchen sie nach Gemeinsamkeiten der Opfer, aber die schienen sich nicht gekannt zu haben und auch sonst finden sie lange keine Überschneidungen.

Die drei Ermittler sind schon ein eingespieltes Team, haben es aber nicht leicht. Der Questore und die Presse hängen ihnen im Nacken und der Täter scheint nicht zu stoppen, mordet inzwischen mitten am Tag in aller Öffentlichkeit – und doch ungesehen.
Giulia ist langsam in Florenz wieder angekommen, hat das alte Haus ihrer Familie renoviert und macht jetzt den Garten wieder urbar. Aber all das erinnert sie an ihre traurige Vergangenheit, den Verlust ihrer gesamten Familie bei einem Unfall. Das alles macht sie sehr nahbar und auch irgendwie sympathisch, gerade weil sie sich im Beruf gegen männliche Kollegen und Vorgesetzte durchsetzen muss.

„Signora Commissaria und der lachende Tod“ ist der zweite Band einer Reihe. Den ersten, der unter dem Pseudonym Pietro Bellini erschienen ist, kann ich Euch auch sehr empfehlen.
Alexander Oetker verbindet die brutalen Fälle mit viel dolce Vita. Zum einen ist der Tatort die malerisch Stadt Florenz mit ihren berühmten Sehenswürdigkeiten und Hügeln, und Luigi, der jede Trattoria kennt und fast immer einen Espresso in der Hand hat, führt mit seiner Frau Carla ein kleines Restaurant, dessen Tagesgerichte als Rezepte im Buch auftauchen und zum Nachkochen einladen.
Und auch wenn ich relativ früh eine Idee hatte, wie alles zusammenhängt, war der Fall bis zum Ende sehr spannend. Ich freue mich hoffentlich weitere Fälle.

Bewertung vom 30.09.2024
Hansen, Tessa

Winterzauber auf dem kleinen Bücherschiff


sehr gut

Bibliophiler Liebesroman

„Dass ausgerechnet sie als Landratte einmal ein Schiff ihren Hafen nennen würde, hätte sie auch nicht gedacht.“ (S. 36)
Miris und Katjas Plan ist aufgegangen und das kleine Bücherschiff im Hamburger Hafen nicht mehr wegzudenken. Die Freundinnen haben sich ihren Traum erfüllt, als nächstes steht Miris Hochzeit an. Natürlich lässt es sich Katja als Trauzeugin nicht nehmen, alles zusammen mit dem Trauzeugen Mathis zu organisieren. Dumm nur, dass der nichts von starren Plänen und Zeitabläufen hält und sich die Meetings als Dates entpuppen. Der gutaussehende Steinmetz hat einen Narren an ihr gefressen, und auch sie ist nicht abgeneigt. Doch sie ist noch nicht über die Kontrollsucht und Erniedrigungen ihres Ex-Mannes hinweg. Dass Mathis oft einfach über sie bestimmt, um sie zu überraschen, erinnert sie stark an diese ungesunde Beziehung. Dann kommt auch noch Post von der Sparkasse, dass sie endlich ihren Kredit abbezahlen soll, sonst wird das Bücherschiff gepfändet – sie hat aber gar keinen aufgenommen?!

Der zweite Band des Bücherschiffs dreht sich um Katja. Die gelernte Floristin liebt es zu planen und organisiert für ihr Leben gern. Dass daran das Trauma, das ihr Ex-Mann verursacht hat, schuld ist, versteht sie erst spät und schämt sich, es Miri und Mathis zu sagen, was zu einigen Missverständnissen führt.

Das Flair der schwimmenden Buchhandlung mit ihren Stammgästen und Lesungen als Kaperfahrten kommt wieder sehr gut rüber. Dazu nistet sich noch ein kleiner Kater über den Winter im Bücherschiff ein und bringt das Herz aller zum Schmelzen.

Bibliophile Leser werden sich freuen, dass viele reale Bücher und Schriftsteller erwähnt werden und man mehr über sie erfährt. In einer Szene kommt ein berühmter Koch vor, dessen Namen zwar geändert ist, aber versierte Kochsendungsfans erkennen ihn garantiert.

„Winterzauber auf dem kleinen Bücherschiff“ ist eine schöne Liebesgeschichte mit winterlichem Flair. Mich hat nur gestört, dass Katja zu problembeladen ist und sich und ihrem Glück oft selbst im Weg steht. Fast alle ihre Gedanken drehen sich nur um ihre Konflikte mit ihrem Ex-Mann und ihre Angst, es Miri und Mathis sagen zu müssen. Das hätte man m.E. nicht so oft so ausführlich erwähnen müssen.