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Xirxe
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Hannover
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Insgesamt 876 Bewertungen
Bewertung vom 07.06.2020
Stephan, Cora

Margos Töchter


sehr gut

Janas leibliche Mutter Clara wird von der BRD aus einem DDR-Gefängnis freigekauft. Gemeinsam kommen sie bei den Eltern von Leonore und Alexander unter, doch Clara verschwindet plötzlich und lässt Jana zurück, worauf Leonore und Alexander die Zweijährige adoptieren. 2011, Jana ist 34 Jahre alt, bekommt sie Nachricht von der Stasiunterlagenbehörde, dass sie Einsicht in die Unterlagen ihrer mittlerweile verstorbenen Adoptivmutter erhält. Voller Bangen macht sie sich auf den Weg nach Berlin.
Es ist ein Buch über das Leben der zwei Mütter von Jana, ihrer leiblichen Mutter Clara, die sie nicht kannte und ihrer Adoptivmutter Leonore, die sie über alles liebte. Zwei Frauen, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Leonore, die in Westdeutschland aufwächst, hat ein Wesen das nach Unabhängigkeit strebt und keine Scheu davor, mit ihrer Meinung gegen den Strom zu schwimmen. Ganz anders Clara: Aufgewachsen in der DDR, ist sie bereits als Jugendliche eine überzeugte Genossin, die nur für ihre Partei lebt.
Beider Geschichten werden eng an tatsächliche Ereignisse angelehnt, wie beispielsweise die Attentate der RAF, in die Leonore fast hineingezogen wird oder der Freikauf von politischen Häftlingen aus der DDR, wie es Clara erlebt. Auf diese Weise folgt man nicht nur dem Leben der Beiden, sondern erfährt fast nebenbei auch die Historie der zwei deutschen Staaten seit den 60er Jahren. Manches klang zwar gelegentlich wie ein kleiner Exkurs aus der Geschichtsstunde und auch die Verwicklung der beiden Frauen in historische Ereignisse wirkte zeitweise etwas gewollt (Clara begleitet den Chef der Treuhand ein paar Tage als Journalistin? Leonore hat eine Vermutung hinsichtlich eines RAF-Attentats?). Doch alles in allem wird ein ziemlich realistisches Bild der damaligen Zeit dargestellt.
Obwohl mir das Ende viel zu melodramatisch ist (das es vielleicht braucht, um für den ersten Band eine Lösung zu liefern?), ist es eine lesenswerte Lektüre. Denn es bietet nicht nur einen Familienroman sondern ebenso spannende Zeitgeschichte, wenn auch zugegebenermaßen in etwas komprimierter Form :-)

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 07.06.2020
Groschupf, Johannes

Berlin Prepper


sehr gut

Noack ist Mitte 40 und bereitet sich vor - auf das Schlimmste. Schon immer, seit er ein kleiner Junge war, will er gewappnet sein gegen das, was da kommen kann. Denn es wird kommen, das Schlimmste. Als er eine Stelle bei einer Zeitung antritt, wo er täglich tausende Hassmails aussortieren muss, stärkt dies seine Haltung. Dennoch verfällt er nicht den kruden Verschwörungstheorien oder feindseligen, wutentbrannten Sprüchen der Rechtsradikalen, die er tagtäglich lesen muss. Doch es kommt ein Punkt, da braucht er deren Unterstützung: Er und eine Kollegin werden von Unbekannten überfallen und auch sein Sohn wird hineingezogen. Und niemand kann ihm helfen.
'Berlin Prepper' wird als Thriller angewiesen, aber dafür geht es fast schon gemächlich darin zu. Über die Hälfte folgt man Noacks Gedankengängen, der die grässlichen Beschimpfungen und Häme beinahe stoisch erträgt. Selbst als er überfallen wird, bleibt er vergleichsweise ruhig, während man als Lesende immer mehr darauf lauert: Wann rastet er aus? Doch er hat sich in der Gewalt, während um ihn herum es kaum noch eine 'lichte' Seele zu geben scheint, nur noch Rechte, Rassisten und Wutbürger, selbst auf der Arbeit. Überall nur noch Schmutz, Hass, Wut und Zorn - beim Lesen hatte ich zeitweilig das Gefühl, dass mich diese Atmosphäre mehr bedrückte als den Protagonisten.
Das vom Autor entworfene Szenario ist so düster und eindringlich dargestellt, dass ich mich dabei erwischte darüber nachzudenken, ob es vielleicht nicht doch ganz sinnvoll sei, im Umland ein paar Vorräte anzulegen. Und der Showdown trägt ebenfalls nicht gerade zur Beruhigung bei, denn so realitätsfern ist das Ganze nicht.
Was mich allerdings störte, war die Redseligkeit mancher Personen. Weshalb beispielsweise Volkan plötzlich zum großen Erzähler wird, hat sich mir nicht erschlossen, ganz im Gegenteil.
Trotzdem ist es ein gelungenes Buch, das mir die Verschwörungs- und Prepperwelt ein wenig näher brachte - ich hoffe, ohne Nachwirkungen ;-)

Bewertung vom 23.05.2020
Burton, Jessie

Die Geheimnisse meiner Mutter


gut

Rose leidet schwer daran, dass ihre Mutter sie einfach verlassen hat, als sie noch ein Baby war. Obwohl ihr Vater sich liebevoll um sie kümmerte, ist das Verschwinden ihrer Mutter ein Trauma, das es ihr schwer macht, einen Platz für sich im Leben zu finden. Als sie mit über 30 Jahren von ihrem Vater erfährt, dass eine ehemals berühmte Schriftstellerin die Letzte war, die ihre Mutter gesehen hat, setzt Rose alles daran, mehr zu erfahren.
Es ist ein schön zu lesendes Buch, denn die Autorin hat einen überaus süffigen Schreibstil, der einen die Zeit beim Lesen völlig vergessen lässt. Dies konnte ich bereits bei ihrem vorherigen Werk feststellen 'Das Geheimnis der Muse', wenn auch nicht so durchgehend wie dieses Mal. Und inhaltlich lassen sich ebenfalls Ähnlichkeiten entdecken: Wie im Vorgänger ist die Lektüre vollgepackt mit Themen unterschiedlichster Art - für meinen Geschmack einfach zu viel. In zwei Erzählsträngen wird zum einen die Geschichte der jungen Elise geschildert, Roses Mutter. Und zum andern wie Rose sich auf die Suche nach dieser Geschichte macht. In beiden Fällen ist es eine Suche nach dem eigenen Ich, wenn auch unter völlig verschiedenen Voraussetzungen. Während Elise mit knapp 20 Jahren eine Liebesbeziehung mit einer älteren, sehr erfolgreichen Schriftstellerin eingeht und an deren Seite um Selbstbehauptung und Selbstwertgefühl kämpft, weiß ihre Tochter überhaupt nicht, was sie vom Leben will.
Obwohl dies durchaus seitenfüllende Themen sind, scheinen sie der Autorin nicht genug gewesen zu sein. So kommen noch die Schwierigkeiten ihrer Fast-Schwiegerfamilie dazu, Exkurse zum Selbständigmachen mit einem Foodtruck, die Existenz als Bloggerin mit Familie, eheliche Gewalt und noch ein paar mehr. Und das Ende, das offenbar einen Kontrapunkt zu Roses Geburt setzen soll, war nun überhaupt nicht nötig. Ein bisschen weniger von Allem und es wäre ein grandioses Buch geworden, denn erzählen kann Jessie Burton sehr gut. Aber so habe ich immer wieder unterbrechen müssen, weil es mir schlicht zu viel wurde und ich eine Pause brauchte. Wäre es etwas fokussierter gewesen - ich hätte das Buch in einem Rutsch durchgelesen.
Deshalb gibt es 3 Sterne und ich habe die Hoffnung, dass das nächste Werk der Autorin vielleicht nicht mehr ganz so ausufernd wird.

Bewertung vom 17.05.2020
Cummins, Jeanine

American Dirt


ausgezeichnet

Bei einem Familienfest werden bis auf Lydia und ihren achtjährigen Sohn Luca alle sechzehn Familienmitglieder ermordet. Die Beiden fliehen mit dem Ziel USA in dem Wissen, dass die Killer sie verfolgen.
Es ist die Geschichte einer Flucht, deren Weg kaum weniger gefährlich ist als diejenigen, die versuchen, Lydia und ihren Sohn zu fangen. Jeanine Cummins lässt ihre Figuren in der 3. Person erzählen, aber es ist keine Sicht von außen, sondern man erfährt beim Lesen unmittelbar, was Lydia, ihr Sohn Luca und Andere denken und fühlen. Auf diese Weise rückt das Geschehen sehr nahe und ich habe mich mehrmals dabei ertappt, wie ich die Luft anhielt.
Das Buch wurde in den USA sehr kontrovers diskutiert, was auch in Kritiken hier benannt wird, wobei ich über Manches nur den Kopf schütteln kann. Eine Mexikanerin mit einem amerikanischen Vornamen? Aber hallo, das geht ja gar nicht. Wenn ich da bei uns nur an die ganzen Luis, Natalies, Nico, Jasmins usw. denke. Oder der Vorwurf, dass Lydia nicht weiß, dass es in Mexiko City eine Eishalle gibt und dass sie sich im eigenen Land nicht auskennt. Tja, völlig unglaubwürdig, wenn man bedenkt, wie gut in Deutschland die Nordlichter den tiefsten Süden und Osten kennen bzw. andersrum, wobei Mexiko jedoch sechsmal größer ist als die BRD. Oder (jetzt hör ich aber auf ;-)) mexikanische Drogenkartelle kommen ja viel eher aus Honduras - da sollte vielleicht mal jemand etwas Zeitung lesen https://www.spiegel.de/panorama/justiz/mexiko-militaer-entwaffnet-polizei-in-acapulco-a-1230116.html oder https://www.reporter-ohne-grenzen.de/mexiko
Keine Frage, das Buch hat sicherlich auch Schwächen. Beispielsweise, dass das Happyend allzu rosarot ausfällt oder der kleine Luca ein bisschen gar zu tapfer ist. Aber dieses Buch ist weder eine Dokumentation noch eine Biographie, sondern ein Spannungsroman mit dem Thema Flucht. Und erlaubt es einem nebenbei einen kleinen Einblick in eine Welt zu bekommen, wie wir sie nicht kennen und uns auch kaum vorstellen können. Genau dafür haben wir Schriftstellerinnen und Autoren. Und wer es ganz genau wissen will, greift zu Reportagen und Sachbüchern.
PS: Wer wirklich glaubt, dass das Bild von Mexiko in diesem Buch maßlos ins Negative übertrieben ist, lese diesen grandiosen Roman: Gebete für die Vermissten von Jennifer Clement. Die Autorin ist zwar auch US-Amerikanerin, lebt und arbeitet aber seit Jahren in Mexiko.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 17.05.2020
Achten, Willi

Die wir liebten


gut

Edgar und Roman wachsen in den siebzigern Jahren in einem kleinen Dorf im Westen Deutschlands auf. Es ist eine unbeschwerte Kindheit, die sie erleben, was sich jedoch dramatisch ändert, als der Vater sich in eine andere Frau verliebt und bald die Familie verlässt. Ihre Mutter verkraftet diesen Verlust kaum, und nach und nach bricht auch der Rest der Familie zusammen. Doch das Schlimmste kommt noch für die beiden Brüder ...
Was Willi Achten hier beschreibt (und ich wünsche mir für ihn, dass nichts oder nur wenig Autobiographisches darin enthalten ist), ist wohl so ziemlich das Schlimmste, was einem Kind oder Jugendlichen passieren kann: Die Menschen zu verlieren, die man liebt. Eindringlich und sehr bildhaft beschreibt der Autor das Leben und Erleben der Jungen aus der Sicht des jüngeren Edgar. Mir persönlich war dies zumindest in den ersten beiden Abschnitten etwas zuviel, zeitweise glaubte ich mich fast in einem Film, so detailliert waren Umgebung, Sinneseindrücke und Gefühle dargestellt. Viel Raum bleibt der Phantasie da nicht, dafür dürfte es eine eventuelle Drehbuchschreiberin vermutlich recht einfach haben ;-) Auch die Vorliebe des Autors für bestimmte Stilmittel fand ich entbehrlich: Aufzählungen und Wortwiederholungen. Hier ein Beispiel von nur einer Seite: "Ich hatte kein Ziel. Ich wollte allein sein. Ich mochte den Duft...". Ein paar Zeilen weiter "Ich wollte nichts hören ... Wollte nichts sehen ... Wollte in das Gespinst des Nebels schauen, ...". Wieder einige Zeilen weiter: "Ich musste ausruhen. ... Ich musste ausruhen von ... Ich musste ausruhen von ...".
Doch der dritte Teil macht Vieles wieder gut. Edgar und Roman müssen in ein Kinderheim (das steht auch im Klappentext, ich verrate also nichts ;-)) und was sie dort erwartet, grenzt an eine Hölle auf Erden. Was hier beschrieben wird, ist so grausam, dass man kaum glauben kann, dass so etwas in Deutschland vor nicht einmal 50 Jahren möglich war. Ähnlich wie bei vielen institutionellen Missbrauchsfällen wurde auch hier (Schwarze Pädagogik) vertuscht und ein Mantel des Schweigens darüber gelegt. Zu meiner Freude hält sich der Autor in diesem Teil mit seiner Liebe zum Detail zurück und auch seine Lieblingstilmittel finden nur wenig Anwendung ;-)
Es ist ein Buch mit einem wichtigen Thema, das die Atmosphäre der Siebziger im Guten wie auch Bösen authentisch darstellt. Menschen, die damals groß wurden, werden sich zurückversetzt fühlen in ihre Kindheit und Jugend; die Anderen eine Zeit kennenlernen, die auch geprägt war durch den Geist des Dritten Reiches.

Bewertung vom 17.05.2020
Graham, Stephen

Die Kunst des stilvollen Wanderns - Ein philosophischer Wegweiser


ausgezeichnet

Lange war Wandern eine Freizeitbeschäftigung für alte Leute, doch in den letzten Jahren haben immer mehr jüngere Menschen ihre Freude daran gefunden. Für all Jene, aber auch für diejenigen, die dem Wandern (noch) nichts abgewinnen können, ist dieses Büchlein ein Genuss.
Stephen Graham (1884 - 1975) war im wahrsten Sinne des Wortes ein Globetrotter, nur hieß das damals noch nicht so. Die Welt sehen war seine große Passion - und das am Besten zu Fuß und mit Humor. Ihm ging es nicht darum, möglichst riesige Entfernungen zurückzulegen, ganz im Gegenteil. Er plädiert für das langsame, für das achtsame Gehen, ohne jedoch diesen heute so modernen Begriff zu benutzen: "Mit schmerzhaftem Widerwillen höre ich mir die Berichte von Leuten an, die sich damit brüsten, 40 oder 50 Meilen pro Tag gelaufen zu sein. Eine Freude dagegen ist es, die Bekanntschaft dessen zu machen, der die Kunst des langsamen Gehens beherrscht .... Das Leben wird nicht etwa von Stunde zu Stunde, Tag zu Tag, Jahr zu Jahr immer großartiger - sein Wert steckt im Augenblick, nicht im Langstreckenlauf."
In 26 Kapiteln gibt er Ratschläge und auch praktische Tipps, wie man das Wandern am Besten genießen kann. Wobei Manches sich eher zum Schmunzeln als zur tatsächlichen Umsetzung eignet - immerhin wurde dieses Büchlein bereits vor fast 100 Jahren geschrieben. "Man sollte zwar in einer Tasche des Rucksacks Schlips und Kragen aufbewahren, die man notgedrungen anlegen kann, falls man gezwungen ist, eine Post, eine Bank, einen Geistlichen oder die Polizei aufzusuchen." Doch Vieles ist völlig zeitlos und hat heute noch genauso Gültigkeit wie damals. Seine Gedanken über Fremde, über Müßiggang, über mögliche Gefährten, über Lieder, Landkarten und mitzunehmende Bücher. Man liest und liest und ist sich immer sicherer: "Beim Wandern verdient man sich keinen Lebensunterhalt, sondern das Glück."
Worauf also warten? Nichts wie auf zur nächsten Wanderung - und dieses Büchlein nicht vergessen, das auch optisch ein Genuss ist und mit einem sympathisch liebenswürdigen Vorwort sowie vielen ergänzenden interessanten Anmerkungen versehen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 17.05.2020
Natt och Dag, Niklas

1794 / Winge und Cardell ermitteln Bd.2


gut

Ein Jahr ist vergangen, seit Winge und Cardell in Stockholm gemeinsam ermittelten. Und immer noch wirkt die Stadt wie ein Höllenpfuhl, in dem alle ums nackte Überleben kämpfen. Sie ist dreckig, laut und voller Gewalt, als Winge und Cardell 1794 aufeinandertreffen, allerdings anders als erwartet.
Im ersten Buch 1793 galt es ein entsetzliches Verbrechen aufzuklären und auch dieses Mal geschieht eine grauenvolle Tat. Es ist jedoch recht schnell klar, wer dafür die Verantwortung trägt, was leider zu Lasten der Spannung geht. Doch immerhin wird aus diesem scheinbaren Kriminalfall eine faszinierende Beschreibung der Lebensverhältnisse Stockholms im Jahre 1794, wenngleich diese bei weitem nicht so packend daherkommt wie der erste Band mit Winge und Cardell.
Vier Abschnitte umfassen die mehr als 500 Seiten, von denen jeder im Prinzip eine eigene Geschichte erzählt. Zu Beginn berichtet der junge Erik von der Liebe seines Lebens, die seinen Vater dazu brachte, ihn bis zur Volljährigkeit auf die Kolonie Barthelmi zu verbannen. Dort trifft er auf die Schrecken der Sklaverei, lernt aber auch einen väterlichen Freund kennen, der ihm hilft, nach dem Tod seines Vaters nach Schweden zurückzukehren und die Geliebte zu ehelichen - mit einem entsetzlichen Ende. Im zweiten Teil finden sich Winge und Cardell und forschen gemeinsam nach dem Schicksal einer jungen Frau - mit einem Ergebnis, das überrascht. Der dritte Abschnitt schildert, wie es Anna Stina (bekannt aus 1793, dem 1. Buch) ergeht, was auch ohne Kenntnis des Vorgängerbandes problemlos zu lesen ist. Schlussendlich werden die Handlungsstränge kunstvoll zusammengeführt, ohne dass es jedoch aufgesetzt wirkt. Das Ende scheint grausam, lässt aber Raum für viele Optionen (Ein Nachfolgeband lässt grüßen ;-) ?).
1794 ist bei Weitem nicht so blutrünstig wie der erste Band, der an Grausamem und Entsetzlichem kaum etwas ausließ. Es regt wesentlich mehr zum Nachdenken an, beispielsweise über die Verbrechen der Sklaverei oder über das Böse an sich ("Vielleicht erlaubt uns der Fortschritt, den wir als Zivilisation bezeichnen, letztlich nur, das Böse, das unserem Menschengeschlecht innewohnt, in einem nie gesehenen Ausmaß auszuleben?"). Oder die Überlegung, ob man etwas Gutes, das Vielen dient, beenden darf, um Toten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Es ist ein gut geschriebener historischer Roman, der das Stockholm des Jahres 1794 faszinierend beschreibt. Nur nicht so fesselnd wie sein Vorgänger.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 29.04.2020
Jarawan, Pierre

Ein Lied für die Vermissten


sehr gut

Von diesem Buch chronologisch zu berichten, ist eine kleine Herausforderung. Denn der Ich-Erzähler Amin erzählt ausgehend vom Jahr 2011 von seinem Leben, dem seiner Großeltern, seines besten Freundes Jafar, dem Libanon und vielem mehr. Dabei wechselt er Zeit und Raum derart schnell und häufig, dass ich zumindest zu Beginn etwas Schwierigkeiten hatte, ihm zu folgen.
Amins Großmutter Yara verließ mit ihm nach dem Tod seiner Eltern den Libanon, wohin sie knapp 13 Jahre später zurückkehren. Sie eröffnet ein Café in Beirut, wo sie auch mit Amin wohnt. Obwohl er weiß, dass sie ihn liebt, spürt er, dass sie ebenso wie die vielen Gäste bei ihnen zuhause etwas vor ihm verbergen. Und auch Jafar, sein bester Freund, scheint ihm gegenüber nicht ganz offen zu sein. Amin fühlt sich häufig als Außenstehender.
So chronologisch dies klingen mag, so wenig folgt die Geschichte tatsächlich einem Zeitablauf. Erlebnissen mit Jafar folgen Beschreibungen der Zeit in Deutschland; nach Zwischenfällen in Yaras Café 1994 kommt eine Episode aus dem Jahr 2004; Briefe seiner Mutter aus dem Jahr 1976 wechseln ab mit der Sichtung der Unterlagen der vor kurzem gestorbenen Yara 2006. Es mag kompliziert klingen und fordert zu Beginn sicherlich auch mehr Konzentration als manch andere Lektüre. Doch da die Zahl der Personen überschaubar bleibt und sie schnell unverwechselbar werden, stellen diese Sprünge in Zeit und Raum bald keine Schwierigkeit mehr dar.
Aufgeteilt sind die fast 450 Seiten in drei Teile bzw. Strophen. Auf mich machte es den Eindruck, als dominierte im ersten Teil die Absicht, die Atmosphäre im Libanon wie auch in Deutschland darzustellen. Die große Liebe Yaras zu ihrem Heimatland, die sie im Exil praktisch depressiv werden ließ. Ihr Wiederaufleben nach ihrer Rückkehr, das Lebensgefühl im Libanon, diesem zerrütteten, aber voller Lebensfreude und Hoffnung steckenden Land.
Bei Teil zwei stehen mehr die Personen im Vordergrund, wie sie zu den Menschen geworden sind, die der 13, 14jährige Amin kennt. Und in Teil drei wird klar, wieso, weshalb und was warum geschah - nur wenig bleibt offen, was mich jedoch nicht störte.
Es ist eine Lektüre, die den orientalischen Einfluss nicht verleugnen kann: die vielen kleinen Geschichten, die nah an der Realität und doch so phantastisch sind. Und die bildhaften Beschreibungen, die der Phantasie jede Menge Raum bieten.
Ein schönes, ein trauriges Buch, das eine Realität aufzeigt, die es in vielen Ländern gibt und nicht nur im Libanon lange totgeschwiegen wurde. Dass noch zusätzlich das Thema der unterdrückten und misshandelten Frauen aufgenommen wurde, hätte es nicht bedurft - darüber kann man doch gut ein weiteres Buch schreiben.

Bewertung vom 18.04.2020
Myers, Benjamin

Offene See


ausgezeichnet

Es gibt Bücher, da hat man noch nicht mal eine Seite gelesen und ist sich trotzdem sicher: Mit dieser Lektüre wird man sich wohl fühlen, sogar sehr wohl. Und so war es bei 'Offene See'.
Die Geschichte selbst ist eher unspektakulär: Der II. Weltkrieg ist gerade vorbei, als sich der 16jährige Robert aufmacht, die Welt zu erkunden. Aufgewachsen im Norden Englands in einem armen Bergarbeiterdorf scheint sein Leben vorherbestimmt zu sein wie das seines Vaters und seines Großvaters und all der Nachbarn um ihn herum: Unter Tage zu arbeiten um Kohle zu fördern. Doch in ihm wächst das Fernweh und die Lust auf ein Leben, das nicht bestimmt ist vom grauschwarzen Staub der Kohle. Mit nichts als einem Rucksack und etwas Verpflegung macht er sich auf Richtung Süden, zu Fuß durch das zerstörte England. Fast am Meer angelangt, trifft er auf die ältere Dulcie, eine allein lebende, unkonventionelle Frau, die ihm ein Leben zeigt, das so völlig anders ist als alles, was er bislang kannte.
Nein, hier geht es nicht um eine Liebesgeschichte 'ältere Frau verführt jungen Mann', sondern um eine Freundschaft im besten Sinne. Dulcie lässt Robert auf ihrem Grundstück übernachten und bei gemeinsamen Essen erzählt sie ihm von einer Welt und ihren Möglichkeiten, die er teilweise nicht einmal vom Hörensagen kennt. Sie bestärkt ihn, sich eigene Gedanken zu machen über das, was ER vom Leben erwartet, und nicht was seine Eltern wünschen; zeigt ihm Möglichkeiten auf, die er nutzen kann; und ermuntert ihn, seinen eigenen Weg zu gehen.
Robert, der als alter Mann seine Geschichte im Rückblick erzählt, macht dies auf eine so einfühlsame Weise, dass ich mich mit dem Sechzehnjährigen eng verbunden fühlte. Die Entwicklung seiner Persönlichkeit vollzieht sich in jenem Sommer so eindrucksvoll und vielversprechend, dass man sich für jeden jungen Menschen eine Dulcie an seine Seite wünscht.
Doch es ist nicht nur Roberts Entwicklung, die dieses Buch so lesenswert macht. All seine Sinne (sehen, hören, riechen, fühlen) nehmen die Welt überaus deutlich war und geben sie ebenso detailliert, farbig und lebendig wieder, sodass einem dieses Nachkriegsengland im Frühsommer fast vorkommt wie ein Garten Eden. Beispielsweise dieser kleine Absatz über Honig und Bienen (der allerdings von Dulcie ist ;-)): "Weil Honig flüssige Poesie ist. Er ist wie ein Scheibchen Sonne auf deinem Brot. Er ist die Essenz der Natur - die Essenz von Land und Insekt und Mann oder Frau, die in vollkommener symbiotischer Harmonie zusammenarbeiten. Bienen sind wahre Wunderwesen, die unermüdlich Pollen in Gold verwandeln." Oder "Da war das polyphone, gurrende Zweinoten-Mantra von zwei rastenden Ringeltauben, eine in der Nähe, die andere weiter weg, Doppelklänge der Zufriedenheit. Darüber das kleinliche Gezanke eines Möwenschwarms, ..."). Auch sonst gibt es reihenweise Sätze und Abschnitte, die ich mir am liebsten abschreiben und an die Wand heften würde (gäbe es noch Platz ;)), wie beispielsweise "Denn niemand gewinnt einen Krieg wirklich; manche verlieren bloß ein bisschen weniger als andere." Oder "Zeit war wertvoller geworden. Sie war das Einzige, das wir in Hülle und Fülle besaßen, obwohl der Krieg uns gelehrt hatte, dass auch sie eine begrenzte Ressource war und dass es eine der größten Sünden war, sie unklug zu verbringen oder verschwenderisch mit ihr umzugehen."
Ein Buch, das man (ich) sicherlich mehrmals lesen kann - und jedes Mal wieder mit Gewinn.

Bewertung vom 18.04.2020
Seiler, Lutz

Stern 111


sehr gut

Eine spannende Geschichte ist dieser Gewinner des diesjährigen Leipziger Buchpreises sicherlich nicht, eher ein großes Panorama über das, was nach der Wende in einem kleinen Teil in Ostberlin geschah. Und ganz nebenbei geht es um die Erfüllung von fast schon aufgegebenen Träumen.
Carl, noch keine Dreißig, hat sein Studium abgebrochen, als die Wende über ihn hereinbricht. Als ihn ein Hilferuf seiner Eltern erreicht, fährt er sofort heim, irgendwo zwischen Thüringen und Sachsen. Voller Verblüffung muss er feststellen, dass seine Eltern dabei sind ihre Sachen zu packen, um sich in den Westen aufzumachen und er ihren ganzen Besitz überschrieben bekommt. Fünf Wochen harrt er als alleiniger Hausbesitzer aus, bis er mit seinem (Vaters) Shiguli aufs Geradewohl nach Ostberlin fährt, wo er an eine Gruppe junger Menschen gerät, die verlassene Häuser besetzen. Währenddessen suchen seine Eltern sich ihren Weg in Westdeutschland ...
Tja, und das ist es eigentlich schon fast, was sich auf diesen über 500 Seiten ereignet, nicht zu vergessen die große (Nicht-)Liebesgeschichte von Carl und Effi. Wer also eine packende Handlung mit Dramatik und eventuell Action braucht, sollte sich besser eine andere Lektüre suchen. Dafür jedoch bekommt man einen umfassenden Einblick in eine Welt, die Lutz Seiler so bilderreich und poetisch darstellt, dass ich es mehr als bedaure, sie nicht miterlebt zu haben.
Es muss eine unglaubliche Zeit gewesen sein: ein Abenteuer, ohne Zwänge und voller Möglichkeiten, man lebte ganz einfach. Völlig anders als das, was Carls Eltern erlebten, die sich in einer Gesellschaft zurechtfinden mussten, deren Erwartungen sie zu erfüllen hatten (ohne zu wissen, welche). Dagegen in Ostberlin: Es herrschten anarchische Zustände, Geld hatten die wenigsten, aber dafür Utopien vom gemeinsamen Zusammenleben, die in gewisser Weise tatsächlich gelebt wurden. Carl gehört zwar zu den Träumern, aber nicht zu jenen, die das große Wort führen. Doch er geht seinen Weg und wird dafür schlussendlich von allen geachtet und respektiert.
Lutz Seilers Sympathie für diese Zeit (in gewisser Weise ist Carl sein alter ego) ist deutlich zu spüren, auch wenn manche Szenen noch so absurd sind. Nie macht er sich über etwas oder jemanden lustig, stets ist er voller Zuneigung für seine Figuren und die Szenerie und auch wenn ich mich wiederhole: Wie gerne wäre ich dabei gewesen :-)
Und weshalb dann nicht die volle Punktzahl? Weil dann einfach alles stimmen muss: Sprache, Stimmung, Handlung. Und an letzterem fehlt es ein bisschen. Aber trotzdem: Ich würde schon gerne wissen, wie es mit Carl weitergeht.

2 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.